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Full text of "Zeitschrift für die Behandlung Schwachsinniger und Epileptischer N.S. 20-22 = 24-26.1904-1906"

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Zeitschrift 


für die 


Behandlung Schwaclsinnioer und Epleptiseher 


Organ der Konferenz für das Idiotenwesen 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 
Stadtrat Dir. W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Dresden -Strehlen. Spezialarzt für Nerrenkrankheiten 
in Stuttgart. 


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XX. (AV) Jahrgang 1904 


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Kommissionsverlag von H. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 





THE NEW Yon. 
PUBLIC LIBRAR: 


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ASTOR, LENOX AanD 
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Inhaltsverzeichnis. 


A. Aufsätze. 


Seite Seite 
1. An den Vorstand der Konferenz in 17. Spiegelschrift und Schulcharakte- 
Stettin . . . . 140 ristikinden Hilfsschulen (J.Wettig) 180 

2. Bedingte Kirsörgasrsiehung ee 18. Zur Behandlung geistig zurückge- 
Geistesschwäche . . bliebener Kinder auf die Grundlage 

8. Beiträge zur Geschichte der Heil- der körperlichen Betätigung (O. 
pädagogik(E.Stötzner)40.54.83.158.170 Meyer) A 17 

4. Der Austausch von Kindern zwischen 19. Zur Organisation "der Hilfeschule 
den Klassen der Hilfsschule (Dr. A. Günde]) . 1. 16 
(Schwahn) . . 7 TA 

5. Der systematische Handfertigkeits- B. Mitteilungen. 
unterricht in ldiotenanstalten | 1. Altenburg (Hilfsschule) . 68 
(Dr. Hopf) . . . 186 | 2. Berlin (Der Konfirmandenunter- 

6. Die Auswechslung: von Schülern in | richt) . . . 45 
der Hilfsschule (J. Wettig). 5 8 , (Erziehungs- und Fürsorge- 

7. Die Gesundheitspflege in der Hilfs- verein . . 65. %. 112. 188 
schule (H. Kielhorn) . . . 149 | 4. , (Fachmännischer Beistand) 162 

8. Die Hilfsschulen für Schwachbe- vw (Fortbildungsschule) 12 
gabte (F. Frenzel) . . . 9 6 , ıNebenklassen) 66 

9. Die Notwendigkeit der Einrichtung de (Neue Nebenklasseu 12 
von Fortbildungsschulen in unseren 8. , (PädagogischeKommission) 12 
Anstalten (O. Legel) . . , 128 9%, (Schulpflicht und Neben- 

10. Die technische Ausbildung der | klassen) . . 169 
schwachsinnigen Knaben in der 10. , Voreizigung von ` Neben- 
Königl. Landesanstalt zu Grorshen- klassen) . . . 66 
nersdorf und die Fürsorge für die 11. Bessungen (Personalien). .. 90 
Entlassenen (G. Nitzsche) . 103. 186 | 12. Cassel (Pädagogischer Fortbil- 

11. Eine neue Rechenmaschine 89 dungskursus . . . .- 90 
12. Einige Hilfsmittel beim Rechnen auf 18. Cöpenick (Hilfsschale) . . 189 
der Unterstufe (Stärkle). . . . 8; 14. Dalldorf (Besuch der Idioten- 

18. Gewinnung dauernder Unterrichta- anstalt) : . 18 
ergebnisse in Hilfsschulen und Er- 15. Dresden (Jubiläum) br . 175 
ziehungsanstalten für schwachbe- 16. Erfurt (Die Militärpflicht Schwach- 
fähigte Kinder (A. Schenk). .111 sinniger) . . .. 18 

14. XI. Konferenz für das Idioten- und 17 Fulda (Neue idiotenanstalt). 189 
Hilfsschulwesen (F. Frenzel) . . 101. | 18. Gernsheim a. Rh. (Ein schwach- 

146. 165. 181 sinniges Dienstmädchen als Brand- 

15. Schulen für epileptische Kinder stifterin) 48 
(Dr. O. Berkhan) TE . 117 | 19. Giessen (Experimentalvorträge 

16. Schutz für Geistesschwache . 178 über Psychiologie . er . 62 


87. 
88. 


39. 
40. 


4l. 


42. 


. Gmünden a. M. (St. Josefshaus) . 
. Graz (Hilfsschule) 
. Grossherzogtum Hessen (Für- 


er 


sorge für Schwachsinnige und Epi- 


leptische) . 91 
; Grossherzogtum Hessen (Staat- 
liche Unterstützung) . i . 90 
. Grünberg i. O./H. (Neue Idi- 
otenanstalt) . . . . . 148 
. Halle (2. Hilfsschultag) . 176 
. Hessen (Konferenz d. Hilfsschulen) 190 
. Idstein (Altenheim) . . 190 
. Jena (Ferienkurse) 92. 162 
. Kiel (J. Meyer t). . . 176 
. Magdeburg (Hilfsschule) 92 
. Mainz (Freie Konferenz) . . . 143 
. M.-Gladbach (C. Barthold ț) . 190 
. Meissen (Hilfsschule) . . . 98 
. Neu-Weissensee (Elternabend) 48 
. Rixdorf (Hilfsschule) . . . 191 
. Schreiberhau (Erziehungs- und 
Pflegeanstalt für Schwachsinnige) . 93 


Turbenthal (Schweizerische An- 
stalt für schwachs. Taubstumme) 163.191 
Wien (Fürsorge für Schwachsin- 


nige). . . . . 67. 1138. 164 
Worms (Ärztliche Unterstützung) 94 
2 (Hilfsschulen und der Hand- 

fertigkeitsunterricht) . 144 


: (Schulärztlicher Jahresbe- 
richt) . 
: (Weihnachtsbescherung in in 


den Hilfsschulen) 13 
. Zürich (Kursus zur Heranbildung 
von Lehrkräften) . : 14 
C. Vermischtes. 
. Die Hilfsschule auf der Weltaus- 
stellung in St. Louis 16 


Seite a 


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10. 


11. 


12. 


13. 


. X-Strahlen und Epilepsie . 


. Mönkemöller, Dr., Geistesstörung 


. Scheffer, 


Seite 
Die Idiotenanstalt Dalldorf auf der 
Weltausstelluug in St. Louis 68 


. 116 


D. Literatur. 


. Gerhardt, J. P, Zur Geschichte 


des Idiotenwesens in Deutschland . 198 
Heym, Dr. M., Die Behandlung der 
Schwachsinnigen in der Volksschule 114 
„Mein Lesebüchlein“, Zum 
Schulgebrauche in Spezialklassen der 
Anstalten für Schwachbefähigte 
Otto, B, Vorlesebuch . 

3 Beiträge zur Pärchelogie 

des Unterrichts . .19 _ 


98 
98 


und Verbrechen im Kindesalter . 114 


. Pipetz, G., Handbuch für Lehrer 


an den heilpädagogischen Anstalten 
in Örterreich und Ungarn . 116 
Dr., Zentralorgan für 


Lehr- und Lernmittel . 198 


. Sikorsky, Dr. J. A., Die Seele des 


Kindes . 5 . 115 
Stadelmann, Dr. H., Schulen für 
nervenkranke Kinder 

Walker, W., Die neuesten Bestre- 
bungen auf dem Gebiete der Er- 
ziehung der Schwachen 
Weniger, M., Übungsbuch für 
Sprachheilkunde 
Ziehen, Dr., Die Böisteskrank. 
heiten des Kindesalters . 114 


99 


. 145 


. 194 


E. Briefkasten. 
16. 48. 68. 100. 116. 148. 164. 180. 


391801 Le EN 
Nr. 1. XX. Fa REN: 


Zeitschrift, FEIN 


für die 


Behandlung Sehwachsinniger und it 


Organ der Konferenz für das idiotenwesen ” 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 
Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Spezlalarzt 
Dresden - Strehlen, für Nervenkrankhelten 
Residenzstrasse 27. in Stuttgart. 





Erscheint jährlich in 18 Nummern von | ı Zu beziehen durch alle ER aE ungar 

nindestens einem Bogen. Anzeigen für ı und Postämter, wie auch direkt von dir 

die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- ! Januar 1904. Schriftlei Preis pro Jahr 6 Mark, 
rarische Beilagen 6 Mark. | | einzeine Nummer 50 Pfg. 





Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 


an a mn 


Zur Organisation der Hilfsschule. 
Vortrag, im Erziehungs- und Fürsorgeverein für Schwachsinnige in Berlin gehalten von 
Dir. Dr. A. Gündei, Rastenburg (Ostpreussen). 


vo 
M. D. u. H. Wenn ich mir jetzt erlaube, den mir durch den Herrn Vor- 


sitzenden Ihres Vereines zum Thema gestellten Gegenstand einer infolge der 
geringen Zeit immerhin nur skizzenhaften Besprechung zu unterziehen, so möchte 
ich einleitungsweise eine nähere Darlegung des Begriffes Hilfsschule nicht um- 
gehen. Der Uneingeweihte würde sich unter diesem Ausdrucke gar nichts 
denken können und höchstens durch das Wort. „Nachhilfe“ auf eine falsche 
Fährte geleitet werden. Schliesslich will doch jede Schule dem Kinde bei Er- 
reichung des allgemeinen Erziehungszieles helfen, und mit einer blossen Nach- 


. hilfe des Normalunterrichtes hat die Erfahrung schon längst aufgeräumt. Wollte 


man aber das Subjekt der Hilfsschulunterweisung bei der Benennung der betr. 
Einrichtung massgebend sein lassen und diese etwa mit Schwachsinnigen- oder 
Schwachbegabtenschule bezeichnen, so träfe man, abgesehen von dem Barbaris- 
mus, mit dem man dem Besucher den Stempel seiner geistigen Minderwertigkeit 
auf die Stirne drückte, zu jedermanns, auch der unvrernünftigen, spöttelnden Menge 
Kenntnisnahme, in allen denjenigen Fällen nicht das Richtige, in denen es sich 
infolge defekter Organe tatsächlich nur um eine Nachhilfe handelt, um das 
im übrigen intakte Zentralstystem normal funktionieren zu lassen. Die Praxis, 
die der Theorie gegenüber denn auch manchmal die Rolle des Wallensteinschen 
Jägers übernimmt und übernehmen muss, der bekanntlich kühn über den Bürger 
hinwegzuschreiten für sein gutes Recht hält, hat denn auch längst entschieden 
und unsern Organismus einfach Hilfsschule getauft. Wenn es nun auch 
wünschenswert wäre, hier einen prägnanten, die Sache treffenden und erschöpfen- 


2 

den Ausdruck zu finden, so bleiben Namen doch immer nur Namen, und da 
wir, wie ich voraussetzen darf, alle Bescheid wissen, was wir uns unter dem 
Thema zu denken haben, so sind Sie wobl mit mir einverstanden, wenn ich 
kurzer Hand die Hilfsschule als einen spezifisch vollendeten Schulorganismus 
definiere, der dem Imbezillen eine in sich abgeschlossene, abgerundete Bildung 
in das Leben mit hineingeben will, um ihn zu befähigen, eine, wenn auch nur 
untergeordnete Stellung in der Gesellschaft nach der ethischen wie praktischen 
Seite hin gehörig auszufüllen. 

Diese Definition deutet zugleich das Ziel an, das sich die Hilfsschule als 
Erziehungsmittel bei ihrer Arbeit stecken muss. Bei einer Angabe desselben dürfte 
es angezeigt erscheinen, sich von den Zielsetzungen der pädagogischen Systematiker, 
welche alle den infolge rechter Erziehung aus sich selbst heraus zur Verrvoll- 
kommnung strebenden Normalen ins Auge fassen, frei zu halten, und zwar 
ebenso sehr aus Rücksicht auf die niedrige, dem Schwachsinnigen nur erreich- 
bare Bildungsstufe, wie auf die ihm meist nie entbehrliche Beeinflussung und 
Direktion durch einen zweiten Willen, die beide seine Beteiligung an dem Werke 
der Pfadfinder für den Vervollkommnungsbau der Menschheit immer hindern werden. 
Charakterstärke der Sittlichkeit, wie Herbart, Selbtätigkeit im Dienste des 
Wahren, Guten und Schönen, wie Diesterweg das Ziel der Erziehung formuliert, 
ist dem Schwachbegabten ja auch möglich, natürlich nur in bescheideneren 
Grenzen. Aber es entspricht denselben und der Natur des Wenigen, was er- 
reicht werden kann, wohl mehr, wenn das Ziel auch in ein so einfaches Gewand 
als möglich gekleidet wird, und ich meine mit dem Worte: „Bete und arbeite" 
das zu treffen, um was es sich bei der Erziehung und daher auch bei der 
unterrichtlichen Unterweisung Schwachsinniger handeln muss. 

„Bete und arbeite!” steht einstweilen, und wohl auf absehbare Zeit, über 
dem Eingange zum Tempel der Moral. Sei eingedenk der höheren Macht, die 
Gewalt über dich hat und wirke, solange es Tag ist! Sei Bürger des göttlichen 
und des weltlichen Staates! Unter dem „Beten“, d. b. nicht unter dem Kopf- 
beugen und Händefalten, sondern unter der stillen Finkehr und ernsten Selbst- 
prüfung , unter der rechten Sammlung zu erneutem Streben, verstehe ich die 
Weiterarbeit an meiner sittlich-religiösen Ausbildung. Der Mensch, der mit dem 
Herzen betet, trägt den Quell zu allem Guten und Edlen in sich; Arbeit aber, 
diese Zwillingsschwester des Gebetes und Zierde des Menschen, ist ebenso eine 
Himmelfahrt, wie Emerson sich einmal ausdrückt, wie sie dem Menschen auf 
der Erde einen festen Stand gibt und ihm materielle Güter zur Befriedigung 
seiner Lebensbedürfnisse erwirbt. 

Freilich lässt sich das genannte Ziel beim Schwachsinnigen, der, um das 
hier kurz anzuführen, in geistiger Beziehung zwischen Normalität und Blödsinn 
die Mitte hält, nur bruchstückweise und bedingt erreichen. Mehr oder weniger 
bleibt sein Gebet ein mechanisches und die damit Hand in Hand gehende 
Gottesverehrung eine Gewohnheitssache, trotz der früher so gern gerühmten 
Empfänglichkeit idiotischer Seelen für die Wunderoffenbarungen des Höchsten. 
Über Worte und Formen ragt der Gottesdienst des Imbezillen selten hinaus. 


3 


In ethischer Beziehung kann er auf das mosaische und bürgerliche Gesetz ab- 
gerichtet werden, wenn nicht krankhaft perverse Triebrichtungen und Zwangs- 
handlungen, die nicht der Belehrung und Gewöhnung, sondern nur der Ver- 
hütung und mechanischen Beschränkung weichen, auch hier den Erfolg ver- 
eiteln. Er merkt auf den Ton der Glocken, legt Sonntagskleider an, faltet die 
Hinde, murmelt Gebete, und singt je nach Begabung besser als mancher 
Normale. Er lernt in den 10 Geboten wohl den göttlichen Willen respektieren 
und jede Übertretung desselben als Sünde ansehen, aber zu einer Vertiefung 
der Gebote im Sinne des neutestamentlichen Ges:tzesinterpreten, zu einer Er- 
fassung der Tragweite aller Vergehungen gegen jene Lebens- und Sittenregeln 
reichen sein Verstand und — Gemüt nicht aus. Und doch führt nach Christi 
eigenen Worten auch sein Gebet ins Himmelreich, denn nur wem viel gegeben 
ist, von dem wird man viel fordern Das Gleiche gilt von seiner Arbeit. Er 
kommt Au'trägen, Befehlen und namentlichen Vorbilde.n schliesslieh auch 
einmal ohne Hinweis auf Lohn und Strafe nach. Er sieht ein, dass 
Kartoffeln erst gegraben werden müssen, ehe man sie essen kann, dass 
man zum Scheuern und Stiefelputzen Bürsten braucht, die gebunden sein 
wollen, und der Sinn des Sprichwortes: „Wer nicht arbeitet, soll auch 
nicht essen“ ist ihm schliesslich am eigenen Leibe zu Gemüte zu führen. Aber 
die Bedeutung der Arbeit für die einzelnen in körperlicher und geistiger Hin- 
sicht, für die Wohlfahrt und Entwickelung der Gesamtheit überhaupt, bleibt 
seinem kurzsichtigen Auge verschlossen Das Gefühl der Freude an freier 
Wahl und Gestaltung der Arbeitsziele, an selbständiger Auftindung der Mittel 
und Wege dazu, kennt er nicht. Kurz, all’ der Vorteile und Vorzüge, deren 
sich der „Edelmann der Arbeit“, den Ihr Herr Vorsitzender in seinem „Neuen 
Adel“ so treffend zeichnet, rühmen und erfreuen kann, geht er verlustig. 

Aber auch durch seine geringe Arbeit reiht er sich in die Gesamtheit der 
Kräfte mit ein, welche den wirtschaftlichen Wohlstand aller Erdenbewohner 
beabsichtigen. Da unsere Zeit darauf ausgeht, im Interesse des allgemeinen 
Fortschrittes, kein Stoffatom, keine I\ra tanspannung, auch die geringste nicht, 
brach liegen zu lassen, so muss, kann und wird sie auch der noch dazu oft 
so willigen der Schwachs'nnigen sich bedienen, nachdem sie vorher durch ent- 
sprechende Erziehung die latente in eine freie Kraft verwandelt und dieser ein 
geeignetes Arbeitsgebiet angewiesen hat. Auch die Imbezillen können an ihrem 
Teile zur allgemeinen Wohlfahrt mit beitragen durch ihre Leistungen, durch 
die sie die Mitwelt teilweise immerhin entlasten, und wenn sie tagsüber nur zehn 
Pfennige verdienen sollten. Dazu kommt, dass die Arbeit selbst aus dem Er- 
ziehungsziele in das beste Zuchtmittel sich verwandelt, durch das sich der Er- 
zieher seines Zöglings und der Wärter seines Pflegebefohlenen in körperlicher, 
geistiger und sittlicher Hinsicht vergewissern kann. Sie erfasst den Menschen 
in seiner Ganzbheit, schärft die Organe, macht die Glieder gelenkiger und den 
Geist beweglicher und liefert das beste Palladium gegen den Anfang aller Laster, 
den Müssiggang. 

Die Anfänge der Hilfsschule reichen bis in das sechste Jahrzehnt des 


4 

vorigen Jahrhunderts zurück. Sie trat zuerst als notwendige Ergänzung der 
Anstaltspraxis auf den Plan. In der Folge kam es zwischen den Vertretern 
der Hilfsschule und denen der Anstalt zu einer Spaltung, die zu besonderen 
Tagungen führte und um so beklagenswerter war und ist, als gerade in unter- 
richtlicher Beziehung Anstalts- und Hilfsschule völlig Hand in Hand gehen, 
mindestens aber sich gegenseitig ergänzen müssen. Auch die Lehrer weichen in 
ih'’en Ansichten über den besonderen Charakter der Hilfsschule voneinander ab. 
Während die einen das Institut im engen Konnex mit der Normalschule ge- 
halten wissen und sich in Lehr- und Lernmitteln, in Lehr- und Stundenplan, 
in Methodik und Didaktik so wenig wie möglich von der Praxis jener entfernen 
wollen — Dr. Witte in Thorn will überhaupt garnichts von den Hilfsschulen 
wissen — weisen die anderen auf die Sonderbeschaffenheit der Hilfsschule hin, 
die sich als spezifischer Organismus mehr in eine Reihe mit Blinden- und 
Taubstummenschulen zu stellen habe, ohne dabei natürlich den breiten Boden 
der allgemeinen Volksschule unter den Füssen zu verlieren. 

Ich gebe, wie schon aus meiner Definition hervorgeht, dem letzteren Prinzip 
den Vorzug vor dem ersteren und weiss mich darin wohl mit der Mehrzahl 
der Meinungen einig, wie denn auch die ganze Entwickelung der Hilfsschule 
jetzt, da sich zu ihrem Heile mehr denn tausend fleisige Hände zu regen be- 
ginnen, den Lauf nach dieser Seite hin nimmt und nehmen muss. 

Seit der Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts befasst sich eine 
stetig wachsende Literatur in ausgibigster Weise mit den besonderen Er- 
ziehungsmitteln für Schwachsinnige, indem sie die pädagogisch-pathologischen 
Tatsachen feststellt und therapeutische Fingerzeige, auch mittels ausgeführter, 
praktischer Lektionen gibt, freilich ein bei der ausserordentlichen Reichhaltig- 
keit und Unterschiedlichkeit der schwachsinnigen Naturen sehr schwieriges und 
langwieriges Unternehmen. Parallel mit ihm gehen die meist von Psychiatern 
bez. Schulärzten verfassten Schriften, welche den Ursachen des Schwachsinns 
nachforschen und eine systematische Darstellung seiner psychischen und körper- 
lichen Symptomatologie zu geben versuchen, ein ebenso kompliziertes Beginnen 
wie jenes. Zu gemeinsamer Arbeit haben sich Mediziner und Pädagogen im 
Dienste der Imbezillen die Hand gereicht und allerorten fallen die ersten Früchte 
der immerhin schon nach Jahrzehnten zählenden Beobachtung und Erfahrung 
der interessierten Welt in den Schoss. 

Die beim Unterrichte Schwachsinniger anzuwendenden Sondermassnahmen 
mögen nun in der Folge kurz charakterisiert werden. 

Fasst man als Endpunkt der schulgemässen Unterweisung die Konfirmation 
und Entlassung aus der Schule, also den Eintritt ins Leben behufs selbständigen 
Erwerbes ins Auge, so kann man, analog denn der Schwachsinnigenerziehung 
gesteckten Ziele des „Betens und Arbeitens“, die Aufgabe der Hilfsschule, wie 
der Leipziger Lehrplan es tut, darin sehen, die Kinder konfirmations- und er- 
werbsfähig zu machen. In diese Aufgabe teilen sich zwar Hilfs- und Normal- 
schule miteinahder, jedoch will die erstere nur bis an die unterste Grenze des 
Zieles reichen, wenn nicht gar vor deren Erreichung die Bildungsversuche auf- 


5 

gegeben werden müssen. Daraus resultiert vor allem für die Hilfsschule eine 
Beschränkung der Unterrichtsgegenstände und -ziele auf das Mindestmass. 
Allerdings kann dieses in Ausnahmefällen auch einmal überschritten werden. 
Dazu bieten die bei Imbezillen häufiger anzutreffenden einseitigen Begabungen, 
in denen sich die geistige Minderwertigkeit oft gerade kund tut und die bei 
Idioten direkt in die sogen. einseitigen Talente ausarten, genug Veranlassung. 
Auch ihrer bedient sich, wenn es ratsam erscheint, die Erziehung, die eben jede, 
in moralischer Beziehung einwandfreie Anlage ausnutzt. Überhaupt schliesst 
die Behandlung Schwachsinniger das schematische Generalisieren und das vielen 
von Ihnen gewiss noch bekannte Unteroffizieren völlig aus, um Raum und Zeit 
für ein strenges Individualisieren zu gewinnen, weshalb bei all den Forderungen, 
die sie aufstellt, Ausnahmen vorbehalten und doppelt und dreifach erwogen 
werden müssen. 

Also im Hinblick auf das „Was“ des Unterrichtes muss sich von vornherein 
die Hilfsschule zu gewissen Modifikationen verstehen und nicht nur unter den 
verschiedenen Stoffen eines Lehrgegenstandes, sondern auch unter den in der 
Normalschule Hausrecht besitzenden Unterrichtsfächern selbst eine sorgfältige 
Auswahl treffen. Alle diejenigen zusammengesetzten Hauptwörter, die mit dem 
Grund- und Endworte „Lehre“, wie Katechismuslehre, Formenlehre, Sprachlehre 
und Naturlehre, trotz allen Deduzierens und Exemplifizierens doch einen höheren 
Grad von Abstraktionsıermögen voraussetzen, sind auf den Stundenplänen zu 
streichen und die wichtigsten und dem schwachsinnigen Denken zugänglichsten 
Wahrheiten daraus in den Lehrplan derjenigen Fächer einzuflechten, welche 
auch in der Volksschule den die ersten Schuljahre in sich schliessenden und 
sich nicht nur auf das Prinzip, sondern die Disziplin der Anschauung gründenden 
Unterbau für den in den letzten Schuljahren erfolgenden Ober- und Ausbau 
umfassen So gliedern sich die nötigsten Glaubens- und Sittenlehren sporadisch 
dem biblischen Geschichtsunterrichte an. Höchstens treten sie in der letzten 
Klasse in einer dem Gange des Katechismus folgenden Anordnung auf, aber 
immer unter Wiederholung und Zugrundelegung der alten Deduktionsquellen. 
Eine Darstellung des Kausalnexus verbietet sich mehr oder weniger von seibst, 
oder beschränkt sich auf eine Darstellung des allerlosesten Zusammenhanges 
der einzelnen Hauptstücke untereinander. Die einfachsten, für den täglichen 
Verkehr nötigsten und aus der Jirekten Erfahrung und Umgebung des Kindes 
aufzugreifenden Elemente der Formenlehre sind dem Anschauungs- bez. Rechen- 
unterrichte, die der Naturlehre ebenfalls, und die der Sprachlehre dem Schreibe- 
und Lese- oder auch dem Sprechunterrichte beizufügen. 

Wie aber das Leben für jeden Verlust Ersatz schafft, so tritt auch hier 
an Stelle der eliminierten eine Anzahl neuer Fächer, deren Aufnahme sich aus 
der Veranlagung der Hilfsschüler ergibt und der Schule selbst das spezifische 
Gepräge verleiht. Da ist zunächst der soeben genannte Sprechunterricht. Als 
wichtige Komplikation des Schwachsinnes erfabren die Sprachgebrechen mit 
Recht Berücksichtigung bei Fixierung seiner verschiedenen Stufen, wenn es auch 
zuweit geht, sie als fundamentum divisionis einer Graduierung ausschliesslich 


6 


zu grunde zu legen. Eine Besserung bez. Beseitigung der Sprachfehler ist 
aber meist nur auf dem Wege fleissiger, regelmässiger Übung möglich, auf die 
in besonderen Lektionen eingegangen, dabei natürlich auch in jeder anderen 
Stunde Bedacht genommen werden muss. Der Fachunterricht im Sprechen hat 
einem genetisch sich aufbauenden Lehrplan zu folgen, wie er zwar betr der 
Heilung des Stotterns und der Lautbildung bei Stammlern schon längst, auch 
gedruckt, dem Lehrer die nötigen Fingerzeige gibt, bezüglich der rechten Wort- 
und Satzbildung, also des sprachlich richtigen Konstruierens aber immer noch 
fehlt, obgleich Kölle in seinem „Sprechunterricht bei geistig zurückgebliebenen 
Kindern“ schon vor Jahren den Anfang danıit gemacht hat. Die Konstruktions- 
übungen befassen sich speziell mit dem Aphasiker, um ihm zu einem gramma- 
tisch und syntaktisch richtigen Sprechen zu verhelfen. Der Sprechunterricht 
begleitet, wenn es nötig ist, in sogen Kur:en den gesamten Schulunterricht, 
vereinigt die Schüler, womöglich aller Klassen, freilich bei streng individueller 
Behandlung, in sich und entlehnt das Material zu seinen Übungen den übrigen 
Disziplinen, ohne dabei den bekannten Unterrichtsgrundsatz „Vom Leichten 
zum Schweren“ aus den Augen zu verlieren. 

Ein weiteres, obligatorisch zu betreibendes Faclı betrifft den Handfertigkeits- 
unterricht. Er steht dem übrigen, sagen wir wissenschaftlichen Unterrichte, dem 
er z. B. durch das Formen direkt dienen will, an erziehlichem Werte für unsere 
schwachsinnigen Kinder keineswegs nach. Wie durch ihn die Sinnesorgane, die 
Hände, die Muskelkraft geübt, die Lust an der Arbeit, das Selbstbewusstsein, 
der Wille und Tätigkeitstrieb geweckt werden, brauche ich nicht erst auszu- 
führen. Für den Imbezillen aber wird er ausserdem Selbstzweck, indem er ihn 
direkt auf eine praktische Beschäftigung fürs Leben vorbereiten soll. Die ein- 
facheren Handwerke, die dabei nur in Betracht kommen, wie Schneiderei und 
Schuhmacherei, bedürfen ja keines grossen maschinellen Apparates. Sie verdienen 
auch den Voızug vor den feineren I,uxusarbeiten, denen der praktische Wert 
für unsere Imbezillen meist ganz fehlt. 

Bei der verschiedenen Begabung unserer Kinder mag es wohl gar vor- 
kommen, dass in wissenschaftlicher Beziehung sich alle Bemühungen erfolglos 
erweisen und die Hilfsschule den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit überhaupt auf 
den Handarbcitsunterricht legen muss, um wenigstens zu einem dereinst seinen 
Mann nährenden Resultate zu gelangen. Die Handwerksstätten treten ausser- 
dem als Anschauungsmittel in den Dienst des Unterrichtes, und auch die ge- 
nannten Handwerke erfordern, um dahingehende Bedenken zu zerstreuen, nicht 
mehr und nicht gefährlicheres Handwerkszeug, als z. B. für den Betrieb einer 
Buchbinder- und Tischlerwerkstatt, dem man anstandslos ja bereits allseitig 
zustimmt, sowieso schon nötig ist. Besondere Beachtung verdient dabei auch 
der Schulgarten, der mit seiner gesunden körperlichen Beschäftigung nicht nur 
Intellekt und Gemüt fördern hilft, sondern auch den Knaben bei ihrer Wahl 
einen Beruf mehr zur Verfügung stell. Nahm doch vor ungefähr 20 Jahren 
eine pädagogische Sondermeinung die Gärtnerei als einzig a Erwerbs- 
zweig für den Schwachsinnigen in Aussicht. 


7 

Endlich kommt für die sogen. Vorbereitungsklasse der Hilfsschule neben den 
Fröbelschen Beschäftigungen noch eine Disziplin in Betracht, die ich ihr plan- 
mässig eingereiht und als Anstands- und Geschicklichkeitsübungen bezeichnet 
wissen möchte. Was normale Kinder von selbst im Umgang mit ihresgleichen 
oder auch infolge gehörigen Einflusses der schola materna und des Elternhauses 
erlernen, die einfachsten Anstandsregeln, sowie die elementarsten Handgriffe zur 
Bedienung des eigenen Körpers oder zur Hilfeleistung bei anderen, das muss 
schwachsinnigen Kindern häufig gesug durch reguläre Gewöhnung und Unter- 
weisung erst beigebracht werden und ist bis zu hinreichender Fertigkeit in be- 
sonderen Lektionen zu üben. (Schluss in nächster Nr.) 


Der Austausch von Kindern zwischen den Klassen der 
Hilfsschule. 
Hilfsschullehrer Schwahn-Mainz. 

Mit Befriedigung konstatiere ich, dass meine sachlichen Ausführungen über 
den „Austausch“ in Nr. 8, Jahrg. 1903 dieser Zeitschrift allenthalben grosses 
Interesse wachgerufen haben. Das beweist mir, wie ernst meine Abhandlungen 
genommen wurden. Doch kein Verfasser irgend einer Schrift wird erwarten 
wollen, dass jeder Leser denselben Standpunkt über den behandelten Gegenstand 
einnehme, wie er selbst. Eine sachliche, alles persönliche beiseitesetzende Kritik 
lässt sich der Verfasser gefallen. Und stände er auch mit seiner Ansicht ziem- 
lich isoliert da, das könnte und dürfte ibn nicht entmutigen. So denke auch 
ich, Die Frage, welche ich angeschnitten habe, hat Gestalt angenommen, ge- 
schickte Bildhauer werden ihr ein bestimmtes und angemessenes Gepräge ver- 
leihen. Meinen Kritikern in Nr. 11 u. 12 dieser Blätter gegenüber habe ich 
meinen ersten Darlegungen nur einiges Wenige beizufügen. Doch werde ich den 
unqualifizierten, durch nichts zu rechtfertigenden, persönlichen Auslassungen des 
Herrn Wettig-Mainz nicht erwidern. Herr Kollege Bock-Magdeburg hat 
seinen Standpunkt mir gegenüber in ruhigsachlicher Weise dargelegt. Ihm 
habe ich zu bemerken: bezüglich „permanentes Wandern“ nur ein besonderer 
Fall! Meine Wenigkeit schaut allhalbwöchentlich iu eigenem Saale folgende 
Bewegungen. Montag 8 Uhr kommen Klasse 4 und 3 zum Singen; während 
3 Kinder der 3. Klasse nach Klasse 2 zum Religionsunterricht gehen. 9 Uhr 
geht Klasse 4 ab und Klasse 3 sammelt sich zum Rechnen, wovon auch 4 Kinder 
aus Klasse 2 teilnehmen. 10 Uhr gehen letztere, indes Klasse 3 netto bleibt. 
Um 2 Uhr versammeln sich wieder in einem Klassenzimmer, diesmal die Kinder 
der 1. und 2. Klasse zum Singen, dazu noch 3 Kinder aus Klasse 8, 3 Uhr 
ziehen diese ab, teils heim, teils in ein anderes Lokal. Es erscheinen nun die 
Knabeu aus Klasse 4, sowie 11 Knaben der Klasse 8 zur Handfertigkeit, während 
5 Knaben zur selben Zeit daheinı bleiben. Dienstag 8 Uhr kommen die Kinder 
der 3. Klasse nebst 4 Kinder aus Klasse 2 zum Rechnen. 9 Uhr gehen letztere 
und 9 u. 10 Uhr bleiben die Schüler der Klasse 3. Um 11 Uhr besuchen die 
evangel. Kinder den Religionsunterricht, die kath. eilen nach Haus. 2 Uhr er- 


8 
scheinen im Saale nur die Kinder der 3. Klasse. Diese werden mit Ausnahme 
von 5 Knaben 3 Uhr zum Elternhause entlassen, in der die 5 Knaben nach 
Klasse 2 zum Handfertigkeitsunterricht gehen. Mittwoch 8 Uhr sammeln 
sich die katb. Kinder aus Klasse 4 und 3 zum Religionsunterricht, während aus 
Klasse 3 wieder 3 Kinder in dieser Zeit den Unterricht in 2 Klassen besuchen. 
Um 9 Uhr kommen die evangel. Kinder Klasse 3, sodass 9 Uhr u. 10 Uhr die 
Kinder der Klasse 3 allein sind. 11 Uhr werden die Mädchen entlassen und 
nun sammle ich die Knaben der 1. 2. und 3. Klasse zum Turnen in einem 
anderen städtischen Schulliause. Mit Donnerstag wiederholt sich die gleiche 
Bewegung, immer unter meinen Augen, da ich Singen und Turnen in allen 
Klassen der hiesigen Hilfsschule erteile. 

Zu „Unzuträglichkeiten und Schwierigkeiten zwischen den Klassenlehrern 
infolge des Austausches“ befürchtet Herr Bock nichts. Wird das aber so an 
allen Hilfsschulen Deutschlands der Fall sein? Das wäre schön und wünschens- 
wert! Dann wären die Hilfsschullehrer besser geartet als die Normallehrer. — 
In allen dem, was ich über „unpädagogische Aufeinanderfolge schwerer Unterrichts- 
stunden und Stundendauer des Unterrichts bei den Kleinen“ geschrieben habe, 
weiss ich mich mit den grössten Pädagogen und Psychologen einig. Und steht 
nicht die Behauptung von übergrosser Körper- und Geistesschwäche bei unsern 
Hilfsschülern, die da nicht einmal 10 Minuten aufmerken könnten, mit der 
Stundendauer im schärfsten Widersprach? — Über die „erschwerte Aufstellung 
der Stundenpläne‘“ hörte ich wiederholt klagen und von einer gewissen Seite 
hierüber folgende Worte: „O, Gott sei Dank, dass der Stundenplan endlich fertig 
ist!“ Darnach beruht mein Urteil nicht auf Einbildung. — Bei „Opfer der 
Kinder, Eltern und Gemeinden“ hatte ich nur grosse Städte im Auge, und 
erst neulich hat Frankfurt in meinem Sinne gehandelt. Dort gibt es jetzt einen 
Ost- und einen Westbezirk für Hilfsschulen. — Dass man in dem angezogenen 
Fall die „höheren Schulen“ zum Vergleich heranziehen kann, ist nicht schwer 
einzusehen, soll doch dort wie hier schwachen Nachzüglern auf die Beine ge- 
holfen werden. — Und welcher Pädagoge hält es bezüglich des „Konzentrations- 
gedankens“ für zulässig, dass ein Kind höherer Klasse zum „Iesenlernen“ in 
eine niedere Klasse geschickt werde, während es oben den übrigen „deutschen 
Unterricht“ geniesst? — Ich schliesse mit den Worten: „Alles für die Sache“! — 
Herrn Bock danke ich für die mir ausgesprochene Anerkennung und hoffe, dass 
seine Ansichten nach diesem Hinweisen sich den meinigen noch um etwas werden 
genähert haben! 


Einige Hilfsmittel beim Rechnen auf der Unterstufe. 


Stärkle, Idstein. 
1. Das Rechenbrett. 

Seit mehreren Jahren habe ich in. der Elementarklasse unserer Erziehungs- 
anstalt für schwachsinnige Kinder Rechenunterricht zu erteilen und bin nach 
manchen misslungenen Versuchen auf ein Hilfsmittel verfallen, das den Beifall 
vieler Kollegen findet. Nach dem Verbandstage in Mainz besuchte eine grosse 





A 


Zahl Fachleute unsere Anstalt, und durch sie wurde ich veranlasst, das Rechen- 
mittel zu beschreiben, iu der Voraussetzung, dass mancher Kollege daraus Nutzen 
ziehen könne. Es kann sich jeder das Lehrmittel selbst herstellen; es sei der 
Prüfung empfohlen. 

Die Leser kennen wohl den Tillich’schen Rechenkasten und wissen, dass 
die Anordnung der Würfel in Reihen bis 10 eine rasche Übersicht unmöglich 
macht. Selbst die von Müller vorgenommene Verbesserung durch Benützung 
farbiger Würfel hebt den Nachteil nicht auf Was über eine Säule von 5 
Würfeln hinausgeht, ist nicht mehr mit einem Blick zu übersehen.*) 

Born hat eine glücklichere Wahl in seinen Zahlenbildern getroffen durch 
paaıweise Anordnung; Trölltsch-Nürnberg hat sie an seinem Rechenbrett be- 
nutzt, nur sind die Operationen umständlich. Auf die Born’schen Typen baut 
sich auch mein Rechenbrett auf, zu dem die Würfel, Zweier, Dreier, Vierer und 
Fünfer des Tillich’schen Rechenkastens gehören. 

Die Zahlenbilder werden aus diesen Stücken folgenderweise gebildet: 

Zahl 1 der Würfel . | 


„ 2 der Zweier . 2 2. 2 2.0 H 
» 3 Würfel und Zweier verbunden -H 


„ 4 zwei Zweier. . . 2... FH 


„ 5 Zweier und Dreier . . . . O 


„ 6 zwei Dreier u. s. w., die durch Draht miteinander ver- 
bunden sind. Die Säulen über 5 hinaus werden nach Belieben zersägt in 
Würfel, Zweier bis Fünfer; dadurch bekommen wir mehr Material. 

Diese Zahlenbilder entsprechen denjenigen, die auf dem Rechenbrett und 
zwar vertieft gezeichnet sind. Auf dem ersten Brett finden sich die Bilder 
1-5; auf dem zweiten diejenigen von 6—10; das dritte dient zur Veran- 
schaulichung des Überschreitens und zeigt zwei vertiefte Zehnerbilder. Zur Her- 
stellung benutzen wir je ein Brettchen von 40/20 cm, auf dem die Zahlenbilder 
gezeichnet sind, und leimen darauf ein solches aus Zigarrenkisten- oder Laub- 
sägeholz, aus dem die entsprechenden Bilder ausgesägt sind. Die Klötzchen 
lassen sich somit einsenken und die YERNEDDERT — gleich den Übungen am 
Formenbrett — sich decken. 

. Selbstverständlich gelit das Rechnen von der Einheit aus, vom Unterscheiden 
‘des „eins“ und „nicht eins“. Eine Menge von einzelnen Gegenständen dient 
zur Veranschaulichung dieses ersten Schrittes und unter denselben tritt auch 
der Würfel auf. Später erweitert sich der Zahlenbegriff auf 2; auch hier spielen 
Würfel eine Rolle; denn unter den mannigfachen Aufgaben kehrt öfters die 
wieder: 1 Würfel und noch 1 Würfel sind 2 Würfel. Nun sind einzelne 


*) Vergleiche Horrix, H., Sind Zahlenbilder oder Zahlenreihen beim ersten 
Rechenunterrichte in der Hilfsschule vorzuziehen? Zeitschr. 1902. Nr. 8 _ 


Würfel angebohrt und in anderen stecken passende Stifte, so dass ich zwei (und 
auch mehr) zusammenfügen kann zu einer Einheit, dem Zweier, den der Schüler 
mit Leichtigkeit auch unter den Tillich’schen Klötzchen erkennt und benennen 
lernt als „Zweier“. Den zusammengefügten Zweier muss der Schüler auch 
wieder zerlegen. 

Schon jetzt nehmen wir das erste Brett zur Hand. „Decke 1; decke 2.* 
In die Vertiefung für 2 lege ich einen Würfel und frage: „Wieviel fehlen noch, 
(bis der Raum voll ist)? = bis 2?" Nach und nach gewöhnen wir die Kinder 
an dia Frage: Eins und wieviel ist zwei? Es geschieht dies jedoch nur münd- 
lich, wie auch das Wegnehmen wohl verauschaulicht, aber nicht schriftlich dar- 
gestellt wird. Bevor die Zahlbegriffe 1—10 sicher sitzen und das Zuzählen 
mündlich und schriftlich gebt, lasse ich schriftl. nur Additionsaufgaben lösen. 

Langsam schreiten wir von Zahlbegriff zu Zahlbegriff fort, zählen vor- und 
rückwärts, zu und ab, zerlegen, ergänzen, verminderu; Würfel- und Rechenbrett 
bilden das A. B. C. der Anschauung und Vorstellung, sie vermitteln den Schritt 
vom konkreten zum abstrakten Rechnen. 

Nach und nach muss sich der Schüler auch dieses Hilfsmittels entraten; 
es wird aber immer auf dasselbe zurückgegriffen, wenn beim Lösen von Auf- 
gaben Unklarheiten vorkommen. 

Auf dem dritten Brette (15/20 cm) sind, wie schon erwähnt, zwei Zehner- 
bilder vertieft; es dient zum Veranschaulichen des Überschreitens. Die Zahl- 
bilder 1—10 sind dem Kinde gründlich eingeprägt; es zeigt ohne Zögern die 
Würfel, das entsprechende Zahlbild und deckt richtig. Es ergänzt auf Grund 
der Verauschaulichung mit Leichtigkeit im Umfang des ersten Zehners und soll 
nun, nachdem der Zahlenkreis auf 20 erweitert und Additionsaufgaben olıne 
Überschreiten gelöst wurden, auch das Überschreiten lernen. Diese Arbeit wird 
durch Benützung des Rechenbrettes sehr erleichtert. Wir lösen z. B. die Auf- 
gabe 7 + 8 folgendermaßen. | 

„Zeige den Siebener, bilde 8* (aus einzelnen Würfeln). Der Siebener wird 
in eines der Zehnerbilder gelegt; es fehlen bis 10 noch 3; nehme ich diese von 
8 weg, so bleiben zum Zuzählen noch 5. Also 7 + 8 = 15. Die Erleichterung 
besteht darin, dass das Zehnerbild bestimmt abgegrenzt ist und die einzelnen 
Zahlbilder imıner in derselben Form auftreten, ob nun bei ungeraden Zahlen der 
einzelne Würfel links oder rechts, oben oder unten steht, bleibt sich ganz 
gleich. Darauf wird schon beim Einüben aufmerksam gemacht, dass der Zahl- 
wert durch Umstellung der Teile keine Änderung erfährt. Unser Zahlenbild 
für 5 sieht so aus LI; Würfel und Domino aber stellen 5 so dar + ; 
dieses Zahlenbild ist En Schüler auch geläufig, nachdem er angehalten wurde, 
die 5 Würfel in verschiedene Lagen zu bringen. 

Auch bei der Subtraktion leistet uns das Brett gute Dienste; wir sehen 
darauf, dass immer das gewohnte Zablenbild weggenommen wird, (4 = Quadrat, 
5 = Quadrat + 1 u. s. w.), also bald links, bald rechts. Beim Überschreiten 
veranschaulichen wir erst jeden Teil, den Subtrahenden wie den Minuenden, 


z. B.: 14—8. 


11 


„Bilde 14.* (Der volle Zehner aus leicht begreiflichen Gründen aus 10 Würfeln). 
„Zeige 8* (Zahlenbild). Der Schüler nimmt die 4 einzelstehenden weg und legt sie 
in das Achterbild; es fehlen noch 4, die nimmt er von 10 weg; es bleiben noch 
6. 14 — 8 = 6u. s. w. Spăter wird nur noch der Minuend gezeigt, den 
Subtrahenden aber muss sich der Schüler vorstellen und zuletzt ohne Anschauungs- 
mittel die Aufgaben lösen. Bei Unklarheiten aber wird das Brett wieder zu 
Hilfe genommen. 

Das Rechenbrett eignet sich seiner geringen Grösse wegen nur für Abteilungs- 
unterricht, es liesse sich aber auch beliebig vergrössern und für Klassenunter- 
richt verwenden.*) 

2. Würfel und Domino. 


Der Zahlenraum 1—5 bedarf, soll die Erweiterung desselben ermöglicht 
werden, gründlicher Einübung: an Anschauungs- und Übungsmitteln darf es 
nicht fehlen. Der Lehrer wird zwar von selbst auf Hilfsmittel verfallen; ich 
möchte deren nur zwei erwähnen, die ich nach erfolgreicher Erprobung zur 
Prüfung empfehle. 

Der Würfel. 


Ich benütze Würfel aus der III. Fröbelschen Gabe (die auch in beliebiger 
Anzahl zum Preise von 1.4 50 Pfg pro 100 Stück vom Fröbelhaus in Dresden 
zu beziehen sind), Nach Einführung des Zahlbegriffs 1 wird auf drei Flächen 
des Würfels (Einer-, Dreier-, Fünferfläche) je ein Punkt gezeichnet; der Schüler 
wirft 1 oder 0. Die Zahl 2 wird auf der Zweier-, Dreier-, Vierer-, Fünferfläche 
dargestellt; unterscheiden 0, 1, 2; den Dreier zeichne ich auf die Dreier-, Vierer- 
und Fünferfläche, indem ich die Zweier ergänze; 4 erhält vorerst 2 Felder und 
später wird der eine Vierer zum Fünfer vervollständigt. So benütze ich den 
Würfel und dazu Nüsse, Klücker u. s. w., die der Schüler in der geworfenen 
Anzahl vom Vorrat entnimmt. Wirft er beim zweiten Wurf‘ mehr, so hat er 
seinen Gewinn zu ergänzen, wirft er weniger, muss er vermindern. Zur 
Befestigung der Ziffern lasse ich mit Würfeln spielen und die betreffenden Ziffern 
decken. (Lotto), Auch das Zusammenzählen wird an Würfeln geübt, sobald 
der Zahlbegriff 4 eingeführt ist; dann bezeichne ich die sechs Flächen zweier 
Würfel mit ein und zwei Punkten; nach 5 den zweiten Würfel mit 1—83. 

Für den Zahlenraum 1—10 entstehen allmählich zwei Würfelpaare; das 
eine Paar stellt je die Zahlenbilder 1—5 dar, das andere 1—4 und 1—6. Die 
Übungen sind dieselben, wie auf der untersten Stufe; der Schüler zählt zu- 
sammen, nimmt die entsprechende Anzahl, deckt die Ziffer, vermindert oder er- 
gänzt nach jedem Wurf. 


Domino. 
Der Lehrer stellt aus weissem Glanzkarton oder Laubsägeholz Domino- 
plättchen in der üblichen Grösse her. Ich benütze solche schon nach Einführung 
des Zablenbegrifis „einsund“ lasse die Schüler damit spielen. Mit dem fortschrei- 


*) Das Rechenbrett kann von dem Verfasser zum Preise von Mk. 6.— bezogen 
worden. 


12 





tenden Zahlenumfang vermehren sich auch die Zahlenbilder auf dein Domino, bis 
ich nach der Zalıl 6 das eigentliche Domino verwenden kann. 

Würfel und Domino dienen nicht nur dem Rechnen; sie leiten, und das ist 
für unsre spielarmen Kinder von grosser Wichtigkeit, auch zum Spielen an. 


Mitteilungen. 


Berlin. (Fortbildungsschule.) Von der Eröffnung der in dem Schulbause 
Brunnenstrasse 186 geplanten Fortbildungsschule für geistig zurückge- 
bliebene Knaben und Mädchen ist z. Z. Abstand genommen worden. 

Berlin. (Neue Nebenklassen.) Die Schuldeputation hat beschlossen, die 
für die schwachbegabten Kinder eingerichteten Nebenklassen von 92 auf 107 zu 
vermehren und die Zahl der für stotternde Schulen eingeführten Kurse von 19 auf 
25 zu erhöhen. 

Berlin. (Pädagogische Kommission des Erziehungs- und Fürsorge- 
vereins für geistig zurückgebliebene Kinder.) In der Sitzung vom 27. 
November v. J., sprach Herr Lehrer Gehlhoff über das Thema: „Der Religions- 
unterricht in der Hilfsschule“. Seine Ausführungen, die den Beifall der 
gut besuchten Versammlung fanden, gipfelten in folgenden Thesen: 1. Der Religions- 
unterricht hat in der Hilfsschule dieselben Aufgaben zu erfüllen, wie in der Volks- 
schule, nämlich die Kinder zu einem sittlich-religiösen Leben zu erziehen und sie 
fähig zu machen, dass sie an dem Gottesdienste und an dem kirchlichen Leben der 
Gemeinde lebendigen Anteil nehmen können. — 2. a) Der eigentliche Religions- 
unterricht beginnt im 2. Schuljahre. In der Aufnahmeklasse wird der Unterricht 
eingeleitet durch kleine einfache Erzählungen, Märchen, Gedichte relig.-sittl. Inhalts. 
Zur Weibnachtszeit kann die Geburt Jesu und am Schlusse des Jahres können 
einige Abschnitte aus Josephs Geschichte behandelt werden. b) Auf der Mittel- und 
Oberstufe wird der Religionsunterricht in je 2 konzentr. Kreisen verteilt, damit 
auch hier die Wiederholung zu ihrem Rechte komme. — Nur eine angemessene 
Zahl von Geschichten, Sprüchen, Liederstrophen u. s. w. ist in den Lehrplan ein’ 
zustellen. Geschichten mit familiärem Charakter und solche von Jesu stehen im 
Vordergruude. c) Ein besonderer Katechismusunterricht wird in der Hilfsschule 
nicht erteilt. 3. Für die Hilfsschule sind nur solche Geschichten auszuwählen, die 
einen hohen, sittlichen Inhalt baben und die die Willensverhältnisse mit deutlicher 
Plastik vor die Seele des Kindes stellen, so daß die sittl. Empfindung direkt ge- 
richtet wird. 4. Bei der Behandlung ist besonderer Wert zu legen, a) auf die Vor- 
bereitung; b) auf die Darbietung, besonders auf die sorgfältige Fassung des Textes, 
weil dieselbe sofort richtige, scharf getrennte Vorstellungen vermitteln muß und 
Richtigstellungen möglichst vermieden werden müssen; c) auf den freien Vortrag 
des Kindes; d) auf Vergleichung mit bekannten Stoffen aus anderen Unterrichts- 
gebieten und vielseitige Anwendung der gewonnenen sittl.-relig. Erkenntnis auf das 
praktische Leben. 5. Es ist wünschenswert, daß die Kinder in der Hilfsschule 
auch besonderen Konfirmationsunterricht erhalten, also so, daß viele Kinder ver- 
einigt und von einem Geistlicher oder dem Leiter der Hilfsschulen unterrichtet 





13 
werden. Dem Vortrag folgten nach längerer Diskussion, die sich meist durchaus 
zustimmend erklärte, noch verschiedene Referate über die neuere Literatur für 
Hilfsschul-Pädagogik. 

Dalldorf. (Besuch der Idiotenanstalt.) Am 4. Dezember v. J. hatte die 
Anstalt wieder einmal das Vergnügen, eine große Anzahl von Besuchern empfangen 
zu können. Dieses Mal war es die „Pädagogische Kommission des Erziehungs- 
und Fürsorgevereins für geistig zurückgebliehene (schwachs.) Kinder zu 
Berlin“, welche ihre Mitglieder für den genannten Tag zu einer „Besichtigung 
der Idiotenanstalt zu Dalldorf“ eingeladen hatte. Außer vielen Mitgliedern des 
Vereins mit dem Vorsitzenden desselben, Kreis- und Stadtschulinspektor Dr. 
v. Gizycki, waren der Einladung noch zahlreiche andere Herren gefolgt. Unter 
den Erschienenen bemerkten wir noch den Provinzialschulrat Geheimrat Hermann 
und die Stadtschulinspektoren Dr. Kaute und Gäding. Herr Erziehungsinspektor 
Piper begrüßt die Gäste und gab in seiner Ansprache einen Überblick über die 
Entwickelung der Anstalt. Aus derselben ging hervor, daß die Anstalt nicht nur 
für die geistige Ausbildung ihrer Zöglinge aufs beste sorgt, sondern dal sie auch 
inbetreff der körperlichen Ausbildung der Kinder auf der Höhe steht. Ein Rund- 
gang durch die ziemlich sauberen, gut gelüfteten Schlaf- und Waschräume und die 
wohligwarmen Wohnzimmer, wo je eine Pflegerin die Aufsicht führt, belehrte uns 
darüber. Speise- und Spielsaal standen ihnen nicht nach. Im letzteren führten 
uns die Mädchen mehrere ihrer allabendlicli stattfindenden Spiele vor, und im Turn- 
saal konnten wir die Leistungen der Knaben in Frei-, Ordnungs- und Reigenübungen 
bewundern. Nicht unerwähnt mag bleiben, daß uns die erste Klasse durch schnell 
und gut ausgeführte Modellierungen überraschte, und auch die vereinigten „Sänger“ 
der Anstalt uns nicht gehen lassen wollten, ohne uns durch ihre musikalischen 
Leistungen erfreut zu haben. Kurz, überall merkte man die erfahrene Hund des 
trefflichen Anstaltsleiters und das segensreiche Walten des warmherzigen Menschen- 
freundes, der nicht nnr für diese unglücklichen Kinder ein Herz hat und aufs beste 
für sie sorgt, sondern auch dem gesamten Lehr- und Wartepersonal mit Rat und 
Tat treu zur Seite steht. 

Erfurt. (Die Militärpflicht Schwachsinniger.) Nach einer Vereinbarung 
der Teilnehmer am ersten Erfurter Hilfsschultsge werden dieselben im Februar 1904 
dem Zivil-Vorsitzenden der Ersatz-Kommission ein Verzeichnis der schwachsinnigen 
Gestellungspflichtigen einreichen und einen Antrag auf Befreiung der letzteren vom 
Militärdienste stellen. 

Worms. (Weihnachtsbescherung in der Hilfsschule) Auch dieses 
Jahr wieder hatten wir das Vergnügen, unseren Kindern eine Weihnachtsbescherung 
abhalten zu können und zwar können wir mit dem Verlauf derselben recht zu- 
frieden sein, haben wir doch sicherlich dadurch wieder viel für unsere Sache ge- 
wonnen und uns neue Freunde und Anhänger erworben. Es hatten sich dazu 
zahlreich eingefunden Vertreter der Behörde, Lehrer und Lehrerinnen der Volks- 
schule, Private und Eltern der Kinder, wohl der beste Beweis, welch allgemeine 
Sympathie, welch allgemeines Interesse man unserer Hilfsschule und ihren Be- 
strebungen in der Stadt entgegenbringt. Das geht auch noch daraus hervor, dass 


14 


wir zu dieser Bescherung fast durchgängig allgemeine Unterstützung fanden. In 
uneigennätziger Weise machten die hiesigen Tageszeitungen auf die geplunte Be- 
scherung aufmerksam und baten um Zuwendungen. Reichlich flossen die Gaben. 
Geschäftsleute liessen uns die mannigfaltigsten Sachen zugehen und Private unter- 
stützten uns mit Geld. Ausserdem batten wir das Jahr über die Kinder fleissig 
sammeln lassen Stanniol, Korkstopfen, Zeitungen, Federn, Zigarrenspitzen etc. und 
brachten auch dadurch ein kleines Sümmchen zusammen. Kurzum, wir konnten 
zum Schlusse einer reichhaltigen Bescherung entgegensehen. Es wurden den Kindern 
insbesondere Kleidungsstücke, Schulutensilien, Bücher, hier und da auch kleinere 
Spielsachen gegeben. Reichlich bekam auch jedes noch die üblichen Beigaben als 
Äpfel, Birnen, Nüsse, Konfekt und Lebkuchen. Selbstverständlich fehlte auch der 
im hellen Lichterstrahl erglänzende Christbaum nicht, und es war eine Wonne, die 
freudestrahlenden Gesichter der Kinder zu sehen, als sie um ihn herumstanden und 
ihr „Stille Nacht, heilige Nacht‘ sangen. Einer der Lehrer hielt eine warme An- 
sprache, der Bedeutung des Weihnachtsfestes gedenkend. Kinder der verschiedenen 
Klassen trugen Gedichte vor. Dazwischen wurden verschiedene Weihnachtslieder 
gesungen. Hierauf wurden freudestrahlend die Geschenke in Empfang genommen 
und bewundert. Auch die erschienenen Gäste nahmen un der Freude sichtlichen 
Anteil. Wie gesagt, dürfte auch diese Feier wieder nicht wenig dazu beigetragen 
haben, unserer Sache zu dienen und unseren Bestrebungen diejenige Beachtung zu 
erweisen, die ihr gebührt. Immer und immer wieder müssen wir suchen, die 
Unterstützung der Eltern und die der Allgemeinheit zu gewinnen. Nur durch 
solch ein harmonisches Zusammenwirken ist wirklich Erspriessliches zu leisten. Aus 
demselben Grunde suchen wir auch jetzt nach und nach die Elternabende einzu- 
führen. Und ist uns das gelungen und finden wir auch in dieser Beziehung die 
nötige Unterstützung, so dürften wir wieder in unsrer Sache ein gutes Stück weiter 
gekommen sein. 

Zürich. (Kurs zur Heranbildung von Lehrkräften an Spezialklassen 
und Erziehungsanstalten für schwachsinnige Kinder.) Nachdem im Jahre 
1899 der erste schweizerische Bildungskurs für Lehrer an Spezialklassen in Zürich 
stattgefunden und die gehegten Erwartungen erfüllt hatte, lag die Absicht vor, den 
Kurs in kürzeren Zwischenräumen in anderen geeignet scheinenden Schweizerstädten 
zu wiederholen. Die Bemühungen, besonders von seiten der Schweiz. Gemein- 
nützigen Gesellschaft, nach dieser Richtung hin blieben aber während längerer Zeit 
ohne Erfolg. Erfreuliclierweise gewinnen aber die Bestrebungen der Freunde der 
geistesschwachen Kinder immer mehr an Boden. Als daher letzten Sommer an 
der IV. Schweiz. Konferenz f. d. Idiotenwesen aufs neue die Abhaltung eines 
weiteren Bildungskurses als dringend notwendig erklärt wurde, gelangte der Konferenz- 
vorstand in einer Eingabe an die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren 
mit dem Gesuche, sich dieser Sache anzunehmen. Daraufhin übernahm es der 
Erziehungsrat des Kantons Zürich, den zweiten schweizerischen Bildungskurs für 
Lehrer und Lehrerinnen an Schulen und Anstalten für schwachbefähigte Kinder im 
Jahre 1904 in der Stadt Zürich durchzuführen. — Bezüglich der Organisation 
dieses Kurses hat die Behörde folgendes festgesetzt: 


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— 





? 


1. Der Kurs dauert 8 Wochen und beginnt mit dem Anfang des Schuljahres 
1904/05 der städtischen Schulen. 

2. In den Kurs werden im ganzen 15—20 Teilnehmer (Lehrer und Lehrerinnen) 
aufgenommen, welche an Spezialklassen oder Anstalten für schwachsinnige Kinder 
tätig sind oder beabsichtigen, sich der Unterweisung solcher Kinder zu widmen. 

3. Für die Aufnahme sind erforderlich: a) der Besitz eines kantonalen Tehr- 
patentes, b) die Absolvierung einer mindestens zweijährigen Schulpraxis, c) die 
für die Unterweisung schwachbegabter Kinder notwendigen Qualifikationen, be- 
stätigt durch ein Empfehlungsschreiben der Schulbehörde des letzten Wirkungskreises. 

4. Die Anmeldung zum Besuche des Kurses geschieht bis zum 15. Februar 1904 
bei der Erziehungsdirektion des betr. Kantons, welche die Namen der Lehrer, die 
sie zur Teilnahme empfieblt, der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich einberichtet. 

P. Die Kosten des Kurses übernehmen der Kanton und die Stadt Zürich, 
sowie die Zentralkommission der Schweiz. gemeinnützigen Gesellschaft gemeinsam. 

6. Das Unterrichtsprogramm umfasst: a) Anatomie und Physiologie des Nerven- 
systems, Hirnpathologie mit besonderer Berücksichtigung der Idiotie, mit Kranken- 
vorstellung und Demonstrationen von Präparaten. b) Lautphysiologie etc.; Wesen 
und Geschichte des Taubstummen- und Blindenunterrichts. c) Wesen der Sprach- 
gebrechen, ihre Behandiung mit besonderer Berücksichtigung des Stotterns und 
Stammelns, durchgeführt in zwei kurzen Heilkursen. d) Methodische Besprechungen: 
Lehrplan der Spezialklassen, einzelne Schulfächer. e) Gymnastische Übungen mit 
schwachsinnigen Kindern. f) Einzelne Vorträre, betreffend das Leben und die Er- 
ziehung anormaler Kinder (z B. Kinderfehler, Organisation der Spezialklassen und 
Anstalten, psychopathische Minderwertigkeiten etc.). g) Experimentelle Vorführungen 
aus dem Gebiete der Psychologie. h) Handarbeit, theoretische und praktische 
Einführung in die verschiedenen Zweige des Handarbeitsunterrichts bei schwachen 
Kindern. i) Skizzierendes Zeichnen. k) Praxis in den Spezialanstalten von Zürich, 
Taubstummenanstalt Zürich, Anstalt Regersberg, Anstalt Hottingen. ]) Besuche 
in andern Spezial- und Hilfsklassen, Anstalten etc. 

7. Die Praxis in den Spezialklassen und Spezialanstalten wird auf die Vor- 
mittage verlegt; die Teilnehmer wohnen gruppenweise dem Unterrichte bei und 
versuchen sich dubei selbst in der Erteilung des Unterrichtes. Der theoretische Teil 
des Kurses (Vorträge und Übungen) wird auf die Nachmittage verlegt. 

8 Die Teilnehmer erhalten am Schlusse einen Ausweis über den Besuch 
des Kurses. 

9. Mit der Beaufsichtigung und Durchführung des Kurses wird eine Spezial- 
kommission betraut, bestehend aus den Herren Erziehungsrat F. Fritschi, Er- 
ziehungssekretär F. Zollinger, Stadtrat B. Fritschi, Schulvorstand, Dr. Paul 
Hirzel, Vertreter der Schweiz. gemeinnützigen Gesellschaft, Dr. med. Ulrich, 
Arzt der Anstalt für Epileptische, Zürich, Direktor K. Kölle, Regensberg, Direktor 
G. Kull, Blinden- und Taubstummenanstalt Zürich, Lehrer K. Jauch und Lehrer 
H. Graf an den Spezialklassen Zürichs. 

Wir wünschen dem Kurs gutes Gelingen. 


16 


Vermischtes. 


Die Hilfsschule auf der Weltausstellung in St. Louis. Die diesjährige Welt- 
ausstellung wird, wie wir erfahren, auf Veranlassung des Kultusministers Studt 
auch von der Hilfsschule zu Stolp i. Pom. beschickt werden. Die Ausstellungssachen : 
Örganisations- und Lehrplan der Hilfsschule, Klassenaufnahmen, typische Aufnahmen 
aus dem eigenartigen Unterrichtsbetriebe, Schülerphotographien besonders inter- 
essanter Fülle, Schülerpersonalbücher, Schreib- und Zeichenhefte, sonstige schrift- 
liche Arbeiten u. s. w. sind bereits der Transportvermittelungsstelle zu Berlin zur 
weiteren Beförderung übersandt worden. In der Ausstellung finden die Gegenstände 
ihren Platz in der Abteilung: Education of Defectives. 


Briefkasten. 


Br. P. i. L., H. M. 1. 6.-L., Dir. G. i. L., M. i. D., C. St. i. 6. Erhalten. — M. S. i. B. 
Wenn irgend möglich, so kommen wir nach Stettin. Für etwaige Wünsche inbetreff der 
Konferenz steht die Zeitschrift Ihnen und andern jederzeit zur Verfügung. Je sorgfältiger 
die Vorbereitungen erfolgen, desto wertvoller werden die Verhandlungen sein. — 
A.W.i.H. Sie haben sehr recht, auch wir bedauern, dass die Kollegen an den Anstalten 
sich so schweigsam verhalten, aber auch die Hilfsschulen könnten mehr von sich hören 
lassen. — Dr. G. M. i. H. Von dem Artikel des Dr. W. i. W. erhielten auch wir einen 
Abdruck. Es ist richtig, dass uns s. Z. das Manuskript zugesandt wurde, und ebenso 
stimmt es, dass wir dem Verfasser anheim gaben, seine Arbeit, die wir keineswegs für 
eine sachliche und unparteiische Behandlung der betr. Frage halten konnten, sondern 
in der Hauptsache als eine „Entgegnung“ auf 2 Artikel der Zeitschrift „Kinderfehler* 
ansehen mussten, dort zu veröffentlichen, wo er sich für angegriffen hielt. 
Ausdrücklich haben wir dabei erklärt, dass wir einer rein sachlichen Arbeit über die 
„Leitung der Idiotenanstalten* unsere Zeitschrift gern zur Verfügung stellen würden. 
Wenn nun Dr. W. behauptet, dass in der Zeitschriftenliteratur des Idiotenwesens die 
Ärzte nur geduldet wären, so fühlen wir uns nicht im mindesten getroffen. Sollte 
aber Dr. W. mit seinem Vorwurfe auch uns haben treffen wollen, so würde er damit nur 
seine Unkenntnis von der Haltung unserer seit 24 Jahren erscheinenden Zeitschrift 
bewiesen haben. — A. i. E. Besten Dank! Bitte um weitere Mitteilungen in der An- 
gelegenheit. Im übrigen ist man der Frage auch anderweit wieder einmal näher ge- 
treten. — F. F. 1. St. Vielen Dank! Ihren Vortrag bitte ich mir s. Z. zuschicken zu 
wollen. Inbetreff des auch Ihnen zugeschickten Artikels wollen wir vorläufig abwarten, 
was von anderer Seite geschieht. -- 








Inhalt. Zur Organisation der Hilfsschule. (Dr. A. Gündel.) — Der Austausch 
von Schülern zwischen den Klassen der Hilfsschule. (Schwahn.) — Einige Hilfsmittel 
beim Rechnen auf der Unterstufe. (Stärkle.) — Mitteilungen: Berlin, Dalldorf, Erfurt, 
Worms, Zürich. — Vermischtes: Die Hilfsschulen auf der Weltausstellung in St. Louis. — 
Briefkasten. | 





Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von IH. Burdach, K. S. Hufbuchhandlung in Dresden, 
Druck von Johannes Pässler in Dreeden. 


Nr.2 u. 38. O XX. (N. meN 


i ` 


Zeitschrift N 


für die 


anig Schwachsimiger wd Epilentischer 


Organ der Konferenz für das das Idiotenwesen. 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 
Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Spezialarzt 
Dresden - Strohlen, für Nervenkrankheiten 
In Stattgart. 


Residenzstrasse 27. 
Erscheint jährlich In 12 Nummern von ‘ Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 
nindestens alnem Bogen. Anzeigen für F b 1904. und Postämter, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petltzeile 35 Pfg. Lite- enpruar Schriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 
rarische Bellagen 6 Mark. Ä einzelne Nummer 50 'Pfg. 


Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 





Zur Behandlung geistig zurückgebliebener Kinder auf 
OR der körperlichen Betätigung. *) 


Otto Mayer. 


Die Erfahrung lehrt, dass die Kinder, welche der Hilfsschule zugewiesen 
werden müssen, nicht nur geistig hinter ihren Altersgenossen zurückgeblieben 
sind, sondern dass auch ihre körperliche Entwickelung keinen normalen Verlauf 
genommen hat. Einmal sind Vererbungen und Alkohol, das andere Mal unglück- 
liche Zufälle vor oder nach der Geburt, wie auch Krankheiten im früben 
Kindesalter, die mit der Vererbung oder mit der Ernährung in ursächlicher Be- 
ziehung stehen, die Ursache, dass diese Kinder bei.ihrem Eintritt in die Schule 
an Grösse und Volumen, an Körpergewicht und Körperkraft andern bedeutend 
nachstehen. Mit der körperlichen Minderwertigkeit steht in ursächlichem Ver- 
hältnis ein geringer Grad von Lebensfähigkeit und Mangel an potentieller Energie, 
besonders wenn nicht nur der krankhafte Zustand, sondern auch noch Armut 
eine gewisse Unregelmässigkeit und Mangelhaftigkeit der Ernährung des Orgauis- 
mus verschulden. Solche Kinder werden dann auch meist von den Eltern falsch 
behandelt; sie werden entweder allzu ängstlich behütet, oder aber vernachlässigt 
aus Unkenntnis oder wegen Mangel an Zeit. Aus diesen Gründen betätigen sich 
diese Kinder viel zu wenig in Spiel und Arbeit. Der Körper und seine Organe 
werden viel zu wenig bewegt und geübt. Infolge davon sind diese Organe 


*) In ausfübrlicherer Weise wird dieser Gegenstand behandelt in einer demnächst 
unter diesem Titel erscheinenden Schrift mit zwei Teilen, einem BED HAIE von Max 
Enderlein und einem praktischen von Otto Mayer. | 


18 





und besonders die Sinnesorgane noch beim Eintritt der Kinder in die Schule 
hinsichtlich einer genaueren Funktion in sehr rückständiger Verfassung, und 
die Summe von Erfahrungen, die sie mitbringen, ist äusserst gering. Das ist 
auch bei den leicht erregbaren Imbezillen der Fall, denen es auf den ersten 
Blick nicht an Lebensenergie zu fehlen scheint. Ihre Organe haben nicht die 
Kraft, eine durch eine Reizung veranlasste Tätigkeit zu Ende zu führen; jeder 
neu auftretende Reiz vermag sie zu stören und abzulenken. Es ist klar, dass 
eine derartige sprungbafte Tätigkeit der Organe ihre Funktionsfähigkeit mindestens 
nicht wesentlich zu fördern vermag. | 


Da aber bei dem Kinde jegliche Gehirntätigkeit nur entsteht durch äussere 
Reizung, also durch Tätigkeit peripherer Apparate, so hat die Untätigkeit dieser 
auch Untätigkeit der ihnen entsprechenden Zentralregionen zur Folge. Die Un- 
geübtheit und mangelhafte Funktion derselben ist also auch Ursache der Unge- 
übtheit und mangelhaften Funktion der einzelnen Gehirnpartien. Zentralelemente 
und Leitungsbabnen sind daher bei unsern Schülern, wenn sie in die Hilfsschule 
kommen, auch ohne anatomisch nachweisbare Mängel oder Fehler im Organismus 
infolge zu geringer Inanspruchnahme nur äusserst wenig ausgebildet und funktionell 
sebr im Rückstande. Mit einem Unterricht, der einfach funktionsfähige periphere 
und zentrale Apparate voraussetzt und sich von dem Unterricht in der Normal- 
schule nur dadurch unterscheidet, dass der Stoff bedeutend reduziert und in 
langsamerem Tempo auf „möglichst anschauliche Weise“, im allgemein gebräuch- 
lichen Sinne des Ausdrucks, vermittelt wird, wird man daher trotz mühevoller 
Arbeit die geistige Entwicklung nicht fördern, sondern nur Scheinresultate er- 
zielen, die sich früher oder später als solche erweisen müssen. 


Es ist darum zu allererst notwendig, die Entwicklung des gesamten Organis- 
mus zu fördern und durch Übung der peripheren Apparate diese und das Zentral- 
organ funktionsfähig zu machen. Bei dem normalen Kinde wird dies infolge 
ausreichender Ernährungsverhältnisse und genügender Lebensenergie im vorschul- 
pflichtigen Alter auf die natürlichste Weise durch Spiel und nachahmende Arbeit, 
wenn auch nicht vollständig, erreicht. In der Hilfsschule muss dieser in die 
vorschulpflichtige Zeit fallende Entwicklungsgang systematisch und methodisch 
nachgeholt werden. Um alle Lückenhattigkeit zu vermeiden, die den Erfolg in 
Frage stellen würde, muss voraussetzungslos von vorn begonnen und ein erzieh- 
liches Verfahren eingehalten werden, das die Entwicklung des Organismus in 
seiner Gesamtheit, nicht nur einzelner Partien zum Zwecke hat. Dazu gehört 
in erster Linie auch die Sorge für günstige Wachstumsbedingungen, für aus- 
reichende Nahrung, regelmässige Bäder, Ferienkolonien und viel Bewegung 
im Freien. 


Als Hauptprinzip für das eigentliche unterrichtliche Verfahren 
muss gelten körperliche Betätigung. Durch körperliche Tätigkeit müssen 
zunächst die für eine geistige Entwicklung notwendigen Voraussetzungen erarbeitet 
werden. Die körperlichen Organe, die Bewegungs- und Sinnesorgane müssen 
zunächst systematisch ausgebildet und geübt werden; durch diese Übungen wird 


19 


dann auch die Ausbildung des Gehirns angebahnt. Die Leitungsbahnen, welche 
die peripheren Reize zum Gehirn fortleiten, also die sensorischen Nervenstränge, 
werden nur durch häufige Inanspruchnahme, also durch Tätigkeit der eut- 
sprechenden peripheren Apparate geübt; die Gehirnregionen, welche zur Auf- 
nahme der einzelnen Reize besonders vereigenschaftet sind, also die einzelnen 
Zentren, die ursprünglich ohne differenzierten funktionellen Charakter sind, bilden 
sich erst aus, veranlasst durch die vielfache Benützung der sie treffenden sen- 
sorischen Bahnen. Aus diesem Grunde ist auch das motorische Zentrum, die 
„Körperfühlsphäre‘, zuerst ausgebildet; denn schon in der uterinen Wachstums- 
periode bewegen sich Organe der Ernährung und allmählich infolge innerer 
nutritiver Reizungen auch die Arme und Beine. Dieses Zentrum nimmt denn 
auch einen weitaus grösseren Teil des Gehirns in Anspruch, als andere Zentren, 
es vereinigt in sich bei weitem die meisten Leitungsbahnen, durch welche es 
mit allen Muskeln, Sehnen, Flechsen und Bändern des Körpers verbunden ist. 
Daher nimmt es auch in der gauzen Entwicklung eine führende Stellung ein; 
denn obne Beteiligung des Bewegungszentrums ist keine Sinnestätigkeit denkbar. 
Beim Riechen, Schmecken, Hören, Fühlen, Tasten und Seben werden die ent- 
sprechenden Organe in Bewegung versetzt, und fehlt den Organen die Bewegungs- 
fähigkeit, so ist eine vollkommene Sinnesauffassung einfach unmöglich. Die Ent- 
wicklung und Ausbildung der Sinneszentren steht daher mit der Entwicklung 
und Ausbildung des motorischen Zentrums, welches mit den einzelnen Sinnes- 
organen und ebenso mit den Sinneszentren in direkter Verbindung steht, in 
engstem Zusammenhang. Daher ist auch die Tätigkeit der „Körperfüblsphäre“ 
für die Entwicklung und Ausbildung jener zentralen Regionen, die Flechsig 
‚als Assoziationszentren bezeichnet, weil sie die Werte der Tätigkeit der Sinne 
zusammenfassen zu psychischen Einheiten insofern geradezu unentbehrlich, als 
sie nicht mit den peripheren Apparaten selbst, sonderu nur mit den Sinnes- 
zentren direkt verbunden sind. Infolge ihrer allseitigen Beziehungen bieten 
auch die motorischen Zentren die beste Möglichkeit, durch geeignete Beeinflussung 
die Funktion kranker oder defekter Elemente zu ersetzen, indem andere, mit den 
kranken in Beziehung stehende Gehirnpartien zur Übernahme dieser: Funktion 
erzogen werden können. Die Vollkommenheit der Sinnestätigkeit und die Bildung 
von Anschauungen ist also wesentlich abhängig von der Funktionsfähigkeit der 
motorischen Zentren. Diese aber wird nur erreicht durch Übung der Organe 
der Bewegung und der Sinnesorgane. 

Da das Bewegungszentrum einerseits mit den Sinneszentren, andererseits 
mit den peripheren Organen in direkter Verbindung steht, entspricht jeder 
rezeptiven Tätigkeit eines Organes, eine reflektorische oder repulsive Tätigkeit, 
die sich zunächst äussert in dem Inbereitschaftsetzen des auffassenden Apparates, 
-durch : Anpassen des Organes an den zu erfassenden Reiz. Gerade diese 
Akkomodationsbewegungen, diese körperlichen Anpassungen, welche durch häufige 
Wiederholung allmählich zu bestimmten, zuständlichen Haltungen der Organe 
werden, sind aber eine wesentliche Voraussetzung der Aufinerksamkeit, welche 
nach Baldwin eine Reaktion von motorischem Charakter, also kein Vermögen, 


20 


sondern eine Tätigkeitsform ist.*) Die Muskelempfindungen, die durch diese 
Tätigkeit der Organe, durch das Einstellen und Inbereitschaftsetzen, entstehen 
und zur inneren Wahrnehmung gelangen, veranlassen einen Zustand der Spannung 
oder des Gespanntseins, den wir durch äussere Begleiterscheinungen, die all- 
gemein als Symptome der Aufmerksamkeit bekannt sind, beobachten, ja messen 
können: Die Atmung setzt aus, der Kopf, der ganze Körper wird gedreht, die 
Stirnhaut bildet Falten u. s. w. Auf dieser Tatsache basieren die von Psychiatern 
verwendeten modernen Apparate zur Messung der Aufmerksamkeit. Bei Tieren, 
wie z. B; beim Pferd, bei dem Hunde, der Katze beobachten wir grosse Auf- 
merksamkeitsfähigkeit, ein Beweis, dasa bei dem Aufmerksamkeitstakte der körper- 
liche Faktor den geistigen weit überwiegt. Die richtige Aufmerksamkeit setzt 
also in erster Linie möglichst vollkommene Beschaffenheit und Funktionsfähigkeit 
der nervösen und muskulären Apparate voraus. Daher kommt es auch, dass 
unsere pathologisch belasteten Kinder es immer mehr oder weniger an Auf- 
'merksamkeit fehlen lassen. Um sie zur Aufmerksamkeit, welche zu weiterer 
Bildung unbedingt erforderlich ist, zu erziehen. ist daher vor allem Übung und 
Ausbildung der motorischen Funktionen überhaupt, sowie im besonderen der in 
‘der Sinnestätigkeit enthaltenen, notwendig. 

Sie ermöglicht eine Entwicklung auf dem von der Natur vorgeschriebenen 
Wege, eine harmonische Ausbildung des gesamten kindlichen Organismus ent- 
sprechend der natürlichen Entwicklungsgeschichte.e Diese Behauptung bleibt 
auch dann bestehen, wenn man die moderne Theorie von den Anschauungstypen 
berücksichtigt. Bei unsern Schwachsinnigen machen sich die Typen viel mehr 
füblbar und verlangen wegen der viel geringeren Anpassungsfähigkeit weit mehr 
eine entsprechende Behandlung, als dies bei normalen Kindern der Fall ist. 
Während ein Unterricht, der für den Akustiker oder für den Visuellen, oder 
auch für beide eingerichtet ist,- eine ganze Menge von Organen unberücksichtigt 
lässt, also die Ausbildung einer ganzen Menge von Funktionen vernachlässigt 
nnd daher nur die Entwicklung einiger Organe, nicht des gesamten Organismus, 
und nur einzelner Gehirnpartien, nicht des ganzen Zentralorgans fördert, wird 
ein unterrichtliches und erziehliches Verfahren, das dem Motoriker angepasst 
ist, den Akustiker, wie den Visuellen ebenfalls gleichmässig fördern, da es bei 
der Tätigkeit der Organe der Bewegung, sei es bei Bewegung des ganzen Körpers, 
oder einzelner Glieder, auch für Auge und Ohr immer etwas zu tun gibt, was 
umgekehrt nicht der Fall ist. 

Die pädagogische Beeinflussung muss sich daher in der Hilfsschule zunächst 
auf .die Ausbildung der körperlichen Organe beziehen, um durch Übung der- 
selben die Funktionsfähigkeit der peripheren und zentralen Apparate zu vervoll- 
kommpnen und so zunächst die Perzeptionsverhältnisse zu verbessern. — Bei dem 
normalen Kinde wird gewiss auch nicht mit vollem Recht vollkommene Perzeptions- 
fähigkeit vorausgesetzt. 

Die physiologische Tatsache, wonach sich die dem Rumpfe zunächstliegenden 


*) Näheres hierüber ist zu finden in: M. Enderlein, „Erziehung durch Arbeit“. 
Leipzig, Frankenstein & Wagner. 





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21 

Gelenke, also die gröberen oder ganzen Glieder wie Arme und Beine, zuerst funktionell 
entwickeln und erst allmählich die dem Rumpte fernerliegenden Gelenke, also die 
differenzierteren Glieder wie die Finger, gibt uns für unser Verfahren Anhalts- 
punkte bezüglich des Nacheinander der Übungen. Zuerst müssen also die 
gröberen Organe der Motilität, jene, welche die Bewegungen des Rumpfes, des 
Kopfes, der Arme und Beine vermitteln, durch Übungen gekrättigt und funktionell 
gefördert werden. Diese Übungen sind aber immer fortzusetzen allein schon aus 
hygienischen Gründen. Der schwache, für allerlei Krankheiten fortwährend dis- 
ponierte Körper unserer bedauernswerten Zöglinge muss durch körperliche Übung, 
welche die Ernährungsverbältnisse verbessert und den Stoffwechsel fördert, ge- 
kräftigt und widerstandsfähig werden. Das wird auch die qualitative und quanti- 
tative Herabminderung, wenn nicht das völlige Verschwinden der bemmenden 
und verstimmenden Indisponiertheiten zur Folge haben, als deren Ursachen jene 
störenden Empfindungen zu betrachten sind, die durch Unregelmässigkeiten im 
Getriebe des Organismus verursacht werden. 

Zugleich mit den Übungen der allgemeineren Bewegungsorgane wird auch 
die besondere Ausbildung der Sinnesorgane angebahnt, von denen bei unsern 
Schwachsinnigen zumeist jene, die zur Erkenntnis der Aussendinge von grösster 
Bedeutung sind, durchaus nicht die genau funktionierenden Apparate dar- 
stellen, wie wir sie bei einem normalen Kinde im sechsten Lebensjahre voraus- 
zusetzen gewöhnt sind. Es handelt sich hier darum, die Organe in systematischer 
Weise unter Leitung der Tatsachen der Sinnespsychologie und in Gemässheit 
des natürlichen Verlaufes der Sinnesentwicklung zu den elementarsten Funktionen 
zu erziehen und die Verbindung herzustellen zwischen den Zentren der Sinnes- 
organe und dem der Sprachwerkzeuge. 

Was Geschmacks- und Geruchssinn anbetrifft, so darf wohl- ange- 
nommen werden, dass ihre Organe, welche durch die tägliche Nahrungsaufnahme 
hinreichend geübt werden, sich auf entsprechende Reize motorisch einzustellen 
vermögen; allein es fehlen zumeist die Assoziationen zwischen den organischen 
Eindrücken und dem sprachlichen Ausdruck. Um diese Assoziationen herzu- 
stellen, müssen auch spezielle Übungen dieser Organe vorgenommen und dabei 
jeweils den organischen Eindrücken auch gleich die entsprecnende idi 
Bezeichnung beigesellt werden. 

Bezüglich des Gehörs ist schon von verschiedenen Seiten darauf Kingewikssn 
worden, dass bei unsern Abuormen eine Akkomodation oder Einstellung der beim 
Hören beteiligten Organe meist nur in sehr unvollkommener Weise stattfindet; 
denn abgesehen davon, dass die meisten überhaupt nicht genau hören, — welcher 
Fehler sich übrigens bei gründlicher Untersuchung auch bei. normalen Schülern 
der untersten Stufe weiter verbreitet zeigt, als man annimmt — vermögen 
unsere Schüler häufig weder Richtung und Entfernung, in welcher ein Ton- 
erzeuger sich befindet, noch die sonst wohlbekanute Person an der Stimme oder 
eine andere Schallquelle zu erkennen. Es kommt also bei den Organen des 
Gehörs darauf an, sie zu den für Richtung, Qualität und. Höhenunterschiede 
notwendigen Haltungen zu erziehen und wie bei den Organen des Geruchs und 


22 
Geschmacks die assoziative Verbindung herzustellen zwischen Eindruck und: Aus- 
druck. . Die Übung der Organe des Gehörs fällt in der Praxis grösstenteils zu- 
sammen mit der Übung der allgemeinen Organe der Motilität und die Ver- 
bindung von Bewegungsübungen mit Rhythmus und Musik hat nicht nur für die 
Ausbildung des Gehörs, sondern für die ganze körperliche und geistige Ent- 
wicklung grosse Bedeutung. 

Auch die Ausbildung der Tast- und Sehorgane wird durch die allge- 
meinen Bewegungsübungen bis zu einem gewissen Grade gefördert; doch be- 
dürfen diese Organe noch einer weiteren, sorgfältigen Übung, bis sie in ihrer 
Funktion jenen Grad von Vollkommenbheit erlangt haben, der notwendige Vor- 
bedingung für eine gedeihliche Beeinflussung der weiteren geistigen Entwicklung 
ist. Gerade hier begegnen wir bei unsern geistig zurückgebliebenen Schülern 
der auffallendsten Mangelhaftigkeit. Die Mehrzahl der Kinder, die der Hilfsschule 
zugewiesen werden müssen, kann einfache, wesentlich verschiedene Formen und 
Farben visuell, ohne dass das begriffliche und sprachliche Moment in Betracht 
käme, nicht unterscheiden. Sie sind auch durchweg die geistig tieferstehenden 
der Klasse. Ähnlich sind die Verhältnisse bei den übrigen. Die bei allen sich 
zeigende Rückständigkeit dieser Organe ist meist nicht verursacht durch nachweis- 
bare anatomische Mängel oder Fehler der Organe selbst, sondern sie hat haupt- 
sächlich ihren Grund in dem Fehlen, oder doch in der Mangelhaftigkeit der Koor- 
dination der rein optischen mit den beim richtigen Sehen unbedingt notwendigen 
motorischen Funktionen. Daher ist eine systematische Ausbildung der Tast- und 
Sehorgane erforderlich, und auch bier handelt es sich zumeist um die motorischen 
Funktionen, und die Übung und Ausbildung des Sehens hängt innig zusammen mit 
der Übung und Ausbildung der differenzierten Bewegungsorgane, der Hand und der 
Finger; denn es ist hinreichend erwiesen, dass bei der visuellen Sinnesauffassung zu- 
gleich mit der Augenbewegung auch der betastenden Hand eine sehr wichtige Rolle 
zukommt. Weder Flächen- und Körperform, noch Grösse und Entfernung könnten 
ohne Augen-, Hand- und Ortsbewegung aufgefasst werden. Erst durch die Be- 
wegung der betastenden Hand, der Augenrollmuskeln, der Linse bei der Akko- 
modation, der Iris bei Verengerung und Erweiterung der Pupille u.s. w. entsteht 
die sukzessive Reihe von Muskelempfindungen, die in ihrer Gesamtheit die Vor- 
stellung der Form und der Grösse, sowie der Entfernung (hier kommen auch 
ortsverändernde Bewegungen in Betracht) erzeugen. Auch ein Blinder lernt 
vermöge der Bewegung von Hand und Finger, Arm und Beinen, Formen- und 
Grössenverhältnisse, wie auch Entfernungen unterscheiden. Bei dem kleinen 
Kinde beobachten wir, wie die Fähigkeit, Dinge und Personen zu erkennen, 
durchaus nicht von Anfang an da ist, sondern sich bildet und wächst mit der 
Beweglichkeit. Es unterscheidet anfangs mit seinem optischen Apparat nur 
Helligkeitsgrade, und erst allmählich, wenn durch Bewegung heller, leuchtender 
Gegenstände, oder durch die eigene Ortsbewegung beim Getragen- oder Gefahren- 
werden, wie durch die Bewegung der Arme und Beine, mit denen es in dieser 
Zeit gerne spielt, die Augen zur Bewegung veranlasst werden, und sich Bewegungs- 
empfindungen der Greiforgane und der Augenbewegungsapparate koordinieren, 


23 


fängt es an, Dinge ihrer Form nach zu unterscheiden. Ohne diese Bewegungs- 
empfindangen würde alles durch das Auge Wahrnehmbare nur als form- und 
konturlose Flecke von verschiedenen Helligkeitsgraden ohne Grössenunterschiede 
erscheinen. Die Apparate, deren Tätigkeit diese Bewegungsempfindungen hervor- 
ruft, bedürfen besonderer Pflege und Übung. Blindgeberene, die durch Operation 
sehsnd geworden sind, hielten anfangs alles für Fläche, und erst nach und nach 
kamen sie durch die Tätigkeit der motorischen und lokomotorischen Apparate 
zum körperlichen Sehen. 

Eine systematische Ausbildung der Seh- und Tastorgane muss also mit 
Auffassungsübungen von flächenhaft ausgebreiteten Farben und einfachsten 
Flächenformen beginnen, bei denen zunächst vom sprachlichen Ausdruck abzu- 
sehen ist. Zu diesen Übungen eignen sich vorzüglich die Farben- u. Formen- 
bretter. 

Bei den Übungen am Farbenbrett ist nur allein die Farbe massgebend. 
Lediglich die optische Reaktion kommt in Betracht, ohne dass die sprachliche 
Bezeichnung dabei notwendig wäre. Daher ist das Farbenbrett ein zuverlässiges 
Untersuchungsmittel daraufhin, ob ein Kind wirklich die Farben visuell nicht 
zu unterscheiden vermag, oder ob es ihm nur an der sprachlichen Bezeichnung 
fehlt. Ist nur dies letztere der Fall, fehlt es nur an dem sprachlichen Aus- 
druck, so sind eben durch die Übungen am Farbenbrett, an die sich noch andere 
anschliessen lassen, die assoziativen Beziehungen herzustellen und zu festigen 
zwischen den Eindrücken des optischen Apparates und der Tätigkeit der Sprach- 
organe. Ist aber die visuelle Erkennung und Unterscheidung der Farben selbst 
ungenau und mangelhaft, findet das Kind nicht die gleiche Farbe, sieht es nicht 
den Unterschied verschiedener Farben, so muss die optische Funktion geübt 
werden, was durch häufiges Einsetzen gleicher und kontrastierender Farben am 
Farbenbrett geschieht. Erst wenn eine gewisse Sicherheit im Auffinden gleicher, 
im Erkennen verschiedener Farben erreicht ist, wird der sprachliche Ausdruck 
beigesellt. Diese Übungen finden ihre Fortsetzung im Arbeitsunterricht beim 
Aufkleben, Falten und Flechten und dürfen in ihrem Werte nicht unterschätzt 
werden, da der Umgang mit Farben einen sehr wohltätigen Einfluss ausübt auf 
die geistige Entwicklung. 

Bei den Formenbrettern kommt es auf Form und Grösse an. Auch bei 
diesen Übungen kommt der sprachliche Ausdruck zunächst nicht in Betracht. 
Sie sind daher ebensfalls ein zuverlässiges Kontrollmittel auf den Grad der Aus- 
bildung des Gesichts- und Tastsinnes wie auch auf die Existenz von assoziativen 
Beziehungen zwischen der Tätigkeit des Gesichts- und Tastsinnes und derjenigen 
der Sprachwerkzeuge Mit Hilfe der Formenbretter können zunächst auf ganz 
elementare und systematische Weise eben die motorischen Funktionen des Auges 
und der Tastorgane geübt und die Koordinationen zwischen der Tätigkeit der 
motorischen Apparate unter sich und mit der Tätigkeit des optischen Apparates 
hergestellt werden. Dadurch, dass das Kind dem Rande einer Formenscheibe 
mit dem Finger nachfährt, entsteht eine sukzessive Reihe von Bewegungs- 
empfindungen der Hand und des Fingers, zugleich aber auch eine solche der 


24 


Augenbewegungsapparate; denn das Auge folgt der Bewegung der Hand. Infolge 
des Parallelismus und der Gleichzeitigkeit koordinieren sich diese beiden Reihen 
von Empfindungen und erzeugen dadurch die Perzeption der Kontur, also der 
Form der Scheibe, und durch die Assoziationen, welche dadurch entstehen, dass 
mit der Reihe der Koordinationen motorischen Charakters auch immer eine 
gleichzeitige Reihe optischer Empfindungen verbunden wird, wird die Perzeption 
einer Fläche von bestimmter Form und Ausdehnung erzeugt. Durch mehr- 
maliges Wiederholen dieser Tätigkeit werden die entsprechenden sensorischen 
Leitungsbahnen geübt und die Perzeption eine geläufigere. Das Umfahren der 
passenden Öffnung bedeutet, da es eine Wiederholung der Funktionen ist, eine 
Förderung obiger Prozesse, worauf das Erkennen der Gleichheit beruht, das Um- 
fahren einer andern nicht passenden Öffnung bedeutet eine Hemmung, worauf 
das Erkennen der Ungleichheit beruht. 

Wie bei den Übungen der allgemeinen Organe der Motilität und bei den 
Übungen der Organe des Geruchs, Geschmackes und Gehörs durch einfache 
gleichzeitige Benennung der Tätigkeiten, der Dinge, Objekte, Produkte oder In- 
strumente, die bei der Tätigkeit in Betracht kommen, wie bei dem Farbenbrette 
durch Benennung der Farben die assoziativen Verbindungen hergestellt werden 
zwischen den sinnlichen Eindrücken und der Sprache, so geschieht dies auch, 
wenn ein gewisser Grad von Perzeptionsfähigkeit erreicht ist, bei den Übungen 
an den Formenbrettern. Sowohl das durch das Gehör aufgenommene Klangbild 
(eine sukzessive Reihe von Bewegungsempfindungen der Gehörsorgane) des vom 
Lehrer gesprochenen Wortes, als auch die Sprachbewegungsempfindungen, die 
durch das gleichzeitig mit der entsprechenden Tätigkeit, mit der sinnlichen 
Wahrnehmung erfolgende Nachsprechen des Wortes entstehen, vereinigen sich 
mit den andern sensorischen Empfindungen der auffassenden Apparate zu asso- 
ziativen Verbindungen, die eine psychische Einheit begründen. 

Diese durch die rezeptive Tätigkeit der Organe entstandenen zentralen 
assoziativen Verbindungen sind aber durch ihre Herstellung noch nicht genügend 
sicher und hinreichend geläufig, und die Bildung der Anschauung ist daher 
durch die Auffassungsübungen, durch die Bildung der Perzeption noch nicht 
vollendet. Die hergestellten Koordinationen müssen nach und nach so gefestigt 
und geläufig, so labil werden, dass sie jederzeit innerlich wiederbelebt werden 
können und zwar ohne dass alle bei der ersten Herstellung der Koordination 
tätig gewesenen peripheren Apparate wieder in vollem Umfang in Anspruch ge- 
nommen werden müssten. Den elementaren Perzeptionsübungen müssen Übungen 
folgen, welche die spezielle Übung der Wiederauflebungs- oder Repro- 
duktionsfunktion, also die Kultur des Gedächtnisses zum Gegenstand haben; 
denn ebenso wichtig als die Bildung der Anschauungen ist auch die Sorge für 
ihre Beständigkeit und Verwertbarkeit im Denken und Handeln. So notwendig 
ein systematisches Verfahren bei Ausbildung der Perzeption ist,. ebenso not- 
wendig ist eine methodische und planmässige Übung der Reproduktion. Diese 
systematische Ausbildung wird erreicht, wenn man die Reproduktionsübungen 
mit den Perzeptionsäbungen als unmittelbare Fortsetzung in Verbindung bringt. 


25 


Doch muss ein gewisser Grad von Auffassungsfähigkeit und eine gewisse Menge 
von assoziativen. Verbindungen bereits erarbeitet sein, wenn nicht unmögliche 
Leistungen verlangt werden sollen. Bei der Reproduktion verrichten dieselben 
Organe dieselbe Tätigkeit wie bei der Perzeption. Sie entsteht dadurch, dass 
von einer bereits hergestellten assoziativen Verbindung ein oder mehrere Elemente 
durch die entsprechenden peripheren Reizungen und zwar unter Leitung der 
motorischen Funktion wieder aufleben und durch diese die Wiederholung dee 
Perzeptionsprozesses veranlasst wird. Die systematischen Übungen schalten nach 
und nach eine Empfindung nach der andern in Wirklichkeit aus, bis schliesslich 
die im sprachlichen Ausdruck liegende Reizung genügt zum Wiederauflebenlassen 
der ganzen assoziativen Verbindung. Je geläufiger die Reproduktion, desto 
besser die Apperzeption und die Aufmerksamkeit. Das Endresultat der Perzeptions- 
und Reproduktionsübungen ist die Reproduktion ohne jede periphere Reizung, 
das spontane Denken, welches die notwendige Voraussetzung der eigenen 
Willensbestimmung ist. 

Aus alledem ist ersichtlich, dass die Sprache durchaus nicht das einzige 
und nicht das erste Untersuchungsmittel auf die Existenz psychischer Inhalte 
ist, so wenig als durch sie allein wirkliche Anschauungen erzeugt werden können. 
Man sieht aber auch, was man alles voraussetzt, wenn man gleich von Anfang 
an den grössten Teil des Lernstoffs durch die Sprache vermitteln will, und wie 
falsch es ist, die meiste Zeit auf die Ausbildung der Sprache zu verwenden und 
wie sehr die einseitige Inanspruchnahme des Zentralorganes durch Einüben einer 
Menge Memorierstoffes die geistige Entwicklung hemmen muss. Die Sprache 
ist nur eine Ausdrucksform und zwar nicht etwa eine primäre, sondern eine 
sekundäre. Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zeigt, dass die Sprache 
aus der Gestikulation entstanden ist. Dasselbe wiederholt sich bei der Ent- 
wicklung des Individuums. Die neuesten kinderpsychologischen Forschungen be- 
stätigen immer mehr die Tatsache, dass beim Kinde die Ausdrucksfähigkeit der 
Hand derjenigen der Sprache weit vorangeht. Die Sprache bildet sich erst durch 
die Ausdrucksfähigkeit der Hand, und es besteht eine fundamentale Verbindung 
zwischen dem motorischen Zentrum der Hand und demjenigen der Sprache. Das 
geht auch hervor aus der gehirnphysiologischen Tatsache, wonach das Sprach- 
zentrum innerbalb dem motorischen Zentrum der rechten Hand liegt, das zeigen 
ferner vielfache Beobachtungen bei gewissen Spracherkrankungen (Gutzmanns 
Sprachheilmethode). 

Die Hand spielt also nicht nur bei der Entstehung psychischer Inhalte eine 
äusserst wichtige Rolle, sie ist auch das erste und wichtigste Ausdrucksmittel. 
Ihre Ausbildung ist also für die geistige Entwicklung von grösster Bedeutung. 
Mit der Tätigkeit der Greiforgane beginnt die geistige Entwicklung und bleibt 
weiterhin mit der Ausbildung der manuellen Geschicklichkeit in kausaler Be- 
ziehung, und die Ausbildung der Hand als schaffendes und darstellendes Organ 
beeinflusst wesentlich die Entwicklung der Vernunfttätigkeit.*) 


_ 


*) Vergleiche M. Enderlein an anderer Stelle Seite 77—85. 


26 


Die körperliche Betätigung ist also nicht nur notwendig, um 
unsere Schwachen für einen Unterricht vorzubereiten, sie muss die 
Basis und das Rückgrat für das ganze erziehliche und unterricht- 
liche Verfahren in der Hilfsschule sein. 


Zur Organisation der Hilfsschule. 
Vortrag, im Erziehungs- und Fürsorgeverein für Schwachsinnige in Berlin gehalten von 
Dir. Dr. A. Gündei, Rastenburg (Ostpreussen). 
(Schluss.) 

Die Auswahl des Unterrichtsstoffes erstreckt sich aber nicht nur auf die 
Fächer allein, sondern auch auf das innerhalb eines Faches zur Verfügung 
stehende Material, und bei dessen Schätzung für die Hilfsschule hat so recht 
der Lehrer Gelegenheit, sich ganz als Meister in der Beschränkung zu zeigen. 
Massgebend bleiben natürlich in erster Linie die geistige Anlage und das praktische 
Bedürfnis des Schülers. Mit ihrem Wissen, Können und Wollen haften unsere 
Imbezillen immer an der Oberfläche. Über ein Verständnis der nächstliegenden 
und einfachsten Verhältnisse gelangen sie nicht hinaus, woraus sich die Not- 
wendigkeit ergibt, von vornherein nur diese Verhältnisse ins Auge zu fassen 
und von allem Fernerliegenden abzusehen. Aber die Elemente der Lebens- 
erscheinungen rekrutieren sich aus den verschiedensten Gebieten. Deshalb muss 
alles, was dem menschlichen Geiste überhaupt näher tritt und was die Grund- 
lage auch der kompliziertesten und höchsten Äusserung seiner Kraft bildet, in 
seinen Anfängen und elementaren Bestandteilen auch dem schwachsinnigen 
Geiste dargereicht werden, um ihm so eine bei aller Oberflächlichkeit doch ab- 
gerundete, möglichst allseitige Ausbildung zu übermitteln. Wenn „die Welt in 
jedem Winkel der Abglanz des Ganzen ist“, wie A. v. Humbeldt behauptet, so 
trägt auch jeder Winkel Teile und Züge, vor allem die Grundzüge des Welt- 
ganzen an sich, und wenn ich den Imbezillen nur in seinem Winkel heimisch 
machen will, so muss ich ihm eben alle diese Grundzüge nahe bringen. Daher 
die Forderung: von allem etwas für den Schwachsinnigen, denn auch sein Winkel 
ist der Abglanz des Ganzen, aber nichts Überflüssiges, nicht mehr als er ver- 
tragen kann, denn sein Wirkungskreis ist eben ein Winkel, in den ihn der Wille 
des Höchsten gesetzt hat, und über den er nur in Ausnahmefällen hinaus- 
gedrängt wird. So müssen denn Gottes-, Menschen- und Naturkunde oder Sach- 
und Formenunterricht, oder wie man sonst die unter den Begriff „Allgemein- 
bildung“ fallenden Gegenstände benennen mag, die Materialien des Hilfsschul- 
unterrichtes ‚bilden, sich auf das niedrigste Maß beschränken, dabei aber für 
etwas heftigere Gänger immer eine erhöhte Futterration in Reserve halten. 

Auch die Anordnung des Stoffes innerhalb eines Faches richtet sich nach 
der schwachen Fassungskraft des Hilfsschulzöglings, und die bekannten didak- 
tischen Grundregeln: vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Nahen zum 
Fernen, vom Konkreten zum Abstrakten, vom lückenlosen Fortschritt, vom ne 
quid nimis, vor allem von der rechten sinngemässen Konzentration müssen bei 


27 


Aufstellung der einzelnen Lehrgänge viel eingehender und gewissenhafter. be- 
obachtet werden, als in Normalschulen. Besonders verlangt die dem Imbezillen 
eigentümliche Reproduktion nach dem Gesetze der Ähnlichkeit und Koexistenz 
eine womöglich in jeder Stunde nötige Bezugnahme der Stoffe aufeinander. 
Wenn bei einem gewissen Parallelismus in den Lehrgängen verwandte Gegen- 
stände gleichzeitig zur Behandlung kommen, dann unterstützt bei der An- 
eignung des Wissensstoffes durch den Schüler ein Fach das andere, indem es 
den adäquaten Vorstellungskomplex des anderen Faches nicht nur mobilisiert 
und reproduziert, sondern überhaupt mit bilden hilft. 

‘Unter das Kapitel der Anordnung des Stoffes fällt auch die Aufstellung 
des Stundenplanes. Dabei gilt es, die gleichen Tagesstunden mit den gleichen 
Unterrichtsfächern zu belegen, im Interesse der Individualisierung und ferner 
die leichteren und schwereren Fächer gehörig miteinander abzuwechseln. Mehr 
Anstrengung des aufmerksamen Kindes erfordern die vorwiegend als Massen- 
unterricht zu betreibenden Fächer der Realien, während in den Formalfächern 
ein Abteilungs- bez. Einzelunterricht Platz greift, der durch die stillen Be- 
schäftigungen immerhin dem Geiste mehr Ruhe gönnt, als jener. Was mán 
in den Normalschulen mit Nachmittagsunterricht zur Regel macht, die Ver- 
legung der den Geist besonders anstrengenden Wissensfächer auf den Vormittag 
und die Reservierung des Nachmittags für die technischen Fächer, gilt vor 
allem für die Hilfsschule Zu den letzteren würde sich noch der Unterricht 
in den Handarbeiten gesellen. 

Die Verteilung des Lehrstoffes auf die einzelnen Schuljahre bedingt ferner 
ein Eingehen auf die Frage nach der Gliederung der Hilfsschule.. Die Auf- 
fassungen über diesen Punkt divergieren freilich. Wir finden in den Hilfs- und 
Anstaltsschulen den 3, 4, 5 und Östufigen Organismus vertreten, was seinen 
Grund z. T. wohl in der ungenügenden Auseinanderhaltung von Haupt- und 
Neben- bez. Parallelstufen bei einer infolge erhöhter Schulfrequenz nötigen 
Klassenbildung und ferner darin haben mag, dass über Wesen und Zweck der 
sog. Vorbereitungsklasse noch nicht genügend Einigkeit herrscht. Fasst man 
den üblichen 8jährigen Schulbesuch ins Auge, so bleiben, wenn man 1 Jahr 
für den Aufenthalt des Kindes in der Normalschule, 1 für den in der Vor- 
bereitungsklasse in Abzug bringt, noch 6 für das Studium in den eigentlichen 
Hilfsschulklassen übrig. Das weist uns naturgemäss auf den 6stufigen Organismus 
hin. Da in einem solchen die Stufen sachlich lange nicht soweit wie bei einer 
Normalschule auseinanderliegen, so mag im allgemeinen das geistige Niveau 
der obersten Stufe ungefähr dem eines 4. Normalschuljahres entsprechen, abgesehen 
natürlich von dem Vorsprung, der sich für den soweit gediehenen Schwach- 
sinnigen aus der- spezifischen, auf einen bestimmten Abschluss hinzielenden 
Organisation der Hilfsschule ergibt, und dem Defizit, das zwischen ihm und 
dem 10jährigen Normalschulkinde, vor allem im Rechnen, immer bestehen bleiben 
wird. Ein solcher Ausbau ist natürlich nur bei einer entsprechenden Schul- 
frequenz möglich, aber es muss und kann der Lehrplan umsomehr darauf zu- 
geschnitten werden, als es namentlich in grossen Städten an der nötigen 





ÁÁ ——— E 





| 


29 


Stellt sich durch den Besuch der Vorbereitungsklasse jedoch irgend ein 
äusserer Defekt als Ursache des Zurückbleibens heraus, z. B. übertriebene 
Ängstlichkeit, Stottern, Verwahrlosung, Schwerhörigkeit, Nasenwucherung u. s. w.. 
den die Einzelbehandlung natürlich viel leichter findet als der Lehrer in der 
womöglich mit 60 Mann belegten Normalschulklasse, so kann nach Erkennung 
und ev. Beseitigung dieses Defektes auch einmal, was freilich nur ganz, ganz 
selten eintreten wird, eine Rückversetzung in die Normalschulklasse statt- 
finden, oder aber es muss das Kind, wenn es sich um Schwerhörigkeit handelt, 
einer besonderen Klasse zugeführt werden, deren ganzer Unterriohtsbetrieb von 
vornherein mit dem betr. körperlichen Leiden rechnet Da aber Schwerhörig- 
keit öfters als man denkt, den Bemühungen des Lehrers hindernd in den Weg 
tritt, die Einwirkung auf den Schüler ferner trotz des von Herrn Reinfelder in 
Berlin erfundenen ingeniösen Vielhörers eine duroh und durch spezialisierende sein 
muss, weshalb auch die Schülerzahl 8 nicht überschreiten darf, so stellt gewiss jede 
Gklassige Hilfsschule genügend Material, um eine Schwerhörigenklasse zu füllen. 
Dagegen möchte ich, wie es ja auch der 3. Hilfsschultag tat, sohwaohsinnige 
Blinde und Taubstumme aus der Hilfsschule heraus in die entsprechende An- 
stalt verwiesen wissen, wo zunächst in geeigneter, der Organisation der betr. 
Anstalt entsprechender Weise Ersatz für das fehlende Sinnesorgan geschaffen 
werden muss, um alsdann dem schwachen Zentralorgane näher treten zu können. 

Die Frage nun, die Ihr Verein zum Gegenstand seiner besonderen Erörte- 
eungen und Fürsorge gemacht hat: Was wird aus dem Imbezillen nach seiner 
Entlassung aus der Schule, streift eine besondere Klasse, die noch der Hilfsschule 
hinzugefügt werden muss zur Erhaltung und Befestigung der in ihr erworbenen 
Kenntnisse, vor all m aber, um den Zögling bei der Anwendung derselben auf 
die jeweilige berufliche Tätigkeit auf die richtige Fährte zu leiten. Das ist die 
Fortbildungsklasse Nach seiner Schulentlassung steht der Imbezille selbst 
mitten drinn im praktischen und geschäftlichen Tun. Der Boden, auf dem er 
fusst, die Menschen, die ihn umgeben, die näheren und weiteren Ziele, die Mittel und 
Gegenstände seiner Tätigkeit, kurz, sein spezieller Wirkuugskreis muss dem Unter- 
richte in jener Fortbildungsklasse zu grunde gelegt werden, die sich für das weihliche 
Geschlecht natürlich eben so nötig macht, wie für das männliche, da ich jenem 
nicht zugestehen will, dass es sich allein leichter fortfinde, als dieses. Der Stoffplar 
der Fortbildungsklasse stützt sich dabei immer auf den der Hilfsschule, wie aurè 
besondere äussere Rücksichten eine lokale Vereinigung beider erstrebenswert machen. 

An die Frage nach der Auswahl und Anordnung des Stoffes reiht sich natur- 
gemäss die nicht minder wichtige der Behandlung desselben oder der Methodik. 
Ich kann jetzt nicht auf die Methodologie der einzelnen Fächer eingehen, sondern 
muss mich, gerade wie bei der Stoffauswahl, darauf beschränken, die allgemeinen 
Grundsätze anzuführen, die der Lebrer der Hilfsschule hei der Durcharbeitung 
und Einprägung des Lehrstoffes ganz besonders beachten mum. Über dipan 
Grenze darf und will ich umsoweniger hinausgehen, als gerade in pun«to Methnde 
die libertas in dubiis in ihre Rechte tritt Die Methodo macht den Mann, nnd 
so verschieden wie die Lebrernaturen, sind denn anch Ihre Inlrweiaon pr“ 


k 


a 


28 


‚Schülerzahl nie fehlen wird und ausserdem bei dem Verharren der Imbeaillen 
im infantilen Stadium auch in körperlicher Beziehung ein 9. und auch 10. Schul- 
jahr ihrer Ausbildung, natürlich vorläufig nur im Einvernehmen mit den Eltern, 
leicht zugelegt werden kann. Dieses System gewährt zugleich den Vorzug eines 
mehr gleichmässigen Fortschrittes und erübrigt dadurch mehr oder weniger das 
lästige und die unterrichtliche Tätigkeit so sehr erschwerende Abteilungbilden. 
Gestatten jedoch die Verhältnisse die Errichtung eines so vielgliedrigen Organis- 
mus nicht, dann erscheint wieder nichts natürlicher, als 2 Jahrgänge in einer 
Klasse zu vereinigen und so 3 Stufen im ganzen zu schaffen, die der Klassen- 
und Stoffeinteilung bei Normalschulen entsprechen und als Unter-, Mittel- und 
Oberstufe bezeichnet werden. Der Kursus jeder der 3 Klassen müsste dann 
natürlich ein zweijähriger sein. Die Trichotomie dürfte wohl jeder Organisation 
zu grunde gelegt werden können und durch Errichtung von Parallelklassen jede 
beliebige Erweiterung zulassen, ohne der Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit 
Schaden zu tun. Sie erscheint mir als das Richtige, weil sie der Entwickelung 
des kindlichen Geistes im schulpflichtigen Alter am meisten konform geht, indem 
sie auch beim Imbezillen eine Periode des Anschauens, Reproduzierens und 
Denkens, natärlich mit entsprechenden Einschränkungen, darstellt, und weil sie 
die in der Regel zur Verfügung stehenden 6 Schuljahre am gleichmässigsten 
unterbringt, soweit natürlich die Verschiedenheit in den Fortschritten der Kinder 
das gestattet. 

Ich habe bei der Verteilung der Schüler auf die einzelnen Klassen nur 
den Gesichtspunkt der Begabung im Auge. Gegen eine Trennung der Ge- 
schlechter und der dadurch notwendigen Einrichtung weiterer Parallelklassen 
wird sich bei hinreichend erfüllten Vorbedingungen wenig einwenden lassen. 

Die Natur der Hilfsschulzöglinge führt jedoch noch zur Bildung besonderer 
Klassen, die vor der nach Geschlechtern getrennter Parallelklassen auf alle 
Fälle den Vorzug verdienen. 

Dem 3 oder 6teiligen Hauptkörper hat eine sogenannte Vorbereitungsklasse 
vorauszugehen. Sie nimmt zunächst die nach einjährigem, vergeblichen Normal- 
schulbesuche der Hilfsschule überwiesenen Kinder auf, sucht die Ursache des 
Zurüokbleibens festzustellen und versetzt darauf nach den dabei gemachten 
Erfahrungen weiter. Oder aber sie behält, was meistens der Fall sein wird, 
bei entsprechend minderwertiger Beanlagung die Kinder, um sie, und darin 
besteht ihre Hauptaufgabe, durch den sogenannten vorbereitenden Unterricht 
erst unterrichtsfähig zu machen Über diese Tätigkeit äussert sich eingehender 
Barthold in seinem Büchelchen: „Der erste vorbereitende Unterricht für 
Schwach- und Blödsinnige*. Er will vor allem die Sinne schärfen, das Interesse 
wecken und die Aufmerksamkeit zwingen und bedient sich dabei der sogen. 
Fröbelschen Beschäftigungen, des Bauens, Malens, Ausnähens, Flechtens, 
ferner des Unterscheidens, Bilderlesens u. s. w., vor allem des Spielens. Erst 
nachdem das Kind in der Vorbereitungsklasse die Fähigkeit nachgewiesen hat, 
dem Unterrichtsgange folgen zu können, versetzt es der Lehrer in die eigent- 
liche Hilfsschulklasse. 





29 = 


Stellt sich durch den Besuch der Vorbereitungsklasse jedoch irgend ein 
äusserer Defekt als Ursache des Zurückbleibens heraus, z. B. übertriebene 
Ängstlichkeit, Stottern, Verwahrlosung, Schwerhörigkeit, Nasenwucherung u. s. w., 
den die Einzelbehandlung natürlich viel leichter findet als der Lehrer in der 
womöglich mit 60 Mann belegten Normalschulklasse, so kann nach Erkennung 
und ev. Beseitigung dieses Defektes auch einmal, was freilich nur ganz, gan. 
selten eintreten wird, eine Rückversetzung in die Normalschulklasse statt- 
finden, oder aber es muss das Kind, wenn es sich um Schwerhörigkeit handelt, 
einer besonderen Klasse zugeführt werden, deren ganzer Unterrichtsbetrieb von 
vornherein mit dem betr. körperlichen Leiden rechnet Da aber Schwerhörig- 
keit öfters als man denkt, den Bemühungen des Lehrers hindernd in den Weg 
tritt, die Einwirkung auf den Schüler ferner trotz des von Herrn Reinfelder in 
Berlin erfundenen ingeniösen Vielhörers eine durch und durch spezialisierende sein 
muss, weshalb auch die Schülerzahl 8 nicht überschreiten darf, so stellt gewiss jede 
Gklassige Hilfsschule genügend Material, um eine Schwerhörigenklasse zu füllen. 
Dagegen möchte ich, wie es ja auch der 3. Hilfsschultag tat, sohwachsinnige 
Blinde und Taubstumme aus der Hilfsschule heraus in die entsprechende An- 
stalt verwiesen wissen, wo zunächst in geeigneter, der Organisation der betr. 
Anstalt entsprechender Weise Ersatz für das fehlende Sinnesorgan geschaffen 
werden muss, um alsdann dem schwachen Zentralorgane näher treten zu können. 

Die Frage nun, die Ihr Verein zum Gegenstand seiner besonderen Erörte- 
rungen und Fürsorge gemacht hat: Was wird aus dem Imbezillen nach seiner 
Entlassung aus der Schule, streift eine besondere Klasee, die noch der Hilfsschule 
hinzugefügt werden muss zur Erhaltung und Befestigung der in ihr erworbenen 
Kenntnisse, vor all m aber, um den Zögling bei der Anwendung derselben auf 
die jeweilige berufliche Tätigkeit auf die richtige Fährte zu leiten. Das ist die 
Fortbildungsklasse. Nach seiner Schulentlassung steht der Imbezille selbst 
mitten drinn im praktischen und geschäftlichen Tun. Der Boden, auf dem er 
fasst, die Menschen, die ihn umgeben, die näheren und weiteren Ziele, die Mittel und 
Gegenstände seiner "Tätigkeit, kurz, sein spezieller Wirkuugskreis muss dem Unter- 
richte in jener Fortbildungsklasse zu grunde gelegt werden, die sich für das weibliche 
Geschlecht natürlich eben so nötig macht, wie für das männliche, da ich jenem 
nicht zugestehen will, dass es sich allein leichter fortfinde, als dieses. Der Stoffplan 
der Fortbildungsklasse stützt sich dabei immer auf den der Hilfsschule, wie auch 
besondere äussere Rücksichten eine lokale Vereinigung beider erstrebenswert machen. 

An die Frage nach der Auswahl und Anordnung des Stoffes reiht sich natur- 
gemäss die nicht minder wichtige der Behandlung desselben oder der Methodik. 
Ich kann jetzt nicht auf die Methodologie der einzelnen Fächer eingehen, sondern 
muss mich, gerade wie bei der Stoffauswahl, darauf beschränken, die allgemeinen 
Grundsätze anzuführen, die der Lehrer der Hilfsschule bei der Durcharbeitung 
und Einprägung des Lehrstoffes ganz besonders beachten muss. Über diese 
Grenze darf und will ich umsoweniger hinausgehen, als gerade in puncto Methode 
die libertas in dubiis in ihre Rechte tritt. Die Methode macht den Mann, und 
so verschieden wie die Lehrernaturen, sind denn auch ihre Lehrweisen. Jeder 


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Lehrer muss, wenn er Erfolge sehen will, mit seinem Herzen, seinem ganzen 
inneren Wesen und seiner vollen Persönlichkeit und Subjektivität auf den Schüler 
einwirken und sein eigener „aner“ bleiben können. Bodenständige Pädagogik 
muss er treiben, um mit Pilz zu reden, d. h. „die Wurzeln ihres Könnens müssen 
bis in jene fruchtbaren Tiefen seiner spezifischen Begabung hinabreichen, wo 
das „Nährsalz ausgeprägter Eigenart ruht“. Des Lehrers Urwüchsigkeit und 
Initiative, seinem Spürsinn und Scharfblick muss die Auffindung und Anwendung 
der geeigneten Mittel anheimgestellt bleiben. Aufgedrungene, dem Schema F. 
entlehnte Methoden drücken ihn, hindern die freie Entfaltung seiner Individualität, 
das Sichausleben seiner Kraft und Persönlichkeit, kommen nicht vom Herzen 
und finden daher auch nicht den Weg dorthin. Besonders das schwachsinnige 
Kind verlangt eine rückhaltlose, natürliche, durch keine starren Vorschriften be- 
engte Hingabe seines Erziehers und Unterweisers., Aber gerade, wenn der fleissige, 
gewissenhafte Lehrer sein eigenes Ich hinabgleiten lässt in die Gemeinschaft mit 
seinem Schüler, dann treibt ihn die auf Erfahrung und gesundem Menschenver- 
stand sich gründende pädagogische Einsicht ganz von selbst zur Anerkennung 
bestimmter Fundamentalsätze, die ich kurz skizzieren möchte. 

Wie in der Normaldidaktik, so nimmt auch hier der bekannte Grundsatz 
die erste Stelle ein: Unterrichte anschaulich! Das Wort Lokes: nihil est 
intellectu, quod non antea fuit in sensu übersetzte bekanntlich Pestalozzi für den 
Unterricht in den Lapidarsatz: Die Anschauung ist das Fundament aller Erkenntnis- 
Sie soll Wahrnehmungen und Vorstellungen, also Bilder von anwesenden und 
abwesenden Gegenständen erzeugen. Dem Imbezillen gebricht es schon an den 
ersteren. Seine Augen sehen und seine Ohren hören oft nicht. Er muss das 
Wahrnehmen, Hinsehen und Anschauen erst lernen und veranlasst werden, sich 
von den Eigenschaften eines Dinges, möglichst mittels aller Sinne zu überzeugen, 
oder, wie der Volksmund sagt, mit der Nase darauf gedrückt werden. Ist das 
im Schulzimmer nicht möglich, so helfen Exkursionen nach Schulgarten, Hof, 
Haus, Stell, Scheune, Strasse, Stadt, Wald, Wiese, Feld etc , die betreffenden Gegen - 
stände vor die Augen zu führen, um soviel als es irgend geht, den Bilderdienst, 
der in allen andern Fällen natürlich zu den notwendigen Übeln gehört, über- 
flüssig zu machen. Kein Sinnesorgan darf ausser Tätigkeit bleiben, um einen 
Gegenstand allseitig zu untersuchen, und wenn es gelten sollte, einen Stein zu 
belecken, zu beriechen etc. Szenen aus einem zeitlichen Nacheinander müssen 
nicht nur in effigie gezeigt, sondern, soweit es sich tun lässt, an den dem Kinde 
geläufigen Erscheinungen erläutert, ev. durch die Schüler selbst nachgebildet 
werden. „Die Anschaulichkeit muss zur Handgreiflichkeit werden“ sagt Karl 
Richter und trifft damit, wie so oft, den Nagel auf den Kopf. 

Nicht als Fundament, sondern als Ziel der Erkenntnis will der zweite 
Grundsatz die Gegenstände und Ereignisse der Umgebung betrachtet wissen: 
Unterrichte praktisch! Er verlangt einesteils die direkte Übertragung des 
Gelernten ins Praktische, andernteils hilft er, die Erfahrungen und vorvagriite 
sammeln, auf denen der Anschauungsunterricht aufbauen muss. 

Mit toten Buchstaben weiss der Imbezille nichts anzufangen. ‘Die selb- 


a 


ständige Verbindung von Wort und Sache, von Theorie und Praxis, von Schul- 
wissen und Lebenserfahrung stellt zu hohe Anforderungen an sein geistiges 
Vermögen. Zur Verwertung des Gelernten im Leben bedarf er planmässiger 
Anleitung, die ihn gewöhnt, ausserhalb der Schule auf alles zu achten, was in 
Beziehung zum Unterrichte steht, und die Nutzanwendung daraus zu ziehen. So 
müssen Hausnummern und Strassennamen, Plakate, Zeitungsanzeigen, Briefe 
Postkarten, Adressen gelesen bez. geschrieben werden, Einkäufe besorgt, Geld 
gewechselt, Preise berechnet, Fahrkarten gelöst, Ausgaben gebucht, Kilometer 
gezählt, Ausdehnungen gemessen, Gegenstände gewogen, Zeit eingeteilt und an 
den öffentlichen Uhren abgelesen, vor allen auch der mündliche Verkehr und 
die Verständigung mit dem Publikum angebahnt werden und dergleichen mehr. 

Andererseits bringen normale Schüler gewisse Vorbegriffe mit zur Schule, 
die dem abnormen immer noch fehlen. Eine tabula rasa wird er dem Lehrer 
übergeben, der auch nicht das einfachste bei ihm voraussetzen darf, sondern ihm 
den sinnenfälligsten Vorgang ad oculos demonstrieren, die elementarsten Dinge 
aufgreifen und bis zur Geläufigkeit exərzierən muss. Dahin gehören z. B.: 
Erklärung der häuslichen, namentlich der verwandtschaftlichen Verhältnisse, 
Einführung in die Schulordaung, Einprägung der Tages- und Monatsnamen, von 
Raum- und Zeitbegriffen wie hinten, vorn, früh, nachts, von Farben-, Formen-, 
Temperatur- und anderen Unterschieden, die Gegenstände der vorhin berährten 
Geschicklichkeits- und Anstandsübungen u. s. w. Wandelt das Prinzip der 
Anschaulichkeit jede Unterrichtsstunde zu einem Gange ins Leben, so fordert der 
Gang ins Leben wieder besondere Unterweisung, für die schlieslich nicht gerade 
planmässige Lektionen festgesetzt zu werden brauchen, die aber, wenn auch nur 
gelegentlich, so doch im Interesse einer praktischen Betätigung der Kinder auf 
alle Fälle erfolgen muss. | 

Das heute lauter denn je von und für Pädagogen geforderte Studium der 
Kindesseele, ihres regulären und irregulären Werdeganges, zielt auf die Durch- 
führung eines weiteren Grundsatzes ab: Unterrichteindividuell! In der Normal- 
klasse muss leider gar vieles über einen Kamm geschoren werden, schon aus 
Rücksicht auf das durch den Lehrplan fixierte Ziel, hinter dem am Ende des 
Schuljahres immer nur Ausnahmen zurückgeblieben sein dürfen. Je weniger: 
ein desto besseres Zeugnis für den Lehrer! Der Massenunterricht verkehrt sich 
in der Hilfsschule aber in Einzelunterricht, und der appelliert vor allem an das 
psychologische Wissen und Können des Lehrers, an seinen Blick in die Seele des 
Kindes. Auf der Lektüre dieses oft gewiss fest verschlossenen Buches baut er seinen 
Plan auf, indem er, immer vorsichtig tastend und forschend, die geeigneten, 
lediglich aus der Emperie zu gewinnenden Mittel und Wege feststellt, die bei 
dem oder jenem Schüler zum Ziele führen werden. Er erfährt es aus der Praxis 
heraus wohl am deutlichsten, warum man die Pädagogik eine angewandte 
Psychologie heisst. Wie weit sich die Gänge des kindlichen Seelenlabyrinthes 
verzweigen, wie verschiedenartig das Kind selbst den Ausweg daraus sucht, und 
wie schwierig und kompliziert sich für den Lehrer das Werk gestaltet, bei der 
beabsichtigten Apperzipierung des Stoffes dem Schüler auf Grund der vorhandenen 


32 


Anlage in der schonendsteu und bequeinsten Weise an die Hand zu gehen, lehrt 
am besten der Rechenunterricht, der allein soviel Mühe und Geduld erfordert, 
als die übrigen Fächer zusammengenommen. 

Dem Verlangen nach Individualisierung tragen aber ansser bei der Darrei- 
chung des Stoffes in der Hilfsschule noch verschiedene Vorkehrungen Rechnung, 
die sich ebenso mit der Person des Schülers selbst, wie mit besonderen äusseren 
Klasseneinrichtungen befassen. 

Da macht sich zunächst neben den in der Normalschule geführten Listen, 
die Anlage der sogenannten Individualitätenhefte nötig. Ihr Name deutet den 
Zweck schon an. Ausser den Personalien der Schule enthalten sie etwaige 
Angaben der Eltern über das Verhalten des Kindes im vorsehulpflichtigen Alter, 
über vermutliche Ursachen des Schwachsinnes, über ev. erbliche Belastungen, 
über das Vorleben, die häuslichen Verhältuisse und den Gesundheitszustand der 
Eltern ete. Daran schliesst sich der Bericht des Lehrers und Schularztes der 
Normalschule, auf Grund dessen die Überweisung an die Hilfsschule erfolgt. 
Ihm reiht sich eine schriftliche Fixierung des Aufnahmebefundes durch den 
Leiter und Arzt der Hilfsschule an. Ausführlich folgt sodann jedes Jahr eir 
Eintrag über das körperlich, häusliche, sittliche und geistige Befinden, und zwar 
auf Grund der Notizen des Jahresheftes. Am Ende der Schulzeit beschliessen 
endlich das Urteil des konfirmierenden Geistlichen, Angaben über die Gründe 
der Entlassung, die Wege, welche die Abiturienten einzuschlagen gedenken, und 
die Aussichten, die sich ihnen für das spätere Leben infolge ihrer geistigen 
Qualifikation eröffnen, dieses Individualitätenheft. Hierbei möchte ich nicht zu 
erwähnen unterlassen, dass gerade in grösseren Städten sich leicht Gelegenheit 
bieten wird, für die Imbezillen einen Seelsorger zu finden, der sie alle zusammen 
für die Konfirmation vorbereitet. Nötig macht sich eine solche Regelung der 
Frage, um dadurch eine in verschiedener Hinsicht verfehlte Vereinigung von 
Normalen und Imbezillen, ausserdem aber den die Schule über kirchliches 
Gebiet führenden Ausweg unmöglich zu machen, der z. B. in Elberfeld die Vor- 
bereitung der Konfirmanden dem Lehrer überträgt. 

Neben dem Individualitätenhefte hat jeder Lehrer ein sog. Jahresheft 
mit als Konzept für jene geltenden Notuten über gelegentliche, die Erziehung 
und Entwickelung jedes Schülers betr. Wahrnehmungen auszufüllen, welches am 
Ende des Jahres mit einer übersichtlichen Zusammenstellung des behandelten 
Stoffes und den dabei gemachten Erfahrungen und erzielten Erfolgen abschliesst. 
Diese zusammenfassende Darstellung der Klassenresultate halte ich für nötig, 
um erstens einmal das geistige Niveau der Klassen und somit der ganzen Schule 
im Vergleich zu andern zu präzisieren und eventuelle Schwankungen nach 
+ oder -- zu konstatieren, und zum andern, um darüber positive Angaben zu 
erhalten, in welchem Verhältnis die Entwickelung der Einzelnen Schritt gehalten 
hat mit der Durchschnittsentwickelung der Klasse und ob eventuell seine sittliche 
oder unsittliche Führung sich erklären lässt aus Verführung und psychologischer 
Ansteckung durch irgend einen Mitschüler. Die Kenntnis des relativen Fort- 
schrittes eines Schülers ist für die Aussicht auf sein späteres Fortkommen 


b- nn 


il] 





33 


ebenso von Bedentung, wie die aus dem Hefte ersichtlichen Charaktere seiner 
Klassengenossen, also seines Umganges, für seine spätere Handlungsweise. 

Alle in diese Hefte zu machenden Eintragungen erfordern aber möglichste 
Präzision, namentlich, wenn sie den von Behörden verlangten Auskünften genügen 
sollen. Die jetzt übliche Zensierung in Worten oder Ziffern lässt der subjektiven 
Auslegung zuviel Spielraum, als dass aus ihr die unmoralischen, antisozialen 
Neigungen, der jeweilige Grad der Befähigung und die positiven Leistungen klar 
und bestimmt zu erkennen wären. Es muss daher, da voraussichtlich das Eltern- 
haus auf den alten Modus nicht ohne weiteres verzichten wird, nebenher in den 
Individualitäten- und Jahresheften in schlichten Worten über den Zögling 
berichtet werden und u. a. das positive Wissen und Können in jedem Fache 
direkt genannt sein, z. B.: Schüler X rechnet im Zahlenraume 1-10, Addition 
und Subtraktion, mündlich und schriftlich, selbständig, aber noch nicht fehlerfrei 
So erhalten wir durch die Individualitätenbefte ein die ganze Schulzeit umfassendes, 
fortlaufendes Entwiekelungsbild des einzelnen Schülers, durch die Jahreshefte 
ein die Gesamtheit nach ihrem moralischen und geistigen Status an einem Bellobıgen 
Zeitpunke überblickendes Gleichzeitigkeitsbild. 

Den schriftlichen Ausweisen über einen Schüler wohnt natürlich eine 
stärkere Beweiskraft inne, als Aussagen, die vielleicht 10 oder 20 Jahre später 
aus dem Gedächtnis oder auf Grund mehr oder weniger doch nur relativ zu 
bewertender Ziffern gemacht werden müssen. Sie bieten der forensischen 
Psychiatrie zuverlässigere Unterlagen bei Aburteilung eines Dolus und treten 
unmittelbar für die Lehrer ein, dessen persönliches Zeugnis sie überflüssig machen, 
wodurch sie ihn vor manchen äusseren Unannehmlichkeiten und inneren Konflikten 
bewahren. 

Erreicht nun ein Schüler das Ziel seiner Klasse überhaupt nicht, so erforder. 
das Prinzip des Individualisierens ein längeres Verweilen und sogenanntes Sitzen- 
bleiben in derselben. Erreicht er es vielleicht nur nicht in einem Fache, so 
gestattet der zwischen den einzelnen Klassen einzurichtende und durch die 
Belegung der gleichen Tagesstunden mit den gleichen Fächern mögliche Austausch 
der Schüler den weiteren Besuch der niederen Klassen in dem betr. Fache, wie 
er andererseits einem in einer Disziplin, besonders vorangeeilten Schüler den 
Besuch der nächsthöheren erlaubt. Ein solches Austauschen vermindert zugleich 
das ebenfalls der verschiedenen Begabung Rechnung tragende, freilich den 
Unterricht keineswegs fördernde Abteilungbilden innerhalb der einzelnen Klassen, 
bezügl. dessen das Bestreben des Lehrers immer wird dahin gehen müssen, soviel 
als möglich Zöglinge unter einen Hut zu bringen. Wo das jedoch nicht 
durchzuführen ist, muss die Unterweisung in besonderen Abteilungen erfolgen, 
deren Zahl sich eben nach der geistigen Beschaffenheit der Klasseninsassen richtet. 

Die Verschiedenheit der Begabung und die daraus sich ergebenden Sonder- 
behandlung bedingt vor allem eine Reduzierung des Klassenbestandes auf 
ein niedrigeres Mass als in der Normalschulee 12—15 Schüler in der Klasse 
einer 3stufigen Schule geben jedem gewissenhaften Lehrer gerade genug zu tun, 
und eine darüber hinausgehende Besetzung muss eine Vernachlässigung dieses 


34 


oder jenes Kindes nach sich ziehen und sich durch geringere Erfolge rächen. 
Ein mehrklassiger Organismus erübrigt natürlich teilweise das Abteilungbilden 
und gestattet dadurch die gleichzeitige Bebandlung einer grösseren Mehrheit, 
sodass der Klassenbestand wohl auch auf 20 erhöht und dadurch in Van 
Punkten der ganze Betrieb verbilligt werden könnte. 

Da nun ferner das Einleben in die Seele des Kindes eine so schwere Sache 
ist, der Lehrer aber um so leichter dazu gelangt, je mehr und länger er den Schüler 
vor sich und je mehr er Gelegenheit hat, dessen Reaktion auf die verschiedenen 
Unterriohtsstoffe, -formen, -tätigkeiten und -metboden zu beobachten, da ihn 
ferner ‘der Lehrer in seiner geistigen Totalität erfassen muss, um schliesslich die 
relativ entwickeltste Seite seines Könnens auszufinden und auszunutzen, da vor 
allem das Kind sein Vertrauen und seine Hingabe leichter auf einen, als auf 
zwei Lehrer auf diesen aber dann eher ganz, konzentrieren wird, so erscheint 
eine strikte Durchführung des Klassenlehrersystems doppelt am Platze. Aus- 
nahmen hiervon gestattet nur der eben besprochene Austausch der Schüler zwischen 
den einzelnen Klassen, abgesehen davon, dass die gleichzeitige Legung sämtlicher 
Unterrichtsfächer durch alle Klassen hindurch sich nur dann durchführen lässt, 
wenn jeder Lehrer den Unterricht in jedem Fache selbst übernimmt. 

Die Berücksichtigung der geistigen und schliesslich auch der körperlichen 
Individualität des Schülers drängt ferner zu der Erörterung der Frage nach dem 
Ganz- bez. Halbstundenunterrichte. Iclı persönlich halte es mit dem ersteren. 
Die Pausen müssen sowieso in der Hilfsschule reichlicher bemessen sein, was 
die Unterrichtszeit einer Stunde im Durchschnitt auf ca. 45—50 Minuten ver- 
ringert. Je nach der Zahl der Abteilungen, die vielleicht in allen Fächern, mit 
Ausnahme der Realien gemacht werden müssen, kommt auf die unmittelbare 
Inanspruchnahme des kindlichen Geistes nur entweder der 2. oder 3. Teil: dieser 
Zeit. Die für den Rest vorzusehende stille Beschäftigung spannt den Geist doch 
weniger an, wenn sich das Kind in ihr nicht gar ganz sich selbst überlässt und 
vom Arbeiten dispensiert. Eine Überanstrengung steht also nicht zu befürchten, 
und die durch den häufigen Wechsel der Unterrichtsfächer eintretende Unruhe, 
Aufregung und Zerstreuung wird vermieden. 

Besonderes Augenmerk muss endlich, wenn es sich um einen der ‚geistigen 
Minderwertigkeit des Kindes angepassten Unterricht handelt, den Lehrmitteln 
der Schule gewidmet werden. Es bedarf wohl keiner weiteren Worte, um nach- 
zuweisen, dass dieselben, wenn sie die Aıbeit des Lehrers ergänzen und fördern 
sollen, sich in allen Punkten den Ansprüchen fügen müssen, die in Betreff des 
Stoffes und seiner Behandlung an den Unterricht des Lehrers selbst gestellt 
werden. Aber in dieser Hinsicht, namentlich, was geeignete Lehrbücher anlangt, 
liegt unsere Hilfsschulpädagogik noch ziemlich im Argen. Über das Leipziger 
Hilfsschullesebuch, 4 oder 5 Fibeln, sowie über die Giese-Löperschen Rechenhefte 
sind wir, abgesehen von den verschiedenen Präparaten, die speziell der Vor- 
bereitungsstufe dienen uud mehr den Charakter von Fröbelschen Beschäftigungs- 
spielen tragen, nicht hinausgekommen. Es bietet sich daher gerade hier. ein 
grosses Arbeitsfeld für denjenigen, der sich das Wohl der Schwachsinnigen am 


3h 





Herzen liegen lässt, namentlich für den pädagogischen Praktiker, der aus der 
Behandlung des Schwachsinns direkt die Grundsätze ableiten kann, nach denen 
bei der Abfassung und Herstellung dieser Lehrmittel am rationellsten zu ver- 
fahren ist. Besondere Sorgfalt erheischen dabei die Anschauugsmittel, namentlich 
die Bilder, sowie die Bücher für eine bei jeder Hilfsschule zu führende 
Sohülerbibliothek. | 
Als 4. Grundsatz möchte ich endlich noch anführen: Unterrichte packend! 
Er ‚wendet sich vor allem an die Lehrperson und reflektiert auf das Geschick, 
den ‘guten Willen, auf die Persönlichkeit und das Beispiel des Lehrers. ` 
Wenn man auch von der Forderung besonderer Hilfsschullehrerseminare 
absehen könnte, so wären doch Kurse zur Einführung der Lehrkräfte in die 
gesamte Praxis der Hilfsschule, wie solche in Zürich und Budapest schon bestehen, 
sehr zu wünschen. Sie sparen viel Zeit und Mühe und das Verlassen des aulo- 
didakten Weges schliesst durchaus kein Aufgeben der originellen Unterrichts- 
weise in sich. ‚Diese Kurse würden Vorträge über Geschichte der Idiotenfürsorge, 
Psychologie und Physiologie, pädagogische Pathologie, Anatomie, sowie allgemeine 
und besondere Unterrichtslehre für Idioten und Imbezille enthalten und mit 
einer Prüfung ihr Ende finden, über deren Absolvierung ein Zeugnis auszufertigen 
und von der die Anstellung als Hilfsschullehrer immer abhängig zu machen wäre. 
Unterstützt werden diese Kurse durch eine Lehrerbibliothek, welche dem 
Lehrer entsprechendes Studienmaterial nach den angeführten Seiten hin zu seiner 
Weiterbildung zur Verfügung stellt. | 
Der Grundsatz des packenden Unterrichtes verlangt vor allem, den Stoff 
so interessant als möglich zu gestalten, und das gelingt um so mehr, je mehr 
in der Form des Dargebotenen und in den Wegen zur Aneignung die grösste 
Mannigfaltigkeit herrscht. Not macht erfinderisch. Jedes moralischen Mittels 
und etwaiger Massnahmen, die in den Normalschulen verpönt sind, bediene sich 
der Lehrer, und wenn es das Erlernen des Lesens an aus Teig hergestellten 
und zuletzt. für den Magen bestimmten Buchstaben & la Basedow wäre. Die 
Unterrichtskunst an Normalen verlangt, das sagt schon das Wort Kunst, Talent, 
die an Imbezillen aber Genie. Ferner habe der Lehrer den Stoff jeden Augen- 
blick präsent, um ihn in der leichtesten und interessantesten Weise heranzuziehen. 
Dazu gehört freilich besondere Kenntnis der Beziehungen und Anknüpfungspunkte 
der Stoffe ‚untereinander, besondere Gabe, diese Beziehungen vor den Augen der 
Kinder herauszuschälen und bloszulegen, vor allem aber Unverdrossenheit, immer 
und inimer wieder der inneren Verwandsebaft zu gedenken und keine methodische 
Einheit zu verlassen, als bis alle Fäden nach früheren und besonders verwandten 
Stoffen freiliegen und somit die letzteren selbst in der Erinnerung autleben. 
Dein die Erfassung der inneren Verwandtschaft zwischen zwei Gegenständen 
kann nur dann erfolgen, wenn das Bild der vergleichs- oder ergänzungsweise 
herangezogenen :Objekte über die Schwelle des Bewusstseins zurückgekehrt ist 
and eine Reproduktion stattgefunden hat. Das fördert wieder die Gedächtniskraft 
und ‚erspart teilweise die üblichen Wiederholungen, deren nur gar zu oft geist- 
tötönde Haridhabung der mater studeorum das weniger schmeichelhafte Epitheton 


36 
einer „Rabenmutter“ eingetragen hat. Obige, mehr gelegentliche Wiederholung 
spannt gleichzeitig alle beim Vergleichen überhaupt in Funktion tretenden 
seelischen Kräfte an und wirkt durch das Anschauungsobjekt auf die Intuition, 
durch das Vergleichsobjekt auf die Reproduktion und durch die Unterscheidungs- 
tätigkeit selbst auf die Abstraktion. Dadurch aber bietet sich jedem Kinde, 
dem besser- wie dem minderbegabten, Gelegenheit zum Mittun und vor allem 
zum Selbsstun. Nur muss der Lehrer immer die Fenster öffnen, durch die der 
Schüler blicken soll. Das erfordert aber nicht nur Geschicklichkeit, sondern, 
wie schon gesagt, Willensstärke, Fleiss und Bebarrlichkeit. Wenn die Klasse 
der Spiegel des Lehrers ist, dann reflektiert er am ersten Gründlichkeit und 
Energie, Eigenschaften, die einst Rochow veranlassten, der Tätigkeit seines 
Bruns die bekannten Worte nachzurühmen: „Er war ein Lehrer“. Der Hilfs- 
schullehrer muss dauernd seine Kräfte anspannen, darf keine Mühe scheuen, 
keine sog. Lehrtätigkeit, namentlich das Vormachen, unterlassen, vor keinem 
Schritte zurückschrecken, keinen Blick und Gedanken vergeuden, um: den Schüler, 
freilich immer scheinbar freiwillig, in seine Gefolgschaft zu zwingen und ihn 
am Gängelbande in die nähere und weitere Umgebung des Themas und überall 
dahin zu führen, wo für ihn etwas zu holen ist. Dem Schüler darf gar nicht 
der Gedanke kommen, sich diesem Banne zu eutziehen, in dem er sich unbewusst 
befindet. Des Lehrers Mut und Ausdauer, Festigkeit und Strenge, Nachsicht, Geduld 
und Liebe, Selbstzucht und ernste Weiterarbeit an seiner Ausbildung wirken aber 
nicht nur auf den Intellekt, sondern auch auf den Willen des Schülers, sie er- 
wecken, wie jedes gute Beispiel, Nachfolge und leiten damit die Erziehung zur 
Selbstätigkeit in die Wege. Was eine noch so geschickte Darbietung des Stoffes 
nicht erreicht, das ist oft dem Nachahmungstriebe, den wir bei Idioten besonders 
stark ausgeprägt finden, und der die erste Stufe zur Selbsttätigkeit bedeutet, 
vorbehalten. In der Erziehung zur Selbsttätigkeit, deren Mangel seiner Zeit 
bereits Lessing beklagte, liegt das A und O des Unterrichtee Nicht 
allein, dass sie das Interesse und das Selbstbewusstsein hebt, das selbst Erarbeitete 
haftet auch viel fester im Gedächtnis, vor allem aber bereitet die Gewöhnung 
an selbständiges Denken, an eigenes Handeln und Tun, am wirksamsten auf das 
spätere Leben vor. Der Schüler darf nicht nur dasitzen und hören, sondern 
muss reden, womöglich mehr als der Lehrer, zeigen, befühlen, beriechen, schmecken, 
zusammenstellen, zerteilen, fortbewegen, nachmachen, nachmalen, bauen, kurz 
jedes nach der Natur des betr. Gegenstandes zulässige und dem kindlichen 
Verständnis angepasste Experiment eigenhändig ausführen. Die selbständige Lösung 
von Aufgaben in den stillen Beschäftigungen, die Anstellung einzelner Schüler 
zu Handreichungen an ihren unbeholfenen oder verkrüppelten Mitschülern, Dienst- 
leistungen im Unterrichte oder zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sauberkeit 
in den Klassenzimmern oder im Schulgarten, ja sogar eine bei dem Abteilungs- 
system der Hilfsschule mit rechtem Takte sehr wohl zu verwertende Heran- 
ziehung geeigneter Schüler zu Monitoren: das alles festigt die Vorstellung, fesselt 
die Aufmerksamkeit, weckt vielleicht gar in dem Kinde die hier gewiss unschäd- 
liche Überzeugung von seiner eigenen Unentbehrlichkeit, vor allem aber gewöhnt 


37 

es das Kind, seine Sinne zu gebrauchen und seine Glieder zu rühren und entzieht 
damit den Imbezillen einem tatenlosen Hinbrüten, in dem auch die wenigen 
Anlagen, über die er verfügt, unausgenutzt liegen bleiben und immer weiter 
verfallen würden. Die Selbsttätigkeit setzt aber nur einem packenden Unterrichte 
die Krone auf, die sofort ins Wanken gerät, wenn die Energie des Trägers nach- 
lässt. Darum: Packe deine Schüler und du hast sie fürs Leben, langweile sie, 
und sie lassen nicht nur in, sondern auch nach dem Unterrichte die Flügel 
hängen! | 

Wenn nun Herbart betr. der Normalpädagogik keinen Unterricht an- 
erkennt, der nicht erzieht, so erschöpft sich in dem Unterrichten allein doch 
noch lange nicht die erziehliche Aufgabe der Hilfsschule. Die Schüler derselben 
rekrutieren sich meist aus Arbeiterkindern, deren beide Eltern — oft leider 
eben auch die Mutter — tagsüber dem Verdienste nachgehen müssen, sodass 
die Kinder nur zu oft sich viel zu viel selbst überlassen bleiben und auch 
leiblich so manche Unbill und Nachlässigkeit zu erdulden haben, die den geistigen 
Tiefstazd eher fördert als hebt. Da hat denn die Schule für die Familie ein- 
zutreten, und tut sie es ungerufen und ungedankt, vielleicht gar geundankt, so 
trägt solches Tun, wie jede andere Pflichterfüllung seinen Lohn doch in sich 
selbst. Aber ich meine, jemehr gerade in Hinsicht der Körperpflege die Schule 
das Haus unterstützt, ein desto grösseres Wort werden die Eltern dem Lehrer 
bei der Erziehung des Kindes überhaupt einzuräumen sich bereit finden, und 
desto inniger wird sich der Konnex zwischen Schule und Haus, auf den unter 
keinen Umständen verzichtet werden darf, herstellen lassen. Der Lehrer hat 
sich über alle Vorkommnisse des Elternhauses, namentlich über die seinen 
Zögling direkt berührenden, auf dem Laufenden zu erhalten, um in ihnen den 
Schlüssel zu so manchen Vorgängen im kindlichen Seelenleben zu suchen, ev. 
auch die Menschenrechte des Kindes gegen unnatürliche Eltern wahren zu 
können. Sei es nun, dass er sich die Eltern kommen lässt, sie selbst aufsucht 
oder auch der Vertrauens- und Redseligkeit des Kindes sich vorsichtig bedient. 
um seinen Zweck zu erreichen. So hat die Schule bei ungenügender Er- 
nährung und Bekleidung der Kinder durch Milchspenden, Verabreichung von 
warmer Kost, duıch Beschaffung von neuen oder auch getragenen, vorher 
natürlich entsprechend gereinigten Kleidern, vornehmlich gelegentlich der 
Weihnachts- oder auch der Geburtstagsbescherung, die durch das Haus ver- 
nachlässigten Pflichten aufzunehmen. Sie gibt dadurch dem Kinde wenigstens 
das, was es zu seines Leibe: Nahrung und Notdurft braucht, und sie lässt es 
ferner damit z. B. Weihnachten mitten in der Freuden Fülle nicht freudenleer 
ausgehen, sondern entzündet die Flammen der Liebe und Dankbarkeit, die ihre 
leuchtenden und wärmenden Strahlen alsdann von Heız zu Herzen senden und 
die ganze Umgebung verklären. Gelege:heit zum Wohltun bieten auch die 
Exkursionen, die nicht nur im Interesse des Unterrichts liegen, sondern vor 
allem geeignet sind, Lehrer und Schüler einander näher zu bringen. Die Körper- 
pflege verlangt ferner Reinlichkeit. Auch hier kann und muss die Hilfsschule 
durch wöchentliche Bäder unter Aufsicht der Lehrer nachhelfen. Sie verlangt 


38 


weiter eine dauernde ärztliche Überwachung. Dieser wird am besten statt- 
gegeben durch regelmässige Untersuchungen des Schularztes oder durch ausser- 
gewöhnliche Hinzuziehung desselben bei dem Lehrer auffälligen, vom Hause 
aber übersehenen Krankheit-erscheinungen. Sie verlangt Berücksichtigung der 
meisten unserer Schüler bei Aufstellung der Kandidatenlisten für die Ferien- 
kolonien. Sie verlangt wohl auch mechanisch orthopädische Mass- 
nahmen bei Missgestaltungen und Auswüchsen einzelner Körperteile, die ent- 
sprechenden Prophilaxen für Epileptiforme — eigentliche Epileptiker gehören 
in die Anstalt — und dergleichen mehr, und das alles fällt der Schule zur 
Besorgung zu, wenn das Haus versagt. 

Die Hilfsschule kann aber nur dann für einen Erfolg voll dithen wenn 
sie über die sonst ohne Aufsicht zu Hause herumlungernden Kinder ihre Obhut 
solange als möglich tagsüber ausdehnt und unter voller Wahrung der Rechte 
des Elternhauses mehr den Charakter einer Tagesanstalt annimmt. Am 
besten entlässt sie die Kinder erst bei der Heimkehr der Eltern von der Arbeit. 
Für die rechte Abwechslung während der Internierung zwischen Unterricht, 
manueller Beschäftigung, Spiel, Erholung, besonders freier Bewegung und Be- 
wegung im Freien und die entsprechende Aufsicht dabei hat selbstredend die 
Hilfsschule bez. deren Leitung aufzukommen. Ein Institut jedoch, das all diesen 
Anforderungen genügen soll, bedarf bei seiner doppelten Bedeutung als Unter- 
richts- und Erziehungsanstalt einer selbständigen fachmännischen Leitung, für 
deren nebenamtliche Erledigung keine Zeit bleibt; es bedarf eines eigenen Grund- 
stückes zur ausschliesslichen Benutzung durch die Imbezillen in möglichst 
zentraler Lage mit Schulgarten und hinreichendem Raume zur Unterbringung 
all der Lokalitäten, welche seine spezifische Organisation beansprucht. 

Mit der Entlassung aus der Hilfsschule hat zwar diese selb:t, aber noch 
lange nicht die Imbezillenfürsorge im allgemeinen ihre ganze Aufgabe erfüllt. 
Es bleibt noch übrig, den Entlassenen in die rechten beruflichen Bahnen zu 
leiten. Die Eltern sind das aus Mangel an Einsicht in die Eigennatur ihres 
Kindes oft nicht im Stande. Den Lehrern fehlt es an entspechender Füllung 
mit den massgebenden und dabei in Betracht kommenden Kreisen, auch an 
Zeit, die weitere Sorge zu übernehmen. Und doch bleiben die häusslichen 
Verhältnisse der Imbezillen die gleichen, wie während der Schulzeit, sie ver- 
schlechtern sich womöglich noch durch den Eintritt in das Haus eines skrupel- 
und gewissenlosen Dienstherrn. Da ist denn eine liebevolle Teilnahme und 
Unterstützung, Aufsicht und Direktion erst recht nötig, und wenn Staat und 
Gemeinde hier nicht eingreifen, so muss die private Wohltätigkeit, wie so oft, 
helfend beispringen. Ihr Verein fühlt sich dazu berufen. Ich verfolge dessen 
Bestrebungen schon deshalb mit regem Interesse, weil es mir in Leipzig 
bereits 1897 gelang, einsichtsvolle und mitten im praktischen Leben stehende 
Männer zu gewinnen zur Gründung eines sogen. „Hilfsschulvereines“, der 
seine Aufgabe darin sah, unter Zuteilung eines Pfleglings an einen Pfleger, 
die weitere Entwickelung des aus der Hilfsschule entlassenen und ihm von 
den Eltern überlassenen Kindes zu leiten. In Königsberg trat vor 2 Jahren 


39 
ein ebensolcher Verein ins Leben. Dass derartige Bestrevungen sich in 
engster Verbindung mit der Schule zu halten, den Heimat- und Obdach- 
losen eine Herberge zu verschaffen, den Gegenstand der Pflege nicht nur 
zu beraten, sondern auch materiell zu unterstützen, ihn vor allen aus seiner 
Inferiorität sich ergebenden Nachteilen zu schützen, seine schwachen Kräfte in 
sittlich praktischer Weise auszunützen, und dadurch sich und die Mitwelt 
pekuniär soviel als möglich zu sichern haben, möchte ich jetzt nur andeuten. 
Am rationellsten liesse sich das alles durch Gründung eines Heimes für schul- 
entlassene Imbezille bewerkstelligen, das sich möglichst, vielleicht auch äusser- 
lich an die Hilfsschulen anlehnen müsste. Denn der Besuch der Fortbildungsklasse, 
das stete, im Interesse einer einheitlichen Ausgestaltung des Entwicklungsganges 
und besseren Verständnisses der Individualität nötige Zurückgreifen auf die 
Schulvergangenheit machen eine direkte Nachbarschaft von Hilfsschule und 
Imbezillenheim wünschenswert; und sollte die nun noch zu sammelnde Er- 
fahrung solcher Fürsorgevereine die spätere Praxis vielleicht dahin lenken, die 
Pfiegschaften für die Kinder in einer hauptamtlich dazu angestellten, pädagogisch 
geeignete Kraft zu konzentrieren, so lässt sich augenblicklich wohl kaum an- 
geben, wiet überhaupt besser für die Geistigarmen der menschlichen Gesellschaft 
gesorgt werden könnte. Die ganze Imbezillenfürsorge steckt aber augenblicklich 
noch in’den Kinderschuhen, und wir können nicht sicher absehen, welche Bahnen 
die weitere Entwicklung einschlagen wird. Zweierlei jedoch steht fest: Dass 
es erstens nach einigen vorbereitenden Schritten des vorigen Jahrhunderts, die 
hauptsächlich dem Unterricht galten, dem jetzigen vorbehalten sein wird, System 
in die gesamte Fürsorge zu bringen und dass zweitens der Ausban desselben be- 
deutende Mittel beanspruchen wird. 

„Aber wenn wir den Menschen nur nehmen, wie er ist“ sagt Göthe, „so 
machen wir ihn schlechter“, und die Gesellschaft handelt nur im eigensten 
Interesse, wenn sie den Schwachsinnigen durch individuelle und intensive Mass- 
nahmen zur höchstmöglichen Bildungsstufe befördert. Sie verhindert dadurch 
nicht nur einen Stillstand und eine damit Hand in Hand gehende weitere Ver- 
blödung, sondern sie bringt im Gegenteil die meisten dieser Geschöpfe zu einer 
den eigenen Unterhalt gewährenden Selbständigkeit und Verwendbarkeit im 
praktischen Leben. Sie beraubt dadurch vor allem den in jedem Imbezillen 
liegenden Keim zur sittlichen Entartung seiner Lebenskraft und beugt auf 
diese Weise am besten den Fürsorgeanstalten, Arbeitshäusern und Gefäng- 
nissen Vor. 

Ist so die ganze Fürsorge für Imbezille, auch wenn noch mehr für sie 
geschieht als augenblicklich, immer ein Geschäft, das die Kosten deckt, so ruft 
der Anblick des Jammers und Elendes unser Menschen- und Christengewissen 
wach, das spärliche Fünckchen der Vernunft nicht noch mehr verkommen oder 
gar erlöschen zu lassen. Wer daher die Fürsorge um die Schwachsinnigen 
fördern bilft, sei es wie es sei, der vollbringt nicht nur ein barmherziges Werk 
in des Wortes alltäglicher Bedeutung, wie etwa an Feuers- oder Wassers- 
kalamitosen, sondern der nimmt Teil an einer der edelsten, wenn auch schwersten 


40 





Aufgaben der Kultur, den :chwachen Geist der Imbezillen aufzuichten, ihm ein 
menschenwürdigeres Dasein und Ansehen zu verschaffen und ihn seiner sitt- 
lichen Bestimmung mehr und mehr entgegenzuführen: Dem Ebenbilde Gottes. 


Beiträge zur Geschichte der Heilpädagogik. 


Mitgeteilt von Schulrat H. E. Stötzner. 
I. 
Leipzig, Halle, Berlin, Eisenach. 


Schreiber dieser Zeilen war in den Jahren 1851 bis Ostern 1855 als zweiter 
Lehrer an der Erziehungsanstalt für schwach- und blödsinnige Kinder in Hubertus- 
burg tätig. Sachsens Regierung war mit Gründung dieser Anstalt bahnbrechend 
vorangegangen, während sonst in Deutschland nur wenige kleine Privatanstalten 
bestanden. Die erste Anregung dazu war einem Arzte, dem Dr. Ettmüller in 
Freiberg ausgegangen, der durch einen 1843 gehaltenen Vortrag die Regierung 
auf die Lage der Blödsinnigen im Königreiche Sachsen aufmerksam machte. 
Bald nachher stellte sich ein junger Dresdner Lehrer, Heinrich August Hörnig, 
der Behörde zur Verfügung, und dieser ward im Jahre 1845 von dem Ministerium 
des Innern und dem Jes Kultus beauftragt, eine grössere Instruktionsreise zu unter- 
nehmen, um dann weitere Vorschläge über Gründung einer sächsischen Anstalt. 
dem Staatsministerium unterbreiten zu können. Hörmig hat über seine Reise 
Berichte an die Behörde eingeschickt, die für die Geschichte der ersten Bestrebungen 
anf dem Gebiete der Fürsorge für Schwach- und Blödsinnige von so hohem 
Interesse sind, dass sie wohl verdienen, wenigstens im Auszuge bekannt zu 
werden. Hörnigs erster Reisebericht kommt von Eisenach und ist datiert vom 
10. August 1845. Er berichtet: 

Von Dresden aus reiste ich direkt nach Leipzig. Unter anderem lag mir be- 
sonders daran, Herrn M Reich, Direktor der hiesigen Taubstummen-Anstalt, zu 
sprechen und dessen Ansichten über mein Vorhaben zu vernehmen. Ja, wenn ich 
während meiner Reise mit Männern, wie dieser zu tun gehabt hätte, oder zu tun 
haben werde, mit Männern, die so aufrichtig und wohlmeinend, so tiefblickend 
und so begeisternd, so theoretisch und praktisch durchbildet sind, würde ich mich 
glücklich fühlen, denn ich wäre in der Erreichung meiner Zwecke bedeutend mehr 
gefördert worden. M. Reich hat sich vor Jahren ebenfalls und also eher als 
Sägert in Berlin mit blödsinnigen Kindern beschäftigt. Er erinnert sich daran, 
fünf behandelt zu haben. Daher waren mir seine Ansichten um so wertvoller, 
als sie von einem klar denkenden, redlich strebenden und allgemein anerkannten 
Pädagogen kamen. Jedoch beschäftigt sich M. Reich schon seit Jahren nicht mehr 
mit der Erziehung und dem Uhnterrichte blödsinniger Kinder, weil er der Meinung 
ist, dass der Taubstummenunterricht allein die ungeteilte Kraft des Taubstummen- 
lehrers und resp. Direktors in Anspruch nimmt, umsomehr, als der Taub- 
stummenunterricht noch weit von seiner vollkommenen Ausbildung entfernt ist, 
teils, weil er ausserdem das Interesse seines Instituts, dem er sich ganz hingibt, 
gefährdet meint. Von diesem Gesichtspunkte aus gab mir M. Reich noch einige 





41 


nützliche Winke über Sägert und dessen neueste Bestrebungen über Herung des 
Blödsinns auf intellektuellem Wege. 

Bei Herrn Krause, Direktor der Blinden- Anstalt zu Halle, fand ich weniger 
als ich erwartet hatte. Zwar ist er in seiner Wirksamkeit mit dem Blödsinn nicht 
unbekannt geblieben, aber gegenwärtig hatte er nur zwei blödsinnige Individien, 
und diese keineswegs tiefen Grades im Institute. Da Herr Krause überdies Lehrer 
an der unter Damerows Leitung stehenden Irrenanstalt in Halle ist, so sind seine 
Ansichten auf Erfahrung und Beobachtung gegründet. 

In Halle besuchte ich auch den als Psychiaten und Irrenarzt bekannten Herrıu 
Geheimen Medizinalrat Dr. Damerow. Ebenso auch in Weimar den als Schrift- 
steller rähmlichst tätigen Herrn Obermedizinalrat Dr. von Frorieg. Der Besuch 
beider Herren ist mir von wesentlichem Nutzen gewesen, da sie sich für die neuesten 
Bestrebungen in Frankreich, Deutschland und der Schweiz, den unglücklichen 
Blödsinnigen zu Hilfe zu kommen, so lebhaft interessieren. Ihnen verdanke ich 
manchen literarischen Nachweis und manchen praktischen Wink. Wiederholt aber 
und dringend wurde ich auf Söguin’s derartige Anstalt in Paris und dessen 
Schriften aufmerksam gemacht. Mein nächstes Ziel ist aber Berlin um Sägerts 
Anstalt kennen zu lernen und dann Dr. Guggenbühls Anstalt auf dem Abendberge 
in Augenschein zu nehmen und dessen Ansichten und Ratschläge zu hören. Zunächst 
also Berlin. Sägert steht der dasigen Königlichen Taubstummen-Anstalt vor und 
hat seit Anfang dieses Jahres (1845) eine Anstalt für blödsinnige Kinder privatim 
damit verbunden. Gegenwärtig befinden sich 11 blödsinnige Individuen als Privat- 
pensionare in der Anstalt. Da seine ersten Versuche sich aber schon seit früher 
datieren, so hat er überhaupt bereits 19 Bilödsinnige in Behandlung gehabt. 
Suügerts Schrift: „Über die Heilung des Blödsinns auf intellektuellem Wege“ hatte 
meine hohe Meinung von ihm, wegen der darin herrschenden Unklarheit und Un- 
bestimmtheit und weil der auf dem Titel angekündigte Gegenstand ganz unberührt 
bleibt, in etwas herabgesetzt. Ich gab aber die Hoffnung nicht auf, wenigstens in 
praktischer Hinsicht bei dem Besuche der Anstalt befriedigt werden zu können. Leider 
war ich noch von mehreren Seiten davon in Kenntnis gesetzt worden, dass Sägert 
ein Geheimnis aus seinen Leistungen machen will und wie er Fremde entweder 
garnicht in die Nähe der blödsinnigen Kinder kommen lässt, oder sie nur flüchtig 
an ihnen vorüber führt. Ehe ich mich also Herrn Sägert vorstellte und ihm mein 
Anliegen offenbarte, übergab ich dem Herrn Geheimen Medizinalrat Dr. Johannes 
Müller, dem Vorstande der zur Prüfung der Unternehmung Sägerts niedergesetzten 
königlichen Kommission, meine mitgebrachten Empfehlungsschreiben. Dieser Herr 
nabm Rücksprache mit Sägert und teilte mir dann mit, dass alle Hindernisse 
beseitigt wären Dennoch zeigte Sägert bei meinem ersten Besuche, neben einer 
scheinbaren Bereitwilligkeit die aber keineswegs Zuvorkommenheit war, ein mehr 
berechnetes als natürliches Benehmen gegen mich. Auf eine weitere Besprechung 
liess er sich gar nicht ein. Er meinte, dass ich längere Zeit bleiben und mich 
praktisch betätigen, nebenbei auch seine anthropologischen Vorlesungen und die 
des Dr. Joh. Müller über Psychiologie und Anatomie hören müsse. Auch wolle 
er mir ein blödsinniges Mädchen zur Begutachtung und Behandlung übergeben. 


42 

Das letztere fand ich sehr aunehmenswert, und so wortkarg Sägert wider seine 
sonstige Gewohnheit gegen mich war, so würde ich ihm nun mein ganzes Vertrauen 
zugewendet haben, wenn er sich von jetzt ab uicht gänzlich von mir zurückgezogen 
und mich mir selbst überlassen hätte. Ich übernahm das fast 1ßjährige Mädehen, 
aber so, dass man mich, wie ich es keineswegs erwartet hatte, rat- und beistands- 
los liess. Einer solchen Übung oder eines solchen Versuchs wegen brauchte ich 
nicht nach Berlin zu reisen. Das Ganze kam mir vor, wie eine Spiegelfechterei, 
oder doch so, als wolle man mein Urteil über das Mädchen, das schon über ein 
Jahr ohne sichtlichen Erfolg in der Anstalt war, hören und sehen, wie ich es be- 
handeln würde, oder noch mehr, man wolle mich bloss benutzen. Während der Zeit 
suchte ich Herrn Direktor Sägert zu verschiedenen Malen und zu verschiedenen 
Tageszeiten auf, um mich weiter mit ihm besprechen zu können; aber da hatte er 
keine Zeit oder brach kurz ab. Auch die Lehrer der Anstalt waren einsilbig und 
zurückhaltend, ja ich möchte sagen, dünkelhaft. Ich beklagte mich beim Anstalts- 
arzt Professor Dr. Böhm; erhielt aber nur die Antwort, Herr Sägert sei nun ein- 
mal so und dass sich hierbei als in einer Privatunternehmung Sägerts nichts tun 
lasse. Ich erklärte nun, dass ich unter solchen Umständen nicht lange bleiben 
könnte. Infolgedessen wurde mir nun gestattet, in den einzelnen Klassen zu hospitieren; 
ich erhielt auch Einsicht in die geführten Protokolle; aber dabei blieb es. Über 
jinige wichtige Punkte, wie namentlich über die psychische Pflege, die Behandlung 
der Kinder ausser den Lehrstunden, ihre Spiele und Beschäftigungen, ihr Benehmen 
beim Essen und Schlafen etc. konnte ich nichts erfahren. Da nun noch 14 Lehrer 
aus der Provinz eintrafen, um einem sechswöchentlichen Taubstummenunterrichts- 
kursus beizuwohnen, so sagte ich mir, dass Herr Sägert nun noch weniger Zeit 
haben würde, sich mit mir einzulassen und dass es geraten sei, abzureisen. Ich 
war auch fest überzeugt, dass hinter dieser Geheimnistheorie durchaus keine Ge- 
heimnisse verborgen lägen und dass Sägert ganz recht hatte, als er gegen einen 
Fremden äusserte: Lasse ich wissen, worin mein Verfahren besteht, so geht es mir, 
wie dem Kolumbus mit dem Ei — Jedermann wird sagen, das hätte ich auch 
gekonnt. 

Nutzlos babe ich die Anstalt Sägerts keineswegs besucht. Seine Energie und 
Ausdauer in dem, was er unternimmt, seine Sorgfalt im Führen der Protokolle — 
sind Eigenschaften, die er vor vielem anderen voraus hat und die ihm sehr zu 
statten gekommen sind. Aber wiederum seine Sprachseligkeit und Eigenliebe, die 
er überall durchblicken lässt, und die Sucht, sich hoch über den anderen zu be- 
wegen, sind Schwächen, die ihn zu manchen Missgriffen verleiten und die Zahl 
seiner Gegner vermehren helfen. Was er bis jetzt durch seinen lobenswerten Eifer- 
genützt hat, indem er einen starken Impuls im Vaterlande für das tiefgefühlte Be- 
dürfnis unserer Zeit: zweckmässiges und energisches Einschreiten gegen die über- 
handnehmende Anzahl blödsinniger und durch schlechte Erziehung vernachlässigter 
Kinder gegeben hat, kann er leicht dadurch vergessen machen; ja er wird der 
guten Sache schaden, wenn er zu dieser Geringschätzung und Nichtbeachtung der 
Verdienste und Fortschritte anderer, auch noch eine Art von Charlatanerie hin- 
zubringt. Übrigens konnte es gar nicht fehlen, dass seine Bestrebungen Aufmerk- 


up 


samkeit erregen und Anerkennung finden mussten, da die hohen und höchsten 
Personen und Behörden Preussens sich dafür interessieren. Und so hat er auch die 
Freude, dass die königliche Familie und mehrere städtische Behörden bereits Pen- 
sıonsgeld für an ihn empfohlene Zöglinge zahlen. Daher ist ja auch der Ankauf 
eines Hauses erfolgt, das für die Zwecke einer Erziehungsanstalt für blödsinnige 
Kinder bestimmt ist und eingerichtet werden soll. Zugleich aber arbeitet Herr 
Sägert darauf hin, die Taubstummenanstalt zu einer Zentralanstalt in Preussen zu 
machen, in der er Lehrer, oder was sie eigentlich sein sollen und müssen, Erzieher 
heranbilden und so die übrigen Anstalten in seinem Geiste eingerichtet wissen 
will.*) Hoffentlich wird dann Sägert Grund genug haben, seine keineswegs zu 

Während der Zeit, als ich mich in Berlin aufhielt, besuchte ich auch Herrn 
Direktor Böse in Charlottenburg zu verschiedenen Malen, derselbe hat auch ein 
Erziehungsinstitut für blödsinnige Kinder und zwar noch eher als Sägert errichtet. 
Gegenwärtig hat er vier Zöglinge. Böse ist ein achtungswerter Mann, der mir 
seine Erfahrungen offen mitteilte. Seine Prinzipien sind viel klarer und solider 
als Sägerts und seine Hingebung an die Kinder und das . freundliche Zusammen- 
wirken mit seiner Gattin tragen nicht wenig dazu bei, sein Wirken zu einem ge- 
segneten zu machen. Leider hat er mit mancher Schwierigkeit zu kämpfen, die 
Sägert ibm, den Rivalen, bereitet hat. Dass Sägert weitergekommen ist, hat seinen 
Grund darin, dass er eine bedeutende Stellung einnimmt und die Lokale und 
Lehrer der Königl. Taubstummenanstalt für seine Privatzwecke zugleich mitbenutzt. 

Von Berlin reiste ich nach Eisenach, um daselbst eine ähnliche Anstalt für 
Erziehung blödsinniger Kinder zu besichtigen. Wie in Berlin, so steht auch diese 
unter der Leitung des dasigen Direktors der Taubstummenranstalt, Herrn Kern. 
Er ist ein bescheidener und in seinem Fache erfahrener und tätiger Mann. Neben 
den Taubstummen hat er neun blödsinnige Kinder, die aber alle in die Klasse 
derer gehören, welche durch vernachlässigte Erziehung blödsinnig geworden sind. 
Er hat sich schon seit 1834 mit blödsinnigen Kindern beschäftigt und zu diesem 
Behuf den Taubstummenunterricht bei Herrn M. Reich in Leipzig studiert. Man 
hat angefangen seine Bestrebungen und Leistungen auch in höheren Kreisen anzu- 
erkennen und besonders ist es der Obermedizinalrat Dr. von Frorieg, der sich bei 
der Weimarischen Regierung für ihn verwendet. Es war dies auch höchst not- 
wendig, weil Kern bei der Uneigennützigkeit seiner Tätigkeit kaum länger noch 
bestehen konnte.**) Neues habe ich in dieser Anstalt nicht gesehen, wohl aber 
mich in meiner Ansicht bestärkt gefunden, dass nämlich auf einfachem und natur- 
gemässem Wege (denn auch die Behandlung und Heilung psychischer und physischer 
Krankheiten muss auf rationalem und naturgemässem Wege erfolgen) und ohne 


*) Sägert wurde bald nachher Generalinspektor der preussischen Taubstummen- 
anstalten und trat infolge hiervon seine Blödsinnigen-Anstalt an Dr. Heyer ab. Die 
Bestrebungen auf diesem Gebiete hatten von nun an für ihu kein weiteres Interesse. 
billigende Geheimniskrämerei lange fortzusetzen. 

**) Kern siedelte 1847 nach Leipzig über, studierte hier noch Medizin und richtete 
1855 eine grössere Anstalt für blödsinnige Kinder in Gohlis bei Leipzig ein, die er 
später abermals erweiterte und nach Möckern verlegte. 


44 

müssige Spekulationen und hochtrabende Demonstrationen, sowie bei redlichem 
Willen, bei Geduld und Ausdauer, am meisten geleistet wird. Und das zu wissen 
genügt mir. Bis jetzt hat man sich meist nur in Blinden- und Taubstummen- 
anstalten mit blödsinnigen Kindern beschäftigt. Aber sind Blind- und Taubstumm- 
heit und Blödsinn auch nahe verwandt, so sind sie doch keineswegs gleich. Meine 
Ansicht ist die, dass solche Kinder in Blinden- und Taubstummen-Instituten ebenso 
unpassend untergebracht werden, als bisher in Irren-, Korrektions- und Versorg- 
häusern. Sie müssen vielmehr in eigenen Anstalten und auf eigentümliche Weise 
erzogen werden. Mich trieb es nun nach der Schweiz zum Dr. Guggenbühl. 


Bedingte Fürsorgeerziehung wegen Geistesschwäche. 


Das Amtsgericht in Rheinbach hatte die Unterbringung der M. H. aus W. 
zur Fürsorgeerziehung aus $ 1, Ziffer 1 des Gesetzes vom 2. Juli 1900 angeordnet, 
weil das Kind taubstumm und deshalb ausser stande sei, in der Schule etwas zu 
lernen, der Armenverband sich auch erboten habe, das Kind auf seine Kosten in 
einer Taubstummenanstalt unterzubringen, während der Vater das verweigere. 
Deshalb sei die Fürsorgeerziehung zur Verhütung der Verwahrlosung des Kindes 
geboten. 

Auf sofortige Beschwerde des Landeshauptmanns hob das Landgericht in Bonn 
den amtsgerichtlichen Beschluss auf und erklärte die Fürsorgeerziehung für un- 
zulässig; denn das Verhalten der Eltern sei vielleicht unklug, es könne aber nie- 
mals eine Pflichtwidrigkeit darstellen, wenn die Eltern die Gelegenheit zum Unter- 
richt eines nicht vollsinnigen Kindes unbenutzt liessen. 

Der Königliche Landrat zu Rheinbach hat weitere sofortige Beschwerde ein- 
gelegt, die er damit begründete, dass das Gericht zu Unrecht das Vorliegen der 
Voraussetzungen zum Einschreiten aus 8$ 1666 BGB. verneint habe. Der weitern 
Beschwerde war der Erfolg nicht zu versagen. 

Aus den Gründen: 

Wie das Kammergericht bereits ausgesprochen hat (Beschluss vom 14. Ok- 
tober 1901, 1. Y. 841. Ol), ist die Überweisung eines nicht vollsinnigen Kindes 
zur Fürsorgeerziehung nicht ausgeschlossen, wenn der elterliche Gewalthaber oder 
Erziehungsberechtigte die wirtschaftlich durchführbare oder von der Verwaltungs- 
behörde angebotene Unterbringung des Kindes in einer dem Zustand des Kindes 
entsprechenden Spezialanstalt verbindert. Denn die Zustände des Idiotismus, der 
Epilepsie, der Blindheit, der Taubstummheit erfordern regelmässig eine- sach- 
verständige Erziehung und einen für solche Leidende besonders berechneten Unter- 
richt, um dieselben, wenigstens soweit möglich, geistig auf die Höhe einer durch- 
schnittlichen Volksschulbildung und in der seelischen Entwickelung bis zur Er- 
kenntnis der Grundlehren der Religion und zu dem für den Verkehr mit andern 
unerlässlichen Pflichtbewusstsein zu bringen, sie auch ein gewisses Mass von Hand- 
fertigkeiten erlernen zu lassen. Ohne eine solche erziehliche und lehrhafte Pflege- 
behandlung gehen mit derartigen Leiden behaftete Kinder deshalb regelmässig 
geistiger resp. sittlicher Verwahrlosung entgegen. 


45 


Die Eltern, welche vielleicht aus Liebe zu dem Kinde, welches sie nicht her- 
geben wollen, oder aus Unverstand es versäumen, dem Kinde da, wo es die Um- 
stände möglich machen, eine derartige für seine Zukunft höchst wertvolle Erziehung 
und Unterweisung zu teil werden zu lassen, missbrauchen das Recht der Sorge 
für die Person des Kindes und vernachlässigen das Kind, und da durch dies Ver- 
halten das Wohl des Kindes gefährdet wird, ist regelmässig Anlass zum Einschreiten 
aus 88 1666 (1686, 1838) BGB. gegeben. 

Allerdings wird sich die Fürsorgeerziehung in diesen Fällen häufiger erübrigen, 
weil nach $ 31 des Pr. Ges. vom 8. März 1871 (G.-S. S. 130) in der Fassung 
des Gesetzes vom 11. Juli 1891 (G.-S. S. 800) die Landarmenverbände verpflichtet 
sind, für Bewahrung, Kur und Pflege der oben erwähnten Kranken und auch 
Geisteskranker, falls sie hilfsbedürftig sind und Anstaltspflege bedürfen, in geeig- 
neten Anstalten Sorge zu tragen, und diese Anstaltspflege regelmässig die Fürsorge 
erziehung, welche nur als subsidiäre Massregeln in Betracht kommen kann, aus- 
schliessen wird. 

Die Entscheidung des Landgerichts war hiernach offenbar rechtsirrtümlich und 
musste aufgehoben werden. Aber auch der amtsgerichtliche Beschluss unterlag der 
Aufhebung, weil er in Verkennung der Subsidiarität der Fürsorgeerziehung alsbald 
diese anordnet, obne zu prüfen, ob nicht auf andere Weise dasselbe zu erreichen 
war, was durch die Fürsorgeerziehung erstrebt werden sollte. 

Wie das Amtsgericht selbst festgestellt hat, ist den Eltern der M. H. von der 
Gemeinde die kostenfreie Unterbringung in eine Taubstummenanstalt angeboten, 
das Angebot aber abgelehnt worden. 

Da nach den Ausführungen des Landrats dieses Angebot auch jetzt noch auf- 
recht erhalten wird, so wird Anlass zum Einschreiten aus $ 1666 BGB. gegeben 
sein. Das Amtsgericht wird dem Vater das Recht der Sorge für die Person des 
Kindes und die Vertretung in den persönlichen Angelegenheiten zu entziehen und 
auf einen Pfleger zu übertragen haben, der dann mit der Gemeinde das Erforder- 
liche wegen der Unterbringung des Kindes in der Taubstummenanstalt vereinbaren 
wird. (Beschluss des K. Kammergerichts.) 


Mitteilungen. 


Berlin. (Der Konfirmandenunterricht) Am 11. Januar hielt der Er- 
ziehungs- und Fürsorge-Verein für geistig zurückgebliebene 
(schwachsinnige) Kinder im Bürgersaale des Rathauses seine 2. ordentliche 
Sitzung ab, in der Herr Kielhorn, Leiter der Hilfsschule in Braunschweig, über 
den Konfirmandenunterricht in der Hilfsschule sprach. Der Verein 
hatte für die Versammlung zahlreiche Einladungen, insbesondere auch an die Geistlichen 
der Stadt ergehen lassen, leider aber war der Besuch ein so schwacher, dass der 
Vortrag anstatt um 8 Uhr erst nach '/,9 Uhr beginnen konnte. Es befanden 
sieh unter den wenigen Getreuen auch eine Anzahl Pastoren, so dass die Diskussion 
sehr anregend und lehrreich wurde. = 

Herr Kielhorn, welcher in der Braunschweiger Hilfsschule seit 20 Jahren 


a 


den Konfirmandenunterricht erteilt, führte ungefähr folgendes aus. Der Unterricht 
kann nur dann erfolgreich sein, wenn er sich ganz in das Seelenleben der Kinder 
hineinversenkt. Er darf nicht gedächtnismässig erteilt werden. Ziel dieses Unter- 
richts ist, dass das Kind ein Kind Gottes wird. Es soll lernen, nach Christi Vor- 
bild zu leben und „Gott über alles, seinen Nächsten aber als sich selbst“ zu lieben. 
Um den Weg zu diesem Ziele zu finden, müssen wir uns klar über das Wesen 
unserer Kinder sein. Wie sind aber unsere Kinder? Sie sind. oberflächlich im 
Wahrnehmen, schwach im Erkennen, sohwatzhaft und von grosser Gedächtnisschwäche. 
Auch die besten Vorstellungen haften bei ihnen nicht. Oft auch bemerkt man an 
ihnen eine Verwirrung der Begriffe, woraus dann wieder eine Schwäche des Urteils 
folgt. Das Gefühlsleben ist meist gut entwickelt, aber es fehlt an Beständigkeit, 
und die Kinder unterliegen leicht den Versuchungen, die von aussen an sie heran- 
treten. Viele entbehren auch des rechten Heims, der rechten Gewöhnung und Er- 
ziebung im Elternhause. Alle diese Schäden sind aber abzuschwächen, wenn man 
die Kinder beizeiten absondert von anderen. So müssen sie auch im Konfirmanden- 
unterricht von anderen Schülern getrennt werden, und der beste Leiter desselben 
ist derjenige, der sie jahraus, jahrein unterrichtet und erzieht, also der Lehrer 
der Hilfsschule, nicht der Geistliche. Wohl aber soll dieser, nachdem 
er unsere Schüler ungefähr 2 Wochen lang seinen übrigen Schülern eingereiht hat, 
eine gemeinsame Prüfung aller vornehmen. Selbstverständlich wird er dabei die 
Schwachen nicht blosstellen, also nur leichte Fragen an sie richten. Der Redner 
‚gibt nunmehr einen Überblick über seine Hilfsschule und seine eigene: Tätigkeit 
als Lehrer der Konfirmanden, zeigt, wie er diesen Unterricht handhabt. Er bekommt 
die Schüler aus den verschiedensten Klassen, alle sind also verschieden vorgebildet, 
und den Schwächeren wird deshalb manches erlassen. Auf den Wortlaut mancher 
Stoffe muss verzichtet werden. Bei allen Schülern soll eine Vertiefung des Gelernten 
stattfinden, nicht zu viel Neues binzugelernt werden. Voraussetzung ist immer, 
.dess der Hilfsschulunterricht gut vorbereitet hat. „Wenig, aber gründlich“ ist 
auch hier oberster Grundsatz. Es kommt hauptsächlich auf die Bildung des Herzens 
an, auf die Erweckung des Rechtsbewusstseins, des Selbstvertrauens, der Selbst- 
erkenntnis und Menschenerkenntnis und auf Einlenkung des Willens auf das Gute. 
Wissen, Können und Kennen sind hohe Güter, aber höher steht die Bildung des 
Herzens. Konfessionelle Sachen sollen nicht in den Konfirmandenunterricht der 
Schwachsinnigen hineingebracht werden. Als Memorierstoff will er neben 10—12 
Kernsprüchen, einigen Liederversen und biblischen Geschichten noch folgendes gelten 
lassen: die 10 Gebote mit Erklärung, die 3 Artikel und das „Vater unser“ ohne 
eine solche, vom 4. Hauptstück nur die Worte: „Gehet hin in alle Welt u. s. w.“ 
und „Wer da glaubet u. s. w.“ und endlich vom 5. Hauptstück die Einsetzungs- 
worte des Herrn. Um nun aber die Kinder zu dem oben schon erwähnten Ziel 
zu führen, um sie zur Liebe zu Gott und dem Nächsten, zum Glauben an Gott 
den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden zu erziehen, wın ihr Rechtsge- 
fühl und Rechtsbewusstsein zu stärken, dazu benutzt er als Ausgangspunkt alles, 
was Natur und Menschenleben nur bietet, sei es ein Blatt, eine Biene, ein Vogel, 
ein befruchtender Regen, ein Gewitter, der fleissige Landmann auf dem Felde, oder 


e 


auch eine Taufe, eine Hochzeit, ein Leichenzug, der Tod eines Angehörigen u.s. w. 
u. 3. w. Bei der Betrachtung all dieser Objekte und Erscheinungen der Natur und 
des täglichen Lebens zieht er nun eine Menge biblischer Geschichten des Alten und 
Neuen Testamentes heran, aber immer die zu der Begebenheit passende, um so 
den sittlich-religiösen Inhalt zu veranschaulichen. Ausser einigen Gleichnissen be- 
handelt er noch die Ausgiessung des heiligen Geistes, Gründung und Ausbreitung 
der christlichen Kirche und unterweist die Kinder über die Bedeutung und das 
Wesen der Konfirmation. Alle diese Stoffe und Unterweisungen sollen nicht 
trockenen Tones, sondern in anschaulicher, packender Weise gegeben werden, nie- 
mals soll ein Zerpflücken des religiösen Stoffes stattfinden, immer aber ist dahin 
zu streben, dass sich die Kinder über die behandelten Stoffe aussprechen können. 
‘ Zum Schluss zählt der Vortragende eine ganze Reihe deutscher Städte auf — 
Bremen, Breslau, Kassel, Barmen, Leipzig, Dresden, Erfurt, Elberfeld, Frankfurt a. M. 
und noch einige andere —, um zu zeigen, wie es dort mit dem Konfirmanden- 
unterricht gehalten wird. — Lauter Beifall aller Anwesenden belohnte den Redner. 

In der nun folgenden Diskussion sprachen mehrere Redner ihr Erstaunen aus 
über die grosse Fülle des Stoffes, der hier doch geistesschwachen Kindern geboten 
werden soll, und die Herren Geistlichen baten daraufhin, nochmals eine genaue 
Cherakterisierung des Begriffes „schwachsinnige Kinder“ zu geben. Dieses tat der 
‘Vorsitzende des Vereins, Herr Dr. v. Gizycki, indem er diese Kinder direkt als 
„anormale“ bezeichnete, deren Leistungsfähigkeit man durch sorgfältige Prüfung 
genau kenne. Zugleich betonte er, dass es wirklich möglich sei, den Unterricht 
so tief und vielseitig zu gestalten, wie es der Vortragende getan habe, er selbst 
sei in Braunschweig Zeuge dieses Unterrichtes gewesen. Inbetreff der scheinbar 
zu grossen Fülle des Stoffes betont Referent, dass er in seinem Vortrage nur den 
Inhalt und Gang des Konfirmandenunterrichts habe vorführen wollen. Die Menge 
des Stoffes sei Sache des Hilfsschullehrplanes. Der Konfirmandenunterricht solle 
nicht sonderlich Neues aufnehmen. Auf Umfang und Ausführlichkeit der biblischen 
Gesehichte lege er kein Gewicht, wenn nur der Kern herausgeschält und den Kin- 
dern angeeignet werde. Den Inhalt des Stoffes in die Kinder hineinzubringen und 
die Verwertung desselben für das spätere Leben zu üben, das sei die Hauptsache. 
Wenn eine Geschichte zur Entwicklung einer oder mehrerer Wahrheiten genüge, 
so sei eine zweite Geschichte nicht nötig. Dasselbe gelte von den Bibelsprüchen 
und Kirchenliedern. Aus dem Alten Testament solle man nur wenige Geschichten 
auswählen und aus dem Neuen Testament nur diejenigen, welche ein Lebensbild 
Jesu ergäben und als Grundlagen und Belege für den angegebenen Katechismus- 
stoff verwertet werden könnten. Im Vortrag sei nur das Höchstmaß für eine gut 
geleitete Hilfsschule gegeben; bei den schwächeren und schwächsten Konfirmanden 
müsse man sich mit noch viel weniger Stoff begnügen. — Im weiteren Verlaufe 
der Diskussion trat eins besonders erfreulich hervor: das war die völlige Überein- 
stimmung aller Anwesenden, mit Einschluss der Herren Geistlichen, darin, dass 
der Konfirmandenunterricht in der Hilfsschule einzig und allein dem Lehrer der 
Kinder, nicht aber einem Geistlichen, zu übertragen sei. Nur wünschten die Herren 
Geistlichen statt eines zweiwöchentlichen, einen vier- bis sechswöchentlichen, gemein- 


48 


samen Unterricht der Schwachsinnigen mit ihren anderen Konfirmanden, d. b. am 
Ende der Konfirmationszeit, was ihnen Referent auch gern zugestehen wollte. In 
bezug auf Berliner Verhältnisse war man sich allgemein einig, dass bei dem hier herr- 
schenden System der Nebenklassen ein solch idealer Konfirmandenunterricht, wie 
ihn Herr Kielhorn wünscht und erteilt, garnicht möglich sei. Auch Herr Schul- 
inspektor Dr. Kaute trat dieser Ansicht entschieden bei und wünschte, dass mög- 
lichst bald hier in Berlin ein gesonderter Konfirmandenunterricht eingeführt und 
dem Lehrer dieser Kinder übertragen werden. 

Neu - Weissensee. (Elternabend.) . Auf einem vor kurzem von der Lebrer- 
schaft hier veranstalteten Elternabend hielt Herr Lehrer Hinz einen Vortrag über 
die Vernachlässigung der schwachbefähigten Kinder in unseren Schulen und 
die Notwendigkeit und den Nutzen der Hilfsschule. Zum Schluss wurde folgende 
Resolution, welche der Schulkommission und der Gemeindevertretung unterbreitet 
werden soll, einstimmig angenommen: Die etwa 200 Teilnehmer des diesjährigen 
ersten Eltern-Abends sind mit Interesse den Ausführungen über das Thema: „Die 
Vernachlässigung der schwachbefähigten Kinder in unseren Schulen, Notwendigkeit 
und Nutzen der Hilfsschule“ gefolgt und zu der Überzeugung gelangt, dass in 
unseren biesigen Gemeindeschulen eine Anzahl geistig schwacher Kinder sitzen, die 
mit den normalen Kindern nicht gleichmässig gefördert werden können und ver- 
nachlässigt werden müssen. Diese Vernachlässigung zeitigt die traurigsten Folgen 
für das Kind selbst und macht es zum Schmerzenskinde der Schule, der Eltern, 
der Gemeinde und des Staates. Abhilfe schafft allein die Hilfsschule; sie ist darum 
für unsern Ort notwendig und von grösstem Nutzen für die schwachbefähigten 
Kinder; aber sie gereicht auch der Schule, Familie, Gemeinde und dem Staate zum 
Segen. Darum richten wir Eltern an die Gemeindevertretung und die Schulkommission 
die Bitte, aueh an unserem Orte zu Ostern die Hilfsschule einrichten zu wollen. 

Gernsheim a. Rh. (Ein schwachsinniges Dienstmädchen als Brand- 
stifterin.) Bei einem hiesigen Bierbrauer brannte es innerhalb 10 Tagen nicht 
weniger als 4 mal, und entstand ein Mobilien- und Immobilienschaden von 25 bis 
30000 Mk. Anfänglich fehlte von dem Täter jede Spur. Nach dem letzten Brande 
gelang es durch Kreuzverhör das daselbst tätige 15 jährige Dienstmädchen, das als 
schwachsinnig bezeichnet wird, zu überführen. Schliesslich gestand sie auch ihre 
Tat ein. 


Briefkasten. 


0.3. i.N. Besprechungen erfolgen immer nur auf Grund eingehender und sorg- 
fältiger Prüfungen; wünschen Sie lediglich eine Bekanntgabe des Lehrmittels, so verbleibt 
Ihnen nur die Form der Anzeige. — Sch. i. M. Ihre Arbeit erscheint in der gewünschten 
Form in einer der nächsten Nummern. — F. 1. St, R 1. S., R. B. i. L, R. i. x., U. i. Soh., 
E. i. D., G. i. H., Dr. B. i. D., &. i. &. Erhalten. 





Inhalt. Zur Behandlung geistig zurückgebliebener Kinder auf der Aruna Age 
der körperlichen Betätigung. (Otto Mayer.) — Zur Organisation der Hilfsschule. 
(Schluss.) (Dr. A. Gündel.) — Beiträge zur Geschichte der Hei paa ogik. (E. Stötzner). 
— Bedingte Fürsorgeerziehung wegen Geistesschwäche. — Mitteilungen: Berlin, Neu- 
Weissensee, Gernsheim a. Rh. — Briefkasten. 





Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von H. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 













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RR. 4. XX. (IV) Pahrg, 


ABTOR, LENOX an^ 
TILDEN FOUNDATION o. 


Leitsehrift 


für die 


behandlung Schwachsinniger ud Epileptischer 


Organ der Konferenz für das Idiotenwesen. 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 
Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Spezialarzt . 


Dresden - Strehlen, für Nervenkrankheiten 
tgart. 


Residenzetrasse 27. in Stat 
EEEE nF a u a u E D ES Er ET e E S o SEE E EEE EEE SE rn 
Erscheint jährlich in 12 Nummern von Zu beziehen «inrch alle Buchhandlungen 
mindestens einem Bogen. Anzeigen für A il 1904 und Postämter, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petltzeile 25 Pfg. Lite- | pri . Schriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 


rarische Beilagen 6 Mark. einzeine Nummer 5u Pfy. 


Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 


nn ne 





Einladung. 


Die XI. Konferenz für das Idioten- und Hiltfsschulwesen 


findet vom 6. bis 8. September d. J. zu Stettin statt und ist als Termin 
für die Einsendung der zu behandelnden Themata, Thesen u. s. w. der 30. apri 
festgætellt. 

Die Vorkonferenz, in der über die vorgeschlagenen Themen Beschluss gefasst 
und das Programm der Konferenz festgesetzt wird, soll Ende Mai d. J. abge- 
halten werden. 

Die Vorbereitungen zur Konferenz sind im besten Gange. Herr Direktor 
Pastor Bernhard zu Kückenmühle bei Stettin-Grünhof hat die Arbeiten, be- 
treffend die Bildung des Lokal-Komitee, in Angriff genommen. 

Alle, welche sich für die Fürsorge der Schwachsinnigen interessieren, 
insbesondere Behörden, Psychiater, Ärzte, Geistliche, Pädagogen werden zur 
Teilnahme an dieser Konferenz freundlichst eingeladen und gebeten, Vorträge 
und Demonstrationen spätestens bis zum 830. April bei dem unterzeichneten 
Vorsitzenden anmelden zu wollen. 

Es ist zu empfehlen, die Referate kurz zu halten und die Leitsätze mög- 
lichst bald bekannt zu geben, zu welchen Zwecke es erwünscht ist, dieselben 
dem Organ der Konferenz (Direktor Schröter-Dresden-Strehlen, Residenz- 
strasse 27) zuzustellen. 


Dalldorf, im März 1904. H. Piper, 


Vorsitzender der X. Konferenz. 


50 


Die Auswechslung von Schülern in den Hilfsschulklassen. 
Eine letzte Klarstellung von J. Wettig, Mainz.*) 

In Nr. 8 des vorigen Jahrganges bricht Herr Schwahn über die „Aus- 
wechslung“ in schroffster Form den Stab, nennt sie „unnütz“*, „ganz überflüssig“, 
„sinn- und nutzlos“. Trotzdem ihm in Nr. 12 von 2 Seiten in eingehender 
Begründung und sachlicher Widerlegung seiner theoretischen Ansichten die 
Einrichtung in ihrer wahren, vortrefflichen Gestalt gezeigt wurde, beharrt er 
in Nr. 1 dieses Jahrganges auf seiner Auffassung. Die „Auswechslung“* ist 
aber älter als die Hilfsschulen; sie wurde aus den Anstalten für Schwach- 
sinnige als bewährtes, oft erprobtes Mittel übernommen und wird auch heute 
noch dort in hohen Ehren gehalten. Es muss deshalb jedermann erwarten, dass 
derjenige, welcher sich zum Richter über die Sache aufwirft, dieselbe zum min- 
desten nachgeprüft oder doch einige Erfahrung darüber gesammelt hat. Ist 
das nicht der Fall und handelt er nur nach theoretischen Gesichtspunkten, so 
läuft er Gefahr, sich und andere zu täuschen. Und das ist bei den Ausfüh- 
rungen des Herrn S. der Falle Er kann sicb auf keinerlei Erfahrungen in 
beregtem Punkte stützen, wie das von mir in Nr. 12 vorigen Jahres dargelegt 
wurde. Um seine Ausführungen auf ihren wahren Wert zurückzuführen, musste 
dieser Umstand, den er selbst weislich verschweigt, von hier aus, als der ein- 
zigen Stelle, von der das überhaupt möglich war, bekannt gegeben werden. 
Dazu konmt noch ein zweites: das übrige Personal der Mainzer Hilfsschule 
erkannte so sofort beim ersten Durchlesen des S.’schen Machwerks einstimmig, 
dass der Verfasser trotz seines breiten sachlich erscheinenden Mantels wieder- 
holt auf hiesige Personen und Vorkommnisse, welch’ letztere er in seiner Art 
zustutzt, übertreibt und generalisiert, hinspielt. Mit anderen Worten, Herr S. 
war persönlich für sich und gegen andere. Ich habe nun in meiner Arbeit 
die „Auswechslung“ in ihrem Wesen und ihrer Anwendung charakterisiert und 
meine auf Erfahrung gestützte Ansicht durch Äusserungen berufener Vertreter, 
wie Kielhorn, Brandi, Giczicki und Verbandstagsverhandlungen zu stützen ge- 
sucht. Wo in der S’schen Arbeit die persönlichen Spitzen zu scharf vorstanden, 
mussten diese allerdings abgebrochen werden, wie es auch in der Natur der Sache 
lag, harte, anmaßende Urteile entsprechend zu kennzeichnen. Das hat nun den 
guten Mann höchlich entrüstet. Mit gekränkter Miene spricht er selbstbewusst 
von seinen „sachlichen Ausführungen“ und bezeichnet meine Arbeit beleidi- 
genderweise als „unqualifizierte, durch nichts zu rechtfertigende Auslassungen“, 
denen er „nicht erwidern werde“. In demselben Atemzuge tut er es aber, denn 
alles, was er seinem zweiten Gegner, Herrn Busch-Magdeburg (nicht Bock, 
wie er beharrlich sagt), entgegnet, ist offensichtlich an meine persönliche 
Adresse gerichtet. Trotz höchsten inneren Widerstrebens sehe ich mich des- 
halb ehrenhalber genötigt, ihm zum zweiten- aber letztenmale entgegenzutreten. 

Zunächst führt S., um sein „permanentes Wandern“ zu rechtfertigen, ein 
Zahlenmonstrum aus dem von mir entworfenen Stundenplane vor, das allerdings 
- *) Nachdem jeder der beteiligten Herren zweimal gesprochen hat, schliessen wir 
die Diskusaion über diesen Gegenstand. Die Schriftleitung. 


1 


eruselig machen könnte, über das wir seiner Verschrobenheit halber aber herzlich 
‚gelacht haben. Es ist ein alter Erfahrungssatz, dass man bei einer korrekten 
Darstellung wichtige Umstände nicht verschweigen darf, ohne Gefahr zu laufen, 
eine Sache zu entstellen, zu verwirren oder gar ins Gegenteil zu verkehren. 
Herrn S. passiert etwas dergleichen. Er zieht in Nr. 1 Dinge herein, die nicht 
zur Sache gehören und verschweigt obendrein die Umstände, die sie erheischen. 
Man beachte: 

1. Die Mainzer Stadtschule ist simultan; Schüler und Lehrpersonal sind 
zu ?/; katholisch, '/, protestantisch. Dementsprechend müssen für die betei- 
ligten Konfessionen besondere Religionsklassen gebildet werden, und die „un- 
pädagogische Gleichlegung“ dieser Stunden erweist sich in allen hiesigen Schul- 
bezirken als unabweisbar. Die Hilfsschule als organischer Teil der Stadtschule 
kann sich diesem Umstand nicht entziehen. Was aber hat das mit unserer 
„Auswechslung“ zu tun? 

2. Unter den vier Lehrkräften der Hilfsschule kann nur eine protestantisch 
sein; aus methodischen und erziehlichen Gründen, nicht der Schülerzahl wegen, 
mussten aber 2 evangelische Religionsklassen gebildet werden, wovon die Unter- 
richtszeit der einen nur am Ende der Schulzeit, von 11—12 Uhr, unterzubringen 
war. Dass Herr S. seine evangelischen Schüler dorthin zu schicken hat, ist 
unvermeidlich; unsere „Auswechslung“ geht das aber wieder nichts an. 

3. Die Hilfsschule unterrichtet Knaben und Mädchen gemeinsam, und 
aller Unterricht ist von dem Hilfsschulpersonal selbst zu geben; Hilfskräfte für 
Handarbeit dürfen der einheitlichen Behandlung der Kinder wegen nicht ver- 
wendet werden. Nun halte ich es aber für zweckmäßig, dass die Mädchen 
ihren Handarbeitsunterricht von der Lehrerin und die Knaben ihn von einem 
Lehrer erhalten. Es vereinigen sich deshalb die Mädchen der IV. und III. Klasse 
(Schwahn) in der Handarbeitsstunde bei dem Fräulein und die Knaben der- 
selben Klassen bei dem Lehrer. In den beiden oberen Klassen wird es ebenso 
gehalten. Da wir aber nur eine Lehrerin haben, welche auch evangelisch ist, 
so erwachsen dieser aus beiden Umständen ein Mehr von 4 Stunden und sie 
käme damit über die Pflichtstundenzahl von 26 um 2 hinaus. Um das zu ver- 
hüten, werden ihr 2 Gesangstunden abgenommen, welche Herr S. gleichzeitig 
mit denen der eigenen Klasse erteilt. — Wieder ein Punkt, der nicht zu unserer 
„Auswechslung‘‘ gehört. 

4. Infolge des stetigen Anwachsens der hiesigen Bevölkerung und des ein- 
engenden Festungsgürtels leidet Mainz seit Jahren an Schulbausnot. Darum 
steht der Hilfsschule nur ein Turnsaal in einem weit entfernten Schulhause zur 
Verfügung. Zur Vermeidung häufigen Zeitverlustes sind darum die 20 Knaben 
der beiden oberen Klassen mit denen der Klasse S. am Schlusse der Unter- 
richtszeit von 11—12 im Turnen vereinigt. Wiederum nötig, aber unsere „Aus- 
wechslung‘“ gar nicht berührend. 

5. An der hiesigen Hilfsschule haben alle Lehrkräfte mit Ausnahme des 
Leiters 26 Wochenstunden zu erteilen. Um letzterem einerseits die Überwachung 
und einheitliche Durchführung des Lehrplanes zu ermöglichen und ihm anderer- 


52 


seits für die Leitungsarbeiten, für die er nicht honoriert wird, Zeit zu geben, 
sind ihm von der Behörde nur 20 Wochenstunden auferlegt. Handarbeit, 
Singen u. s. w. seiner Klasse fallen deswegen den anderen in ihrer Klasse unter 
26 Stunden belasteten Lehrern zu, Herrn S. davou 2 Singstunden. Mit unserer 
„Auswechslung“ hat das aber wieder nichts zu tun. Aus der unter 4 und 5 
angedeuteten Praxis gewinnen wir aber anderwärts Zeit und können beispiels- 
weise 5 Rechenstunden in der Woche halten. 

6. Als Herr S. Ostern 1902 an die Hilisschule kam, hatte er von Knaben- 
handfertigkeitsunterricht keine Ahnung. Seine Knaben wurden darum von dem 
anderen Kollegen, der auf diesem Gebiet ganz Vorzügliches leistet, unterrichtet, 
während Herr S. Gelegenheit fand, sich etwas zu orientieren. Im Interesse der 
5 Knaben aber lag es, sie auch im neuen Schuljahre bei ihrem seitherigen 
Lehrer zu lassen, weshalb sie Herr S. in der Arbeitsstunde dahin zu entlassen 
hat. Ob das jemandem zum Nachteil gereicht und gegen die „Auswechslung“ 
spricht? Der Leser entscheide. 

Infolge stärkerer Aufnahme ergab sich zu Beginn des Schuljahres 1903/04 
für die Unterklasse des Herrn S. eine höhere Frequenz als für die darauffolgende 
Mittelklasse. Darum erbot sich der Ordinarius der letzteren freiwillig dazu, 
4 für seine Klasse eigentlich zu schwache Kinder zur Entlastung von 
Herrn S. — also das direkte Gegenteil von dem, was in Nr. 8, Seite 123, 
Zeile 20—34 ausgeführt wird — ganz „nach oben“ zu nehmen. Es stellte sich 
aber schon nach Verlauf von 8 Tagen heraus, dass das im Rechnen ohne Bil- 
dung einer weiteren (3.) Abteilung nicht durchführbar war, darum entschlossen 
wir uns zu einer wirklichen „Auswechslung“ und schickten die 4 im Rechnen 
„nach unten“, während sie im übrigen Unterricht „oben“ blieben. Was Herr S. 
daraus machte und wie er für diese Gefälligkeit seinen Dank formulierte, bitte 
ich in Nr. 8, Seite 121, Zeile 2 von unten und Seite 122, Zeile 1—11 von 
nben gefl. nachlesen zu wollen! Es sei das zugleich ein Beweis von den „sach- 
lichen Ausfübrungen“ des Herrn S. 

8. In der Klasse des Herrn S. sitzen 3 ältere Kinder, welche nach ihrem 
Klassenstand in die unterste katholische Religionsklasse zu kommen hätten. Da 
sie aber infolge ihres vorgerückten Alters von bier aus nicht zum Sakramenten- 
empfang und zur hl. Kommunion (Konfirmation) gelangen könnten, wurden sie 
in die 2. Religionsklasse, wo die Vorbereitung hierzu beginnt, also „nach oben“ 
ausgewechselt. Wir haben damit die beste Hoffnung, auch diese 3 Ärmsten 
zum Tische des Herrn führen zu können. Ohne „Auswechslung“ war das aber 
ausgeschlossen. 

Mit dem Zahlenmonstrum, das Herr S. in Nr. 1 vorführt, ist also auch 
nichts Stichhaltiges gegen die „Auswechslung‘“ vorgebracht. In Wirklichkeit. 
finden unter 92 Kindern der hiesigen Hilfsschule zwei wirkliche Auswechslungen 
statt, 3 „nach oben‘ und 4 „nach unten“. In den 4 vorausgegangenen Schul- 
jahren hatten wir dreimal gar keine, einmal 2, im nächsten werden wir vor- 
aussichtlich deren zwei haben, für welche mir aber bei der vorläufigen Fest- 
stellung auch Herr S. keinen besseren Ausweg bezeichnen konnte. 


53 

Bezüglich der „Unzuträglichkeiten und Schwierigkeiten zwischen den Klassen- 
lehrern infolge des Austausches“ befürchte ich mit Herrn Busch auch nichts, 
wenn bei Auswahl der Lehrer auch nach dieser Richtung hin die nötige Rück- 
sicht genommen wird. Diängt sich wirklich einmal ein rechthaberischer Quer- 
kopf ein, so sind die anderen gewiss einsichtig genug, etwas mehr an Geduld 
und Nachsicht zu opfern. 

Zur Erklärung „über die erschwerte Aufstellung der Stundenpläne“, über 
die Herr S, „wiederholt von einer gewissen Seite (rein „sachlich“, nicht wahr!) 
klagen hörte“, folgendes: Die einmalige Aufstellung von Stundenplänen, die 
Herr S. an der Hilfsschule mitmachte, fiel in die arbeitsreichste Zeit 
meines ganzen Lebens, Neben einer ausserordentlichen privaten Inanspruch- 
nahme, meinem Dienste und der Leitung eines Sprachheilkursus für städtische 
Volksschüler halte ich wohl *, aller Arbeiten für die Vorbereitung zum 4. Ver- 
bandstag deutscher Hilfsschulen zu erledigen. Ich freute mich jedesmal, wenn 
wieder ein Stück Arbeit hiuter mir lag. Damals sprach ich wohl auch die 
Worte (Herr S. hat sie gewiss genau aufgeschrieben, ich kann nicht für die 
Richtigkeit stehen): „O, Gott sei Dauk, dass der Stundenplan endlich fertig ist!“ 
und lieferte Herrn 8. eine Handhabe gegen den bösen „Austausch“. Möge der 
„geschickte Bildhauer“, der Herrn S.’ Gedanken „ein bestimmtes und angemessenes 
Gepräge verleihen“ soll, mir verzeihen, ich sage so etwas gewiss nicht mehr, 
wenigstens nicht Herrn S. gegenüber. 

Dass man „zum Lesenlernen ein Kind höherer Klasse in eine niedere 
schickt, während es oben den übrigen ‚deutschen Unterricht‘ geniesst“, halte ich 
für ausgeschlossen; bei: mir ist es so gehalten worden, dass der Stand im 
Deutschen die Zugehörigkeit der Klasse entschied. 

Zum Schlusse die Beobachtung, die Herr S. in Frankfurt a. M. gemacht. 
Dort befinden sich von den 12 Hilfsschulklassen 6 in der Hölderlinstrasse, 4 in 
der Predigerstrasse und 2 im Westend. Die unangenehmen Erfahrungen, die man 
mit dieser Verteilung gemacht bat, waren die Veranlassung, dass man den am 
1. Oktober 1901 bezogenen sechsklassigen Neubau der Hölderlinstrasse (Osten) 
auf 12 Klassen erweiterte, so dass an Ostern 1904 alle 12 Klassen dorthin zu 
liegen kommen. Nach diesem Ausbau des Svstems wird allerdings im Westen 
(Wiesenhüttenstrasse) ein 2. Hilfsschulsystem begonnen — wahrscheinlich 
Herbst 1904 mit 3 Klassen —. Herr S. aber schreibt ganz ruhig: „In Frank- 
fart hat man erst neulich in meinem Sinn gehandelt. Dort gibt es jetzt 
(Januar 1904) einen Ost- und einen Westbezirk für Hilfsschulen.“ Ja, man 
muss es nur verstehen, Zeit und Umstände zu — deuten! 

Damit dürfte wohl der Beweis erbracht sein, dass Herr S. auch in seinem 
2. Gang nichts Stichhaltiges gegen die „Auswechslung“ vorgebracht hat. Ich 
schliesse darum wie er: „Alles für die Sache!“ ja alles, auch vorübergehende 
lokale Unannehmlichkeiten müssen dafür ertragen und persönliche Wünsche 
dafür zurückgesetzt werden. Eingedenk der Worte unseres göttlichen Heilandes: 
„Was ihr dem geriugsten meiner Brüder tut, habt ihr mir getan!“ 


54 


Beiträge zur Geschichte der Heilpädagogik. 
Mitgeteilt von Schulrat H. E. Stötzner. 
ll. 
Auf dem Abendberge. 


Dr. Guggenbühl hatte sich als junger Arzt in Matt im Kleintale des 
Kantons Glarus niedergelassen und hier segensreich gewirkt. Er wandte seine 
Aufmerksamkeit besonders dem in diesen Tälern weitverbreiteten Kretinismus 
zu, und erkannte es nun als seine Lebensaufgabe, die Heilung und Verhütung 
dieses Übels anzustreben. Da er beobachtet hatte, dass Kinder mit kretinischer 
Anlage, die in den ersten Lebensjahren aus dem Tale in reine, sonnige Berg- 
luft versetzt wurden, sich körperlich und geistig gut entwickelten, so entschloss 
er sich zur Gründung einer hochgelegenen Kretinenheilanstalt. In dieser Mei- 
nung wurde er von dem Pädagogen Fellenberg unterstützt, der ihn einlud, 
nach Hoffwyl zu weiterem Studium zu kommen. Guggenbühl folgte dieser 
Einladung, und im Jahre 1840 erliess er in Maltens Bibliothek (Aarau, H. R. 
Sauerländer) seinen berühmt gewordenen „Hilfsruf aus den Alpen, zur Be- 
kämpfung des schrecklichen Kretinisinus“, in dem er in warmherziger 
Weise zur Errichtung von Kretinskolonien auffordert. Da dieser Hilfsruf der 
Ausgangspunkt jener grossartigen Bewegung geworden ist, die, noch heute fort- 
- wirkend, schwach- und blödsinnigen Kindern Hilfe zu bringen sucht, so ist sein 
vollständiger Abdruck in diesen Blättern gewiss gerechtfertigt: 


„Hilfsruf aus den Alpen, zur Bekämpfung des schrecklichen 
Kretinismus“. 

Die Schweiz hat, seit des begeisterten Rousseau’s Anregung, durch 
Heinrich Pestalozzi und Emanuel Fellenberg so herrliches für Menschen- 
bildungsheil geleistet, dass der Funke von Neuhof wie jetzt von Hofwy], zur welt- 
erleuchtenden Flamme gedieh. Es ist daher wohl an der Zeit, in diesem Lande 
einmal etwas für jene Unglücklichen zu tun, die dem furchtbaren Übel unterlegen, 
das man mit dem dunklen Namen von Kretinismus bezeichnet hat. Es ist der 
Schlusspunrkt menschlicher Bemühungen auf diesem Felde, da durchaus keine 
grössere Vernachlässigung und Entartung des Menschen gedenkbar ist! 

Mehrfach wiederholte Reisen in den Alpengegenden meines Vaterlandes lenkten 
meine besondere Aufmerksamkeit auf diesen furchtbaren Naturzustand. Wie über- 
haupt kein Übel in der Welt, das nicht wieder seine Heilmittel hat, so deuteten 
auch hier viele Punkte mir auf die Möglichkeit der Hülfe hin. Daher mein Ent- 
schluss diese hochwichtige Kulturangelegenheit genauer zu verfolgen, und der 
Genius des Landes, wo einst Aegidius Tschudi und Cosmus Heer lebten und 
wirkten, führte mich aus diesem Grunde als Arzt in dies einsame Tal am Sernft. — 

Der Mensch ist geboren zur Herrschaft über die Natur, und auch der Kretin, 
der mit dem menschlichen Aussehen die lebendige Seele verloren, und von jeder- 
mann verlassen in dumpfen Kerkern, auf Misthaufen und in Viehställen sein 
elendes Dasein hinschleppt, wird sich wieder erheben auf die menschliche Bahn. 


55 

Es gibt unendlich viele Grade und Stufen dieses Übels von dem blossen 
Pflanzenmensch, der nicht viel mehr als die Sinnpflanze, Mimosa pudica, von 
der Aussenwelt erregt wird, bis zu dem noch zu mechanischen Arbeiten fähigen 
„Gauch“, wie sie die Volkssprache im Wallis tauft. Wunderbare Rudimente der 
niedern Geistesvermögen traten mir noch bei den tief stehenden mannigfach ent- 
gegen. So sah ich einen Kretin zu Chur, der die Geburts- und Todesjahre fast 
aller Einwohner jener Stadt im Gedächtnis behielt, ohne ein für mich verständliches 
Wort sprechen zu können; ein anderer ist hier zu Näfels, der ganz stumm ist, 
aber jeden Festtag vorher, durch eigentümliche Bewegungen bezeichnet. Zu Seedorf 
in Uri hörte ich ein ganz grässlich verunstaltetes Geschöpf, vor einem Marienbild kniend, 
deutlich ein Ave Maria hersagen, wozu es mechanisch abgerichtet worden war. 
Die Züge liessen sich leicht vervielfältigen, die alle darauf hinweisen: dass hier 
weit mehr für die Kultur dieser Elenden getan werden könnte, von denen auch 
ich mit Saussoure ausrufen muss: „L'impression que firent sur moi ces malheureux 
ne s'effacera jamais de mon souvenir!“ 

Die früheren Zeiten gingen in jeder Beziehung sehr vornehm über diese 
Angelegenheit hinweg. Zimmermann sagt kurz und gut: dass es nach dem 
neuesten Wahrnehmungen des Herrn von Haller eine ganz unglaubliche Anzahl von 
Thoren im Wallis gebe. Die aargauische Gesellschaft für vaterländische Kultur 
leuchtete zuerst musterhaft voran und stellte vor ungefähr zwei Dezennien genauere 
statistische Untersuchungen an, die im dortigen Kanton 28 Dörfer mit Kretinismus 
behaftet nachwiesen. Ich habe mir in den verschiedenen Kantonen 96 Dörfer 
angemerkt, wo das Übel bedeutend herrschend ist: vielleicht sind mir noch eben 
so viele Standorte unbekannt geblieben. Darunter gibt es viele, wo nur von der 
höchsten Graden des Übels 24 bis 60 Fälle zu finden sind: wie Ragaz, Grabs 
(Kanton St. Gallen), Trimmis, Kazis, Ems (Bünden), Näfels, Rüti (Glarus), Flüelen, 
Seedorf, Altdorf (Uri), Naters, Bryg, Sitten, Bremis, Fülly St. Maurice (Wallis). 
Eben so stark nach Franscini zu Biasca, Cresciano, Giubicco, und Poleggio im 
Tessin. In grosser Zahl sind diese entarteten Menschen noch in den Kantonen 
Waadt, Bern, Luzern, Freiburg und Genf zerstreut, so dass man allerwenigstens 
4000 Kretins gegenwanuig am Leben hat. Statistische Untersuchungen von Ort zu Ort 
und von Haus zu Haus, welche mir Zeit und Verhältnisse in dieser Weise nicht aus- 
zuführen gestatteten, würden noch andere Zahlenverhältnisse liefern, gewiss ist aber 
schon an diesen zuviel. Das Alter dieses Zustandes ist bis jetzt noch dunkel, die 
Chronisten und Geschichtschreiber schweigen ganz hierüber, soweit ich sie bis 
jetzt kenne. Selbst Dr. Christian Herbort, Arzt S. F. G. Bischofs Adrian zu 
Sitten, welcher das Material zu Stumpfs Topographie vom Wallis lieferte, geht 
mit unverzeihlichem Leichtsinn hierüber weg, bis der gleichzeitige, herrliche Arzt 
des sechzehnten Jahrhunderts, Felix Plater, ein geborner Wallisaner, uns zuerst 
bestimmte Nachricht gibt. „Es gibt gewisse Thoren, sind seine Worte, welche 
ausser der angebornen Dummheit von der Natur noch durch andere Fehler bezeichnet 
sind. Man begegnet denselben an gewissen Orten häufiger, wie besonders im 
Wallis, in dem Dorfe Bremis, wo man sehr viele am Wege sitzen sieht. Man 
brachte mir welche nach Sitten, um zu sehen, ob ich ihnen etwas helfen könne. 


56 


Ihr Kopf war ungestaltet, die Zunge dick und unmässig gross; sie waren stumın, 
bisweilen kropfig mit einem hässlichen Gesicht. Vor ihren Häusern sitzend 
schauten sie steif in die Sonne, mit herabhängendem Munde und einem Hölzchen 
zwischen den Fingern spielend, so dass sie das Gelächter und die Bewunderung der 
Fremden erregten.* 

Es steht mir kein Grund vor Augen, warum der Ursprung des Übels nicht 
in das früheste Altertum gesetzt werden dürfte. Denn die Ursachen und besonders 
das Klima sind wohl grösstenteils dieselben geblieben und es ist nur die nicht zu 
beantwortende Frage: Wann die Völkerstämme seit ihrer Ansiedlung in diesen 
Gegenden denselben unterlegen sind? 

Die Mitwirkung des Klimas zur Bildung des Kretinismus ist nicht zu leugnen. 
Denn Fremde, welche ins Wallis kommen, um sich zu etablieren, wie häufig die 
Savoyarden tun, zeugen fast immer solche Missgeburten, ihre Verhältnisse seien 
sonst auch wie sie wollen, so lange sie nicht akklimatisiert sind. So auch die 
Älpler, wenn sie von ihren Bergen heruntersteigen, um bleibenden Wohnsitz auf- 
zuschlagen. Es mahnt dies an verwandte Erscheinungen beim schwarzen Erbrechen 
oder gelben Fieber, nach den Berichten Humboldts. Die Bewohner der südameri- 
kanischen Hochtäler, wo die Krankheit niemals herrscht, werden immer zuerst er- 
griffen, wenn sie das Flachland berühren, und zwar früher noch als die Europäer. 

Unter den vielen klimatischen Ursachen, welche man beschuldigt hat, ist die 
Luft allein als wesentlich zu betrachten, die jedenfalls in den tiefern Tälern hoher 
Grebirge eine abnorme Beschaffenheit annimmt. Die Naturkundigen haben, wie be- 
kannt, noch nichts Bestimmtes hierüber ermittelt; ihren Analysen gilt Goethes 
Wort: Habt Ihr die Teil’ in Eurer Hand, fehlt leider nur das geistge Band! 

Nach Biot hat die Luft zu Martynach im Wallis, wie die auf den Alpen der 
Schweiz nach Berger, zu Brystol nach H. Davy, zu Paris nach Gay Lussac, 
an der Küste von Gunies nach Beddoes, zu Kairo nach Berthollet und auf 
dem Antisaua nach Humboldt ganz dieselbe qualitative Beschaffenheit. Der 
menschliche Organismus ist indes ein feineres Reagens, als die schwerfälligen 
Apparate der Naturforscher. In was anders als einer verschiedenen lJuftqualität 
sollten die so vielfach und konstant abweichenden körperlichen und geistigen Eigen- 
schaften der Menschen auf Gebirgen und in Tiefen begründet sein, da Bodenver- 
hältnisse, Lebensart und alles übrige sich so häufig gleich bleibt? 

Dass aber eine noch nicht ausgemittelte Abnormität der Luft die Hauptrolle 
unter den klimatischen Ursachen des Kretinismus spiele, dafür zeugt: 

1. Seine Elevationsgrenze Die Krankheit übersteigt nicht 3000 ü. M. und 
kommt in Ursern, Engadin, Leuktale, Maderantal u. s. w. nicht melhır vor. 

2. Die mögliche Heilung des Zustandes durch Versetzung der damit Behafteten 
in die reine Gebirgsluft. Dies ist die grosse Panacee, die sichere Hülfe bringt, 
und in dem Lande, wo die Sonnenhöhen der majestätischen Gebirge existieren, so 
dringend zum Gebrauch ermahnt. 

3. Dörfer, welche in den Tälern etwas erhöht liegen, bleiben weit mehr von 
dem Übel verschont, wie z. B. Varen im Wallis, auf dem Vorsprunge gelegen, an 
welchem der Dahlaschlund in das weite Rhonetal sich mündet, und Raron, das 


57 


Dorf auf dem Felsenhügel, wo einst die in unserer Geschichte bekannten Frei- 
herren lebten. Überall, wo Sümpfe sind, gedeiht Kretinismus besonders stark, was 
auf eine entfernte Ähnlichkeit des schädlichen Prinzips mit dem Sumpfmiasma 
hinzudeuten scheint 

Es ist mir aufgefallen, dass die Wohnsitze altschweizerischer Tatkraft und 
Heldenmutes immer auf Anhöhen stehen, wie z. B. Tells Wohnung zu Bürglen 
und Walther Fürsts zu Attingbausen. Die Alten bauten ihre Tempel immer 
auf Anhöhen, sagt Jean Paul so wahr als schön. Auf Euern Alpen, Ihr Schweizer! 
stehen die alten unsichtbaren Tempel der Freiheit und Religion; lasset sie nie 
einsinken! Diese Pyramiden der Gottheit zeigen mit Riesenfingern nach dem Aether 
der Freiheit, nach dem Himmel der Zukunft. 

Als eine gewisse Tatsache dürfen wir nun aber feststellen: dass der Mensch 
auch in den Kretinentälern wohl gedeiht, wenn seine Lebensverhält- 
nisse sonst gehörig reguliert sind. Haller hatte schon richtig bemerkt, 
„dass in denselben Gegenden, wo Kretinismus einheimisch ist, auch die stärksten, 
lebendigsten und gesündesten Menschen wieder gefunden werden,“ eine Wahrheit, 
die ich hier vor mir bestätigt sehe. Es konnte daher nur das Resultat einer 
oberflächlichen Anschauung sein, was Herr Hofrat Ackermann nach einer Reise 
durch die Schweiz mit folgenden Worten aussprach. „Die grosse Anhäufung der 
wässerigen Dünste in den tiefen Tälern hoher Gebirge wirkt auch allgemein auf 
die Bewohner dieser Gegenden. Nicht alle haben das Unglück, den widernatürlichen 
Eindruck der Knochen am untern Schädelgrunde zu erleiden, welcher sie des 
Verstandes und der Denkkraft beraubt, zu Kretinen herabwürdigt; aber es ist 
keiner, welcher nicht durch eine kleine gestauchte Figur, oder durch einen ge- 
bogenen Rückgrat, oder durch eine üble Gesichtsfarbe sich auszeichnete!“ Einen 
gekrümmten Rücken u. dgl. zu haben, ist gerade eine Schande nicht, ein Male- 
branche, ein Pope u.s. w., waren durch dasselbe Merkmahl ausgezeichnet. Wer 
möchte aber einer solchen Angabe Glauben schenken, der nur ein einziges Blatt 
unsrer Geschichte gelesen hat? Was nun unter den gleichen klimatischen Influenzen 
den einen Menschen zum Kretin macht, der andern nicht, das sind die Gelegen- 
heitsursachen, mit deren möglichen Ausrottung der scheusslichen Entmenschung 
auch für immer ein Ziel zu setzen ist. Sie sind aber alle von der Art, wie sie 
überall in der Welt stattfinden, daher auch dieser Zustand überall und häufig in 
geringerer Ausbildung sporadisch vorkommt, jedoch mit falschen Namen getauft 
und verkannt wird. Ich habe sogar Ärzte gefunden, die unwissend genug waren, 
mit Ausspritzen der Ohren und Lösen des Zungenbändchens Hilfe schaffen zu 
wollen! In Gebirgsgegenden aber konzentriert sich ein Verein von Momenten, der 
die Intensität und Extensität der Seuche begünstigt, und dies im Kaukasus, Ural, 
den Pyrenäen, Karpathen, in Thibet, den Kordileren, Anden, wie im Hochland von 
Europa, in einigen Gegenden Englands, dem Salzburgischen, Kärnthen, Steyermark, 
der Schwäbischen Alp, zu Schwembsal in Sachsen, dem sächsischen Erzgebirge u. 
s. w. in Deutschland. 

Ob nun die ursächlichen Verhältnisse überall dieselben sind, oder sich vielmehr 
nach dem Lande ändern, will ich nicht entscheiden; denn meine Untersuchungen 


58 


beschränken sich nur auf die Schweiz. Das Übel ist teils angeboren, teils entwickelt 
es sich nach der Geburt. In ersterer Beziehung habe ich als ursächliche Bedingun- 
gen gefunden: 

1. Das Angeerbtsein, doch nicht so häufig als man glauben sollte. Nur die 
niederen Grade der Kretinen verheiraten sich, was dann freilich mitunter übel ausschlägt, 
und durch Staatsgesetze verhindert werden sollte. Weit häufiger zeugen jedoch 
scheinbar ganz gesunde Leute Kretinen vom höchsten Grade, wie ich nur zu oft 
gesehen. Im Wallis sind mir auch Fälle vorgekommen, wo die entartetsten Kretinen 
von Wüstlingen missbraucht, körperlich und geistig sehr hoch stehende Nachkommen 
zur Welt förderten, von denen welche unter den königlich französischen Leibgarden 
dienen konnten. Es bildet dies einen merkwürdigen Gegensatz zu der bekannten 
Tatsache, dass die Söhne grosser Männer häufig Dummköpfe sind. Die Natur ist 
offenbar auch hier geneigt einen Aufschwung zu machen und sich zu veredeln, so 
dass vielleicht bei dem Wechselverhältnis im geistigen Leben der Völker, an die 
Stelle der jetzt so sehr verkümmerten Psyche im ganz affenartig gestalteten Kretinen- 
schädel mit der Zeit der Genius eines Haller, Kant, Goethe, Cuvier, Newton, 
Byron u. s w. wieder aufblühen wird. 

2. Weit häufiger bedingt den angeborenen Kretinismus die Zeugung im Rausche, 
wofür ich bestimmte Fakta kenne. Schon Plutarch bemerkt, dass die Zeugung 
in diesem Zustande dumme Kinder zu Tage fördere, und sie soll bei den Römern 
gesetzlich verboten gewesen sein. Der Hang nach Branntwein ist in all den 
Dörfern, wo Kretinismus stark herrscht, ausserordentlich gross, und dieses höllische 
Getränk, dessen wahrscheinliche Erfinder die Araber des dreizehnten Jahrhunderts 
sind, untergräbt die physische Kraft unseres Alpenvolkes auf eine wahrhaft traurige 
Weise, wie auch sein unmäsiger Gebrauch das schreckliche Übel des Kretinismus 
am häufigsten hervorruft, wo noch die sonstigen Bedingungen mitwirkend sind. 

3. Als eine fernere Ursache ist das „Versehben* zu bezeichnen, wovon mir 
ebenfalls bestimmte Beispiele vorgekommen sind. Misshandlungen, Schreck und 
Kummer können die Entartung im Mutterleibe bedingen. Der angeborene Kreti- 
nismus lässt sich fast immer schon bei der Geburt erkennen, oder doch kurze 
Zeit hernach. Die Zeichen sind: ein grosser Kopf, eigentümlich stupider Gesichts- 
ausdruck, eingedrückte Nasenwurzel, dickere Zunge als gewöhnlich und eine besonders 
charakteristische, eigentümlich kreischende Stimme. Dazu Gleichgültigkeit 
gegen Licht und Schall auch während der ersten Monate des Lebens; Ungeschicklich- 
keit im Säugen, mitunter ein kleiner Kropf, beständiges Hängenlassen des Kopfs 
und der Arme, grössere Hände und häufige konvulsivische Bewegungen damit. 

4. Nach der Geburt hat ein Fall auf den Kopf, der unberücksichtigt gelassen 
wird, gewöhnlich eine eigentümliche Form des Kretinismus zur Folge. Die Sprache, 
wenn sie schon da war, verstummt, die Gesichtszüge verändern sich auffallend; die 
Schilddrüse schwillt zum enormen Kropf, der aus einzelnen Knoten besteht, welche 
rosenkranzförmig aneinander gereiht sind, und in wenigen Jahren ist das Übel: 
komplett ausgebildet. Ich habe eine Menge solcher Individuen in den verschiedenen 
Kantonen gefunden, die sich alle durch etwas Gemeinschaftliches in der Physiognomie 
auszeichneten. 


59 


5. Die häufigste und alle übrigen weit überwiegende Gelegenheitsursache liegt 
aber in der Lebens- und Erziehungsweise des Teils vom Volke in unsern Alpen- 
tälern, dem der Kretinismus besonders angehört. Da solche Verhältnisse auf die Tiere 
nicht einwirken, so ist auch begreiflich, warum Kretinismus nach allen meinen 
Nachforschungen unter denselben nicht gefunden wird. 

Die Hütten sind im Innern gar häufig weit schlechter eingerichtet als die 
Tungusenwohnungen oder die Gammer der Finnen. Kein frisches Lüftchen durch- 
streicht die Gemächer, der grässlichste Gestank ist den Leuten ein wahrer Lebens- 
balsam; kein Sonnenstrahl kann sie erleuchten, da die ohnedies kleinen Fenster 
vor Schmutz ganz undurchsichtig und obendrein meist mit Papier verklebt sind. 
Die Stuben sind so feucht, dass Cryptogamen an den Wänden gedeihen, dazu mit 
unsauberen Kleidern und was sonst noch stinkt behangen, so dass ein Gifthauch 
den Raum erfüllt, der mich — obschon an den Geruch von anatomischen Theatern 
gewöhnt — mehrfach zum Erbrechen reizte. Diese Vergiftung von Licht und 
Luft, den zwei unentbehrlichsten Agentien, zerrüttet nebst der scheusslichen Un- 
reinlichkeit den Organismus, und bringt im allgemeinen das Heer von rhachitischen 
und skrophulösen Gestaltungen hervor, wie man sie eben in diesen Hütten in so 
unendlicher Mannigfaltigkeit endemisch findet. Die Anlagen zu allem Menschlichen 
ist die einzige Morgengabe, die das Kind mit auf die Welt bringt. Erst die Er- 
ziehung macht aber dasselbe zum Menschen. Eine Vernachlässigung in dieser 
Beziehung, wie sie mir überall, wo Kretinismus herrscht, in so mannigfaltigen 
Zügen entgegengetreten ist, muss notwendig auch diese geistige Versumpfung 
nach sich ziehen. Gewiss kann man auf diese Weise Kretinen erzeugen, 
wo es nur irgend sei ın der Welt! 

Nach der Geburt werden die Kinder in die Wiege eingebunden, bleiben Tage 
lang auf ihrem Unflat liegen; in eine Kammer eingeschlossen, ganz isoliert und sich 
selbst überlassen, bis die Arbeit vollbracht ist. Ich habe dieses selbst vielfach 
gesehen und denke nur mit Entsetzen hieran zurück! Im Winter werden sie auf 
oder neben den heissen Ofen gesetzt, so dass sich heftige Kongestionen zum Kopfe 
einstellen, zum Ersticken dicker Brei von Polenta (in Bünden und Wallis), Kartoffeln, 
Mehlkleister u. dgl. machen ihre Nahrung von Anfang. Viele sterben an den viel- 
gestaltigen Folgeübeln frühzeitig weg; andere trotzen den feindseligen Elementen 
und gedeihen doch, und noch andere entarten auf diese traurige Weise. Der Bauch 
schwillt zuerst auf, man fühlt die induvierten Drüsen, die Gesichtszüge verändern 
sich bis zur Unkenntlichkeit, der Kopf wird verschroben, ungestaltig, die Augen 
fangen an zu schielen, Gang und Sprache -stellen sich nicht gehörig ein, furchtbare 
Konvulsionen beurkunden die Zerrüttung des Nervensystems und den Übergang in 
Kretinismus. Auf die Frage an die Mütter: wie die Kinder so geworden seien? 
erhielt ich sehr häufig die Antwort: „es komme von den Gichtern her," die 
natürlich auch nichts anders als die Folge jener übeln physischen Erziehung sind. 


Abnahme des Übels seit der französischen Revolution. 


Kretinismus hat seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts ausserordentlich ab- 
genommen und ist an manchen Orten bereits verschwunden, wo er früher stark 


herrschte. So zu Bex im Waadtlande, unter den Augen des Direktors der dortigen 
Salinen, Herrn von Charpentier, so in mehreren glarnerischen Dörfern u. s. w. 

Diese Beobachtung von Abnahme habe ich in allen Gebirgskantonen gleich- 
mässig gefunden, es kennt sie Jedermann. Nur zu bedauern, dass kein scharf- 
blickender Genius den Tatbestand genauer verfolgte und bestimmtes darüber aut- 
gezeichnet hat. Männer von so umfassenden Kenntnissen und entwickeltem Gefühle 
wie ein Albrecht Haller und Johann Georg Zimmermann, welche längere 
Zeit mitien unter diesen Unglücklichen lebten, hätten vor allen aus hierzu Beruf 
gehabt. Doch nur die von aller Selbstsucht und eitelm Ruhm entfernte Menschen- 
liebe wird hier die Natur belauschen, wo die Büchse der Pandora im vollsten 
Maße ausgegossen ist! — 

Genaue statistische Angaben waren mir bis dahin über die Verminderung nicht 
möglich auszumitteln, da die Tauf- und Totenregister nirgends Andeutungen ent- 
halten und sonst mir keine andere Quelle aufzufinden gelang. Nach den Beobach- 
tungen Herrn Domherrn Berchtholdts zu Sitten, welcher gelehrte und würdige 
Mann dreizehn Jahre der Gemeinde als Seelsorger vorstand, kann man dort bereits 
die Hälfte annehmen, obschon, wie er richtig bemerkte, es immer noch allzuviel 
gibt. Die grässlichsten Gestalten, welche ich jemals gesehen, sind hier im Kranken- 
hause zusammengedrängt. Zu Viespach im Oberwallis ist die Anzahl der Kretinen 
seit der veranstalteten Entsumpfung und Anlegung von Pflanzland unter der Leitung 
des Herrn Vanetz auf ?/, Teile reduziert. Nach Lokalumständen wechselt dem- 
nach das Verhältnis mannigfach. 

Die Gebrüder Wenzel, welche in ihrer Abhandlung über Kretinismus, Wien, 
1802, zuerst diese Abnahme erwähnen, schreiben dieselbe einer mutmasslichen 
Umänderung des Klimas zu, wofür sich jedoch nicht der geringste Beweis auffinden lässt. 

Den Wendepunkt gab vielmehr nach meiner Forschung die Invasion der Fran- 
ken 1799, worüber Augenzeugen noch bestimmten Aufschluss geben. 

Es war die zügellose Wut, die grausamen Verheerungen im Wallis, besonders 
unter Therrean, und hinwieder die ausserordentliche Kraftanstrengung dieses Volkes 
gegen die angeblichen Weltbefreier: qui avaient cru n’avoir de combattre que de 
cretins, wie Raoul-Rochette sagt, welche die Kulturverhältnisse in unsern Bergen 
so mannigfach verändert haben, wie schwerlich so allgemein, als die Legionen von 
Hanibal und Cäsar die Alpen überschritten. 

1. Dabei ist gewiss, dass die Soldaten der französischen Republik eine un- 
glaubliche Anzahl solcher Geschöpfe niedergemacht, wie mir Augenzeugen ver- 
sicherten. 

2. Viele Kretinen kamen bei dem Brande der Dörfer um, daher sie in den 
neugebauten immer am meisten vermindert sind. 

3. Dafür scheinen die Franken das Land durch Pflanzung einer neuen 
Generation schadlos gehalten zu haben. Hierauf bezieht sich unter anderm eine 
symbolische Sage in Bünden. Es heisst nämlich: die Weiber von Trimmis u. s. w. 
hätten sich an den schönen Männern versehen und darauf weit schönere Kinder und 
keine Kretins zur Welt gebracht. Mir versicherten auch die Geistlichen, dass die 
Leute seither lange nicht mehr so ausschliesslich in einem Dorfe sich untereinander 


61 


verheirateten, sondern ınehr kreuzten, was ebenfalls zur Verminderung der Seuche 
beitragen mag. 

4. Ein wesentlicher Punkt ist ferner die Veränderung der Lebensweise, wie 
sie sich seit der Zeit her an vielen Orten unstreitig datiert. Meist lebten die 
Menschen und Haustiere in den Hütten zusammen, den Gebrauch von Hausgeräten 
kannte man gar nicht, in einen Tisch waren Löcher geschnitten, in welche man 
die Speisen okne Unterschied goss u. s. w., was man alles jetzt weit seltener sieht. 
Dazu der gänzliche Mangel alles geistigen Verkehrs, das Festhalten an den alter- 
tümlichen Sitten und Gebräuchen überhaupt, was alles durch die gewaltige Revo- 
lution einen so mächtigen Stoss erlitt. 

Mir versicherte der rühmlichst bekannte Pädagog und ehrwürdige Pater Girard 
zu Freiburg im Üchtland, dass es vor der Revolution im untern Teile der Stadt 
eine grosse Anzahl kropfiger und stumpfsinniger Menschen gegeben habe. „Die 
Franzosen lehrten die Leute die Zimmer lüften, sie wurden mit Kalk übertüncht. 
bessere Diät und Reinlichkeit nahm zusehends überhand, und die flinken Männer 
wussten die etwas schwerfülligen Mädchen gut zu handhaben. Seit der Zeit sind 
diese Übel bereits verschwunden.“ 

Mit diesen Tatsachen, die sich noch mit manchen Zügen vermehren liessen, 
sind uns praktisch und faktisch die Mittel und Wege vorgezeichnet, die einzuhalten 
sind, um der grausamen Entartung des Menschen einmal das Grab aufzudecken. 

Daher mein Aufruf hier an Menschenfreunde zur Vereinigung der Kräfte, um 
durch passende Volksschriften, durch die Geistlichkeit, Schulen und alle möglichen 
Wege bessere Grundsätze über physische Erziehung, über Licht, Luft, Zeugung 
im Rausche u. s. w. zu verbreiten, wozu die Mitwirkung der hohen Regierungen 
und Geistlichkeit durchaus nötig ist. 

Für die lebenden ausgewachsenen Kretins lässt sich nicht mehr viel tun, man 
muss sie aussterben lassen. Weislich hat ihnen auch der Schöpfer die Tage ver- 
kürzt, indem sie selten über dreissig Jahre alt werden. In den jüngeren Jahren 
ist dagegen noch grosses zu bezwecken. Wo vernachlässigte Pflege und Erziehung 
die Schuld trägt, muss diese reguliert werden, und kann oft schon allein Hülfe 
schaffen. Im Wallis herrschte früher die Sitte unter den Wohlhabenden, ihre 
Kinder ausser dem Hause erziehen zu lassen, wo ihnen dann häufig das geschilderte 
Los zu Teil ward. Der noch lebende Dr. Odet zu Sitten war auf diese Weise, 
um our ein Beispiel zu nennen, bereits in seinem sechsten Jahre mit allen Merk- 
malen des Übels behaftet, bis die Veränderung der L'bensverhältnisse ihn nicht 
ohne Mühe wieder für die menschliche Kultur gewann. 

Aber auch wo Kretinismus angeboren ist, gibt es ein sicheres Heilmittel inner- 
halb einem bestimmten Termin des Leidens. Es ist ein wahrer und treffender Glaube 
unter dem Schweizervolke, dass jede inländische Krankheit auch wieder ihre ein- 
heimischen Heilmittel habe. So stehen auch hier neben den Tälern die Hochgebirge, 
wo der Mensch sich körperlich und geistig so herrlich entwickelt. Das souveräne 
Mittel ist nun, dass man die Kinder in eine Höhe bringe, die wenigstens 3000‘ 
ü. M. betragen muss. Im Wallis war dies schon längst und durch hunderte von 
Beobachtungen bestätigt. Haller, der als Ursache des Kretinismus die Hitze be- 


62 
schuldigt, bemerkte schon 1730, dass man die Kinder auf die hohen Gebirge ver- 
schicke, damit sie nicht dumm werden. Eine grosse Anzahl Fälle, die ich sah, 
hat mich indes belehrt, dass dies noch die Anchora sacra ist, wenn sie schon 
dumm sind. Aber nur innerhalb den zwei ersten Jahren hilft es beim angebornen 
Kretinismus, später ist der Erfolg sehr ungewiss, wie mir spezielle Beispiele zeigten. 
Wo die Frauen schon Kretinen geboren haben und dies unglückliche Ereignis 
wieder zu befürchten steht, müssen dieselben schon während der Schwangerschaft 
auf die Alpen gebracht werden, wie die Herren zu Sitten tun, die auf dem Meyen- 
berge, les Mayens de Sion, ihre hochgelegenen Landhäuser haben. Wie wir May- 
kirch, Linthkolonien u. s. w. haben, so muss auch eine hilfreiche Freistätte für 
diese Unglücklichen, eine Kretinskolonie entstehen. Das Gebiet ist aber weit 
und die Anzahl gross, daher zuerst nur ein beschränkter Versuch zu machen ist. 
Am einfachsten wäre es, eine Sennerei auf den Alpen einzurichten, wo noch die 
köstliche Milch so heilsam sich zeigt. Geeignetes Wartpersona] und mehr Schutz als 
gewöhnlich gegen die Witterungseinflüsse, wären die einfachen Bedingungen, um für den 
Sommer dort zu verweilen, wo schon viel für die Heilung getan werden könnte. 
Die begeisterte Liebe des menschlichen Erkenntnisvermögens kann auch auf 
andere Weise noch bier unglaublich viel tun. Ich habe mit verschiedenen Heil- 
potenzen bei den Kretins im hiesigen Tale Versuche angestellt, die zu aufmunternden 
Resultaten führten. Das Jod ist ein grosses Mittel, um den Drüsenleiden zu be- 
gegnen, die immer im hohen Grade mitleidend sind. Mehr leistet aber nach dem 
vorangegangenem Gebrauche des Jods der Phosphor, welcher bekanntlich einen 
Hauptbestandteil der menschlichen Gehirnmasse ausmacht. Ich wandte ihn als 
Phosphoräther täglich 4 bis 6 mal zu 20 bis 30 Tropfen an. Bei zwei Kindern 
von 5 bis 7 Jahren, die in sehr bedeutendem Grade dem Übel erlegen waren, 
brachte seine jedesmalige Anwendung eine bedeutende Aufregung zu stande, die 
sich in lebhaften Bewegungen und lachendem Geschrei verrieth. Nach viermonatlicher 
Anwendung sprachen sie an Stelle der früher unartikulierten Töne einige Worte deut- 
lich aus, und die verdoppelte Sorgfalt der Mutter bringt sie jetzt täglich im Sprechen 
vorwärts. Dies heftige Reizmittel verspricht hier alles und lässt hoffen, dass es mehr 
als ein anderes geeignet sein werde, den Geist wieder von seinen Fesseln zu ent- 
binden, auf dass er leuchte, wie jene kombustible Potenz in der grossen Natur. 


Weit tiefer steht der Kretin als das Tier in seiner höheren Gestaltung, und 
wir bewundern die üppige, ausgebildete Pflanze mit ihrer Blütenpracht und er- 
quicken uns mit ihrer Frucht, während der Mensch auf dieser Stufe bloss Mitleid, 
wenn nicht Ekel erregt! Mögen daher diese Zeilen ihren menschenfreundlichen 
Zweck nicht verfehlen. 

Und wie die Männer einst in Rütli's Gründen 
Im kräftigen Volk sich Brüder ausersehn, 
So suchen wir und werden Edle finden, 
Die gerne sich für Brüderwohl verbinden, 
Und kämpfend gern in unsern Reihen atehn. 
Liebe und Leben 
Weihn wir dem Vaterland! 
Bieten zum Werke freudig die Hand. 


63 


Dieser Hilfsruf hatte gewaltigen Erfolg. Von allen Seiten kamen Zu- 
stimmungen und reiche Beiträge. 
Dr. Guggenbühl liess seinem Aufrufe auch bald die Tat folgen. Wie 
Dr. Sengelmann in seinem Lehrbuche der Idiotenheilpflege mitteilt, hatte 
damals der berühmte schweizerische Forstmann Kastofer auf dem Abendberge bei 
Interlaken, 3000 Fuss über dem Meere, eine Anlage gemacht, um den Beweis 
zu liefern, dass auch auf jenen Höhen eine Pflanzenzucht und damit die Her- 
stellung einer Kolonie möglich sei. Kastofer bot nun seine Anlagen auf dem 
Abendberge dem Dr. Guggenbühl an. Es wurden schleunigst die notwendigen 
Bauten aufgeführt, und im Jahre 1841 wurde die erste Kretinenheilanstalt er- 
öffnet. Nun gestaltete sich der Abendberg zum Wallfahrtsorte für Menschen- 
freunde aller Stände. Naturforscher, Ärzte, Pädagogen, Geistliche, sogar Fürsten 
pilgerten hinauf und priesen den Retter der Kretinen und spendeten reiche Bei- 
träge. In dieser Zeit allgemeiner Begeisterung für Guggenbühl stieg nun 
auch im Spätsommer 1845 Lehrer Hörnig aus Dresden auf den Abendberg 
und berichtete dann am 18. Oktober von Zürich aus seine Beobachtungen an 
das sächsische Ministerium. Er zeigt sich auch hier wieder als ein scharfer 
Beobachter und klarer, kritischer Kopf. Je näher er dem Ziele seiner Reise 
kam, desto verschiedener wurden die Urteile über die Guggenbühl'sche 
Anstalt, neben dem Günstigen hörte er auch viel Ungünstiges. Also auch hier 
sah er sich doppelt zur Aufmerksamkeit und Unbefangenheit aufgefordert, denn 
es galt nunmehr nicht bloss über das Theoretische und Praktische die umstärd- 
lichsten Erkundigungen einzuziehen und die genauesten Beobachtungen anzu- 
stellen und alles das aufzufassen, was ein klares Bild von dem Leben und der 
Wirksamkeit der Anstalt geben konnte und was für eine Anstalt in Sachsen 
nachahmenswert war, sondern auch das weniger Zweckmäßige und Haltbare und 
selbst die etwaigen Mängel herauszufinden. „Und wenn ich allerdings zu der 
* Überzeugung gekommen bin, dass Dr. Guggenbühl unter bewandten Umständen 
seinen Zweck nicht erreichen kann, wenigstens nicht in dem Grade, als er es 
versprochen hat, so bin ich dadurch noch keineswegs an der Unwahrscheinlich- 
keit und Unmöglichkeit des Gelingens überhaupt irre geworden. Im Gegenteile 
bin ich durch die Urteile uud Erfahrungen anderer in meinen Ansichten be- 
stärkt und für meine Bestrebungen ermuntert worden. Weil ich aber gründlich 
berichten und die für Einrichtung einer ähnlichen Anstalt in Sachsen passendsten 
Vorschläge tun wollte, so habe ich rücksichtslos erwähnt, was ich in dieser 
Anstalt gefunden habe und was nicht und was mir mangelhaft erschienen ist.“ 
(Schluss in nächster Nr.) 


Mitteilungen. 


Altenburg. (Hilfsschule). Früher war man auch hier der Meinung, durch 
Nebenunterricht in Deutsch und Rechnen die schwachsinnigen Kinder so weit 
fördern zu können, dass sie dem Unterricht in den übrigen Fächern mit Erfolg 


64 


beiwohnen könnten. Als sich aber heraustellte, dass dies unmöglich war, wurde 
Michaelis 1898 die Hilfsschule errichtet. Sie war anfangs einklassig und wurde 
gleich mit einem Bestand von 27 Schülern — 16 Knaben und 11 Mëdchen — 
eröffnet. — Im Laufe der nächsten Jahre schon stellte es sich heraus, dass für 
eine Stadt von 38000 Einwohnern eine Klasse nicht genügte. Jedes Jahr war 
die Zahl der Anmeldungen grösser als die der Kinder, welche aufgenommen werden 
konnten. So konnten z. B. in einem Jahre von 18 Kindern, von denen den meisten 
die Wohltat eines besonderen Unterrichts zu gönnen war, nur 5 Aufnahme finden. 
Unter solchen Umständen sah sich der Schulvorstand veranlasst, die Hilfsschule 
von Ostern 1903-an zu einer zweiklassigen zu erweitern. Durch Anstellung eines 
zweiten Lehrers war endlich auch die Möglichkeit, gegeben, dass der bisherige Lehrer 
Urlaub erhalten und einem von Dr. Gutzmann- Berlin geleiteten Heilkursus für Sprach- 
gebrechen beiwohnen konnte. Zu den Kosten gewährten das Herzogl. Ministerium 
und der Schulvorstand eine Beihilfe. In gleicher Weise wurde es beiden Lehrern 
möglich gemacht, an den Kursen im Leipziger Handfertigkeitsseminarteil zunehmen. 
Der zweite Lehrer hat auf Anregung des Herzogl. Ministeriums auch ausserdem an 
einem Kursus in den Neinstadter Anstalten teilgenommen. Neben dem schon 
bisher betriebenen Handfertigkeitsunterricht konnte von Ostern 1908 ab ein 
besonderer Artikulationsunterricht erteilt werden. — Im Laufe des letzten Jahres 
ist in der Hilfsschule eine von den Eltern mit Freuden begrüsste Schulsparkasse 
errichtet worden, und ebenso besteht für dieselbe seit dieser Zeit eine Schüler- 
bibliothek. Diese Bücherei enthält Bilderbücher, Kinderlieder, Märchen, Sagen und 
kleine Erzählungen. —- Da es unpädagogisch sein würde, die entlassenen und 
konfirmierten Schüler der Hilfsschule die öffentliche Fortbildungsschule besuchen 
zu lassen, so ist für dieselben innerhalb der Hilfsschule ein besonderer Fortbildungs- 


schulunterricht eingerichtet. — Obgleich wir in Altenburg manches erreicht haben, 
so bleiben doch noch einige Wünsche unerfüllt. Vor allem macht es sich not- 
wendisr, dass der Hilfsschule ein Schulbad zur Verfügung gestellt wird. — Neben 


dem Schulgarten, welchen wir in Altenburg besitzen und in welchem bei gutem 
Wetter geturnt werden kann, wünschen wir weiter, dass der Hilfsschule eine Turn- 
halle freigegeben wird. — Viel Anklang bei den Eltern hat das jedes Jahr statt- 
tindende Schulfest gefunden. Während sich anfangs nur wenig Angehörige ein- 
fanden, ist die Zahl von Jahr zu Jahr grösser geworden. — Als ein erziehliches 
Moment von grosser Bedeutung möchten wir im Gegensatz zu der auf dem 4 Hilfs- 
schultag ausgesprochenen Meinung die häuslichen Aufgaben erwähnen. Gerade 
für unsere Hilfsschüler halten wir sie für unbedingt notwendig. Natürlich wird 
kein Mensch von den Hilfsschülern Arbeiten verlangen, die sie nicht allein lösen 
können, aber durch das tägliche Arbeiten für die Schule wird in den Schülern 
das Pflichtgefühl geweckt. Weiter werden sie an Fleiss und Arbeit gewöhnt. Die 
Erziehung beruht insbesondere bei den Schwachsinnigen auf langer, jahrelanger 
Gewöhnung, und darum möchten wir auf keinen Fall in der Hilfsschule die täg- 
lichen Hausaufgaben missen. -— Zum Schluss noch etwas Statistisches. Die Hilfs- 
schule ist bis jetzt — Michaelis 1898 bis Ostern 1904 von 66 Kindern — 
32 Knaben und 34 Mädchen — besucht worden. Darunter sind bis diese Ostern 


65 


22 Konfirmanden — 12 Knaben und 10 Mädchen gewesen. Bis auf 2 Mädchen 
sind alle erwerbsfühlig gewesen und haben sich den verschiedensten Berufen 
zugewendet. Die meisten haben in ihren ursprünglichen Stellungen ausgehalten. 
Ip diesem Jahre stellt sich der erste frühere Hilfsschüler zum Militär. Es ist 
darum ein Gesuch wegen Befreiung vom Militärdienst abgegeben worden. 

Berlin. (Erziehungs- und Fürsorgeverein). Über das Thema: 
„Pädagoge und Arzt in ihrem Zusammenwirken bei der Beurteilung 
schwachsinniger Kinder“ sprach in der letzten Sitzung der pädagogischen 
Kommission des Erziehungs- und Fürsorgevereins für geistig zurückgebliebene 
Kinder Herr Schularzt Dr. Nawratzki. Nachdem er erwähnt hatte, dass das 
obligatorische Zusammenwirken von Pädagoge und Arzt erst im letzten Jahrzehnt 
allgemeiner anerkannt worden sei, und dass den Anfang damit — allerdings schon 
vor einigen 20 Jahren — wohl die Hilfsschule zu Braunschweig gemacht habe, 
sprach der Vortragende zunächst von den Aufgaben des Arztes bei der Beurteilung 
schwachsinniger Kinder. Nicht soll er nur einzelne grobe Anomien, sondern viel- 
mehr deren Ursprung festzustellen suchen, und der sei sehr häufig auf erbliche 
Belastung zurückzuführen. Solche familiären Belastungsmomente seien z. B. Geistes- 
krankheiten, Alkoholismus, Syphilis, Tuberkulose. Oft seien die Ursachen des 
Schwachsinns aber auch in mangelhafter Pflege und Aufsicht, schlechter oder 
mangelhafter Ernährung und anderen ungünstigen sozialen Verhältnissen zu suchen. 
Diesen letzteren Kindern, den sogenannten pädagogisch zurückgebliebenen sei eine 
viel günstigere Prognose zu stellen, als den ersteren, den medizinisch zurück- 
gebliebenen. Die meisten Fälle von Schwachsinn seien auf beide Ursachen zurück- 
zuführen. Am schlimmsten seien die erblich Belasteten daran, wenn sie in den 
ersten Lebensjahren von Krankheiten, z. B. von Rhachitis, Scharlach, Masern, Störungen 
der Schilddrüse, heimgesucht wurden, weil gerade diese Krankheiten oft die schwersten 
Entwicklungshemmungen des Gehirns nach sich zögen. Alle diese Einzelheiten 
festzustellen, sei nun der Arzt am geeignetsten; er könne ja am besten den Krank- 
heiten und anderen verhängnisvollen Zuständen im frühesten Kindesalter, deren 
Folgen sich jetzt noch in Lähmungsformen, veitstanzähnlichen Erscheinungen, 
Schwindel, Sprachstöruugen u. s. w. zeigen, nachforschen. Was nun aber die 
anormalen Äusserungen der kindlichen Seele anbetrifft, so sind diese allein 
Sache des Pädagogen; er hat also zu achten auf Gedächtnis, Auffassungsvermögen, 
Fortschritte, Wahrnehmungsfähigkeit und auch, wie und in welcher Zeit sich das 
Kind Kenntnisse angeeignet hat. Diese Beobachtungen seien sowohl für die 
genauere Beurteilung des Arztes als auch für die pädagogische Tätigkeit wertvoll; 
denn dem Pädagogen falle, da der Schwachsinn nicht heilbar sei, die Hauptaufgabe 
bei der Behandlung dieser Kinder zu, die darin bestehe, die vorhandenen geistigen 
Kräfte möglichst zur Entfaltung zu bringen und aus den Zöglingen nützliche 
Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu machen. Und ihm ist es wiederum 
auf Grund der vom Arzte ermittelten Tatsachen möglich, viel leichter den richtigen 
Weg zu dem genannten Ziele und die richtigen Maßnahmen bei der Erziehung zu 
finden. So also sei das gemeinsame Wirken von Pädagoge und Arzt wohl geeignet, 
den Kindern zum Segen zu gereichen. 


66 


Berlin. (Vereinigung von Nebenklassen) Die 8 Nebenklassen des 
6. Schulkreises sollen im neuen Schuljahre zu 2 Gruppen mit je 4 aufsteigenden 
Klassen vereinigt werden. Die letzte (IV.) Klasse ist als Vorbereitungsklasse 
gedacht, in welcher von vornherein alle als schwachsinnig erkannten Kinder Auf- 
nahme finden sollen, damit sie nicht, wie bisher, erst 2 volle Jahre der Normal- 
schule zur Last zu fallen brauchen. Der Schulinspektor des Kreises, Schulrat Hantsch, 
hofft durch diese Einrichtung bessere Erfolge zu erzielen, als dies in den Neben- 
klassen trotz allen Fleisses möglich war. Bis zur Einrichtung von vollständig 
organisierten Hilfsschulen freilich scheint es in der Reichshauptstadt noch gute 
Wege zu haben. 

Berlin. (Nebenklassen.) Die Nebenklassen der Berliner Gemeindeschulen 
wurden im Winterhalbjahre (1903/04) von 1308 Kindern besucht; ihre Zahl hat 
sich also innerhalb der letzten 4 Jahre mehr als verdoppelt, denn sie betrug im 
Winter 1899;1900 nur 636 Kinder. Die Zahl der Nebenklassen ist, wie schon 
mitgeteilt wurde, in demselben Zeitraum von 50 auf 92 vermehrt worden und 
wird im neuen Schuljahre auf 107 steigen. Auffallend ist auch in diesem Jahre 
wieder die bedeutend höhere Anzahl der Knaben als der Mädchen. Während vor 
4 Jahren 341 schwachsinnige Knaben und 295 ebensolche Mädchen gezählt wurden, 
beträgt deren Anzahl in diesem Winter 775 Knaben und 533 Mädchen. Unter 
10000 Berliner Schulknaben befanden sich also 72, unter 10000 Müdchen aber 
nur 49 Schwachsinnige. Die Lehrer an den Hilfsschulen waren bisher zu 24 Unterrichts- 
stunden verpflichtet, sollen aber künftig 26 Stunden erteilen. 

Giessen. (Experimentalvorträge über Psychologie.) Anlässlich des 
letzten Verbandstages der Hilfsschulen Deutschlands hielt Herr Professor Dr. Sommer, 
Direktor der psychiatrischen Klinik an der Universität Gießen einen Vortrag über 
„Die verschiedenen Formen der Idiotie vom Standpunkt der Therapie und Prophylaxe*. 
Es zeigte sich schon damals, welch’ lebhaftes Interesse die Lehrer der Schwach- 
sinnigen und Idioten den psychiatrischen Forschungen entgegenbringen, und man 
gab allgemein dem Wunsche Ausdruck, es möchten an irgend einer Universität 
Vorträge über experimentelle Psychologie gehalten werden. Es dürfte deshalb von 
Interesse sein, zu hören, dass in der Zeit vom 18.-- 20. April 1. J. in Giessen 
Vorträge über experimentelle Psychologie gehalten werden. Wenn diese 
Vorträge auch gerade nicht, wie wir es gern gewünscht hätten, für Schulmänner 
speziell gehalten werden, so sind sie doch für Lehrer, und ganz besonders auch 
für Lehrer der Schwachsinnigen, von eminenter Bedeutung. Aus den zahlreich 
angemeldeten Referaten seien nur folgende hervorgehoben: 1. Ach-Göttingen: 
Experimentelles über die Willenstätigkeite 2. Ament-Würzburg: Das psycho- 
logische Experiment an Kindern. 3. Henri-Paris: Über die Koordination der 
Bewegungen. 4. Külpe-Würzburg: Versuche über die Abstraktion. 5. Lay- 
Karlsruhe: Das Wesen und die Bedeutung der experimentellen Didaktik. 
6. Martius-Kiel: Zur Untersuchung des Einflusses psychischer Vorgänge auf 
Puls und Atmung. 7. Soemmer-Giessen: Objektive Psychopathologie. 8. Weygandt- 
Würzburg: Zur Psychologie des Schlafes. 9. Wreschner-Zürich: Experimentelles 
über Assoziation von Vorstellungen. Für die damit verbundene Ausstellung 


67 


baben uuter anderem in Aussicht gestellt: 1. Hoefler-Prag: Apparate für 100 
psychologische Schulversuche. 2. Lay-Karlsruhe: Experimentelle Untersuchungs- 
methoden und Ergebnisse aus dem Gehiet der Schulpraxis (Rechtschreiben, Ent- 
stehung der Zahlvorstellungen, Gedächtnistypen, psychische Energie), 8. Nagel- 
Berlin: Apparat zur Demonstration der Vokalkurven. 4. Sommer-Giessen: Psy- 
chophysiologische Apparate. Zählung von psychopathischen Symptomen. Ein 
genaues Programm wird erst Anfang März zur Versendung kommen. 

Wien. (Fürsorge für Schwachsinnige) Der Verein „Fürsorge für 
Schwachsinnige" (Sitz: Wien XIX/l, Pantzergasse No. 3) hielt am 25. Fe- 
bruar 1904 seine Generalversammlung ab. Schriftführer Bösbauer erstattete 
den Rechenschaftsbericht. Demzufolge bat der Verein, der am 23. Dezember 1902 
gegründet wurde, im vergangenen Vereinsjahr 1903 eine Hauptversammlung und 
16 Ausschusssitzungen abgehalten. Der Hauptversammlung, am 23. April, wohnte 
auch Erzherzogin Maria Josefa bei. Als Redner fungierten damals Gymnasial- 
direktor August Kemetter aus Horn und Kooperstor August Schaurhofer 
(Wien). Die Vereinsleitung versuchte vor allem dem an den österr. Schulen und 
Anstalten für schwachsinnige Kinder fühlbar hervortretenden Mungel an Lehrtexten 
abzuhelfen und veranlasste zwei Funktionäre des Ausschusses mit der Bearbeitung 
derselben. So wurde der 1. Teil der „Fibel für abnorme Kinder“ geschaffen, der 
das erste österr. Lesebuch für Schwachsinnige ist und auch vom Unterrichts- 
ministerium bereits approbiert und durch Erlass des Wiener Bezirksschulrates an 
der Wiener Schwachsinnigenschule bereits eingeführt ist. (Verlag Gräser, Wien 1903). 
Für das von Gustav Pipez, Fachlehrer der Landes-Taubstummen: Anstalt in Graz, 
herausgegebene „Handbuch der Taubstummen- und Blindenanstalten Österreichs“ 
veranlasste die Vereinsleitang — und stellte dem Herausgeber das gesamte Material 
zur Verfügung, — dass eine Statistik der österreichischen Schwachsinnigenschulen 
und Anstalten mit veröffentlicht werde. Es ist dieses im Selbstverlage Pipez’ 
erschienene Handbuch nun die erste authentische Statistik der österreichischen heil- 
pädagogischen Anstalten. Im September errichtete der Verein eine unentgeltliche 
Auskunftsstollo, deren Leitung Oberlehrer Hans Schiner und Lehrer Leopold 
Miklas von der Wiener Schwachsinnigenschule (18. Bez. Anastasius Grüngasse 
No. 10) übernahm. Diese Auskunftsstelle hat in mehr als 200 Fällen Eltern 
bezüglich Unterbringung etc. ihrer unglücklichen Kinder Auskunft und Rat gegeben. 
Im Dezember begann im Lehrerverein „Dr. Lorenz Kellner“ von einem Funktionär 
des Fürsorgevereines, Herrn Hans Bösbauer, ein durch Erlass des Wiener 
Bezirksschulrates allen Wiener Lehrkräften zugänglicher Kurs über Geschichte, 
Methodik und Literatur des Schwachsinnigen -Unterrichtes. Dem Kurse wohnten 
24 städtische Lehrer und Lehrerinnen als ordentliche Teilnehmer bei. — Zu 
Weihnachten veranstalte der Verein „Fürsorge für Schwachsinnige* für die Kinder 
der städt. Schwachsinnigenschule die erste Weihnachtsfeier, zu der auch Erz- 
herzogin Anunziata erschien. An Spenden wurden für diese Kinderbeteilung 
nebst Naturalien auch 900 Kronen aufgebracht. Um dis niederösterreichischen 
Einrichtungen für Schwachsinnige den sich interessierenden Kreisen näher bekannt 
zu machen, veranlasste der Verein gemeinsame Besichtigungen und so wurden besucht: 


68 


die Wiener Schwachsinnigenschule, die Landespflege- und Beschäftigungsanstalt in 
Nierling-Gugging und die auf Landeskosten im städt Krankenhaus zu Mödling unter- 
gebrachten schwachsinnigen Kinder. Der Besuch der Stefanienstiftung in Biedermanns- 
dorf musste leider wegen Erkrankung des Direktors Antensteiner verschoben werden. 
Nachdem Referent noch die Vorarbeiten für die im Monat März stattfindende 
Konferenz erwähnt hatte, wurde der Rechenschaftsbericht mit Dank einstimmig zur 
Kenntnis genommen. Zahlmeister Aug. Schaurhofer berichtete über den 
Kassastand. Die Einnahmen betrugen 406 K 64 h; der gegenwärtige Kassastand 
macht 220 K 72 h aus. Eiustimmig wurde dem Zahlmeister das Absolutorium 
erteilt. Als Mitgliedsbeitrag wurde der Betrag von 1 K bestimmt. — Bei der 
Neuwahl in den Ausschuss wurden einstimmig gewählt: Max Freiherr v. Vitting- 
hoff-Schell zum Präsidenten; Exzellenz Eranziska Gräfin Hoyos-Herberstein 
(Vizepräsidentin), Oberlehrer Hans Schiner (Vizepräsident), zu Sebriftführern Lehrer 
Hans Bösbauer und Lehrer Ernst Lorenz, zum Zahlmeister Lehrer Leopold 
Miklas, zu Beiräten: Gemeinderat Professor Josef Wolny, Hochwürden Professor 
Dr. Heinrich Giese, städt. Oberarzt Dr. Aloıs Plöchl, städt. Arzt Dr. Richard 
Fellner, Dr. jur. Franz Hemala, Schriftsteller Franz Eichert, Redakteur 
Leopold Kunschak, städt. Lehrer Ferd. Eminger, OÖberlehrerin Karoline 
von Ambros und k. k. Übungsschullehrerin Marie Panzer. — Spenden nimmt 
entgegen: Zahlmeister Leopold Miklas, städt. Lehrer, Wien IX/4, Sobiesky- 
gasse 37 11/5. 


Vermischtes. 


Die Idiotenanstalt Dalldorf auf der Weltausstellung in St. Louis. Wie die 
Hilfsschule in Stolp, so wird auch die Idiotenanstalt Dalldorf in St. Louis 
vertreten sein. Insbesondere wird die Anstalt die Lehrmittel für den Anschauungs- 
unterricht, welche bereits auf der Städteausstellung in Dresden ausgestellt. waren, 
nach St. Louis schicken. Gleichzeitig wird dieses aber auch mit andern Lehr- 
mitteln und auch besonders mit. Arbeiten der Zöglinge geschehen. 


Briefkasten. 


H. S. v. A. Etwas gekürzt, im übrigen aber gern verwendet. Imbetrefl' des Lehr- 
planes können wir uns erst dann entscheiden, wenn derselbe uns wird vorgelegen haben. 
-H.H.i.M. Wahrscheinlich in nächster Nr. - 6.N.i.6.,P.i.B.,H.H.1.D. Erhalten. — 
R. i. K. Geduld! Wir kamen in der letzten Zeit wenig dazu, Manuskripte zu lesen. — 





Inhalt. Einladung. — Die Auswechslung von Schülern in der Hilfsschulklasse. 
(J. Wettig.) — Beträge zur Geschichte der ‚Heilpädagogik (FE. Stötzner.) — Mit. 
teilungen: Altenburg, Berlin, Giessen, Wien. -- Vermischtes: Die Idiotenanstalt Dalldorf 
auf der Weltausstellung in St. Louis. — Briefkasten. 








Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden, 
Kommissions-Verlag von H. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 


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Nr. 5 u. 6. | XX. IW) Jahrg, 


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Zeitschrift 


für die 


Behandlung sehwachsinniger und Enilentischer 


Organ der Konferenz für das Idiotenwesen; 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 
Stadtrat Direktor W. Schröter, . Banitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Spezialarzt 
Dresden - Strehlen, für Nervenkrankheiten 
Residenzstrasse 27. In Stuttgart. 





Erscheint jährlich in 132 Nummern von 
mindestens einem Bogen. Anzeigen für 
die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- 
rarlsche Beilagen 6 Mark. 







Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 
und Postänter, wie auch direkt von der 
Schrift] . Preis pro Jahr 6 Mark, 
einzelne Nummer 50 Pfg. 


Mai 1904. 





Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 


Die Hilfsschulen für Schwachbegabte.*) 
Referent: Franz Frenzel, Leiter der Hilfsschule zu Stolp i. Pom. 


Meine Ausführungen über die Hilfsschulen für Schwachbegabte können an 
dieser Stelle im wesentlichen nur den Zweck allgemeiner Orientierung ver- 
folgen, wobei allerdings einige wichtige Forderungen, die im Interesse einer ge- 
deihlichen Entwicklung der Hilfsschulbestrebungen liegen, besonders hervor- 
gehoben werden sollen. 

Die Hilfsschulen für Schwachbegabte, deren Existenz erst einige Jahrzehnte 
zurückreicht, bilden ein wichtiges Ergänzungsstück zur Schule der Neuzeit. 
Durch ihre Einrichtung erhalten schwachbegabte Schulkinder, welche in der 
Volksschule sehr häufig einen Jästigen Hemmschuh bilden und fast gar keine 
Förderung erfahren, eine ihrer "geistigen Verfassung entsprechende Ausbildung, 
die es ermöglicht, dass sie ihr bescheidenes Fortkommen im spätern Leben 
finden. Es unterliegt heute keinem Zweifel mehr, dass die Hilfsschulen wichtige 
und notwendige Einrichtungen bedeuten, deshalb kann es sich auch nicht darum 
handeln, ihre Notwendigkeit und Existenzberechtigung nachzuweisen, als vielmehr 
um das Bestreben, die Schulen für Schwachbegabte zweckmässig auszubauen 
und auszugestalten, damit sie in immer mehr vollkommener Weise die an 
sie gestellten vielseitigen Forderungen zu erfüllen vermöchten. 

Die Hilfsschulen für, Schwachbegabte wollen jetzt fast allenthalben als 
öffentliche und selbständige Schulanstalten gelten, daher müssen ihnen 
auch dieselben Rechte wie den andern Schulanstalten zuerkannt werden; eben- 


*) Offizielles Referat in Gruppe F (Sonderschulen) des I. Internat. Kon g r. für Schul- 
hygiene zu Nürnberg am 6. April 1904 gehalten. 


70 

so sollen sie denselben gesetzlichen und behördlichen Bestimmungen 
wie diese unterliegen. Wenn anfänglich eine grosse Verschiedenheit auf dem 
Gebiete der Hilfsschulbewegungen in vielen Beziehungen bestand, so lag es an 
dem Umstande, dass zunächst keine Erfahrungen als Maßgaben vorhanden 
waren. Nachdem aber jetzt eine fast übereinstimmende Gleichmäßigkeit in den 
wichtigsten Organisationsangelegenheiten der Hilfsschulen zur Durchführung ge- 
langt ist, erscheinen die vorhin ausgesprochenen Forderungen durchaus be- 
rechtigt. 

In Preussen hat das Kultusministerium durch einen Erlass vom 16. Mai 
1894 — U. DI. A. 1030 — die Hilfsschulen als öffentliche Schulanstalten 
zur Erfüllung der Schulpflicht anerkannt, ohne jedoch bisher Schulzwang für 
die Hilfsschulen anzuordnen. Andere Regierungen, wie z. B. die von Baden, 
Braunschweig und Sachsen sind weiter gegangen und haben durch landes- 
gesetzliche Verordnungen den Schulzwang auch auf nicht vollsinnige Kinder 
ausgedehnt. Bahnbrechend in dieser Angelegenheit ist ferner der Bezirks- 
schulrat zu Wien vorgegangen, welcher die Fürsorge für geistig minder- 
wertige Kinder in Wien durch einen Erlass mit Ausspruch von Schulzwang 
angeordnet hat. Der IV. Verbandstag deutscher Hilfsschulen (1903) hat sich 
vor etwa einem Jahre mit dem Schulzwang schwachbegabter Kinder auch ein- 
gehend beschäftigt und diesbezügliche Vorstellungen bei den zuständigen Be- 
hörden in die Wege geleitet. Leider sind die unternommenen Schritte bisher 
ohne Erfolg geblieben. Im Interesse einer gleichmäßigen Handhabung in der 
Beschulung schwachbegabter Kinder wären gesetzliche Bestimmungen, wodurch 
nicht nur der Schulzwang für die Hilfsschulen ausgesprochen, sondern auch 
die Dauer der Schulpflicht schwachbegabter Kinder genau begrenzt würde, 
dringend anzuerstreben. Unter keinen Umständen dürfte namentlich die Über- 
schulung schwachbegabter Schüler in die Hilfsschulen von dem Willen der 
Eltern abhängig gemacht werden. Eine solche Rücksichtnahme würde oft zu 
Weiterungen führen, die nicht das Ansehen unserer Schulen fördern könnten. 

Die Schwachbegabten bleiben länger als die vollsinnigen Menschen im Zustande 
des Kindes; aus dieser Erkenntnis hat man in England die Schulpflicht für 
schwachsinnige Kinder bis auf das vollendete sechzehnte Lebensjahr ausgedehnt. 
Eine gesetzliche Regelung der Schulpflicht für die schwachbegabten Kinder in 
diesem Sinne wäre auch bei uns erforderlich; die Notwendigkeit einer längeren 
Ausbildungszeit wird wohl allerorten empfunden werden, so dass sich Jede 
weitere Begründung dieser Angelegenheit erübrigen dürfte. 

Es scheint in der Tat nun an der Zeit zu sein, zur Begründung fester 
Normen und zur Verwirklichung der gewonnenen Erfahrungsgrundsätze in der 
Hilfsschulfrage einigende Bestimmungen anzustreben, vor allem den Hilfs- 
schulen die so notwendige gesetzliche Grundlage zu schaffen, auf derem 
Boden der Hilfsschulbau sich gedeihlich weiter entwickeln und sicher ruhen 
kann. Die Unterrichtsverwaltungen hatten zunächst wohl absichtlich von allem 
Reglementieren in der Hilfsschulbewegung abgesehen, um die Entwicklung durch 
Aufwerfen bestimmter Vorschriften oder durch Ziehen enger Grenzen nicht zu 


71 
hemmen oder in beabsichtigte Richtungen zu lenken. Nachdem jedoch jetzt 
die Hilfsschule sich zu einem stattlichen Bau entwickelt hat, bedarf sie auch 
besonderer gesetzlicher Vorschriften und behördlicher Bestimmungen, damit sie 
als gleichberechtigte Schulanstalt ihre volle Anerkennung neben den anderen 
Bildungsstätten finde und nicht als Aschenbrödel behandelt werde. Aus diesem 
Grunde sollen für sie nicht nur gesetzliche Unterlagen geschaffen werden, sondern 
sie ist auch als selbständige Schulanstalt mit eigener Leitung, Verwaltung 
und Beaufsichtigung zu begründen und zu unterhalten. Auf keinen Fall darf 
sie als integrierender Teil der Volksschule angegliedert werden. Nur auf ge- 
setzlicher Grundlage als gleichbewertete Bildungsanstalt in der Reihe der anderen 
Erziehungsstätien wird die Hilfsschule blühen und gedeihen und die auf sie ge- 
setzten grossen Hoffnungen zu erfüllen vermögen. Halbe Maßnahmen erscheinen 
allerwegen nicht zweckmäßig, am wenigsten aber auf dem Gebiete der 
Schwachsinnigenbildung. Bei zweckentsprechender Einrichtung wird die Hilfs- 
schule auch nicht als notwendiges Übel oder als moderne Neuerung auf päda- 
gogischem Gebiete angesehen werden, eine Ansicht, die man ab und zu auch 
noch findet, sondern man wird sie als einen erfreulichen Fortschritt begrüssen, 
der einen ausserordentlich grossen sozialen und hygienischen Wert in sich 

Es ist klar, dass mit der Erfüllung der eben ausgesprochenen Forderungen 
manche Vorteile für die ganze Hilfsschulbewegung erwachsen würden; wir werden 
deshalb gut tun, auf diesen Forderungen zu bestehen, besonders auch aus dem 
Grunde, damit sich die Hilfsschulpädagogik in der bisher so erfreulichen Art 
und Weise weiter entwickeln könne. Eine nach aussen hin gesicherte gute 
Organisation bietet auch die Gewähr einer guten innern Entwicklung, wovon 
wiederum der gesamte Erziehungserfolg abhängig erscheint. 

Unser Erziehungsmaterial — die schwachbegabten Kinder — besteht 
aus lauter Sonderindividuen in seelischer und häufig auch in körper- 
licher Beziehung. Fast sämtliche Lebensvorgänge äussern sich bei ihnen 
in mehr oder weniger anormalen Erscheinungsformen. Je nach dem Wesen 
der Geistesschwäche kommt bei jedem Individuum der Einfluss der Aussenwelt 
in anderer Weise zum Ausdruck und zwar in einer der individuellen Anlage 
entsprechenden Form. Es würde zu weit führen, einzelne Schilderungen typischer 
Fälle von Geistesschwachen zu bieten; die Erziehung und Bildung solcher 
Wesen aber hat mit den verschiedenen Erscheinungsformen zu rechnen und 
kann nur unter steter Beziehung auf die individuellen Sonderheiten der vor- 
liegenden Fälle ihre Wirksamkeit erfolgreich einsetzen. Sie muss darum alle 
Reaktionen körperlicher, geistiger und gemütlicher Art genau beobachten, ihre 
Beziehungen zu den Reizwirkungen erforschen und ihre gegenseitigen Ver- 
knüpfungen ergründen und verstehen lernen. Aus diesem Ergebnis, das also 
aus rein individual-psychologischen Erwägungen gewonnen wird, sind dann 
die besondern erziehlichen und unterrichtlichen Grundsätze abzuleiten. Mithin 
wird in der Hilfsschule für Schwachbegabte nur eine Grundmethode in Be- 
tracht kommen können, welche die individuelle Veranlagung der Schüler gehörig 


72 
berücksichtigt und einer sich bis ins kleinste erstreckenden Analyse jedes 
Schülers psychopathologischerseits Rechnung trägt. 

Es wäre nun eigentlich meine Aufgabe, mit Beziehung auf die Resultate der 
Erforschung in dieser Angelegenheit die unterrichtlichen und pädagogischen 
Besonderheiten der Behandlungsmaßnahmen, die durch die Eigenart der 
schwachen Begabung bedingt werden, zu entwickeln und ein Lehrprogramm für 
die Hilfsschulen aufzustellen. Das würde jedoch weit über den Rahmen dieser 
Ausführungen hinausgehen; deshalb will ich mich nur auf die Schilderung 
einzelner wichtiger Sondermaßnahmen beziehen mit dem Hinweis, dass in der 
spätern Ausbildung der Schwachbegabten doch am besten der breite Boden 
der allgemeinen Volksschule beschritten werden dürfte. Spezifische Besonder- 
heiten in Unterricht und Erziehung wird die Hilfsschule vorwiegend auf den 
untern Bildungsstufen beobachten, hier werden ihre charakteristischen Besonder- 
heiten auch am deutlichsten ausgeprägt sich zeigen. 

Die Geistesschwäche äussert sich hauptsächlich in dem Mangel an Auf- 
merksamkeit und Überlegung. Dieser Mangel wird dadurch hervorgerufen, 
dass das Gehirn unregelmässig und träge arbeitet. Nicht die manchmal be- 
stehenden, gewöhnlich zufälligen Erkrankungen oder Fehler der Sinnesorgane, 
der Augen, Ohren etc. führen zum Schwachsinn, sondern die krankhafte und 
schlechte Anlage desjenigen Organs, in welchem die Eindrücke der Aussenwelt 
wahrgenommen und verarbeitet werden. Dieses Organ ist das Gehirn, und 
seine Werkzeuge und Tore sind die Sinne. Dem Gehirn können wir nur durch 
die Sinne beikommen. Bevor wir also mit der Bildung des Veistandes bei den 
Schwachbegabten beginnen werden, müssen wir die Werkzeuge des Zentralorgans 
zu einer erspriesslichen Betätigung heranziehen. 

Gewöhnlich finden bei unsern Schülern Sinnesfunktionen wohl statt, allein 
es kommt dabei häufig zu keinen Associationen, da der organische oder physio- 
logische Eindruck zu keinen nachhaltigen psychischen Gebilden führt. Die Wahr- 
nebmungsprozesse vollziehen sich in manchen Fällen ohne psychischen Parallel- 
vorgang. Man kann von den Schwachbegabten mit Recht sagen: „Mit sehenden 
Augen sehen sie nicht, mit hörenden Ohren hören sie nicht.“ Ihre Sinnes- 
funktionen müssen deshalb methodisch geübt werden und zwar in allseitiger 
und motivierter Behandlung. Gleich mit der Übung der ersten Funktionen 
in der Sinnesauffassung sind einfache Betätigungen in der Darstellung zu 
pflegen, welche den Zweck verfolgen, die gemachten Wahrnehmungen sprachlich 
und auch in körperlicher Darstellung zu reproduzieren. Durch dieses Verfahren 
werden die psychischen Inhalte geklärt und vervollkommnet und die darstellenden 
Organe geübt und erzogen. Es handelt sich bei allen diesen Übungen haupt- 
sächlich um die Ausbildung der motorischen Funktionen, wodurch ein 
gewisser Aufmerksamkeitszustand geschaffen wird, der einen geeigneten Boden 
für unterrichtliche Einwirkungen herstellt. — In neuester Zeit befürwortet man 
zur Erreichung dieses Zweckes die Einführung eines besonders geregelten Dar- 
stellungsunterrichts (Arbeitsunterrichts) für die Hilfsschule. Dass davon 
Erfolge zu erwarten stehen, erscheint zweifellos. 


13 


Man hat diesen Übungen, welche eine charakteristische Besonderheit des 
Hilfsschulunterrichtes bilden, als Sinnes- und Unterscheidungsübungen 
einen wichtigen Platz in dem Lehrprogramm der Hilfsschulen zugewiesen und 
für ihre zweckmäßige Pflege verschiedene Anweisungen geschrieben. Mit den 
Sinnesübungen gehen Hand in Hand die Übungen an farbigen Formenbrettern, 
an Legetäfelchen, Legeringen, Legestäbchen, Würfeln, Bällen etc., 
wodurch auch gleichzeitig das Unterscheidungsvermögen, die Grundlage 
aller intellektuellen Betätigung, entwickelt und gepflegt wird. Jederzeit bleibt 
dabei zu beachten, dass die individuellen psychischen Defekte oder Aus- 
artungen der Schüler Ausgangspunkte aller Maßnahmen bilden müssen. Das 
eigene kindliche Empfinden, Denken und Fühlen soll weitgehende Berücksichtigung 
finden; auch sind die Schüler erst zu einer zweckmäßigen Mitbetätigung im 
Unterrichtsbetriebe zu führen, später zu einer erspriesslichen Selbsttätigkeit., 
Das Prinzip der Selbsttätigkeit hat eine hohe Bedeutung für unsere Schüler. 

Es ist dringend zu verlangen, dass vor dem Beginne der Sinnes-, Unter- 
scheidungs- und Formübungen eine genaue ärztliche Untersuchung der 
Körperorgane in jedem einzelnen Falle vorgenommen werde. Die Ergebnisse der 
Untersuchung sind dem Erzieher zu unterbreiten, damit er von Fall zu Fall 
seine Sondermaßnahmen treffen kann. Wie wertvoll derartige Untersuchungen 
sein können, mag folgendes Beispiel zeigen. Ein Arzt hatte bei einer Unter- 
suchung festgestellt, dass einem Kinde das erkennende Sehen in der Ebene 
nicht möglich war. Er empfahl zur Beseitigung dieses Defekts Sehübungen mit 
dem Stereoskop auf besonders hergestellte Stereoskopbilder unter Beobachtung 
eines bestimmten Ganges. Dieses Verfahren war schliesslich von Erfolg begleitet; 
das Kind erlernte allmählich das Sehen in der vorher nicht gekonnten Weise. 
Nach Beseitigung dieses Mangels hob sich die gesamte Verfassung des Kindes, 
es zeigte sich geistig gebessert und war weitern unterrichtlichen Einwirkungen 
zugänglicher als vorhin. 

Im fernern Verlauf der hier bezeichneten Übungen bieten Spiele, Be- 
schäftigungen, Arbeiten, Bilderbetrachtungen und Wanderungen ge- 
eignete Mittel für eine fortschreitende Gymnastik der Sinnesorgane. Es sind 
auch Übungen, die den Gebrauch mehrerer Sinne zugleich erfordern, in zweck- 
mäßiger Weise anzustellen. Bei allen Maßnahmen, die zur Anwendung gelangen, 
ist selbst scheinbar geringfügigen Umständen, Auffälligkeiten, Er- 
scheinungen etc. die grösste Aufmerksamkeit zu schenken. Man kann mit- 
unter in Staunen über die falschen, eigenartigen, oft im höchsten Grade naiven 
Auffassungen unserer Schüler geraten. So behauptete ein Knabe, der Hahn habe 
nur ein Auge, weil das Bild des Hahnes nur ein Auge aufwies. Dass das 
andere Auge sich auf der andern Seite befinden müsse, wollte ihm garnicht ein- 
leuchten. Ein anderer Schüler zählte anstatt der Würfel eines Rechenapparates 
die die Würfel voneinander trennenden Holzleisten. Ein Kind sagte von einem 
neben dem Stuhle stehenden Schüler, er sitze auf dem Stuhle, ganz gleich, ob 
dieser vor, hinter oder an dem Stuhle stand. Noch komischer wirken ihre 
Äusserungen, wenn sie schon einige Fortschritte in der Bildung gemacht haben; 


74 

so wusste ein Schüler zu erzählen, dass der Frost in der Grube wohne. Diese 
Beispiele, deren Zahl noch um viele vermehrt werden könnte, mögen zeigen, 
wie unsere Aufmerksamkeit bei der Bildung der Schwachbegabten auch auf Neben- 
sächlichkeiten und Selbstverständlichkeiten gerichtet sein muss, ein Umstand, 
der bei der Erziehung vollsinniger Kinder weniger ins Gewicht fallen wird. Die 
Erzieher dieser Kinder lernen derartige Seiten an einer Kindesseele oft nur 
sehr flüchtig und einseitig kennen. 

Wie schon angedeutet, finden wir bei schwachbegabten Kindern sehr häufig 
einen äusserst mangelhaft entwickelten Formensinn; aus diesem Mangel er- 
wachsen dem Schreib- und Leseunterrichte ungeheure Schwierigkeiten. 
So verschiedenartig diese Unterrichtsbetriebe in den Hilfsschulen auch noch ge- 
handhabt werden, umso deutlicher lassen die Maßnahmen, welche zur Bewältigung 
des Schreibes und Lesens getroffen werden, erkennen, dass man überall bemüht 
ist, Mittel und Wege zu erfinden, welche geeignet erscheinen, die Schwierigkeiten 
auf ein geringes Maß zu reduzieren und der minimalen Auffassungsfähigkeit der 
Schüler Rechnung zu tragen. Es sei nur hier an die Verwendung beweglicher 
körperlicher Buchstaben, an den Gebrauch der Bilderschrift und des grossen 
lateinischen Alphabets, an die Versinnlichung der Lautzeichen, an die Be- 
nutzung verschiedener stützender Hilfsmittel beim Schreiben etc. erinnert; alle 
diese Maßnahmen sind Sondermaßnahmen, derer die Volksschule ruhig ent- 
raten kann. 

Nicht selten sind bei schwachbegabten Kindern Sprachstörungen mannig- 
facher Art, ja selbst verschiedene Formen von Sprachlosigkeit vorhanden. 
Diese Begleiterscheinungen der schwachen Begabung erfordern Sondermaßnahmen 
zu ihrer Behandlung, wie sie in keiner anderen Erziehungsanstalt vorkommen 
und Anwendung finden. Es wird bei uns nicht nur ein Sprachunterricht 
notwendig sein, der das Sprachvermögen der Schüler zu fördern hat, sondern 
es muss auch ein Sprechunterricht hinzukommen, der sich die Verbesserung 
der Aussprache zur Aufgabe stellt. Ja, in manchen Fällen wird sich die Not- 
wendigkeit ergeben, die sprachliche Ausbildung von ihren ersten Anfängen an 
unter gleichmäßiger Berücksichtigung der logischen und physiologischen (arti- 
kulatorischen) Seite der Sprache zu begründen und fortzuführen. 

Aus diesen Darlegungen folgt auch, dass der gesamte Sach- und Sprach- 
unterricht in der Hilfsschule in seinem Betriebe andere Wege verfolgen muss, 
als sie derselbe Unterricht in der Volksschule beschreitet. Wir werden vor allem 
in unsern Schulen einen selbständigen Sachunterricht auf anschaulicher 
Grundlage betreiben müssen, der auf den untern Stufen den wichtigsten Unter- 
richtsgegenstand zu bilden hat. Wo es sich darum handelt, Schwaches zu 
kräftigen, Vereinzeltes und Zerstreutes zu sammeln und zu befestigen, muss eine 
Konzentration nach sachlichen Gesichtspunkten stattfinden. Der Sach- und 
Sprachunterricht auf anschaulicher Grundlage erscheint am geeignetsten, einen 
wirksamen Konzentrationspunkt zu bieten, weil er auf die Ausbildung eines 
einheitlichen Bewusstseins abzielt. Solche Maßnahmen sind namentlich bei der 
Bildung der Schwachbegabten gehörig zu erwägen. 


75 


Das Prinzip der Anschauung behält in der Hilfsschule für alle Unter- 
richtsgegenstände bis zu den obern Stufen volle Geltung; die Grundsätze der 
Anschaulichkeit werden hier immer wieder beachtet werden müssen. Der ge- 
samte Unterricht in der Hilfsschule soll darum abweichend von dem der Volks- 
schule mehr Beobachtungs- und Erfahrungsunterricht als Geistesgymnastik 
sein, eine charakteristische Eigenart, wodurch die Hilfsschule sich hauptsächlich 
von der Volksschule unterscheidet. Wenn man noch die häufigen Wieder- 
holungen und die kleinen, oft kaum merklichen Fortschritte im Unterricht» 
welche bei uns stattfinden, in Betracht zieht, so kann die Reihe der charak- 
teristischen Merkmale des Hilfsschulunterrichtes noch um einige vermehrt werden. 
Auch der Umstand, dass der Lehrer in vielen Fällen neue Mittel und Unter- 
richtsgriffe ersinnen muss, um Licht in die dunkeln Köpfchen seiner Schüler 
zu bringen, führt zu Sondermaßnahmen, die der Volksschule gänzlich unbekannt 
bleiben werden. Nicht selten verlangt es die eigenartige Verfassung einzelner 
Schüler, dass der Lehrer sich längere Zeit einem Kinde ausschliesslich widmen 
muss, um sein Interesse zu wecken und sein Vertrauen zu gewinnen. Über- 
haupt wird der gesamte Unterrichtsbetrieb in der Hilfsschule sich in vielen 
Stücken wesentlich anders gestalten müssen als in der Volksschule; wir haben 
es mit Sonderindividuen zu tun, daher sind auch Sondermaßnahmen für ihre 
Bildung und Erziehung notwendig. 

Es ist schon vorher bemerkt worden, dass zur Ausbildung der motorischen 
Funktionen bei unsern Schülern gewisse Übungen zur Anwendung gelangen, die 
nebenbei auch der körperlichen Erziehung wegen betrieben werden. In 
höherm Maße wollen diesem Zwecke die turnerischen Übungen dienen, von denen 
das eurhythmische Turnen als die wichtigste Maßnahme besonders hervor- 
gehoben zu werden verdient. Bei dem eurhythmischen Turnen werden gewisse Grup- 
pen von Freiübungen unter Begleitung stark rhytbmischer Musikstücke ausgeführt, 
wobei die Musik die Folge der Übungen bestimmt und regelt. Solche Übungen 
sind von grossem Einflusse auf die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten und 
zwar aus dem Grunde, weil dabei die Koordinationstätigkeit bestimmter Muskel- 
gruppen entwickelt und geübt wird. Keine anderen Übungen sollen nach dem 
Urteil erfahrener Ärzte zusammengesetzte Bewegungen mehr geläufig zu machen 
vermögen als die eurbythmischen Turnübungen; sie sollen sogar von direktem 
Einfluss auf die graue Substanz des Zentralnervensystems sein. Daraus resultiert 
die hohe Bedeutung, welche dem eurhythmischen Turnen im Dienste der Schwach- 
sinnigenbildung beizumessen ist. Daher müssen zweckmäßige körperliche 
Übungen in dem Lehrprogramme unserer Schulen weitgehende Berücksichtigung 
finden. 

Bezüglich der Erziehung der Schwachbegabten sind ebenfalls Sonder- 
maßnahmen vorzusehen, die wir auf der Unterstufe der Hilfsschule als Anstands- 
und Schicklichkeitsübungen bezeichnen wollen. Vollsinnige Kinder eignen 
sich gewöhnlich schon im Elternhause und im Umgang mit ihresgleichen die 
einfachsten Anstandsformen an und beobachten dieselben, wenn sie zur Schule 
kommen. Bei unsern Schülern besteht in der Regel ein auffallender Mangel 


76 


in dieser Beziehung, welcher wirksamer durch regelmäßige Gewöhnungen als 
durch Belehrungen zu beseitigen ist. Formeln haben für schwachbegabte Kinder 
wenig Bedeutung, es muss vielmehr bei ihnen die konkrete Erfahrung hin- 
zukommen. Nicht selten geht die beste Behandlung eines Gesinnungsstoffes 
spurlos an ihnen vorüber. Man muss deshalb im Unterrichte, wo es nur irgend- 
wie angebracht erscheint, Situationen zu schaffen suchen, um dabei den Schülern 
Gelegenheit zu bieten, die entwickelten Lehren zu betätigen. Es wird 
nicht viel nützen, wenn man ihnen z. B. bei der Behandlung des Lesestückes: 
Die beiden Ziegen, die Lehre gibt: Weicht auf der Strasse allen Menschen 
hübsch aus! Sie werden nach wie vor in der üblichen Weise die Menschen 
anrennen, wenn in der Schule das Ausweichen nicht praktisch mit ihnen erprobt 
wird. Ganz in derselben Weise wird die sittliche Vorschrilt: „Wohlzutun und 
mitzuteilen vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl!“ fruchtlos 
verhallen, wenn ihnen keine Gelegenheit zur praktischen Betätigung des Wohl- 
tuns geboten wird. Je passender und vielseitiger ihnen Situationen zur praktischen 
Betätigung der entwickelten Lehren vorgeführt werden, desto nachhaltiger und 
wirksamer werden sich dieselben in ıhre Seelen eingraben und heilsame Früchte 
bringen; denn auch bei den Schwachbegabten trifft es zu: „Nur die Erkenntnis 
fruchtet, die unter Kampf und Widerspruch tief in der eigenen Seele reift.“ 

Bei der Verrichtung von Handlungen, welche aus jenen Gesichtspunkten 
angestellt werden, schiebt man Hindernisse irgendwelcher Art dazwischen, deren 
Beseitigung den Schülern zu überlassen ist. Die Schüler sollen dadurch an- 
geleitet werden, über unvermutete Hindernisse sich hinwegzusetzen und wechselnde 
Situationen beherrschen zu lernen. 

Die Übungen in der praktischen Betätigung empfangener Lehren müssen 
sich auch auf das Verhalten der Schüler gegen fremde Personen, auf das Be- 
obachten gesellschaftlicher Formen, auf den Umgang im Veıkehrsleben, auf die 
Vorsicht mit gefährlichen Stoffen, auf die Förderung ihrer Gesundheit etc. be- 
ziehen. Was ihnen die Schulerziehung in dieser Beziehung nicht bietet, das 
erfahren sie später gewöhnlich niemals, sondern sie werden wegen ihrer Un- 
beholfenheit, Absonderlichkeit und Unkenntnis nicht selten noch verlacht und 
verhöhnt. 

Man hat den Schwachbegabten oft die altruistischen Gefühle ab- 
gesprochen und sie als moralisch-defekte Wesen bezeichnet, eine Be- 
hauptung, die etwas hart erscheinen mag, aber in vielen Fällen doch ihre 
bestimmte Berechtigung besitzen dürfte. Der Ausfall ethischer und moralischer 
Symptome ist häufig eine Begleiterscheinung der Geistesschwäche. Wenn man 
bei den Schwachbegabten dem Mangel an einwirkenden Erziehungsmaßnahmen 
Rechnung trägt und ihre sonstige Verfassung in Betracht zieht, so darf man 
sich über ihre Gefühlsarmut und ihre Gemütsverrohung durchaus nicht wundern. 
Wie sollen Wesen, die oft nur Spuren von Überlegung und Erfahrung besitzen 
und keine wirksame erzieherische Beeinflussung erfahren, sich anders als höchst 
gemütsstumpf und moralisch-defekt zeigen?! — Diese Sonderverfassung der 
Schwachbegabten lässt erkennen, welche gewaltigen Aufgaben die Erziehung be: 


77 
ihnen zu lösen hat, und wie abweichend von der Erziehung der vollsinnigen 
Kinder sich das Erziehungswerk an ibnen wird gestalten müssen. Da muss der 
edelere Mensch gleichsam erst zur Welt geboren werden; sein Triebwille soll 
Willkür werden und sich allmählich zur sittlichen Betätigung entwickeln. Die 
Erziehung wird also bei den Schwachbegabten einen mühevollen und langen 
Weg zurücklegen müssen, besonders auch deshalb, weil die Stärkung der Er- 
kenntniskräfte, die gewöhnlich nicht von geringem Einfluss auf das Gemüt und 
die gesamte erziehliche Entwicklung sind, so mannigfach erschwert und be- 
hindert wird. 

Ich kann mich nicht weiter mit der Schilderung der Sondermaßnahmen, 
welche wir bei der Ausbildung der Schwachbegabten infolge ihrer eigenartigen 
Veranlagung beobachten müssen, aufhalten, will aber zum Schlusse meiner Aus- 
führungen noch einige photographische Aufnahmen vorlegen, die einzelne Maß- 
nahmen unseres eigenartigen Unterrichtsbetriebes im Bilde vorführen mögen. 

Die Hilfsschule muss mit Rücksicht auf die Eigenart ihres Schülermaterials 
Sondermaßnahmen in Erziehung und Unterricht beobachten und im Zusammen- 
hange damit auch besonders geeignete Lehr- und Lernmittel auswählen und 
gebrauchen. Es wird bei denselben weniger auf die Feinheit, als vielmehr auf 
die Deutlichkeit und Handgreiflichkeit gesehen werden müssen. Auch ist ihre 
Auswahl und Beschaffenheit so zu treffen, dass sie in entsprechendem Kausal- 
nexus mit den individuellen Eigentümlichkeiten des Schülermaterials bleiben. 
Neben Zweckmäßigkeitsgründen soll hygienischen Gesichtspunkten besondere 
Rechnung getragen werden; diese Forderung erscheint für unsere Schulen von 
grösster Wichtigkeit. — Auf eine Aufzäblung und nähere Beschreibung der 
Lehr- und Lernmittel und im Zusammenhange damit auch des Anschauungs- 
materials kann ich wohl verzichten, da einesteils das meiste davon genügend 
bekannt sein dürfte, andernteils aber es dem einzelnen überlassen werden muss, 
für jeden Fall individuell Passendes auszuwählen oder sich selbst herzustellen. 
Es bleibt in dieser Beziehung allerdings noch manches zu erfinden übrig. Bei 
Beachtung der vorbin entwickelten Fingerzeige wird es nicht schwer fallen, ge- 
eignete Lehr-, Lern- und Veranschaulichungsmittel auszuwählen und dieses um- 
somehr, als unsere Fachliteratur auch über zweckmäßige Erscheinungen dieses 
Gegenstandes gehörig orientiert und kritische Beleuchtungen über Literatur und 
Lehrmi:tel des Schwachsinnigenbildungswesens bringt. 

Aus den bisherigen Darlegungen geht zur Genüge hervor, dass die Lehrer 
bei der Ausbildung der Schwachbegabten eigenartige, von der allgemeinen 
Pädagogik abweichende Grundsätze, die in der Erscheinung der schwachen 
Begabung begründet liegen, werden beobachten müssen. Es ist deshalb von 
ihnen eine besondere Vorbildung für ihre berufliche Tätigkeit zu ver- 
langen. Man hat diese Notwendigkeit schon vielfach ausgesprochen, sie aber 
verhältnismäßig noch wenig praktisch zu verwirklichen gesucht. Andere Länder, 
wie z. B. die Schweiz und Ungarn, sind in dieser Beziehung uns voraus- 
geeilt und haben Maßnahmen zur Vorbildung geeigneter Lehrkräfte für schwach- 
begabte Kinder geschaffen, die Anerkennung und Nachahmung verdienen. 





b 


78 


Nach dem Vorschlage des Lehrers Fuchs-Berlin, dessen Forderungen ich 
für unsere Zwecke als die geeignetsten halte, müssten bei der Vorbildung der 
Lehrkräfte für Schwachbegabte folgende Gegenstände zur Darstellung gelangen: 

1. Das Wesen des Schwachsinns auf Grund pädagogischer Beobachtung 
und Schlussfolgerung. Die Unterrichts- und Erziehungsmethode bei der 
Behandlung schwachsinniger Kinder. Kritische Beleuchtung der Literatur 
über Schwachsinnigenerziehung und der gebräuchlichsten Lehrmittel und Ge- 
schichte des Schwachsinnigenbildungswesens. 

2. Die Methodik der Kinderpsychologie. Experimentalpsychologie. 

3. Medizinisches Grundwissen auf dem Gebiete der Anatomie, be- 
sonders der Hirnanatomie, Physiologie, Ätiologie des Schwachsinns, 
Psychiatrie und Schulhygiene. Die Lehre von der Sprachentwicklung 
des Kindes und Sprachheilkunde. 

In meiner Schrift: Die Hilfsschulen für schwachbegabte Kinder, 
(Verlag von Leopold Voss-Hamburg), habe ich der Vorbildung der Hilfs- 
schullehrer des weitern das Wort geredet und zur endgültigen Regelung dieser 
Angelegenheit die obligatorische Einführung und Ablegung einer be- 
sonderen Prüfung empfohlen. Von der Ablegung einer Prüfung für Lehrer an 
Hilfsschulen und verwandten Anstalten steht nicht nur eine durchgreifende 
bessere Vorbildung der Lehrkräfte zu erwarten, sondern auch eine materielle 
Besserstellung dieser Kategorie von Lehrern, deren Besoldung oft in keinem 
Verhältnis zu den Leistungen ihrer Berufstätigkeit steht. Die beste Lösung der 
Frage nach einer zweckmäßigen Vorbildung geeigneter Lehrkräfte für schwach- 
begabte Kinder wird nur in der Einführung einer obligatorischen Fach- 
prüfung zu erblicken sein, alle andern Maßnahmen werden sich mehr oder 
weniger wirkungslos erweisen; es wäre deshalb vergebene Mühe, anderweitige 
Anstrengungen zu machen, die mn zu einem befriedigenden Ziele führen 
können. 

Wie für jede Bildungsanstalt besondere Lehrpläne und Lehrprogramme 
aufgestellt werden, die die Lehrziele speziell vorschreiben und die Lehrstoffe 
genau abgrenzen, so muss für jede Hilfsschule gleichfalls ein Lehrplan entworfen 
werden, der neben dem Ziel jeder Erziehung hauptsächlich zwei Gesichtspunkten 
Rechnung zu tragen hat, nämlich der Eigenart der schwachbegabten Schüler 
und den Forderungen, welche die Bedürfnisse des praktischen Lebens 
an die schulentlassenen Zöglinge stellen. Da unsere Schüler Sonderindividuen 
in ihrer Gesamtverfassung sind, so wird der Lehrplan der Hilfsschule auch ver- 
schiedene Abweichungen von den Lehrplänen anderer Schulen erheischen und 
mancherlei Anpassungen mit Bezug auf die bereits vorhin entwickelten unter- 
richtlichen und erziehlichen Sondermaßnahmen verlangen. Für den Anfangs- 
unterricht namentlich werden ganz bestimmte Disziplinen vorzusehen sein, die 
den Zweck verfolgen, geistig tiefstehende Kinder erst unterrichtsfähig zu machen. 
Man hat diesen Maßnahmen, welche die Sinnes-Unterscheidungs- und Form- 
übungen umfassen, den Namen der „Vorübungen“ beigelegt. Aus den Vor- 
übungen entwickelt sicb der Sach- und Sprachunterricht, welcher auch 


79 

dem Artikulationsunterricht, der sich mit der Heilung von Sprachmängeln 
und Sprachgebrechen zu befassen hat, einen Platz einräumen muss. Für alle 
diese Disziplinen hat der Lehrplan deutliche Richtlinien sowohl in stofflicher 
als auch in methodischer Beziehung zu geben. Im übrigen aber werden die 
Lehrgegenstände der Hilfsschule dieselben wie die der Volksschule sein müssen, 
nur Gartenbau, Blumenpflege, Schulwanderungen und Handarbeits- 
unterricht für Knaben kommen noch hinzu. Diese letztern Gegenstände 
nehmen schon Rücksicht auf die Bedürfnisse des praktischen Lebens, indem sie 
für eine zweckmäßige Vorbereitung zum Eintritt in das Leben Sorge tragen 
wollen. 

Hinsichtlich der Auswahl und Darbietung des Lehrstofis wird die Hilfs- 
schule manche relative Abweichungen von dem in der Volksschule üblichen 
Modus beobachten müssen; vor allem dürfte eine weitgehende Beschränkung 
der Stoffimenge angebracht erscheinen. Die Hilfsschule kann ruhig auf alle die- 
jenigen Stoffe verzichten, die lediglich der formalen Bildung dienen; dagegen 
müssen solche Sachen, die bei den Schülern das Verständnis für das Leben und 
seine Erscheinungen anbahnen, bevorzugt werden. Der Stoff ist auf jeder Stufe 
der Hilfsschule bedeutend niedriger zu bemessen als für die entsprechende 
Volksschulstufe; danach hat sich die gesamte Stoffauswahl für alle Klassen der 
Hilfsschule zu richten. 

Die Darbietung des Stoffes in der Hilfsschule wird in kleineren Gaben, 
in grösserer Einfachheit, in langsamerem Fortschritt und in innigerer 
Beziehung zum Leben der Schüler als in der Volksschule erfolgen müssen, 
wobei planmäßige, weitgehende und intensive Wiederholungen im Auge zu 
behalten sind. Es sei hierbei noch darauf hingewiesen, dass in der Hilfsschule 
Schüler von 12—14 Jahren, die nach dem Stande ihrer Kenntnisse ungefähr 
8—9jährigen Schülern der Volksschule gleichen, natürlich nicht wie diese unter- 
richtet werden können; man wird bei ihnen auf manches verzichten müssen in 
der Verfolgung des abschliessenden Zieles, sie für eine erspriessliche Betätigung 
im praktischen Leben heranzuziehen. 

Wenn wir unsern Schülern auf Grund anschaulicher Belehrungen einiges 
Verständnis für das Leben und für eine bescheidene und nützliche 
Betätigung an demselben zu vermitteln imstande sein werden, dann können 
wir uns zufrieden geben. Daher soll das Lehrprogramm der Hilfsschule auch 
stets betonen, dass diese in der Hauptsache als eine Erziehungsanstalt für 
das Leben gelten will und die Aufgabe bezweckt, durch eine intensive er- 
ziebliche Einwirkung dem Mangel der Unbeständigkeit in der Charakteranlage 
ihrer Schüler abzubelfen, damit dieselben nicht ihren Augenblicksneigungen und 
ihren oft starken niedern Trieben folgen und auf Abwege geraten. In dieser 
Absicht muss auch der gesamte Unterrichtsbetrieb einen vorherrschend erzieh- 
lichen Charakter wahren und die Schüler durch Unterweisung, Erziehung und 
Zucht so leiten, dass sie allmählich selbstbewusst und sittlich erstarken und 
einen festen und sichern sittlichen Halt gewinnen. Charakterpflege und 
Charakterbildung, diese sollen den Hauptzweck unserer Erziehungstätigkeit 


in der Hilfsschule bilden. Daneben aber müssen wir auch noch ein rein 
praktisches Ziel erstreben, welches in dem Charakter der Hilfsschule als Er- 
ziehungsanstalt für das Leben begründet erscheint. Wenn wir unsere Schüler 
auch mit den nötigsten Kenntnissen für das Leben ausgestattet haben, so ist 
unsere Aufgabe an ihnen dennoch nicht ganz erfüllt, wir haben vergessen, ihnen 
die Brücke zu bauen, auf welcher sie in das praktische Leben als brauchbare 
Mitglieder der menschlichen Gesellschaft eintreten können. Diesen Übergang 
in das praktische Leben vermögen wir ihnen dadurch zu erleichtern, dass wir 
sie schon in der Schule in einigen technischen Fertigkeiten unterwe;sen und 
in die Anfänge einzelner leichteren industriellen Arbeiten einführen Der Lehr- 
plan der Hilfsschule wird deshalb dem Handarbeiteunterrichte eine wichtige 
Stelle unter den Unterrichtsgegenständen zuweisen müssen, damit ein erspriess- 
liches Fortkommen in der Menschheit für die aus der Schule scheidenden Zög- 
linge ermöglicht werde. — Nach alledem muss also das Lehrprogramm der 
Hilfsschule als oberstes Ziel aller Unterweisung und Erziehung der schwach- 
begabten Kinder die Erziehung zur bürgerlichen Brauchbarkeit und 
Selbständigkeit hinstellen und Maßnahmen schaffen, wodurch dasselbe ge- 
sichert erscheint. 

Es herrscht noch vielfach die irrige Meinung, dass Erziehung und Unter- 
richt aus einem schwachbegabten Kinde ein normales Wesen machen können. 
Dem ist aber nicht so. Die schwachen Kräfte können nur bis zu einer ge- 
wissen Grenze ausgebildet werden, die niemals überschritten werden kann. Der 
Schwachbegabte wird auch nach seiner Schulzeit ein minderwertiger Mensch 
bleiben und sich in vielen Stücken nicht grade vorteilhaft von seinen Mit- 
menschen unterscheiden Es wäre deshalb nur halbe Arbeit, solche Menschen 
ohne weitere Fürsorge in das Leben und in die rauhe Wirklichkeit hinaus- 
zustellen; die ganze Summe von Arbeit und Liebesmühe würde unter Umständen 
teilweise oder ganz verloren gehen. Wie die Schwachbegabten schon während 
ihrer Schulzeit des Schutzes und Beistandes bedürftig erscheinen, so werden sie 
auch während ihres Eintritts in das Leben besondere Fürsorge nötig lıaben. 
Aus dieser Erkenntnis sind in manchen Städten Deutschlands, wo Hilfsschulen 
bestehen, Fürsorgevereine für Schwachbegabte ins Leben gerufen worden 
die für eine zweckmäßige Unterbringung der schulentlassenen Zöglinge in an- 
gemessene Lehr-, Dienst- oder sonstige Arbeits- und Erwerbsverhältnisse Sorge 
tragen, ihnen Rechtsbeistand leisten und Hilfe in Notlagen gewähren. Diese 
Vereinigungen verdienen werktätige Förderung und wirksame Unterstützung in 
jeder Beziehung. Aus ihren Bestrebungen kann einem ganzen Lande Segen von 
kaum berechenbarer Tragweite erwachsen. 

Die Wirksamkeit der Fürsorgevereine muss auch darauf gerichtet sein, 
geeignete Maßnahmen für jene Jugendlichen zu schaffen, denen es an Familien- 
anschluss fehlt. Man könnte für diese Heime gründen oder in Heimen regel- 
mäßige Abende ansetzen, an denen sie sich versammeln und zur richtigen Be- 
nutzung ihrer freien Zeit angehalten werden. Durch solche Einrichtungen würde 
man sie am besten vor sittlicher Verderbnis, vor wirtschaftlicher Schädigung 


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und vor andern Gefahren des Leibes und der Seele bewahren. Die Organe der 
Fürsorgevereine müssen ferner darauf achten, dass ihre Schutzbefohlenen vor 
roher Ausbeutung seitens gewissenloser Arbeitgeber und vor ungerechter 
Beurteilung durch die Behörden geschützt werden. Geeignete Schritte zur 
Befreiung der Schwachbegabten vom Militärdienst sind bei den Militärbe- 
hörden einzuleiten, damit sie nicht in einen Dienst geraten, wozu sie nicht be- 
fähigt genug erscheinen. Ihr Los gestaltet sich während der Dienstzeit oft recht 
traurig; nicht selten kommen sie wegen ihrer geistigen Unzulänglichkeit in un- 
angenehme Konflikte, die mitunter von den traurigsten Folgen für sie begleitet 
sein können. Im Kampfe gegen ihr Geschick unterliegen sie dann meistens 
und werden oft sogar zu Selbstmördern. 

Um allen diesen Aufgaben gerecht werden zu können, muss die Hilfsschule 
sich an alle Klassen der menschlischen Gesellschaft wenden und sie 
zur Mitbetätigung auf dem Gebiete der Fürsorgebestrebungen für Schwach- 
begabte zu entbieten suchen. In erster Linie werden dazu Ärzte, Juristen 
und Geistliche berufen sein, weil ihre Wirksamkeit oft in den Bereich unserer 
Tätigkeit an den Schwachbegabten hineingreift. Über die Aufgabe und Wirk- 
samkeit des Arztes auf dem Gebiete der Hilfsschulbewegungen wird Herr 
Dr. Schlesinger-Strassburg i. Els. berichten. 

In neuester Zeit scheinen sich auch einzelne Juristen mit unseren Be- 
strebungen zu befassen und zwar in durchaus anerkennenswerter Weise. Ihre 
Aufgabe wird es sein, die Normen aufzustellen, welche am geeignetsten erscheinen, 
die Schwachbegabten selbst zu schützen und die Gesellschaft vor dem schädigenden 
Einfluss, der ihr durch jene erwachsen könnte, zu bewahren. Nur gemeinsame 
Arbeit vieler auf diesem schwierigen Gebiete der sozialen Fürsorge und Hu- 
manität kann gute Resultate erzielen. 

Die ganze Hilfsschulfrage hat bei uns in letzter Zeit überhaupt viel von 
sich reden gemacht und eine Erörterung in der Presse erfahren wie selten 
eine Angelegenheit. Selbst humoristische und satirische Blätter sind ihr näher 
getreten und haben sie zum Gegenstande ihres nichts verschonenden Witzes 
und Spottes verwandt, ein Zeichen, dass an unserer Sache doch etwas dran 
sein muss, denn sonst würde man sie und uns ungeschoren lassen. Auch im 
A uslande haben unsere Bestrebungen Anerkennung gefunden, und vielfach 
sind dort nach unserm Muster Schulen für Schwachbegabte begründet worden. 
Große Verdienste um Ausbreitung der Hilfsschulen hat sich der Vorstand des 
„Verbandes Deutscher Hilfsschulen“ — Vorsitzender Stadtschulrat Dr. Wehrhahn- 
Hannover — erworben, welcher den Gemeinden bei Begründung von solchen 
Anstalten ratend und helfend zur Seite steht. 

Zum Schlusse mögen noch einige Notizen über die Ausbreitung unserer 
Schulen folgen. Nach der letzten Hilfsschulstatistik (1903) bestehen in Deutsch- 
land in etwa 200 grössern Orten Hilfsschulen mit ungefähr 500 Klassen und 
weit über 10000 Schülern. Wenn das auch ganz beträchtliche Zahlen sind, so 
dürfte die Zahl derjenigen Kinder, die nicht unter unsere Maßnahmen fallen 
und teilweise ohne jede Bildung aufwachsen, doch noch viel grösser sein. Es 





82 


bleibt uns also in dieser Angelegenheit noch vieles zu tun übrig; wir werden 
auch fernerhin belehrend und anregend im Dienste der Verbreitung unserer 
Schulen wirken müssen. Dieses kann uns nun aber umso leichter fallen, als 
wir auf Erfolge hinzuweisen vermögen, die gewaltig in die Augen springen; denn 
nach der Statistik vom Jahre 1901 sind 83°/, aller die Hilfsschulen besuchenden 
Schüler erwerbsfähig ins Leben getreten. In Stolp stellt sich der Prozentsatz 
noch viel günstiger, sämtliche bisher zur Entlassung gekommene Zöglinge unserer 
Hilfsschule haben sich als erwerbsfähig erwiesen. Solche Zahlen vermögen am 
deutlichsten für die Zweckmäßigkeit und den grossen Nutzen unserer Bestrebungen 
zu sprechen; sie möchten auch diejenigen überzeugen, die noch gleich- 
gültig oder gar feindlich zu der Hilfsschulfrage stehen. Das ist mein 
Wunsch, dem ich aus vollstem Herzen im Interesse einer gedeihlichen Ent- 
wicklung der Hilfsschulen hiermit Ausdruck gebe. 


Leitsätze, 


1. Die Hilfsschulen für Schwachbegabte wollen öffentliche Schulanstalten 
zur Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht für schwachbegabte 
Kinder bedeuten. Es ist darum Schulzwang für die Hilfsschulen an- 
zuerstreben. 

2. Die Bildung und Erziehung der Schwachbegabten verlangt weitgehende 
Individualisierung und unterrichtliche und erziehliche Sonderma B- 
nahmen, die durch die Eigenart der schwachen Begabung bedingt 
werden. Die Sondermaßnahmen bestehen in der Anpassung der Lehr- 
und Erziehungsmethode an die körperliche und seelische Ver- 
fassung der Schüler und in der Anwendung besonders geeigneter 
Lehr- und Lernmittel. Deshalb ist von den Lehrern der Hilfsschule 
eine spezielle Vorbildung für ihre berufliche Tätigkeit zu 
fordern. 

3. Die Lehrpläne und Lehrziele der Hilfsschulen haben Rücksioht auf 
die Eigenart der Schwachbegabten zu nehmen und den Bedürfnissen 
des praktischen Lebens Rechnung zu tragen. Erziehung und Unter- 
richt sind so zu gestalten, dass ein erspriessliches Fortkommen 
in der Menschheit für die austretenden Zöglinge ermöglicht werde. 

4. Die Hilfsschulen müssen ihren Zöglingen auch nach der Schulentlassung 
angemessene Fürsorge angedeihen lassen; zur Lösung ihrer um- 
fangreichen Aufgaben verlangen sie die Mitwirkung aller mensch- 
lichen Gesellschaften, insbesondere die der Ärzte und Rechts- 
gelehrten. 


83 
Beiträge zur Geschichte der Heilpädagogik. 


Mitgeteilt von Schulrat H. E. Stötzner. 
i II. 


Auf dem Abendberge. 
(Schluß.) 


Die Anstalt des Dr. Guggenbühl für Heilung und Erziehung kretinischer 
Kinder liegt südwestlich von Interlaken im Kanton Bern auf dem sogenannten 
Abendberge. Eigentlich heisst der Berg Morgenberg. Jener, der Abendberg, ist 
3400 Fuss hoch und gewissermaßen nur eine Abdachung dieses, der 5000 Fuss 
hoch ist. Es führen mehrere Wege auf den Abendberg. Der eine von Unterseen 
aus ist der bequemere, obschon längere. Man braucht volle zwei Stunden, um die 
Höhe der Anstalt zu erreichen. Obschon man auf dem Wege hinauf die sorgende 
Menschenhand nicht vermisst, so wird man doch ungleich. mehr überrascht, wenn 
man die Fortschritte der Kultur bemerkt, die auf dieser Höhe möglich geworden 
sind. Und dann die zauberische Umgebung des Berges und der Anstalt! Da 
wird man fast unwillkürlich zu den Schönheiten dieser Natur hingezogen und ver- 
gisst auf Augenblicke die Anstalt und ihre hohen wissenschaftlichen und humanen 
Zwecke und Bestrebungen! Eine solche Gegend und eine solche Anstalt — wer 
könnte sie ungerührt verlassen! Mancher dürfte wohl auch nach kurzem Aufent- 
halte durch die Reize der ersteren in seinem Urteile über letztere bestochen worden 
sein. Es ist eine üppige Vegetation auf diesem Berge, daher auch auf den die 
Anstalt nabe und fern umgebendeu Mattenabhängen eine Menge Sennhütten zu 
sehen sind. Am Fusse des Berges liegen rechts der Brienzer und links der Thuner 
See, umgrenzt von den Höhen eines Teils der .Berner Hochalpen. Beide Seen 
schliessen eine ausgedehnte, an den Abendberg sich anlehnende fruchtbare, mit 
vielen Dörfern bebaute Ebene ein. Die vielen Talöffnungen auf allen Seiten und 
nach Südost der Anblick der hohen mit ewigem Schnee bedeckten Felsenmassen 
der Jungfrau, des Eigers, des Mönchs und des Schreckhorns geben der Umgebung 
den Ausdruck des Imposanten. Und welcher Genuss liegt wieder in dem steten 
Wechsel einer Menge herrlicher Naturerscheinungen, die man hier beobachten kann. 
Von der reinsten Luft umgeben und von der Sonne so wohltuend beschienen erfreut 
sich die Anstalt einer merkwürdig gleichmässigen und verhältnismässig selbst im 
Winter warmen Temperatur und eines nebelfreien Horizonts. Zu der Anstalt ge- 
hören eine Waldung und ausgedehnte Matten, wovon ein Teil als Acker und Ge- 
müseland benutzt wird, im Ganzen ein Gut von 32 Jucharten oder Morgen. Es 
fehlt daher hier oben nicht an Feld- und Gartenfrüchten, wie sie die Anstalt, 
bedarf. Auch ein reichlicher Viehbestand ist vorhanden. Die Anstalt auf dem 
Abendberge bietet mithin alles, was nach den bisherigen Ansichten für eine der- 
artige Anstalt erforderlich ist. — 


Nachdem ieh mich bei Herrn Dr. Guggenbühl hatte anmelden und ihm mein 
Empfehlungsschreiben überreichen lassen, wurde ich aufs freundlichste empfangen 
und herzlich willkommen geheissen. Dann teilte er mir seine Ansichten und Er- 
fahrungen aufs bereitwilligste mit und stellte die Besichtigung und Benutzung 


ee 


seiner Anstalt und Bibliothek ganz in mein Belieben. Ich ward bald so heimisch, 
dass ich mich während meines Aufenthalts auf dem Abendberge förmlich als Mit- 
glied und Mitarbeiter der Anstalt ansehen durfte. Der Umgang und die Unter- 
haltung mit Dr. Guggenbühl stand mir fast täglich zu Gebote. Auch die Lehrer, 
Lehrerinnen und Wärterinnen gaben mir bereitwilligst Auskunft. 

Dieser Güte und Zuvorkommenheit gegenüber dürfte es scheinen, als ob einige 
der nachfolgenden Bemerkungen zu hart seien. Aber ich glaube mich in Bezug auf 
die Persönlichkeit unparteilich und in Bezug auf die Sache unbefangen halten zu müssen. 
Beim Lobe, wie beim Tadel habe ich mich bemüht, nur der Wahrheit dıe Ehre 
zu geben. Und, nachdem bisher fast nur lobend von dieser Anstalt gesprochen und 
geschrieben worden ist, muss ich mich auch gegen den Vorwurf der Anmaßung 
verwahren, wenn ich hier und da nicht dasselbe kann, denn ich weiss nur zu gut, 
wie flüchtig einige dieser Berichterstatter die Anstalt besichtigt haben und wie sie 
aus Rücksicht auf Dr. Guggenbühl und sein Unternehmen alle Schattenseiten 
unberührt liessen. 

In der Anstalt fand ich bei meiner Ankunft 26 und bei meinem Weggang 
24 Kinder vor. Es sind diese Kinder nur zum Teil aus der Schweiz, sondern 
auch aus Deutschland, Frankreich, England hergebracht worden. Ihre Zustände, 
die physischen sowohl als die psychischen sind sehr verschieden, daher sieht man 
in der Anstalt nicht bloss kretinische, sondern auch skrophulöse, rhachitische, 
idiotische Kinder. Wie mir Dr. Guggenbühl versicherte und soviel ich aus den 
Beurteilungen sachverständiger und hochgestellter Männer entnommen habe, so sind 
viele Heil- und Erziehungsversuche in der Anstalt gelungen; aber ich glaube, dass 
diese günstigen Resultate gegenwärtig nicht mehr so häufig vorkommen werden, 
wie ich später nachweisen werde. Das aber bleibt unbestritten, dass Dr. Guggenbühl 
den Impuls zu einer Reihe theoretisch und praktisch fördernden und zweckmäßigen 
Bestrebungen gegeben hat. 

Freilich hat er auch mit einer Menge äusserer Schwierigkeiten zu kämpfen. 
So wollten die Katholiken einiger Kantone ihm, dem Reformierten, ihre Kinder 
nicht anvertrauen, da sie Proselytenmacherei befürchteten. Infolge hiervon musste 
er katholische Schwestern und Wärterinnen anstellen. Jetzt hat er wieder eine 
protestantische Schwester aus Kaiserwerth angenommen; aber ihr Einfluss scheint 
mir nicht günstig zu sein, denn wozu soll es dienen, diese kretinischen und 
idiotischen Kinder in französischen und deutschen Traktätlein herumblättern zu 
lassen. Ich achte jede wahre Pietät, jede ächte Religiosität, aber in dieser Anstalt 
ist jede Übertreibung zu vermeiden, so wenig auch dies Dr. Guggenbühl einsehen 
will. Er sollte sich von jeder religiösen Parteiung unabhängig zu erhalten wissen. 
Ein anderer Nachteil war es, dass man ihm die Kinder nicht zeitig genug anver- 
trauen wollte. Dadurch hat sich Guggenbühl namentlich im Anfange gezwungen 
gesehen, auch solche Individuen aufzunehmen, die fast unmöglich oder doch nur 
sehr mühsam in einen bessern Zustand gebracht werden konnten. Das hat seine 
Wirksamkeit sehr behindert und ihm in der öffentlichen Meinung viel geschadet. 
Auch dadurch, dass man bereits in einigen Wochen und Monaten glänzende Resultate 
erwartete, schadete man der Anstalt. Auf der einen Seite hielt man Guggenbühl 


85 
für einen Wundermann, auf der andern Seite erklärte man ihn für einen Phantasten 
oder gar für einen Schwindler. Er muss mehr darauf bestehen, nur junge Kinder, 
bei denen das Leiden noch nicht ausgebildet ist, aufzunehmen. Verkennung und 
Undank hat ihn vielfach betroffen. Man nahm die Kinder zu zeitig aus der Anstalt 
und sprach nun in gehässiger Weise über dieselbe und ihre Wirksamkeit, bestritt 
sogar die tatsächlichen Leistungen, selbst wenn sie nachweisbar verbürgt waren. 


Was die Anstalt allein betrifft, so muss ich bemerken, dass ich spezielle Be- 
obachtungen über die in der Anstalt befindlichen Kinder nicht geben werde. Ich 
werde meine Ansichten in folgende vier Punkte zusammenfassen: 


1. Das zu der Anstalt gehörende Personal: Direktor (Erzieher und Arzt), Lehrer 
und Lehrerinnen, Dienstpersonen. 


2. Das Äussere der Anstalt: Luft, Licht, Wasser, Bodenbeschaffenheit, Haus 
und Räumlichkeiten, Lage und Umgebung. 


3. Das Medizinische: Medikamente, Bäder, Friktionen, Einreibungen, Apparate. 


4. Das Pädagogische: Ernährung, Pflege, Schlaf, Reinlichkeit, Haus- und Tages- 

ordnung, Beschäftigung, Gymnastik, Unterricht, Zucht. 

1. Das zur Anstalt gehörende Personal. Dr. Guggenbühl steht im 29, Jahre, 
Was er als Arzt ist, kann ich nicht beurteilen; aber das weiss ich, dass er zu 
wenig Direktor und Erzieher ist. Es fehlt ihm an Konsequenz und Energie, nament- 
lich aber an dem nötigen Sinn für das Administrative und für das scheinbar Un- 
bedeutende und Lästige.e Zu wenig klar und fest in dem, was er will und soll, 
lässt er sich leicht leiten, selbst dann noch, wenn er den Nachteil davon vor Augen 
sieht, und misstraut dann denen, die ihm offen, aber wohlmeinend entgegentreten. 
Übrigens kennt er seine Aufgabe recht wohl und weiss diese denen begreiflich zu 
machen, die zu ihm — denn ich kann wohl sagen, dass die Meisten nicht die 
Anstalt, sondern nur den Dr. Guggenbühl besuchen — kommen. Er strebt auch 
mit allen Kräften seinem Ziele entgegen; aber in der Wahl seiner Mittel ist er 
nicht besonnen, umsichtig und selbständig genug. Ich bezweifle daher auch, dass 
Dr. Guggenbühl, wenigstens unter den jetzigen Umständen und so lange er un- 
verheiratet bleibt, seine Anstalt aufrecht erhalten und die Heilung und Erziehung 
kretinischer Kinder wesentlich weiter führen wird. Er ist auch voll Menschen- 
freundlichkeit und Humanität und ich setze voraus, dass die Motive zu seinen 
Reden und Bestrebungen auch edel sind. Er hat mich oft im traulichen Gespräche 
ermuntert, erwärmt, begeistert. Menschliches Elend hat er aus eigener Erfahrung 
und vielfach kennen gelernt. Die Pädagogen von Fellenberg und Niederrer haben 
auf seine Gemütsrichtung einen wesentlichen Einfluss gehabt. Mit dem Cretinismus 
hat er sich schon lange vor Errichtung seiner Anstalt beschäftigt und an Ort und 
Stelle Untersuchungen darüber angestellt. 


Wissenschaftliches Streben, edle Pietät und ein frühgebildeter Einst erwerben 
ihm die Liebe und Achtung aller, die mit ihm in engere Verbindung kommen. 
Wenn seine Anstalt einen glücklichen Fortgang haben soll, so wünsche ich ihm 
zweierlei: eine tüchtige, der Anstalt sich ganz hingebende Hausfrau und einen um- 
sichtigen gewandten Dirigenten der Anstalt. 


86 


Über die zur Erhaltung der Anstalt nötigen Mittel und ihre Verwendung habe 
ich nichts erfahren können. Mir hat es eben geschienen, als ob der Anstalt reich- 
liche Spenden zuflössen und als ob alle Kinder, und einige sogar ein beträchtliches 
Pensionsgeld zahlen müssten. Man rechnet im Durchschnitt jährlich 400 Franks, 
also ungefähr 100 Taler aufs Kind. | 


Bisher wirkten drei Lehrer an der Anstalt, von denen Herr Helferich, ein 
Württemberger, besonders hervortritt. Er ist Oberlehrer und die Seele des 
Instituts. Er wird aber, da er als tüchtiger Erzieher bekannt geworden ist, nächstens 
zurück nach Württemberg berufen werden. Die beiden andern Lehrer sind erst 
seit kurzer Zeit hier tätig. Unter den drei Lehrerinnen ist besonders Fräulein 
Adeline Aeltschi aus Interlaken zu nennen. Sie ist für diese Anstalt eine fast 
unentbehrliche Person, man kann sie im wahren Sinne des Wortes die Mutter der 
Kinder nennen. Die Schwester aus Kaiserswert ist Krankenpflegerin und soll zu- 
gleich die Mädchen im Französischen unterrichten. Es ist wahr, dass Dr. Guggen- 
bühl oft veranlasst, ja sogar genötigt wird, die Kinder französisch allein oder fran- 
zösisch und deutsch zugleich sprechen zu lehren. Das ist ein ungeheurer Übelstand 
der in der Lage der Schweiz begründet ist. Dr. Guggenbüh] sollte darum bestimmt 
erklären, ob seine Anstalt für Deutsche oder für Franzosen sei, oder er sollte zwei 
Anstalten einrichten. Die dritte Lehrerin spielt eine untergeordnete Rolle. 


Ausserdem gehören zur Anstalt: ein Verwalter, drei Arbeiter, eine Haushälterin 
und zwei Küchenmädchen. Dr. Guggenbühl hält es mit Recht für nötig in solchen 
Anstalten viel Persenal zu halten. Er rechnet auf drei, höchstens sechs Kinder 
einen Lehrer oder eine Lehrerin. Je jünger und unbeholfener die Kinder sind, desto 
mehr bedürfen sie der Aufsicht und Hülfe. 


2. Das Äussere der Anstalt: Luft, Licht, Wasser, Boden, Haus und Räum- 
lichkeiten, Lage. Die Luft ist rein, trocken, mild und gleichmäßig. Ohne jeden 
Nachteil ist die Anstalt jeder Luftströmung zugänglich. Das Wasser ist gutes Berg- 
quellwasser und frei von jeder bedenklichen Eigenschaft. Durch Grabung eines 
zweiten Brunnens ist man auch in den Stand gesetzt, im Winter besseres als 
blosses Schneewasser zu haben. 


Der Boden ist trocken. Er besteht aus Alpentonschiefer. Eine genaue geog- 
nostische Untersuchung desselben ist noch nicht vorgenommen worden. 


Das Haus steht auf der Höhe und frei, es hat nicht die sogenannte Schatten-, 
sondern die Lichtseite. Rücksichtlich der Räumlichkeiten bleibt manches zu wünschen. 
Die Zimmer sind zwar hell, aber sie sind zu niedrig, die Treppen sind weder hell 
noch breit und unbequem zu gehen. Es fehlt eine Halle oder eine geräumige 
Hausflur, wo sich die Kinder bei ungünstigem Wetter bewegen könnten, es fehlt 
für den Winter ein Turnsaal, ebenso vermisse ich eine Krankenstube und einen 
Baderaum. Auch die Schlafräume fand ieh nicht hoch und geräumig genug und 
die Aborte waren unregelmässig angelegt und für die Kinder unbequem. Dass die 
Wäsche in dem Hause getrocknet wird, ist jedenfalls nachteilig. Die Lage und 
Umgebung der Anstalt lässt in sanitärer wie ästhetischer Beziehung nichts zu wünschen 
übrig. Sie muss dem Personal für manche andere Entbehrungen einigen Ersatz 


et 


gewähren. Da der Bau eines zweiten Hauses geplant ist, so werden sich manche 
Übelstände beseitigen lassen. 

8. Das Medizinische: Medikamente, Bäder, Friktionen, Einreibungen, Apparate. 
Dr. Guggenbühl, der allen Erfolg von der Medizin erwartet, kommt vielfach mit 
seinen eigenen Aussagen und dem, was ich gesehen habe, in Widerspruch. Die 
Medikamente, die mit mehr oder weniger Erfolg angewendet werden, sind Jodine, 
die besonders zur Bereitung einer Nervensalbe und zur Bereitung von Jodsirup 
dient und Lebertran. Ausserdem war Nussblättertee im Gebrauche. Friktionen 
schienen nicht mehr angewendet zu werden und Einreibungen mit der schon er- 
wähnten Nervensalbe beschränkten sich nur auf wenige rhachitische Kinder. Bäder 
wurden während meiner Anwesenheit selten angewandt. Nur einzelne Kinder wurden 
in warmen mit Nussblättern bereiteten Kräuterbädern gebadet. Andere Bäder, wie 
Douche-, Dampf-, Salz- etc. Bäder sind nicht im Gebrauch. Von Apparaten kann 
ich leider auch nur wenig sagen. Es ist der Schneidersche Badeapparat da. Der 
magneto-elektrische Apparat wird teils zu den erwähnten Kräuterbädern gebraucht, 
teils aber auch bei einigen Kindern örtlich angewendet. Dr. Guggenbühl verspricht 
sich viel von seiner Wirkung. Ein elektrischer Rotationsapparst zur Schwängerung 
der Luft in den Schlafräumen ist nicht mehr in Anwendung. Orthopädische Apparate, 
die in einzelnen Fällen gute Dienste leisten können, habe ich nicht vorgefunden, 
ausser, wenn ich einen unbenutzten Blumhardtschen Apparat hierher rechne. Schliess- 
lich glaube ich soviel sagen zu können, dass mir Dr. Guggenbühls Anstalt in 
medizinischer Hinsicht nicht als Musteranstalt erschienen ist. 

4. Das Pädagogische: Ernährung, Pflege, Schlaf, Reinlichkeit, Ordnung, Be- 
schäftigung, Gymnastik, Zucht, Unterricht. Offenbar ist, dass dies der wichtigste 
Teil der Tätigkeit einer Anstalt für Heilung und Erziehung kretinischer und 
idiotischer Kinder ist. 

Die Nahrung dieser Kinder muss nach Dr. Guggenbühls Ansicht hauptsächlich 
aus Milch und Fleisch — gebraten und kleingeschnitten oder in Brühen — bestehen. 
Ausserdem soll sie aber auch aus gutem leichten Brot und feinen Cerealien — Reis, 
Gries, Hafergrütze ete. — bestehen. Während meiner Anwesenheit waren besonders 
Hafergrützesuppen in Gebrauch. Ich verkenne den Wert dieses Nahrungsmittels 
nicht; aber morgens, mittags und abends gereicht, scheint mir doch für diese Kinder 
nachteilich zu sein. Auch erhalten die Kinder zu den eigentlichen Mahlzeiten kein 
Brot, sondern nur ein Stückchen nachmittags um vier Uhr als Vesperbrot. Auch 
billige ich es nicht, dass Dr. Guggenbühl allgemeinhin einen Speisezettel fürs 
Winter- und einen fürs Sommerbhalbjahr anfertigt. Ich glaube, dass der Küchen- 
zettel nur höchstens einige Tage voraus und dann mehr mit Rücksicht auf sanitäre, 
als ökonomische Umstände bestimmt werden darf. 

Auch die Schlafeinrichtungen und die Beaufsichtigung der Kinder während 
der Nacht lassen zu wünschen übrig; ebenso scheint es an einer festen Haus- 
ordnung zu fehlen, der sich auch der Direktor unterzuordnen hat. Im ganzen 
herrscht in der Anstalt ein echt patriarchalisches, familiäres Verhältnis. Jedes geht 
seiner Pflicht nach mehr aus innerem Trieb als äusserem Zwang. Morgens, mittags 
und abends vereinigt man sich zu gemeinsamem Gesang und Gebet, wohl auch 


88 


Bibellesen. Hin und wieder, insbesondere Sonntags, werden religiöse Betrachtungen 
angestellt. Ich meine, dass dies hauptsächlich der Erwachsenen wegen geschieht. 
Es ist lobenswert, dass man sich zum gemeinsamen Streben durch frommen und 
dankbaren Aufblick nach Oben ermuntert. Für Bewegung ist im Sommer wohl 
gesorgt, für den Winter aber fehlt es an einer geeigneten Lokalität. Der Unter- 
richt lässt viel zu wünschen übrig. Man plagt sich nur zu sehr mit der trocknen 
Buchstabenkenntnis. Manches wichtigere, wie namentlich ein passender Anschanungs- 
unterricht wird währenddem übersehen. Der Sprachbildung wegen hat man in 
Dr. Guggenbühls Anstalt besondere Schwierigkeiten, da man, wie schon erwähnt, 
Deutsch und Französisch zu gleicher Zeit betreibt. Das Singen wird gepflegt, da 
diese Kinder Gesang und Musik ausserordentlich lieben. Schreiben und Zeichnen 
bieten dagegen viel Schwierigkeiten. 

So habe ich auch in Beziehung auf Erziehung und Unterricht in Dr. Guggen- 
bühls Anstalt nichts Neues und Vorzügliches gefunden. Hauptsächlich mag das 
wohl daher kommen, dass die Pädagogik und Methodik theoretisch und praktisch 
in Deutschland bei weitem höher steht als in der Schweiz. Nicht weniger aber 
auch daher, dass Dr. Guggenbühl von der Medizin sich übergrosse Hoffnungen 
macht, den Wert der Pädagogik aber fast ganz übersieht. Im Gegenteil hierzu 
gestehen aber tiefer blickende Ärzte ein, dass die Medizin hier wenig oder gar 
nichts vermöge. Dr. Guggenbühl kennt auch den geringen Erfolg, den seine 
medizinischen Mittel bis jetzt gehabt haben und gibt, wenn auch nicht de verbo 
doch de facto den weit grösseren Wert des pädagogischen Erfolges zu; aber er 
glaubt, dass es mit Hilfe der Medizin möglich sei, dieselben, ja noch grössere 
Resultate zu erzielen. So stellte er z. B. die sonderbare Frage an mich, ob es 
denn nicht möglich sei, dem Geiste auf eine sichere und schnellere Weise beizu- 
kommen, als durch Erziehung und Unterricht. Die Fassungs- und Vorstellungs- 
kraft, das Urteil und Gedächtnis dieser Kinder sei so mangelhaft und unbildsam, 
ob es denn mit Hilfe der Imponderabilien, z. B. der Elektrizität, des Magnetismus etc. 
möglich gemacht wevden könnte, diese Kräfte der Kinder zu stärken. Ich konnte 
nicht anders, als im Augenblicke Dr. Guggenbühl mit einem Manne zu vergleichen, 
der des Nachts den Pfad verloren hat und — einer besseren Leuchte entbehrend — 
zu einem Stücke faulen Holzes seine Zuflucht nimmt. Aus dieser Äusserung er- 
klärte ich mir auch den hohen Wert, den er in die Anwendung des magneto- 
elektrischen Apparates und der elektrischen Rotationsmaschine legt. 

Eins habe ich in Dr. Guggenbühls Anstalt ganz besonders vermisst: über die 
Kinder aufgenommene Protokolle und die Führung eines Journals. Was ich 
derartiges vorfand, war weder in medizinischer noch in pädagogischer Hinsicht be- 
friedigend. — 

Zum Schluss seines Berichtes spricht sich Hörnig warm für die Errichtung 
einer Anstalt für blödsinnige Kinder in Sachsen aus. Welchen Erfolg dieser 
Appell hatte, werde ich im nächsten Beitrage mitteilen. 


89 


Eine neue Bkechenmaschine. 


Die Zahl der vorbandenen Rechenmaschinen ist eine sehr grosse, und trotz- 
dem erscheint immer wieder ein neues derartiges Lehrmittel. Grundlegend für 
die erschienenen Rechenmaschinen waren in der Hauptsache die russische 
Rechenmaschine und der Tillich’sche Rechenkasten, alle übrigen brachten 
mehr oder weniger Veränderungen und Verbesserungen dieser an verschiedenen 
Mängeln leidenden Lehrmittel. Die allgemein bekannten Mängel sowohl der 
russischen Rechenmaschine als auch des 'Lillich’schen Rechenkastens zu be- 
seitigen, ist unserer Meinung nach Herrn Hilfsschullebrer Adam - Meiningen 
durch die Verwendung eines Rechenbrettes im Verein mit dem Tillich’schen 
Rechenkasten gelungen. 


Dieses Rechenbrett verhindert insbesondere das lästige Umfallen der Rechen- 
klötze des Tillich’schen Kastens und lässt daher eine umfangreiche Selbst- 
tätigkeit der Schüler zu; es führt durch Verwendung der Ziffern die Schüler 
dahin, einzusehen, dass die Ziffer nichts weiter ist, als die Photographie der 
Zahlengrösse; das Rechenbrett erleichtert durch Verwendung der Fläche als 
Anschauungsmittel, sowie durch die Möglichkeit, Phantasierechnen zu üben, (die 
gedachten Grössen werden den Raumgrössen des Rechenbrettes eingefügt oder 
entnommen) den Übergang von der Anschauung zur reinen Vorstellung; es wird 
durch Verwendung zweifarbiger Rechenkörper der Forderung gerecht, Aufgabe, 
Ausrechnung und Antwort zu gleicher Zeit zu veranschaulichen und ermöglicht 
durch Benutzung der Fläche und der Ziffern eine überaus mannigfaltige Dar- 
stellung derselben Übungen. Adams neues Rechenbrett gestattet endlich dem 
Lehrer, seine Stimme zu schonen und verhütet jede falsche Lösung. Dadurch, 
dass die Zahlengrössen von 1 bis 100 stets an derselben Stelle und 
scharf umgrenzt erscheinen, wird das mechanische Zählen überflüssig und 
die Treffsicherheit beim Abschätzen der Zahlengrössen gefördert. 


Die senkrechte Nebenordnung der Raumgrössen für die Zehner bietet im 
Verein mit der Zehnerziffernleiste folgende Vorteile: 1. Die Anzahl der Zebner 
ist leicht bestimmbar. 2. Die Schüler erkennen klar, dass nur gleichnamige 
Grössen (Zehner und Zehner, Einer und Einer) rechnerisch vereinigt oder ge- 
trennt werden können. 3. Das Ziffernbild lässt sich aus dem Anschauungs- 
bild ableiten, wodurch das sonst häufig auftretende Umdrehen der Zalılen beim 
Lesen und Schreiben (87 statt 78!) unbedingt verhindert wird. 4. Die Schüler 
sehen die Notwendigkeit des Zerlegens der Zahlen beim Überschreiten der Zehner 
spielend ein. Dieses Zerlegen geschieht mit Bewusstsein und nicht, wie bei 
anderen Apparaten, mit Hilfe des mechanischen Zählens. 5. Das Rechenbrett 
gewährt dem Schüler Einblick in die Eigenart unseres Zehnersystems. 6. Das 
Rechenbrett gibt den Schülern an, wie die gestellte Aufgabe gelöst werden muss 
und verlangt stets die richtige Lösung. 

Zur weiteren Orientierung über Adams Rechenbrett dient die von dem 
Herausgeber des Lehrmittels geschriebene „Methodische Anweisung* (Preis 25 Pf.). 
Dieses Heftchen sowohl wie auch das Rechenbrett selbst ist durch Rudolf Rehs, 


90 


Hofbuchbinder in Meiningen, zu beziehen. Das Rechenbrett kostet in einfacher 
Ausführung 16 Mk. und in eleganter Ausführung 25 Mk. 

Schliesslich sei noch bemerkt, dass das aus der Hilfsschule hervorgegangene 
Rechenbrett nicht allein in verschiedenen Hilfsschulen, sondern auch in Anstalten 
für Schwachsinnige bereits verwendet wird. . 


Mitteilungen. | 

Berlin. (Erziehungs- und Fürsorgeverein) Die pädagogische Kom- 
mission des Erziehungs- und Fürsorgevereins für geistig zurückgebliebene (schwach- 
sinnige) Kinder beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung am 13. Mai mit der 
Lesebuchfrage in der Hilfsschule. Der Referent, Herr Rektor Henstorf, 
ging aus von der Bedeutung des Lesebuchs für Normalschulen und dem Unter- 
schiede zwischen Lesebuch und Realienbuch. Er bezeichnete die Notwendigkeit 
eines Hilfsschullesebuchs für Berlin als selbstverständlich und forderte, dass dieses 
Lesebuch in inniger Beziehung stehen müsse zum Lehrplan. . Die Auswahl der 
Lesestücke müsse eine besonders vorsichtige sein; der Stil derselben dürfe keine 
Gedankensprünge fordern, dürfe nur in geringem Grade tropische und rhapsodische 
Wendungen und keine schwierigen Satzkonstruktionen aufweisen. Veränderungen 
(abgesehen von Kürzungen) dürften an poetischen Stoffen nicht vorgenommen 
werden. Die Lesestücke müssten leichtfasslich, dichterisch schön und nicht zu um- 
fangreich sein, sie müssten aber ein Ganzes bilden. Das Lesebuch müsse einen 
heimatlichen Charakter zeigen. Referent bot eine Auswahl von passenden Ge- 
dichten, Lesestücken und Themen. Er entschied sich für die Aufnahme guter 
Abbildungen. —- Der Vortrag fand lebhaften Beifall. Die Diskussion ergab die 
Übereinstimmung in den Grundprinzipien. 

Bessungen bei Darmstadt. (Personalien.) Der erste Lehrer und Gründer 
der Anstalt „Alicestift“ für Schwach- und Blödsinnige, Herr Inspektor Emil Roth, 
wurde unter Anerkennung seiner mehr als 50jährigen treuen Dienste und unter 
Verleihung der Krone zum Ritterkreuz II. Klasse des Verdienstordens Philipps des 
Grossmütigen in den Ruhestand versetzt. 2 

Cassel. (Pädagogischer Fortbildungskursus.) In der Zeit vom 19. Juli 
bis 2. August d. J. findet im Fröbelseminar hier (Parkstrasse 22) für Kinder- 
gärtnerinnen, Elementarlehrer und Lehrerinnen ein Fortbildungskursus statt, in dem 
von Pfarrer Schuchardt-Treysa und Hauptlehrer Hagen-Cassel Vorträge über „Er- 
ziehung und Unterricht nicht normal beanlagter Kinder nach Fröbelschen Grund- 
sitzen“ gehalten werden. 

Grossherzogtum Hessen. (Staatlicke Unterstützung der Privat- 
Epileptiker-Anstalt in Nieder-Ramstadt.) Unsere Regierung zeigte 
von jeher schon eine warme Fürsorge für die Abnormen. Das zeigen uns die 
schon seit langer Zeit bestehenden zwei Taubstummenanstalten in Bensheim und 
Friedberg, die Blindenanstalt in Friedberg und die erbebliche Summe von rund 





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526000 Mark, die jährlich für Geisteskranke und Idioten aufgebracht wird. In 
der richtigen Erkenntnis, dass ebenso sehr auch die Epileptiker der staatlichen 
Fürsorge bedürfen, wandte unsere Regierung auch diesen Armen ihr Augenmerk 
zu. Es ist vor nicht allzulanger Zeit durch private Vereinstätigkeit eine Heil- und 
Pflegeanstalt für hessische epileptische Kinder und Jugendliche in Nieder-Ramstadt 
bei Darmstadt gegründet worden. Die Anstalt ist jedoch nicht in der Lage, aus 
eignen Mitteln, die durch Pflegegelder, Hauskollekten und Liebesgaben eingehen, 
die entstehenden Ausgaben zu bestreiten. Es ist darum eine dauernde staatliche 
Unterstützung eingetreten und zwar wird vorläufig jährlich ein Zuschuss von 
6000 Mark gewährt, der zwar nicht ausreichen wird, den derzeitigen Fehlbetrag 
der Anstalt zu decken, der aber mit Rücksicht auf die Finanzlage des Staates 
zunächst nicht höher bemessen werden kann. Immerhin zeigt es, welch warmes 
Interesse die Regierung der Anstalt entgegenbringt. 

Grossherzogtum Hessen. (Fürsorge für Schwachsinnige und Epilep- 
tische.) Immer grösser und allgemeiner wird hierorts das Interesse für unsere 
Schwachsinnigen und Epileptiker. Zu allererst hatten wir für die ersteren als Unter- 
richts-, Pflege- und Bewahranstalt die unter Direktor Roth stehende Idioten- Anstalt 
in Bessungen-Darmstadt. Aus kleinen Anfängen hervorgegangen, hat sie sich 
nach und nach zu einer umfangreichen, bedeutungsvollen Anstalt entwickelt. Immer 
grösser wird der Zuspruch und denkt man jetzt wieder ernstlich an eine weitere 
Ausbauung. — Für unsere Schwachsinnigen in den 4 grösseren Städten Mainz, 
Darmstadt, Offenbach und Worms wurden Hilfsschulen eingerichtet und zwar 
in Mainz 1892 mit gegenwärtig 4 Klassen, in Darmstadt im Januar 1899 mit 
gegenwärtig 4 Klassen, in Worms an Ostern 1899 eine solche mit 2 Klassen und 
in Offenbach an Ostern 1903 ebenfalls eine mit 2 Klassen. In allen ist der Zu- 
wachs dermaßen gross, dass man, Worms ausgenommen, überall an eine Klassen- 
vermehrung von Ostern d. J. an denkt. Erfreulicherweise sind auch alle Hilfsschulen 
in der angenehmen Lage, ein eigenes Heim zu besitzen, d. h. abgetrennt von 
den übrigen Schulen untergebracht zu sein. Die einzige, welche seither noch in 
einem Schulhause mit mehreren Normalklassen untergebracht war, nämlich die zu 
Worms, wird kommende Ostern ebenfalls in die angenehme Lage kommen, in 
einem geräumigen Schulhause, der Domdechaneischule, allein untergebracht zu sein. 
Weiter ist erfreulicherweise zu konstatieren, dass an den Hilfsschulen in Mainz, 
Worms und Darmstadt die Leiter und Lehrer schon seit Bestehen der Hilfs- 
schulen anstandslos eine angemessene Personalzulage erhielten und zwar in 
Mainz 200 Mk., in Worms 200 Mk. und in Darmstadt 300 bezw. 150 Mk. Nur 
die Kollegen in Offenbach erhalten für ihre besondere Aufopferung und Mühewal- 
tung noch keine persönliche Zulage. Es ist dies um so befremdender, als 
Offenbach seiner zeit diejenige Stadt war, welche ihren Lehrern den in verschie- 
denen Städten jetzt eingeführten Höchstgehalt zu allererst anstandslos bewilligte. 
Für unsere Epileptiker war bisher weiter keine besondere Fürsorge getroffen. 
Sie mussten leider bislang einer besonderen Pflege, Obhut und Bewahrung ent- 
behren. Erst der neueren Zeit war es vorbehalten, auch dieser Armen zu gedenken 
und eine Anstalt ins Leben zu rufen, wo ihrem Gebrechen Rechnung getragen 


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wird. Es ist dies die neugegründete Anstalt, für Epileptiker zu Nieder-Ramstadt 
in der Nähe von Darmstadt. 

Jena. (Ferienkurse.) Seit dem Jahre 1889 bestehen in Jena Ferienkurse 
für Damen und Herren. Die Vorlesungen erstrecken sich über die verschiedensten 
Gebiete: Naturwissenschaft, Pädagogik, Frauenbildung, Theologie, Philosophie, 
Physiologie, Psychologie u. a. In diesem Jahre finden die Kurse im Monat August 
statt. Von ganz besonderem Interesse sind für die Hilfsschullehrer die Vorlesungen 
über Physiologie des Gehirns mit Demonstrationen, die Charakterfehler 
im Kindes- und Jugendalter (Direktor Trüper-Jena); Psychologie des 
Kindes (Dr. A. Spitzner-Leipzig); Hilfsschulwesen. Zum ersten Male wird 
das Hilfsschulwesen in den Bereich der Vorlesungen gezogen. Rektor Dr. Maennel- 
Halle wird das Thema nach folgenden Gesichtspunkten behandeln: 1. Geschicht- 
liches. — Veranlassung zur Gründung von Hilfsschulen. — 2. Hilfsschüler. — 
Aufnahmeverfahbren, Schülerbilder. — 3. Schulhaus, Klasseneinteilung, Schülerzahl, 
Stundenplan, Lehrplan. — 4. Lehrverfahren, Schulzucht und leibliche Pflege. — 
5. Leiter und Lehrer, Vor- und Weiterbildung, Literatur, Wegweiser. — 6. Arzt 
und Geistlicher, Gemeinde und Staat, soziale Aufgabe der Hilfsschule. — So erfreulich 
das ist, so nimmt es doch Wunder, dass man als Dozenten nicht einen Mann 
gewählt hat, der mit dem Hilfsschulwesen eng vertraut ist und, was die Haupt- 
sache ist, in der praktischen Hilfsschularbeit steht oder längere Zeit ge- 
standen hat. 

Magdeburg. (Hilfsschule.) Aus unserer Hilfsschule für schwachbegabte 
Kinder wurden in diesem Jahre 28 Knaben und 20 Mädchen entlassen. Von 
diesen 48 Kindern können 43 als erwerbsfähig bezeichnet werden, während 5 nicht 
erwerbsfähig sind. Von diesen letzteren wurden 2 Knaben einer Idioten - Anstalt 
überwiesen. Von den 24 erwerbsfähigen Knaben erlernen 18 ein Handwerk, 1 die 
Landwirtschaft, 8 nehmen Stellen als Arbeits- und Laufburschen und 2 verbleiben 
noch im elterlichen Hause. Von den Mädchen erlernen 6 das Nähen, 4 nehmen 
Stellen als Kinder- und Dienstmädchen, 2 Mädchen werden Fabrikarbeiterinnen, 
während 7 vorerst noch bei den Eltern bleiben. Einige Kinder besuchen noch 
über die Schulpflicht hinaus den Unterricht. Zur Aufnahme lagen 89 Anmeldungen 
vor. Trotzdem schon eine neue Klasse vorgesehen war, mussten doch noch 5 An- 
meldungen zurückgewiesen werden, und auch jetzt geht die Schülerzahl in einzelnen 
Klassen bis über 30. — Immerhin haben wir in dem Ausbau unserer Hilfsschule 
einen bedeutsamen Fortschritt zu verzeichnen: die Vorstädte Buckau und Wil- 
helmstadt erhielten je eine Unterstufe, und es ist vorauszusehen, dass sich in 
diesen Stadtteilen in wenigen Jahren eine dreiklassige Schule aufbaut. Ebenfalls 
wird in Sudenburg und in der Altstadt im nächsten Jahre noch je eine Klasse 
eingerichtet werden müssen. Jetzt haben wir 14 Klassen, in welchen 341 Kinder 
von 1 Hauptlehrer, 13 Lehrern und 4 Handarbeitslehrerinnen unterrichtet werden. 
Leider scheint es noch nicht möglich zu sein, die Klassen der Altstadt in einem 
Schulhause unterzubringen. Davon, dass die jetzigen Zustände unhaltbar sind, 
sind auch unsere städtischen Behörden überzeugt und gehen deshalb mit dem Ge- 
danken um, für die Hilfsschule der Altstadt ein besonderes Gebäude errichten 


93 


zu lassen. Seit 1?/, Jahren haben wir in Magdeburg Schulärzte. Von dieser Ein- 
richtung konnten wir für unsere Hilfsschule allerdings bis jetzt kaum einen Er- 
folg verspüren. Da die 13 Klassen in verschiedenen Bezirken liegen, sind an der 
Hilfsschule im ganzen 4 Schulärzte tätig, die zugleich als Schulärzte an den Volks- 
schulen angestellt sind. So sehr wir von der Notwendigkeit des Schularztes ge- 
rade für unsere Hilfsschule überzeugt sind, so ist doch dringend zu wünschen, dass 
dieselbe einem Schularzte unterstellt wird und zwar einem solchen, der das ge- 
meinsame Feld der psychiatrischen Medizin und der empirischen Pädagogik be- 
herrscht. W. B. 
Meissen. (Hilfsschule.) Die Meissner Hilfsschule wurde am 21. April 1903 
mit 20 Kindern, 10 Knaben und 10 Mädchen, eröffnet. Im Laufe des Schuljahres 
traten 2 Knaben ein und 2 aus. Ein Knabe verunglückte am 30. August 1903 
tödlich. Zur Zeit besteht die Klasse aus 19 Kindern, 9 Knaben und 10 Mädchen. 
Die Schüler gehören meist armen, kinderreichen Familien an. In einigen gehen 
Vater und Mutter dem Broterwerbe nach und müssen die Kinder sich selbst über- 
lassen. 2 Kinder sind ausserehelich geboren, 2 haben keinen Vater, 2 keine Eltern 
mehr. 1 Mädchen hat eine Stiefmutter, 1 Knabe einen Stiefvater. — Nach den ein- 
gezogenen Erkundigungen ist der Schwachsinn bei 10 Kindern angeboren und bei 
4 Kindern erworben. In 5 Fällen lässt sich beides annehmen. Ausser der geistigen 
Schwäche sind viele von den Kindern mit Sprachgebrechen und körperlichen Leiden, 
als Verdauungsstörungen, Blasenleiden, epileptischen Anfällen, Leistenbrüchen, Augen- 
erkrankungen und Nervosität, behaftet. — Unterrichtet wurden die Hilfsschüler 
bis Ende Oktober in 18 Wochenstunden. Von da an wurde die Stundenzahl um 
4 vermehrt. Seit Beginn des neuen Schuljahres ist die Schule zweiklassig. Die 
Kinder beider Klassen sind im Sachunterrichte vereinigt, in den übrigen Fächern 
getrennt. — Der Lehrstoff wurde ausgewählt aus dem, der für die Elementar- 
klassen der 1. mittleren Bürgerschule vorgeschrieben ist. Methodisch wurde genau 
so verfahren, wie es die neuen Meissner Lehrpläne fordern. — Wie für das geistige 
so sorgt die Hilfsschule auch für das körperliche Wohl ihrer Schüler. Die 
Knaben, die Badehosen hatten, erhielten Badekarten und wurden gemeinsam zum 
Baden geführt. 10 Kinder, 5 Knaben und 5 Mädchen, nahmen in den Sommer- 
ferien an der Milchpflege teil. 5 Kinder, 4 Knaben und 1 Mädchen, die oft ohne 
warmes Frühstück zur Schule kamen, erhalten seit dem 13. Oktober 4mal in der 
Woche je */, Liter warme Milch. 2 Mädchen und 3 Knaben bekommen im Winter 
warmes Mittagsbrot und 4 Mädchen und 1 Knabe beteiligen sich an dem Heilkursus 
für Sprachstörungen. — Wie anderwärts, so ist auch hier für jedes Kind ein 
Aktenstück angelegt, das insbesondere auch für das spätere Leben des Schülers 
von grossem Werte sein kann. A. H. 
Schreiberhau. (Erziehungs- und Pflegeanstalt für Schwachsinnige.) 
Seit Beginn des Jahres 1903 wurde für unsere schwachsinnigen Zöglinge der 
Unterricht neu eingerichtet. Die bildungsfäbigen Zöglinge, deren die Anstalt am 
Ende des verflossenen Jahres 40 (23 Knaben und 17 Mädchen) zählte, wurden 
in einer Vor- und zwei aufsteigenden Klassen unterrichtet. In der Vorklasse 
werden insbesondere Tätigkeits-, Unterscheidungs- und Sprachübungen getrieben, 


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während in der eigentlichen Schulklasse der Unterricht auf die Unterrichtsfächer 
der Volksschule sich erstreckt. — 

Worms. (Ärztliche Unterstützung in der Hilfsschule.) Ist eine 
spezialärztliche Untersuchung oder Behandlung des einen oder des andern Kindes er- 
forderlich, so kommen uns in der bereitwilligsten und uneigennützigsten Weise die 
verschiedenen Spezialärzte entgegen. Ausserdem ist schon seit Gründung der 
Hilfsschule ein psychiatrisch gebildeter Azt beigegeben, für dessen Hilfeleistung die 
Stadt eine jährliche Pauschalsumme bezahlt. Er hat insbesondere die zur Aufnahme 
in Vorschlag gebrachten Kinder zu untersuchen, ist bei der Prüfung derselben 
zugegen und kommt das Jahr über gelegentlich in die Klassen, um mit den 
Lehrern Aus- und Rücksprache zu halten. Seither waren seine Dienstverrichtungen 
weiter nicht schriftlich fixiert. Doch mit der Einführung der Schulärzte in die 
allgemeine Volksschule wurden in .die Dienstanweisung der Schulärzte auch ver- 
schiedene Paragraphen speziell für den Arzt an der Hilfsschule aufgenommen. Da- 
nach hat er vor allem eine Voruntersuchung der für die Hilfsschule angemeldeten 
Kinder vorzunehmen. Es heisst: „Der Schularzt der Hilfsklassen hat die zum 
Besuche derselben in Vorschlag gebrachten Kinder auf ihre Körperbeschaffenheit 
und ihren Geisteszustand zu untersuchen, un festzustellen, ob ihre Aufnahme 
empfohlen werden kann oder andere Anstalten für die pädagogisch-ärztliche Be- 
handlung in Betracht kommen. Über die endgültige Aufnahme entscheidet aut 
Grund dieser Untersuchung ein aus dem Schularzt, dem Schulinspektor und den 
Lehrern der Hilfsklassen bestehender Ausschuss.“ Weiter heisst es: „Die Schüler 
der Hilfsklassen stehen unter ständiger ärztlicher Überwachung.“ Danach ist für 
jedes Kind, neben dem seither schon geführten Personalheft, ein „Überwachungs- 
bogen“ zu führen, der verschiedene Rubriken enthält über Grösse, Gewicht, Er- 
nährung, Reinlichkeit, Haut, Knochenbau, Brust und Bauch, Mund, Nase, Sprache, 
Augen, deren Schärfe, Ohren, Gehör u. s. w. Grösse und Gewicht eines jeden 
Kindes werden durch den betreffenden Klassenlehrer zu Beginn jeden Schuljahres 
festgestellt. Die Messung des Brustumfanges geschieht nur bei den Kindern, die 
einer Lungenerkrankung verdächtig sind, und wird dann durch den Arzt vor- 
genommen. Falls ärztliche Behandlung geboten erscheint, wird den Eltern eine 
„Mitteilung“ zugeschickt. Der Schularzt hat auch bei der Auswahl der Kinder 
für Ferienkolonien, Badekuren und für Milchfrühstück mitzuwirken. Dann muss 
er mindestens einmal im Sommer und einmal im Winter die sämtlichen Lokalitäten 
(Lehrzimmer, Turnhalle, Bäder, Aborte u. s. w.) und deren Einrichtungen ein- 
gehend besichtigen und etwa gefundene Missstände, auch solche über Reinigung, 
Lüftung, Heizung und Beleuchtung, in ein spezielles Buch eintragen. Ausserdem ° 
ist er verpflichtet, in einer Lehrerversammlung im Laufe des Jahres einen kurzen 
Vortrag zu halten über „die rechtzeitige Erkennung der in pädagogischer Beziehung 
wichtigen Erkrankungen des Nervensystems und des Seelenlebens.“ Über seine 
Tätigkeit hat der Schularzt der Hilfsklassen alljährlich einen besonderen Bericht 
an die Bürgermeisterei zu erstatten. 

Graz in Steiermark. (Hilfsschulsache.) Unter den Wohlfahrtseinrichtungen 
für die Schuljugend der steiermärkischen Landeshauptstadt Gruz wird auch der 


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„Hilfsschulsache“ eine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Auf Grund eingeholter 
Mitteilungen über den gegenwärtigen Stand der zur Beschulung schwachsinniger 
Kinder schulpflichtigen Alters eingerichteten Hilfsschulklassen in Graz wurde durch 
Erlass des k. k. steiermärkischen Landesschulrates mit Beginn des Schuljahres 
1901 — 1902 eine 1. Klasse für den Unterricht schwachsinniger Kinder an der 
städtischen Knabenvolksschule St. Andrä errichtet und der genannten Schule 
angegliedert. Der im Vorjabre eröffneten 1. Klasse wurde mit Beginn des Schul- 
Jahres 1902—1903 eine aufsteigende 2. und mit Beginn des Schuljahres 1903— 1904 
eine aufsteigende 3. Klasse hinzugefügt. Die Aufnahme der Kinder in die Hilfs- 
schule gestaltet sich derzeit in folgendor Weise: die Leitungen der städtischen 
Volksschulen legen mit Beginn des Schuljahres ein Verzeichnis aller die 1. Klasse 
besuchenden Kinder an, die nach dem Urteile der Leiter und der untemichtenden 
Lehrkräfte in Betracht gezogen werden könnten. Diese Kinder werden den mit 
der Gesundheitsaufsicht betrauten Schulärzten zur Untersuchung vorgestellt und 
auf Grund dieser wird endgiltig ein Verzeichnis der als schwachsinnig erklärten 
Knaben und Mädchen angelegt und dem Stadtschulrate eingesandt, welcher nach 
sorgfältiger Überprüfung die schliessliche Auswahl trifft. Da in dem Schuljahre 
1901—1902 nur eine erste Klasse errichtet wurde, so konnten bei der Schüler- 
aufnahme in dieselbe nur die unmittelbar benachbarten Schulen berücksichtigt 
werden. Die Klassen sind geschlechtlich gemischt und mit 15 bis 20 Kindern 
beschult. Eine Zurückversetzung von Schülern in die Volksschule fand bisher 
nicht statt, da die eingeschulten Kinder auch bei verhältnismässig günstiger Ent- 
wicklung niemals mit geistig normalen Schülern weiterzuschreiten vermögen. Jeder 
Klassenlehrer behält zur Zeit seine Klasse während der ganzen Schulpflicht ihrer 
Insassen. — Der Lehrplan bewegt sich in den einfachsten Umrissen und hält 
an der für vollsinnige Kinder geltenden Ordnung nur insofern fest, als die Zahl 
der für die einzelnen Klassen festgesetzten Stunden dieselbe bleibt. Der Unterricht 
erstreckt sich auf die Unterrichtsgegenstände der allgemeinen Volksschule mit 
beschränkten aber keineswegs verbindlichen Zielen. Da gegenwärtig jede Lehrkraft 
schon eine mehrjährige Probezeit in einer allgemeinen Volksschule bestanden hat 
und aus Erfahrung mit Lehrstoff, Lehrziel, namentlich aber mit dem Elementar- 
unterrichte vollkommen vertraut ist, wird dem Lehrpersonale innerhalb der ge- 
zogenen Grenzen seiner Arbeit auch eine ziemliche Freiheit der Bewegung zuge- 
standen, so dass den abnormen Verhältnissen unter den Kindern genügend Rechnung 
getragen werden kann. Besonderes Augenmerk wird auf Übung der Sinne, Pflege 
der Anschauung, Steigerung der Körperbeweglichkeit und Handgeschicklichkeit 
verwendet. Einen breiten Raum nimmt der Anschauungsunterricht ein; Spazier- 
gänge im Dienste des Anschauungsunterrichtes zur Erweiterung des Vorstellungs- 
kreises werden mehr als in der Volksschule gepflegt; auf Fröbelsche Beschäftigungen, 
Handfertigkeitsübungen, Gesang, Turnen, leichte volkstümliche Spiele, Schulspazier- 
gänge wird ein besonderer Wert gelegt. — Die Unterrichtsarbeit im engeren 
Sinne des Wortes findet an Vor- und Nachmittagen von 8—10 (11) und 2—4 Uhr 
statt; an den Vormittagsunterricht schliesst sich während des ganzen Schuljahres 
je 1—2 Stunden, in der Zeit vom Beginne des Schuljahres (15. September) bis 


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31. Oktober und vom 1. März bis Ende des Schuljahres (15. Juli) auch nach 
4 Ubr nachmittags noch 1—1'/, Stunde für Beschäftigungsunterricht unter 
Leitung einer Kindergärtnerin an; im letzteren Falle ist die Lösung der ihr zu- 
gewiesenen Aufgabe vorwiegend ins Freie verlegt, und reichliche Bewegung, Spiel, 
Spaziergänge sollen der körperlichen und geistigen Entwicklung der Kinder dienen, 
Die Feststellung dessen, was die Kindergärtnerin als Tagesaufgabe vorzunehmen 
hat, bleibt dem leitenden Klassenlehrer überlassen, da grundsätzlich die Kinder- 
gartenarbeit in den Dienst des Unterrichtes gestellt ist. Die Dauer der Zeiteinheit 
für einen bestimmten Gegenstand der Beschäftigung ist auf ®/, Stunden festgesetzt, 
und es wird dieser Stundenteil ganz von der Bearbeitung einer bestimmten Einheit 
ausgefüllt; nach jeder Unterrichtsarbeit tritt eine Erholungspause von 15 Minuten 
ein. — Jeder Klassenlebrer führt ausser dem Kataloge und dem Klassenbuche zum 
Ausweise der Schulversäumnisse noch ein „Tagebuch“, das die Beobachtungs- 
unterlage aller Maßregeln bilden soll, die beim Ausbaue der Einrichtung getroffen 
werden müssen und in welches das in den einzelnen Stunden Behandelte eingetragen 
wird, am dereinst als feste Grundlage des aufzustellenden Lehrganges dienen zu 
können. — Für jedes aufgenommene Kind wird ein Personalbogen angelegt. 
Derselbe enthält ausser den Personalien des Kindes und der Eltern: A. Aufzeichnungen 
über die Entwicklung des Kindes im vorschulpflichtigen Alter; B. Aufzeichnungen 
über die Entwicklungshöhe des Kindes zur Zeit der Anlage des Personalbogens 
und fortlaufende Bemerkungen über das Kind während der Dauer der Schulpflicht. 
Für jeden Schüler werden unter B vier Kolonnen: Körperlicher Zustand — Intel- 
lektueller Zustand — Gemüts- und Charakterzustand — Entwicklung in Kennt- 
nissen und Fertigkeiten — bestimmt, in welche die bezüglichen Urteile seitens der 
Klassenlehrer fortlaufend verzeichnet werden. — Das Lehrerkollegium zählt 
gegenwärtig: 1 katholischen Religionslehrer, 2 staatlich geprüfte Lehrer, 1 staatlich 
geprüfte Lehrerin und 1 staatlich geprüfte Kindergärtnerin, welche gleichzeitig 
auch den Industrieunterricht für Mädchen besorgt.. Das Lehrpersonal ist aus 
definitiv angestellten Volksschullehrkräften des Schulbezirkes Stadt Graz gewählt 
und rangiert in der Besoldung mit diesen. — Der Schularzt übt seine sehr 
günstig eingreifende Tätigkeit in der Weise aus, dass er alle vierzehn Tage regel- 
mässig die Schule besucht, Umschau in den Lehrzimmern hält und für den Stadt- 
schulrat Gutachten abgibt, die vorgeführten Kinder untersucht, ärztlichen Rat 
erteilt und Erhebungen vornimmt. Abgesehen von diesen regelmässigen Besuchen 
finden solche auch dann statt, wenn besondere Umstände es empfehlen, ärztlichen 
Rat einzubolen. — Von höchst wohltätigem und gesundheitsförderndem Einflusse 
ist die Einrichtung eines allen hygienischen Anforderungen entsprechenden Bade- 
raumes mit zwei Wannenbädern zur ausschliesslichen Benützung für die die Hilfs- 
klassen besuchenden Kinder. Das Baden ist als regelmässige Einrichtung für alle 
Schüler der Hilfsklassen wöchentlich einmal aufgenommen. Zur Wartung ist eine 
Frau bestellt. Um den sprachlich schwer belasteten Kindern eine nachhaltigere 
Hilfe zu bringen, wurde der seit Eröffnung der 1. Hilfsklasse mit der Unterrichts- 
führung betrauten Lehrkraft die Begünstigung zu teil, an einem in der k. k. Reichs- 
haupt- und Residenzstadt Wien abgehaltenen Instruktionskurse über Heilung von 


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Sprachgebrechen nach der bewährten Methode des Professors L6on Berquand 
behufs Erwerbung dieser Methode und Einführung in deren praktischen Betrieb 
unentgeltlich teilzunehmen. Derselben Lehrkraft ward es auch ermöglicht, zuvörderst 
einige für die Erziehung Schwachsinniger geschaffene Anstalten in Österreich, so 
insbesondere die „Vierklassige Unterrichtsabteilung für schwachsinnige schulpflichtige 
Kinder“ in Wien, XVIII. Bezirk, zu besuchen, um sich in dieser, durch mehr als 
1'!/, Dezennien bestehenden Fachanstalt, die in ihrer Art einzig in Österreich 
dasteht, möglichst gut mit dem Stande der Hilfsschulsache vertraut zu machen. — 
Der bezügliche Bericht bildete einen Verhandlungsgegenstand der Lehrerkonferenz 
des Stadtschulbezirkes Graz im Schuljahre 1901/02. — Das Streben, den Ausbau 
der Hilfsschule zu fördern, die Wohltat zweckmässiger Erziehung schwachsinnigen 
Kindern zuzuwenden, für deren Zukunft mitzusorgen und jene einem ehrenwerten 
Leben zuzuführen, hat den Stadtschulrat Graz bewogen, dieser Angelegenheit ein 
ganz besonderes Augenmerk zuzuwenden und daher auch die Erfahrungen, die in 
anderen Städten gesammelt worden sind, für den Ausbau des Hilfsklassensystems 
zu verwerten. In der Richtung dieser Bestrebungen beschloss daher der Stadt- 
schulrat die bereits bezeichnete Lehrkraft während der Sommerferien 1903 auf 
eine Studienreise nach dem Deutschen Reiche und nach der Schweiz zu entsenden, 
damit dieselbe Anstalten, welche dem Unterrichte und der Erziehung schwach- 
sinniger Kinder dienen, kennen lerne und die Früchte des Erfahrenen dem heimischen 
Schulwesen zuwende. Die Reise, welche in der Zeit vom 15. Juli bis 8. Sep- 
tember 1903 ausgeführt worden ist, erstreckte sich auf: Zürich, Regensberg, 
Schaffhausen, Basel; Mannheim, Frankfurt a. M., Idstein im Taunus, Köln, Düssel- 
dorf, Elberfeld, Kassel, Erfurt, Jena (Sophienhöhe), Halle a. S., Leipzig, Plauen 
im Vogtlande, Dresden, Breslau und Leschnitz O.-Schl. Der der Lehrkraft von 
seiten des Stadtschulrates Graz zur Pflicht gemachte Reisebericht verbreitete sich 
insbesondere in Hinsicht auf Organisation: a) Zweck und Ziel, b) Auswahl und 
Aufnahme der Schüler, c) Austritt und Entlassung derselben, d) Gliederung und 
Ausgestaltung der Hilfsschule, e) Lehrplan, f) Stundenplan, g) Unterrichtsverfahren, 
h) besondere erziehliche Maßnahmen, i) Erfolge, k) Stellung, Ausbildung und Be- 
soldung der Lehrkräfte, 1) Kosten der Erhaltung der Schule; ferner über äussere 
Schuleinrichtungen, über Lehr- und Lernmittel, über Fürsorge und Fortbildung 
der Hilfsschüler nach vollendeter Schulpflicht, über Wohlfahrtseinrichtungen und 
Fragen aller Art, die bei dem Einzelstudium sich ergaben. Der erstattete Bericht 
wurde seitens der Behörde mit grosser Befriedigung zur Kenntnis genommen und 
daran der Wunsch geknüpft, in geeigneter Weise Sorge zu tragen, dass möglichst 
viele der im Grazer Schulbezirke dienenden Lehrer und Lehrerinnen Kenntnis des 
in Erfahrung Gebrachten und der in dem Berichte enthaltenen Anregungen erlangen 
und dass die Ergebnisse der Reise zu Nutz und Frommen der städtischen Schul- 
Jugend tunlichst ausgenutzt werden. — Durch Erlass des k. k. steierm. Landes- 
schulrates erfolgte mit Beginn des Schuljahres 1903—1904 die Eröffnung einer 
neuen abgesonderten Schulklasse für schwachsinnige Schulkinder des Stadtschul- 
bezirkes Graz an der städtischen Mädchenvolksschule in der Nibelungengasse. Die 
Klasse ist geschlechtlich gemischt und mit 15 Kindern bevölkert. Mit der Führung 


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des Unterrichtes ist 1 katholischer Religionslehrer, 1 staatlich geprüfter definitiver 
Lehrer des Stadtschulbezirkes Graz betraut und als Hilfskraft für den den Unter- 
richt erteilenden Lehrer eine Kindergärtnerin angestellt. — Im Interesse der Ein- - 
heitlichkeit des Unterrichtsbetriebes ist dem Lehrpersonale sämtlicher Hilfsklassen 
ausser den regelmässigen Lokal-Konferenzen der Lehrer an Volksschulen gegenwärtig 
auch Gelegenheit geboten, unter dem Vorsitze des k. k. Stadtschul-Inspektors zu 
gemeinsamen Besprechungen und Beratungen in Sachen der Hilfsschule zusammen- 
zutreten, zu denen in besonderen Angelegenheiten auch die beiden Fachmänner 
der Lehrerschaft im Stadtschulrate zugezogen werden. Diese Ausführungen mögen 
genügen, um den Nachweis zu leisten, dass es dank der fortgesetzten weitgehenden 
Bestrebungen und opferwilligen Fürsorge der Behörden in der Entwickelung der 
Grazer Hilfsschulsache rüstig vorwärts geht und das begonnene Werk an dem 
stattlichen Baume der menschenfreundlichen Bestrebungen bald einen ansehnlichen 
Ast bilden dürfte. 


Literatur. 


„Mein Lesebüchlein.“ Zum Schulgebrauch in Spezialklassen und An- 
stalten für Schwachbefähigte. Bearbeitet von einem Kollegium schweizerischer 
Hilfsschullehrer. Preis: 1. Heft 80 cts, 2. Heft 60 cts., 3. Heft 70 cts. 

„Mein Lesebüchlein“ besteht aus 3 Teilen, die, nach den Jahreszeiten ge- 
ordnet, dem Kinde naheliegende und sein Interesse weckende Stoffe in steigender 
Sprachschwierigkeit bieten. Zwischen Erzählungen und Beschreibungen sind zahl- 
reiche Sprüche und gefällige Gedichtchen eingestreut. Was den Kindern das 
Lesebüchlein lieb macht, das sind die schönen Illustrationen, die wesentlich von 
dem gewöhnlichen Schmuck der Lesebücher abweichen, zum Teil Reproduktionen 
von Kunstwerken sind. Schade, dass die Verfasser manche dem Dialekt entlehnte 
Ausdrücke mit aufnahmen, die zweckmässiger durch Schriftdeutsch ersetzt wären. 
Dieser Mangel darf aber die Kollegen nicht abhalten, sich von der Brauchbarkeit 
der Heftchen zu überzeugen.*) S. 

Vorlesebuch. Was das Kind der Mutter vorliest. Von Berthold Otto. 
Leipzig 1903. Verlag von K. G. Th. Scheffer. 138 Seiten. Preis Mk. 1,20. 

Das Vorlesebuch ist für die Hand der Kinder bestimmt. Wenn mit ihnen eine 
Fibel durchgearbeitet ist, so müssen sie eine Zeitlang täglich das Lesen üben, denn 
sonst kann es Jahre dauern, ehe sie wirklich fertig lesen lernen. Es wäre daher 
wünschenswert, wenn die Mütter sich täglich von ihren Kindern etwas vorlesen liessen, 
um dieselben in ihrer Lesefertigkeit und Leselust zu fördern. Die gebräuchlichen 
Lesebücher sollen sich nach des Verfassers Ansicht für diesen Zweck wenig eignen, 
darum erschien es angebracht, ein besonderes Vorlesebuch zu schreiben und dieses den 
Kindern in die Hand zu geben. Die Kinder sollen aus dem Vorlesebuch der Mutter 
vorlesen, die Mutter liest alsdann als Gegenleistung aus einem andern Buche etwas 





*) Anstaltslehrer Stärkle in Idstein ist bereit, Bestellungen entgegenzunehmen; 
Preis inkl. Porto Mk. 1.80. 


vor. Die Lesestücke des Vorlesebuchs behandeln meist realistische Stoffe; sie zeichnen 
sich durch treffende Darstellungs- und kindliche Ausdrucksweise vorteilhaft aus und 
bieten in dieser Beziehung vollendete Muster. Wir haben die einfachen und schönen 
Darbietungen mit viel Interesse gelesen und können das Buch allen, welche nach 
Beispielen kindlicher und leicht verständlicher Darstellungsweise auch über abstrakte 
Sachen suchen, angelegentlich empfehlen. Insbesondere dürfte das Buch dem Pilege- 
personal an Erziehungsanstalten, das an der Hand derselben den Zöglingen gehaltvolle 
Belehrungen und Anregungen bieten könnte, willkommen sein. 


Schulen für nervenkranke Kinder. Die Frühbehandlung und Prophylaxe 
der Neurosen und Psychosen. Von Dr. H. Stadelmann. Berlin 1903. Verlag 
von Reuther & Reichard. 31 Seiten. Preis 75 Pfg. 


Der Verfasser weist zunächst darauf hin, dass in unserer Zeit für die Erziehung 
und Ausbildung anormaler Kinder die verschiedensten Einrichtungen getroffen sind; 
so hat man für Blinde Blindenanstalten, für Taubstumme Taubstummenanstalten, 
für Idioten Idiotenanstalten, für Schwachbegabte Hilfsschulen etc. begründet. Aber 
für eine Kategorie von Kindern, die nicht minder anormal oder krankhaft veranlagt 
sind, für die neuropatisch beanlagten Wesen, geschieht zur Zeit noch sehr wenig. 
Den nervenkranken Kinder erwachsen in der allgemeinen Schule schwere Nachteile 
für ihre Gesamtentwickelung. Recht anziehend und belehrend schildert nun der 
Verfasser die Natur der nervenkranken Kinder und kommt im Anschlusse daran 
auf die Schädlichkeitsfaktoren zu sprechen, welche bei den unzulänglichen Behand- 
lungsmaßnahmen in den Schulen ihren nachteiligen Einfluss ausüben. Wir erfahren 
dabei viel Interessantes, da der Verfasser bei seinen Ausführungen von psycholo- 
gischen Erwägungen ausgeht. Die Wiedergabe seiner Wahrnehmungen und Be- 
obachtungen an Kindern mit nervösen Störungen muss als gelungen bezeichnet 
werden, die entworfenen Krankheitsbilder erscheinen naturgetreu. Den nerven- 
kranken Kindern kann nur durch besondere individuelle Behandlungsmalßnahmen 
geholfen werden, es sollen deshalb eigene Schulen für sie begründet werden. Da- 
durch würde auch am besten einer Prophylaxe und Frühbehandlung der Neurosen 
gedient werden. Dass aber die Schulen für nervenkranke Kinder sich auch der 
bildungsfäbigen Schwachsinnigen annehmen sollen, halten wir für verfehlt. Geistes- 
schwäche ist doch keine Nervenkrankheit im Sinne der nervösen Störungen, deshalb 
wird jene auch wesentlich andere Maßnahmen zu ihrer Milderung verlangen als 
diese. Das Lehrprogramm, welches der Verfasser für die Schulen für nerven- 
kranke Kinder entwirft, können wir durchaus billigen, ebenso finden auch die Be- 
handlungsmaßnahmen in hygienischer, diätischer und gymnastischer Beziehung unsere 
Zustimmung, da sie äusserst zweckmäßig erscheinen. Die Darlegungen bieten uns 
stellenweise manche wertvolle Fingerzeige für die Behandlung Schwachsinniger. 
Das Studium der Entarteten kann uns überhaupt gute Dienste für unsere beruf- 
liche Tätigkeit erweisen, daher empfehlen wir die kleine, aber sehr inhaltreiche Schrift 
unsern Lesern zur gefälligen Beachtung. 


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100 


Zur Beachtung! 


Zu der bevorstehenden XI. Konferenz für das Idioten- und 
Hilfsschulwesen hat Herr Pastor Stritter, Direktor der Alsterdorfer 
Anstalten, es übernommen, die bekannte statistische Zusammenstellung der Heil- 
erziehungs- und Pflegeanstalten für schwachbefähigte Kinder, Idioten und Epileptiker 
in Deutschland und den übrigen europäischen Staaten durch einen Nachtrag zu 
erweitern. 

Im Interesse der Sache bitte ich die geehrten Vorsteher obiger Anstalten den 
von Herrn Pastor Stritter verschickten Fragebogen umgehend ausfüllen und 
einschicken zu wollen. 


Dalldorf im Mai 1904. Piper, 
Vorsitzender der X. Konferenz, 


Ein seminaristisch gebildeter Lehrer, 
der seit 1°/, Jahren in einer Blödenschule mit gutem Erfolg tätig ist, sucht 
Stellung an einer Blödenschule oder Hilfsschule. 
Gute Zeugnisse stehen za Diensten. Offerten erbeten unter B 800 an 
die lie Schriftleitung dieses Blattes. : | 


Für die mit der hiesigen Idiotenanstalt verbundene Bildungsanstalt für 
schwachsinnige Knaben wird zum 1. August, eventuell 1. Oktober d. J. für die 
Stelle eines Klassenlehrers ein auf christlichem Boden stehender Lehrer gesucht, 
der womöglich auch einen Teil des Organistendienstes übernimmt. Gehaltsskala 
bei fester Anstellung entsprechend den im Lande geltenden Bestimmungen. 
(Mk. 1200—2700 ausser Wohnung, beziehungsweise mit einem Abzug für freie 
Station). Ein-Jahr Probezeit. Gelegenheit zur Ableistung der Hauptprüfung vor- 
handen. Meldungen erbeten mit Zeugnissen und Lebenslauf an Propst Palmer 
in Neu-Erkerode bei Braunschweig. 

















Briefkasten. 


H. S. v. A. Etwas gekürzt, im übrigen aber gern verwendet. Inbetreff des Lehr- 
planes können wir uns erst dann entscheiden, wenn derselbe uns wird vorgelegen haben. 
— 6. N. I. & In nächster Nr. — Dr. 6. M. i. H. Selbstverständlich wurde auch una der 
fragliche „Sonderabdruck‘‘ zugesandt. Unter den schriftlichen Belegen können wohl nur 
unsere Briefe an Dr. W. gemeint sein, deren Inhalt dem Sinne nach in Nr. 1 bereits mit- 
geteilt wurde. Erwähnt sei nur, dass die Arbeit Dr. Ws. uns am 9.11.02 zuging. — 
Dass übrigens bei dem Streite die Sache immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird, 
bedauern auch wir. — A. Soh. i. B. Erscheint rechtzeitig. — M. K. i. W. Infolge unserer 
Kur in Karlsbad erlitt die Korrespondenz eine Unterbrechung, Sie erhalten aber in den 
nächsten Tagen Antwort. — F.H.1.C. Zu grösserer Ausführlichkeit reichte der Raum nicht. 


— 

















Inhalt. Die Hilfsschulen für Schwachbegabte. (F. Frenzel). — Beiträge zur Ge- 
schichte der Heilpädagogik. (E. Btötzner.) — Eine neue Rechenmasohine. > Mitteilungen: 
Berlin, Bessungen bei Darmstadt, Cassel, Grossherzogtum Hessen, Jena, Magdeburg, Meissen, 
Schreiberbau, orms, Graz in Steiermark. — Literatur: „Mein Lesebüchlein“, Berthold Otto, 
Vorlesebuch, H, Stadelmann, Schulen für nervenkranke Kinder. — Zur "Beachtung. — Àn- 
zeigon. — Brief kasten. 








Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von H..Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 


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Pehandiung Schwachsinniger und Epileptischer. 


Organ der Konferens für das Idiotenwesen. 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 
Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 
Spezialarzt 

Dresden - Strohlen, für Nervenkrankheiten 

Residenzstrasse 27. In Stuttgart. 
Erscheint jährlich in 132 Nummern von | ı Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 
nindestens einem Bogen. Anzeigen fir J ulj 1904. | und Postämter, wie auch direkt von der 


die gespaltene Petitzeilo 25 Pfg. Lite- S eitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 
rarische Beilagen 6 Mark. | einzeine Nummer 50 Pfg. 


Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 





XI. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen. 
am 6. bis 9. September 1904 in Stettin. 


Programm. 


L Dienstag, den 6. September, abends 7 Uhr Vorversammlung im 
evangelischen Hospiz, Elisabethstrasse 53. 

Begiüssung durch den Vorsitzenden der X. Konferenz, Bericht über das 
verflossene Triennium, Rechnungslegung und Entlastung des Rechners, Wahl 
des Vorstandes für die XI. Konferenz, Wahl der Schriftführer. Geselliges 
Beisammensein. | 

(Mitgliederkarten für 6 Mark, Teilnebmerkarten für 2 Mark sind in demselben 
Lokal in Empfang zu nehmen. Letztere berechtigen nicht zur Stimmenabgabe. Die 


Teilnehmer erhalten einen Konferenzbericht gegen Erstattung der Druckkosten von 
1 Mark.) 


IH. Mittwoch, den 7. September, von 9 bis 1'/, Uhr. 


Erste Hauptversammlung 
im evangelischen Hospiz, Elisabethstrasse 53, grosser Saal. 
a) Begrüssung durch die Behörden. 
b) Vorträge: 
9", bis 10%), Uhr: „Gewinnung dauernder Unterrichtsergebnisse für 
geistig zurückgebliebene Kinder.“ Schenk-Breslau. 
10'/, bis 11/, Uhr: „Die Übung der Sinne“ Dr. Gutzmann-Berlin 
11’), bis 12 Uhr Pause (Frühstück im Vereinshause). 


102 


Von 12 bis 1 Uhr Nebenversammlungen. 
a) für die Vertreter der Idiotenanstalten: 

„Die Heranbildung von Erzieherinnen für und durch unsere Anstalten.“ 
Prof. Dr. Zimmer-Berlin-Zehlendorf. 

b) für die Vertreter der Hilfsschulen (im kleinen Saale): 

„Über die Zentralisation der Hilfsklassen.“ Böttger-Leipzig. 

Von 1 bis 2 Uhr Hauptversammlung: 

„Die in der Provinzial-Idiotenanstalt zu Schleswig mit der Erweiterung 
des Handarbeits-Unterrichts gemachten Erfahrungen.“ Landesver- 
sicherungsrat Hansen-Kiel. 

2!/, Uhr: Festessen. 

71, Uhr: Geselliges Beisammensein im Garten des Konzerthauses. 


III. Donnerstag, den 8. September, von 9 bis 1'/, Uhr. 
Zweite Hauptversammlung. 
Von 8 bis 9 Uhr event. Besuch der Hilfsschule in Stettin. 
a) Vorträge: 
9 bis 10'/, Uhr: „Erziehungsanstalten für Geistesschwache. Dr. Gündel- 
Rastenburg. 
10'/; bis 11, Uhr: „Die Opium-Brom-Behandlung der Epilepsie “ 
Dr. Kellner-Alsterdorf. 
11'/, bis 12 Uhr: Pause. 
12 bis 1 Uhr Nebenversammlungen. 
a) für die Vertreter der Anstalten: 
„Ist die Gründung von besonderen Anstalten für schwachbegabte Für- 
sorgezöglinge notwendig.* Direktor Stritter-Alsterdorf. 
b) für die Vertreter der Hilfsschulen: 
„Der Sach- und Sprachunterricht bei Schwachbegabten“ Frenzel- 
Stolp i. P. 
Von 1 bis 2 Uhr Hauptversammlung: 
„Der Konfirmanden-Unterricht bei Geistesschwachen.* 
Direktor Schuchert-Treysa. 
Wahl des Versammlungsortes für die XII. Konferenz. 
3 Uhr: Abfahrt nach den Kückenmühler Anstalten, Besichtigung 
derselben, 7 Uhr Bewirtung der Gäste durch die Anstalt, 9 Uhr Rückfahrt 
nach Stettin. | 


IV. Freitag, den 9. September, 8 Uhr Vormittag Dampferfahrt nach 
Swinemünde, Abfahrt vom Zollhause, 5 Uhr Nachmittag Rückfahrt nach Stettin. 


V. Sonnabend, den 10. September, Besuch der Hilfsschule in Stolp i. P. 

Empfehlenswerte Hötels werden durch den Ortsausschuss nachgewiesen, und 
wolle man seine Wünsche an den Vorsitzenden des Ortsausschusses, Herrn 
Direktor Pastor Bernhard zu Kückenmühle, rechtzeitig richten. 


103 
Alle, welche sich für das Idioten- und Hilfsschulwesen interessieren, die 
Herren Juristen, Ärzte, Geistlichen, Pädagogen etc. werden zur Teilnahme an 
der Konferenz ergebenst eingeladen. 
Es wird gebeten, die Teilnahme dem Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn 
Erziehungs-Inspektor Piper, oder dem Vorsitzenden des Ortsausschusses, Herrn 
Direktor Pastor Bernhard vorher mitteilen zu wollen. 


Der Vorstand der X. Konferenz. 
Direktor Barthold-M.-Gladbach, Ehren-Vorsitzender. 
Erziehungs-Inspektor Piper-Dalldorf, Vorsitzender. 
Geheimer Medizinalrat Dr. Berkhan-Braunschweig. 
Schuldirektor Richter-Leipzig. 

Schulrat Weichert-Leschnitz. 


Der Ortsausschuas, 
Se. Exzellenz Freiberr v. Maltzahn-Gültz, Kais. Wirklicher Geh. Rat. 
Vorsitzender Direktor Pastor Bernhard. 
Landesrat Scheck-Stettin. 
Geh. Regierungs- und Schulrat Hauffe- Stettin. 
Oberarzt Dr. Schnitzer. 
Anstaltsvorsteher Pastor v. Lühmann. 
Vereinsgeistlicher Lic. theol. Thimm. 
Buchhändler Joh. Burmeister. 
Konsistorialrat Gräber. 
H. Leschke, Leiter der Schule für Schwachsinnige, Stettin. 
Praktischer Arzt Dr. Gaye. 
Kaufmann Schlegel. 


Die technische Ausbildung der 
schwachsinnigen Knaben in der Königl. Landesanstalt zu 
Grosshennersdorf und die Fürsorge für die Entlassenen. 

G. Nitzache. 

Die Königl. Sächsische Landes-Erziehungsanstalt für schwachsinnige Knaben 
wurde im Jahre 1846 zu Hubertusburg errichtet und 1889 nach Grosshenners- 
dorf verlegt. Ihre Aufgabe ist es, schwachsinnige Knaben zu erziehen und 
möglichst zur Erwerbsfähigkeit heranzubilden oder, wenn sie bildungsunfähig sind, 
ibnen angemessene Pflege zu gewähren. In dieser Zwecksbestimmung ist eine 
klare und deutliche Direktive für die Behandlung schwachsinniger Kinder über- 
haupt gegeben: Das schwachsinnige Kind soll nach seiner Erziehungsfähigkeit 
und nicht allein nach seiner Unterrichtsfähigkeit beurteilt und bebandelt werden; 
es soll eine durchaus aufs Praktische gerichtete Erziehung erhalten. Wir 
unterscheiden daher in der Anstalt neben den vollständig bildungsunfähigen 
Zöglingen die unterrichtsfähigen von den bloss erziehungsfähigen; die unterrichts- 
fähigen Zöglinge sollen das Schulziel, die Konfirmation, erreichen; die nur er- 
ziehungsfähigen werden mit Hilfe des Anschauungsunterrichts geistig zu fördern 
und vor allem an nützliche Tätigkeit zu gewöhnen gesucht. Alle Bildungs- 
fähigen sollen eben möglichst zur Erwerbsfähigkeit erzogen werden. Die Er- 


104 


reichung dieses Zieles wird für die im Schulalter stehenden Zöglinge durch 
Anleitung zur Verrichtung gewisser Arbeiten im Haus und Garten und insbesondere 
durch den Handfertigkeitsunterricht angebahnt, der einerseits die Vorstufe für 
die gewerbliche Ausbildung, wie überhaupt für die Erziehung zur eigentlichen 
Arbeit bildet und andererseits dem Schulunterrichte die anschauliche Ausgestaltung 
verleiht. Für die über dem Schulalter stehenden erziehungsfähigen Zöglinge 
bestehen z. Z. 7 Arbeitsabteilungen, nämlich für landwirtschaftliche Arbeiten, 
Gartenarbeiten, Küchen- und Hausarbeiten, Korbmacherei, Rohrweberei, Rohr- 
stuhlbeziehen und Flechtarbeiten. 

Die technische Ausbildung der Zöglinge nimmt ihren Anfang in der vier- 
klassigen Vorschule, wo der methodisch geordnete Handfertigkeitsunterricht 
in den Dienst des ersten Unterrichts gestellt ist; denn das ABC der Kenntnisse 
wird auf dieser Stufe durch das der Fertigkeiten, das das wichtigste ist, ge- 
wonnen; nur das Selbsttun, das eigene Darstellen fördert Körper und Geist und 
legt den Grund zur künftigen Arbeitsamkeit; zum Arbeitenwollen und Arbeiten- 
können führt allein frühzeitige Gewöhnung an Arbeit. Die erziehliche Be- 
deutung der Arbeit fällt besonders bei der körperlichen und geistigen Entwickelung 
des Vorschulkindes in die Augen. Der Körper wird aufs günstigste beeinflusst, 
die Sinnestätigkeit wird angeregt und arbeitet nutzbringend, der Tätigkeitstrieb 
wird geweckt und in richtige Bahnen gelenkt, die Geschicklichkeit bildet sich, 
Verstand und Selbstvertrauen treten in Erscheinung und auch das Gemüt geht 
dabei nicht leer aus. Arbeit macht das Leben süss; das fühlt das Vorschulkind; 
die von ihm hergestellte einfachste Arbeit, der Gedanke, dass e3 etwas verrichten 
und zur Freude anderer etwas leisten kann, lässt es selbst nicht ohne Freude. 
In der Vorschule muss die Lust zur Arbeit sch einstellen; bleibt sie aus, so ist 
es um die ganze Entwickelung des Kindes traurig bestellt. Der Handfertigkeits- 
unterricht, diese Gymnastik des Körpers und Geistes, kann auf der Unterstufe*) 
nur mit den allereinfachsten, der kindlicheu Leistungsfähigkeit und Regsamkeit 
entsprechenden Beschäftigungen einsetzen; sie sind zum teil den Fröbelschen 
Arbeiten entnommen. Mit dem Kettenreihen, dem Anreihen von langen farbigen 
Glasperlen an einen Faden, wird begonnen. Das geistig tiefstehende Kind greift 
mit Vorliebe nach der glänzenden Perle, an der nicht nur sein Greifen und seine 
Handgeschicklichkeit sich bilden, sondern auch Zahl, Farbe und Form sich seinem 
Geiste einprägen soll. Oft ist es gerade das Perlenreihen, das den Tätigkeits- 
trieb anregt und fesselt und damit den Grund zu einer weiteren gedeihlichen 
Entwickelung legt. Neben dieser Beschäftigung werden auf der Unterstufe das 
Tonformen, sowie das Flechten nach Fröbel (Lederfiechtblatt) und das Flechten 
des dreiteiligen Tuchleistenzopfes, einer Vorübung für das Schilf- und Strohzopf- 
flechten zu Fussabstreichern, betrieben. Dass ausser diesen Unterrichtsarbeiten 
noch genügende Übungen im Selbstbedienen (wöchentlich 6 Stunden) und ge- 
legentliche Anleitungen zu häuslichen Arbeiten, wie Hilfeleisten beim Tisch- 
decken, Reinigen des Zimmers u. s. w. vorgenommen werden, ist selbstverständlich. 


*) Siehe Jahrgang 1898 Nr. 4--8 dieser Zeitschrift: Aus der Praxis der Vorschule. 


105 


Auf den folgenden Vorschulstufen treten zu den bereits genannten Be- 
schäftigungen noch das Stäbchenlegen, das Flechten im Papierflechtblatte, das 
Ausnähen und das Schilfzopfflechten. 

Nicht alle erziehungsfähigen Vorschüler werden schulunterrichtsfähig; bei 
manchem tritt bald ein vollständiger Stillstand in der geistigen Entwickelung 
ein. Solche Zöglinge werden, wenn ihr Alter und ihre körperliche Entwickelung 
noch nicht ihre Überweisung an die eigentlichen Arbeiterabteilungen gestatten, 
in sogenannten Abschiebeklassen (2) vereinigt, wo sie zwar einigen Unterricht 
(Anschauungsunterricht, Turnen und Gesang) erhalten, hauptsächlich aber doch 
für die eigentliche Arbeit vorbereitet werden. Sie werden mit Zopf- und Decken- 
flechten, mit Sortieren von Sämereien, mit Nähen, (Annähen von Knöpfen, An- 
fertigen einer Naht, Einsetzen eines Fleckes) als Übung im Selbstbedienen, mit 
Garten- und Hausarbeit, mit Späneschnitzen und Rohrstuhlbeziehen beschäftigt. 
In nächster Zeit soll der Handfertigkeitsunterricht noch durch den Betrieb der 
Bürstenbinderei — und zwar zunächst nur durch Herstellen von Scheuerbürsten — 
erweitert werden. Nach dem jeweiligen Standpunkte der einzelnen Abschiebe- 
klasse ist mitunter auch die Fortsetzung der einen oder anderen Vorschul- 
beschäftigung geboten. 

In der sechsklassigen Schule werden die Zöglinge in Ausnäharbeiten 
(Unterklasse), Näharbeiten (als Teil des Selbstbedienens), Netzstricken, Flechten 
von Fussabstreichern aus Schilf-, Stroh- oder Rohrzöpfen, Holz- und Papparbeiten, 
Rohrstuhlbeziehen und den Anfängen der Korbmacherei unterwiesen; während 
der schulfreien Zeit bietet Haus, Garten und Feld noch genügende Gelegenheit 
für die Erziehung zur Arbeit; an der Kartoffelernte z. B. beteiligten sich äusserst 
rege sämtliche ‚Schüler und eine grössere Anzahl Vorschüler. Die Schüler zur 
Kunst des Arbeitens, der wichtigsten aller Künste, zu erziehen, ist auch der 
eigentliche Unterricht bestrebt, der den Handfertigkeitsunterricht in den Dienst 
der Veranschaulichung, des Erwerbs und der Befestigung der Kenntnisse stellt 
und dem Darstellungsprinzipe die weitgebendste Beachtung zu teil werden lässt, 
Nur stete Gewöhnung an Arbeit kann die Lust zur Arbeit wecken, d. h. aber 
- nicht, dass wir anhaltend ein. und dieselbe Arbeit im Schulalter treiben lassen; 
das ewige Einerlei würde ermüden und bei den schwachen Geistern das Gegen- 
teil von dem erzeugen, was wir erreichen wollen. Abwechselung ergötzt das 
Kind und hält es frisch in der Arbeit. Der Handfertigkeitsunterricht ist 
Klassenunterricht und liegt zwischen den eigentlichen Unterrichtsstunden, er 
wird meist einständig erteilt; in den beiden Oberklassen werden einige Be- 
schäftigungen, wie Holz- und Papparbeiten, Rohrstuhlbeziehen mit Korbmacherei 
und das Deckenflechten je 2 Stunden hintereinander betrieben. Die Gewöhnung 
an anhaltende praktische Arbeit kann nicht von der Schule gefordert werden, 
sie bildet die Aufgabe der eigentlichen Arbeitsabteilungen, in die der Schüler 
nach der Entlassung aus der Schulklasse, nach seiner Konfirmation, eintritt. 

Den Schwachsinnigen nach seiner Entlassung aus der Schule auch aus der 
Anstalt zu entlassen und seine weitere Ausbildung einem Lehrmeister oder 
Dienstherrn zu überlassen, bringt zumeist keinen Nutzen. Die nunmehr von 


106 

der Anstalt länger als 50 Jahre geübte Fürsorge an den Entlassenen hat früher 
oft gezeigt, wie solche mit guter Erwartung entlassene Zöglinge, die ihrer Be- 
fähigung nach mögliche Ausbildung in Mangel entsprechend vorsorglicher Leitung 
und Überwachung draussen nicht erhielten, geistig verkümmerten und bald wieder 
Objekte der Anstaltspflege wurden. Die Wahl von geeigneten Lebrmeistern für 
zu entlassende Zöglinge ist äusserst schwierig und vielfach erfolglos. Es ist 
kein Wunder, wenn die Eltern des Schwachsinnigen sich zu einem öfteren 
Wechsel des Meisters oder der Arbeitsstelle veranlasst sehen, und es ist andrer- 
seits dem Meister nicht zu verübeln, wenn er die Geduld verliert; sein schwach- 
sinniger Lehrling macht im Vergleich mit dem vollsinnigen meist nur langsame 
Fortschritte, verbraucht eine Menge Arbeitsmalerial und schadet dadurch dem 
Meister mehr, als dass er nützt; dazu kommt das dem Meister oft ganz unver- 
ständliche Verhalten seines Lehrlings. Selbst die vom Königlichen Ministerium 
des Innern ausgesetzte Prämie (150 Mk.) für die Ausbildung eines Schwach- 
sinnigen zu einem nützlichen Gewerbe, deren Auszahlung nach beendigter Lehre 
erfolgen soll (Verordnung vom 3. November 1865), lockt heutzutage bei dem 
grossen Angebot von Arbeitskräften keinen Meister; sie wurde in früheren Jahren 
auch nur in vereinzelten Fällen erlangt. Der Schwachsinnige im Alter von 
15 Jahren kann im Leben den an ihn gestellten Anforderungen selten genügen, 
er bedarf gerade in diesem Alter noch sachverständiger Erziehung, die ihm über 
die Krise der Pubertät — über die Flegeljahre — hinweghilft und ihn festigt 
für den Kampf ums Dasein. Seiner bisherigen Erziehungsstätte fällt diese Auf- 
gabe zu, und seit 1889 ist sie auch von hiesiger Anstalt übernommen worden. 
Der Zögling wird nicht mehr mit dem Austritte aus der Schule entlassen, sondern 
kann in der Anstalt verbleiben, bis er diejenige Ausbildung erlangt hat, zu der 
er verinöge seiner Beanlagung fähig ist bez. bis er nach seinem Alter oder seiner 
körperlichen Entwickelung der Anstalt entwachsen ist. Die Anstalt sucht ihre 
Autgabe an den Schulentlassenen zu lösen durch Erteilung eines Fortbildungs- 
schulunterrichts (2 Klassen) und durch die Erziehung zur Arbeit. Der Fort- 
bildungsschulunterricht ist unbedingt nötig; er soll das Gelernte auffrischen und 
den Erwachsenen möglichst vor einem Rückgange in der Entwickelung, der oft 
sehr bald und merklich in der Zeit der Geschlechtsreife eintritt, bewahren helfen. 

Unter den hier betriebenen Arbeiten befindet sich uur ein einziges Hand- 
werk, die Korbmacherei: Das könnte man als Nachteil bezeichnen, und es 
geschieht. vielleicht um so rascher, als andernorts Schwachsinnige mit Schmiederei, 
Tischlerei, Schuhmacherei, Schneiderei, Drechslerei beschäftigt werden sollen. Wir 
haben nun früher Versuche mit Tischlerei, Schneiderei und Schuhmacherei ge- 
macht, haben aber diese Handwerke als ungeeignet für unsere Schwachsinnigen 
fallen lassen müssen, weil kein Zögling über die nötige geistige und technische 
Gewandtheit, die gerade ihr Betrieb erfordert, verlügt; in keinem dieser Hand- 
werke würde es ein solcher Schwachsinniger, wie hiesige Anstalt sie zu erziehen 
hat, zu einer gewissen Selbständigkeit bringen; er würde mit Mühe und Not ein 
schlechter Schneider- oder Schuhmachergesell werden, der im Leben nicht zu 
gebrauchen sein und damit auf die Landstrasse geworfen werden würde. Die 


107 


Korbmacherei ist offenbar das für Schwachsinnige geeignetste Handwerk. Nun 
will hiesige Anstalt nicht, dass ihre in diesem Handwerke erzogenen Zöglinge 
durchaus als Korbmacher in die Welt hinausgehen; nein, wir betrachten die 
Korbmacherei als ein Erziehungsmittel; der ausgebildete Korbmacher kann 
draussen bei seiner technischen Fertigkeit auch einen brauchbaren Fabrikarbeiter 
oder landwirtschaftlichen Arbeiter abgeben und als solcher, wie die Erfahrung 
lehrt, sein Fortkommen gut finder. 

Die Zuteilung eines aus der Schule zu entlassenden Zöglings zu einer 
Arbeitsabteilung geschieht nach Gehör des Arztes und des Lehrerkollegiums; 
bierbei findet die körperliche Beschaffenheit, die technische Geschicklichkeit, die 
ganze Individualität des Zöglings und ev. der Heimatsort, wohin der Zögling 
nach seiner Entlassung zurückkehrt, gebührende Berücksichtigung. Technisch 
gut begabte Zöglinge, Stadtkinder und solche Schwachsinnige, die man Imbezille 
nennt, werden den Werkstätten zugewiesen und mit Robrweberei, Stuhlflechterei 
oder Korbmacherei beschäftigt. Imbezille eignen sich nach den hiesigen Er- 
fahrungen während der ersten Jahre ihrer männlichen Entwickelung nicht be- 
sonders für Landwirtschaft oder Gärtnerei. Bei Beschäftigung im Freien tritt 
bei diesen Unfügsamen sehr bald die Unstetigkeit und die Neigung zum Unge- 
horsam in Erscheinung; sie sind meist unbeständig bei der Arbeit und äussern 
öfter den Wunsch nach Wechsel der Beschäftigung. Bei manchen Imbezillen, 
gewöhnlich solchen, die schon als Kinder an häufigen Stimmungsschwankungen 
gelitten, stellt sich mitunter ein unbesiegbarer Widerwille gegen alle Arbeit ein. 
Die Zeit der Geschlechtsentwickelung lässt eben Kinderfehler zuweilen in ge- 
steigertem Maße hervortreten und bringt auch auffällige Veränderungen im ganzen 
Charakter bei Einzelnen hervor. In der Werkstätte findet der Imbezille durch 
die unmittelbare Beaufsichtigung und Anregung, sowie schon durch die Abge- 
schlossenheit des Raumes den geeigneten Ort seiner Erziehung; die Werkstätte 
hat bessere Erfolge in der Ausbildung Imbeziller als die Arbeit im Freien. Im- 
bezille müssen unter fortwährender Aufsicht stehen und mit Festigkeit und 
Güte geleitet werden; auf ihre Wünsche nach Beschäftigungswechsel darf man 
nicht eingehen, wenn nicht ihre ganze Erziehung gefährdet werden soll. 

In hiesiger Korbmacherei werden alle Sorten Körbe aus grünen und weissen 
Weiden, mitunter auch Gestellarbeiten, sowie Bienenkörbe aus Stroh gefertigt. 
Die Arbeitszeit ist für die Korbmacher wie für alle Arbeitsabteilungen dieselbe, 
sie währt vormittags von 7—'/,12 Uhr mit halbstündiger Frühstückspause und 
nachmittags von 1—6 Uhr mit halbstündiger Vesperpause; nur die erste Klasse 
der Feldarbeiter arbeitet im Sommer 1— 2 Stunden länger. In der Korbmacherei 
werden 16 Zöglinge im Alter von 14—19 Jahren unterwiesen; sie lieferten im 
vergangenen Jahre für 3120 Mk. Waren. 

Beim Rohrstublbeziehen ist man leider auf die unzureichenden Arbeitsauf- 
träge aus hiesigem Orte und der nächsten Umgebung angewiesen. Stuhlbauereien 
gibt es in hiesiger Gegend nicht. Diese Beschäftigung erlernen fast alle Schüler 
der ersten 3 Schulklassen; sie verwerten ihre Kunst gern im Elternhause während 
der Ferienzeit. Mit Rohratuhlbeziehen und mit Flechten von Fussabstreichern 


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werden technisch nicht besonders begabte Imbezille und auch gelähmte Schwach- 
sinnige beschäftigt. Aus dieser Abteilung können manchmal Zöglinge in die 
Korbmacherei versetzt werden. 

Die Rohrweberei ist eine Beschäftigung für ganz ungeschickte, bez. für 
bildungsunfäbige Zöglinge; sie ist eine für Asvle geeignete Arbeit. Das Gewebe, 
das aus Teichrohr und Draht auf einem Webstuhle hergestellt wird, dient zur 
Berohrung von Zimmerdecken; an einem Webstuhle können 4 Zöglinge arbeiten. 
Der Verdienst ist äusserst gering; diese Beschäftigung wirkt aber auf die Arbeiter, 
für die es sonst nichts zur Betätigung gibt, disziplinierend ein. 

Schulentlassene mit äusserst mangelhafter technischer Beanlagung und körper- 
licher Schwäche werden der Abteilung für Küchen- und Hausarbeiten zuge- 
ordnet; sie schälen Kartoffeln, putzen Gemüse zu, tragen Feuerungsmaterial herbei, 
bringen Holz und Kohlen in die Schuppen, sind beim Reinigen des Speisegeschirrs 
behilflich, decken die Tafeln im Speisesaal, halten Haus, Hof und Gartenwege in 
Ordnung und erlernen dabei den Umgang mit Besen, Schaufel und Schubkarren. 
lie Geförderten treten später in die untere Abteilung für landwirtschaftliche 
Arbeiten über. 

In der Gemüsegärtnerei (50 a gross) wird eine Abteilung (12—15 Zög- 
linge) beschäftigt. Diese Zöglinge sind ihren Leistungen nach in 3 Arbeitsklassen 
geteilt. Diese Einteilung hat sich bewährt; bei dem einzelnen Werkstätten- 
arbeiter gibt der Geldwert der monatlich gefertigten Waren, bei dem Garten- 
und landwirtschaftlichen Arbeiter die Zugehörigkeit zur Arbeitsklasse eine Unterlage 
für die Beurteilung seiner Leistungsfähigkeit. 

Die Klassen der Gartenarbeiter sind folgende: 

a) Unterklasse: 1. Unterscheiden des Handwerkszeugs, der Gerätschaften. 2. Boten- 
günge. 3. Steine zu lesen. 4. Erde und Dünger im Schubkarren zu fahren. 5. Wasser 
zu pumpen und zuzutragen. 6. Möhren und Sellerie abzuschneiden. 7. Fallobst 
aufzulesen. 8. Wege und Gemüsebeete (Salat, Zwiebeln) zu jäten. 9. Holz zu sägen. 
10. Den Hof zu kehren. 11. Beantwortung von Fragen: Was wächst auf jedem 
Beete? Was kommt sofort auf den Tisch, was in den Keller? u. s. w. 

b) Mittelklasse: 12. Umgraben. 13. Gemüsebeete (Möhren und Pertersilie) zu 
jäten. 14. Gemüsebeete zu giessen. 15. Raupen abzulesen. 16. Gemüse zu jauchen. 
17. Sellerie, Möhren und Zwiebeln einzuernten. 18. Erde durchzuwerfen. 19. Kompost- 
haufen umzusetzen. 20. Gartengräben zu reinigen. 21.Zwiebeln auszulesen. 22. Stachel- 
beeren einzuernten. 23, Dünger in Haufen zusammenzusetzen. 24. Beete auf. 
zuwerfen. 25. Sämereien auszulesen. 26. Gemüse auszulesen. 27. Holz zu hacken. 
28. Beantwortung von Fragen: Was wuchs voriges Jahr hier? Welche Gemüse 
werden zuerst gepflanzt? Welche bleiben den Winter über stehen? Was für 
Dünger? u. s. w. 

c) Oberklasse: 29. Zwiebeln zu stecken, Bohnen zu legen. 80. Pflanzen. 
31. Abpflücken von Bohnen, Schoten, Erdbeeren. 32. Abschneiden von Spinat, 
Mangold, Petersilie. 33. Beaufsichtigen andrer Zöglinge bei verschiedenen Arbeiten. 
834. Anhacken der Gemüsearten. 35. Ein Stück Land abzurechen und in Beete 
einzuteilen, die Beete abzutreten. 86. Fertiger Umgang mit Spaten und Rechen. 


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37. Gemüse- und Blumenbeete anzuhacken. 88. Arbeiten im Frühbeet und Ge- 
wächshaus. 39. Obstbäume abzukratzen und mit Kalk zu bestreichen. 40. Unter- 
scheiden der Gemüsesamen. 41. Gemüse einzukellern. 42. Stangen und Rosen- 
pfähle zu schälen. 43. Blumenstäbe und Etiketten zu schnitzen. 44. Ein Pflanz- 
holz zu schnitzen. 45. Rechen auszubessern. 


Die Haupttätigkeit ist dem Ackerbau gewidmet. Die zur Anstalt gehörige 
Ökonomie umfasst 22 ha; in ihr werden 2 Zöglingsabteilungen (je 12—15 Zög- 
linge) beschäftigt; auch für diese Arbeiter sind 3 Klassen aufgestellt. 


a) Unterklasse: 1. Unterscheiden der Geräte. 2. Botengänge. 3. Holzsägen. 
4. Schaufeln und Abfahren von Erde; Erde durchzuwerfen. 5. Erdhaufen umzu- 
setzen. 6. Steine zu lesen. 7. Häckselmaschine in Gang zu setzen. 8. Kartoffeln zu 
legen. 9. Kartoffeln und Rüben zu jäten. 10. Gemiähtes Gras breit zu werfen. 
1l. Heu zu wenden, zusammenzurechen und in Haufen zu setzen. 12. Zusammen- 
tragen des gebundenen Getreides zum Aufstellen. 13. Ausmachen und Aufladen 
von Kartoffeln und Rüben. 14. Beim Aufschichten des Getreides in der Scheune 
Hilfe zu leisten. 15. Auslesen von Kartoffeln, Hafer. 16. Kehren des Hofes. 
17. Beantwortung von Fragen wie: Was wird auf unsern Feldern gebaut? In 
welchem Monate war die Heu- und Grummeternte, die Getreideernte? u. 8. w. 


b) Mittelklasse: 18. Hacken und Aufschichten des Holzes. 19. Legen von 
Rübenkörnern. 20. Ziehen und Pflanzen der Rübenpflanzen. 21. Anhacken der 
Rüben und Kartoffeln. 22. Abraffen beim Getreidemähen. 23. Hafer zu wenden. 24. Ein- 
binden des Getreides, des Strohes. 25. Einrechen der Wasserfurchen. 26. Abschneiden 
von Rübenblättern. 27. Dreschen mit dem Flegel, Getreide reinigen. 28. Anfertigen 
von Strohseilen. 29. Einfeimen von Kartoffeln und Rüben. 30. Aufladen von 
Dünger, Breiten desselben. 31. Reinigen der Wiesen. 832. Stallarbeiten. 88. Be- 
antwortung der Fragen wie: Wieviel Felder, wieviel Wiesen besitzt die Anstalt? 
Wer sind unsere Nachbarn? Wozu sind die Grenzsteine da? Was wird dieses Jahr 
auf dem 1. 2. 3. etc. Felde gebaut? u. s. w. 


c) Oberklasse: 34. Mühen von Gras und Getreide. 35. Kalk und Dünger zu 
streuen. 36. Auf- und Abladen von Heu und Getreide. 37. Beaufsichtigen einiger 
Zöglinge bei weniger wichtigen Arbeiten z. B. beim Umarbeiten von Erdhaufen. 
38. Jauche zu pumpen. 39. Führen des Ochsengespanns: Fahren, Eggen, Pflügen. 
40. Stallarbeiten. 41. Ein Stück Handwerkszeug auszubessern. 42. Fragen, wie: 
Welches ist die Fruchtfolge bei den Innenschlägen, bei den Aussenschlägen? u. s. w. 


Die Unterweisung in allen Arbeiten (Korbmacherei, Gärtnerei u. s. w.) ge- 
schieht durch geschulte Pfleger, bei den kleinen Knaben in der Schule und Vor- 
schule durch Pflegerinnen (Kindergärtnerinnen) bez. Lehrer; jeder Zöglings- 
abteilung (12—15 Knaben) steht ein Pfleger oder eine l’flegerin vor. 


Die Ertolge der technischen Ausbildung sind natürlicherweise sehr ver- 
schieden und entsprechen nicht immer den bei der Schulentlassung gehegten 
Erwartungen; 30 Prozent der Erziehungsfähigen erreichen die volle Erwerbs- 
fähigkeit. Gewöhnlich verlässt der Zögling in seinem 18.—20. Lebeusjahre die 
Anstalt, nachdem er an nutzbringende Tätigkeit gewöhnt worden. Mit der 


110 


Entlassung hört aber der Einfluss der Anstalt nicht auf, die Entlassenen-Fürsorge 
nimmt sich ihrer Pflegebefohlenen zeitlebens an. 

In geeigneten Fällen geht der Entlassung eine Beurlaubung voraus, um 
zu prüfen, ob die in der Anstalt erzielten Ergebnisse der Erziehung und Aus- 
bildung sich auch ausserhalb der Anstalt bewähren. Für den Zögling, seine 
Angehörigen und seinen gesetzlichen Vertreter ist die Entschliessung der Anstalts- 
direktion über das Urlaubsunterkommen maßgebend. Dieses Unterkommen wird 
in der Nähe der Anstalt, wenn möglich im hiesigen Orte beschafft. An Nach- 
frage nach arbeitstüchtigen Zöglingen ist kein Mangel, besonders seitens der 
Landwirte. Aber nur anerkannt ordentliche Leute und kleine Betriebe, wo der 
Arbeitgeber selbst mit arbeitet, können bei Unterbringung zu beurlaubender oder 
zu entlassender Zöglinge in Frage kommen; grosse Arbeitsbetriebe mit vielen 
fremden Arbeitern sind die ungeeignetsten Arbeitsstätten für junge Schwach- 
sinnige. Ist das geeignete Urlaubsunterkommen ausgemittelt, so wird mit dem 
Dienst- oder Arbeitsherrn von der Anstalt ein Vertrag abgeschlossen. Darin ist 
unter anderem dem Arbeitgeber sorgfältigste Behandlung und Überwachung des 
Zöglings, ferner halbjährige Einreichung eines Zeugnisses über sein Verhalten, 
bei besonderen Vorkommnissen oder grober Ungebührlichkeit des Zöglings sofortige 
Meldung und für den Fall der Entlassung vorgängige Vernehmung mit der 
Anstalt zur Pflicht gemacht. Auch über den Arbeitsverdienst des Zöglings wird 
im Vertrage Bestimmung getroffen und hierbei auf Ablieferung von Ersparnissen 
an die Anstalt, in eine Gemeindesparkasse der Umgegend oder an die von der 
Anstalt bestellte Vertrauensperson Bedacht genommen. Wird der Zögling zu 
seinen Angehörigen oder Verwandten beurlaubt, so wird von Abschluss eines 
förmlicher Vertrages abgesehen. Um namentlich auf dem Lande und in kleineren 
Städten geeignete Arbeitsunterkommen auszumitteln, wird fortgesetzt mit Geist- 
lichen, Lehrern, Gemeindebehörden u. s. w. Vernehmung gepflogen. Bei der Be- 
urlaubung erhält der Zögling, sofern nicht mit Genehmigung der Anstaltsdirektion 
von den Angehörigen die nötige Ausstattung beschafft wird, zwei vollständige 
Anzüge und dreifache Leibwäsche, sowie das etwa erforderliche Handwerkszeug. 
Die hierdurch erwachsenen Kosten sind vom Zablungspflichtigen zu tragen oder 
werden auch ganz oder teilweise aus der Unterstützungskasse für beurlaubte 
und entlassene Zöglinge bestritten. Die Urlaubszeit währt in der Regel 2 Jahre, 
kann aber auch nachträglich verlängert oder abgekürzt werden. Treten während 
des Urlaubs Umstände ein, die die Fortsetzung ausschliessen oder bedenklich 
machen, so wird der Beurlaubte in die Anstalt zurückgenommen. Die Beur- 
laubten gehören noch zum Personalbestande der Anstalt und bleiben der Über- 
wachung und der Disziplin der Anstalt unterstellt und werden mindestens einmal 
im Jahre vom Anustaltsvorstande oder einem von ihm dazu beauftragten Anstalts- 
lehrer besucht. 

Dieses Benrlaubungssystem hat sich sehr gut bewährt; die Beurlaubten 
waobsen unter den Augen der Anstalt in das Leben hinein, erringen sich ein 
Zeugnis über ihre Tüchtigkeit und finden mit dessen und der Anstalt Hilfe 
später in ihrer Heimat ihr Fortkommen. Schluss in nächster Nr. 





111 


Gewinnung dauernder Unterrichtsergebnisse in Hilfs- 
schulen und Erziehungsanstalten für schwachbetähigte 
Kinder. 


Von Alwin Schenk, Breslau. 


Eine herzliche Bitte an die Teilnehmer der in Stettin im September 
d J. stattfindenden XI. Konferenz für dasIdioten- und Hilfsschulwesen. 


Das Programm der bevorstehenden Konferenz weist auch obiges Thema 
als Beratungsgegenstand auf, dessen Bearbeitung ich zugesagt habe. Es ist 
bei Lehrerversammlungen üblich, die Leitsätze, die sich aus dem Vortrage er- 
geben, schon längere Zeit vor den Versammlungen bekannt zu machen, damit 
eine vorher.ge Stellungnahme in kleineren beteiligten Kreisen möglich ist. So 
überaus nützlich auch diese Maßregel ist, ich muss doch von ihr in gewissem 
Sinne abweichen. Nicht Leitsätze möchte ich bieten, sondern nur den Zweck 
meines Vertrages bezeichnen und im Anschluss hieran eine herzliche Bitte 
aussprechen. 

Den Zweck meines Vortrages will ich im Anschluss an ein Beispiel zeigen. 
Die Erfahrungen, die wir in Hilfsschulen und Erziehungsanstalten sammeln 
können, lehren uns täglich, dass wir viele Dinge, die bei normalen Kindern 
sich von selbst finden, erst durch besondere Be!ehrungen und mühsame Übungen 
den schwachbefähigten Kindern beibringen können. Beispielsweise sind geistig 
normale Kinder schon bei ihrem Eintritte in die Schule vielfach im stande, die 
Uhr zu bestimmen, während viele unserer schwachbefähigten Zöglinge dies 
ohne Mithilfe der Schule überhaupt nicht erlernen. Dieser Erfahrung trägt 
man in den genannten Lehranstalten Rechnung, indem man meist bewegliche 
Zifferblätter, wie ich sie an vielen Orten gefunden habe, in Gebrauch nimmt. 
In den Breslauer Hilfsschulen benutzen wir ebenfalls solche Zifferblätter, an 
denen den Kindern in anschaulicher Weise das Bestimmen der Zeit erklärt 
werden kann. Wie steht es aber mit dem Einüben und Wiederholen des Ge- 
fundenen, was ja bei unsern zurückgebliebenen Schül-rn von der allergrössten 
Wichtigkeit ist? Wer in allen wichtigen Fächern stets mehrere Abteilungen 
gleichzeitig zu unterrichten hat, der glaubt die für das Üben erforderliche Zeit 
nicht immer erübrigen zu können. Die Folge davon ist die, dass es zu einer 
vollkommenen Sicherheit nicht kommen will. 

Bei meinem letzten Besuche der Leipziger Hilfsschule sah ich in allen 
Klassen Wanduhren aufgehängt. Dem Beispiele der Leipziger Hilfsschule sind 
wir auch in Breslau nachgefolgt und verwenden — wenigstens auf der Ober- 
stufe — die Wanduhr als Lehrmittel Mit Hilfe der beweglichen Zifferblätter 
lernen die Kinder die Uhr kennen; das Üben erfolgt an der Wanduhr. Durch 
ihr Ticken und regelmäßiges Schlagen mahnt sich diesel'e eine gewisse Be- 
achtung von selbst ein. Es bedarf täglich nur wenige Augenblicke, um die 
Kinder zu einer unbedingten Sicherheit zu führen, so dass man, wenn sich die 
Übungen auf Jahre ausdehnen, von dauernden Unterrichtsergebnissen hier 
sprechen kann. Das Hilfsmittel, das zu diesem Resultate führte, ist so ein- 


112 


facher Art, dass man sich fragt, warum wendet man die Uhr nicht allgemein 
als Lehrmittel an. Der Grund ist wohl darin zu finden, dass die Lehrer immer 
mit den Hilfsmitteln auszukommen bestrebt sind, die ihnen aus ihrer ganzen 
Vorbildungszeit geläufig geworden sind. Dass diese aber nicht ausreichend sind, 
beweist das genannte Beispiel. Ich behaupte nun, die praktische Tätigkeit in 
Hilfsschulen und Erziehungsanstalten hat eine grosse Zahl solcher besonderer 
Lehrmittel, besonderer Behandlungsweisen, besonderer Kunstgriffe und besonders 
geeigneter Lehrbücher geschaffen. Der Zweck meines Vortrages soll sein, auf 
diese Tatsachen hinzuweisen und zu einer Unterredung, die hoffentlich recht 
viele brauchbare Hilfsmittel für Gewinnung dauernder Unterrichtsergebnisse 
zeitigen möchte, anzuregen. 

Darum geht meine herzliche und dringende Bitte dahin, dass in allen 
Kollegien der Hilfsschulen und Erziehungsanstalten vor der Stettiner Versammlung 
eingehend die Frage erörtert werden möchte: 

Welche besonderen Hilfsmittel u. s. w., die zu dauernden Unterrichts- 
ergebnissen führen können, haben sich als bewährt und empfehlenswert 
gezeigt ? 

Es sollen einmal nicht die grossen Gesichtspunkte ausgesprochen werden; 
vielmehr sollen scheinbar geringfügige Unterrichtsergebnisse zum Gegenstande 
unserer Besprechungen gemacht werden. Ich gebe mich aber der Hoffnung 
hin, dass wir auch dadurch unsern Schwachbefähigten einen wirklichen Dienst 
erweisen können. Besonders wertvoll dürften die Erörterungen werden, wenn 
wir auch Gegenstände, wie Rechnen, orth. Belehrungen, die auch den Volksschul- 
kindern oft unsagbare Mühen bereiten, mit in den Kreis unserer Erörterungen 
hineinziehen könnten, sodass die Stettiner Versammlung auch für weitere Kreise 
von Interesse werden dürfte. 

Wenn jede Schule und jede Anstalt auch nur je eine kleine Erleichterung 
zu bieten vermöchte, so würden wir schon für unsere geistesschwachen Zöglinge 
eine ganz hübsche Summe vortrefflicher Unterrichts- und Erziehungsmaßregeln 
zusammen bringen, durch die wir unsere Zöglinge nicht nur wesentlich fördern, 
sondern dnrch die wir ihnen auch ihre Schul- und Lebensarbeit erleichtern 
können. Nicht der Vortrag kann und soll hier die Hauptsache sein, sondern 
der Austausch der Meinungen, an dem sich recht zahlreiche Mitarbeiter auf 
dem Gebiete der Schwachsinnigenerziehung beteiligen möchten. 


Mitteilungen. 


Berlin. (Erziehungs- und Fürsorgeverein für geistig zurückge- 
bliebene [schwachsinnige] Kinder). Der in dieser Zeitschrift wiederholt er- 
wähnte Erziehungs- und Fürsorgeverein vollendete im März das 1. Jahr 
seines Bestehens. Obgleich dieser Zeitraum noch kein besonders grosser genannt 
werden kann, so muss dem jungen Verein doch das Zeugnis gegeben werden, dass 
sein bisheriges Wirken ein sehr segensreiches war. Vor allem ist durch ihn das 


113 


Interesse für das Wohl der schwachsinnigen Schulkinder in breite Schichten der 
Berliner Bevölkerung getragen worden. Wie dem jetzt zur Ausgabe gelangten 
Jahresberichte des Vorstandes zu entnehmen ist, hat dieses Interesse bereits eine 
segensreiche Wirkung auf die Entwicklung des Berliner Hilfsschulwesens ausgeübt. 
Die Gründung des Vereins kam einem allgemein empfundenen Bedürfnisse entgegen; 
denn als Zweck schwebte dem Verein vor, Interesse und Verständnis für die Aus- 
bildung und Erziehung der geistig zurückgebliebenen Kinder zu wecken und zu 
beleben und an der geistigen, leiblichen, sittlichen und wirtschaftlichen Förderung 
dieser Minderjährigen mitzuwirken. Diesen Zweck zu erreichen, haben sich zahl- 
reiche Volkswohltäter, Erzieher und Ärzte, Glieder aller Stände und Berufe von 
Herzen angelegen sein lassen. In mehreren Sitzungen haben der Verein und seine 
Kommissionen die theoretische Seite des Zweckes erörtert. Es wurden Vorträge 
gehalten über das Programm des Vereins, die Organisation der Hilfsschule, 
die nächsten Ziele der Hilfsschulpädagogik, den Religionsunterricht in 
der Hilfsschule und die Zwecke einer sozialen Kommission mit Schulaus- 
schüssen; es wurde ferner eine Fachbibliothek gegründet, die neueste Hilfsschul- 
literatur besprochen und die Zehlendorfer Erziehungsanstalt „Am Urban“ und die 
Idiotenanstalt zu Dalldorf besichtigt. Gleichzeitig wurden durch Pfleger und Bei- 
räte die Kinder in der Not des Lebens beraten und die sozial-wirtschaftlichen 
Schwächen der betr. Familien zu heben versucht. Schulausschüsse haben z. B. an 
verschiedenen Stellen für Frühstücksspeisung und Weihnachtsbescherung 
der Kinder gesorgt und den abgehenden Schülern Erwerbs- und Lehrstellen 
vermittelt. Im Sommer 1904 wird die Einrichtung einer Ferienkolonie für 
ca. 80 geistig zurückgebliebene Kinder geplant. — Der Rechnungsabschluss des 
ersten Jahres ist ein sehr günstiger; er weist eine Mehreinnahme von ca 3700 Mk. 
auf. Vorsitzender des Vereins ist Herr Königl. Kreisschulinspektor Dr. von 
Gizycki (Berlin C. 22, Rosenthalerstrasse 67). Die Mitgliederzahl des Vereins 
ist auf ca. 500 gestiegen. Beitrittserklärungen nimmt der Schatzmeister Herr 
Alfred Böhm, Berlin SO., Köpenickerstrasse 74, entgegen. Möchte dem Verein 
eine segensreiche Weiterentwicklung beschieden sein! 


Wien. (Fürsorge für Schwachsinnige). Aın 27. März hielt der Verein 
„Fürsorge für Schwachsinnige in Österreich“ unter dem Vorsitze des Oberlehrers 
Schiner seine erste Konferenz ab. Auf derselben referierte Lehrer Bösbauer 
über „die Fürsorge für die schulpflichtigen Schwachsinnigen“. Seine Vor- 
schläge, welche insbesondere die Errichtung einer heilpädagog. Sektion im 
Unterrichtsministerium, Gründung eines staatlichen Instituts für Schwachsinnige 
und die Errichtung von Hilfsschulen betrafen, fanden allgemeine Zustimmung. 
Ebenso erhob die Konferenz einen Antrag, den Unterrichtszwang schwachsinniger 
Kinder betreffend, zum Beschluss. Pfarrer J. Müller besprach „Die Fürsorge für die aus 
den Schulen und Anstalten entlassenen Schwachsinnigen“ und Lehrer Hron 
verbreitete sich über die „Heranbildung von Lehrern für Schwachsinnige“, 


114 
Literatur. 


Die Behandlung der Schwachsinnigen in der Volksschule. Vortrag 
von Schuldirektor Dr. M. Heym in Netzschkau. Leipzig 1903. Verlag von 
Ernst Wunderlich. 20 Seiten. Preis 50 Pig. 

Die Ausführungen der kleinen Schrift nehmen eigentlich wenig Rücksicht auf 
die Fassung des Themas, der Verfasser verbreitet sich vielmehr über die Einrichtung 
der zweiklassigen Hilfsschule (für schwachbegabte Kinder) zu Netzschkau und gibt 
dabei wertvolle und praktische Winke und Vorschläge über die Organisation, den 
Lehrplan und die Unterrichtsmethode der Hilfsschulen. Er hat besonders die 
Hilfsschulen der mittleren und kleineren Städte im Auge, aus diesem Grunde 
erscheinen seine Darlegungen geeignet, die Fürsorge dieser Kreise für das wichtige 
soziale Werk an den schwachbegabteu Kindern zu beleben. Ausserdem zeichnet 
sich die Schrift durch ruhige und sachliche Behandlung des Gegenstandes vor- 
teilhaft aus, so dass wir sie unsern Lesern bestens empfehlen können. 

Die Geisteskrankheiten des Kindesalters mit besonderer Berücksich- 
tigung des schulpflichtigen Alters. 2. Heft. Von Dr. Ziehen. Berlin 1904. 
Verlag von Reuther & Reichard. 94 Seiten. Preis 2 Mk. 

Von Ziehen’s Arbeit über die Geisteskrankheiten des Kindesalters liegt nun 
das 2. Heft vor, welches hauptsächlich die Psychosen ohne Intelligenz- 
defekte behandelt. Wie wir dem 1. Hefte unsere Anerkennung zollen mussten, 
so können wir auch dem vorliegenden nur unsere besten Empfehlungen mit auf 
den Weg geben. Neben der klaren und übersichtlichen Anordnung des Stoffes ist 
besonders die treffende Darstellung, welche sich vorteilhaft einer genauen, knappen 
und gewandten Ausdrucksweise bedient, hervorzuheben. Die Symptomatik wird 
eingehend behandelt, die Beispiele sind sorgfältig ausgewählt und natürlich dar- 
gestellt, ebenso gut ist die psychologische Analyse gelungen und durchgeführt. 
Für die Behandlung werden vortreffliche Fingerzeige in medizinischer und päda- 
gogischer Beziehung entwickelt. Recht häufig finden wir Literaturangaben und 
kritische Beleuchtungen einschlägiger Schriften; einesteils wird dadurch eine 
grössere Übersicht des Gegenstandes erzielt, andernteils aber auch eine geeignete 
Ausscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen herbeigeführt. Alles in allem 
zeichnet sich die vorliegende Arbeit durch grosse Gediegenheit, Vollständigkeit und 
Klarheit aus, so wie wir es bei Ziehen stets gewohnt sind. Wir wünschen der 
so überaus gut angelegten Schrift, die auch eine treffliche Quelle der Belehrung 
für unser (Gebiet abgeben kann, grosse Verbreitung in den weitesten Kreisen, be- 
sonders in ärztlichen und pädagogischen. 

Geistestörung und Verbrechen im Kindesalter. Von Dr. Mönkemöller, 
Oberarzt an der Provinzial-Heil- und Pflege-Anstalt zu Osnabrück. Berlin 1903. 
Verlag von Reuther & Reichard. 108 Seiten. Preis 2,80 Mk. 

Das jugendliche Verbrechertum ist wohl schon des öftern Gegenstand fach- 
wissenschaftlicher Erörterungen geworden, dagegen hat es bisher an einer Dar- 
stellung, welche diesen Gegenstand von psychopatbologischen oder psychiatrischen 
Gesichtspunkten aus so gediegen wie die vorliegende Schrift behandelt hätte, noch 
gefehlt. Es ist darum das Erscheinen einer solchen Arbeit, an der auch wir ein 


1165 


ganz besonderes Interesse nebmen, mit Freuden zu begrüssen. Der Verfasser scheint 
über das ganze Gebiet der Jugendfürsorge vorzüglich orientiert zu sein und viel- 
seitige Erfahrungen zu besitzen. Er bietet uns eine grosse Menge von interessanten 
Beobachtungen mit sich anschliessenden Belehrungen aus eigenen Wahrnehmungen 
und aus der Literatur, so dass wir ein vollständiges Bild aller hierbei in Betracht 
kommenden Umstände und Verbältnisse erhalten. Der ziemlich umfangreiche Stoff 
ist durchweg übersichtlich und klar geordnet und sehr gut gegliedert. Einzelne 
Darstellungen, wie z. B. welche Psychosen des Kindesalters führen zum Verbrechen ? 
die einzelnen Verbrechen kindlicher Geisteskranken, die Behandlung vor Gericht etc. 
sind vorzüglich gelungen. Der Verfasser berührt auch unsere Bestrebungen auf 
dem Gebiete der Schwachsinnigenrettung und Schwachsinnigenfürsorge und weiss 
sie ri:htig zu bewerten; sein Urteil darüber ist sehr maßvoll und zutreffend. Wir 
wollen es hoffen, dass seine Schrift die Beachtung maßgebender Kreise findet, damit 
immer weitere und bessere Maßnahmen als bisher auf dem vielfach noch so ver- 
nachlässigten Gebiete der Kinderfürsorge geschaffen werden. Im übrigen hat die 
Schrift durchweg unsern Beifall gefunden, wir haben sie mit grossem Interesse 
gelesen und empfehlen sie angelegentlichst. 

Die Seele des Kindes nebst kurzem Grundriss der weiteren psychischen 
Evolution von Dr. J. A. Sikorsky, ord. Professor der Psychiatrie an der 
St. Wladimir- Universität in Kiew. Leipzig, Verlag von J. A. Barth, Preis 2.40 Mk. 

Diese Schrift behandelt eingehend die früheste Kindheit. Sie betrachtet das 
Kind in den ersten drei Monaten seines Lebens als ein anatomisch ganz und gar 
unfertiges Wesen, das erst sehen, hören, tasten u. s. w lernen muss. Aus diesem 
vegetativen Leben entwickelt sich in der Zeit vom 4 bis 10 Monate das erste 
geistige Leben. Diese Perioda ist die wichtigste; das Kind erwirbt die Grund- 
assozistionen. Anschliessend folgt die Periode des Sprechen- und Gehenlernens, 
Zwischen den 2 bis 6. Lebensjahre entwickelt sich das Kind zum einheitlichen 
Menschen. Der anatomische Ausbau des Gehirns ist bis zum 7. Lebensjahre be- 
endet. Kürzer als diese Perioden sind die weiteren Lebensabschnitte dargestellt: 
Zweites Kindesalter, Jugend, reifes Alter und Alter (Greisenalter). Für uns Lehrer 
der Schwachen ist die Schrift von Interesse, weil der Verfasser Hinweise gibt, wie 
anormale Entwickelung im Kindesalter von normaler abweicht. Normaler Körper- 
bau lässt nicht in jedem Falle gesunde Entwicklung hoffen: Latente Vererbung 
überträgt sich auf Kinder und Enkel und vermag normale Seelenentwicklung zu 
erschweren. Erstes Kennzeichen solcher Störungen und Hemmungen ist fehlendes 
Reagieren auf Geschmacks- und Geruchsempfindungen. Das rein vegetative Leben 
idiotischer Kinder vergleicht er mit dem Goltzschen Hund (ohne Hirn- und Rücken- 
mark). Mit Hilfe der Momentphotographie bestimmte er die Phasen der Augen- 
bewegungen und kam zu dem Schlusse, dass der Blick Anormaler umbherirrt, 
nirgends haften bleibt, dass die Augen sich nicht akkommodieren, sodass unvoll- 
ständige und undeutliche Bilder auf der Netzhaut entstehen. Die Entstehung der 
Grundassoziationen ist gehemmt und das führt zu Idiotismus. Arzt und Pädagoge 
werden aus diesem Werkchen Anregung zur Mitarbeit erhalten, denn manche 
Fragen aus diesem Gebiete harren noch ihrer Lösung. — R E. 


116 


Handbuch für Lehrer an den heilpädagogischen Anstalten in Österreich- 
Ungarn. Bearbeitet von G. Pipetz. Im Verlage von G. Pipetz, Graz. Preis 
Kr. 2.— = Mk. 1.70. 

Das handliche und sehr praktische Büchlein gibt eine Zusammenstellung der 
Taubstummen- und Blindenanstalten sowie der Anstalten für Schwach- und 
Blödsinnige und der Hilfsschulen Österreichs und Ungarns nach dem Stande 
vom Jahre 1903. Die statistischen Angaben sind sehr übersichtlich geordnet, und 
obgleich das Handbuch nur 90 Seiten umfasst, so sind seine Mitteilungen sehr 
eingehende, wenn nicht erschöpfende. Der Verfasser, Lehrer an der Taubstummen- 
anstalt in Graz, hat sich mit der mühevollen Bearbeitung des Büchelchens sicher 
kein geringes Verdienst erworben, und seine Kollegen an den heilpädagogischen 
Anstalten Österreichs und Ungarns werden ihm für dasselbe besonders dankbar 
sein. Aber auch für uns im Reiche ist das Handbuch von Interesse. 


Vermischtes, 


X-Strahlen und Epilepsie. Der „Daily-Mail“ wird aus New-York mitgeteilt, 
dass dort ein Versuch des Dr. Baruth vom Post-Graduate- Hospital, vermittelst der 
X-Strahlen die Epilepsie zu bekämpfen, grosses Aufsehen in der Arztewelt hervorrufe. 
Der genannte Arzt hat seit einigen Monaten ein 16jähriges Mädchen, welches seit 
6 Jahren an epileptischen Anfällen leidet, dreimal wöchentlich starken X-Strahlen 
ausgesetzt, die er gegen den Kopf richtet. Als Dr. Baruth die Behandlung anfing. 
hatte das Mädchen tägliche Anfälle auszuhalten und war teilweise gelähmt. Die 
Lähmung ist seit der Strahlenbehandlung ganz geschwunden, und die epileptischen 
Anfälle treten nur noch in Zwischenräumen von 16 oder 17 Tagen auf. Auch bei 
andern Epileptikern soll sich diese Behandlungsweise bereits bewährt haben. 
Dr. Baruth erklärt, dass sich nicht alle Fälle von Epilepsie durch X-Sirahlen be- 
handeln liessen, dass er aber davon überzeugt sei, dass in einer grossen Anzahl von 
Fällen teilweise, wenn nicht gar vollständige Heilung herbeizuführen wäre. Die 
X-Strahlen sollen auf die Stelle des Gehirns, von wo die epileptischen Konvulsionen 
ausgehen, beruhigenden Einfluss ausüben. 


Briefkasten. 


L. M. i. W. Besten Dank! Mangel an Raum zwang zur Kürzung. — H. P. i. B. Für 
Ihre Mitteilungen inbetreff der Vorträge danken wir Ihnen bestens. Viel scheint ja bei 
denselben nicht herausgekommen zu sein. Interessant war es uns, wieder einmal die 
Meinung zu hören, „dass man zu Schwachsinnigen mehr mit der Hand reden müsse“. 
Man wird doch den Redner in diesem Punkte sowohl, als auch inbetreff der erhöhten 
Inanspruchnahme des „Armmuskelsinnes“ nicht missverstanden haben? M. B. i. Z Dass 
die Pflichtstundenzahl der Berliner Lehrer an den Nebenklassen um 2 Stunden, von 24 
auf 26, erhöht worden ist, wird auch von uns beklagt. — L. u. R. i. M. Für diese Nr. 
zu spät. Im en gibt es auch anderwärts sogenannte „Privat-Ferienkolonien‘. Aus 
Dresden gehen z. B. regelmässig mehrere Lehrer mit je 3-12 Knaben während der Ferien 
in das Gebirge oder an die See. 


Inhalt. XiI. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen — Die technische 
Ausbildung der schwachsinnigen Kinder in der Königl. Landesanstalt zu Grosshennersdorf 
und die Fürsorge für die Entlassenen. (G. Nitzsche.) — Gewinnung dauernder Unter- 
richtsergebnisse. (A. Schenk.) — Mitteilungen: Berlin, Wien. — Literatur: Dr M. Heym, 
Die Behandlung der Schwachsinnigen in der Volksschule. — Dr. Ziehen, Die Geistes- 
krankheiten des Kindesalters. — Dr. Mönkemöller, Geistesstörung und Verbrechen im 
Kindesalter. — Dr. J. A. Sikorsky, Die Seele des Kindes. — G. Pipetz, Handbuch 
für Lehrer an den heilpädagogischen Anstalten in Österreich-Ungarn. — Vermischtes: 
X-Strahlen und Epilepsie. — Briefkasten. 





Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von H. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden, 


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Behandlung schwachsinniger und Fpilepüscher. 


Organ der Konferenz für das Idiotenweosen. 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 


herausgegeben von 


Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 
8pezialarzt 
Dresden -Strehlen, für Nervenkrankheiten 
Residenzstrasse 27. in Stuttgart. 


Erscheint jährlich in 12 Nummern von Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 
mindestens einem Bogen. Anzeigen für 


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| 
und Postämter, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- | August 1904. Schriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 
rarische Beilagen 6 Mark. | einzeine Nummer 50 Pfg. 


Die Original- Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 


aeee a e nm nme m nn 4 


Schulen für epileptische Kinder. 
Vortrag, gehalten auf dem internationalen Kongress für Schulhygiene zu Nürnberg am 
8. April 1904 von Dr. Oswald Berkhan-Braunschweig. 

Als vor 5 Jahrzehnten ein Not- und Hülferuf für die Schwach- und Blöd- 
sinnigen oder Idioten durch die Länder ging, hielt man meistenteils die Zahl 
derselben für gering. Als aber die Aufmerksamkeit mehr und mehr auf sie 
gelenkt wurde, zeigte es sich, dass die Anstalten, die zu ihrer Aufnahme ge- 
baut waren, sich nicht nur rasch füllten, sondern auch bald als zu klein erwiesen. 

Eine weitere Entwickelung des Idivtenwesens brachte es mit sich, dass 
man mit den Pflegeabteilungen Schwach- und Blödsinniger in den Anstalten 
bald Schulabteilungen verband, in welchen man den bildungsfähigeren Kindern 
Erziehung und Unterricht zu teil werden liess. 

Jedoch dies genügte nicht; es wurde erkannt, dass es zwischen den ge- 
sunden Kindern und den Schwachsinnigen mittleren und höheren Grades Schwach- 
sinnige geringen Grades oder Schwachbefähigte gäbe, für welche in Idioten- 
anstaiten kein geeigneter Aufenthalt, auch kein Platz sei. 

Damit entstanden in grösseren Städten die Hilfsschulen, denen die Aufgabe 
zufiel, mit Schwachsinn geringen Grades behaftete Kinder durch Erziehung und 
Unterricht nach Möglichkeit erwerbsfähig zu machen. 

Die erste Hilfsschule als solche, nach psychiatrischen Grundsätzen ge- 
schaffen, wurde 1881 in Braunschweig eingerichtet; ihr folgten, da man deren 
Zweckmäßigkeit erkannte, bald andere, so dass jetzt im Deutschen Reiche 168 
Hilfsklassen und Hilfsschulen bestehen.*) 


*) In Dresden wurde eine solche Hilfsschule bereits am 16. September 1867 er- 
öffnet. (Die Schriftleitung. d. Z.) 


118 

Ähnlich wie mit den Idioten ist es dann mit den Epileptischen gegangen. 
Auch hier erschallte vor fast 5 Jahrzehnten ein Notschrei um Fürsorge für 
diese Leidenden. Auch für diese fing man an, Anstalten zu gründen und nach 
und nach für die jüngeren bildungsfähigeren Epileptischen Schulabteilungen zu 
schaffen. Aber die Zahl der Anstalten ist immer noch eine geringe und ihre 
Zöglinge gehören den schwereren Formen der Epilepsie an. 

Es verhält sich somit mit den Anstalten für Epileptische genau wie mit 
den Anstalten für Idioten. In ersteren wie in letzteren werden Kranke meist 
höherer Grade aufgenommen und den jüngeren, bildungsfähigen Schulunterricht 
erteilt. 

Nur der Unterschied findet zwischen den beiden Anstaltsgruppen statt, dass 
die Zahl der Anstalten für Epileptische eine geringere ist als die für Idioten, 
ferner der Unterschied, dass für die an Epilepsie geringeren Grades leidenden 
schulpflichtigen Kinder in grösseren Städten Hilfs- oder Sonderschulen fehlen. 

Damit tritt die Frage an uns heran: 

Gibt es so viele schulpflichtige und schulfähige, an Epilepsie 
leidende Kinder, dass besondere Schulen für dieselben not- 
wendig sind? 

In der Rheinprovinz und Westfalen wurden im Jahre 1882 die epileptischen 
schulpflichtigen Kinder gezählt und es ergab sich, dass daselbst 1257 Schul- 
kinder an Epilepsie litten und von diesen 213 vom Schulbesuche dauernd aus- 
geschlossen wurden. 

Nach dieser Zählung kamen in den genannten Provinzen auf 10 000 Ein- 
wohner 2 epileptische Schulkinder. 

Im Jahre 1884 ergab eine Zählung in den beiden Regierungsbezirken 
Frankfurt und Potsdam 606 schulpflichtige epileptische Kinder — auf 10000 
Einwohner 2. 

In Sachsen-Weimar zählte man dann auf 10000 Einwohner 4,5 und in 
Mecklenburg eine fast gleiche Zahl solcher Kinder. 

Ich habe nun, da weitere Statistiken fehlen, wiederholte Zählungen der 
epileptischen Kinder in den Volksschulen der Stadt Braunschweig veranlasst. 
Solche ergaben: 

1894 — unter 13176 Schülern 61 epilept. (26 Knaben 35 Mädchen) 

1899 = „ 15403 Š 43 „ (l8 „ 25 “= 3 

1903 = „ 16830 u 42 „ (0 ,„ 22 a 

Die Zahl der angeführten epileptischen Kinder ist jedoch eine grössere, da 
hier nur die Fälle gezählt wurden, bei denen epileptische Anfälle während des 
Schulbesuchs beobachtet wurden. 

Auch möchte ich hervorheben, dass ich eine Zählung der in Privatschulen, 
Realschulen und Gymnasien vorhandenen epileptischen Schüler nicht habe er- 
möglichen können, deren Anzahl nach meinen Erfahrungen keine geringe ist. 

Wenn nun, wie ich zuvor angegeben, auf 10 000 Einwohner 2—4 epileptische 
Schulkinder kommen, wenn in der Stadt Braunschweig bei einer Einwohnerzahl 
von 130000 allein die Volksschulen im Mittel 50 epileptische Kinder besuchten, 


119 


so genügt das schon, an eine besondere Schule für solche Kinder denken zu 
müssen, selbst wenn nicht alle derselben eines besonderen Schulunterrichts 
bedürfen sollten. 

Man könnte einwenden, wie eg seiner Zeit, als es sich um Einführung von 
Hilfsschulen für Schwachsinnige leichteren Grades handelte, seitens der Idioten- 
anstalten geschah, dass epileptische Schulkinder in Anstalten für AD 
in denen ja meist Schulabteilungen bestehen, unterzubringen seien. 

Solchem Einwande gegenüber möchte ich bemerken, dass es einmal, wie 
ich zu Anfang sagte, nicht genug solcher Anstalten gibt, dann aber, dass die- 
selben aus leicht begreiflichen Gründen meist nur hochgradige Fälle enthalten. 
So waren in der Anstalt für Epileptische „Wuhlgarten“, für den Stadtkreis Berlin 
mit jetzt 1885000 Einwohnern errichtet, im Jahre 1901 bei einem Bestande 
von 1000 Epileptischen nur 63 Kinder, welche in der Schulabteilung unter- 
richtet wurden. 

Hier aber handelt es sich um eine grosse Zahl Kinder, die an Epilepsie 
geringeren Grades leiden und eine besondere Fürsorge erheischen. 

Wir besitzen in Deutschland 39 Städte mit 50— 100000 Einwohnern und 
3l Städte mit über 100 000 Einwohnern. Wenn nun die Stadt Braunschweig 
mit 150 000 Einwohnern in ihren Volksschulen 50 an Epilepsie leidende Schüler 
hat, auf welche erschreckende Menge solcher Schüler lässt sich allein in den 
31 deutschen Städten mit ihren je über 100 000, zusammen nahezu 9 Millionen 
betragenden Einwohnern schliessen. 

Es würden demnach, da die Zahl der hier in Frage kommenden Schüler 
eine so grosse, Städte mit 50000 Einwohnern und mehr zunächst an eine 
Sonderklasse, grössere Städte, von 100000 Bewohnern an, an Einrichtung einer 
Sonderschule für epileptische Kinder zu denken haben. 

Eine zweite Frage ist die: 

Sind in gleicher oder ähnlicher Weise wie Hilfsschulen für 
schwachsinnige Kinder geringeren Grades Hilfs- oder Sonder- 
schulen für epileptische Kinder notwendig? 

Besuchen epileptische Kinder die Normalschule, so bleibt es meist nicht 
aus, dass sie auch während des Unterrichts ihre Krampfanfälle bekommen, 
Der Anblick solcher nicht zu vermeidender, dabei sich wiederholender Anfälle aber 
birgt für die gesunden Mitschüler eine nicht hoch genug anzuschlagende Gefahr. 
Schreck und Furcht ergreift sie und diese klingen bei der für psychische Ein- 
drücke so empfänglichen Jugend lange nach und wirken bei der zu nervösen 
Störungen sich neigenden Jetztzeit sie schädigend. 

Das wäre zunächst ein Grund, epileptische Kinder überhaupt vom Besuch 
öffentlicher Schulen auszuschliessen. 

Dazu kommt ein zweiter: 

Kinder, welche an Epilepsie leiden, werden zum grösseren Teile, wenn 
auch anfangs nur zeitweilig, später mehr in ihrer geistigen Entwickelung ge- 
hemmt, so dass sie bald nicht mehr den Anforderungen, wie sie die Schule an 
gesunde Kinder stellt, genügen können und das entmutigt sie und macht sie 


120 
verstimmt. Dazu kommt, dass sie durch ihr Leiden reizbar und zu Jähzorn 
geneigt werden und dadurch mannigfache Unzuträglichkeiten zwischen sich und 
den Mitschülern wie den Lehrern veranlassen. 

Stellen sich die epileptischen Anfälle häufiger ein, so werden sie vom 
Schulbesuch ausgeschlossen. Kommt endlich die Zeit, dass sie in einer Fabrik 
Beschäftigung suchen, ein Handwerk erlernen, in ein Geschäft treten, so bricht 
ein neues Unglück über die Armen herein -— ein Fabrikherr, ein Meister nach 
dem andern entlässt sie, entweder der mangelnden Kenntnisse und Anstelligkeit 
wegen, oder auch, wie ich des öfteren erfahren musste, nur der Anfälle wegen. 
Und nun verstehen sie sich nicht nützlich zu machen. — So setzt sich das 
Leben eines jungen Epileptikers zusammen aus Zurücksetzungen, Untätigkeit, 
Missstimmung und Sorgen. 

Es ist daher nötig, in grösseren Städten für epileptische schulpflichtige und 
schulfähige Kinder unter Belassung derselben in häuslicher Pflege eine Sonder- 
schule einzurichten. | 

Eine solche Sonderschule hat die Aufgabe, ihre Zöglinge durch Erziehung, 
durch einen ihrer Befähigung angepassten Unterricht sowie durch Unterweisung 
in Beschäftigungsarbeiten so weit als möglich auszubilden und dadurch deren 
Zukunft in Bezug auf Erwerbsfähigkeit und bürgerliche Stellung günstiger zu 
gestalten. 


Welches sind nun die Grundsätze, nach denen Schulen für 
epileptische Kinder einzurichten sind? 


Wie bei Einrichtung von Hilfsschulen für schwachbefähigte Kinder ist es 
zunächst bei Errichtung von Sonderschulen für epileptische Kinder nötig, dass 
3 Personen gemeinsam und in Übereinstimmung vorgehen: Der Vorsteher der 
Volks- oder Bürgerschule, ein wenn möglich mit dem Hilfsschulwesen vertrauter 
Klassenlehrer und ein psychiatrisch gebildeter Arzt. Hier haben sich die Drei 
zu ergänzen. Sie müssen die zuvor verzeichneten und angemeldeten Kinder 
dahin prüfen, ob sie geistig gesund, ob sie nur nach ihren Anfällen geistige 
Schwäche zeigen oder ob sie dauernd schwachsinnig sind, um danach deren 
Aufnahme zu bestimmen — ein Weg, der jährlich gemeinsam wieder ein- 
zuschlagen sein wird. 

Bei der Prüfung der Kinder, welche sich als dauernd schwachsinnig er- 
weisen, handelt es sich darum, diejenigen für die Sonderschule auszuwählen, 
welche nicht an Schwachsinn höheren Grades leiden, somit mehr Aussicht auf 
Ausbildungs- und Erwerbsfähigkeit bieten, wobei wiederum zu beachten ist, dass 
nicht nur die Anfälle, sondern auch dann der Schwachsinn derselben bei einer 
ärztlichen Behandlung sich mindern, ja verlieren können. 

In der Auswahl der geistig gesunden und der mit Schwachsinn nicht zu 
hohen Grades behafteten epileptischen Kinder zur Aufnahme in eine besondere 
Schule liegt meines Erachtens der Schwerpunkt der Frage, ob Sonder-Schulen 
von Nutzen und Bestand sein werden. Handelt es sich doch darum, die Zu- 
kunft der hier in Frage kommenden Kinder so günstig zu gestalten wie möglich. 


121 

Solche Sonderschule aber ist wie die Hilfsschule für schwachbefähigte 
Kinder als eine Öffentliche, selbständige Schule zu betrachten, für welche die- 
selben Schulgesetze und die Schulordnung gelten, unter welchen die Volks- 
schulen stehen. 

Es sind nun aber gesetzliche Bestimmungen erforderlich, um die epileptischen 
Kinder der Sonderschule überweisen und solche, welche für dieselbe nicht ge- 
eignet sind, aus dieser entlassen zu können. 

Bei der Wahl eines Lehrers ist darauf zu sehen, dass derselbe Neigung 
sowie Verständnis für seine Aufgabe habe und dass er voll Gemüts sei, so dass 
er durch stets freundliches Entgegenkommen auf die leidenden Schüler einen 
heilsamen Einfluss zu üben vermag. 

Ein Gleiches gilt bei der Wahl einer Lehrerin. Es erscheint nötig, dass 
Lehrer wie Lehrerin, bevor sie ihr Amt antreten, 2 bezw. 1 Monat dem Unter- 
richte in einer Hilfsschule beigewohnt haben, ausserdem mit dem Handfertigkeits- 
Unterrichte vertraut sind. 

Auf 15, höchstens 20 Schüler ist eine Klasse und 1 Lehrer zu rechnen; 
sobald die Zahl der weiblichen Kinder 5 übersteigt, ist ausserdem eine Lehrerin 
für weibliche Handarbeiten anzustellen. 

Eine Trennung der Geschlechter dürfte nur bei einer grösseren Anzahl und 
hei den erwachsenen Schülern, also in den oberen Klassen, dann beim Turnen 
und den Handarbeiten nötig erscheinen. 

An die Zimmer der Sonderschule sind die gleichen Anforderungen hin- 
sichtlich der Gesundheitsverhältnisse (Lage, Grösse, Beleuchtung, Lüftung, 
Heizung) zu stellen, wie an die dem Unterricht dienenden Zimmer der Volks- 
und Hilfsschulen. 

Tisch und Schulbank müssen abgerundete Kanten und Ecken haben und 
in einem Nebenzimmer eine Matratze und Keilkissen vorhanden sein. 

Gut wird es sein, wenn die Sonderschule einen Raum für leichtere Turn- 
übungen ohne Geräte sowie für Jugendspiele, wenn möglich auch einen Garten 
besitzt. Es ist nötig, dass der Schularzt ein psychiatrisch gebildeter ist. Die 
Erziehung soll eine sittlich-religiöse sein. Beim Unterricht hat der Anschauungs- 
unterricht die Grundlage zu bilden und eingeschobene Schulwanderungen, auf 
denen gezeigt und gelehrt wird, können nicht genug empfohlen werden. 

Ein zweiter Platz im Unterricht gilt der Entwickelung körperlicher Ge- 
schicklichkeit und Befähigung durch Beschäftigung: Unterweisung im Zeichnen 
und Malen, Anfertigung von Papier- und Papparbeiten, später in Buchbinderei 
und Tischlerei, Modellieren und andern nützlichen Künsten; bei Mädchen im 
Stricken, Häkeln, Flicken, Stopfen und Nähen. 

Der Unterricht hat sich dabei der jeweiligen Kraft des Einzelnen anzu- 
passen und an ein langsameres Vorgehen zu halten, als es bei gesunden 
Kindern üblich ist. 

Die Unterrichtsstunden sollten einschliesslich des Handfertigkeits-Unterrichts 
und der Handarbeiten 20 wöchentlich nicht überschreiten und Pausen von vollen 
15 Minuten enthalten. 


122 


Jede Stadt, die über 50000 Einwohner zählt, sollte eine Sonderklasse 
und jede, die über 100 000 Einwohner hat, eine Sonderschule einrichten; 
kleinere Orte sollten sich solche nach Möglichkeit durch Ortsverbände sichern. 

Werden nach den hier angeführten Grundsätzen und der nur kurz ge- 
streiften Einrichtung Schulen für epileptische Kinder geschaffen, wird an diesen 
Grundsätzen festgehalten, so werden sich diese Sonder-Schulen wie die Hilfs- 
schulen für Schwachbefähigte ein allgemeines Bürgerrecht erwerben zum Wohle 
vieler Tausend durch Epilepsie betroffener Kinder. 

Ich muss noch einen Punkt hier berühren und der betrifft die ärztliche 
Seite bei solchen Sonderschulen: Eine diaetetisch-medizinische Behandlung ihrer 
Schüler. 

„Die Epilepsie oder heilige Krankheit“, schreibt Hippokrates, genannt der 
Vater der Medizin, vor mehr denn 2000 Jahren, „scheint mir nicht minder heil- 
bar zu sein als die anderen Krankheiten, wenn sie nicht durch ihre lange 
Dauer so eingewurzelt ist, dass sie sich mächtiger zeigt als die dagegen an- 
gewandten Mittel.“ Dieser Satz gilt noch heute, gilt aber besonders bei der 
Jugend mit ihrer noch nicht lange bestehenden Krankheit. Ein vermehrtes 
Augenmerk hat in der Neuzeit erkennen lassen, dass die nicht lange bestehenden 
Anfälle heilbar sind und dass nur die Epilepsie, welche auf Vererbung und 
Anlage zu Nervenleiden beruht, sich einer Behandlung gegenüber weniger 
günstig verhält, wenngleich auch hier Heilungen vorkommen. 

Je kürzere Zeit also Epilepsie besteht, je weniger Anfälle vorausgegangen, 
je länger die Zwischenzeiten, welche die Anfälle trennen, je weniger die Zwischen- 
zeiten durch Krankheitserscheinungen getrübt sind, desto günstiger gestaltet 
sich die Vorbersage. 

In der Jugend muss also die ärztliche Behandlung einsetzen und deshalb 
bei den Angehörigen darauf gedrungen werden, dass ihre leidenden Kinder vom 
Eintritt in die Sonderschule an so lange einer ärztlichen Behandlung und Über- 
wachung durch einen Haus- oder Kassen- oder Armenarzt unterstehen, als es 
der Schularzt für nötig hält. 

Es würde demnach Zweck einer Sonderschule für epileptische Kinder sein: 
Erziehung, Unterricht und Anweisung in Beschäftigungsarbeit zur Anbahnung 
einer späteren Erwerbsfähigkeit und dieses im Verein mit einer ermöglichten 
fortgesetzten diätetisch-medizinischen Behandlung, abzielend auf eine Minderung 
oder Beseitigung des so gewaltigen Leidens. 

Sittlich reifere und erwerbsfähige, dabei auch gesundere Elemente soll die 
Sonderschule heranbilden und an die grösseren Städte tritt zunächst die Auf- 
gabe heran, solche Schulen einzurichten, aufgebaut auf Verständnis und 
Nächstenliebe. 

Möge Jeder von Ihnen, verehrte Anwesende, je nach seinen Kräften mit- 
wirken, dass solches erreicht werde. Dies ist mein Wunsch. 


123 


Die Notwendigkeit der Einrichtung 
von Fortbildungsschulen in unseren Anstalten. 
Von Otto Legel, Uchtspringe i. A. 


Jede Anstalt für Schwachsinnige, Idioten und Epileptiker ist ein in sich 
abgeschlossenes Gemeinwesen, das unter eigener, den Verhältnissen angepaaster 
Gliederung und Verwaltung in gewissem Sinne einen politischen Bezirk mit 
Rechten und Pflichten darstellt. Die Gemeindeglieder grösserer Anstalten setzen 
sich zusammen aus Angehörigen aller Stände und Berufsklassen;, vom Kindes- 
bis zam Greisenalter sind beide Geschlechter vertreten. Als Menschen haben 
auch sie die Pflicht, zu ihrem Teile, nach ibrer Kraft und ihrem Vermögen zur 
Erhaltung ihrer selbst und ihres Gemeinwesens beizutragen. Vielen von ihnen 
stehen diese Lebensforderungen, die in der Arbeit gipfeln, noch klar vor der 
Seele; ihnen zu genügen, wird gern und willig von den meisten erstrebt. Die 
Arbeit ist ihnen ein Opium. Manche müssen durch die Anstaltsdisziplin daran 
erinnert werden; sie tragen wenig zum Gemeinwohle bei und arbeiten nur, um 
den Gewinn aus der Arbeit zu suchen und denken nur an die Vergnügungen 
und sonstigen Wohltaten, die sie sich mit Hilfe derselben verschaffen können. 
Sie nehmen nur eine Beschäftigung auf, um der damit verbundenen relativen 
Freiheit teilhaftig zu werden; sie beucheln Arbeit, tun, wenn sie sich beobachtet 
sehen, sehr geschäftig. In Wirklichkeit ist das Erträgnis ihrer Leistungen, ob- 
gleich sie zum wackeren Schaffen intellektuell und körperlich sehr gut geeignet 
wären, sehr gering. Es feht ihnen die Erziehung zur Arbeit. Nur ein kleiner 
Teil der Pfleglinge ist so degeneriert, dass er untätig dahinlebt, dass kein Mittel 
vorhanden ist, ihm die Wohltat der Arbeit zu spenden. 

Je kleiner die Anstalt, je spezialisierter die Insassen nach Geschlecht, Alter, 
Vermögen etc. sind, desto intensiver lässt sich die Art und Weise festlegen, wie 
die Kräfte des Einzelnen dem grossen Ganzen dienstbar gemacht werden können, 
desto besser lässt sich der Plan zur Erziehung zur Arbeit durchführen. 

Die Arbeitstätigkeit ihrer Pflegebefohlenen auszubilden, in die 
rechten Bahnen zu leiten und jeden Einzelnen des Segens der Arbeit 
teilhaftig werden zu lassen, soweit es sein körperlicher und intel- 
lektueller Zustand gestattet, ja, die schlummernden Geister zur Ar- 
beit zu erziehen, muss neben anderem ein Prinzip jeder Anstalts- 
leitung sein. 

Es hat lange gedauert, ehe man den Wert der Arbeit für die Insassen 
unserer Anstalt erkannte. Die Beschäftigung der Geisteskranken hat ihre Ge- 
schichte, die uns aufklärt, wie schwer es gewesen ist, in den einzelnen Indi- 
viduen entsprechende Tätigkeiten namentlich körperlicher Art ein Heilmittel 
ihres Zustandes, ein Opium, zu entdecken. Wenn Griesinger noch auf Garten 
und Feld für seine Heilanstalten verzichten wollte und Werkstätten für seine 
Asyle sogar verwarf, so sind die jetzigen Anstaltsleiter bestrebt, den Pfleglingen 
Arbeit in jeder Form zu verschaffen, ohne Forcierung und Überanspannung ihrer 
Körperkräfte und -fähigkeiten, einen Teil der finanziellen Kosten der Anstalt 


124 


auf eigene Schultern zu übernehmen, um die Beitragskosten der für ihre kranken 
Mitmenschen Versorgungspflichtigen zu ermässigen und jeden Pflegling selbst 
einen Teil seines Lebensunterhaltes erwerben zu lassen. Das ist in grossen 
Zügen wohl mit ein Faktor im Verwaltungsprinzip der Anstalten, die zum 
grössten Teile Patienten beherbergen, deren Körper- und Geisteszustand einen 
dauernden Aufenthalt in der Anstalt bedingt und die auf pekuniäre Unterstützung 
seitens dazu verpflichteter oder opferwilliger Mitmenschen angewiesen sind. Auf 
diesem Faktor basiert zum Teil die Forderung der Fortbildungsschule für unsere 
Anstalten. Sie will den Wert, den die von Pfleglingen aufgebrachte Arbeits- 
leistung repräsentiert, erhöhen; sie will Ersatz für abgehende Arbeitskräfte 
namentlich der Werkstätten liefern, der mit den aus dem Berufe direkt in die 
Anstalt eintretenden, beschäftigungsfähigen Patienten konkurrieren kann. Von 
dem ethischen Wert des Fortbildungsunterrichts werden wir weiter unten reden. 
Sie will verhindern, dass empfindliche Lücken in dem Gesellenmaterial und im 
Lehrlingsnachwuchs durch die Entlassung geheilter oder gebesserter Gesellen 
entsteht. 

Die Anstalten mit Jugendabteilungen verschieben sich auch im Bestande 
ihrer Insassen in sich selbst insofern, als die heranwachsenden jugendlichen Zög- 
linge in höhere Altersklassen und damit in andere Abteilungen resp. Häuser der 
Anstalt überführt werden. Während die im Jünglings- und Mannesalter stehenden 
neuaufgenommenen Pfleglinge leicht nach Beruf und Fähigkeit in die Werkstätten 
oder Arbeitsabteilungen des ganzen Organismus eingereiht werden können, ist es 
für den, wenn es erlaubt ist zu sagen, „eigenen Nachwuchs“ von Anfang seiner 
Beschäftigungs- und Unterrichtsfähigkeit an Pflicht der Erzieher, das den be- 
treffenden Zöglingen liegende Arbeitsfeld, das Handwerk, in dem sie später 
ihre Kräfte betätigen sollen, bei dem Arbeitsunterricht allmählich heraus zu 
krystallisieren. Dann kann derselbe ohne Unterbrechung mit dem Verlassen der 
Kinderschule resp. Jugendabteilung wohlvorbereitet weitergeführt werden. Daraus 
ergibt sich, was ich bier nur andeuten möchte, die Notwendigkeit eines plan- 
mäßigen Arbeitsunterrichts. 

Nun sorgen wohl alle Städte, viele grössere Landgemeinden und sogar auch 
eine Reihe von Dörfern und Schulverbänden nicht nur für die unterrichtliche 
Unterweisung der Jugend bis zum 14. Lebensjahre, sondern sie sehen es auch als 
ihre Pflicht an, für die Jünglinge (und ev. auch für die schulentlassenen Mädchen) 
ein Weiteres zu tun. In freiwilligen Fortbildungsschulen, die meistens auf beruf- 
licher Grundlage aufgebaut sind und deren Schülermaterial, wo es angängig ist, 
in Fachklassen und hier wiederum nach dem Grade ihres Wissens vereinigt ist, 
oder in Pflichtfortbildungsschulen wird unter Voranstellung der humanen Bildung 
die berufliche Ausbildung vertieft. Man ist dazu gekommen und noch emsig 
bemüht, den Fortbildungsschulorganismus auszugestalten einmal im Hinblick dar- 
auf, dass die betreffenden Gemeinwesen sich selbst einen durchgebildeteren Stand 
von Landwirtschaft-, Gewerbe-, Handel- und Industrietreibenden erziehen an den 
Zöglingen, die auf heimatlicher Scholle sesshaft werden, zum andern in Hinsicht 
auf das Volkswohl, auf die Hebung des werktätigen Mittelstandes im allgemeinen. 


1% 


Man gibt damit zu, dass die Schule die Grundlage für die geistige Ausbildung 
legt, auf der die Erlernung eines Berufes fussen kann; dass aber mit der Ent- 
lassung aus der Volksschule von einer genügenden erzieblichen Vorbildung fürs 
Leben und einer ausreichenden Aneignung von Fertigkeiten und Kenntnissen bei 
der Verschiedenheit des Schülermaterials nicht die Rede sein kann, dass es not- 
wendig ist, die erworbenen geistigen Fähigkeiten in die Formen, die die Er- 
werbsquelle verlangt, umzugiessen und zu vertiefen, um den gesteigerten An- 
forderungen an den Berufsarbeiter der Jetztzeit genügen zu können. Das Alter 
der aus der Volksschule entlassenen Jünglinge ist besonders starken Versuchungen 
ausgesetzt, die sich geltend machen sowohl auf sittlicher Seite als auch auf 
Seite der gesamten intellektuellen Entwicklung, der Ausbildung der Lebens- 
anschauungen nach politischer, sozialer und Teligiöser Richtung. 


In unsern Anstalten sind diese Notwendigkeiten in gleichem Maße vor- 
handen; es gesellen sich ihnen noch eine Reihe ausschlaggebender Forderungen 
hinzu, die gebieterisch die Durchführung und Ausgestaltung der Fortbildungs- 
schule für unsere Zöglinge fordern. 


Wohl in allen Anstalten sind Handwerksstätten und Arbeitssäle eingerichtet, 
die nach Möglichkeit und je nachdem es sich lohnt, die Bedürfnisse der Pfleg- 
linge an Kleidung befriedigen helfen, die Reparaturen an Utensilien und Wäsche- 
und Bekleidungsgegenständen ausführen, die auch wohl durch Verkauf der für 
das Arbeitsvermögen Schwachsinniger und Idioten besonders geeigneter und in- 
folgedessen überproduzierter Artikel, als Bürsten, Besen, Leinen, Düten, Blumen- 
stäben etc., der Anstaltskasse eine Einnahmequelle sichern. Unter Leitung geprüfter 
Meister, die zugleich als Pfleger ausgebildet sind, werden Tischlerei, Schusterei, 
Korbflechterei etc. mit Gesellen betrieben, die den betreffenden Beruf im bürger- 
lichen ausübten und mit solchen, die ihn in der Anstalt erlernten. 


Neben den in diesen Werkstätten ausgeführten Reparaturen der Gebrauchs- 
gegenstände werden Neuarbeiten hergestellt, zu denen auch die in der Anstalt 
selbst herangebildeten Lehrlinge und Gesellen herangezogen werden müssen. Die 
aus dem gewerblichen Leben übertretenden Gesellen haben meistens die Seg- 
nungen der Fortbildungsschulen genossen, wenn sich ihr Leiden, wir denken 
an die Epilepsie, in reiferen Jahren einstellte. Die Fortbildungsschule hat ihnen 
eine Menge Kenntnisse, die ihnen in der Praxis ihres Berufs notwendig sind, 
eingepflanzt, sie bat sie angeleitet, die Ideale des Berufs und der Arbeit zu er- 
kennen und in sich keimen zu lassen. Die Disziplinen der Volksschule sind ihnen 
für die Fortbildungsschule gleichsam erst gangbare Münze geworden. Das alles 
fehlt unseren Anstaltslehrlingen und -gesellen, wenn wir nicht daran denken, 
der nach unseren Verhältnissen und Bedürfnissen umgeformten Fortbildungsschule 
auch im Anstaltsorganismus eine Stätte zu verschaffen. Wenn man wohl von 
einem normalen jungen Handwerksgesellen aunehmen kann, dass die Praxis ihm, 
wenn auch nur langsam und weniger exakt als die Fortbildungsschule, die nötigen 
theoretischen Berufsbedürfnisse erkennen und finden lassen wird, so ist dies doch 
bei unseren geistig zurückgebliebenen Zöglingen so gut wie ausgeschlossen. 


126 

Dazu kommt noch, dass das in neuerer Zeit unsern Anstalten zufliessende 
Material der jugendlichen Zöglinge durch die überall in den Städten empor- 
wachsenden Hilfsschulen, durch die vielen neuentstandenen Privaterziehungs- 
anstalten für Geistigzurückgebliebene wesentlich gesiebter ist. Nur noch solche 
Zöglinge kommen zu uns — ich denke hier an die Öffentlichen Anstalten der 
Provinzen oder grösserer Städte —, die im bürgerlichen Leben auch nicht den 
bescheidensten Anforderungen genügen, die keinen Platz in der Hilfsschule finden 
oder die im. vorschulpflichtigen Alter schon den Grad des Schwachsinns zeigen, 
der eine Anstaltspflege nötig macht. Die im reiferen Alter aufgenominenen 
Epileptiker sind die einzigen konstanten Arbeitskräfte unserer Werkstätten. Sie 
entstammen meistens alle dem erwerbstätigen Mittel- oder Arbeiterstande. Mithin 
wird auch das Niveau der Handarbeitsleistung derjenigen Kräfte herabgedrückt 
werden, die in der Anstalt selbst heranwachsen. Wer in ähnlichen Verhältnissen 
wirkt wie ich, wird mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass der Lehrplan des 
Schul- und Arbeitsunterrichtes, der noch vor 5 Jahren durchzuarbeiten war, heute 
wesentlich herabgeschraubt werden muss. Und unsere Handwerksmeister konsta- 
tieren, dass das Lehrlingsmaterial sehr zurückgegangen ist in betreff geistiger 
und manueller Ausbildung. Der Abstand zwischen den Gesellen, die aus dem 
bürgerlichen Leben, durch Erkrankung gezwungen, in die Anstalten eintreten 
und dort so weit gebessert werden, dass sie ihrem Berufe in einer der Werk- 
stätten nachgehen können, und den von uns ausgebildeten wird immer grösser. 
Dieser Umstand fällt sehr auf, wenn unsere Lehrlinge die Gesellenprüfung 
machen sollen. Es fehlt ein Glied in der Kette der Ausbildung, das sich in 
der geistigen Ausbildung der geistig normalen Lehrlinge der Städte allmählich 
eingefügt und als vorteilhaft und notwendig bewährt hat — die Fortbildungs- 
schule. Die Leistungen unserer Werkstätten werden also geringer, die Anstalts- 
bedürfnisse au Utensilien, die die Anstaltswerkstätten lieferten, sind aber die- 
selben geblieben, haben sich wohl noch gesteigert und verfeinert. Die Anforde- 
rungen der Käufer der Massenartikel steigern sich, der Preis wird gedrückt. 
Alles das wirkt auf die Verpflegungsquote ein und macht sich im Etat fühlbar. 
Zum andern wird es uns schwer werden, die Lehrlinge so weit zu fördern, dass 
sie die Gesellenprüfung bestehen und von der Anstalt aus bei einem tüchtigen 
Meister untergebracht werden können. 

Diesen Rückgang kann nach meiner Meinung die Fortbildungsschule auf- 
halten. Sie zwingt sich nach dem Dargelegten uns auf für diejenigen Zöglinge, 
die die Oberstufe unserer Schulen bis zum 14. resp. 15. Jahre mit Erfolg durch- 
laufen haben und als Lehrlinge in die Werkstätte eingetreten sind, die sich 
nach manueller Geschicklichkeit, nach geistiger Begabung und körperlicher Be- 
schaffenheit für sie als geeignet erwiesen hat. Als grundlegende Gliederung der 
Schule muss die Qualität ihrer Zöglinge maßgebend sein. Die Unterstufe hat 
vor allen Dingen, auknüpfend an den Plan der Oberstufe der Schule, das All- 
gemeinwissen zu vervollkommnen mit intensiver Berücksichtigung der beruflichen 
Erfordernisse, der Vorfälle im Handwerk und eine möglichst gleichmäßige Unter- 
lage für den weiteren Unterricht zu schaffen. Für die Fortgeschritteneren, die 


127 


Mittelstufe, tritt der rein berufliche Charakter des Unterrichts ein. Der Deutsch- 
unterricht gruppiert sich um die Vorkommnisse im Geschäftsleben. Das Fort- 
bildungsschullesebuch erweitert den Gesichtskreis. Rechnen, Zeichnen und 
Schreiben bekommen ein anderes Gepräge. Der Oberstufe wird es vielleicht 
möglich sein, berufliche Abteilungen zu machen und die Stoffe der Mittelstufe 
zu vertiefen. Dieser in grossen Zügen entworfene Plan ist natürlich sehr weit 
gespannt. Ich weiss wohl, dass man in den meisten Anstalten mit bescheidenen 
Anfängen sich begnügen muss; ich bin aber sicher, dass aus diesen Anfängen 
heraus sich, infolge der in die Augen springenden Vorteile, die die Einrichtung 
des Fortbildungsunterrichts zeitigen wird, ein Ausbau des Planes ermöglichen 
lassen wird. Ich bin mir bewusst, dass die Schaffung von Lehrmitteln auf 
grosse, doch nicht unüberwindliche Schwierigkeiten stossen wird. Doch wo ein 
Wille ist, da ist auch ein Weg! Festzuhalten ist für die Fortbildungsschulen 
in Anstalten an der Hervorhebung des allgemeinbildenden Elementes. Unsere 
Zöglinge reifen später heran. Die sittliche Ausgestaltung der Persönlichkeit, die 
Veredlung des Gemütslebens, die Gewöhnung an die sozialen Verpflichtungen 
kann erst in Jen Jünglingsjahren wirksam in die Hand genommen werden. 
Verfolgen wir einmal den Entwicklungsgaug unserer aus der Schule entlassenen 
Zöglinge, wie er verläuft, wenn kein Fortbildungsunterricht eingreift. Die Pfleg- 
linge, die nach Erreichung des Zieles der Anstaltsschule konfirmiert und damit 
aus der Jugendabteilung entlassen werden, stehen meistens im Alter von 14 bis 
16 Jahren. Es sind die Schüler, die für Erlernung eines Handwerks in Betracht 
kommen und für die bei sicherer, fachmännischer Unterweisung und Fortbildung 
die Ablegung der Gesellenprüfung möglich ist. Alle nicht das Ziel der Ober- 
stufe erreichenden Zöglinge können es nach meinem Darfürhalten nicht zum 
Handwerksgesellen bringen; sie können wohl für eine ihnen angepasste mecha- 
nische, maschinenmäßige einfache Beschäftigung in der einen oder anderen Werk- 
stätte verwendet werden und dort ihre Pflicht gut und ganz erfüllen, darüber 
hinaus werden sie aber nicht kommen. Ein Teil von ihnen findet ein Arbeits- 
. feld in der Landwirtschaft, in der Baumbänderflechterei oder in ähnlichen Be- 
trieben, ein anderer mag zu häuslichen Beschäftigungen herangezogen werden. 
Für diese Kategorie ist die Fortbildungsschule nicht gedacht. Jene andern 
nun finden für den grundlegenden Wissensstoff, den ihnen die Schule gegeben 
hat, mit dem Eintritt in die Häuser und den Verkehrskreis der Erwachsenen 
wenig Pflege und Anregung. Die Keime der zarten Pflänzchen des Wissens 
verkümmern, der schwächere Geist, den sie im Vergleich mit ihren vollsinnigen 
Altersgenossen besitzen, vermag nicht, ihnen Stütze zu geben und Nahrung so 
zuzuführen, wie es bei normalen Jünglingen der Fall ist. Der enge Gesichts- 
kreis, den das Anstaltsleben, das Leben in Unfreiheit nun einmal zieht und 
ziehen muss, führt ihrem Geiste nicht die Zuströme der Aussenwelt, wie sie so 
mannigfaltig und eindrucksvoll im bürgerlichen Leben fliessen, zu; das, was die 
Schule mitgegeben hat, kann sich nicht betätigen. Der Abstand zwischen den 
erwachsenen Hausgenossen ist hinsichtlich des Alters und der geistigen Fähigkeit 
meistens sehr gross; der Horizont bei gleichaltrigen Jünglingen entweder noch 


128 


enger oder im günstigsten Falle gleich begrenzt. Zur selbständigen geistigen 
Betätigung fehlt der Trieb, zum Lesen der Bücher der Anstaltsbibliothek, der 
kursierenden Zeitungen ist der Geist nicht fähig und geschult genug. Spiele 
der Erwachsenen, kleine nichtssagende Beschäftigungen oder ein dolce far niente 
in den Freistunden liegen dem Jünglinge bequemer. Der Geist stumpft ab, 
wird interesselos. Wer von uns hatte wohl nicht schon Gelegenheit, festzustellen, 
dass frühere, garnicht so unbegabte Zöglinge, ohne dass ein grosser einfluss- 
reicher geistiger Rückschritt, ein Fortschreiten ihres krankhaften Zustandes im 
Spiele waren, nach Jahren nicht mehr zum mechanischen Lesen, zum einfachen 
Addieren und Subtrahieren fähig waren! Da fehlt die Fortbildungsschule. Normal 
begabten Jünglingen bietet man die Vorteile derselben, weil man weiss, dass die 
Schularbeit wohl den Grund zur Weiterbildung gelegt hat, dass aber das un- 
reife Alter nicht allein dazu fähig ist, auf diesem Grunde weiterzubauen, dass 
es Führer und Leiter bedarf, die den Übergang vom Eltern- resp. Schul- 
baus zum praktischen Leben ebenen und gangbar machen helfen. Unsern 
Schwachsinnigen ist, eben weil sie schwächer sind, die Institution der Fort- 
bildungsschule noch viel nötiger, wollen wir einen befähigten, um es auf unsere 
Gemeinwesen zu übertragen, arbeitstüchtigen Handwerkerstand erziehen. Die 
Zukunft wird es lohnen. Sicher werden unsere Anstalten dann mehr Lehrlinge 
als bisher zur Gesellenprüfung heranbilden und den Jünglingen den Weg ins 
bürgerliche Leben zurück gangbarer machen können. 

Über die methodischen Fragen, über Stoffverteilung und Stellung der ein- 
zelnen Disziplinen zu schreiben, möchte ich mir für eine nächste Arbeit auf- 
sparen. Festzustellen wäre vielleicht noch, dass ich dafür bin, dass der Haupt- 
anteil der rein beruflichen Bildung in die Werkstätten zu verlegen sei. Der 
Handwerksmeister darf die Fortbildungsschule nicht als ein Misstrauensvotum 
gegen seine Leistungsfähigkeit, nicht als eine Degradation seiner Meisterstellung 
ansehen. Es liesse sich auch wohl vom Meister die zum Handwerk nötige 
theoretische Anleitung des Lehrlinge erwarten, aber in unseren Verhältnissen 
bleibt dem Meister dazu keine Zeit; auch fehlt ihm das nötige pädagogische _ 
Geschick. Was darum an nötigem Wissen und Können in der Werkstatt den 
Lehrlingen nicht gegeben werden kann, gehört in die Fortbildungsschule Das 
Lehrprogramm unserer Fortbildungsschulen hat zwei Ziele zu verfolgen: Einmal 
müssen die Zöglinge in ihrem Beruf ausgebildet, d. h. mit den Kenntnissen ver- 
sehen werden, die zur gewerblichen Tüchtigkeit unerlässliche Vorbedingung sind; 
zum andern muss sie die Jünglinge zu ethisch-sozialen Kulturmenschen heran- 
bilden helfen. Der beruflichen Ausbildung dienen vorzugsweise mathematisch- 
naturwissenschattliche Stoffe, Zeichnen, schriftliche und mündliche Übungen in 
der Muttersprache, geschäftliches Rechnen, Handels- und Kulturgeographie, Buch- 
führung und die Elemente der Volkswirtschaftslehre, Disziplinen, die wir Anstalts- 
lehrer uns zurechtschneiden und unsern Zöglingen fassbar machen müssen. 
Welche von den Fächern mehr zu berücksichtigen, welche fallen zu lassen sind, 
richtet sich nach den Verhältnissen und nach dem Schülermaterial. Den Reli- 
gionsunterricht in den Lehrplan aufzunehmen, halte ich für verfehlt. Die 


129 

Kinderschule und der Kunfirmationsunterricht haben den Zöglingen, die zur Fort- 
bildungsschule befähigt sind, so viel religiöse Belehrung geboten, dass sie an 
den kirchlichen Veranstaltungen, den Familienabenden der Erwachsenen teil- 
nehmen können. Was dort aus dem Leben und Wirken grosser sittlich-religiöser 
Männer erzählt wird, wirkt auch auf Herz und Gemüt der Jünglinge Wir 
würden mit dem Aufnehmen des Religionsunterrichtes der Tätigkeit des Geist- 
lichen den Boden abgraben. Dem Geschichtsunterricht nach biographisch-mono- 
graphischer Metbode ist ein breiter Raum zu lassen. 

Ich will nun noch versuchen, kurz die Frage zu streifen: Wie gliedert sich 
die Fortbildungsschule am besten in den Anstaltsbetrieb ein ? 

Das exakte Anstaltsleben gleicht einem präzise arbeitenden Uhrwerk, dessen 
Räder, Wellen und Zäpfchen in ihren genau bestimmten und berechneten Tätig- 
keiten ineinander greifen und sich auf das Zifferblatt, das in der Direktiven liegt, 
und auf das Schlagwerk übertragen. Ein neues Rad einzufügen bedeutet manch- 
mal eine Umgestaltung des ganzen Ganges, wenn es sich nicht genau in die 
benachbarten Teile des Werkes einpasst. Es bemmt oder beschleunigt den Lauf 
des Ganzen und macht sich unliebsam auf dem Zifferblatt bemerkbar. Das 
Werk, wie es unsere Anstalten haben sollen, mag es nun in einem alten oder 
neuen Gehäuse stecken, hat kein überflüssiges Rädchen und kaum Raum, ein 
neues einzufügen. Es muss aber stark genug sein, um fortschrittlichen Um- 
änderungen und zeitgemäßen Forderungen standhalten zu können. Wollen wir 
den Fortbildungsschulunterricht als ein Rädchen dem Uhrwerk zufügen, so darf 
auf keinen Fall der geregelte Gang gestört werden; unbemerkt auf dem Ziffer- 
blatt, nur wahrnehmbar am stärkeren Schlag muss er sich einstellen lassen. Es 
ist nach meinem Dafürhalten unangebracht und mit den Hausordnungen der 
meisten Anstalten unvereinbar, die Unterrichtszeit auf den Abend zu verlegen. 
Die Kontrolle und Aufsicht der Zöglinge würde erschwert sein; der Abend ge- 
hört der beschaulichen Ruhe und der freien, im Belieben jedes Einzelnen ste- 
henden Beschäftigung. Er ginge denen verloren, denen die Fortbildungsschule 
ein Segen sein soll. Ich halte die Nachmittage der Werktage für die ge- 
eigneteste Zeit und würde aus verschiedenen Gründen nur den Zeichenunterricht 
auf die Zeit am Sonntag vor oder nach dem Frühgottesdienste gelegt wissen. 
Wöchentlich 6—8 Stunden für jede Abteilung oder für einfache Verhältnisse 
für die kombinierten Klassen würden bescheidenen Anforderungen genügen. Am 
passendsten scheinen mir die Stunden nach dem Vesperbrot zu sein. Das 
Vesperbrot könnte von den Zöglingen im Gebäude eingenommen werden; nach- 
dem sie sich gereinigt und umgezogen haben, werden sie von einem Pfleger zum 
Unterrichtslokal geleitet und zur bestimmten Zeit von dort wieder abgeholt. Eine 
Unterrichtsdauer von 1!/, Stunde würde also mit dem Schluss der Werkstatt- 
arbeit zusamınenfallen. Die Zeit nach dem Abendessen kann von den Zög- 
lingen zu kleinen für den Unterricht nötigen Arbeiten benutzt werden. Ich bin 
der Ansicht, dass wir von den Jünglingen verlangen können, dass eg den meisten 
von ihnen Freude macht, im Hause arbeiten zu können, da ihnen die geistige 
Beschäftigung eine willkommene Abwechslung für die sonst oft eintönige und 


130 


minderwertige Abendunterhaltung bietet. Eifrige Pfleger werden sich aus freien 
Stücken und im eigenen Interesse um die Arbeiten der ihnen anvertrauten Pfleg- 
linge kümmern, soweit es ihre Zeit erlaubt, und selbst mancher Erwachsene 
wird mit den Schülern Interesse an der Foribildungsschularbeit teilen. Für die 
Ausbildung resp. Fortbildung des weiblichen Geschlechts gilt als Ziel, diejenigen 
Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen, die für das praktische Leben nötig sind. 
Infolgedessen überwiegt die praktische Unterweisung der Mädchen dem theo- 
retischen Unterricht. Es erscheint mir angebracht, die befähigten Mädchen je 
eine bestimmte Spanne Zeit in drei Abteilungen der Haushaltung einzureihen. 
Ein Jahr diene der Ausbildung in der Näh- und Flickstube, das zweite Jahr 
denke ich mir als Lehrjahr in der Wäscherei und Plätterei, ein drittes Jahr 
werde auf die Ausbildung in der Küche verwendet. Angebracht erscheint es 
mir, die jungen Mädchen in den Kinderhäusern wohnen zu lassen, in denen sie 
geeigneten Pflegerinnen zur Hand gehen. Zur Allgemeinbildung diene die An- 
leitung zum Lesen von guten Volksschriftsiellern, was sicher zur Gemütsdurch- 
bildung und Herzensveredelung beitragen wird. Auf diese Weise erlangen die 
erwachsenen Mädchen die Fähigkeit, alle in einer einfachen bürgerlichen Haus- 
haltung vorkommenden Arbeiten mit Verständnis und Geschick auszuführen. Sie 
können, wenn es ihr Gesundheitszustand erlaubt, bei ihrer Entlassung dann vor- 
bereitet in den Dienst einer bürgerlichen Familie eintreten. 

Beweise für das dringende Bedürfnis nach Fortbilılungsschulen in unsereu 
Anstalten sind vorhanden. Wie sich in den einzelnen Anstalten je nach ihrem 
Pfleglingsmaterial die Einrichtung verwirklichen lassen wird, sei dahingestellt. 
Im Grunde handelt es sich bei den Fortbildungsschulen um Erweiterung und 
Vervollständigung des Kinderschulkursus mit Rücksicht auf die Allgemeinbildung 
und die ethische Erziehung sowohl, als auch auf die Heranbildung eines tüchtigen 
Handwerkerstandes zum Wohle unserer Pfleglinge und zum Nutzen der Anstalten. 


Spiegelschrift und Schülercharakteristik 
in der Hilfsschule. 
Gedanken und Beobachtungen von J. Wettig-Mainz. 

Für einen gedeihlichen, die stetige Entwickelung sicher fördernden Unter- 
richt in der Hilfsschule ist die individuelle Behandlung des Kindes unerlässlich. 
Diese kann aber neben genauer Befolgung der psychologischen Gesetze nur die 
Folge einer gründlichen, allseitigen Beobachtung sein. Jede Tätigkeit des 
schwachbegabten Kindes ist auf ihren geistigen Gehalt zu prüfen und nach 
ihrer geistbildenden Seite einzuschätzen. Gar mannigfach aber sind die Schleier 
und Nebel, welche sich dem forschenden Blick des Lehrers vorlagern, und gleich 
dem unermüdlichen Wanderer und Bergsteiger ist er auch oft genötigt, unwill- 
kürliche Ruhepausen eintreten zu lassen und geduldig das Durchbrechen der 
Sonnenstrahlen abzuwarten. Doch wie auch der Nebel den Ausblick nicht 
immer ganz verhindert und dem wegkundigen Pilger ein langsames und vor- 
sichtiges Weiterschreiten noch ermöglicht, so wird auch der erfahrene und be- 


131 
dächtige Hilfsschullehrer dem kleinen Geistesflämmchen, das in dem Qualm 
des Alltagseins zu ersticken droht, neue Nahrung zuzuführen nicht ohne allen 
Erfolg sich bemühen. Kein Mittel, das den Geisteszustand erkennen lässt, darf 
dabei verschmäht werden, sollte es auch dem stolzen Rosselenker, der die sonnen- 
beschienene Landstrasse dahineilt, unbedeutend und minderwertig erscheinen. 
Zu diesen kleinen Mitteln zähle ich auch die Spiegelschrift. Ich halte sie 
sogar der Prüfung und eingehender Beobachtung des psychologischen Forschers 
wert. Und wenn diese Zeilen dazu beitrügen, dass ein in wissenschaftlichen 
Methoden Erfahrener dieselbe nach Ursache und Wert genau prüfte und erklärte, 
so könnte für die Charakteristik unsrer Hilfsschüler vielleicht ein beträchtlicher. 
Gewinn daraus erwachsen. 

Die Spiegelschrift ist nur bei solchen Kindern anwendbar, welche schon 
längere Zeit Schreibübungen durchgemacht haben. Sie entsteht durch Nieder- 
schreiben mit der linken Hand ’und charakterisiert sich deutlich dadurch, dass 
die geschriebenen Zeichen erst im Spiegelbild die gewohnte richtige Form er- 
kennen lassen. Sie ist also ihrem ganzen Wesen nach etwas Abnormes. Zur 
Ermittelung derselben verfährt man am zweckmäßigsten in der Weise, dass 
man Ziffern, Buchstaben, Silben und Wörter diktiert und mit Bleistift links- 
händig zu Papier bringen lässt; beim Gebrauch der Tinte entstehen leicht 
Kleckse, welche oft die bezeichnendsten Formen verderben. Wenn das Spiegel- 
bild entstanden ist, muss das Kind auf die fremdartige Erscheinung aufmerksam 
gemacht und aufgefordert werden, das gewohnte richtige Bild entstehen zu 
lassen. Öfters genügt schon der einfache Hinweis auf das unrichtige Bild, um 
die Verbesserung zu erzielen, häufig wird sie erst durch das direkte Neben- 
anstellen des normalen Zeichens erreicht, und in vielen Fällen ist die Ver- 
besserung einfach unerreichbar. Selbst Kinder, welche leicht schöne Schrift- 
formen bei ihren Arbeiten zeigen, versagen und schreiben mit fast gleicher 
Gewandtheit Spiegelschrif. Man findet auf diese Weise 4 Schülergattungen: 

I. solche Kinder, welche sofort die richtige Form zustande bringen; 

I. „ „ denen ein einfacher Hinweis zur Verbesserung genügt; 

II. „ ý die zur Erzeugung des normalen Bildes, dieses zur Vorlage 
haben müssen; 

IV „ 2 die trotz Vorlage Spiegelschrift schreiben. 

Man darf wohl hieraus auf eine absteigende Abstufung des Vorstellungs- 
vermögens schliessen, weil die. Bilder, welche jahrelang fast täglicher Übung 
unterlagen, sich dem schwachen Geiste so mangelhaft einprägten, wie sie die 
Abstufung erkennen lässt. Charakteristisch und interessant wird die Sache, 
wenn man normalbegabte Kinder und auch gebildete Erwachsene auffordert, 
Spiegelschrift zu schreiben. Es gelingt ihnen häufig erst mit Aufbietung nicht 
geringer Mühe; der Schwachsinnige macht es mühelos, weil er ohne zu denken, 
nur mechanisch die entsprechenden Bewegungen macht, den ausgefahrenen 
Gleisen nachgeht. Gerade hierin liegt aber meines Erachtens die Bedeutung 
und der pädagogische Wert der Sache. Einesteils lässt sich der geistige Tief- 
stand der Kinder in etwa fixieren und andernteils kann man bei der Wieder- 


192, 


holung des Experimentes sehen, ob und in wie weit der inzwischen erteilte 
Unterricht von Erfolg begleitet war. Das Resultat aber erteilt die ständige 
Mahnung, auch nicht die kleinste Tätigkeit ohne Einsicht und Verständnis, nur 
mechanisch verrichten zu lassen. Ist es doch gerade bei Schwachbegabten ein 
gar häufiges Bestreben, durch Abschrift und gedankenlose, mechanische Nach- 
ahmung, sich den Anschein des Könnens zu verschaffen. 

Zur weiteren Aufklärung und Beurteilung der Sache seien im Nachstehenden 
die Einzelresultate zweier Proben auf Spiegelschrift aus der Mainzer Hilfsschule 
mitgeteilt, wovon die eine im Mai 1901 und die andere an denselben Kindern 
im November 1903 gemacht wurde. Dieselben erstreckten sich auf die Nieder- 
schrift der arabischen Ziffern, in den Unterklassen ausserdem auf die Wörtchen 
„bin, gut, zu, ab“, in der Oberklasse auf die Wörter „zu, ab, Vogel, Fisch, Haus“ 
und bei allen, wenn möglich, auf das Schreiben des eignen Vor- und Zunamens. 
Die Kinder wurden einzeln vorgenommen und jedes ohne jegliche Vorbereitung 
vor die Zumutung gestellt, auf Diktat mit der linken Hand zu schreiben. 


Den Resultaten wird jedesmal ein Urteil und tine kurze Charakteristik des 
zuständigeu Lehrers beigefügt. Um Wiederholungen zu vermeiden, mögen 
folgende Abkürzungen Verwendung finden: P. U. = Praktische Beurteilung ein- 
facher Sachverhältnisse; H. E. — Häusliche Erziehung; Ha. = Handarbeits- 
unterricht; K. = Kochunterricht; Ch. = Charakterisierung. 


A. Knaben. 


1. A.B.131/, Jahr alt; 1901 alles in Spiegelschrift, ebenso 1908 — Stufe IV. 
Ch. = Zerfahrener, erethischer Schwätzer, schreitet weder im Deutschen noch im 
Rechnen sicher vorwärts. P. U. = unsicher und verworren. Ha. = gering. 
H. E. = wenig ermunternd, Zeitungsjunge. 

2. Hch. Ha. 13%, Jahre alt, 1901 und 19083 elegante Spiegelschrift — Stufe IV. 
Ch. = Blöde, stumpfsinnig; eigensinnig, liest und rechnet nur mechanisch, 
lässt beim Sprechen alle Artikel fort und ebenso häufig die Copula im einfachen 
Satz. P. U. = sehr schwach. H. E. = jetzt normal, zur Zeit der Geburt litt 
die Mutter an schweren Nahrungs- und Geschäftssorgen, ein unmittelbar vorher 
geborener Bruder ist geradeso, während 2 früher und 8 später geborenen Geschwister 
normal, zum Teil sehr begabt sind. Ha. = sehr gering. 

8. Hch. Hei. 131, Jahr alt. 1901 glatte Spiegelschrift = IV. 1908 nur 
noch bei 4 u. 6 Stufe II. Ch. = vorlaut und eigenwillig, jähzornig, starke 
Neigung zu Lüge und Unterschlagung. Wandertrieb. Im Lesen und Schreiben 
nach Hilfsschulmaßstab gut fortgeschritten. P. U. = jetzt gut; Ha. = gut; 
H. E. = streng gehalten aber wenig aufmunternd. 

4. L. F. 12'/, Jahr alt. 1908 zitternd normal, nur gegen das Ende kleiner 
Spiegelansatz. Ch. — gutmütig und ängstlich, leicht ermüdbar und träumerisch; 
grosse Narbe am Kopfe infolge eines schweren Sturzes; Lesen gut, Rechnen sehr 
langsam fassend; P. U. = noch naiv, aber richtig; Ha. = er kennt das Richtige, 
vermag es aber nicht zu gestalten, ungeschickt und linkisch in allen Bewegungen. 
H. E. = vorzüglich. | 


133 


5. A. K. 13'/, Jahr alt. 1901 und 1903 zitternd normal = I. Ch. = 
sehr ängstlich und langsam, skrophulös, energielos; im Lesen und Rechnen kleine 
Fortschritte; P. U. — gut; H, E. = mangelhaft, nur auf Äusserlichkeiten bedacht; 
Ha. = befriedigt nicht, weil ungenau und unrein. 

6. H. K. 14 Jahre alt. 1901 Stufe I. 1903 Stufe I. Ch. = sehr lang- 
sam fassend, versagt zeitweise ganz; streitsüchtig, furchtlos, tollkühn; infolge eines 
starken Schlages auf Nasen- und Stirnbein keine Fortschritte im Rechnen mehr gemacht. 
P. U. = ziemlich gut. H. E. = gut, aber nachsichtig Ha. -- gut und geschickt. 

7. Ph. M. 13°), Jahr alt 1901 zwei Buchstaben im Namen Stufe II. 1908 
bei den Ziffern 1 und 4. Stufe II. Ch. == willig und gutmütig, schwerbörig mit 
durchlöchertem linken Trommelfell, daher beim Unterricht oft träumend; Fort- 
schritte im Deutschen gut, im Rechnen mäßig. P. U. — recht gut. H. E. - = gut. 
Ha. = recht geschickt. 

8. Pb. R. 12%/, Jahre alt. 1901 Stufe III bei 2. 8. 9; 1908 nur einmal 
bei Ziffer 2 Stufe II. Ch.=: vorlaut und frech; macht einen geweckten Eindruck, 
seine Leistungen sind aber nicht dementsprechend. Fortschritte im Lesen gut, im 
Rechnen genügend. P. U. — gut und diebesschlau; H. E. = schlecht, unehelich. 
Ha. = gut. 

9. F. Sch. 18?/, Jahre alt. 1901 Stufe III bei Ziffern und Vorname, 1908 
nur noch bei 1 und 6 Stufe II. Ch. = gutmütig und strebsam, Fortschritte im 
Lesen gut, Rechnen genügend, kränklich, fehlt oft. P. U. = ziemlich gut; H. E. = 
gut, bei sehr ärmlichen Verhältnissen. Ha. = gut. 

10. K. F. 13 Jahre alt. 1902 schwungvolle Stufe IV. Ch. = zaghaft und 
ängstlich; P.U. = höchst mangelhaft; H.E. = gut. Wurde irrsinnig, kam des- 
halb in eine Irrenheilanstalt. 

11. D. S. 14'/, Jahre alt. 1901 alles ohne Zögern Stufe IV. 1908 trotz 
der ermstesten Zureden ebenso. Ch. — gutmütig, von zäher Ausdauer und uner- 
müdlichem Fleiss bei jeglichem Unterricht. Erfolge darum trotz beschränktester 
und langsamster Auffassung noch genügend im Deutschen. Erworbene Kenntnisse 
weiss er aber nicht zu verwerten, wenn er vor eine neue Situation gestellt wird. 
P. U. — ungenügend; H. E. = gut, Eltern auch sehr beschränkt. Ha. = un- 
genügend, unfähig zu den einfachsten Verrichtungen. 

13. Gg. J. 18 Jahre alt. 1901 und 1908 Stufe I. Trotzdem sebr schwach 
in Auffassung, Fortschritte in Aufsatz und Rechnen ungenügend. Dagegen in 
häuslichen Arbeiten recht anstellig., P.U. = gut. H.E. = recht traurig und 
ärmlich; Ha. — langsam, genügend. 

14. K. W. 12 Jahre alt. 1901 Stufe IV, ebenso 1908. Ch. = Epileptiker 
seit dem 1. Lebensjahr, anfänglich nur schwach und nur zu Hause, jetzt auch 
ausserhalb desselben; verzehrt mit Vorliebe Zucker und Alkohol Bei längerer 
Aussetzung seines Leidens machte er leidliche Fortschritte; ängstliches Zurück- 
schrecken vor jeder neuen Zumutung im Unterricht. Seit dem Anwachsen des 
Übels starkes Nachlassen der Gedächtniskraft und der Auffassung. Neigung zum 
Vagabundieren wohl infolge sehr mangelhafter H. E. P.U. = gering. Ha. = 
genügend bei längerem Aussetzen der Krankheit. 


134 


B. Mädchen 

15. E. W. 13 /, Jabre alt. 1901 noch nicht hier, 1903 einzelne Zeichen in 
Stufe II Ch. =- Frühgeburt durch Schreck, körperliche und geistige Entwicklung 
bis zum 12. Lebensjahre sehr langsam; von da ab geistig regsamer, die Entwicklung 
nähert sich dem normalen Zustand. P U. = recht gut; H.E. = recht gut; Ha. = 
gut; K.*) = gut. 

16. E. G. 12 Jahre alt. 1901 keine Spiegelschrift Stufe I; 1908 bei den 
Ziffern und den Wörtern „zu, Vogel, Mainz“ =— Stufe IV, bei dem Namen und dem 
Worte „Fisch“, die zuletzt geschrieben wurden, Stufe 1. Ch. = leidet an Krämpfen, 
die mit dem Alter zunehmen; verdrossen, launenhaft, träumerisch; schon sexuelle 
Neigungen bemerklich, verlangt stets nach Lob und ist selbst bei eingesehenem, 
verdientem Tadel verdrossen. Fortschritte in allem gering; in der Auffassung 
zurückgegangen P.U == ungenügend; Ha. = ungenügend. H.E. = sehr gut, 

17. M. D. 13 Jahre alt. 1901 Stufe IV, ebenso 1903. Ch. = unbeständig 
und verworren in der Auffassung. Aufmerksamkeit ist nur von kurzer Dauer zu 
erzielen; naschhaft, verlogen. Fortschritte in allem unbedeutend. P. U. = unsicher 
und mangelhaft. H.E. = wegen zu grosser geschäftlicher Inanspruchnahme der 
Eltern (Bierwirtschaft) ungenügend. Ha. = mittelmässig, wenig selbständig und 
selbsttätig. K. ebenso. | 

18. A. D. 13'/, Jahre alt. 1901 Stufe III, 1903 Stufe I. Ch. == jetzt erst 
122 cm gross, blutarm; die geistige Entwickelung bis zum 12. Lebensjahr gleich 
der Körpergrösse zurück. Seit 1!/, Jahren bedeutend regsamer, namentlich im 
Deutschen, weniger im Rechnen. Fortschritte im allgemeinen gut. P.U = gut 
und sicher; H. E. = gut; Ha. = ziemlich gut. 

19. A. N. 14 Jahre alt. 1901 Stufe III. 1903 Stufe I. Ch = Rachitis 
gravis, lernte erst im 6. Lebensjahr laufen, jetzt 126 cm gross, war geistig ebenso 
lang zurückgeblieben, dabei eigensinnig und auffallend empfindlich. Seit 2 Jahren 
körperlich und geistig erstarkt. Fortschritte in allem gut. P. U. = gut; Ha = gut; 
K. gleichfalls gut. H.E = gut. | 

20. F. B. 13 Jahre alt. 1901 Stufe Ill, 1903 Stufe L._Ch. = Lues patris. 
Zwillingskind; andere Schwester normal; still und sanft, leicht erschrocken, dabei 
Atembeschwerden beim Sprechen; langsam auffassend; mechanisches Gedächtnis 
sehr treu, aber auch fleissig und strebsaın, Fortschritte im Rechnen am geringsten. 
P. U. = gut; H. E. = gut; Ha. = ziemlich gut; K. = gut. 

21. Ma. Mü. 14 Jahre alt, 1901 Stufe IV, 1908 Stufe II nur noch bei den 
U-bogen, sonst I. Ch. == im vorschulpflichtigen Alter so stark skrophulös, dass nach 
der Heilung einzelne Finger krumm und schief wurden. Infolge dieser Erkrankung 
von Hause verwöhnt und höchst eigensinnig, was sich sowohl beim Genuss physischer 
wie geistiger, nicht zusagender Nahrung kund gibt. Doch wurde dieser Wider- 
willen gegen Unterordnung und geistige Anstreng in der Schule allmählich über- 
wunden. Zu Hause scheint die sehr arme Mutter des Eigensinns noch nicht Herr 

*) In Mainz ist für die Mädchen der obersten Schulklasse eine Kochschule ein- 


gerichtet; seit Ostern .1908 ist auch den ältesten Mädchen der I. Hilfsschulklasse die 
Teilnahme hierzu gestattet. 








135 
geworden zu sein. P.U. = gut, Auffassung stetig zunehmend; Ha — bei guter 
Laune gut, sonst kaum genügend. K. ebenso. 
Die Probe auf Spiegelschrift wurde bis jetzt im ganzen an 51 Kindern der 
Hilfsschule zweimal und an 15 einmal gemacht. 


Es schrieben 1901 Stufe I = 12, davon 1903 Stufe I = 28, 
1. ==: 18; II = ©, 
H = 7, II = 4, 
IV = 19, IV = 18. 


Von den 15 Neulingen schrieben Stufe I=- 5; II = 1; MI = 1; IV = 
Die Vermehrung der Stufe I bei den 51 Erstgenannten um 14 ist eine Be- 
stätigung der Unterrichtsresultate im allgemeinen. Die betreffenden Schüler 
baben namentlich erkennbare Fortschritte in der Auffassung und der praktischen 
Beurteilung einfacher Sachverhältnisse gemacht. Die Verminderung der Stufen 
II und III um 10 ist nur für 6 nach oben zu I erfolgt; bei 4 Kindern musste 
ein Rückgang konstatiert werden, der seinen Ausdruck in der Spiegelschriftprobe 
nach unten zu Stufe IV fand. Aus Stufe IV sind demnach ebenfalls 10 nach 
oben gerückt. 

Es sei ferner noch bemerkt, dass die Urteile über die Fortschritte im ein- 
zelnen nicht immer mit der günstigen Veränderung der Schrift vollständig 
übereinstimmen, im allgemeinen gehen sie aber parallel. Ein recht schwacher 
Knabe schrieb niemals Spiegelschrift. 

Von besonderem Interesse war es für mich, zu sehen, wie normale Schüler 
sich bei der “Spiegelschriftprobe verhielten. Mit gütiger Erlaubnis des Haupt- 
lehrers Stamm dahier, dem auch an dieser Stelle hierfür bestens gedankt sei, 
konnte ich in mehreren Normalklassen Proben erheben. In einer VII. Klasse 
(2. Schuljahr) wurden 5 der schwächsten Schüler geprobt; Resultat wie folgt: 

1. F. H. 9 Jahre alt, bereits zum zweiten Mal Repetent, schrieb nur bei den 
Ziffern 2 3 5 Stufe II. Ch. = tuberkulös im Gehirn, Zwillingsbruder bereits an 
derselben Krankheit gestorben; fehlt oft, häufig Kopfweh, mangelhaft entwickelt; 
ermüdet sehr leicht. Gesamtnote in allen Leistungen 5. 


2. W. D. 7 Jahre alt, schrieb elegant Stufe IV. Urteil des Lehrers: Lesen 
schwach. Rechnen 3. Auffassung und Beurteilung einfacher Sachverhältnisse sehr 
schwach. Gasamtnote 4. 


3. K. H. 9 Jahre alt, bereits zum zweiten Male Repetent, schrieb bei den 
Ziffern und ersten Wörtern Stufe IV. bei den letzten Wörtern: Vogel, Fisch, Haus 
plötzlich Stufe I. Urteil des Lehres: Faul, energielos, häuslich vernachlässigt. 
Gesamtnote 5. 


4. H. K. 10 Jahre alt, bereits zum zweiten Male Repetent, schrieb bei „z u. 
h“ Stufe III. Urteil des Lehrers: Schlecht genährt, schwaches Gedächtnis, feblt 
häufig, Gesamtnote 4—5. 


5. A. U. 9 Jahre alt, zum zweiten Mal Repetent, schrieb nur bei einzelnen 
Ziffern Stufe II. Urteil des Lehres: Fleissig, langsam in der Auffassung, Gedächtnis 
sehr schwach. 


136 

In einer V. Klasse (4. Schuljahr) ergab die Probe Nachstehendes : 

1. K. H. 11 Jahre alt, zum zweiten Male Repetent, schrieb trotz aller Be- 
mühung in allem Stufe IV. Er ist nicht im stande !/, von 42 zu rechnen. Ge- 
samtnote 5. 

2. A. S. 10 Jahre alt, einmal Repetent, zurückgeblieben infolge vieler Ver- 
säumnisse. Gesamtnote 5, rechnete !/, von 42, '/, von 42 nicht. Der Lehrer 
erwartet Spiegelschrift, er schrieb aber keine. 

8. L. G. 9 Jahre alt, Sohn eines Bierzäpfers, trinkt viel Bier und kann schon 
3 Schoppen ohne Beschwerden vertragen. Gesamtnote 8 -4; Spiegelschrift er- 
wartet, schrieb aber keine. 

Auch in einer III. Klasse 6. Schuljahr, fand sich unter 6 Geprobten ein 
Schüler, der in Stufe III Spiegelschrift schrieb. Er besucht im 8. Jahre die 
Schule und ist noch für diese Klasse zu schwach. 

In einer I. Klasse, 8. Schuljahr, fand sich keine Spiegelschrift. Darauf 
wurde 2 der besten Schüler solche gezeigt. Es gelang ihnen erst nach wieder- 
holten Versuchen unter vieler Mühe, dieselbe hervorzubringen. 


Die technische Ausbildung der 
schwachsinnigen Knaben in der Königl. Landesanstalt zu 
Grosshennersdorf und die Fürsorge für die Entlassenen. 

G. Nitzsche. 
(Schluss.) 

Der Anstalt bez. der Entlassenen-Fürsorge fällt beim Eintritt ihrer Pflege- 
befohlenen in das militärpflichtige Alter die Aufgabe zu, das Nötige zur Bean- 
standung ihrer Einstellung in den Militärdienst zu bewirken. Zu diesem Zwecke 
werden die schwachsinnigen Militärpflichtigen bei der Ersatzkommission ihres 
Geburtsortes zur Stammrolle angemeldet. Dass diese Fürsorge, wie überhaupt 
die Entlassenen-Fürsorge nicht immer das Einverständnis der Eltern der Ent- 
lassenen findet, ist eine Öfter zu machende Wahrnehmung. Aus einem erst 
letzthin eingegaugenen Briefe von Eltern, deren schwachsinniger Sohn ein braver 
und tüchtiger, landwirtschaftlicber Arbeiter im hiesigen Orte ist, aber an periv- 
dischen Stimmungsschwankungen und an Wandertrieb leidet und kürzlich auf 
2 Tage verschwunden war, sei hierzu folgendes mitgeteilt: 

„Ihren werten Brief haben wir erhalten und danken Ihnen für die Nachricht, 
wenn sie auch nicht erfreulich war. Max kann es doch nirgends besser haben, 
wieviele würden sonst was drum geben, wenn sie eine solche Stelle hätten. Die 
einzige Hoffnung, die wir haben, ist, dass er Soldat wird; dort werden sie ihm 
seine Mucken schon austreiben; wenn er dort fortläuft, holen sie ihn schon; unsert- 
wegen mögen sie bei Militär mit ihm machen, was sie wollen und wenn er 
20 Jahre dienen müsste. Wir bitten Sie, nichts an das Militär zu berichten, er 
ist gesund, gross und stark. Wenn er nur wenigstens 1 Jahr ausgehalten hätte, 
dann ist er mündig, dann mag er hinlaufen, wohin er will. Von uns hat er 
nichts zu hoffen.“ 


137 

Und solche unverständige Eltern sind häufig! 

Wie bei der Beurlaubung, so ist auch vor der eigentlichen Entlassung 
das Beschaffen eines geeigneten Arbeitsunterkommens das erste; für einen Teil 
unserer Entlassenen sorgen deren Angehörige, für die andern besorgt die Anstalt 
das Unterkommen. Für jeden Entlassenen aber bestellt die Anstalt an seinem 
Wohnorte eine Vertrauensperson (Geistlichen, Lehrer ete.), die den Arbeitgeber 
oder die Angehörigen bei der weiteren Erziehung und Behandlung des Entlassenen 
unterstützt und dem Entlassenen mit Rat und Tat zur Seite steht und, wenn 
angezeigt, dafür sorgt, dass der Schwachsinnige in gewissen Grenzen gehalten 
wird, dass er über sein Geld und seine Zeit nicht frei verfügt; unverständige 
oder gar herzlose Behandlung macht ja nur zu rasch auch arbeitstüchtige 
Schwachsinnige kopflos, jähzornig und alsdann zur Arbeit ganz unbrauchbar. 
Die Vertrauensperson gibt über ihre bei der Fürsorge gemachten Wahrnehmungen 
der Anstalt mindestens einmal im Jahre Mitteilung. Die Entlassenen werden 
in kürzeren nder längeren Zwischenräumen vom Anstaltsvorstande besucht, dem 
dadurch Gelegenheit geboten wird, sich an Ort und Stelle von der materiellen 
Lage und dem geistigen Zustande der Entlassenen zu überzeugen und ev. Abhilfe 
zu schaffen. Die Entlassenen erhalten, wenn nötig, aus der Unterstützungskasse 
für beurlaubte und entlassene Zöglinge der Landesanstalten für schwachsinnige 
Kinder einige Unterstützung. Diese Unterstützung gebt durch die Hände der 
Vertrauensperson, die diese Gelder in geeigneter Weise für die Entlassenen ver- 
wendet und dadurch nicht nur bei dem Schwachsinnigen sondern auch bei dessen 
Angehörigen für Ratschläge und Anordnungen willigeres Gehör findet, als es 
sonst der Fall sein würde. Diese Überwachung und Beeinflussung jedes einzelnen 
Schwachsinnigen durch eine einflussreiche Persönlichkeit des Wohnortes schützt 
eine grosse Anzahl vor körperlichem, geistigen und sittlichem Verfalle. Die 
Vertrauensperson sorgt, wenn eine Kollision des Entlassenen mit dem Gesetze 
nicht hat verhindert werden können, dafür, dass die Anstalt von dem Vergehen 
Kenntnis erhält, damit ev. der Richter über die geistige Beschaffenheit des 
Rechtsbrechers auf Grund der s. Zt. über ibn in der Anstalt geführten 
‘ Charakteristik unterrichtet werden kann. Erfreulicherweise kommen derartige 
Fälle, dass Entlassene sich strafbar gemacht, selten vor. Die Führung der Ent- 
lassenen gibt im allgemeinen wenig zu Klagen Anlass; die meisten Klagen 
laufen aus den grossen Städten ein, wo einzelne alleinstehende Entlassene durch 
Wobnungs- und Arbeitswechsel sich der Aufsicht ihrer Vertrauenspersonen ent- 
ziehen und dann mitunter auf schlimme Abwege geraten. Eigenartig ist es, 
dass Entlassene selten dem Branntweingenusse verfallen, dass sie sich abstinent 
halten, trotzdem ihre ganze Umgebung dem Alkohole huldigt und den Schwach- 
sinnigen zu seinem Genusse drängt. Den tüchtigen Vertrauenspersonen ist es zum 
grossen Teile mit zu danken, wenn Not, Müssiggang und Alkohol von den Ent- 
lassenen fern gehalten werden und sie möglichst lange erwerbstähig bleiben, 

Von den arbeitstüchtigen Entlassenen betreibt keiner ein Handwerk selbst- 
ständig; einer besitzt zwar z. Zt. ein Korbwarengeschäft, er findet aber die nötige 
Unterstützung in der Führung desselben bei seinen Angehörigen. Die Ent- 


a, 


lassenen sind als Korbmachergehilfen, Zigarrenarbeiter, Gärtnergehilfen, Strassen- 
arbeiter, landwirtschaftliche Arbeiter, Knechte, Handarbeiter in Steinbrüchen, 
Bergwerken u. s. w. tätig; die Handarbeiter betreiben im Winter, wenn ihr 
Arbeitgeber sie nicht genügend beschäftigen kann, vielfach das Rohrstuhlbeziehen, 
das Deckenflechten oder auch etwas Korbmacherei. Verheiratet sind 4 Ent- 
lassene; glücklicherweise haben sie keine Kinder; 3 sind Fabrikarbeiter, einer 
ist Korbmacher. In andern Fällen, wo Eheschliessung beabsichtigt war, gelaug 
es rechtzeitig, die Beteiligten zu bestimmen, von ihrem Vorhaben abzusehen. 
Der Verdienst ist je nach der Arbeit und dem Arbeitsorte verschieden; im ver- 
gangenen Jahre schwankte er bei den voll erwerbsfähigen Entlassenen zwischen 
8 und 17 Mk. wöchentlich, wenn man den ausnahmsweise hohen wöchentlichen 
Verdienst von mindestens 30 Mk., den ein gelernter Korbmacher durch Herstellen 
von Bambusrohr-Möbeln als Gehilfe erzielt, unberächsichtigt lässt; dieser Mann, 
der weder lesen noolı schreiben noch rechnen kann, ist der technisch begabteste 
Zögling der Anstalt bisher gewesen; eine solche Befähigung ist bei Schwach- 
sinnigen eine grosse Seltenheit. 

Die beschränkt arbeitsfähigen Entlassenen, die nur einen Teil ihres Lebens- 
unterhaltes erwerben, sich nur etwas nützlich machen, wenn sie unter steter 
Aufsicht und Anregung stehen, finden entweder Unterkommen bei ihren Eitern 
oder sie werden in geeignete Familienpflege gebracht; hierbei erwachsen zwar 
Kosten, doch sind diese im Verhältnis zu denjenigen, die durch Anstaltspflege 
verursacht werden, gering; sie werden teils aus der Unterstützungskasse, teils von 
Ortsarmenverbänden bestritten. Grundsatz der Fürsorge für Schwachsinnige wird 
immer sein und bleiben müssen, möglichst viele Schwachsinnige ihren Familien 
bez. dem öffentlichen Leben als nützliche Glieder zurückzugeben. 

Freilich nicht allen Schwachsinnigen gelingt es trotz sorgfältiger Vorbe- 
reitung, guter Unterbringung und Überwachung sich in der freien Konkurrenz 
des Öffentlichen Lebens zu halten; die manchem Schwachsinnigen gewährte Hilfe 
ist keine ausreichende, deun sie vermag nicht alle Schwierigkeiten zu heben, 
die aus dem geistigen und körperlichen Zustande des Schwachsinnigen und aus 
der Unkenntnis seiner Behandlung von seiten anderer entstehen. Eine gewisse 
Anzahl bedarf deshalb bald wieder der Versorgung; lässt sich diese vor der 
Entlassung aus der Anstalt voraussehen, so werden die Angehörigen darauf 
aufmerksam gemacht, und es wird ibnen die Unterbringung in das hiesige 
Koloniegut empfohlen. Das tägliche Verpflegsgeld für Kolonisten beträgt 60 
bez. 80 Pf Dieses Gut, das 30,5 ha Land umfasst, wurde im Jabıe 1894 aus 
den Mitteln der Unterstätzungskasse erworben. Die Kolonisten — z. Zt. 19 — 
werden mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt; sie sind nur beschränkt 
arbeitsfähig und geistig nicht so beschaffen, dass sie sich für Familienpflege 
eigneten. Aufnahme finden nur ehemalige Zöglinge der Landesanstalt und zwar 
dann, wenn sie geschlossener Anstaltspflege nicht bedürfen und auf Grund ihres 
Vorlebens nicht eine sittliche Gefahr für andere Kolonisten bedeuten. Unter 
ihnen befinden sich einige Imbezille im Alter von 20 —27 Jahren, deren früher 
stark hervortretendes Triebleben sie als andern gefährlich erscheinen liess, jetzt 


139 

aber bedeutend abgeschwächt ist; sie sind lenksam und auch zur Verrichtung 
landwirtschaftlicher Arbeiten brauchbar geworden; in der Anstalt wurden sie 
im Alter von 15—18 Jahren in den Werkstätten beschäftigt. Sehr schwer hält 
es, Eltern von solchen agilen Schwachsinnigen, die die Erwerbsfähigkeit zwar 
erlangt baben, aber ihres Verhaltens wegen in der Freiheit nicht existieren 
können, zur Unterbringung in die Kolonie zu bewegen; diese armen Burschen 
leiden dann nach ihrer Entlassung aus der Anstalt viel unter dem Unverstande 
ihrer Angehörigen, und noch mehr, wenn schlechte Behandlung sich dazu gesellt, 
sie sinken rasch von Stufe zu Stufe, werden für die freie Verpflegung in der 
Kolonie untauglich und bedürfen dann der Pflege und Überwachung, wie sie 
nur eine geschlossene Pflegeanstalt bieten kann. 

Die Berichte der Vertrauenspersonen und die eignen Wahrnehmungen bei 
den Besuchen geben dem Anstaltsvorstande zuweilen Veranlassung, Angehörige 
und Armenverbände bei der Unterbringung von ehemaligen Anstaltszöglingen, 
deren Zustand wieder Anstaltspflege erheischt, zu beraten. Die Bezirksarmen- 
häuser, an die in jüngster Zeit überall Siechenhäuser angegliedert worden sind, 
nehmen eine Anzahl auf; andere, die sich oder andern gefährlich geworden, finden 
Unterkunft in der Abteilung für ältere Idioten bei der Königl. Heil- und Pflege- 
anstalt Hubertusburg. 

Die Fürsorge für Entlassene kann natürlich nur segensreich wirken, wenn 
ihr genügende Geldmittel zur Verfügung stehen. Leider ist aber gerade für 
unsere Schwachen in allen Schichten der Bevölkerung noch immer zu wenig 
Verständnis und Herz für die Schwere ihres Gebrechens und für ihr bedauerns- 
wertes Los vorhanden. Die Landesanstalt muss ihre Zöglinge spätestens dann 
entlassen, wenn ihre Ausbildung beendet ist oder wenn sie ihres Alters wegen 
sich nicht zur weiteren Verpflegung eignen, das letztere gilt besonders von den 
Bildungsunfähigen. In beiden Fällen entstehen für den für die fernere Unter- 
stützung der Entlassenen Verpflichteten wesentliche Kosten, denn die meisten 
Ausgebildeten vermögen nicht ihren Lebensunterhalt ganz zu verdienen und die 
vollständig Bildungsunfähigen bilden für ihre Angehörigen bez. die Ortsarmen- 
verbände eine schwere Last. Unsere Unterstützungskasse für entlassene Zöglinge 
der Landesanstalten für schwachsinnige Kinder verfolgt nun den Zweck, zu diesen 
Ausgaben beizutragen und so die Arbeitsfähigen auch arbeitsfähig zu erhalten 
und den anderen Unterstützungen zu gewähren; dazu sind aber reiche Mittel 
nötig. Die Unterstützungskasse ist im Jahre 1865 aus einer Schenkung des 
Partikuliers Mangelsdorf in Wermsdorf im Betrage von 75 Mk. entstanden. 
In hochherziger Weise hat das Königl. Ministerium des Innern der Kasse den 
Ertrag der durch die Zöglinge betriebenen Arbeiten, sowie der Garten- und Feld- 
wirtschaft bei der Anstalt Grosshennersdorf überwiesen; die Unterstützungskasse 
ist Pächterin der zur Landesanstalt Grosshennersdorf gehörigen Anstaltsökonomie; 
die jährliche Pacht beträgt 1500 Mk.; die Einnahme im letzten Wirtschaftsjahre 
belief sich auf 4759 Mk. Ausserdem fliessen der Kasse Beträge von Gemeinden, 
Bezirksverbänden und verschiedenen Korporationen auf Ansuchen zu; dann und 
wann werden ihr Beträge auch von Privateu zugewiesen. Der Vermögensbestand 


140 


betrug Ende 1903: 124965 Mk.; dazu kommt der Besitz des Koloniegutes im 
Werte von ca. 80000 Mk. Dieses Gut erzielte im vergangenen Jahre einen 
Ertrag von 2928 Mk. Unterstützt wurden im Jahre 1904: 198 Entlassene im 
Lande mit 3500 Mk.; an dieser Kasse partizipieren auch die Entlassenen aus der 
Königl. Landesanstalt für schwachsinnige Mädchen zu Nossen. 

Unsere Entlassenen - Fürsorge strebt dem Ziele zu, allen — auch den 
bildungsunfähigen ehemaligen Zöglingen — Mittel zum Schutze vor der äussersten 
Not zu bieten und insbesondere die koloniale Verpflegung Sohwachsinniger, 
speziell der arbeitsfähigen Imbezillen mit ethischen Defekten, die zeitlebens oder 
doch bis in das Mannesalter hinein erziehlich beeinflusst werden sollten, zu 
erweitern. Möchte es gelingen, dieses Fürsorgesystem, das allerdings wesentliche 
Geldopfer verlaugt, zum Segen der Unglücklichen, sowie ihrer Angehörigen und 
der Ortsarmenverbände immer weiter auszubilden! 


An den Vorstand der Konferenz in Stettin! 


Der Zweck der folgenden Zeilen ist, den Vorstand unseres Vereins im An- 
schluss an das Arbeitsprogramm der bevorstehenden Stettiner Konferenz noch auf 
eine Angelegenheit aufmerksam zu machen, mit der sich bereits die Elberfelder 
Konferenz beschäftigte und die trotz mehrfachen Vorgehens bis heute noch keinen 
befriedigenden Abschluss gefunden hat — es ist der bekannte $ 11 des preussischen 
Lehrerbesoldungsgesetzes vom 3. März 1897. Der Inhalt desselben, soweit er 
unsere privaten Idiotenanstalten betrifft, dürfte hinlänglich bekannt sein. Es können 
nach seinen Bestimmungen von den im privaten Schuldienst zugebrachten Dienst- 
jahren bei einem etwaigen Rücktritt in den öffentlichen Volksschuldienst nur 
10 Jahre angerechnet werden, und auch diese nur unter der Bedingung, dass für 
jedes derselben 270 Mk. (bei Lehrerinnen 120 Mk.) an die Alterszulagekasse ent- 
richtet werden. Die nachteiligen Folgen, welche aus dieser gesetzlichen Bestimmung 
unsern Anstaltsschulen erwachsen, liegen so deutlich auf der Hand und sind an 
dieser Stelle schon so oft erörtert worden, dass wir uns diesmal eine eingehende 
Besprechung ersparen können. Für jeden Einsichtigen bedeutet $ 11 nichts weniger 
als den vollständigen Ruin unserer unterrichtlichen Anstaltstätigkeit. 

Auf die Eingabe, welche der Vorstand am 2. Dezember 1901 auf Grund einer 
in Elberfeld gefassten Resolution an den Herrn Minister richtete, erwiderte dieser, 
dass er zwar die Härten jener Bestimmung anerkenne, dass er aber bei der 
zwingenden Natur der gesetzlichen Vorschrift nicht in der Lage sei, die Wünsche 
der Anstaltsvertreter erfüllen zu können. 

Als bald darauf (18. November 1902) eine Sonderkonferenz der pädagogischen 
Anstaltsleiter stattfand, wurde auch $ 11 nochmals auf die Tagesordnung gesetzt. 
Der Vorsitzende, Direktor Schwenk-Idstein, der über diesen Punkt referierte, 
schlug eine Petition an das Abgeordnetenhaus vor, deren Entwurf er der Ver- 
sammlung auch vorlegte, fand aber bei den Anwesenden, denen der Zeitpunkt für 
ein derartiges Vorgehen nicht geeignet erschien, keine Zustimmung. Dagegen 
wurde folgende Resolution gefasst: 


141 

„Die Versammlung nimmt mit Interesse Kenntnis von den Ausführungen des 
Referenten, hält eine Änderung des $. 11 für wünschenswert und beäuftragt ihren 
Vorstand, bei geeigneter Gelegenbeit an zuständiger Stelle die nötigen Schritte zu tun.“ 

Mit dieser Resolution war die Angelegenheit auf längere Zeit erledigt. Wenigstens 
wurde während der beiden letzten Jahre von keiner Seite verlautbar, dass irgend- 
welche Schritte in Sachen des $ 11 getan worden wären, und voraussichtlich 
dürfte, wenn erst eine Revision des Lehrerbesoldungsgesetzes abgewartet werden 
soll, noch geraume Zeit verstreichen, ehe diese Angelegenheit ihre definitive Ent- 
scheidung findet. 

Wie lange aber wird dieser Interimszustand noch dauern? Und vor allen 
Dingen: In welcher Weise suchen die Anstalten, solange der $ 11 noch zu Kraft 
besteht, ihren Bedarf an Lehrkräften zu decken und wie verhalten sie sich den 
gesetzlichen Beiträgen gegenüber, welche die in den öffentlichen Schuldienst zurück- 
kehrenden Lehrer an die Alterszulagekasse nachzuzahlen haben? Das sind Fragen, 
die so sehr in die praktische Erziehungstätigkeit der Anstalten eingreifen, dass sie 
sich eigentlich von selbst der kommenden Konferenz zur Beratung aufdrängen. 

Nach der bestehenden Vorschrift des $ 11 ist es als völlig ausgeschlossen zu 
bezeichnen, dass die Anstaltsleiter für ihre vakanten Lehrerposten jetzt noch voll- 
wertige und staatlich anerkannte Bewerber finden werden. Denn darüber kann 
am Ende doch kaum ein Zweifel bestehen, dass kein besonnener Lehrer den 
sicheren und an sich leichteren Staatsdienst verlässt, um dafür eine mühevollere 
Stellung einzutauschen, die ihm nicht nur keinen Nutzen, sondern sogar eine ganz 
bedeutende Schädigung einbringt. Wie gedenken nun die Anstalten ihre Lehrer- 
bedürfnisse zu befriedigen, ohne zu zweit- und drittklassigem Lehrermaterial 
zu greifen? 

Ferner: Trotz des $ 11 sind doch noch da und dort Lehrer und Lehrerinnen 
dem Dienste ihrer Anstalten treu geblieben, manche vielleicht in der Hoffnung auf 
baldige Änderung der besprochenen gesetzlichen Bestimmungen, eine Hoffnung, 
deren illusorischer Charakter — wie es scheinen will — je länger, je deutlicher 
zutage tritt. Wie gestaltet sich nun die Zukunft dieser Anstaltslehrer und 
-Lehrerinnen? Man darf doch wohl annehmen, dass die Vorstände und Anstalts- 
leiter. an dieser Frage nicht mit einem gleichgültigen „Da mögen sie selbst sorgen", 
vorübergehen, sondern mit sachlichem Ernst und wohlwollendem Verständnis die 
Lage ihrer pädagogischen Mitarbeiter und Kollegen sich vergegenwärtigen und 
einen beiderseitig zufriedenstellenden Ausweg zu suchen bereit sind. 

Laut Gesetz können dem Anstaltslehrer bei öffentlicher Anstellung nur 10 
der in der Anstalt zugebrachten Dienstjahre angerechnet werden; die Zeit, die er 
über 10 Jahre in einer Anstalt verbleibt, ist für ihn in bezug auf Gehalts- und 
Pensionsberechnung unwiderruflich verloren, d. h. nach dem 10. Dienstjahr ist ein 
Rücktritt in den öffentlichen Volksschuldienst ohne Einbusse am Dienstalter nicht 
mehr möglich Diese Einbusse ist natürlich um so grösser, je höher die Zahl der 
über 10 hinausliegenden Dienstjahre ist, und damit verringert sich auch die Aus- 
sicht, jemals wieder in den öffentlichen Schuldienst zurückkehren zu können. Es 
liegt auf der Hand, dass im Blick auf solche Erwägungen sich Anstaltslehrer nur 


142 


in den allerseltensten Fällen für ein definitives Verbleiben in den Anstalten ent- 
schliessen werden, woran auch der Umstand, dass einzelne Anstalten ihre Lehrer 
in private und kommunalständische Pensionskassen einzukaufen bestrebt sind, kaum 
etwas ändern dürfte; denn nach den heutigen Bestimmungen des Lehrerbesoldungs- 
gesetzes ist jeder Lehrer, der in Preussen länger als 10 Jahre an einer privaten 
Schule arbeitet, nolens volens an diese private Stellung für seine ganze Lebens- 
dauer gebunden, zum allermindesten ist ihm der Rückgang in den öffentlichen 
Schuldienst verschlossen. Darum dürfte es niemand wundernehmen, wenn es das 
Bestreben der Anstaltslehrer ist, einer solch prekären Situation, die übrigens auch 
für die pädagogischen Anstaltsleiter bedenklich werden kann, rechtzeitig vorzu- 
beugen. Den Anstaltslehrern bleibt also nichts anderes übrig, als rechtzeitig wieder 
in den öffentlichen Schuldienst zurückzukehren. — Ja, wenn das sich nur so ohne 
weiteres bewerkstelligen liesse! Aber nun erst kommt der wunde Punkt zum 
Vorschein. Nehmen wir an, ein Lehrer hätte genau 10 Jahre seiner Anstalt ge- 
dient, so müsste er nicht weniger als 2700 Mk. an die Alterszulagekasse nach- 
bezahlen, und zwar nur deshalb, um damit ein Recht zu erkaufen, das seinen 
Kollegen im öffentlichen Schuldienst ohne jede Gegenleistung zukommt. Zwei- 
tausend siebenhundert Mark! Haben die Herren Vorstände und Leiter von 
Anstalten sich diese Zahl schon einmal ernstlich vergegenwärtigt? Das also wäre 
der Lohn für alle Mühe, Aufopferung und Entbehrung, die der Anstaltslehrer 
10 Jahre lang auf sich genommen hat? Ja, wenn er wenigstens irgendwelche 
Vorteile von dieser Dienstzeit gehabt hätte, dann könnte man am Ende seine Nach- 
zahlung noch gerechtfertigt finden. Aber wo ist der Anstaltslehrer, der jährlich 
270 Mk. mehr einnähme als seine Kollegen von der Volksschule? Und wenn, — 
das Plus an Schularbeit und an ausserunterrichtlicher Anstaltstätigkeit, das der 
Anstaltslehrer zu leisten hat, sollte das bei der Gehaltsfrage gar nicht in Rechnung 
gezogen werden dürfen? Der Vorsteher der Anstalt in Mauren (Kanton Thurgau), 
P. Oberhänsli, bemerkte in seinem Vortrag auf der letzten Schweizerischen 
Konferenz für das Idiotenwesen (Luzern): „Nur wenn die Barbesoldung derjenigen 
an der Volksschule gleichkommt, wenn die Dienstjahre in der Anstalt beim Über- 
tritt in die Volksschule mit angerechnet werden, können wir tüchtige patentierte 
Lehrkräfte bekommen und behalten; die freie Station müssen wir als Äquivalent 
für geleistete Mehrarbeit berechnen.“ 

Nun haben die Anstaltslehrer in den meisten Anstalten Preussens von dieser 
Forderung weder das eine noch das andere, dafür aber ein Extra-Minus von 270 Mk. 
pro Jahr. Greller als durch solche Betrachtungen kann jene unverständliche Vor- 
schrift des $ 11 wohl kaum beleuchtet werden. Aber nun ist es einmal so, und 
alle Erörterungen darüber sind — wenn man sich auf den abwartenden Standpunkt 
jener letzten Resolution vom 13. November 1902 stellt — rein akademischer Natur. 
Um so praktischer und realer ist dagegen die Frage: Wer hat jene Nach- 
zahlung an die Alterszulagekasse zu tragen? 

Es erscheint höchst merkwürdig, dass trotz der vielfachen Erörterungen, die 
über $ 11 schon stattgefunden haben, diese Frage noch von niemand aufgeworfen 
wurde. Als ob es etwas ganz Selbstverständliches wäre, dass bei jener gesetzlichen 


143 
Rückzahlungspflicht ganz ausschliesslich nur der betreffende Lehrer resp. Lehrerin 
in Betracht kommen könnten. So selbstverständlich erscheint diese Zumutung an 
die Lehrer bei einigem Nachdenken doch wohl nicht. Zum mindesten könnten die 
Anstaltsleiter vielleicht zu der Erkenntnis kommen, dass es im Grunde ein Akt 
der Billigkeit wäre, wenn die Anstalten, die dabei doch am meisten interessiert 
sind, jene Summe ganz oder wenigstens zum Teil mit in ihre Rechnung nähmen. 
„Ein Akt der Billigkeit!“ Mehr wagen wir vorläufig nicht zu sagen, wenngleich 
ein vergleichender Blick auf die Art, wie in Öffentlichen Schulen die Einzahlung 
an die Alterszulagekasse geregelt ist (der Lehrer bezahlt hier nichts, dagegen die 
Gemeinde, der er dient, ca. 140 Mk. und das übrige der Staat), auch einen andern 
Ausdruck rechtfertigen würde. 

Aber wir wollen nicht unbescheiden sein, in der gewissen Voraussetzung, dass 
die Anstaltsvertreter die Wichtigkeit der hier angeschnittenen Frage anerkennen 
und sie einer wohlwollenden Beratung unterziehen werden. Uns genügt es, die 
Frage angeregt zu haben, und. wir geben uns der Hoffnung hin, es werde sich ein 
Referent finden, der in der angedeuteten Weise den $ 11 auch einmal vom Stand- 
punkt dar Anstaltslehrer zur öffentlichen Beratung und Besprechung bringt und aus 
warmem Herzen ein Wörtchen zu ihren Gunsten einlegt. Der Dank so mancher 
im stillen wirkenden Anstaltslehrer und Lehrerinnen, die schon lange beklommenen 
Gemütes nach $ 11 blicken, wird ihm sicher sein. 


—— c =- = — 


Mitteilungen. 


Grünberg in Oberhessen. (Neue Idiotenanstalt.) Für das ganze Gross- 
herzogtum Hessen bestand die Zeit heraus uur die eine Schwachsinnigen -Anstalt 
in der Provinz Starkenburg, nämlich die Idiotenanstalt „Alicestift“ in Bessungen 
bei Darmstadt. Schon seit Jahren ist diese Anstalt überfüllt und dachte man schon 
lange Zeit an eine Vergrösserung bezw. an eine Neugründung. Die Regierung 
hat sich nunmehr entschlossen, eine neue zweite Idiotenanstalt zu bauen und zwar 
in dem Städtchen Grünberg im Vogelsberg, das vor allem gesundheitlich sehr gut 
gelegen ist. Doch dürfte die Wahl hauptsächlich auch darauf zurückzuführen sein, 
dass dadurch die Anstalt in gute Verbindung mit der psychiatrischen Klinik in 
der Universitätsstadt Giessen gebracht wird. 

Mainz. (Freie Konferenz.) Die „Freie Konferenz Hessischer und Frank- 
furter Hilfsschulen“ tagte am 22. Juni 1904 dahier. Nach einer herzlichen Be- 
grüssung durch den Vorsitzenden, Hilfsschulleiter Wettig- Mainz, machte derselbe 
Mitteilung über seine Verhandlungen mit der Kommission zur Umarbeitung des 
Leipziger Lesebuchs für Hilfsschulen. Die Arbeiten derselben sind noch nicht ab- 
geschlossen. Das Ergebnis derselben wird seinerzeit den Interessenten durch Rund- 
schreiben mitgeteilt Hierauf ergriff das Wort Hilfsschullehrer Büttner - Mainz 
über den Handfertigkeitsunterricht in der Hilfsschule. Der Vortrag war 
nach Form und Inhalt mustergültig. Er gipfelte in folgenden Gedanken: Der 
Handfertigkeitsunterricht ist ein wesentlicher Bestandteil des Hilfsschulunter- 
richts, und wir pflegen denselben 1. in unserem Interesse, weil er unsre mühe- 


144 

volle Arbeit erleichtert, indem er eine Unterstützung und Ergänzung des übrigen 
Unterrichtes bildet; 2. im Interesse unsrer Knaben, weil er die Erziehung 
und geistige Entwicklung derselben wesentlich fördert; und 3. weil wir diese 
durch denselben fürs Leben vorbereiten, ihre Erwerbsfähigkeit namhaft erhöhen 
und für die Wahl des künftigen Berufes deutliche Fingerzeige erhalten. An der 
Hand einer Ausstellung von Schülerarbeiten der Mainzer Hilfsschule wurde 
ein vollständiger Lehrgang dieser 3stufigen Anstalt vorgeführt. Derselbe 
präsentierte sich lückenlos über die 6 Hilfsschuljahre. A. Unterstufe, 1. Jahr: 
Stäbchenlegen nach Fröbel und Faltarbeiten nach dem Leipziger Normallehrgang ; 
2. Jahr: Flechtarbeiten nach Giese. Alle Arbeiten stehen in ständiger Verbindung 
mit dem Anschauungsunterricht und dem Rechenunterricht. B. Mittelstufe, 
1. Jahr: Vorstufe zur Kartonarbeit nach Hertel; 2. Jahr: Kartonarbeiten nach 
Kalb. Auf dieser Stufe kommt das Zeichnen hinzu und wird dieses in engster 
Verbindung mit der Handarbeit gepflegt. C. Oberstufe, 1. Jahr: Papparbeiten 
nach dem Leipziger Normallehrgang; 2. Jahr: Holzarbeiten nach dem Berliner 
Lehrgang, Lehrgang für leichte Handarbeit. Hier stellt sich der Handfertigkeits- 
unterricht ausserdem in den Dienst einer einfachen Formenlehre, indem er seine 
Motive im wesentlichen der Geometrie entlehnt. Bei Vorführung des Lehrganges 
steigerte sich das Interesse aller Zuhörer stetig, und ein grosser Teil derselben 
nahm sich die bereitwillig zur Verfügung gestellten Modelle mit. Hierauf folgte 
eine fast 2stündige ruhige, streng sachliche Diskussion. Es dürfte wohl kaum 
eine Seite des Handfertigkeitsunterrichts dabei unberührt geblieben sein. Da man 
von Frankfurt und Idstein aus auch auf die grossen Vorzüge der Ton- und 
Plastilinarbeiten hinwies, wurde die Einladung des Herrn Direktors Schwenk 
angenommen und für die nächste Tagung die Vorführung einer Arbeitsklasse 
in Idstein im Oktober laufenden Jahres vorgesehen. Ausserdem wird Herr Rektor 
Becher-Frankfurt a. M. einen Vortrag halten über die Fürsorge und Unter- 
bringung der entlassenen Hilfsschulkinder. 

Worms. (Hilfsschulen und der Handfertigkeitskongress.) In der Zeit 
vom 1.—3. Juli wurde hier der XVI. Deutsche Kongress für erziehliche Knaben- 
handarbeit abgehalten. Zahlreich waren Lehrer und Vertreter der Schulbehörden 
gekommen, die sich für die Bestrebungen des Vereins interessierten. Nach dem 
allgemein üblichen Empfangs- und Begrüssungsabend am Freitag war der Samstag 
der Haupttag, an dem praktisch gearbeitet und an dem verschiedene Vorträge ge- 
halten wurden. Unsere Hilfsschule war insofern beteiligt, als die Kinder der 
2 Klassen arbeiteten. Von 9—10 hatte Klasse I und von 10—11 Klasse II 
Tonformen, wie es im Anschluss an sämtliche Unterrichtsgegenstände betrieben 
wird, sobald sich nur irgendwie passender Stoff dazu bietet, ausgebend von dem 
Gedanken, dass „Anschauen und Darstellen die Basis des ganzen Unterrichtes in 
der Hilfsschule bilden müsse“. Von 10—11 hatte Klasse I auch noch eine Stunde 
Papparbeiten. Es war ein Vergnügen, zu sehen, wie die kleinen Finger sich 
munter regten und mit welcher Geschicklichkeit in regem Wetteifer sie ihre Sachen 
fertigten. In der mit dem Kongress verbundenen Ausstellung hatte auch die 
Hilfsschule ausgestellt und zwar Falt-, Form- und Papparbeiten, welche all- 


145 

gemeine Anerkennung fanden. Nachmittags hielt Herr Kollege Mayer aus Mann- 
heim, der auch auf dem Verbandstage in Mainz gesprochen, einen mit allseitigem 
Beifall aufgenommenen Vortrag über „Die Stellung des Handarbeits- 
unterrichtes in der Hilfsschule“. Ganz besonders betonte er, wie er auch 
schon in der Denks:hrift für den Handfertigkeitskongress sagte: „Die Notwendig- 
keit des Handarbeitsunterrichts in der Hilfsschule ist wohl fast allgemein anerkannt, 
doch nimmt derselbe in der Heilpädagogik noch nicht die Stellung ein, die ihm 
vermöge seiner Bedeutung zukommt. — Die Handarbeit ist für Unterricht und 
Erziehung nicht bloss ein wünschenswerter Faktor, sondern hat für sie grund- 
legende Bedeutung und muss daher integrierender Bestandteil, ja sogar geradezu 
der Ausgangspunkt, die Basis und das Rückgrat des gesamten erziehlichen und 
unterrichtlichen Verfahrens in den Hilfsschulen werden. — Er hat in systematischer 
Weise die Organe der Perzeption und der Reproduktion im Auffassen und Dar- 
stellen zu üben. Er setzt ein mit der Übung der allgemeinen körperlichen Organe 
durch turnerische Übungen im weitesten Sinne des Wortes und gelangt bereits 
bei den Übungen der differenzierteren Organe und den speziellen Sinnesübungen 
zur eigentlichen Handarbeit, welche Arbeiten aus Papier, Karton, Plastilina oder 
Ton, Holzstäbchen, Rohr, Weiden und Holz umfasst. — Ein sorgfältig systematisch 
aufgebauter Handarbeitsunterricht muss wegen der grossen Bedeutung der Hand- 
arbeit für die physische, intellektuelle, moralische und soziale Entwicklung schwach- 
sinniger Kinder im Mittelpunkt des Hilfsschulunterrichtes stehen.“ 


Literatur. 


Die neuesten Bestrebungen und Erfahrungen auf dem Gebiete der 
Erziehung der Schwachen von Walter Walker. Solothurn, Herbst 1903. 
Selbstverlag des Verfassers. 238 Seiten. 

Die vorliegende Schrift ist die Inaugural-Dissertation des Verfassers zur Er- 
langung der Doktorwürde der ersten Sektion der philosophischen Fakultät der 
Universität Zürich. Sie schildert in kritischer Weise im ersten Abschnitte die 
Schweizer Schulverhälinisse auf dem Lande namentlich hinsichtlich dessen, was 
unter den obwaltenden Umständen für die Schwachen getan wird, bespricht im 
zweiten Teile die Reformbestrebungen in den grösseren Städten der deutschen 
Schweiz, wendet sich dann zu den Bestrebungen in deutschen Städten, in Brüssel 
und London, setzt sich mit den Gegnern der Hilfsschulen auseinander, würdigt die 
Forderung der Scheidung der taubstummen Zöglinge nach ihren Fähigkeiten, zählt 
die Einrichtungen zur Ausbildung der Schwachen in Österreich, Holland, Belgien, 
England und Nordamerika auf und bringt zum Schlusse noch 5 statistische Tafeln 
über die schweizerischen Erziehungs- und Pflegeanstalten für Geistesschwache, über 
die schweiz. Spezialklassen für schwachbefähigte Kinder, über Nachhilfeklassen, über 
die Hilfsschulen und die Idiotenanstalten in Deutschland. Alle in den letzten 
Jahren hervorgetretenen Bestrebungen, durch Organisation der Volkschule auf 
psychologischer Grundlage, durch Errichtung von Nachhilfe-, Neben-, Hilfsklassen 
und dergl. das Los der schwachbegabten Kinder zu bessern, zieht der Verfasser in 


146 
seine Betrachtungen. Dabei erfährt auch die neueste Literatur über diese Fragen 
kritische Beleuchtung. Die Erörterungen des Verfassers bekunden tiefes Verständnis 
des Wesens und der Entwickelung anormaler Kinder, und seine Grundsätze und 
Vorschläge zu ihrer Erziehung und Ausbildung verdienen unsere Anerkennung. So 
gewährt das Buch nicht nur einen lehrreichen und interessanten Einblick in die 
Schulverhältnisse der Schweiz, sondern bietet auch dem mit den Bestrebungen auf 
dem Gebiete der Erziehung schwachbegabter Kinder Vertrauten eine Menge von 
Anregungen und Ausblicken. Es kann daher nur angelegentlichst empfohlen werden. 
Gegen Einsendung von 2 Fr. nebst Porto ist es vom Verfasser Dr. phil. Walter 
Walker, Grenchen (Schweiz), zu beziehen. 


XI. Konferenz 
für das Idioten- und Hilfsschulwesen. 


Die Heranbildung 
von Erzieherinnen für und durch unsere Anstalten. 
Prof. Dr. Zimmer-Berlin (Zehlendorf). 
Leitsätze. 


1. Das Erziehungspersonal der Sondererziehungsanstalten bedarf ausser 
allgemeiner noch einer besonderen Fachausbildung. 

2. Das in der Anstalt selbst wohnende weibliche Erziehungspersonal bedarf 
genossenschaftlichen Zusammenschlusses unter weiblicher Oberleitung. 

3. Von den vorhandenen Schwesternschaften können die Anstalten für 
Schwachsinnige ihre Erzieherinnen weder in ausreichender Zahl noch mit aus- 
reichender Vorbildung erhalten. 

4. Deshalb ist der Zusammenschluss einer grösseren Anzahl von Anstalten 
empfehlenswert, für welche die eine oder andere von ihnen die Ausbildung 
und genossenschaftliche SCANNE des ihnen allen notwendigen Erziehungs- 
personals übernimmt. 

5. Unentbehrlich ist dabei der Anschluss dieser Anstalten an eine der vor- 
handenen weiblichen Berufsorganisationen, die fūr die Beschaffung und den 
schwesternschaftlichen Rückhalt der Erzieherinnen zu sorgen hat, während die 
zusammengeschlossenen Anstalten als die Arbeitgeber der Erzieherinnen darüber 
zu wachen haben, dass deren Ausbildung den Anstaltsbedürfnissen entspricht 
und die Anstaltsleitung Herr im Hause bleibt. 

6. Empfehlenswert erscheint überdies a) für die Ausbildung der Erzieherinnen 
ein Zusammengehen mit den Fürsorge-Erziehungsanstalten ; b) für die Möglich- 
keit einer vielseitigen Verwendung der Erzieherinnen ein Zusammengehen mit 
Epileptischen- und Irrenanstalten, mit Volksheilstätten und Landpflegen. 


147 


Über Zentralisation 
der Hilfsklassen für schwachbefähigte Kinder. 


Böttger- Leipzig. 
Leitsätze. 


I. In grösseren Orten sind die einzelnen Hilfsklassen in einem zentral ge- 
legenen Gebäude mit Hof und Garten zu einem selbständigen grossen Schul- 
organismus zu vereinigen. Allzu entfernte Filialklassen sind mit der Haupt- 
schule organisch zu verbinden. 

II. Diese Organisation bietet folgende Vorteile: 

1. Sie ermöglicht erst den stufenweisen Aufbau der Hilfsschule und die 
Einrichtung der Parallelklassen als Befähigungsklassen. 

2. Sie verbürgt grössere Gesamt- und Einzelerfolge des Unterrichts und 
der Erziehung, 

a) weil die ganze Zeit und Kraft des Lehrers ohne Zersplitterung an 
einzelne der Gesamtheit zugute kommt; 

b) weil die gleichmäßige erziehliche Einwirkung und individualisierende 
Behandlung erleichtert wird; 

c) weil die Beschwerden eines ausgedehnten Schulwegs ausgeglichen 
werden durch gesundheitfördernde Bewegung im Freien, durch An- 
regung zu Beobachtungen und durch mancherlei für das spätere 
Leben wichtige praktische Übungen. 

3. Sie erhöht das Ansehen der Hilfsschule und der an ihr wirkenden Lehrkräfte. 

4. Sie bringt finanzielle Vorteile mit sich, 

a) weil die Art ihrer Gliederung eine stärkere Besetzung einzelner 
Klassen zulässt, als es bei einer Einzelklasse möglich ist; 

b) weil die Ausstattung mit Lehrmitteln, Arbeitsräumen und Werk- 
` zeugen für den Handfertigkeitsunterricht der Knaben und Mädchen 
sich wesentlich verringert. 

IlI. Die in vielgliedrigen Hilfsschulen gefährdete Stetigkeit der Erziehung 
und Einheitlichkeit des Unterrichtsbetriebes muss durch Jahresberichte, Schüler- 
charakteristiken und gemeinsame Besprechungen der Lehrer gewahrt werden. 


Der Sach- und Sprach-Unterricht bei Geistesschwachen. 


Franz Frenzel-Stolp i. Pommer. 
Leitsätze. 


1. Die realen Anschauungen bilden den Ausgangspunkt und die Grund- 
lage des gesamten Seelenlebens. Es wird darum für die Geistesschwachen, bei 
welchen die innere Vorstellungswelt sehr beschränkt ist, ein Sprachunterricht auf 
sachlicher Grundlage von grösster Bedeutung sein. 

2. Diese Disziplin soll bei der Bildung der Geistesschwachen den Zentral- 
ausgangspunkt aller Bildungsmaßnahmen und den wichtigsten Unterrichtsgegen- 
stand der unteren Bildungsstufen ausmachen. ; 


148 

3. Der Sach- und Sprachunterricht schliesst die Übungen im Anschauen, 
Sprechen, Darstellen, Lesen und Schreiben in sich; diese Übungen sind von 
rein individual-psychologischen Erwägungen aus in möglichst gleichmäßigem 
Fortschritt zu pflegen. 

4. Der Sach- und Sprachunterricht bei Geistesschwachen soll durchweg 
Beobachtungs- und Erfahrungsunterricht sein und Rechnung dem Prinzip der 
Konzentration tragen. 

5. Aus dem Sach- und Sprachunterricht entwickeln sich allmählich die 
anderen Disziplinen des Schulunterrichts, die naturgemäß aus ihm herauswachsen 
und in inniger Beziehung zu einander bleiben müssen. 


















Verlag von Gustav Fischer in Jena. 


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welm Westf. toriums. 
Briefkasten. 
0. L. i. U., R, S. i. B. Der Korrekturabzug ist jederzeit an die Schriftleitung 
zurückzusenden. — Dr. A. G. i. R. Wenn wir uns nicht in St. treffen sollten, erhalten 


Sie bald nachher Brief. — K M. i. W. Den Konferenzbericht in seinem ganzen Umfange 
in die Zeitschrift aufzunehmen, ist aus verschiedenen Gründen nicht mehr angänglich. — 
F. P. i. L. Die Konferenz jedes zweite Jahr abzuhalten, wäre sicher erwünscht; stellen 
Sie doch einen darauf hinausgehenden Antrag. 


Inhalt. Schulen für epileptische Kinder. (Dr. Berkhan.) — Die Notwendigkeit 
der Einrichtung von Fortbildungsschulen in unseren Anstalten. (O. Legel.) — Spiegel- 
schrift und Schülercharakteristik. (J. Wettig) — Die technische Ausbildung der 
schwachsinnigen Kinder in der Königl. Landesanstalt zu Grosshennersdorf und die Für- 
sorge für die Entlassenen. (G. Nitzsche.) (Schluss.) — An den Vorstand der Konferenz. — 
Mitteilungen: Grünberg, Mainz, Worms. — Literatur: W. Walker, Die neuesten Be- 
strebungen auf dem Gebiete der Erziehung der Schwachen. — XI. Konferenz für das 
Idioten- und Hilfsschulwesen. — Anzeigen. — Briefkasten. — Beilage. 








Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von H. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druek von Johannes Pässler in Dresden. 


Hierzu eine Beilage von Wilhelm Engelmann in Leipzig. 


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Nr. 10. XX. an por 
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für die . 


Behandlung Sehwachsinniger und FDleptischer 


Organ der Konferenz für das Idiotenwesen. 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 


herausgegeben von 





Stadtrat Direktor W. Schröter, S:nitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 
Spezlalarzt 
Dresden - Strehlen, für Nervenkrankheiten 
Residenzstrasse 27. In Stuttgart. 
Erscheint jährlich in 12 Nummern von ' Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 


nindestens einem Bogen. Anzeigen für und Postämter, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- Oktober 1904. Schriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 


rarische Beilagen 6 Mark. einzeine Nummer 50 Pfz. 


Die Original- Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 











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Die Gesundheitspflege in der Hilfsschule. 
Vortrag, gehalten auf dem ]. internationalen Kongresse für Schulbygiene zu Nürnberg 
am 5. April 1904 von Heinrich Kielhorn- Braunschweig. 


Leitsätze.*) 


Die Hilfsschule ist eine Zufluchtsstätte für geistig schwache Kinder, welche 
in ihrer Mehrheit an leiblichen Schwächen uud Gebrechen mancherlei Art leiden; 
darum hat sie in hervorragender Weise Gesundbeitspflege zu üben. 


A. Die äussere Ausstattung der Schule: 


1. Das Schulgebäude gehört möglichst in die Mitte des Schulbezirks. 

2. Die Unterrichtsräume müssen ruhig gelegen, hell, luftig, möglichst 
staubfrei und der Schülerzahl entsprechend reichlich gross sein.**) 

3. Die Schultische und Schulbänke müssen sorgfältig den Grössenverhältnissen der 
Kinder sowie den gesundheitlichen und pädagogischen Bedürfnissen angepasst sein. 

4. Die Hilfsschule bedarf einer Turnballe und cines geräumigen Spielplatzes. 

5. Sie muss mit Badegelegenheit für die Kinder versehen sein. 

6. Sie muss Schülerwerkstätten besitzez. 

7. Wenn irgend möglich, gewähre man ihr einen Schulgarten, in welchem 
die Kinder zu Gart»n- und Feldarbeiten angeleitet werden können. 


*) Die Leitsätze wurden in Gruppe F. einstimmig angenommen. 

**, Im übrigen muss das Hilfsschulgebäude mit seinen Unterrichteräumen billig 
allen hygienischen Anforderungen entsprechen, welche für andere Schulen als notwendig 
erachtet werden. 

Siehe Leitsätze Blasius und Osterloh. 1. internationaler Kongress für Schul- 


hygiene. 


150 
„B. Der Unterrichtsbetrieb: 
Die Hilfsschule ist eine Erziehungsschule, darum muss der Unterricht in 
allen Stücken erzieblichen Charakter tragen und sich gewissenhaft den geistigen 
und leiblichen Schwächen der Kinder anpassen. 


C. Der Lehrkörper: 
Die Hilfsschullehrer (bezw. Lehrerinnen) bedürfen einer besonderen Vor- 
bildung, welche insonderheit die leibliche und seelische Gesundheitspflege zu 
berücksichtigen hat. 


D. Der Hilfsschularzt: 
Der Hiltsschule muss ein psychiatrisch gebildeter Arzt zur Seite stehen, 
welcher auf dem Gebiete der Gesundheitspflege den Schulbehörden, dem Lehr- 
körper, sowie den Eltern der Kinder ein Berater und Helfer ist. 


E. Besondere Wohlfahrtseinrichtungen: 

1. Schwächlichen Kindern und solchen, die zu weiten Schulweg haben, ist 
freie Fahrt auf der Strassenbahn zu gewähren — sofern sie arm sind. 

2. Der Regel nach werde den Kindern täglich nur ein einmaliger Schulweg 
zugemutet. 

3. Schülerausflüge, teils unterrichtlichen, teils gesundheitlichen Zwecken 
dienend, sind reichlich zu unternehmen. 

4. Es ist Fürsorge zu treffen, dass armen, sowie schwächlichen Kindern 
während der ÜUnterrichtszeit ein Becher Milch und ein Brot verabreicht, im 
Bedarfsfalle auch Kleidung gewährt werden kann. 

5. Es ist wünschenswert, mit der Hilfsschule Kinderhorte zu verbinden, in 
welchen solche Kinder, denen es an einer geordneten häuslichen Erziehung 
mangelt, des Nachmittags beaufsichtigt, beschäftigt und, wenn nötig, verpflegt 
werden. 


Hochgeehrte Versammlung! Es ist mir die Aufgabe zugefallen, über die 
Gesundheitspflege in der Hilfsschule zu sprechen. Gestatten Sie mir, in 
kurzen Zügen das Schülermaterial zu kennzeichnen: 

Dasselbe steht unterhalb der Grenze geistiger Normalität und ist als geistig 
minderwertig, geistig zurückgeblieben, geistig schwach, auch geringen Grades 
schwaehsinnig zu bezeichnen. Wir haben es also mit kranken Kindern zu tun — 
und zwar nicht nur mit geistig krarken, sondern auch mit leiblich kranken. 
Nachweislich ist die geistige Schwäche eine Folgeerscheinung von leiblichen 
Schwächen und Störungen, welche die Kinder entweder als Erbteil von ihren 
Eltern auf die Welt mitbringen, oder von welchen sie in den ersten Lebens- 
jahren heimgesucht werden. In vielen Fällen ist beides zutreffend. Leibliche 
Schwächen und Gebrechen sind meistens Begleiterscheinungen der geistigen 
Schwäche: Blutarme, bleiche kraftlose Gestalten mit gekrümmten Rücken, ver- 
engter Brust und schlottrigen Gliedern haben wir in Menge vor uns; un- 
skrofulöse Gebrechen, Lähmungen verschiedener Art, Augen- und Ohrenleiden, 
allerlei Hautkrankheiten, nervöse Erscheinungen und andere Schäden finden sich 
reichlich vor unter den Zöglingen der Hilfsschule. 


151 


Wenn an solchen Kindern überhaupt Gesundheitspflege getrieben werden 
soll, so gilt es zunächst, sie aus den Schulen zu entfernen, welche für gesunde 
Kinder berechnet sind. Denn solange sie daselbst verweilen, werden sie entweder 
mit dem Maße gemessen, mit welchem man diese misst — was geistige und 
leibliche Überbürdung, ein Aufreiben der geringen Kräfte zur Folge hat — oder 
sie bleiben unberücksichtigt und verkümmern. 

Die Hilfsschule also ist eine Zufluchtsstätte für geistig und leiblich ge- 
brechliche Kinder; hieraus ergibt sich, dass sie in hervorragender Weise an 
ihren Zöglingen Gesuudheitspflege zu üben hat und dementsprechend in ihrer 
Gesamtheit ausgerüstet sein muss. 

Zunächst müssen wir fordern, dass das Schulgebäude den Bedürfnissen ent- 
spricht. Die Erfahrung hat gelehrt, dass es nicht rätlich ist, in ein und dem- 
selben Orte mehrere vereinzelte Hilfsklassen zu unterhalten und diese grösseren 
Schulen anzugliedern, sondern solche Klassen zu einem einheitlichen selbständigen 
Schulorganismus zu vereinigen. Wenn indessen eine Stadt für einen Hilfs- 
schulbezirk zu gross ist, so müssen mehrere Bezirke gebildet werden. Immerhin 
werden solche Bezirke räumlich stets eine verhältnismäßig grosse Ausdehnung 
haben und dadurch die Schuiwege für die Kinder reichlich lang sein. Das ist ein 
Übelstaud, welcher sich nicht beseitigen lässt, aber er kann zu Gunsten der 
Kinder gemildert werden. Das Schulgebäude muss möglichst im Mittelpunkte 
des Schulbezirkes stehen, so dass die Wege immer nur für einzelne Kinder 
ausserordentlich lang werden; diesen aber gewähre man freie Fahrten auf der 
Strassenbahn, wenn sie arm sind (was in einigen Städten, z. B. in Halle, tat- 
sächlich geschieht), so ist das Übel beseitigt. Sodann mag der Unterricht auf 
die Vormittagsstunden beschränkt werden, damit der Schulweg nur einmal nötig 
wird. Den Nachmittagsunterricht verwerfe ich überhaupt bis auf Handarbeits- 
bezw. Beschäftigungsunterricht, Turnen, Spiel und Schülerausflüge, d. b. An- 
schauungsunterricht im Freien. Denn wenn die Kinder mittags im Sommer 
unter den Sonnenstrahlen, im Winter bei schlechtem Wetter und schlechten 
Wegen die beiden Schulwege zurückgelegt und in aller Eile ihr Mittagbrot 
verzehrt haben, dann ist ihre Leistungsfähigkeit auf dem Nullpunkte an- 
gekommen. Die Leipziger Hilfsschule speist ihre Zöglinge mittags und be- 
schäftigt sie nachmittags. Das gilt wohl als die vollkommenere Einrichtung. 
Dass die immerhin etwas weiten Schulwege den Kindern gesundheitlich schädlich 
wären, habe ich in meiner 23jährigen Tätigkeit als Hilfsschulleiter nicht wahr- 
genommen. Ich übe indessen Nachsicht, wenn schwächliche Kinder — oder 
solche, die ausserordentlich weitab wohnen, bei schlechtem Wetter die Schule 
einmal versäumen. Hierbei heisst es, den Verhältnissen Rechnung tragen. An 
die Unterrichtsräume sind folgende Anforderungen zu stellen: 

l. Dürfen sie nicht an engen und verkehrsreichen Strassen gelegen sein 
also weder durch den Strassenlärm belästigt, noch durch gegenüberstehende 
Gebäude verdunkelt werden. 

3. Dürfen sie nicht zu klein sein, damit die Kinder nicht dicht unter die 
Fenster oder dicht an den Ofen zu sitzen kommen. 


152 


3. Muss eine genügende Ventilation möglich sein. Die schwachbefähigten 
Kinder haben teilweise Gebrechen an sich, durch welche sie die Luit mehr ver- 
unreinigen als andere. An Reinlichkeit am Leibe und an den Kleidern mangelt 
es bei sehr vielen, und wenn sich unter 20—24 Kindern eins befindet mit übel- 
riechendem Öhrenfluss, eins mit übelriechendem Nasenleiden, eins — weil Bett- 
nässer — mit übelriechendem Unterzeuge. so ist das schon genug, einen grossen 
Raum zu verpesten. Ja, es kommen noch schlimmere Sachen vor. Solange die 
Übelstände dieser Art einigermaßen erträglich sind, können wir die betreffenden 
Kinder nicht vom Schulbesuche ausschliessen. 

4. Ist es aus diesen Gründen notwendig, auf das Kind einen grösseren 
Kubikinhalt der Räume zu verrechnen, als das in anderen Schulen üblich ist. 
Darum dürfen die Hilfsschulen nicht in Notstandsgebäude hineingesteckt werden, 
welche nach ihrer Lage, wie nach ihren Räumlichkeiten einer vernünftigen 
Gesundheitspflege nicht entsprechen. 

5. Sollte man alle möglichen Vorkehrungen treffen. um die Fussböden 
staubfrei zu erhalten; denn ein grosser Teil der Kinder leidet an chronischem 
Nasen-, Rachen- oder Luftröhrenkatarrh; diesen aber ist der feine Schulstaub 
besonders gefährlich. Dass dieser Kinder wegen Speinäpfe mit Wasserfüllung 
erforderlich sind, will ich nur nebenbei bemerken. 

6. Gebührt jedem Kinde Sitz und Tisch, welche seinen Körperverhältnissen 
angepasst sind: Der schwächliche Körper des geistig zurückgebliebenen Kindes 
erlahmt schnell, zumal bei ungünstiger Sitzgelegenheit. Ihr Läpgenwachstum 
ist sehr verschieden; manche schiessen ausserordentlich in die Höhe; andere er- 
scheinen geradezu verkürzt; wieder andere leiden an Lähmungen der Gliedmaßen, 
bezw. mangelhafter Entwicklung derselben; sodann ist die geistige Entwicklung 
sehr verschieden, was grosse Unterschiede in bezug auf das Alter in ein und 
derselben Klasse zur Folge hat. Es gibt kurzsichtige und schwerhörige Kinder, 
‚ welche dicht vor dem Lehrer sitzen müssen; da sind erregte Störentriede, welchen 
ein abgesonderter Platz gebührt, schwerfällige Pflegmatiker, welchen der Lehrer 
stets helfend und anregend zur Seite stehen muss. Das sind der Schwierigkeiten 
wirklich viele. Darum muss jedes Scliulzimmer Tische und Bänke in ver- 
schiedenen Grössenverhältnissen baben; auch sind Vorkehrungen zu treffen, dass 
man dem einen Kinde eine erhöhte Rückenlehne, dem anderen eine erhöhte 
Fussbank gewähren kann. Vor allem aber sollte man in einer Hilfsschule, falls 
einsitzige Bänke nicht durchführbar sind, nur zweisitzige dulden. Es dürfen 
nicht alte Tische und Bänke, die in anderen Schulen ausgemerzt sind, für die 
Hilfsschule als gut genug erachtet werden. 

Ein wichtiges Hilfsmittel ist der Spielplatz, sowohl in erziehlicher als auch 
in gesundheitlicher Hinsicht. Darauf sollen die Kinder zum Spielen angeleitet 
werden; darauf sollen sie sich in den Pausen nach Herzenslust austummeln und 
für die nächste Unterrichtsstunde neue I\räfte sammeln. Er muss der Schüler- 
zahl entsprechend genügend gross sein und, wenn möglich, schattenspendende 
Bäume haben! Dass Turnen und Turnspiele Leib und Geist stärken, Mut und 
Selbstvertrauen wecken, überhaupt erziehlich grosse Bedeutung haben, ist all- 


153 


gemach anerkannt, darum kann die Hilfsschule eine Turnhalle nicht entbehren. 
Allerdings dürfen Kraft- und Kunstleistungen nicht getrieben werden. Einige 
leichte Gerätübungen sind nicht auszuschliessen; doch rede ich mehr den Frei- 
übungen, sowie den Turnspielen das Wort. Unsere Kinder lernen meistens 
nicht von selbst spielen und können deshalb an den Spielen der Kinder in ihrer 
Nachbarschaft sich nicht beteiligen. Wenn wir sie nun in der Turnhalle oder 
auf dem Spielplatze anleiten, die unter den anderen Kindern üblichen Spiele zu 
treiben, so schaffen wir ihnen die Möglichkeit, sich den Kindern in ihrer 
häuslichen Umgebung als gleichwertig einzureihen. Dadurch wiederum werden 
sie sowohl gesundheitlich als auch erziehlich gehoben. Darum also müssen 
Turnen und Turnspiele, ‘Turnhalle und Spielplatz als wesentliche Bestandteile 
einer Hilfsschule angesehen werden. 

Die verschiedenen leiblichen Schwächen unserer Kinder erbeischen eine 
vernünftige Hautpflege, welche ihnen jedoch im Elternhause nur selten zu teil 
wird. Die Schule hat in dieser Hinsicht den Ausgleich herzustellen. Sie muss 
Brausebäder und Wannenbäder verabreichen, und wo es möglich ist, sollte man 
den grösseren Kindern im Sommer auch Bäder im Freien gewähren. Eine Be- 
gründung dieser Forderungen ist wohl überflüssig. Zu den Veranstaltungen, 
welche zur Hebung und Belebung der Geistes- und Körperkräfte dienen, sind 
die Schülerausflige zu zählen. Die Hilfsschulzöglinge müssen häufig hinaus- 
geführt werden in Garten und Feld, Wiese und Wald in Verbindung mit Gängen 
durch die Stadt. Solche Wege und Ausflüge dienen unterrichtlichen wie er- 
ziehlichen Zwecken auf die maunigfachste Weise. Wenn gelegentlich ein 
Schultag dazu verwendet wird, die Kinder in den grünen Wald zu führen, wo 
sie mit den Vögeln um die Wette hüpfen und jubilieren können, so ist das 
durchaus kein Verlust für den Schulunterricht; denn die Eindrücke, welche die 
Seele dort gewinnt, die Vorstellungen, welche auf diese Weise erworben werden, 
sind ein Kapital, mit welchem sich später arbeiten lässt. Es ist nur Fürsorge 
zu treffen, dass den Kindern eine Erfrischung verabreicht werden kann, wenn 
ein weiterer Weg unternommen wird, damit derselbe nicht das Gegenteil bewirkt 
von dem, was er bezwecken soll, nämlich Gesundheitspflege zu üben. 

Ein verhältnismäßig grosser Prozentsatz der Hilfsschulkinder entstammt 
den ärmsten Familien. Das zu beweisen ist heute nicht meine Aufgabe; aber 
die Tatsache liegt vor, und die Folge davon ist, dass sie mangelhaft ernährt 
und dürftig gekleidet einhergehen. Wenn wir diesen, sowie auch anderen 
Schwächlichen in der Schule ein Brot und einen Becher warme Milch über- 
weisen, ihnen besonders im Winter mit warıner Kleidung und heilen Schuhen 
zu Hilfe kommen können, so wird ihre leibliche wie geistige Leistungsfähigkeit 
erhöht und dadurch wiederun: eine bessere Ausrüstung für ihr späteres Leben 
herbeigeführt. In verschiedenen Städten hat sich zu diesem Zwecke ein Für- 
sorgeverein für die Hilfsschule gebildet. Möchten doch diese guten Vorbilder 
Nachahmung finden! 

Ich habe nun zu untersuchen, inwiefern der Hilfsschulunterricht der Ge- 
sundheitspflege Rechnung zu tragen hat, und ich stelle den Grundsatz auf: 


154 


Der Hilfsschulunterricht hat sich unter dem Gesichtswinkel der Gesundheits- 
pflege aufzubauen. Der Lehrplan darf sich nicht darauf verlegen, grosse Mengen 
an Wissensstoff an die Kinder beranzubringen, sondern hat die erziehliche 
Richtung in den Vordergrund zu stellen. Hierdurch wird zur Überbürdung 
keine Veranlassung gegeben. Neben den Unterrichtsfächern, welche die Geistes- 
kräfte der Kinder besonders in Anspruch nehmen und erschlaffend auf den 
Körper zurückwirken, gebührt solchen Fächern, bezw. Veranstaltungen, ein 
breiter Raum, welche zur Stärkung der Leibeskräfte geeignet sind und der 
Überreizung der Geisteskräfte vorbeugen, wie ich das vorstehend ausgefülirt habe. 
Dem füge ich noch den Handfertigkeitsunterricht hinzu, für Knaben sowie für 
Mädchen und zwar in verschiedenen Formen und Abstufungen, der geistigen 
Reife und den Körperkräfteun der Kinder entsprechend. Für die grösseren 
Knaben sollten Hobelbankarbeiten sowie leichte Garten- und Feldarbeiten nicht 
fehlen. Dieser Unterriehtszweig ist so zu gestalten, dass er erziehlich auf Leib 
und Geist einwirkt, daun wird er gute Früchte zeitigen. 

Über die Hygiene des Hilfsschulunterrichts hat der deutsche Hilfsschul- 
verband bereits wichtige Beschlüsse gefasst. Dieselben lauten: 

1. Der Unterricht trage erziehlichen Charakter, er suche die Kinder für 
das tägliche Leben tüchtig zu machen und ihre Erwerbsfähigkeit anzubahnen. 

2. Nicht auf die Stoffmenge kommt es an, sondern auf zweckentsprechende, 
sorgfältige Verarbeitung und Aneignung des Stoffes. Überbürduug ist zu vermeiden. 

3. Die Darbietung des Stoffes sei einfach, knapp, anschaulich und möglichst 
lückenlos aufbauend. 

4. Lehr- und Lernmittel müssen ausreichend vorhanden sein; denn der 
Unterricht muss von der Anschauung ausgehen und durch die Anschauung 
unterstützt werden. 

5. Häusliche Arbeiten sind auf das Mindestmaß zu beschränken. 

6. Schulspaziergänge sind oft zu unternehmen. Sie dienen unterrichtlichen 
Zwecken und können in die Unterrichtszeit tallen. 

Betreffs des Stundenplanes hat der Verband folgende Grundsätze aufgestellt: 

1. Die Unterrichtsstunden für Lehrer betragen im Durchschnitt wöchent- 
lich etwa 24; daneben ist letzteren die Verpflichtung aufzuerlegen, Wohlfahrts- 
bestrebungen für die Hilfsschulkinder zu fördern. 

2. Die Unterrichtsstunden für die Kinder betragen in der Regel wöchent- 
lich 20—26, einschliesslich Handarbeit (freies Spiel, sowie Beschäftigung nicht 
eingerechnet). 

3. Die Veiıteilung auf die einzelnen Tage ist derart vorzunehmen, dass ein 
Wechsel zwischen mehr und minder ermüdenden Fächern stattfindet. 

4. Jede Unterrichtsstunde werde durch eine Pause von 10--15 Minuten 
gekürzt. 

5 Soweit als möglich finde der Unterricht des Vormittags statt. 

6. In der mehrklassigen Schule ist darauf Bedacht zu nehmen, dass einzelne 
Kinder in einzelnen Fächern ausgewechselt werden können. Dem sei hiuzu- 
gefügt, dass die Schülerzahl in der einklassisen Hilfsschule, sowie in der Unter- 


ER 


klasse der gegliederten Hilfsschule 15—20 betragen darf, in den Mittel- und 
Oberklassen 20—24 zulässig ist. 

Das ist allerdings nur ein äusseres Gerüst, eine Form, welcher der Hilfs- 
schullehrer den rechten Inhalt zu geben hat. Er muss es im Gefühle haben, 
wann die Überbürdung und die Ermüdung eintritt, sei eg für die ganze Klasse, 
sei es für das einzelne Kind. 

Wenn er dieses Gefühl nicht hat, so ist er nicht am rechten Platze. Vor- 
schriften und Verordnungen tun es nicht. Es gilt, die Kinder zu studieren, 
jedes nach seiner geistigen, leiblichen und sittlichen Eigenart zu kennen: dann 
erfolgen die richtigen Maßnahmen. Nur einige Gesichtspunkte will ich erörtern: 
In der Unterklasse einer Hilfsschule möge der religiöse, sowie der Rechen- 
unterricht halbstündig erteilt werden; in den andern Fächern und in allen 
übrigen Klassen kann der Unterricht unter Abzug der Pausen ganzstündig sein. 
Derselbe lässt sich derart abwechselungsreich gestalten, dass er der Überbürdung 
keinen Vorschub leistet; auch muss es dem Lehrer freistehen, kurze Pausen 
einzulegen, wenn unter de: Kindern Ermüdung auftritt. Sobald er merkt, dass 
letzteres der Fall ist, so gebe er den Kindern einen Augenblick Freiheit, ihren 
Körper zu recken und zu strecken nach eigenem Gefallen, soweit es der An- 
stand zulässt; er lasse sie aufstehen, einige Freiübungen machen, ein fröhliches 
Lied singen und scherze ein Weilchen mit ihnen. Dabei lasse er die frische 
Luft in die geöffneten Fenster hereinströmen. Alsbald ist die Ermüdung ver- 
flogen und die Arbeit geht munter weiter. Nimmt er an einem Kinde besondere 
Erschlaffung wahr, welche tatsächlich öfter auftritt, so lasse er dasselbe einst- 
weilen unberücksichtigt und gönne ihm ein Stündchen geistigen Schlaf. In der 
folgenden Stunde oder am folgenden Tage geht es wohl besser. Unter Um- 
ständen kommt man durch Stillstehen vorwärts. Im übrigen will ich keine 
bestimmten Vorschriften geben. Ich will nur andeuten, dass der Hilfsschullehrer 
zu jeder Zeit den leiblichen und geistigen Pulsschlag seiner Zöglinge zu deuten 
wissen Muss. 

Über das Auswechseln einzelner Kinder in eiuzelnen Fächern muss ich ein 
paar Worte sagen, umsomehr, weil hierüber vor kurzem ein Streit in der Presse 
entstanden ist: Wollie man die Kinder nach jeder Unterrichtsstunde durch- 
einanderwerfen und von einer Abteilung zur anderen wandern lassen, so müsste 
ich das als unpädagogisch verurteilen, weil sie dann nirgends warm werden, 
weil dann Lehrer und Schüler nicht miteinander verwachsen. Dass aber ein- 
zelne Kinder in dem einen oder anderen Unterrichtsfache in eine höhere, bezw, 
tiefere Klasse verwiesen werden, erkläre ich in: Interesse der geistigen und 
leiblichen Gesundheitspflege als eine Notwendigkeit. Es gibt Kinder, welche 
nach ihrer gesamten geistigen Reife in eine höhere Klasse versetzt werden 
können — aber daselbst z. B. im Rechnen nicht folgen können. Sollen wir an 
ihnen umherdrillen, ihre Kräfte aufreiben, ihnen die Arbeitslust und Lebens- 
freudigkeit rauben? Oder sollen wir sie des Rechnens wegen in der tieferen 
Klasse sitzen lassen? sie in ihrer Ausbildung ein ganzes Jahr betrügen? Nein, 
beides soll nicht geschehen! Solche Kinder werden in die höhere Klasse ver- 


156 


setzt und nehmen an dem Rechenunterrichte in der tieferen Klasse teil. Um- 
gekehrt wird es auch recht! Immer den Tatsachen Rechnung tragen, sich den 
Bedürfnissen der Kinder anpassen! Das ist der Geist, der die Hilfsschule er- 
zeugt hat. Ja, dieser Geist soll sie auch regieren! Das aber wird nur dann 
der Fall seiv, wenn die Lehrkräfte nach allen Richtungen hin für ihren be- 
sonderen Beruf besonders vorbereitet sind. Die Lehrerseminare können wohl in 
allgemeinen Unwissen die Erziehung der geistig zurückgebliebenen Kinder in 
ihr Bereich ziehen, aber das genügt nicht; dazu sind die Gebrechen unserer 
Kinder zu mannigfaltig und noch zu wenig erforscht. Ich stehe noch heute 
oftmals vor ungelösten Rätseln, trotzdem ich nahezu 30 Jahre mich redlich 
bemüht habe, mir die nötige Fachkenntnis anzueignen. Wiviel mehr wird das 
demjenigen Lehrer ergehen, welcher die geistige Minderwertigkeit bei seinem 
Eintritt in die Hilfsschule nur vom Hörensagen kennt! Die Begründer der 
Hilfsschule, zu denen ich mich zäble, waren gezwungen, im Dunkeln zu tappen, 
durch mühesames Suchen und Probieren — auch durch Fehlgriffe sich durch- 
zuringen zu dem, was zu tun und zu lassen ist. Soll das so bleiben? Soll in 
Zukunft jeder Hilfsschullehrer diesen Weg zurücklegen? Nein, das darf nicht 
sein! Es ist dringend nötig, die Erzieher geistig zurückgebliebener Kinder in 
Vorbereitungs- und Fortbildungskursen auszubilden. Zu solcher Ausbildung ge- 
hört selbstverständlich die Gesundheitspflege in hervorragender Weise Der 
Hilfsschullehrer muss eine stark ausgeprägte medizinische Ader haben, sonst 
wird er sich schwer heimisch machen; er muss ein echtes Samariterherz haben, 
sonst vermag er nicht, die Leiden seiner Schutzbefohlenen zu den Seinigen 
zu machen. Doch der gute Wille allein tut es nicht; die Sachkunde muss 
hinzukommen Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich bereits auf der 5. Konferenz 
für das Idiotenwesen im Jahre 1889 Vorbereitungskurse für die Erzieher schwach- 
befähigter und schwachsinniger Kinder gefordert. Der Vorstand des deutschen 
Hilfsschulverbandes hat diese Angelegenheit vor 3 Jahren wieder aufgenommen 
und hat im vorigen Jahre eine dahingehende Eingabe an das preussische Unter- 
richtsministerium gerichtet; auch der im vorigen Jahre gegründete sächsische 
Hilfsschullehrerverband hat gleiche Schritte beschlossen. Ich meine, die vier 
deutschen Königreiche haben die Pflicht, die hier angedeuteten Wünsche zu ver- 
wirklichen. In der Schweiz ist man bereits zur Tat geschritten. Wenn der 
Hilfsschullehrer mit Sachkunde genügend ausgerüstet ist, dann wird er davor 
bewahrt, physische Schwächen und psychische Störungen als sittliche Vergehen 
zu werten, dann wird es ihm leichter, den Hebel zur sittlichen Vervoll- 
kommnung seiner Zöglinge an der rechten Stelle anzusetzen. 

Die Hilfsschule hat die Aufgabe, die ihr anvertrauten Kinder zu religiösen, 
sittlich guten und brauchbaren Menschen zu erziehen. Das geht nicht, ohne 
eine gewissenhafte Schulzucht. Es würde verkehrt sein, sie durch zuviel Nach- 
sicht zu verweichlichen. Bei aller Milde und Liebe müssen sie energisch an- 
gefasst werden, so dass sie sich an Gehorsam, Fleiss, Ordnung und gute Sitte 
gewöhnen. Der Wille muss gekräftigt, der böse Wille, die Neigung zum Bösen 
unterdrückt werden. Das geht nicht ohne Zuchtmittel. Welcher Art diese sein 


157 


sollen, das lässt sicb nicht durch Vorschriften bestimmen, das muss von Fall 
zu Fall bei jedem Kinde geregelt werden. Hierbei tritt die Sachkunde — das 
pädagogische Gewissen des Erziehers in den Vordergrund, wie denn überhaupt 
in der Hilfsschule von der Persönlichkeit des Erziehers der Erfolg abhängt. 
Darum haben Staat und Gemeinde die Pflicht, die Hilfsschullehrer für ihren 
besonderen Beruf allseitig vorzubilden, während man diesen bei Voraussetzung 
der erforderlichen Charaktereigenschaften die Pflicht auferlegen muss, sich mit 
den Vorkommnissen und Fertigkeiten auszurüsten, welche die Arbeit in der 
Hilfsschule erfordert. 

Zur Durchführung einer gediegenen Gesundheitspflege bedarf die Hilfsschule 
des ärztlichen Beirates. Ich fasse die Aufgabe des Arztes dahin auf, dass er 
der Berater sein soll in allem, was zur Gesundheitspflege in Beziehung steht- 
Er soll sich nicht als Kontrolleur über die Lehrer stellen, sondern ihr Mit- 
arbeiter sein. Er hat darüber zn wachen, dass sowohl von den Schulbehörden 
als auch von den Lehrkräften alle Maßuahmen getroffen und befolgt werden, 
die zur Durchführung der Gesundheitspflege erforderlich sind. Er muss im 
wahren Sinne des Wortes Kinderforscher sein und muss das Verfahren, sowie 
ie Ergebnisse seines Forschens dem Lehrkörper zugänglich machen und somit 
den Erziehern Anleitung geben, wie die Kinder in gesundheitlicher Hinsicht zu 
überwachen sind. Ist er doch meistens auf die Beobachtungen der Lehrer an- 
gewiesen, weil er nur kurze Zeit in der Schule verweilen kann. Je mehr und 
je inniger das Zusammenwirken zwischen Arzt und Erzieher stattfindet — je 
mehr dieselben auf dem Standpunkte gegenseitiger Wertschätzung zusammen- 
wirken, desto erfolgreicher wird ihr Studium, desto wirksamer ihre Arbeit an 
den Kindern sein — ja, desto mehr wird sich das Dunkel lichten, welches noch 
immer auf dem Gebiete der geistigen Minderwertigkeit lagert. 

Dass hierzu eine gewissenhbafte Führung von Personalakten über jedes Kind 
erforderlich ist, will ich nur nebenbei bemerken. Hierüber habe ich schon 
wiederholt öffentlich gesprochen. Wünschenswert ist es, dass in dieser Hinsicht 
alle Hilfsschulen nach einheitlichen Grundsätzen verfahren, dann aber ist es 
auch notwendig, dass die Personalakten im Öffentlichen Leben Beachtung finden, 
besonders in der Rechtspflege und beim Musterungsgeschäfte. Das ist in kurzen 
Zügen dasjenige, was ich über die Gesundheitspflege an den Kindern zu sagen habe- 

Indessen gehören zu der Schule auch die Lehrer; darum muss ich auch zu 
deren Gunsten ein paar Worte hinzufügen: Die Arbeit an den geistig schwachen 
Kindern ist leiblich, geistig, seelisch ausserordentlich aufreibend.. Will der 
Lehrer seinen Aufgaben gerecht werden, so muss er stets seine ganzen Kräfte 
in Spannung halten, gerade wie eine Maschine, die stets unter Volldampf steht. 
Hieraus ergibt sich selbstverständlich ein rascher Kräfteverbrauch. Der Erzieher 
geistig abnormer Kinder muss tagtäglich aus sich heraus schöpfen, er muss 
geben mit vollen Händen ohne Gegengabe; denn während das geistig normale 
Kind seinem Lehrer halbwegs entgegenkommt, muss man unsern Kindern stets 
nachgehen. Das ist ein Suchen ohne Ende! Daneben hat der Hiltsschullehrer 
mancherlei gesundheitschädigende Vorkommnisse in den Kauf zu nehmen, welche 


158 


dnrch die verschiedenartigen Gebrechen der Kinder verursacht werden und sich 
nicht vermeiden lassen. Die allgemeine Unselbständigkeit und sprachliche Un- 
beholfenheit der Kinder erfordert die stetige Beihilfe des Erziehers und macht 
tagtäglich ein ergiebiges Sprechen notwendig. Darum muss er ruhige, helle, 
luftige, möglichst staubfreie Unterrichtsräume verlangen, Unterrichtsräume, in 
denen seine Gesundheit nicht untergraben wird. 

Es ist Pflicht der zuständigen Behörden, das Los der Hilfsschullehrer ge- 
sundheitlich so günstig als möglich zu gestalten, damit sie freudig und auf- 
opferungsbereit ihres schwierigen Amtes walten können. Manche Städte sind ja 
in dieser Hinsicht musterhaft vorgegangen. Möchten andere solchen guten 
Vorbildern nacheifern! 

M. D. u. H.! Sie dürfen nun nicht annehmen, ich wolle die unter meiner 
Verwaltung stehende Braunschweiger Hilfsschule als Musteranstalt hinstellen, in 
welcher alles vollkommen wäre. Ach nein! Vollkommen ist kein irdisches 
Ding! Oftmals erkennt man erst, was notwendig ist, wenn man das Notwendige 
entbehrt. Es muss ja rühmend hervorgehoben werden, dass so viele Städte 
opferwillig die erheblichen Unkosten tragen, welche die Hilfsschule verursacht. 
Hier kostet ein Zögling bedeutend ınehr als in der Volksschule; darum müssen 
wir uns einstweilen bescheiden, wenn es hier oder da etwas mangelt. Aber ich 
habe die berechtigte Hoffnung, dass sich keine Stadt auf die Dauer rückständig 
verhalten wird in bezug auf die Gesundheitspflege an den schwachbefähigten 
Kindern und deren Erziehern. Wie man einem kranken Gliede eine grössere 
Aufmerksamkeit und grössere Pflege angedeihen lässt als dem gesunden, so 
gebührt auch der Hilfsschule als einem kranken Gliede des Schulkörpers eine 
grössere Aufmerksamkeit und grössere Pflege, als den übrigen Schulen. Die 
dazu erforderlichen Geldmittel müssen von den Gemeinden und auch vou dem 
Staate ohne Zaudern bereitgehalten werden. Wenn die schwachen Kinder 
durch die Maßnahmen, welche ich gefordert habe, zu einer höheren Leistungs- 
fähigkeit gelangen und dadurch ihre gesamte Ausbildung vervollkommnet wird, 
so sind sie später imstande, der Gesamtheit allermindestens das Kapital zu ver- 
zinsen, welches für sie verwendet worden ist. 

Ich schliesse meine Betrachtung mit dem Wunsche, der 1. internationale 
Kongress für Schulgesundbeitspflege möchte der Hilfsschule zum Segen gereichen! 


Beiträge zur Geschichte der Heilpädagogik. 
Mitgeteilt von Schulrat H. E. Stötzner. 
IH. 
Hubertusburg. 

Es bedurfte der Anregung Hörnigs nicht, denn das sächsische Ministerium 
hatte bereits den Entschluss gefasst, eine Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder 
versuchsweise einzurichten. Auch im Landtage wurde diese Angelegenheit be- 
sprochen und am 20. Februar 1846 brachte die zweite Kammer der versammelten 
Landstände einen Antrag an die Regierung, welcher derselbeu zu erwägen emp- 


159 

fabl, ob und auf welche Weise der Staat tür Heilung, Verpflegung und Beauf- 
sichtigung der Blödsinnigen im Lande Hilfe gewähren könne. Minister von 
Falkenstein bezeichnete diesen Antrag als wichtig, da auf diese Weise nach und 
uach die Möglichkeit vorliege, die Zahl der erwachsenen Blödsinnigen zu ver- 
mindern. Sofort wurde auch an die Ausführung dieses Plans gegangen, so dass 
bereits am 3. August 1846 in dem ehemaligen Jagdschlosse Huberlusburg die 
Anstalt zunächst versuchsweise eröffnet werden konnte. Man hatte Hubertusburg 
gewählt, weil hier nicht nur genügende Räume, sondern auch in Verbindung 
mit den daselbst bereits bestehenden andern Laudesanstalten alle Einrichtungen 
in betreff der Verpflegung, Beköstigung, der erforderlichen Bäder u. s. w. leichter 
als anderswo beschafft werden konnten.*) Freilich den Anforderungen, die 
Dr. Guggenbühl und andere Ärzte an die Lage einer solchen Anstalt stellten, 
entsprach Hubertusburg, das in flacher, wasserreicher Gegend liegt, durchaus 
nicht, aber die schon erwähnten Vorteile hatten bei der Wahl des Ortes den 
Ausschlag gegeben. Sachsen hatte 1787 in Waldheim die erste Irrenanstalt in 
Deutschland begründet, es hatte 1778 die erste deutsche Taubstummenanstalt 
ın Leipzig eröffnet und jetzt wieder war es das erste Land, in dem auf Staats- 
kosten eine Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder ins Leben trat, während 
anderwärts dies Werk der Barmherzigkeit in den Händen von Privatpersonen 
und Vereinen ruhte. Das ehemalige Jagdschloss Hubertusburg war eiust der 
Schauplatz prunkvoller Feste gewesen; geschichtlich berühmt ist es dadurch, 
dass 1763 durch den Hubertusburger Frieden der Siebenjährige Krieg beendigt 
wurde. Mitte des vorigen Jahrbunderts waren dorthin eine Anzahl der unter 
dem sächsischen Ministerium des Innern stehenden Straf- und Versorganstalten 
verlegt worden, denen nun die neue Erziehungsanstalt für Blödsinnige zugesellt 
wurde. Als erster Lehrer wurde der bereits genannte Privatlehrer Hörnig an- 
gestellt. Leider war diese Wahl keine glückliche. Hörnig war wohl ein hoch- 
begabter Mann, der vortrefflich zu reden und zu schreiben verstand; aber das, 
was er über Guggenbühl gesagt hatte, traf auch bei ihm zu: er war kein Lehrer, 
kein Erzieher, und ausserdem war er so krank, dass er bereits nach zwei Monaten 
seine Stellung aufgeben musste. Nun wurde Karl Gläsche nach Hubertusburg 
berufen und in ihm war der rechte Mann für eine solche Anstalt gefunden. 

Karl Gottfried Gläsche, geboren den 4. Mai 1823 zu Miltitz bei Meissen, 
erhielt seine Ausbildung für den Lehrerberuf in Dresden im Freiherrlich von 
Fletcher'schen Lehrerseminar. Nachdem er von 1844—1846 Hilfslehrer an der 
Seminarübungsschule gewesen war, erhielt er den Ruf, die neu errichtete Anstalt 
für blödsinnige Kinder in Hubertusburg gegen Gewährung eines Gehaltes von 
200 Talern neben freier Wohnung, Heizung und Beleuchtung zu leiten. Nach 
19 jähriger segensvoller Tätigkeit an dieser Anstalt wurde Gläsche 1865 Direktor 
des städtischen Waisenhauses in Dresden und später, 1878, Direktor der 6. Be- 
zirksschule daselbst. Ende des Jahres 1889 trat er in den wohlverdienten Ruhe- 
stand und am 9. Februar 1896 ist er gestorben. Unter dem Titel „Aus dem 


*) Vergl. hierzu meinen Aufsatz in der „Gartenlaube*: Ein Besuch in Hubertusburg. 
Jahrgang 1858, Nr. 11 und 12. 


Tagebuche eines Heimgegangenen* hat Oberlehrer Wilhelm Riemer in den 
Nummern 23, 24 und 25 der Sächsischen Schulzeitung, Jahrgang 1896, ein vor- 
zügliches Lebensbild dieses hervorragenden Mannes gegeben, der durch seine 
segensreiche Tätigkeit auf den verschiedenen Gebieten der Pädagogik einen Ruf 
erlangte, welcher weit über Sachsens Grenzen hinausreichte und der durch sein 
verdienstvolles Wirken in den sächsischen Lehrervereinen sich ein Anrecht auf 
die Dankbarkeit des gesamten sächsischen Lehrerstandes erworben hatte. Riemer 
schliesst mit den Worten: „Gläsche war ein ganzer Mann, ein edler, warın- 
herziger, freundlicher, ein liebenswürdiger Mensch, ein für seinen Beruf und für 
alles Wahre, Gute und Schöne hochbegeisterter Lehrer, ja ein Meister der Schule. 
Sein Andenken bleibt unter uns in Segen!“ Es ist hier nicht meine Aufgabe, 
das gesamte Wirken Gläsches zu würdigen. Ich will im nachfolgenden nur seine 
Verdienste um die Bildung und Erziehung schwach- und blödsinniger Kinder 
darstellen und ihm den Ehrenplatz anweisen, den er in der Geschichte der Heil- 
pödagogik für alle Zeiten einnimmt. 

Als Gläsche in Hubertusburg sein Amt übernahm, fand er bereits sieben 
Zöglinge vor. Lehrplan, Lehrmittel, Spielzeug u. s. w. waren nicht vorhanden; 
nur ein altes abgegriffenes Spiel Karten war da, mit dem sich die Kinder die 
Zeit vertrieben. Die Zahl der Zöglinge vermehrte sich im Laufe der nächsten 
Monate auf zehn. Gläsche bemerkt hierzu: „Freilich eine unbedeutende Anzahl, 
wenu man erwägt, dass infolge ergangener Aufforderung im Jahre 1847 nicht 
weniger als 454 blödsinnige Kinder angezeigt wurden.“ Weiter schreibt er im 
Jahre 1854: „Solchen Zahlen gegenüber konnte wohl niemand, wie dringend 
Hilfe not tue, verkennen. Es lag hierin aber auch für den an die Versuchs- 
anstalt berufenen Lehrer die Aufforderung, alles aufzubieten, um der ihm ge- 
wordenen Aufgabe zu genügen. Das Erste, was von seiten desselben geschehen 
musste, war, dass er die Individualität der Blödsinnigen zu erfassen und dadurch 
Ankvüpfungspunkte und Grundsätze für das einzuschlagende pädagogische Ver- 
fahren zu gewinnen suchte Wenn nun trotzdem, dass weder praktische Er- 
fahrungen auf diesem bis dahin sehr wenig angebauten Felde der Pädagogik, 
noch literarische Hilfsmittel den Bemühungen des Lehrers unterstützend zur 
Seite standen, es gelang, die meisten der zehn Zöglinge aus ihrem bedauerns- 
werten Zustande zu erlösen; wenn sogar einige derselben bis Ostern 1850 so 
weit gebracht werden konnten, dass sie konfirmiert und als befähigt zur Erler- 
nung eines Gewerbes aus der Anstalt entlassen werden konnten, so durfte der 
sichtbare Segen Gottes, der auf den angestellten Versuchen ruhte, nicht ver- 
kannt werden.“ 

Infolge dieser günstigen Resultate und der sich mehrenden Bitten um Auf- 
nahme in die Anstalt wurde im Jahre 1850 eine Erweiterung derselben be- 
schlossen, so dass nun 20 Zöglinge, später, 1851, 30 aufgenommen und ein 
zweiter Lehrer (E. Stötzner) angestellt wurden. Noch später — es sei dies gleich 
hier mit erwähnt — im Jahre 1857 fanden auch blöd- und schwachsinnige 
Mädchen Aufnahme. Von besonderer Wichtigkeit aber war es, dass durch Be- 
schluss der Regierung vom 14. Januar 1852 die versuchsweise errichtete Anstalt 


161 

zur Ausbildung blödsinniger Kinder nunmehr als öffentliche Landesanstalt ins 
Leben trat. Damit war das Bestehen der Anstalt, als Staatsanstalt die erste 
ibrer Art, endgültig gesichert. Im Jahre 1854 gab Oberlehrer Gläsche den ersten 
öffentlichen Bericht über die Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder zu Hubertus- 
burg (Leipzig, Verlag von Carl Heinrich Reclam sen.) beraus. Dieser Bericht 
ist längst vergriffen. Er ist aber ein Grundstein gewesen, auf dem sich die Heil- 
pädagogik aufbaut, denn in ihm wird zum erstenmale in eingehender, klarer, auf 
psychologischem Boden erwachsener Darstellung das beim Unterrichte und der 
Erziehung blödsinniger Kinder einzuschlagende Verfahren vorgeführt. Die Frage, 
wie die Geistesgymnastik mit solchen Kindern zu betreiben sei, war noch un- 
beantwortet, und in den diesen Gegenstand berührenden Werken fanden sich 
höchstens kurze Andeutungen, die als Fingerzeige für den Unterricht blödsinniger 
Kinder betrachtet werden konnten. Es war daher Aufgabe des Erziehers, sich 
selbst eine Bahn zu brechen. Hierin liegt der grosse Wert dieses Berichtes 
und die Bedeutung Gläsches für dieses Spezialgebiet der Pädagogik. In be- 
scheidener Weise erklärt er weiter: „Wenn nun der Verfasser es unternimmt, 
das von ihm eingeschlagene Verfahren öffentlich darzulegen, so will er keines- 
wegs wissenschaftlichen Wert tür dasselbe beanspruchen, sondern nur zu weiteren 
Nachdenken über möglichst praktische Maßregeln veranlassen.* 

Da Gläsches Unterrichtsverfahren bereits in dieser Zeitschrift in der No- 
vembernummer des ‚Jahrgangs 1899 eingehend dargelegt worden ist, so mag hier 
nur kurz der Stufenganz angedeutet werden. 

Alles beruht auf Anschauung. Es galt daher 

1. die Sinne des Kindes zu üben, damit es anschauen lerne 
und gleichzeitig den Tätigkeitstrieb, der hier fast durch- 
gängig als Nachahmungstrieb auftritt, einigermaßen an- 
zuregen. 

Der Tastsinn und der Gesichtssinn werden zuerst geübt durch Zeigen und 
Betasten verschiedener Gegenstände, kleiner glänzender, hellklingender Glocken, 
bunter Bälle, Kugeln u s. w. Das Gehör wird angeregt durch die laute Stimme 
des Lehrers, durch Musikinstrumente: Violine, Pianoforte, durch Gesang u. s. w. 
Einfache Körperbewegungen: Aufstehen, Setzen, Gehen u. s. w. werden geübt. 
Man versucht nun weiter, 

2. dass das Kind durch wiederholtes Anschauen der Dinge 
zu Vorstellungen von denselben gelangt. 

Die Kinder werden auf diese Weise dahin gebracht, dass sie die angeschauten 
Dinge voneinander unterscheiden und auf Verlangen zeigen und herbeibringen 
Gib mir die Glocke, den Ball, die Kugel, das Buch u. s. w. Zeige mir deine 
Nase, deine Ohren, deinen Kopf u.s. w. Das Kind wird nun fähig, 

3. die gewonnenen Vorstellungen zu kombinieren und gelangt 
dadurch zu Begriffen. 

Es schaut verschiedene Bälle, Tische, Stühle, Kugeln und lernt das Wesent- 
liche vom Unwesentlichen unterscheiden. Durch Aufträge: Trage den Ball 
auf den Tisch, hole das Buch vom Fenster u. s. w. erhält es die ersten Begriffe 


162 
von dem Verhältnis der Dinge zueinander. Es lernt nun noch solche Aufträge 
erfüllen, wie: Setz dich auf den Stuhl, stelle dich an die Tür u. s. w. und 
gelangt damit zum Selbstbewusstsein. Es wird nun dahin gearbeitet, 
4. dass das Kind abstrahieren lerne. 

Es werden ihm Abbildungen gezeigt und es zeigt nun auf dem Bilde 
den Stuhl, den Tisch, die Uhr u. s. w. Der Unterricht im Zeichnen, Schreiben 
und Lesen beginnt auf dieser Stufe Es gilt nun, dass 

5. das Kind sprechen lerne. 

Keineswegs haben die Sprechübungen jetzt eıst zu beginnen, sie mussten 
vielmehr mit allen früheren Übungen Hand in Hand geben. Jetzt aber werden 
sie besonders betont und das Kind wird zum Sprechen kleiner Sätze angeleitet. 
So gelangt es nun zur letzten Stufe. Es wird 

6. beiähigt, nunmehr an dem Elementarunterricht der Volks- 
schule mit Nutzen teilzunehmen. 

Das Kind wird angeleitet, die Dinge zu beschreiben und sich in eiufachen 
Sätzen über Art, Stoff, Teile, Gebrauch, Farbe u. s. w. der Gegenstände auszu- 
sprechen. Hier wird der Unterricht in Naturgeschichte und Geographie vor- 
bereitet. Schwer wird diesen Kindern in der Regel das Unterscheiden der Farben. 
Nicht minder schwer — mit wenigen Ausnahmen - das Auffassen von Zahlen- 
grössen. Es muss auch der Unterricht im Rechnen sich immer auf Anschauung 
gründen. Die Übungen im Schreiben, Zeichnen und Lesen werden fortgesetzt, 
leichte Verse und Lieder werden auswendig gelernt und beim Singen verwendet. 
Singen und Turnen sind in der Regel da, wo alle Versuche scheitern, die einzigen 
Mittel, durch welche Leben in die toten Geister gebracht wird. 

Von der Zeit an, da ein solches Kind einigermaßen aus dem Staube ge- 
zogen und zum Bewusstsein erweckt worden ist, wird nun nach Kräften dahin 


gewirkt, dass eg sein Gemüt zu Gott erheben, ihn finden und lieben lernt. 
(Schluss in nächster Nr.) 


Mitteilungen. 


Berlin. (Fachmännischer Beistand.) Aus Fürsorge für geistig schwache 
Gemeindeschüler, welche in sogenannten Nebenklassen besonders unterrichtet werden, 
hat die städtische Schuldeputation den Rektoren bekannt gegeben, dass in letzter 
Zeit der Schüler einer solchen Nebenklasse zu Gefängnis verurteilt worden ist und 
dass dies vielleicht nicht geschehen wäre, wenn zu der gerichtlichen Verhandlung 
der Rektor oder der Lehrer des Schülers oder der Schularzt zugezogen worden 
wäre. Infolgedessen gibt die Schuldeputation den Schulleitern auf, wenn letzteren 
von der Anklagebehörde die Nachricht zugeht, dass gegen einen Schüler oder eine 
Schülerin einer Nebenklasse die öffentliche Klage erhoben ist, dies sofort der 
Schuldeputation unter Angabe des gerichtlichen Aktenzeichens anzuzeigen, damit 
letztere an zuständiger Stelle rechtzeitig die Zuziehung des Rektors, Lehrers oder 
Schularztes zum Hauptverhandlungstermin veranla‘sen kann. 

Jena. (Ferienkurse und die Hilfsschule) Wie früher schon, so 
befand sich auch in diesem Jahre unter den Vortragenden Dir. Trüper-Sophien. 


höhe. Er behandelte dieses Mal in 6 Vorträgen die Charakterfehler im 
Kindes- und Jugendalter. Der Vortragende verbreitete sich zuerst über den 
Begriff des Charakters und der Charakterfehler und die Ursachen derselben. An 
der Hand verschiedener Lebensbilder von Kindern und Jugendlichen erläuterte er 
sodann die Entstehung und Entwicklung moralischer Fehler und Gebrechen. 
Leider konnte er wegen der Kürze der Zeit nicht mehr ausführlich berichten über 
die im Programm angegebenen 3 letzten Punkte, sondern musste zusammenfassend 
darüber reden. Die 3 letzten Punkte handelten von dem Zusammenhang zwischen 
Intelligenz und Charakterdefekte, von dem moralischen Schwachsinn, von den 
Jugendsünden und Gesetzesverletzungen und an letzter Stelle von der Bekämpfung 
der jugendlichen Entartung. An die Vorträge schloss sich ein Besuch der 
Sophienhöhe an — Als neuer Gegenstand erschien in dem diesjährigen Programm 
das Hilfsschulwesen. Über dasselbe sprach vor etwa 35—40 Hörern Rektor 
Dr. B. Maennel aus Halle a. S. Seinen Vorträgen lag folgendes Programm 
zugrunde: Zur Entwicklungsgeschichte des Hilfsschulwesens, Veranlassung zur 
Gründung einer Hilfsschule, dus Aufnahmeverfahren, die Eltern und die Lebens- 
verhältnisse der Hilfsschüler vor und während der Schulzeit, die Gesundheits- 
verhältnisse der Hilfsschüler, der Hilfsschüler und seine Charakteristik, das Schul- 
haus, die Klasseneinteilung und die Schülerzahl, der Stundenplan, der Lehrplan 
das Lehrverfahren, von der Erziehung in der Hilfsschule, von der körperlichen 
Pflege in der Hilfsschule, die Vorbereitung des Hilfsschülers für die kirchliche 
Gemeinde, Lehrer und Leiter der Hilfsschule, Gemeinde und Staat im Verhältnis 
zur Hilfsschule, die pädagogische Aufgabe der Hilfsschule.. Die Vorträge waren 
vornehmlich für solche berechnet, die bis dahin der Hilfsschulsache noch voll- 
ständig fern gestanden und sich mit derselben noch nicht beschäftigt hatten. — 
Ferner waren noch neu hinzugekommen Vorträge von Dr. Hermann Gutzmann- 
Berlin und Schularzt Dr. Fiebig-Jena, die ebenfalls meistens von Interessenten 
der Hilfsschulsache besucht waren und ungeteilten, allseitigen Beifall fanden. 
Dr. Hermann Gutzmann-Berlin sprach in klarer und fesselnder Weise über die 
Sprachstörungen im Kindesalter. Er ging von der Entwicklung 
der Sprache des Kindes aus und redete dann von den Hemmungen 
dieser Entwicklung. Weiter verbreitete er sich auch über den Einfluss von 
Familie und Schule auf die Sprachstörungen. Was die Sache besonders interessant 
und wertvoll machte, war, dass er an verschiedenen sprachgebrechlichen Kindern 
die einzelnen Sprachgebrechen erläuterte und zeigte, wie in dem einen und dem 
andern Falle Abhilfe geschaffen werden kann. — Das Thema, welches Dr. Fiebig- 
Jena behandelte, lautete: Demonstrationen an schwachbegabten und 
defekten Kindern. Er sprach über den Einfluss der ungenügenden und 
unzweckmässigen Ernährung, der adenoiden Vegetationen, der angeborenen und er- 
worbenen Krankheiten auf die Gehirnfunktionen und die damit gepaart gehenden 
äusseren Krankheitszeichen und schlechten Gewohnheiten. 

Turbenthal. (Schweizerische Anstalt für schwachsinnige Taub- 
stumme.) In dem der schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft von Bankier 
Herold in Paris geschenkten Schloss Turbenthal soll eine Bildungsanstalt für 





164 

schwachsinnige Taubstumme errichtet werden. Die Grösse der Anstalt ist auf 
40—50 Kinder berechnet. 6 

Wien. (Verein Fürsorge für Schwachsinnige.) Der Verein veranstaltete 
einen Vortragsabend in dem der Direktor der Landesirrenanstalt in Kierling-Gugging, 
Dr. Heinrich Schlöß, einen Vortrag „über die Ursachen der Idiotic“ hielt. Da 
der Wiener Bezirksschulrat durch einen eigenen Erlass die Lehrpersonen sämtlicher 
Schulen Wiens von der Versammlung verständigte, so war dieser Vortrag überaus 
gut besucht und wurde durch denselben das Interesse der Lehrpersonen für die 
heilpädagogischen Bestrebungen neuerdings gestärkt. 


Anzeigen. 

Ein bis zwei nicht mehr schulpflichtige minderbegabte Kneben oder Mädchen 
finden liebevolle Aufnahme und Pflege in der Familie des früheren Leiters einer 
renomierten Erziehungsanstalt für geistig Zurückgebliebene. Näheres durch den Heraus- 
geber dieser Zeitschrift Direkior W. Schröter, Dresden-Strehlen, Residenzstrasse 27. 











('rziehungs- und Fachlehranstalt für nervös N Soeben erschien: 
veranlagte u. i. d. Schule nervös ge- Übungsbuch für 


wordene Jünglinge der höheren Stände ist Sprach- (Stotter-) Heilkurse 
Dr. Jaoobis Institut für Landwirtschaft und 1 Übgsb. m Beilage: meine Sprachheilmeth. 


Gartenbau, Weiterscheidt (Kreis Naum- gegen 1,20 Mk. direkt von M. Weniger- 
burg a. S.) | Schwelm Westf. 


Zur Beachtung! 
Mit der stetig zunehmenden Verbreitung unserer 


„Zeitschrift für die Behandlung Schwachsinniger und Epileptischer“ 
mehren sich auch die bei nns eingehenden Anfragen nach heilpädagogischen 
Anstalten, zu deren Beantwortung uns nicht selten die zutreffenden Unterlagen 
fehlen. Wir richten darum an die Leiter der in Frage kommenden Peusionate 
und Erziehungs-, Pflege- und Beschäftigungsanstalten die Bitte um regelmässige 
Zusendung ihrer Berichte und Prospekte und hoffen dadurch nicht nur den 
Anfragenden, sondern auch den Anstaltsn einen Dienst zu erweisen 


Dresden-Strehlen, Residenzstrasse 27. Die Schriftleitung. 
Dir. W. Schröter. 








Briefkasten. 
Mit dem Berichte über die XÄl. Konferenz kann erstindernächsten Nr. 
begonnen werden. - Ernest. i. P. Wenden Sie sich zunächst einmal an die Lehr- 


mittelhandluug „Fröbelhaus“ in Dresden, Weisenhausstr. 24. Im übrigen beabsichtigen 
wir später einmal ein Verzeichnis solcher Lehrmittel zu brin en, welche in erster Linie 
für Hılfsschulen und Erziehungsanstalten für Schwachbegabte estimmt sind. — M. H.i. G. 
Für diese Nr. zu spät. — R. M. i. H. Von der beabsichtigten Herausgabe des Kalenders 
haben wir Kenntnis, den Bearbeiter desselben vermögen wir jedoch nicht zu nennen. — 
M. S. i. R. Dass wir nicht nach St. zu kommen vermochten, tat uns unter den obwal- 
tenden Umständen doppelt leid. — 














Inhalt. Die Gesnndheitspflege in der Hilfsschule (H. Kielhorn.) — Beiträge zur 
Geschichte der Heilpädagogik. (H. E. Stötzner.) — Mitteilungen: Berlin, Jena, Turben- 
thal, Wien. — Anzeigen. — Briefkasten. 








- mn. 





Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von IH. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 







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Nr. 11. XX. (All) Me ran 
è | è a R 
Zeitschrift pmo 


für die 


Behandlung Schwachsinniger und: Epileptische 


Organ dor Konferenz für das Idiotenwesen. 


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ES f C unoATIONS. 
rk 





Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 
Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Spezialarzt 
Dresden - Strehlen, für Nervenkrankheiten 


Residenzstrasse 27. In Stuttgart. 


C 
Erscheint jährlich in 12 Nummern von Zu beziehen durch alle Bachhandlungen 
mindestens einem Bogen. Anzeigen für und Postäinter, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- November 1904. ' Schriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 

rarische Beilagen 6 Mark. einzelne Nummer 5u Pfg. 








Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 





XI. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen. 


Bericht von Franz Frenzel-Stolp i. Pom, 


Die zum elften Male tagende Konferenz für das Idioten- und Hilfs- 
schulwesen fand in der Zeit vom 6. bis zum 9. September 1904 zu Stettin 
statt. Der Besuch war im ganzen nur ein mäßiger, aber doch waren aus allen 
Gauen des deutschen Vaterlandes Ärzte, Geistliche, Pädagogen und Menschen- 
freunde erschienen, um an den Beratungen zur Besserung der Lage der armen 
Geistesschwachen teilzunehmen. 

Anı 6. September, abends 7 Uhr, wurde die Konferenz in dem kleinen Saale 
des Evangelischen Vereinshauses mit einer Vorversammlung eröffnet. Direktor 
Pastor Bernhard-Kückenmühle begrüsste die Anwesenden und hiess sie im 
Namen des Ortsausschusses im Pommernlande herzlich willkommen. Darauf 
ergriff Erziehungsinspektor Piper-Dalldorf, welcher in der X. Konferenz zu 
Elberfeld den Vorsitz geführt hatte, das Wort zu einem längeren Bericht 
über den jetzigen Stand des Idioten- und Hilfsschulwesens im Deutschen Reiche. 
Erfreulicherweise hat die Fürsorge für die Geistesschwachen in der letzten Zeit 
eine befriedigende Entwicklung genommen. Die Zahl der öftentlichen Erziehungs- 
anstalten für Geistesschwache und Epileptische beträgt zur Zeit 105; Hilts- 
schulen gibt es über 200, in welchen gegen 15000 Schüler unterrichtet werden. 
Das Interesse für die Bildungsbestrebungen der Geistesschwachen macht sich 
auch im Auslande geltend, auch dort sind in den letzten Jahren eine ganze 
Reihe von Anstalten und Schulen für Schwachsinnige ins Leben gerufen worden. 
Die Literatur dieses Gebiets, über welche der Vorsitzende eine kurze Übersicht 
gab, hat gleichfalls eine erfreuliche Entwicklung genommen. Zum Schlusse 


166 


seiner Ausführungen gedachte der Redner noch der Unterstützungen, welche der 
Konferenz während des verflossenen Trienniums von verschiedenen Seiten zu teil 
wurden; den hochherzigen Gebern soll der Dank der Versammlung durch besondere 
Schreiben übermittelt werden. 

Bei der darauffolgenden Vorstandswahl wurde der bisherige Vorstand 
durch Zuruf wiedergewählt; für Pastor Geiger-Mosbach, der wegen Berufung 
in ein anderes Amt ausschied, wurde Pastor Stritter- Alsterdorf in den Vorstand 
gewählt. Dieser besteht nun aus den Herren: Direktor Barthold-M.-Gladbach, 
Ehrenvorsitzender, Erziehungsinspektor Piper- Dalldorf, Vorsitzender, Sanitätsrat 
Dr. Berkhan - Braunschweig, Schuldirektor Richter- Leipzig, Pastor Stritter- 
Alsterdorf und Schulrat und Anstaltsdirektor Weichert- Leschnitz. 

Des weiteren kamen auf der Vorversammlung verschiedene Anträge und 
Mitteilungen zur Besprechung. Der eine Antrag betraf den $ 11 des 
preussischen Lehrerbesoldungsgesetzes, welcher die harte Bestimmung 
enthält, dass den Lehrern an privaten Taubstummen-, Blinden- und Idioten- 
anstalten die an diesen Anstalten verbrachten Dienstjabre bei ihrem Übertritt 
in den Staatsdienst nicht in Anrechnung gebracht werden. Bereits in Elberfeld 
war eine diesbezügliche Resolution zur Aufbebung dieser Bestimmung gefasst 
und an den Minister abgesandt worden. Der Bescheid hatte aber abschlägig 
gelautet; es wurde darum beschlossen, weitere Schritte in dieser Angelegenheit 
zu unternehmen, um eventl. eine Änderung jener Bestimmungen zu erreichen. 
Direktor Schwenk-Idstein begründete diesen Antrag in einer längeren Aus- 
führung; seine Forderungen wurden mit einer geringen Abänderung angenommen. 

Der Vorsitzende verlas dann einen Aufrufzur Begründung heilpädago- 
gischer Kongresse; das Schriftstüäck war von einer Reihe namhafter Psycho- 
logen, Professoren, Ärzte, Pädagogen etc. unterzeichnet. In dem Aufrufe wurde 
die Bitte ausgesprochen, dass alle Fachvereinigungen, Anstalten, Schulen, Schul- 
männer, Ärzte etc., überhaupt sämtliche sich für die Heilpädagogik Interessierenden 
sich zusammenschliessen möchten, um alle drei Jahre einen Kongress für Heil- 
pädagogik abzuhalten, auf welchem einschlägige Fragen, Ergebnisse psychologischer 
Forschungen und experimenteller Untersuchungen etc. zur Besprechung und 
Beratung kämen. Der Aufruf wurde mit grossem Beifall aufgenommen und 
gelangte einstimmig zur Annahme. Die Versammlung ernannte aus ihrer Mitte 
zwei Mitglieder, welche die weiteren Schritte zum Anschluss an den Kongress 
in die Wege leiten sollen. Dem beendigten geschäftlichen Teile der Vor- 
versammlung folgte gemütliches Beisammensein. 

Die erste Hauptversammlung wurde am folgenden Tage um 9 Uhr 
vormittags im grossen Saale des Evangelischen Vereinshauses eröffnet. Der 
Oberpräsident von Pommern, Freiherr v. Maltzahn-Gültz, begrüsste die Er- 
schienenen im Namen der Königlichen Staatsregierung. Er hob in seiner An- 
sprache hervor, dass die Regierung den Bestrebungen für das Idioten- und Hilfs- 
schulwesen das wärmste Interesse entgegenbringe. Die Versammlung könne 
ihres Wohlwollens gewiss sein. Besondere Freude bereite eg ihm, dass diesmal 
Stettin als Ort der Tagung für die Konferenz gewählt worden sei. Gerade 


167 
Pommern und speziell seine Hauptstadt habe sich seit mehr als einem Menschen- 
alter ganz besonders bemüht, jenen armen, von der Natur so stiefmütterlich 
bedachten Geschöpfen, den Schwachen ani Geiste, das Los erträglicher zu machen. 
Der Landeshauptmann von Pommern war durch dringende Geschäfte am 
persönlichen Erscheinen verbindert; er hatte deshalb seinen Vertreter, den Landes- 
rat Scheck, entsandt, der die Versammlung gleichfalls herzlich begrüsste. 
Generalsuperintendent Dr. Büchsel überbrachte die Grüsse der Geistlichkeit 
Stettin. Städtische Vertreter waren zur Begrüssung nicht erschienen; die 
Konferenz wurde überhaupt seitens der Stadt fast gänzlich ignoriert, selbst die 
städtische Lehrerschaft blieb ihr mit Ausnahme einzelner Hilfsschullehrer fern. 
Auch die Presse war sehr schwach vertreten, nicht einmal alle grösseren Lokal- 
blätter Stettins brachten Berichte über die Verhandlungen der Konferenz. Sollte 
der Ortsausschuss nicht ganz auf dem Posten gewesen sein?! — 

Nach den Begrüssungen erteilte der Vorsitzende dem Hauptlehrer Schenk- 
Breslau das Wort zu seinem Vortrage: Die Gewinnung dauernder Unter- 
richtsergebnisse für geistig zurückgebliebene Kinder. Der Vortragende 
wies in seiner Einleitung nach, welchen bedeutenden Umfang die Fürsorge für 
die Geistesschwachen in wenig mehr als einem halben Jahrhundert gefunden hat. 
Die Freude über diese Tatsache darf den Erzieber nicht abhalten, immer und 
immer wieder die Frage zu beantworten: Halten mit der äusseren Ausgestaltung 
und Vermehrung der Schulen und Anstalten auch deren tatsächliche Erfolge 
gleichen Schritt? Der Vortragende war der Meinung, dass durch Ausnutzung 
aller nur erdenklichen Erziehungsmaßnahmen für die Geistesschwachen die 
Leistungen in den Schulen und Anstalten noch erhöht werden könnten. Durch 
seinen Vortrag wollte Referent einige Anregungen bieten, alle diese Mittel zu 
erforschen. Als Ziel der Tätigkeit in den Hilfsschulen und Erziehungsanstalten 
bezeichnete er: Gewinnung dauernder Unterrichtsergebnisse materieller und 
formaler Natur, soweit sie das Leben noch von den geistesschwachen 
Zöglingen fordert. — Der Vortragende kam dann auf die grosse Bedeutung der 
Sinnesübungen zu sprechen. Den Anschauungsbegriftf bei den Geistesschwachen 
zerlegte er in drei wichtige Teile: 1. Äussere Aufnahme des Stoffes, 2. innere 
Verarbeitung desselben in dem kindlichen Geiste und 3. Entladung der Seele nach 
aussen in Form von Tätigkeit. Gerade in dem letzten Punkte glaubte der Vortragende 
ein wichtiges Mittel für die Schwachsinnigenbildung bezeichnen zu können. Wie er 
sich die Tätigkeit als ein Stück der Auschauung denkt, das zeigte er an einer 
Reihe von Beispielen. (Beschäftigungsunterricht bei den Lernanfängen, Gartenbau 
und Zimmerblumenpflege in Hilfsschulen, Schulwanderungen, stilistische Übungen 
in Hilfsschulen, Schülerbibliotheken für Geistesschwache, praktische Betätigung 
im Rechenunterrichte.) Der Vortragende erklärte: Gelingt es uns, die Schüleı 
zu klaren und umfassenden Anschauungen zu führen, so wird es uns auch ge- 
lingen, klare und umfassende Vorstellungen zu erzielen. Damit wäre ein 
wesentliches Stück der Schwachsinnirenerziehung erreicht. — Neben der Bildung 
von klaren und umfassenden Vorstellungen ist die Erhaltung derselben von der 
grössten Wichtigkeit. Der Vortragende ging bei den sich daran anschliessenden 


168 


Ausführungen auf das dreifache Gedächtnis ein und empfahl zur Unter- 
stützung des mechanischen Gedächtnisses die Bearbeitung eines zweckentsprechenden 
Orthographiebüchleins, eines Rechenbi.chleins und einer Fixierung der zu lernenden 
Stoffe in den geschichtlichen, naturwissenschaftlichen und geographischen Be- 
lehrungen. — Zum Schlusse prüfte der Vortragende seine Vorschläge an dem 
Herbartschen Satze: „Das Lernen soll dazu dienen, dass Interesse aus ihm er- 
stehe!“ Dieser Satz sei auch für die Bildung der Geistesschwachen von der 
grössten Wichtigkeit. Redner zeigte, dass seine Vorschläge durchaus dem ge- 
nannten Herbartschen Satze Rechnung tragen. — Mit dem Wunsche, jeder möchte 
an seinem Teile dazu beitragen, dass für die Erziehung der Geistesschwachen 
eine grösstmögliche Vervollkommnung aller Erziehungsmaßregeln getroffen werde, 
schloss der Vortragende seine interessanten Ausführungen. 

Die vorwiegend fachmännischen Darlegungen des Referenten hatten eine sehr 
rege und interessante Debatte zur Folge, deren Ergebnisse jedoch keine besonderen 
Aussichten eröffneten; die Redner stimmten in der Hauptsache mit den Ansichten 
des Vortragenden überein oder fügten ergänzende Gedanken hinzu. 

Den 2. Vortrag hielt Dr. Gutzmann-Berlin; er sprach über das Thema: 
Die Übung der Sinne. Der Gedankengang seines äusserst belehrenden und 
anregenden Referats war ungefähr folgender. „Als wichtiger erziehlicher Faktor 
wurde die Übung der Sinne schon von Comenius erkannt und gewürdigt. 
Aber erst Rousseau führte in seinem Erziehungsroman „Emile“ die Art und 
Weise der Sinnesübungen ausführlicher aus. Systematischer noch als Rousseau, 
wenn auch offenbar durch ihn angeregt, so doch in der Ausführung durchaus 
originell, hat Gutsmuths die Sinnesübung in die allgemeine Gymnastik auf- 
genommen, nach ihm ebenso Gerhard Vieth, Jahn und andere. Eigenartig 
sind die Vorlesungen des englischen Anatomen und Physiologen Charles Bell 
über diesen Gegenstand. Er erkennt zuerst die wichtige und unlösbare Ver- 
knüpfung, die mehrere Sinne zur gegenseitigen Ergänzung und Vervollkommnung 
führt. 

Die Anwendung dieser Vorarbeiten für die Erziehung der Schwachsinnigen 
und‘ Idioten sehen wir dann später bei S6eguin, Degerando, Stötzner, 
Sengelmann u.a. Aber auch für die moderne Gymnastik wird immer wieder 
auf die Wichtigkeit der Sinnesübung als einen Teil derselben hingewiesen: 
Schreber, Du Bois-Réymond, Mosso etc. 

Die Siunesübungen werden im allgemeinen eingeteilt in eine mehr 
passive Übungsart: Die einfache Perzeption der Reize, und eine mehr aktive 
Übungsart: Die Akkommodation durch entsprechende Muskeltätigkeit und An- 
spannung der Aufinerksamkeit. Würden die Sinnesorgane von gar keinen Reiz 
getroffen, so würden sie sich nicht entwickeln können, und schon entwickelte 
müssten atrophieren. Das lässt sich unschwer auch anatomisch nachweisen. 
(Westphal). Die Art und Weise der Zuführung der Reize isi von grösster 
Bedeutung. Die Reize müssen häufig und regelmäßig, dürfen aber nicht zu 
stark und nicht zu schnell einwirken (Ermüdung, Übermüdung). Ganz besonderer 
Vorsichtsmaßregeln bedarf es bei Schwachsinnigen. Da die Intensivität der 


169 
Empfindung mit steigend darauf gerichteter Aufmerksamkeit zunimmt, so muss 
das Verhältnis zwischen Sinnesübung und Aufmerksamkeit sorgsam beachtet 
werden: Antagonistisches Verhältnis zwischen Übung und Aufmerksamkeit. 

Das schon von Charles Bell betonte kompensatorische Verhältnis einzelner 
Sinne zu einander ist für die Erziehung besonders der nicht Vollsinnigen von 
grösster Bedeutung geworden. Solche Kompensationen bestehen zwischen Auge 
und Muskelsinn, Auge und Ohr, Geschmack und Geruch, zwischen deu ver- 
schiedenen Arten der Gefühlsinne, Tastsinn, Termperatursinn etc. Auch für die 
ınoderne medizinische Therapie sind diese Erwägungen bedeutungsvoll und bahn- 
brechend geworden: „Übungstherapie“. 

Der Vortragende erntete für seine hochbedeutenden Ausführungen reichen 
Beifall. Eine Diskussion schloss sich an den Vortrag nicht an; wir erwarten 
von der Drucklegung desselben viele Anregungen und Belehrungen in methodischer 
und didaktischer Beziehung. 

Nach einer halbstündigen Pause sprach als dritter Redner Landesversicherungsrat 
Hansen-Kiel über die in der Provinzial-Idiotenanstalt zu Schleswig 
mit der Erweiterung des Handarbeitsunterrichts gemachten Er- 
fahrungen. Der Vortragende berichtete, dass er im Juli v. Js. den Handarbeits- 
unterricht nach dem Verfahren der nordischen Länder (Schweden, Norwegen) 
eingeführt habe, aber über das Gelingen desselben damals sehr im Zweifel 
gewesen sei. Um so grösser war seine Freude, als er nach kurzer Zeit wahr- 
nahm, wie die armen Geschöpfe ein immer reger werdendes Interesse zeigten. 
Der Anfang im Handarbeitsunterrichte wurde mit der Weberei gemacht; der 
Erfolg war ein durchaus befriedigender und spornte zu weiteren Versuchen an. 
Die zur Ansicht ausgelegten Sachen der Schleswiger Anstalt fanden volle An- 
erkennung. — In der Debatte wies Pastor Bernhard- Kückenmühle darauf 
hin, dass an den dentschen Idiotenanstalten schon seit Jahren ein zweckmäßiger 
Handarbeitsunterricht gepflegt werde, dessen Erfolge durchaus befriedigen. Bei 
der Auswahl der manuellen Beschäftigung und bei der Einführung des Hand- 
arbeitsunterrichts müssen die jeweilig in Betracht kommenden örtlichen Ver- 
hältnisse in erster Linie Berücksichtigung finden; was für den Norden passe, das 
schicke sich nicht für den Süden und umgekehrt. Daher wären die Vorschläge des 
Referenten wohl beachtenswert, aber nicht unbedingt notwendig durchzuführen; 
wir wollen jedoch auch mit der Weberei Versuche anstellen und ihre Ein- 
führung für unsere Anstalten in Erwäguug ziehen. — Direktor Schwenk- 
Idstein kam bei dieser Gelegenheit auf einen Artikel des Dr. Hopf- Potsdam 
der „Psychiatrisch-Neurologischen Wochenschrift“ zurück, in welchem der Hand- 
arbeitsunterricht der deutschen Idiotenanstalten einer eigenartigen Kritik unter- 
zogen war. Der Verfasser hatte darin behauptet, dass dem Psychiater an- 
Idiotenanstalten die Aufgabe zustehe, durch eine schon in der Kindheit ein- 
setzende Arbeitstherapie die Zöglinge zu nützlichen Gliedern der Menschheit 
heranzubilden. Direktor Schwenk betonte demgegenüber, dass in den meisten 
deutschen Anstalten die Pädagogen sich bereits seit vielen Jahren mit Erfolg 
dieser Aufgabe unterzögen; es wäre daher die obige Forderung überflüssig. 


170 


Ausserdem bekunde sie eine gewisse prätentiöse Unwissenheit auf dem Gebiete 
des Schwachsinnigenbildungswesens; man müsse doch vorsichtiger sein, wenn 
man mit Artikeln in die Öffentlichkeit zu treten beabsichtige. — So interessant 
auch die Darlegungen Hansens waren, für unsere Verbältnisse werden seine 
Forderungen wenig passend erscheinen, weil wir Beschäftigungsmaßnahmen für 
unsere Zöglinge bereits in reichster Auswahl besitzen. Dazu müssen wir bei 
der Auswahl derselben hauptsächlich den Gesichtspunkt festhalten, dass die 
Zöglinge durch den Arbeitsunterricht für einen gangbaren Erwerb zum Eintritt 
in das Leben vorbereitet werden sollen. Aus diesem Grunde werden wir am 
besten fahren, wenn wir an unseren alten, bewährten Beschäftigungen festbalten 
und Neuerungen nur mit einer gewissen Vorsicht einführen. „Prüfet alles, das 
Beste behaltet!* Dieser Grundsatz muss auch bei uns volle Beachtung finden. 

Im Anschlusse an die Hauptversammlung fanden die Nebenrersammlungen 
statt, in welchen mehrere Spezialfragen zur Erörterung kamen. Für die Ver- 
treter der Idiotenanstalten sprach Professor Dr. Zimmer-Berlin (Zehlendorf) 
über das Thema: Die Heranbildung von Erzieherinnen für und durch 
unsere Anstalten. Die Leitsätze dieses Vortrags haben wir bereits in unserer 
Zeitschrift (Seite 146) gebracht. Es ist uns nicht bekannt geworden, ob sie 
die Zustimmung der Versammlung fanden. 

Für die Vertreter der Hilfsschulen referierte Hilfsschullehrer Böttcher- 
Leipzig über das Thema: Die Zentralisation der Hilfsklassen für schwach- 
befähigte Kinder. Die Leitsätze des Vortrags sind in unserer Zeitschrift auf 
Seite 147 bekannt gegeben. Die Ausführungen des Referenten wurden beifällig 
aufgenommen; die Aussprache war sehr eingehend. Leider wurden wenig 
nennenswerte und ausschlaggebende Direktiven erzielt, da die Erörterungen sich 
vorzüglich auf allbekannte, längst durchberatene Angelegenheiten erstreckten. 
Wir möchten bei dieser Gelegenheit zur besseren Förderung der Debatten empfehlen, 
die Leitsätze vorher einer eingehenden Durchsicht und Erwägung zu unterziehen, 
damit nur wirklich zur Sache Gehöriges beraten werde. Im ganzen können 
wir den Vorschlägen des Vortragenden beistimmen, dennoch möchten wir hervor- 
heben, dass seine Forderungen auch gewisse Bedenken an sich tragen, auf die 
wir jedoch hier nicht weiter eingehen können. 

Nach Beendigung der geschäftlichen Angelegenheiten fand ein Festessen 
im Hospiz statt, an welchem auch der Oberpräsident von Pommern, Freiherr 
von Maltzahn-Gültz, teilnahm. Am Abend vereinigten sich die Teilnehmer 
zu einem geselligen Beisammensein im Restaurant Hackerbräu. 

Schluss in nächster Nr. 


Beiträge zur Geschichte der Heilpädagogik. 
Mitgeteilt von Schulrat H. E. Stötzner. 
II. 
Hubertusburg. 
(Schluss). 
Hat das Kind diese zuletzt gezeichnete Stufe erreicht, so ist die Aufgabe der 
Anstalt erfüllt, es ist nun sicher befähigt, an dem Unterricht der Elementarschule 


171 

mit Nutzen teilnehmen zu können. Da es aber im Alter und in seiner körperlichen 
Entwickelung so weit vorgerückt ist, dass es bedenklich erscheinen muss, es 
in die Volksschule zu schicken, so besteht die Einrichtung, dass auch solche 
vorgeschrittene Zöglinge in der Anstalt verbleiben, bis sie konfirmiert und als 
erwerbsfähig erlassen werden können. Sie bilden eine eigene Abteilung und 
werden natürlich in allen Disziplinen soweit als möglich geführt. Namentlich 
tritt für sie noch ein besonderer Unterricht in der deutschen Sprache, Natur- 
geschichte, Geographie und in der Religion hinzu. 

Der Religionsunterricht gründet sich auf Naturanschauung, und biblische 
Geschichte und wird so oft als möglich an Ereignisse in der Anstalt und deren 
nächster Umgebung angeknüpft. Wo, wie hier, die Erzieher und Pfleger mit 
den Zöglingen eine grosse Familie bilden; wo jedes Leid, das den Einzelnen 
trifft, und jede Freude von allen geteilt wird; wo alle in Gemeinschaft essen 
und trinken, lernen und spielen, aufstehen, schlafengehen und beten: da kann 
es an geeigneten Anknüpfungspunkten nicht fehlen. Ein Religionsunterricht 
aber, der sich — sei er noch so einfach — auf die Erscheinungen des alltäg- 
lichen Lebens gründet, der gleichsam aus dem Leben herauswächst, muss auch 
wiederum in den Kindern lebendig werden und sicherlich mehr in das Leben 
eingreifen, als ein zu abstrakt gehaltener oder mit Begriffserklärungen sich 
berumwerfender. Je grösser die Schwäche des Denkvermögens bei Blödsinnigen 
ist, desto mehr muss man durch den Religionsunterricht auf das Gemüt des- 
selben zu wirken suchen, damit dieses ersetze, was ihm dort gebricht. — 

Von ebenso hoher Wichtigkeit als das eben dargelegte psychische Verfahren 
ist die körperliche Behandlung der blödsinnigen Kinder. Der Bericht führt nun 
weiter aus, wie sich dieselbe in Hubertusburg gestaltet. Verpflegung, Kleidung 
und Wohnung, die Lagerstätten. die Erziehung zur Reinlichkeit, die Bett- und 
Leibwäsche, die Bäder, vor allem auch die Kost werden eingeheud besprochen. 
Alles steht unter der Oberaufsicht der Anstaltsärzte und wird in vorzüglichster 
Weise geboten. Schliesslich stellt Gläsche den Grundsatz, man müsse in solchen 
Kindern so oft als möglich das Gefühl der Freude erregen, als einen solchen 
hin, der die gesamte erziehliche Tätigkeit durchziehen müsse. 

„Mag es immerhin nicht zu billigen sein, wenn man beim Unterrichte Voll- 
sinniger über alle Schwierigkeiten auf angenehme Weise, spielend, hinwegzu- 
kommen und auch das Ernste und Strenge in überzuckerter Schale darzureichen 
sucht; bei der Erziehung und Ausbildung Blödsinniger liegt sicher die Gefahr, 
in diesem Punkte des Guten zu viel zu tun, bei weitem nicht so nahe, als die 
entgegengesetzte. Die Freude ist es, die den Glanz und die Schärfe des Auges 
erhöht, die das Herz lebhafter pulsieren macht, ja wohl gar die Lippen des 
Sprachlosen zur Rede und Gesang öffnet. Muss darum obiger Grundsatz schon 
aus pädagogischen Rücksichten in unserer Anstalt festgehalten werden, so wird 
er noch weiter gefordert von der Stimme der Menschlichkeit. Je mehr diese 
armen Kinder entbehren, desto mehr muss der Erzieher darauf denken, ihnen 
einigen Ersatz zu gewähren; denn was haben sie verschuldet, dass schon in der 
Wiege, ja wohl schon vor der Geburt, des Schicksals harter Schlag sie traf!“ — 


Me 


Wahrlich, so kann nur ein gottbegnadeter Lehrer und Erzieher schreiben 
und handeln, und ein solcher ist unser Gläsche gewesen. 

Zum Schluss gibt der Bericht die in der Erziehungsanstalt für blödsinnige 
Kinder gewonnenen praktischen Resultate. 

Seit dem Bestehen der Anstalt sind nach und nach 45 Zöglinge auf- 
genommen, 13 wieder entlassen worden und 2 verstorben, sodass sich gegen- 
wärtig (1854) 30 in unserer Verpflegung befinden. 

Die zwei mit Tode abgegangenen Zöglinge verstarben an Abzehrung. Was 
die entlassenen Zöglinge betrifft, so sind 4 derselben in anderweite Versorgung 
gebracht worden, da vorauszusehen war, dass sie, obschon zwei von selbst im 
Lesen und Schreiben einige Fertigkeit erlangt hatten, doch nicht bis zur Erwerbs- 
fähigkeit heranzubilden sein würden. Zwei andere wurden — in weit ge- 
besserterem Zustande als jene — ihren Eltern zur Privatfortbildung überlassen. 
Sieben Zöglinge endlich warden nach erfolgter Konfirmation dem öffentlichen 
Leben als solche, an denen die Erziehungsanstalt ihre Aufgabe gelöst hatte, 
zurückgegeben. In Betracht, dass man einem vollsinnigen Kinde in der Regel 
8 Jahre zur Vollendung seiner Schulbildung gönnt; in Betracht ferner, dass 
unsere Anstalt sogar in weniger Jahren ihr Ziel au einer Anzahl blödsinniger 
Kinder erreicht bat, dürfen die gewonnenen Resultate wohl günstige genannt 
werden. — 

Es folgen nun eine Anzahl interessanter Entwicklungsgeschichten einiger 
Zöglinge; den Schluss bildet die Verordnung vom 14. Januar 1852, welche die 
Verhältnisse der Anstalt ordnet. Aus derselben geht hervor, dass Blödsinnige 
tieferen Grades, „Bildungsunfähige*. von der Aufvahme ausgeschlossen waren. 

Ein zweiter Bericht erschien 1858 (Leipzig bei Reclam). Er ist ebenfalls 
längst vergriffen. Er berichtet über die weitere Gestaltung, welche die Anstalt 
gewonnen hat, namentlich auch über die Erziehung und Bildung blödsinniger 
Mädchen. Dann berichtet er über Beobachtungen, welche angestellt, und über 
weitere Resultate, welche erzielt worden sind. Auch dieser Bericht ist, wenn er 
auch nicht die schwerwiegende Bedeutung des ersteren hat, von grossem Interesse. 
Er beschäftigt sich besonders auch mit den Ursachen, die Blödsinn hervorrufen 
und bestätigt, dass günstige Erfolge nur bei solchen niederen Grades, also bei 
Schwachsinnigen zu erwarten sind. „Auf Heilung des Blödsinns zu hoffen, wäre 
eine Illusion, und sie predigen, wäre Charlatanerie.“ 

Wie schon erwähnt, schied Gläsche 1865 von Hubertusburg, um als Direktor 
des Waisenbauses in Dresden weiter zu wirken. Sein Nachfolger, Oberlehrer 
Pflugk, führte die Anstalt in den bewährten Babnen weiter und förderte be- 
sonders, wie der von ihm 1871 herausgegebene dritte Bericht — ein Gedenkblatt 
zur 25jährigen Stiftungsfeier der Anstalt — mitteilt, den Handfertigkeits- 
unterricht. Nach dem Tode des verdienten Oberlehrers Pflugk 1884 überkam 
Ewald Reichelt, der Mitbegründer dieser Zeitschrift, die Leitung. Da die An- 
stalt immer mehr wuchs, so machte sich 1889 eine Teilung und Verlegung not- 
wendig. Die Knabenabteilung wurde nach Grosshennersdorf bei Herruhut in 
der lT.ausitz, die Mädchenabteilung nach Nossen verlegt. . Leiter der ersteren ist 


173 


zurzeit Oberinspektor Nitzsche, der letzteren Oberinspektor Dietrich. In beiden 
Austalten ist noch heute Gläsches Andenken unvergessen. In nächster Zeit wird 
eine abermalige Verlegung stattfinden. Das sächsische Ministerium des Innern 
errichtet bei Chemnitz eine Gesamtanstalt für die ihm unterstellten Erziehungs- 
austalten also für die beiden genannten Anstalten und für die Blindenanstalten. 
Ob sich eine solche Verbindung als zweckmäßig erweisen wird, muss der /u- 
kunft überlassen bleiben. 


Schutz für Geistesschwache. 


Unter vorstehendem Titel erschien in Nr. 98 der „Frankfurter. Zeitung“ 
vom 8 April 1904 ein ziemlich tendenziös gehaltener Artikel, der unter Bezug- 
nahme auf den bekannten Aufsatz von Dr. Weygandt-Würzburg „Über die 
Leitung der Idiotenanstalten“ fordert, dass 1. die bestehenden Idioten- 
anstalten durchweg einen Hausarzt anstellen, und 2. dass neuerrichtete Idioten- 
anstalten sofort unter ärztliche Leitung kommen und möglichst an das System 
der öffentlichen Irrenanstalten angeschlossen werden. Der Vorstand der Ver- 
einigung deutscher Anstalten für Idioten und Epileptische sah sich veranlasst, 
der Redaktion der „Frkf. Ztg.“ eine Erwiderung auf jenen Artikel zuzuschicken, 
fand aber bei derselben nicht das erwartete Entgegenkommen, sondern erhielt 
das Manuskript zurück. Es bleibt demselben infolge dessen nunmehr nichts 
weiter übrig, als seine Erwiderung befreundeten und unpaiteiischen Blättern 
zuzusenden. Dieselbe lautet: Ä 


„Ein unter dem Titel „Schutz für Geisteskranke“ in Nr. 98 der „Frankfurter 
Zeitung vom 8. d. Mts. erschienener Artikel, der in der Hauptsache auf einen Auf- 
satz des Privatdozenten Dr. Weygandt-Würzburg in der „Psychiatrisch-Neurologischen 
Wochenschrift“ zurückging, kann nicht unwidersprochen bleiben, sofern er im In- 
teresse der Humanität die Einführung ärztlicher Leitung für -alle en 
anstalten glaubt fordern zu müssen. 


Diese Anstalten sind in Deutschland von den 30er und 40er Jahren des 
vorigen Jahrliunderts an ins Leben gerufen, und zwar in erster Linie als Er- 
ziehungs- und Unterrichtsanstalten in der Erkenntnis, dass die den Geistes- 
schwachen (Idioten) zu bringende Hülfe vorwiegend auf pädagogischem Gebiete 
liegt. Diese Erkenntnis, welche inzwischen das pädagogische Spezialfach der 
Schwachsinnigenbildung zu einer achtunggebietenden Entwicklung und Blüte ge- 
bracht hat, steht noch heute in der psychiatrischen Wissenschaft in Geltung, wie 
die einschlägigen Werke zeigen. Anstatt vielor Belege, die mit Leichtigkeit bei- 
zubringen wären, sei nur das Zeugnis des sächsischen Irrenanstaltsdirektors Geh. 
Med.-Rats Dr. Weber-Sonnenstein angeführt (aus dessen Referat über die reichs- 
gesetzliche Regelung des Irrenwesens in der Hauptversammlung des Deutschen 
Medizinalbeamten-Vereins zu Leipzig 1908, Offizieller Bericht S. 48): „Die bei 
Idioten vorliegende Form geistigen Defekts unterscheidet sich so ‚sehr von den 
psychischen Störungen bei den erworbenen Geisteskrankheiten, es ist bei ihnen 


174 


nicht die Heilung eines Krankheitszustandes in Frage, sondern im wesentlichen 
nur die erzieherische Ausnutzung der vorhandenen Fragmente psychischer Leistungs- 
fähigkeit, oft nur die Abrichtung zu gewissen Betätigungen, so dass für sie ein 
ganz anderes Anstaltsregime bedingt ist, als für Geisteskranke.“ 

Auch ein namhafter Frankfurter Psychiater hat sich dahin geäussert, dass 
in einer Anstalt für Geistesschwache wie z. B. in Idstein die pädagogische Leitung 
ganz am Platze ist — eine Anschauung, mit der er unter den Frankfurter Ärzten 
wie den Ärzten überhaupt keineswegs allein steht. Überhaupt findet die in Deutsch- 
land bestehende Idiotenpflege von seiten massgebender Beurteiler, und gerade auch 
in den Reihen der Psychiater, grosse Anerkennung, obwohl die ärztliche Ober- 
leitung der Anstalten die Ausnahme bildet, während die Notwendigkeit ärztlicher 
Mitwirkung und Beratung von jedem Einsichtigen anerkannt wird. Die grund- 
sätzliche Einführung der ärztlichen Leitung kann also nicht als aus sachlichen 
Interessen geboten bezeichnet werden. 

Auf den ferneren Wunsch des besagten Artikels betr. Verstaatlichung der 
Anstalten — der übrigens gleichfalls nachweislich keineswegs von allen Ärzten, 
auch amtlich maßgebenden, geteilt wird — wollen wir nicht weiter eingehen, nur 
bemerken, dass nach der Berechnung des Geh. San.-Rats Prof. Dr. Laehr in Zehlen- 
dorf über 45 000 000 Mark nötig sein würden, um die vorhandenen Privatanstalten 
zu verstaatlichen, und dass von anderer Seite diese Summe als ganz erheblich 
unterschätzt bezeichnet worden ist (Bericht über die zitierte Medizinalbeamten- 
Versammlung S. 24 f.) 

Trotz dieser bedeutenden Höhe der Kosten, zu deren alsbaldiger Bewilligung 
die Bereitwilligkeit der in Frage kommenden Körperschaften nicht allzu gross sein 
dürfte, müssten die Opfer natürlich doch gebracht werden — wenn in der Tat 
die bestehenden Zustände derartig wären, wie die Ausführungen jenes Artikels den 
Anschein zu erwecken geeignet sind, und wenn nur die Verstaatlichung diesen 
hypothetischen Zuständen ein Ende machen könnte. Wer den Artikel liest, be- 
kommt den Eindruck, dass in der z. Z. üblichen Behandlung der Geistesschwachen 
— natürlich nur da, wo nicht ein ärztlicher Direktor angestellt ist! — Prügel 
und Hungernlassen die wichtigsten Inventarstücke bildeten, wogegen wir wohl nicht 
ernstlich zu polemisieren nötig haben. Wenn der Artikel, um die grössere Garantie 
für eine bumane Behandlung bei ärztlicher Anstaltsleitung zu beweisen, betont, 
dass jedem Irrenpfleger sofort beim Diensteintritt die gänzliche Vermeidung 
körperlichen Zwanges und körperlicher Züchtigung zur Pflicht gemacht wird, so ist 
zu bemerken, dass dies in pädagogisch geleiteten Anstalten für Schwachsinnige 
und verwandte Kategorieen nicht minder der Fall ist. Beispielsweise wird in 
Idstein jeder Pfleger und Erziehungsgehilfe durch schriftlichen Vertrag verpflichtet, 
sich jeder körperlichen Züchtigung zu enthalten, dagegen die anvertrauten Zög- 
linge jederzeit mit Liebe, Geduld und Schonung zu pflegen, und schon bei wieder- 
holtem Gebrauch von Schimpfworten in Gegenwart der Zöglinge erfolgt nach der 
Hausordnung Entlassung des Betreffenden. Dass bei ärztlicher Oberleitung die 
Pflichterfüllung der Angestellten in dieser Hinsicht notwendig eine bessere sei als 
bei pädagogischer, wird man schwerlich behaupten wollen 


175 


Wenn es da weiter heisst, dass „der Vortrag eines angesehenen Idiotenanstalts- 
direktors auf der 8. Konferenz für das Idiotenwesen (Heidelberg 1895) zu dem 
Resultat kam: „Wer nicht hören will, muss fühlen, u. s w.“ — so kann sich 
jeder, der den Vortrag liest (Schwenk, die Zuchtmittel in unseren Anstalten, 
Idstein 1899, Druck von E. Ohlenmacher), davon überzeugen, dass er mit diesen 
Worten mehr als einseitig, direkt falsch charakterisiert wird. Inwieweit der 
erfahrene und gewissenhafte Pädagoge in besonderen, gewiss seltenen Fällen zu 
disziplinellen Maßnahmen greifen wird, ist eine Frage, die unmöglich durch ein- 
seitig ärztliches Dekretieren generell entschieden werden kann. Nichts ist doch 
selbstverständlicher, als dass in Erziehungsfragen den Erfahrungen angesehener 
Pädagogen das meiste Gewicht beizulegen ist. Der Lehrer und Erzieher, der 
mit Liebe und Ernst an der sittlichen Bildung seiner Zöglinge arbeitet, um sie den 
Versuchungen des Lebens gegenüber zu festigen, und der sich dabei von seinen 
Erfahrungen leiten lässt, verdient sich gewiss besseren Dank von dem Zögling wie 
von dessen Angehörigen, als etwa ein Arzt, der als solcher pädagogische Kenntnisse 
und Erfahrungen nicht besitzt, trotzdem aber durch einseitige Überspannung eines 
an sich guten und richtigen Prinzips die Erziehungsarbeit einzuschnüren unternimmt. 


Das Prinzip der möglichsten Vermeidung körperlicher Züchtigungen wird wohl 
von keinem Pädagogen bekämpft, am allerwenigsten von denjenigen, die sich der 
Erziehung der Schwachbefähigten oder Schwachsinnigen widmen. Jeder bemüht 
sich um die Durchführung desselben und verschliesst sich dabei durchaus nicht den 
Forderungen und Lehren von ärztlicher Seite Auch in der von jenem Artikel 
als abschreckendes Beispiel angeführten „Strafliste“ der bayrischen Anstalt Ursberg 
wird ja die Zulässigkeit einer körperlichen Züchtigung, die übrigens auf Schüler 
beschränkt ist, ausdrücklich davon abhängig gemacht, dass „hiegegen nicht ein 
ärztliches Bedenken besteht“! 


Man konstruiere doch nicht künstlich einen Gegensatz zwischen 
„arztlich = human“ und „pädagogisch = barbarisch“, sondern fördere 
lieber die Bestrebungen gegenseitiger praktischer Anregung und Befruchtung 
zwischen Medizinern und Pädagogen, wie sie dem Idiotenwesen von jeher von 
grossem Nutzen gewesen sind, und wie sie unseres Wissens gerade auch in 
Frankfurt in erfreulicher Weise bestehen!“ 


Mitteilungen. 


Dresden. (Jubiläum). Oberlehrer Pruggmeyer beging am 1. Oktober sein 
40 jähriges Amtsjubiläum. Seit 1867, in welchem Jahre bier die erste Hilfsschule 
gegründet wurde, steht derselbe im Dienste dieser Schule und ist unter allen 
Hilfsschullehbrern Sachsens und Deutschlands zurzeit derjenige, welcher am 
längsten in einer öffentlichen Schule dem besonders schwierigen und mühevollen 
Werke der Erziehung und des Unterrichts Schwachsiuniger und Minderbefähigter 
seine Kraft widmet. 


176 


Kie. (J. Meyer }). Am Sonnabend starb in Kiel der Dichter Johann Meyer. 
Er war am 5. Januar 1829 in Wilster geboren, wuchs in Süderdithmarschen heran, 
lernte erst das väterliche Handwerk der Müllerei, ging aber noch mit 22 Jahren 
auf das Gymnasium zu Meldorf. Später studierte er Theologie, wurde Lehrer in 
Altona und danach Redakteur an den Itzehoer Nachrichten. Im Jahre 1862 
gründete er in Kiel eine Idiotenanstalt, der er bis in die letzten Jahre hinein mit 
Liebe und Aufopferung vorstand. 1858 gab er seinen ersten Band plattdeutscher 
Gedichte heraus, dem viele hochdeutsche Lieder, Balladen und Märchen folgten. 
Seine Poesie zeichnet sich durch innige Gefühlswärme und hohe, reine Gedanken 
aus. Auch auf dramatischem Gebiete versuchte er sich. Sein wertvollstes Werk 
ist das plattdeutsche Epos Gröndunnersdag bi Eckernför’, worin er die für Schles- 
wig-Holsteins Schicksal so bedeutsame Schlacht im Eckernförder Hafen im Jahre 
1849 besang. Es ist mit Johann Meyer ein echter, für alles Edle begeisterter 
Poet und ein guter Mensch dahingegangen. O. E. 

Halle a. S. (2. Hilfsschultag.) Die diesjährige Wanderversammlung der 
Lehrer und Lehrerinnen der Hilfsschulen Thüringens, Sachsens und Anhalts 
tagte, wie auf der letzten Versammlung zu Erfurt beschlossen, in Halle a S. im 
Ratskeller am 6. Oktober 1904 vormittags 10 Uhr. Erschienen waren 33 Teil- 
nehmer, welche die Hilfsschulen folgender Städte vertraten: Aschersleben, 
Magdeburg, Halle a. S., Dessau, Zeitz, Mühlhausen, Nordhausen, Eisen- 
nach, Gotha, Erfurt, Weimar, Gera und Meiningen. Nach einer durch den 
Vorsitzenden, Hauptlehrer Kannegiesser-Erfurt, erfolgten herzlichen Begrüssung 
und der Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten berichtete Lehrer 
Müller-Erfurt über die Erfolge der Versuche zur Befreiung unserer Zöglinge 
vom Militärdienste. Aus seinen Mitteilungen, sowie aus den darauffolgenden 
Berichten der erschienenen Hilfsschulleiter war zu ersehen, dass bis jetzt der Erfolg 
der Befreiungsversuche nur ein geringer war. Deshalb wurde von verschiedenen 
Seiten vorgeschlagen, nicht darauf Gewicht zu legen, dass ein Nachweis über den 
Besuch einer Hilfsschule ohne weiteres genügen solle, vom Militärdienst befreit zu 
werden, sondern nur in dringenden Fällen Gesuche einzureichen. Die Militär- 
behörde möge dann von Fall zu Fall entscheiden. Schliesslich aber einigte 
man sich doch dahin, ungeachtet der bisherigen geringen Erfolge, nicht gleich die 
Flinte ins Korn zu werfen, sondern bei allen ehemaligen Zöglingen den Versuch zu 
machen. — 

Alsdann hielt Lehrer Adam-Meiningen einen Vortrag über das Thema: 
Die Rechenschwierigkeiten im Zahlenraume von 1—100 und ihre Be- 
seitigung durch Adams Rechenapparat. Die Hauptgedanken waren kurz 
folgende: 1. Die Schwierigkeiten des ersten Rechnens werden unnötig durch 
solche Rechenapparate vermehrt, welche die Kinder zum mechanischen Zählen ver- 
leiten. Um das zu verhindern, beginne der Rechenunterricht mit dem Abschätzen 
der Zahlengrössen. 2. Ehe man die Ziffer auftreten lässt, müssen die Zahlwörter 
den Kindern in Verbindung mit den Zahlengrössen eingeprägt werden. Die Ord- 
nungszahlwörter werden vor den Grundzahlwörtern geübt. 3. Das Beziffern der 
Zahleagrössen soll nicht direkt geschehen, sondern mit Verwendung der an Stelle 


177 

des Rechenkörpers getretenen Fläche. Anstatt der arabischen sind im ersten 
Rechenunterrichte die römischen Ziffern zu verwenden, weil sich dieselben leicht 
aus dem Anschauungsobjekt entwickeln lassen. 4. Beim Beginn der Rechen- 
operationen fange man mit dem Ergänzen (Zusammensetzen) der Zahlengrössen an. 
Der Rechenapparat leitet dis Kinder an, das Ergänzen u. s. w. stets richtig aus- 
zuführen; jeder begangene Fehler wird von den Kindern selbst erkannt. — 5. Im 
Zahlenraume bis 20 lässt sich an dem Apparate das Benennen und Beziffern der 
Zebhlengrössen bezw. der Gegensatz zwischen dem Sprechen und Schreiben zwei- 
stelliger Ziffern veranschaulichen. 6. Das Überschreiten der Zebner wird durch den 
Apparat bedeutend erleichtert, indem die Kinder gezwungen werden, das Zerlegen 
der zu addierenden oder zu subtrahierenden Zahlengrösse richtig vorzunehmen; 
falsche Veranschaulichung der Lösung lässt der Apparat sofort erkennen. 7. Das 
Messen, Malnehmen und Teilen ist, weil zu schwer und weil diese Operationen zu 
wenig Aufgaben zum Üben bieten, nach Bewältigung der anderen Operationen des 
Zahlenraumes bis 100 zu verlegen, wenigstens darf es nicht im Zahlenraume von 
I --10 auftreten. 8. An dem Apparate geht — durch Anwendung der Fläche und Ziffer 
— die Veranschaulichung der Operationen bis 100 viel schneller von statten als an 
jedem anderen Rechenlehrmittel. 9. Das Messen der Grössen ist vor dem Malnehmen zu 
erledigen und ist in folgender Reihenfolge vorzunehmen 10, 5, 2, 4, 8, 3, 6, 9, 7. . In 
derselben Weise geschieht auch das Malnehmen und Teilen. Dadurch werden die für die 
Eigenart unseres Dezimalsystems schwierigen Fälle stets erst dann erledigt, wenn 
der Schüler in der Ausführung der neuen Operationen schon eine gewisse Sicher- 
heit erlangt hat. 10. Durch die Eigenart des Apparates wird es auch ermöglicht, 
den Raum für die zu messende oder zu teilende Grösse genau abzugrenzen. Dies 
ist besonders für das sogenannte Restteilen eine grosse Erleichterung. 11. Durch 
Anwendung zweier Farben wird erreicht, dass nach der Lösung noch die Aufgabe 
zu sehen ist. 12. Der Apparat schreibt dem Kinde die Art der Lösung vor. 
18. Das Resultat kann auch in Ziffern am Apparate angebracht werden. — 

In der darauffolgenden lebhaften Debatte meinte zunächst Lehrer Busch- 
Magdeburg, er könne am „verbesserten“ Tillich’schen Rechenkasten (Herausgeber 
Rektor Müller-Zeitz) das Überschreiten des Zehners genau so anschaulich machen 
als an Adams Apparate. Er hält das Zerlegen der Zahlen für eine unnötige Be- 
lastung der Schüler. Beferent erwidert, dass Vorredner ja soeben durch Beispiele 
gezeigt habe, wie er die Kinder das Zehnerüberschreiten mit Hilfe des Zerlegens 
des zweiten Postens lehren wolle. Derselbe müsse also auch dann das Zerlegen 
der Zahlen 2 bis 10 üben. Die Notwendigkeit des Zerlegens des 2 Postens 
in zwei ganz bestimmte Stücke liesse sich jedoch weder am Tillich'schen, noch an 
einem anderen Apparate den Kindern klar machen, sondern nur an seinem Apparate. 
Lehrer Busch wünscht, dass die Kinder anch die Antwort als Einheit zu er- 
kennen vermögen. Dies sei bei Müller möglich; nach Lösung der Aufgabe 7-49 
sei also die 16 als eine Stange zu veranschaulichen. Referent verwirft diese An- 
sicht. Er setzt zwei grosse weisse Stangen seines Rechenapparates aufeinander und 
fordert auf, ihm auf den ersten Blick die Grösse der vereinigten Stangen anzugeben. 
Er weist auch darauf hin, dass die von Busch verlangte Einheit der Zahlengrösse 





nur im Meter zu veranschaulichen sei, sonst nicht, dass aber auch im Meter das 
Dezimalsystem wiederkehre. — Hauptlehrer Giese-Magdeburg möchte die russi- 
sche Rechenmaschine und die Finger nicht aus dem ersten Rechenunterrichte ver- 
bannt wissen. Referent verwirft beides, da durch deren Anwendung dem mecha- 
nischen Zählen Vorschub geleistet und das Fingerrechnen auch von den Kindern zu 
lange betrieben werde Lehrer Grau -Eisenach verteidigt die Ansichten des Referenten. 
Ihm sagt besonders die Entwickelung der Zahlvorstellungen, das Überschreiten 
des Zehners und die Anwendung der Ziffern am Rechenapparat zu. Die An- 
wendung zweier Farben missfällt ihm, aus diesem Grunde sei der von Busch emp- 
fohlene Müller’sche Rechenkasten, der vier- oder fünffarbige Rechenklötze aufzu- 
weisen habe, von dem Eisenacher Kollegium abgelehnt worden. Adam betont, er 
wisse sehr wohl, dass man die Farben bei jedem Rechenlehrmittel im Prinzip 
ablehnen müsse. Für schwache Kinder und für den ersten Unterricht halte er die- 
selben jedoch für unentbehrlich. Unsere Kinder hätten nach Ausführung bei- 
spielsweise einer Additionsaufgabe häufig den zweiten Posten schon wieder ver- 
gessen. Da biete ihnen die Farbe eine willkommene Unterstützung. — Lehrer 
Schulze-Halle glaubt, der Referent wolle zweistellige Zahlen so schreiben, wie 
sie gesprochen werden, also die Zehner nach den Einern. Referent weist nach, 
dass Vorredner sich geirrt habe, weist aber zugleich darauf hin, dass es ihm bei 
der Schreibung zweistelliger Zahlen gar nicht darauf ankomme, ab die Einer- oder 
Zehnerstelle zuerst geschrieben werde, sondern nur auf das Richtigschreiben. Dem 
Referenten wird darin von verschiedenen Seiten beigestimmt, und das Schreiben 
zweistelliger Zahlen analog dem Sprechen derselben als für unsere Kinder leichter 
direkt empfohlen. Lehrer Schulze meint, Referent habe besonders betont, 
ein Vorzug seines Apparates sei der, dass die Kinder alle Operationen daran selbst 
vornehmen könnten. Wie nun aber, wenn vom Lehrer eine Abteilung still be- 
schäftigt werden müsse? — Adam zeigt daraufhin eine Schülerausgabe seines 
Apparates vor. (Preis 25 Pfg,), — Direktor Kohlstock-Gotha glaubt, der 
Arbeit Adams und seinem Apparat seine Anerkennung nicht versagen zu dürfen. 
Er hebt als Hauptvorzüge des Apparates folgende hervor: 1. Umfallen der Rechen- 
klötze ist ausgeschlossen. 2. Alle Operationen können durch die Kinder ausgeführt 
werden. 3. Die Schüler werden auf leichte Weise in unser Zehnersystem einge- 
führt. 4. Der Übergang auf die Ziffer wird nach Adams Vorschlägen und mit 
seinem Apparate bedeutend erleichtert. 5. Adams Apparat bietet ein gutes Hilfs- 
mittel zum Erlernen des richtigen Ziffernschreibens. 

Nunmehr ergriff Lehrer Busch-Magdeburg das Wort zu seinem Vortrage: 
Die Vorbildung des Lehrers an der Hilfsschule. Der Referent weist zu- 
nächst auf die schwierige Aufgabe des Hilfsschullehrers hin und fordert von dem- 
selben gründliche, wissenschaftliche Ausbildung durch Vertiefung der allgemeinen 
Lehrerbildung auf dem Gebiete der Pädagogik, insbesondere der Psychologie. Von 
grösster Bedeutung für den Hilfsschullehrer sind die Zweigwissenschaften der 
Psychologie: die Psychopathologie, die Kinderpsychologie und die Völkerpsycho- 
logie. — Er muss Bescheid wissen auf dem Gebiete der Sprachheilkunde. — Zur 
Beobachtung des Geisteszustandes schwachsinniger Kinder ist eine Kenntnis der 








179 
elementarsten medizinischen Begriffe und Erfahrungen eine notwendige Voraus- 
setzung. Dieses medizinische Wissen hat sich u. a. zu erstrecken auf das Gebiet 
der Anatomie, (bes Hirnanatomie), der Psychiologie, der Ätiologie des Schwach- 
sinnes, der Psychiatrie und der Schulhygiene Sodann fordert er Einführung in 
die Literatur und Geschichte der Schwachsinnigenbildung. Er erinnert ferner an 
die in Ungarn und in der Schweiz abgehaltenen Kurse für Hilfsschullehrer. Diese 
Kurse genügen jedoch nicht. Es ist deshalb eine obligatorische Fach- 
prüfung, ähnlich wie die der Taubstummenlehrer, zu erstreben. — Der Referent 
gibt sodann die wichtigsten Bestimmungen der Prüfungscrdnung für Taubstummen- 
lehrer bekannt und meint, die Prüfungsordnung für eine Prüfung für Hilfsschul- 
lehrer müsse ähnlich sein. Er führt hierauf kurz die wichtigsten Bestimmungen 
an, welche eine derartige Prüfungsordnung enthalten müsste. Eine Vorsteherprüfung 
verwirft er. Die Ablegung der Prüfung berechtigt zur definitiven Anstellung als 
Hilfsschullehrer. Die Prüfung ist der der Mittelschullehrerprüfung gleichzuachten. 
— Hierauf zeigt der Vortragende, in welcher Weise die Lehrer am besten in die 
Hilfsschulsache eingeführt und auf die Prüfung vorbereitet werden können. Der 
Leiter der Hilfsschule muss dafür Sorge tragen, dass die neueintretenden Lehrer 
fleissig hospitieren. Hieran sollte sich jedesmal eine Besprechung schliessen. Der 
Neuling soll zuerst auf der Ober-, dann auf der Mittel- und später auf der Unter- 
stufe unterrichten. Auch für die wissenschaftliche Ausbildung seiner Lehrer kann 
der Schulleiter viel tun; besonders durch Einrichtung einer guten Bibliothek und 
durch Vorträge über die neuesten Forschungen auf dem Gebiete der Schwach- 
sinnigenbildung. Notwendig ist die Einrichtung von Kursen, in welchen Vorlesungen 
gehalten werden über das ganze Gebiet der Schwachsinnigenbildung und über 
Sprachheilkunde Zur Einrichtung solcher Kurse würde sich Berlin wegen der 
reichlich vorhandenen günstigen Vorbedingungen eignen. — Nachdem der Referent 
noch einige wichtige Eigenschaften des Erziehers an der Hilfsschule gekenn- 
zeichnet hatte, schloss er seine Ausführungen mit dem Antrage, dem Vorstand 
des Verbandes der Hilfsschulen Deutschlands zu bitten, dieses von ihm behandelte 
Thema auf die Tagesordnung des Verbandstages der Hilfsschulen Deutschlands 
zu setzen. 

In der darauffolgenden regen Debatte wurde vom Referenten noch hervor- 
gehoben, dass man für die Ausbildung der Hilfsschullehrer nur geeignete Männer, 
Autoritäten auf diesem Gebiete, gewinnen müsse. Der Vorsitzende meint, dass 
auch schon auf dem Seminar Vorträge über das Hilfsschulwesen gehalten weıden 
müssten. Hierauf wurde von ihm noch die Frage beleuchtet, was schon jetzt zu 
tun sei, ohne das schöne Endziel aus dem Auge zu verlieren. Schliesslich erklärten 
sich alle Anwesenden mit den Vorschlägen des Referenten einverstanden. — Lehrer 
Müller-Erfurt gibt sodann noch bekannt, dass zwecks Aufstellung einer Statistik 
über das Hilfsschulwesen an sämtliche Hilfsschulen Fragebogen gesandt werden 
sollen. — Die nächste Wanderversammlung findet 1905 in Gotha statt. Ahl. 


180 


Anzeigen. 

Für die mit der hiesigen Idiotenanstalt verbundene Anstaltsschule für schwach- 
sinnige und epileptische Kinder wird zum 1. Januar eventuell 1. April 1905 ein 
auf christlichem Boden stehender Lehrer gesucht, welcher der Schule 
selbständig vorzustehen und den Anstaltschor zu leiten hätte. Meldungen erbeten 
mit Gehaltsansprüchen, Zeugnissen und Lebenslauf an den Vorstand der Idioten- 
anstalt in Schreiberhau i. R. 

Von einer den besten Kreisen angehörenden Familie in Österreich wird für 
einen geistig zurückgebliebenen jungen Mann ein pädagogisch gebildeter 


Erzieher 


sale Neben vollständig freier Station wird ein Anfangsgehalt von 1200 Kronen 
und am Schlusse eines jeden Jabres ein Extra-Honorar von 700 Kronen gewährt. 
BEwarbung ni nimmt entgegen die Schriftleitung dieser Zeitschrift. 




















 Jüngerer evangel. Lehrer (eventuell auch Lehrerin) gesucht, der 
Lust und Liebe zum Unterricht und zur Erziehung geistig schwacher Kinder hat. 
Spezielle Vorbildung (auch als Taubstummenlehrer) erwünscht, aber nicht unbe- 
‘dingt notwendig. Gehalt für unständige Lehrer (800—1200 Mk. bei vollständig 
freier Station) richtet sich nach den Dienstjahren. Bei definitiver Anstellung, die 
nach dem 25. Lebensjahre und nach abgelegter zweiter Dienstprüfung erfolgen kann, 
1200 Mk. (aufsteigend bis 2000 Mk.) nebst freier Station. Pensionsberechtigung. 
Reiseentschädigung. Sofortiger Eintritt oder am 1. Januar 1905. Nähere Auskunft 
wird gerne erteilt. Reflektanten mit guten Zeugnissen. und tüchtigem, gediegenem 
Charakter mögen sich wenden an die Direktion der Erziehungs-Anstalt Idstein 
b. Frankfurt a. M. 


ee mn u “non 


Eriehunss- und Fächlehranstelt für nervös | Soeben erschien: 
veranlagte u. i. d. Schule nervös ge- Übungsbuch für 


wordene Jünglinge der höheren Stände ist Sprach- (Stotter-) Heilkurse 
Dr. Jacobis Institut für Landwirtschaft und 1 Übgsb. Beilage: meine Sprasliheilmelh; 


‘Gartenbau, . Wetterscheidt (Kreis Naum- | gegen 1,20 Mk. direkt von M. Weniger: 
burg a. S.) Se welm Westf. 


= ee Briefkasten. 


Dr. B. i. M. u. K. M. i. B. Den Konferenzbericht in seinem vollen Umfange abzudrucken, 
‚war uns schon bisher nicht mehr möglich doch’ hatten wir die Absicht, die Stettiner Ver- 
handlungen ungefähr in derselben Ausführlichkeit zu behandeln, wie solches inbetreff der 
'X, Konferenz geschah. Aber auch dieses wurde uns dadurch unmöglich gemacht, dass nach- 
'träglich beschlossen wurde, den Konferenzberieht nicht in derselben Druckerei herstellen zu 
lassen, in welcher die Zeitschrift gedruckt wird. Künftig wird sich die Zeitschrift von vorn- 
‘herein auf eigne Füsse stellen. — 6. B. i W. Ihr Artikel’'erscheint in einer der nächsten 
Nrn. — Dir. K. B. i. L. Erhalten. -— Dir. H. i. G. Erhalten. Für diese Nr. noch unmög- 
liçh. — E. Sch i. H. Erhalten, aber noch nicht gelesen. 





Inhalt. XI. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen. (F. Frenzel). — Bei- 
träge zur Geschichte der Heilpädagogik. III. (Schluss). (E. Stötzner). — Schutz für Geistes- 
schwache. :- Mitteilungen: Dresden, Kiel, Halle a. S. — Anzeigen. — Briefkasten. 





Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden, 
Kommissions-Verlag von H. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 


rt! 


Nr. 12. X. (AV. 


Zeitschrift 


für die 


Behandinne Schwachsinniger nd Erileptischer 


Organ der Konferenz für das Idiotenwesen. 





Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 


herausgegeben von 


Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 
Spezlalarzt 
Dreonden - Strehlen, für Nervenkrankhelten 
Residenzstrasse 27. In Stattgart. 
Beaoneins nn in 12 Pammer von Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 
mindestens einem Bogen. nzeigen für und Postämter, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- Dezember 1904. er ne Preis pro Jahr 6 Mark, 
rarische Beilagen 6 Mark. einzelne Nummer 50 Pfg. 





Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift En Eigentum der Herausgeber. 


XI. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen. 
Bericht von Franz Frenzel- Stolp i. Pom. 
(Schluss). 


Am 8. September, vormittags 9 Uhr, wurde die zweite Haupt- 
versammlung eröffnet, nachdem vorher der Besuch der Stettiner Hilfsschule 
stattgefunden hatte. Anstaltsdirektor Dr. Gündel- Rastenburg sprach als erster 
Redner über das Thema: Die Erziehungsanstalten für Geistesschwache. 
Seinem Vortrage hatle er folgenden Gedankenaufbau zu grunde gelegt. „Die 
Zöglinge einer Erziehungsanstalt für Geistesschwache setzen sich zusammen: 
a) Aus geistesschwachen Kindern schweren Grades, die in der Hilfsschule nicht 
fortkommen, trotzdem aber Unterricht mit Erfolg erhalten können. b) Aus 
geistesschwachen Kindern leichteren Grades, denen es zu Hause an Hilfsschul- 
gelegenheit mangelt, oder die unter das Fürsorgegesetz fallen. c) Aus beschäf- 
tigungsfähigen, aber dauernder Leitung und Aufsicht benötigenden erwachsenen 
Geistesschwachen, sofern ibnen anderweitige zweckentsprechende Versorgung 
fehlt. — An die Anstaltserziehung für Geistesschwache schliesst sich an: a) Nach 
oben hin die freie Erziehung (in Familie und Hilfsschule) für die geistesschwachen 
Kinder leichteren Grades, ausschliesslich der unter b) genannten. b) Nach unten 
hin die Pflege in Blödenanstalten für die bildungsunfähigen Idioten. — Das Ziel 
der Anstaltserziebung für Geistesschwache ist die sittliche und wirtschaftliche 
Brauchbarkeit der Pfleglinge in oder ausser der Anstalt, das wirksamste Mittel 
der Unterricht. — Das Fehlen ‘dieses Mittels, also eines die geistige Minder- 
wertigkeit berücksichtigenden Unterrichts, am Wohnorte muss behördlicherseits 
bei der Entscheidung über die Notwendigkeit der Anstaltserziehung mit in 


182 


Betracht gezogen werden. — Der pädagogische Charakter bedingt für die FEr- 
ziehungsanstalt für Geistesschwache auch eine pädagogische Leitung. Dem 
Arzte liegt die hygienische Überwachung der Anstalt, die leibliche Behandlung 
der Pfleglinge und eine Untersuchung ihres Geistes bei der Aufnahme und 
Entlassung und in regelmäßigen Zeitabschnitten zur Ergänzung des Individualitäten- 
bildes ob. — Die Erziehungsanstalt für Geistesschwache ist aus dem Rahmen 
der Irrengesetzgebung herauszuheben und nur unter die Unterrichtsverwaltung 
zu stellen. 

An die äusserst gehaltvollen Ausführungen des Redners schloss sich eine 
sehr lebhafte Debatte an, in welcher auch die anwesenden Ärzte das Wort er- 
griffen. Neue und belangvolle Aussichten ergab die Diskussion jedoch nicht; 
die Ärzte hielten an der Forderung fest, dass den Psychiatern die Leitung der 
Idiotenanstalten zukomme, während die Pädagogen die entgegengesetzte Ansicht 
vertraten und Gründe dafür herbeibrachten. — Unangenehm berührte es, als ein 
Pädagoge in der Debatte wieder die unerquickliche Streitfrage ..der körperlichen 
Bestrafung aufrollte; es wäre besser gewesen, wenn er diese Angelegenheit nicht 
berührt hätte. Für uns ist diese Sache schon längst abgetan. — Im all- 
gemeinen war die ganze Debatte sehr interessant, da die Aussprachen mit sach- 
licher Überlegung und dezenter Rube getührt wurden. Der ausführliche Bericht 
darüber wird sicher sehr lesenswert sein. 

Pastor von Lühmann-Kückenmühle sprach als zweiter Redner über den 
Konfirmandenunterricht bei Geistesschwachen. Die eingehenden Darlegungen 
des Vortragenden behandelten folgende Gedanken. „Es ist Pflicht der Kirche, 
Fürsorge zu treffen, dass auch den Geistesschwachen Konfirmandenunterricht 
erteilt werde, sofern sie nur die nötigsten Vorkenntnisse haben und dem Unter- 
richte zu folgen vermögen. Geistesschwache, welche auf zu tiefer Stufe stehen 
und daher am Unterrichte nicht mit Erfolg teilgenommen haben, dürfen nicht 
eingesegnet werden. Die Einsegnung gereicht ihnen nicht zum Segen, würde 
sie aber eines Schutzes, welchen sie in der bürgerlichen Gesellschaft haben, 
berauben. Die Geistesschwachen müssen Konfirmandenunterricht in einer ge- 
sonderten Abteilung empfangen, wird ihr Unterricht mit dem für normale Kinder 
verbunden, so leiden gewöhnlich beide Teile darunter. Bei der Annahme für 
den Koufi.mandenunterricht ist auch bei Geistesschwachen ein bestimmtes Maß 
von Vorkenntnissen erforderlich. Bildungsunfähige Kinder, welche noch keinen 
oder unregelmäßigen Unterricht genossen haben, benötigen noch einer besonderen 
Vorbereitung zur Konfirmandenstunde Die Annahme für den Konfirmanden- 
unterricht bei Geistesschwachen ist an ein bestimmtes Alter nicht gebunden. 
Im Konfirmandenunterricht ist auf lautes und deutliches Sprechen der Kinder 
zu halten; aber es ist keine Zeit mit Versuchen aufzuwenden, die Sprache der 
mit organischen Sprachfehlern behafteten Kinder zu bessern. Das Ziel des 
Unterrichts darf auch bei anderen Bemühungen, z.B. die Kinder an das Sprechen 
in Sätzen zu gewöhnen, nicht aus dem Auge gelassen werden. Aller Memorier- 
stoff ist den Kindern in der Unterrichtsstunde einzuprägen; er muss auf das 
richtige Maß beschränkt werden. Der Lehrer muss sich bei dem Einlernen des 


Textes mit der ihm zu Gebote stehenden Zeit einzurichten verstehen. Zu allem 
Memorierstoff wie auch beim Besprechen eines Katechismustextes ist zunächst 
eine Worterklärung zu geben; (? Ref.) es ist falsch, den Kindern zu bestimmten 
Fragen bestimmte Antworten einzulernen. Der Lehrstoff, welcher an der Hand 
des Katechismus zu behandeln ist, wird den Kindern durch Erklärung und Er- 
läuterung, wenn möglich auch durch Zuhilfenahme von Anschauungsbildern zum 
Verständnis gebracht und durch wiederholtes Besprechen und Abtragen dem 
Gedächtnis eingeprägt, so dass die Kinder darüber sprechen oder wenigstens 
zur Sache antworten können. Ziel des Konfirmandenunterrichts bei Geistes- 
schwachen ist: 1) Die Kinder in das Verständnis der Heilswahrheiten wie der 
Unterscheidungslehren (P? Ref.) nach Möglichkeit einzuführen, 2) in ihnen die 
Liebe zu Gott und ihrem Heilande zu wecken und zu fördern, 3) auf die Bildung 
und Festigung ihres inwendigen Menschen einzuwirken, 4) sie vorzubereiten, 
dass sie Bibel, Katechismus und Gesangbuch gebrauchen lernen und mit Segen 
am Predigtgottesdienst teilnehmen können. 

Wenn die Ausführungen des Referenten auch viele Anerkennung verdienen, 
so können wir seinen Forderungen doch nicht unbedingt zustimmen. Wir wollen 
den Konfirmandenunterricht von den Lehrern der betreffenden Schüler erteilt 
wissen, weil dann die Kinder am besten ihre Rechnung finden werden. Den 
Geistlichen soll es obliegen, die Schüler kurz vor der Konfirmation, etwa 
4—6 Wochen vorher, zu prüfen und sie darauf in die Reiben ihrer anderen 
Konfirmanden einzustellen. — Wünschenswert wäre es, wenn die gegebenen 
Ratschläge des Vortragenden von den Geistlichen überhaupt beachtet würden; 
für uns waren sie selbstverständlich. Den Geistlichen bietet sich namentlich 
in der Fürsorge für die bereits aus der Schule entlassenen Schwach- 
begabten ein weites und überaus dankbares Wirkungsfeld seelsorgerischer 
Tätigkeit. 

Den dritten’ Vortrag hielt Pastor Stritter-Alsterdorf über die Frage: Ist 
die Gründung von besonderen Anstalten für schwachbegabte Fürsorge- 
zöglinge notwendig? — Seine Ausführungen bezogen sich auf folgende Gedanken: 
„In den Zwangserziehungsanstalten und Rettungshäusern, in den Hilfsschulen 
und Anstalten für Geistesschwache und Epileptische befindet sich eine grosse 
Anzahl schwachbegabter Fürsorgezöglinge. Auch viele jugendliche Insassen der 
Gefängnisse, die nur zun Teil für ihre Straftaten verantwortlich sind, sind als 
solche zu bezeichnen. Die Frage, in wie weit für Erwachsene Zwischenanstalten 
etwa zwischen Gefängnis und Irrenanstalt oder zwischen Zwangsarbeitshaus und 
Idiotenanstalt erforderlich sind, bleibt hier unerörtert. Handelt es sich dagegen 
um jugendliche Personen, die zwar nach der Seite des Intellekts geringe 
oder fast gar keine Defekte aufzuweisen scheinen, deren Urteilsvermögen aber recht 
niangelhaft ist, und die teils infolge angeborener sittlicher Entartung, teils infolge 
fehlerhafter Erziehung moralisch minderwertig sind, ferner um Epileptiker mit 
nur seltenen Krampfanfällen, bei denen die Epilepsie in Form der sogenannten 
epileptischen Äquivalente auftritt, so muss bei der Versorgung derartiger Kinder 
der Arzt gehört werden. Als geeignete Anstalten kamen bisher eigentlich nur 


184 


die Idiotenanstalten, in einzelnen Fällen die Rettungshäuser in Frage, wenn nicht 
ein Versuch mit der Unterbringung in geeigneten Familien, zumeist auf dem 
Lande, gemacht wurde. In den letzteren aber fehlt häufig die ärztliche Beratung. 
Auch in die Rettungshäuser und Zwangserziehungsanstalten gehören diese geistig 
Minderwertigen nicht. Abgesehen davon, dass besondere Hilfsklassen für sie 
eingerichtet werden müssten, erschweren sie die Aufrechterhaltung der Disziplin, 
weil rigorose Strafmittel bei ihnen nicht angewandt werden dürfen. Ein grosser 
Teil namentlich solcher Fürsorgezöglinge, deren moralische Defekte eine Folge 
mangelhafter Erziebung sind, wird mit gutem Erfolg in den Anstalten für 
Geistesschwache unterzubringen sein. Anders jedoch steht es mit denjenigen, 
welche entweder durch ihre Roheit und Gewalttätigkeit oder infolge des Nach- 
ahmungstriebes der Schwachsinnigen einen nachteiligen Einfluss auf ihre Um- 
gebung ausüben. Die Kombination von Rettungshaus bezw. Bewahranstalt und 
Idiotenaustalt bat sich im allgemeinen nicht bewährt, würde auch den vor- 
handenen Üvelstand nicht beseitigen. In kleineren Staaten wird man sich mit 
der Einrichtung besonderer Häuser oder völlig abgeschlossener Abteilungen in 
schon bestehenden Anstalten behelfen müssen. Findet sich kein anderer Aus- 
weg, so dürfte die Angliederung an eine Idiotenanstalt vor derjenigen an ein 
Rettungshaus oder Irrenanstalt den Vorzug verdienen. Für grössere Staaten und 
Provinzen kann es sich nur um die Gründung besonderer Erziehungsanstalten 
für schwachbegabte Fürsorgezöglinge handeln, deren Notwendigkeit von Päda- 
gogen, Medizinern und Juristen längst erkarnt worden ist. Ihren Zweck werden 
am besten freie Anstalten eventuell mit staatlicher Subvention, die aber jedenfalls 
unter Kontrolle der Medizinal- und Schulbehörden steben müssen, erfüllen. Sie 
sind unter pädagogische Leitung mit dauernd psychiatrischer Beratung zu stellen. 
Bei der grossen Verschiedenartigkeit der Zöglinge ist auf möglichste Trennung 
heterogener Elemente durch Einführung eines weit ausgedehnten Gruppensystems 
Bedacht zu nehmen. Ebenso empfiehlt sich die Einrichtung besonderer Anstalten 
für Knaben und Mädchen. Dass es an einem gut geschulten Personal und an 
einer nüchternen religiösen Beeinflussung nicht fehlen darf, ist selbstverständlich. 
Wenn auch eine Heilung nur in einzelnen Fällen zu erwarten ist, namentlich 
da, wo der Defekt die Folge ungünstiger häuslicher Verbältnisse ist, so ist doch 
zu erreichen, dass derartige Kinder einerseits weniger Schaden anrichten, anderer- 
seits selbst nicht der Verführung zum Opfer fallen und vor der Verbrecher- 
laufbahn bewahrt bleiben. 

Dass in der beregten Angelegenheit Wandel g chaffen werden muss, liegt 
auf der Hand. Der Redner teilte aus seinen Erfahru gen mit Geistesschwachen 
manche Einzelheiten mit, die mehr als zur Genüge :ie Notwendigkeit seiner 
Forderungen erwiesen. Wir wollen hier einen Fall wiedergeben, der in der Tat 
vieles zu bedenken gibt. Dr. Huls, ein gerichtlicher Sachverständiger für Medizin, 
berichtete in einem Gutachten, dass mehrere Knaben, welche des Diebstahls 
beschuldigt waren, Strafen von 6 Monaten, 3 Monaten und 6 Wochen Gefängnis 
erhielten. Sämtliche Knaben waren Burschen von 14 Jahren, die infolge ihrer 
geistigen Zurückgebliebenheit noch die Schule besuchten. Über einen der An- 


185 


geschuldigten gab das Buch des Schularztes folgende Auskunft: „Winter 
1900—1901. IV. Klasse. F. M., 14 Jahr alt, geistesschwach, der Hilfsschule 
für Schwachbegabte überwiesen.“ Das Urteil des Klassenlehrers lautete: „Der 
Knabe ist ordentlich und fleissig, aber äusserst beschränkt.“ Von dem zweiten 
Knaben hiess es: „Blutarm, magenschwach, Nasenwucherungen, schläft mit 
offenem Munde.“ Der Rektor urteilte über sämtliche Knaben: „Sie sind in der 
Erziehung vollständig verwahrlost und sich selbst überlassen.‘ Dass in diesen 
Fällen von einer Schuld nicht die Rede sein konnte, dürfte als selbstverständlich 
erscheinen. Das Gericht aber ging auf diese Begutachtung weiter garnicht ein, 
sondern verurteilte die Knaben zu den genannten Strafen. Es ist darum heilige 
Pflicht aller Beteiligten, dagegen zu protestieren. — Die Psychiater streben zur 
Zeit eine Reform der Behandlung geisteskranker Rechtsbrecher, insbesondere der 
moralisch schwachsinnigen, an; man will solche Wesen gänzlich von den anderen 
Geisteskranken isolieren und eigene Anstalten für sie errichten. Die Notwendigkeit 
besonderer Maßnahmen für diese Kategorie von Menschen wird also immer mehr 
anerkannt, hoffentlich geschieht auch bald etwas für die jugendlichen, geistig 
minderwertigen und sittlich gefährdeten Mitglieder der menschlichen Gesell- 
schaft. 

In den Nebenversammlungen, welche sich an die zweite Haupt- 
versammlung anschlossen, wurden zwei Vorträge gehalten; für die Vertreter der 
ldiotenanstalten sprach Dr. Kellner-Alsterdorf über das Thema: Die Opium- 
Brom-Behandlung der Epilepsie, für die Vertreter der Hilfsschulen referierte 
Hilfsschulleiter Frenzel-Stolp i. Pom. über den Saeh- und Sprachunterricht 
bei Geistesschwachen. 

Die eingehenden Ausführungen des Dr. Kellner boten viel Interessantes, waren 
aber schwer zu verfolgen, da sie einige Kenntnisse in der Epilepsie- 
behandlung voraussetzten. Der Vortragende hob auch hervor, dass zur Zeit die 
Meinungen über die Epilepsiebehandlung noch sehr auseinaudergehen, zu sicheren 
Resultaten sei man bisher noch nicht gelangt. Es wären daher auch seine 
Ausführungen mit einer gewissen Vorsicht aufzunehmen. 

Dem Vortrage des Berichterstatters lagen die auf Seite 147 unserer Zeit- 
schrift abgedruckten Leitsätze zu grunde; dieselben wurden einstimmig an- 
genommen. In der Debatte fanden interessante Aussprachen über methodische 
und didaktische Grundsätze des ersten Sach- und Sprachunterrichts bei Geistes- 
schwachen statt. Die Sitzungen der Nebenversammlungen für die Vertreter der 
Hilfsschulen leitete Schuldirektor Richter- Leipzig in altbewährter Weise. 

An demselben Tage, nachmittags 3 Uhr, begaben sich die Teilnehmer der 
Konferenz nach KückenmühlezurBesichtigung derdortigen Anstalten. 
Es gab daselbst sehr viel zu sehen und zu hören. Leider war es wegen der 
grossen Ausdehnung der Anstalten kaum mörrlich, einen vollständigen Überblick 
über dieselben zu gewinnen. Erhebend gestaltete sich am Schlusse der Führungen 
die Feier in der schönen Anstaltskirche. Sie hinterliess einen ergreifenden und 
befriedigenden Eindruck. Es wäre jedoch besser gewesen, die Lehrprobe im 
Gotteshause ausfallen zu lassen, zumal sie in der gehaltenen Weise nicht ganz 


186 


mustergültig war und in mancher Beziehung den methodischen Anforderungen 
nicht vollkommen entsprach. Im übrigen gewannen die Besucher überaus gute 
Eindrücke über die ganzen Anstalten, ihre Leitung, das Personal etc. Pastor 
Bernhard, der umsichtige Leiter der Anstalten, hat in Kückenmühle ein so 
grosses Werk der erbarmenden Menschenliebe geschaffen, wie es wohl bisher 
einzig in seiner Art im Osten Deutschlands dastehen dürfte. 

Am 9. September besuchten einzelne Konferenzteilnehmer die Hilfsschule 
zu Stolp i. Pom.; bei den Lehrproben wurde gezeigt, wie das Prinzip der 
Konzentration im Sach- und Sprachunterricht durchzuführen sei, und wie auch 
die Behandlung der realistischen Stoffe nach diesem Grundsatze zweckmässig 
durchgeführt werden könne. 

Die nächste Konferenz soll 1907 zu Strassburg i. Els. stattfinden. 

Es wurde von verschiedenen Seiten angeregt, der Konferenz eine andere 
Benennung zu geben, damit namentlich das hässliche Wort „Idioten“ wegfiele. 
Ich gestatte mir, folgende Bezeichnung vorzuschlagen: „Konferenz für das 
Erziehungs- und Bildungswesen Geistesschwacher.“ Diese Benennung 
vermeidet das Wort Idioten, sie trägt aber den Anstalten und Schulen für 
Geistesschwache trotzdem Rechnung, indem sie das Gesamtgebiet der Schwach- 
sinnigenfürsorge und Schwachsinnigenbildung umfasst. 

Möchten die Verhandlungen der Stettiner Tage auch dazu beitragen, dass 
das Interesse für die Erziehungs- und Bildungsbestrebungen der Geistesschwachen 
immer mehr zunehme und warm erhalten bleibe! 


Der systematische Handfertigkeitsunterricht in Idioten- 
anstalten. 
Ein Wort der Entgegnung mit Aufklärung von Dr. R Hopf, 
Anstaltsarzt der Brandenburger Provinzialanstalten für Epileptische und Idioten. 

In Nr. 11 dieser Zeitschritt berichtet Herr Frenzel über Äusserungen des 
Herrn Direktors Schwenk, die derselbe auf der XI. Konferenz für das Idioten- 
und Hilfsschulwesen über meinen, in Nr. 15 der „Psych.-Neur. Wochenschrift“ 
veröffentlichten Aufsatz: „Der systematische Handfertigkeitsunterricht, 
ein Glied ärztlicher Therapie in Idiotenanstalten“ gemacht hat. Nach 
ihm hat Herr Schwenk meine Forderung, dass dem Psychiater die Aufgabe 
zustehe, durch eine, schon in der Kindheit einsetzende Arbeitstherapie die Zög- 
linge zu nützlichen Gliedern der Menschheit heranzubilden, als überflüssig erklärt, 
da in den meisten deutschen Anstalten die Pädagogen sich bereits seit vielen 
Jahren mit Erfolg dieser Aufgabe unterzögen. Ferner bekunde die Arbeit eine 
gewisse prätentiöse Unwissenheit auf dem Gebiete des Schwachsinnigenbildungs- 
wesens und man müsse vorsichtiger sein, wenn man mit Artikeln in die Öffent- 
lichkeit zu treten beabsichtige. 

Ich beabsichtige nun nicht, da ich an vornehmes wissenschaftliches Arbeiten 
gewöhnt bin, denselben Ton anzuschlagen, der in dem Referat beliebt wird und 


187 
derartige Beleidigungen, wie sie von Herrn Schwenk, resp. Herrn Frenzel, 
mir gegenüber gebraucht werden, durch gleiche, dem wisssenschaftlichen Usus 
widersprechende, zu paralysieren und gehe deshalb gleich auf die Iuhaltsangabe 
des strittigen Artikels ein. 

Der Artikel betont, dass, da bei Idioten das Gehirn krank sei, der Arzt 
sich der Behandlung dieser kranken Organe widmen muss und schlägt deshalb 
vor, eine Besserung durch schon in der Jugend einsetzende Arbeitstherapie er- 
zielen zu suchen. Als ein gutes Mittel wird der systematische Handtertigkeits- 
unterricht nach Leipziger Muster empfohlen und geschildert, welch guter Erfolg 
in Potsdam damit an den Pfleglingen, besonders aber an den jugendlichen 
schwachsinnigen Fürsorgepfleglingen erzielt wurde. 

Polemisch gegen gewisse Pädazogen und in noch höherem Maße Theologen 
war der Artikel, indem er erstens die Thatsache verurteilte, dass in Idioten- 
schulen zu viel Gewicht auf Schulkenntnisse und Einpauken von Gesangbuch- 
versen gelegt wird und ferner insofern, als er nachwies, dass die Fürsorge- 
pfleglinge, die anderswo auf keine Weise gefördert werden konnten, bei uns 
durch den systematischen Handfertigkeitsunterricht bald recht brauchbar und 
geistig sehr gefördert wurden. Irgend eine Beleidigung enthielt der Artikel 
nicht, der nebenbei bemerkt, aus einer der grössten deutschen Idiotenanstalten 
stammend, als offizieller Bericht in der Überschrift bezeichnet war. 

1. Ich habe in dem Artikel ausdrücklich hervorgehoben, dass die Anwendung 
des Werkunterrichts in Idiotenanstalten durchaus nichts Neues ist. „Den Päda- 
gogen vom Fach, nicht etwa Theologen, gebietet das Verdienst, denselben dort 
eingeführt und mit raschem Blick den Wert derselben erkannt zu haben. Die 
Schrötersche Anstalt in Dresden war wohl die erste, die etc. 

2. Ich betonte, dass hierseits zum ersten Male von psychiatrischer 
Seite der systematische Handfertigkeitsunterricht an Idiotenanstalten empfohlen 
worden ist. 

Aus beiden Stellen geht hervor, dass ich den Herren Pädagogen auch nicht 
einen Deut ihres Ruhmes wegnehmen wollte, und dass ich mich nur an meine 
Fachgenossen gewandt hatte. Weiter habe ich, nachdem ich seit über 4 Jahren 
im Idiotenwesen tätig bin und mich durch einen schier unsäglichen Wust von 
Jahresberichten durchgelesen und dauernd Mühe und Zeit auf das Studieren 
alter und neuer Erscheinungen auf dem Gebiete der Literatur über das Idioten- 
bildungswesen gewendet habe, doch ausser obigern Beispiel der Schröterschen 
Anstalt (Zeitschr. t. Beh. Schwachsinniger etc. 1892 Nr. 5 u. 6) nur recht 
wenig gefunden, das darauf schliessen lässt, dass der Handfertigkeitsunterricht 
systematisch nach Leipziger Vorbild getrieben wird. Und darauf, auf das 
Systematische, kommt es ganz allein an, das mit seinem logischen Aufbau, 
seinem Zwang zur Aufmerksamkeit etc. etc., wie kein anderes System geeignet ist, 
ldioten zu fördern. Dass natürlich auch sonst überall gearbeitet und 
Handfertigkeit getrieben wird, das weiss ich selbstverständlich auch; aber es 
fehlt eben meist doch das System im ganzen Unterricht, und ich bestreite es 
Herrn Schwenk auf Grund des eingehendsten Studiums der sämtlichen Jahres- 


188 
berichte, dass der Leipziger Handfertigkeitsunterricht systematisch an den meisten 
deutschen Anstalten geübt wird. 

Meine Forderung, die an meine Fachkollegen gerichtet war, darauf hin zu 
arbeiten, dass der Werkunterricht überall eingeführt würde, war also nicht 
überflüssig. Ä 

Was den Vorwurf der „gewissen prätentiösen Unwissenheit auf dem Gebiete 
des Schwachsinnigenbildungswesens“ betrifft, so habe ich denselben schon zurück- 
gewiesen, und ich bin meinerseits also nicht „unvorsichtig“ in die Öffentlichkeit 
getreten. Der Vorwurf der „Unvorsichtigkeit“, um mich parlamentarisch aus- 
zudrücken, fällt auf den zurück, der, ohne den Artikel genau gelesen zu haben, 
auf einem wissenschaftlich arbeiten wollenden Kongress, vor nicht unterrichteten 
Zuhörern einen Abwesenden mit Beleidigungen überhäufte. 

Ich glaube also, die mir gemachten Vorwürfe entkräftigt zu haben und 
bin der Überzeugung, dass das Verhältnis zwischen den einzelnen Arbeitern auf 
dem Idiotenwesen ein weitaus besseres sein würde, wenn nicht jede Meinungs- 
verschiedenheit sofort als persönliche Beleidigung empfunden würde. 


Mitteilungen. 


Berlin. (Erziehungs- und Fürsorgeverein.) In der „sozialen Kom- 
mission des Erziehungs- und Fürsorgevereins für geistig-zurückgebliebene (schwach- 
sinnige) Kinder* hielt am 21. November Herr Lehrer Frauendienst einen 
Vortrag über: Soziale Aufgaben an unseren geistig zurück- 
gebliebenen Kindern, in dem er ungefähr folgendes ausführte. Von jeher 
gibt es geistig, körperlich, moralisch und wirtschaftlich Zurückgebliebene, und 
ebenso alt ist auch die doppelte Auffassung inbezug auf die Behandlung dieser 
Unglücklichen. Die einen sagen, man müsse sie besonders unterstützen, die 
anderen, man müsse sie sobald als möglich untergehen lassen. Bei den alten 
Völkern herrschte die letztere Ansicht vor, und das Beispiel der Spartaner zeigt, 
dass diese Roheit sogar vom Staate sanktioniert werden konnte. Erst zur Zeit des 
Christentums drang die erstere Ansicht durch, und Christus selber hat dies ja in 
unzähligen Aussprüchen, Wundern und Gleichnissen gezeigt. Unser Verein nimmt 
sich besonders der geistig schwachen Kinder an, deren Eltern teilweise auch wirt- 
schaftlich recht tief stehen. Ihnen gegenüber erwachsen dem Lehrer der Hilfs- 
schule wichtige soziale Aufgaben. Er muss die Eltern besuchen, beraten, in 
schonender Weise belehren, die unbeaufsichtigten Kinder in einem Kinderhort 
unterbringen und die kränklichen der Ferienkolonie überweisen. Wünschenswert 
wäre die Einrichtung von Lehrwerkstätten, in denen die Kinder nach der 
Schulzeit für irgend ein Handwerk oder auch für die Landwirtschaft ausgebildet 
würden. — Dem Vortrage folgte eine längere, sehr lebhafte Debatte, besonders 
über die Forderung des Redners, Lehrwerkstätten einzurichten. Herr Erziehungs- 
inspektor Piper aus Dalldorf meinte, er hätte solche schon draussen in seiner 
Anstalt; diese sollten aber die Kinder nur vorbereiten für ein Handwerk, nicht 
ausbilden. Das sollte später einem Meister überlassen werden, aber nicht einem 





In 


aus Berlin, der wäre am ungeeignetsten dazu. Lieber sollte man die Kinder nach 
ausserhalb, in die Provinz bringen; denn hier seien die Leute noch biederer und 
einfacher und beschäftigten sich mehr mit den Kindern, ohne sie auszunutzen. 
Nach Schluss der Debatte wurde eine Kommission ernannt, die untersuchen 
soll, wieviel Kinder bisher aus der Hilfsschule (Nebenklasse) entlassen, und wie 
sie untergebracht worden sind, und womit sie sich ihren Unterhalt erwerben. 
Berlin. (Schulpflicht und Nebenklassen). Eine grundsätzliche Änderung 
ist wegen der Schulpflicht der die Nebenklassen besuchenden Kinder getroffen 
worden. In einer Verfügung vom 19. Oktober 1903 wurde den Rektoren und 
Schulkommissionen mitgeteilt, dass die Schüler der Nebenklassen, wie in einem be- 
sonderen Falle entschieden worden sei, zwar dem allgemeinen Schulzwange unter- 
liegen, dass aber ein gesetzlicher Zwang zum Besuche der Nebenklassen nicht aus- 
geübt werden könne. Versäumnisse des Unterrichts seitens solcher Kinder sollten 
demnach ferner nicht mehr zur Anzeige gebracht werden. Die Folge davon war, 
dass der Schulbesuch einzelner Kinder unregelmässig wurde, ja ganz „ufhörte, und 
gerade solche, welche den Unterricht am nötigsten brauchten, konnten sich ihm, 
da weder Zwang noch Strafe angewandt werden durften, ganz entziehen. Die daraus 
sich ergebenden Missstände haben die Behörden nunmehr veranlasst, jene Verfügung, 
welche die Folge eines gerichtlichen Urteils war, aufzuheben; in Übereinstimmung 
mit dem Königlichen Provinzialschulkollegium teilt die städtische Schuldeputation 
den Rektoren und Schulkommissionen mit, dass von jetzt ab die dem Nebenunter- 
richt zugewiesenen Kinder bei ungerechtfertigten Schulversäumnissen durch Ver- 
hängung von Schulstrafen über ihre Eltern oder Erzieher zum regelmässigen Schul- 
besuche zwangsweise angehalten werden sollen. Die endgültige Entscheidung der 
Rechtsfrage, ob der gesetzliche Schulzwang auch den Unterricht in den Neben- 
klassen mitbegreift, soll gegebenenfalls durch Verfolgung bis zur Instanz des 
Kammergerichts herbeigeführt werden. Bestätigt dieses das früher ergangene Urteil, 
was allerdings kaum anzunehmen ist, so müsste zur Auflösung der segensreich 
wirkenden Nebenklassen geschritten werden. (B. L.-A.) 
Cöpenick. (Hilfsschule). Die Königliche Regierung in Potsdam hat die 
Errichtung einer Hilfsschule in Anregung gebracht und einen Staatszuschuss von 
jährlich 500 Mark in Aussicht gestellt. Die Schuldeputation hat ermittelt, dass 
hier 69 schwach begabte Kinder vorhanden sind, und der Magistrat beantragt nun 
die Errichtung einer solchen Schule vom 1. April 1905 ab. Nach dem Vor- 
anschlage betragen die gesamten Ausgaben 2248 Mark jährlich, denen ein Staats- 
zuschuss von 500 Mark gegenübersteht, so dass die Stadt einen Zuschuss von 
1748 Mark für das Jahr 1905 --1906 zu leisten hätte. Die Stadtverordneten ge- 
nehmigten die Errichtung der Hilfsklasse für minderbegabte Kinder vom 1. April 
ab und bewilligten auch die erforderlichen Mittel von 1748 Mark jährlich, jedoch 
nur unter der Bedingung, dass die Regierung einen fortlaufenden Staatszuschuss 
von jährlich 500 Mark gewährt. 
Fulda. (Neue Idiotenanstalt). Im Regierungsbezirk Kassel war bislang 
ausser der interkonfessionellen Pflegeanstalt Haina nur eine evangelische Idioten- 
anstalt, die mit dem hessischen Brüderhaus verbundene Anstalt zu Treysa. Nur 


190 


mehr ist seit Mitte Oktober auch eine katholische Idiotenanstalt, das „St. 
Antoniusheim“ durch den Bischof in Fulda ins Leben gerufen worden. Für 
das St. Antoniusheim ist auf dem westlich von Fulda gelegenen Münsterfeld ein 
Baugelände von 36 000 Quadratmeter Grösse erworben worden. Die Anlage der 
Anstalt ist zur Aufnahme von 400 bis 500 Zöglingen berechnet. Vorläufig ist 
erst ein Drittel des Knabenhauses fertig und am 12. Oktober 1904 durch den 
Bischof von Fulda in Gegenwart des Landeshauptmanns Freiherrn von Riedesel 
zu Eisenbach und verschiedener Vertreter königlicher und städtischer Behörden 
eingeweiht worden. Der dreistöckige Teilbau kostet rund 100 000 Mark. 
| Schwenk. 

Gmünden a. M. (Bayern). (St. Josefshaus). Unsere Erziehungs- und Pflege- 
anstalt für schwachbefähigte Kinder und Geistesschwache ist durch einen grossen 
Mittelbau erweitert worden. Die an dieser Stelle befindlichen Ökonomie-Gebäude 
wurden abgetragen und an einer geeigneten Stelle im Norden der Anstalt im ver- 
grössertem Maßstabe neu aufgeführt, so dass dem gesteigerten Betriebe auch in 
dieser Hinsicht Rechnung getragen wurde. Die Anstalt, deren Frequenz zurzeit 
145 beträgt, hat nunmehr Platz für 200 Zöglinge Die Anstalt besteht aus 3 
Häusern, entsprechend den verschiedenen Kategorien von Geistesschwachen, welche 
sie beherbergt. Der Neubau bietet den meisten Raum und ist bestimmt, die 
Unterrichtsfähigen aufzunehmen. Die Werkstätten befinden sich in dem älteren 
Anstaltsgebäude, und das dritte Gebäude dient wie seither den Pflegebedürftigen. 

Hessen. (Konferenz der Hilfsschulen). Die vor 2 Jahren in Gross- 
Geran gebildete Vereinigung der hessischen Hilfsschulen hielt ihre diesjährige 
Herbstkonferenz am 22. Oktober in Idstein ab. Obgleich Idstein als Versammlungs- 
ort für viele Mitglieder der Vereinigung etwas abgelegen war, so übte die dortige, 
in ihrer Anlage und Einrichtung als musterhaft bekannte Anstalt grosse An- 
zıehungskraft aus. Bei der Ankunft in der Anstalt lud der Direktor derselben 
die Gäste zunächst zum Mittagsmahle ein. Nach demselben wurden 3 Klassen der 
Anstalt besucht, und hierauf hielt im Speisesaal Herr Rektor Bleher aus Frank- 
furt einen Vortrag über „Die Fürsorge für die geistig Minderwertigen, 
speziell für die aus der Hilfsschule entlassenen Zöglinge“, der allgemein 
Beifall fand Am Schlusse wurden die Lebrmittel, Werkstätten, Schlafsäle etc. der 
Anstalt besichtigt. Überall fand man bestätigt, dase der gute Ruf der Anstalt 
wohl begründet ist. 

Idstein. (Altenheim). Neben dem schon im vorigen Jahre erbauten 
Ökonomiegebäude ist in den- letzten Monaten das erste Wohnhaus unter Dach 
gebracht worden. Dank der Opferfreudigkeit vieler Wohltäter und der hoch- 
berzigen Spende der Stadt Frankfurt im Betrage von 100 000 Mark ist das Werk 
so weit gediehen und wird sich voraussichtlich noch mehr erweitern; denn das 
Bedürfnis bildungsunfähigen Schwachsinnigen eine wohnliche Heimstätte zu schaffen, 
wo sie vor Spott und Missachtung der Mitmenschen geschützt sind, ist gross. Zum 
Verwalter des Altenheims ist der Ökonom Herr Georg Steffan gewählt worden. 

M.-Gladbach. (Carl Barthold f). Am 4. Nov. d. J. entschlief der ver- 
diente Vorsteher der Evang. Idioten-Erziehungs- und Pflegeanstalt „Hephata“ in 


! 


t91 


M -Gladbach, Herr Direktor Carl Barthold, im Alter von 75 Jahren infolge eines 
Schlaganfall. — Geboren am 20. Okt. 1829 in Karlsruhe, verlebte er seine 
Jugend in Württemberg und absolvierte mit 17'/, Jahren das Lehrerseminar zu 
Nagold. Nach etlichen Jahren der Lehrtätigkeit an Volksschulen in Stadt und 
Land kam er 1852 als Lehrer an die Schwachsinnigenanstalt ir Winterbach 
(später Stetten), 1'/, Jahre später als 1. Lehrer an die Taubstummenanstalt in 
Winnenden. Nur für kurze Zeit wurde seine Arbeit an den Abnormen noch ein- 
mal durch anderweitige unterrichtliche Tätigkeit unterbrochen. Im Jahre 1858 
berief ihn dann der Rhein. Provinzialausschuss für innere Mission zur Einrichtung 
und Leitung der im folgenden Jahre eröffneten Anstalt Hephata nach M.-Gladbach. 
Hier wirkte er 46 Jahre, und ihm ist in erster Linie die Entwicklung der Anstalt 
zu einer der blühendsten und angesehendsten in Deutschland zu verdanken. 
Barthold verband mit aufrichtiger Frömmigkeit und persönlicher Liebens- 
würdigkeit ein ernstes wissenschaftliches Streben und praktische Tüchtigkeit als 
Pädagoge sowohl wie auf dem Gebiete der Verwaltung. Treu und gewissenhaft 
waltete er seines Amtes, auch unter langjährigen körperlichen Leiden, bis ans 
Ende. In sehr warmen Worten widmet ihm der Verwaltungsausschuss der Anstalt 
einen dankbaren Nachruf. — Aber auch weiteren Kreisen hat er mit seiner reichen 
Erfahrung auf heilpädagogischen Gebiete gedient. An den Arbeiten der Konferenz 
für das Idiotenwesen, die er 1874 mit begründete, hat er stets regen Anteil ge- 
nommen und ihrem Vorstande bis zu seinem Tode, zuletzt als Ehrenpräsident, an- 
gehört. Literarisch ist er mit mehreren kleinen Schriften hervorgetreten (der erste 
vorbereitende Unterricht für Schwach- und Blödsinnige; Fibel oder Erstes Lese- 
buch für schwachbefähigte Kinder; Spruchbüchlein, zugleich Leitfaden für den 
Religionsunterricht), die sämtlich viel Verbreitung fanden und mehrfach aufgelegt 
wurden. Der Name des nach gesegneter Lebensarbeit nun Heimgegangenen wird 
unter den Vertretern und Förderern der Schwachsinnigenfürsorge stets in Ehren 
gehalten werden. Niehaus-Idstein. 

Rixdorf. (Hilfsschule). Hier ist die Errichtung einer Hilfsschule in Aus- 
sicht genommen. In Betracht kommen etwa 130 Kinder. 

Turbenthal. (Anstalt). Wie bereits in Nr. 10 d. Ztschr. mitgeteilt wurde, 
hat die schweizerische gemeinnützige Gesellschaft im Schloss Turbenthal (Kanton 
Zürich) eine Anstalt für schwachbegabte Taubstumme errichtet. Die Eröffnung 
soll am 1 Januar 1905 stattfinden. Zum Leiter dieser Anstalt wurde Herr Lehrer 
Stärkle-Idstein gewählt. Durch seine 8jährige Tätigkeit in der Idsteiner Idioten- 
austalt, sowie durch eine ebenfalls mehrjährige Unterrichtsarbeit an Taubstummen 
(St. Gallen) hat er sich in ganz besonderer Weise die Qualifikation zu einem 
solch schwierigen Posten erworben. Möge das Turbenthaler Schloss sich zu einem 
Orte des Segens für jene Unglücklichen gestalten. 

Worms. (Schulärztlicher Jahresbericht über die Hilfsschule). Dem 
für das Schuljahr 1908/04 nunmehr gedruckt erschienenen Berichte über die schul- 
ärztliche Tätigkeit des der Hilfsschule beigegebenen Arztes Dr. Bayerthal entnehmen 
wir folgendes. Bei den 51 Hilfsschülern waren im verflossenen Schuljahre 
7 Kinder, welche eine Beeinträchtigung des Sehvermögens (durch Horn- 


192 


hauterkrankungen oder Refraktionsanomalien) zeigten. Durch gütige Unterstützung 
der städtischen Armenverwaltung war es möglich, den Kindern eine spezialärztliche 
Behandlung zu teil werden zu lassen. Auch durch einen Spezialarzt für Obren-, 
Nasen- und Halskrankheiten wurden die Kinder untersucht. Dabei zeigten sich 
9 Kinder, welche an Erkrankungen des Gehörorganes litten; 2 Kinder hatten 
Erkrankungen des Nasenrachenraumes. Die Eltern wurden davon benach- 
richtig. Man hofft, durch Hilfe von Wohlfahrtseinrichtungen die erforderliche 
spezialärztliche Behandlung ermöglichen zu können. Recht ungünstig fiel die 
zahnärztliche Untersuchung aus, welche ein Spezialist in der uneigennützigsten 
Weise vornahm. Darnach war auch nicht ein einziges Gebiss zu finden, das frei 
von Zahnfäulnis gewesen wäre. Milchzähne und auch bleibende Zähne waren stark 
kariös. Es ist das einesteils von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die 
Ernährung und Blutbildung, als auch andernteils nicht in Abrede gestellt werden 
kann, dass damit das häufig auftretende Kopfweh vieler Kinder (28) vielfach in 
ursächlichem Zusammenhang steht. Sprachstörungen fand man bei 9 Kindern, 
bei 4 Knaben und 5 Mädchen Es waren 5 Stammler, 2 Polterer, 1 Stotterer, 
während ein Knabe einen zwar operierten, aber noch nicht ganz verheilten Gaumen- 
spalt zeigte. Von diesen sprachgebrechlichen Kindern waren 2 schwerhörig, eins 
litt an behinderter Nasenatmung. Im Laufe des Jahres gelangten durch den Schul- 
arzt auch verschiedene Krankheiten zur Untersuchung, 1 Fall von Gelenk- 
rheumatismus, 1 Fall von Hautausschlag (Ekzem) und 2 Fälle von Lyınphdrüsen- 
entzündung. 

In früheren Jahren wurde kränklichen Kindern ein Milchfrühstück verabreicht. 
Da dies jedoch im letzten Winter ausfiel, so wurde bei 6 schwächlichen Kindern eine 
mebrwöcheutliche Milchkur ermöglicht, nachdem der Schularzt deshalb bei der 
städtischen Armenverwaltung vorstellig geworden war. Weiter wird in dem Be- 
richte einer Verlängerung der Pausen, Verkürzung des Unterrichtes, einer geringeren 
Schülerzahl durch Neubildung von weiteren Klassen das Wort geredet. — Am 
Schlusse des Schuljahres wurden 18 Kinder behufs Neuaufnahme in die Hilfs- 
schule einer genaueren ärztlichen Untersuchung unterzogen. Dabei fanden 
sich: Erbliche Belastung (Geistes- und Nervenkrankheiten, Alkoholismus, Tuber- 
kulose) 17, schädliche Einwirkungen vor der Geburt 5, Krämpfe in den ersten 
Lebensjahren 3, Rachitis in den ersten Lebensjahren 7, Verzögerung der Sprach- 
entwickelung 10, vorausgegangene Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarkes 2, 
vorausgegangene Infektionskrankheiten 7, überstandene schwere Kopfverletzung 1, 
Störungen im Nervensystem (Zuckungen, Lähmungen, Kopfschmerzen, unwillkürliche 
Urinentleerung, Hysterie, Epilepsie) 9, Augenerkrankungen mit ungenügender Seh- 
schärfe 2, Schielen 4, Herabsetzung des Gehörs (durch Mittelohrentzündung, ner- 
vöse Schwerhörigkeit) 4, Hindernisse in der Nasenatmung 4, Sprachfehler 6, Zahn- 
fäulnis 16, schlechter Ernährungszustand 2, Zurückbleiben im Längenwachstum 11, 
Charakteranomalien 10 Fälle. Von diesen 18 untersuchten Kindern konnten 4 
nicht aufgenommen werden und 1 nur bedingungsweise. Es ist ein Kind aus 
einem Vororte, das zwischen Mittag nicht nach Hause gehen kann. Es erhält jetzt 
nachdem bei der Armenverwaltung darum nachgesucht worden ist, Mittagessen im 


193 


städtischen Versorgungshaus. Der Bericht schliesst mit dem Wunsche, dass, wie 
verschiedenerorts schon geschehen, auch hier recht bald ein Verein zur „Für- 
sorge für Schwachsinnige“ erstehen möge, der sich zur Aufgabe stellt, den 
der Schule entlassenen Schwachsinnigen ratend und helfend zur Seite zu stehen. 


Literatur. 


Zur Gesehichte und Literatur des Idiotenwesens in Deutschland. 
Von J. P. Gerhardt, Oberlehrer an den Alsterdorfer Anstalten bei Hamburg. 
Leipzig, Kommissionsverlag von K. G. Th. Scheffer 1904. Preis 6,50 Mk. 

Der stattliche, 353 Seiten umfassende Band besteht aus drei Teilen. Der 
erste enthält einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung des Idioten- 
weseus in Deutschlands und im übrigen deutschen Sprachgebiet (Schweiz, Öster- 
reich, Russland). Vom Kretinismus ausgehend, werden zunächst die Versuche, hier 
helfend einzugreifen, geschildert. Hieran schliesst sich eine Darstellung über die 
Entwicklung der Fürsorge für Idioten in Deutschland bis zum Jahre 1869 und 
über die Organisation des Idiotenwesens. Weiter folgt eine Übersicht über die 
innerhalb Deutschlands bestehenden Anstalten für Idioten und Schwachsinnige; 
dann wird das deutsche Hilfsschulwesen geschildert und zuletzt das Idiotenwesen 
in der Schweiz, Österreich und Russland besprochen. Der zweite Teil bringt 
biographische Skizzen und Notizen über Persönlichkeiten, die sich um das Idioten- 
bildungswesen verdient gemacht haben, und im dritten Teil werden Auszüge aus 
der Literatur über das Idiotenwesen gegeben. Hierbei sind die Schriften von 
Dr. Guggenbühl, Saegert, Dr. Kern, Disselhoff, Dr. Brandes, J. Probst, Dr. Kind 
und P. Sengelmann berücksichtigt. Der Anhang gibt ein ausführliches Literatur- 
verzeichnis und ein Namenregister. Das empfehlenswerte Werk bietet reiche An- 
regung und, indem es die ältere Literatur, die im Buchhandel nicht mehr zu haben 
ist, besonders berücksichtigt, ersetzt es eine ganze Bibliothek. E. St. 

Zentralorgan für Lehr- und Lernmittel. In Verbindung mit H. Thierack 
und Max Eschner herausgegeben von Dr. Scheffer. Monatlich 1 Heft von 
2—3 Bogen Umfang. Halbjahrespreis Mk. 2.— (Post und Buchhandel). Ver- 
lag von K. G. Th. Scheffer in Leipzig. 

Wenn eine Vierteljahrsschrift nach zweijährigem Bestehen in eine Monats- 
schrift umgewandelt wird, so ist das sicher ein Beweis dafür, dass mit derselben 
einem Bedürfnisse entgegengekommen wurde. So verhält es sich mit dem 
Zentralorgan für Lehr- und Lernmittel. Wir haben jedes der bisher er- 
schienenen Hefte mit grossem Interesse zur Hand genommen, und besonders 
sympathisch war uns das in der Zeitschrift durchgeführte Prinzip, dass jeder Autor 
über seine Sachen zuerst und dann erst der Rezensent zu Worte kommt. Auf 
solche Weise kann jeder sich selbst vortragen, d. h. dasjenige aussprechen, wor- 
auf es ihm besonders ankommt. Und das sind oft gerade die Punkte, die die 
Rezensenten nicht selten übersehen. An den Punkten, die der Autor selbst hervor- 
hebt, und auf die es ihm bei seiner Sache besonders ankommt, hat die Kritik ein- 
zusetzen, und erst dann, wenn beide Faktoren, der Autor und der Rezensent, ge- 


3i 


sprochen haben, kann sich der Leser ein rechtes Bild von dem in Frage stehenden 
Lehr- oder Lernmittel machen. Auf solche Weise wird das Zentralorgan ein wirk- 
licher Führer, und es ist zu wünschen, dass die Hefte in alle Schulmännerkreise, 
auch in die der Kollegen an den Hilfsschulen und Anstalten, dringt. W. S. 

Übungsbuch für Sprachheilkunde. Herausgegeben von M. Weniger. 
Druck und Verlag von Wilhelm Meister, Schwelm i. Westf. 

Seit annähernd 20 Jahren beschäftigt sich der den Lesern unserer Zeitschrift 
hinlänglich bekannte Verfasser mit der Heilung von Stotterern. Er legt seinem 
Unterrichte seine aus der Praxis entstandene Vokaltafel zu grunde und erzielt, 
selbst in den hartnäckigsten Fällen die erwünschten Resultate. Den Gang, welcher 
vom Verfasser dabei eingeschlagen wird, beschreibt derselbe in seinem Büchelchen, das 
wir jedem Lehrer empfehlen möchten, der sich mit der Heilung von Sprach- 
gebrechen zu befassen hat. Insbesondere wird das Büchelchen den Lehrern an 
den Anstalten und Hilfsschulen gute Dienste leisten. W. S. 

Beiträge zur Psychologie. des Unterrichts von Berthold Otto. An- 
regungen und Anleitungen zu einem Unterricht ohne Zwang und Strafen. 
Leipzig 1903. Verlag von K. G. Th. Scheffer. 342 Seiten. Preis Mk. 8.—. 

Das Buch bietet in der Hauptsache eine Reihe interessanter psychologischer 
Aufsätze, die sich durch Originalität, scharfe Pointierung, klare Darstellung und 
einnehmende Beweisführung vorteilhaft auszeichnen. Die Entwicklung der Ideen, 
die das Ergebnis eingehender Forschungen darstellen, ist so packend, dass man 
unwillkürlich zum Nachdenken und Überlegen gezwungen wird. Deshalb verlangt 
das Buch auch aufmerksame und nuchdenkende Leser und setzt weitgehende 
psychologische Kenntnisse voraus, ohne welche keine erfolgreiche Durcharbeitung 
des Werkes möglich sein wird. Der weitaus grösste Teil der Schrift enthält, wie 
bereits erwähnt, psychologische Erwägungen in kritischer Darstellung, während 
der kleinere allerlei Beiträge zur Reform des Unterrichts bietet. Der Verfasser 
meint einen Unterricht ohne Zwang und Strafen. Einzelne Kapitel bringen daneben 
auch verschiedene Lehrgänge und methodische Belehrungen. Für uns besitzen die 
Ausführungen in vielen Beziehungen einen hohen Wert, namentlich deshalb, weil 
sie einem naturgemässen Unterricht das Wort reden und für seinen Betrieb die 
erforderlichen Wege und Maßnahmen bezeichnen. Ob wir ihnen aber überall folgen 
können, wollen wir dahingestellt sein lassen. Trotzdem verdienen einzelne metho- 
dische Erwägungen unsere ganze Aufmerksamkeit und Beachtung; wir können 
namentlich aus dem Kapitel über den Lehrgang für die Zukunftsschule vieles 
lernen, was auch mit Vorteil bei uns Anwendung finden dürfte. Sehr interessant 
und praktisch erscheinen die Belehrungen über den Sprachunterricht, über die 
Behandlung der Lautlehre, über den Gebrauch von Büchern ete. Die darin ent- 
wickelten Ansichten und Direktiven haben grossen praktischen Wert für jeden 
Erzieher, besonders aus dem Grunde, weil sie verschiedene Schattenseiten des land- 
läufigen Unterrichtsverfahrens einer vernichtenden Kritik unterziehen und neue 
gangbare Wege bezeichnen. Wir werden dabei angeleitet, in die Kinderseelen 
hineinzuschauen und solche Maßnahmen für die Bildung und Erziehung zu er- 
greifen, die der Kindesnatur am besten zusagen und entsprechen. Solche An- 


195 


regungen und praktische Gedanken treten uns in dem Buche auf Schritt und 
Tritt entgegen; leider ist ihre Menge so gross, dass sie sich kaum überblicken 
lassen. Es bedeutet dies jedoch keinen Mangel, sondern es soll damit nur die 
Reichbaltigkeit und die Gedankenfülle der verarbeiteten nen und Be- 
obachtungen zum Ausdrucke gebracht werden. 

Neben den vielen Reformschriften, die jetzt die pädagogische Presse auf- 
zuweisen vermag, verdient in erster Linie das vorliegende Buch die Beachtung 
weitester Kreise. Es kommt in unserer Zeit vor allem darauf an, auf eigene Hand 
ernste Versuche und Beobachtungen zu machen, um abschliessende Zusammen- 
fassungen und maßgebende Erziehungs- und Unterrichtsmethoden zu gewinnen. 
Diese Zwecke verfolgt das Werk Ottos vorwiegend —- das ist seine Haupttendenz; 
darum empfehlen wir es unseren Lesern angelegentlichst mit dem bedeutsanıen 
Hinweis: „Prüfet alles, das Beste behaltet!* 


Am 4. November d. J. ist unser allverehrter Ehrenvorsitzender, Freund 


und Kollege 
Herr Direktor Carl Barthold 


nach langjähriger, rastloser, treuer Arbeit durch den Tod zur ewigen Rube 
eingegangen. 

Der Ent-chlafene war seiner Anstalt ein unermüdlich besorgter, treuer 
und kluger Haushalter, seinen Zöglingen ein liebevoller Vater, in seiner 


Familie fand er an der Seite der treuen Gattin im Kreise seiner Kinder 
stets die gesuchte Rule und Stärkung zu neuer frischer Arbeit; unserer 
Konferenz ist unser Barthold ein unvergesslicher Mitarbeiter, treuer 
Berater und zielbewusster Kämpfer gewesen. 

Gott segne und erhalte die Arbeit des Entschlafenen. 


Das Präsidium der XI. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen. 
Piper. 





Nach einer Mitteilung des Herrn Direktor Schwenk -Idstein vom 13. November 
ist seine in Nr. 11 dieser Zeitschrift abgedruckte Frwiderung „Schutz für Geistes- 
schwache“ nachträglich und zwar am 10. Juni d. J. in die „Frankfurter Zeitung“ 
aufgenommen worden. Die Schriftleitung. 


Zur Beachtung! 
Mit vorliegender Nummer schliesst die 
Zeitschrift für die 
Behandlung Schwachsinniger und Epileptischer 


ihren XX. Jahrgang. Form, Umfang und Preis der Zeitschrift bleiben im neuen 
Jahrgange unverändert. Bestellungen wolle man gefälligst bald bewirken. 


Die Herausgeber. 


Anzeigen. 


Bekanntmachung. 

An der hiesigen städtischen Hilfsschule für schwachbefähigte Kinder ist zu 
Ostern k. Jrs. eine Stelle für eine katholische Lehrerin zu besetzen. 

Das Grundgehalt beträgt 900 Mk. die 9 Alterszulagen je 100 Mk., das 
Wohnungsgeld 200 Mk., dazu tritt eine pensionsberechtigte Zulage von jährlich 150 Mk. 

Meldungen sind sofort an unseren Stadtschulinspektor Herrn Ambrassat 
einzureichen. Solche Damen, die bereits einige Erfahrung in Unterrichte an Hilfs- 
schulen besitzen, erhalten den Vorzug. 


Graudenz, den 26. November 1904. “ Der Magistrat. 





Für die mit der hiesigen Idiotenanstalt verbundene Anstaltsschule für schwach- 
sinnige und epileptische Kinder wird zum 1. Januar eventuell 1. April 1905 ein 
auf christlichem Boden stehender Lehrer gesucht, welcher der Schule 
selbständig vorzustehen und den Anstaltschor zu leiten hätte. Meldungen erbeten 
mit Gehaltsansprüchen, Zeugnissen und Lebenslauf an den Vorstand der Idioten- 
anstalt in Schreiberhau i. R. 








Jüngerer evangel. Lehrer (eventuell such Lehrerin) gesucht, der 
Lust und Liebe zum Unterricht und zur Erziehung geistig schwacher Kinder hat. 
Spezielle Vorbildung (auch als Taubstummenlehrer) erwünscht, aber nicht unbe- 
dingt notwendig. Gehalt für unständige Lehrer (800—1200 Mk. bei vollständig 
freier Station) richtet sich nach den Dienstjahren. Bei definitiver Anstellung, die 
nach dem 25. Lebensjahre und nach abgelegter zweiter Dienstprüfung erfolgen kann, 
1200 Mk. (aufsteigend bis 2000 Mk.) nebst freier Station. Pensionsberechtigung. 
Reiseentschädigung. Sofortiger Eintritt oder am 1. Januar 1905. Nühere Auskunft 
wird gerne erteilt. Reflektanten mit guten Zeugnissen und tüchtigem, gediegenem 
Charakter mögen sich wenden an die Direktion der Erziehungs-Anstalt Idstein 
b. Frankfurt a. M. 


riehungs- und Fachlehranstalt für nervös | Soeben erschien: 
veranlagte u. i. d. Schule nervös ge- Übungsbuch für 
wordene Jünglinge der höheren Stände ist Sprach- (Stotter-) Heilkurse 


Dr. Jacobis Institut für Landwirtschaft und 

1 Übgsb. m. Beil Sprachheilmeth. 
Gartenbau, Wetterscheldt (Kreis Naum- | egen 120 an Weniger: 
burg a. S.) Se welm Westf. 


—— 














Inhalt. XI. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen. (Schluss). (F. Frenzel). 
— Der systematische Handfertigkeitsunterricht in Idiotenanstalten. (Dr. Hopf). — Mit- 
teilungen: Berlin, Cöpenick, Fulda, Gmünden (Bayern), Hessen, Idstein, M.-Gladbach, Rixdorf, 
Turbenthal, Worms. — Literatur: Gerhardt, J. P., Zur Geschichte und Literatur des Idioten- 
wesens in Deutschland. — Dr. Scheffer, Zentralorgan für Lehr- und Iernmittel. — 
Weniger, M, Übungsbuch für Sprachheilkunde. — Otto, Berthold, Beiträge zur Psychologie 
des Unterrichts. — Nachruf. — Anzeigen. — 


um on nn 


Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von Burdach, RK. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 


Hierzu eine Beilage vom Verlag der Ärztlichen Rundschau Otto @melin-München. 


29 


Leitsehrift 


für die 


Behandiung Schwachsinniger und Epileptischer 


Organ der Konferenz für das Idiotenwesen 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 


Stadtrat Dir. W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Dresden - Strehlen. Spezialarzt für Nervenkrankheiten 
in un rt. 


XXI. (MW) Jahrgang 1905. 


Kommissionsverlag von H. Burdach, K. 8. Hofbuchhandlung in Dresden. 


Druck von Johannes Pässler in Dresden. 





THE NEW YORK 
PUBLIC LIBRARY 


511282 


ASTOR, LENOX AND 
TILDEN FOU 'DATIONG. 
R 19:0 L 





10. 


11. 


16. 


17. 


18. 


19. 


21. 


23. 


Inhaltsverzeichnis. 


A. Aufsätze. 


Seite 


. Antiqua für den ersten Leseunter- 
richt (Nitzsche) 40 
. Antwort (Schwenk). 36 


. An unsere Leser und Mitarbeiter 177 
. Beiträge zur Geschichte der Heil- 


pädagogik (Stötzner) . . 30° 
. Bericht über den V. Ver bandetae 
der Hilfsschulen Deutschlands in 
Bremen (Weniger) . i 71 
. Die Artikel der Zeitschrift seit 
ihrem Bestehen . . 185 
. Die Ausbildung der Hilfsschul- 
lehrer (Busch). ; . 134 
- Die Opium - Brom- Behandlung der 
Epilepsie (Dr. Kellner) . 49. 71 
. Die schriftlichen Arbeiten in der 
Hilfsschule (Schulze) . 65. 113 
Die Selbständigkeit der Hilfsschule 
(Oehler) . 161 
Die zwcite Jahresv raami der 
schwedischen Idiotenanstalten zu 
Mariestad (Hansen). . . 145 
. Ein Beitrag zur Methodik des 
ersten Schreiblese - Unterrichts 
(Dietrich) En |, 
. Erste Fibel in Steinschrift 
(Gürtler). .. ..... . . 102 
. Friedrich Kölle + (Dr. Wilder- 
muth) Sc 99 
. Fünfte Schweizerische Konlerenz 
für das Idiotenwesen (Graf) . 124 


Gedanken über das unterrichtliche 
Wirken der Hilfsschule (Horrix) 1. 25 


56 `| 


24. 


25. 


Seite 
Welche Erfolge hatten unsere Ver- 
suche zur Befreiung ehemaliger 
Hilfsschüler vom Militärdienste ? 


(Ahl). . . . . 169 
Zum: Berichte über die Stettiner 
Konferenz (Frenzel) 10 


B. Mitteilungen. 


. Berlin (Die Nebenklassen und das 
5 Verhältnis der Geschlechter) 128 
2. % (Erziehungs- und Fürsorge- 
Verein) . . . 200 
| 3. (Hilfsschulen Ad ‚Sprach: 
| heilkurse) . . 152 
| 4 (Kongress für Kinder- 
| psychologie) . . 42 
| 5 = (Lehrstuhl für Sprachheil- 
kunde) . . 60 
| 6. 5 (Schwachbefähigte Schüler) 12 
ı 7. (Wanderfahrt von Neben- 
| klassen) >: . 151 
' 8 Bonn (Fortbildungskursus) . . 201 
: 9. Bremen (5. Verbandstag der Hilfs- 
| schulen Deutschlands) . 12. 60 
| 10. Cöpenick (Hilfsschule) . 153 
| 11. Dalldorf (Auszeichnung) . 12 
12. ʻi (Stiftungsfest) 12. 201 
18. (Vorträge über Behand- 
lung Schwachsinniger) 172 
' 14. Dresden (Deutscher Verein für 
| Psychiatrie) . . 110 
' 15. (Dir. Fr. Kölle t). 76 
Gedanken zur Ausgestaltung der | 16. (Kalender) . 202 
Hilfsschule (Legel) . 129 17. (Vereinigung zur Förde- 
Mongoloide Idiotie . 149 | rung des sächs. Hilfs- 
Moralisch schwachısinnige Kinder schulwesens) . 171 
(G. Büttner) 53 | 18. Frankfurt a. M. (Hölderlin- una 
. Mosaikbaukasten (Fritzeche). 58 Wiesenhütten-Schule) . 76 
Psychiatrie und m (Fr. ı 19. Gotha (3. Hilfsschultag der Prov. 
Frenzel) 2 . 178 Sachsen) . nr er 2 
. Schlusswort (Dr. Hopf) 20. Graudenz (Hilfsschule) . 173 
Schule und Nervenkrankheiten 21. Hamburg-Alstendorf (Vortrag 
(Dr. Wildermuth) und Anstaltserweiterung) . 14 


17 


22. 
23. 
24. 
25. 
26. 
27. 
28. 
29. 
30. 
al. 
32. 


33. 


38. 


39. 
40. 


. Alsberg Dr. M., 


. Binswanger Dr. O., Die Hysterie 
. Buns Dr., Die Hysterie im Kindes- 


. Frenzel Fr., 


Seite 
Hessen (Konferenz der Hilfs- 
schulen) . . 153. 202 
Kattowitz (Neue Hilfsschule) 43 
Leipzig (Auszeichnung) 14 
s (Direktoriat) 13 
i (Fortbildungskursus) . 


Lüttich(Internationaler Kongress) 110 
Nossen (Landesanstalt) 
Österreich (Die Hilfsschule und 
die neue Schulordnung) . 173 
Prag (Anstalt für sel waeheinnipe 


Kinder) . . 110 
Rixdorf (Erweiterung der Hilfs- 
schule) . . . . 173 
(Spenden für die Hilfs- 
schule) . 43 
Schweiz (V. Konferenz für das 
Idiotenwesen) x. &° 5110 
. Stetten (Heil- und Pflegeanstalt) 202 
5. Treysa (Anstalt für schwach- 
sinnige Kinder) . . 202 


. Turbenthal (Anstalt für ac: 


begabte Taubstumiıne) . . 155 
. Wien (Verein „Fürsorge für 
Schwachsinnige“) . 61 
ʻi (2. Österreich. Konferenz 
für das Idiotenwesen) . . 202 
Worms (Schularzt und Hilfsschule) 155 


Zürich (2. Schweizerischer Kursus 


zur Heranbildung von Lehrkräften) 76 


C. Literatur. 


Erbliche Ent- 
artung, bedingt durch soziale Ein- 
flüsse . 


. Ament Dr. W.. Forecliritte dar 


Kinderseelenkunde 16 


. Berkhan Dr. O. Über dëi ande 


borenen und früh erworbenen 
Schwachsinn, Geistesschwäche des 
Bürgerl. Gesetzbuchs 47 
62 
alter aou ne u, ar A 
Gebhardt J. P., 
Schulze E., Kalender für Lehrer 
und Lehrerinnen an Schulen und 


Anstalten für geistig Schwache . 


. 154 ' 


13 ': 


20. 


I] 


10. 


11. 


12. 


13. 


14. 


15. 


16. 
17. 


18. 


19. 


21: 


22. 


23. 


24. 


Seite 


. Fuchs A. Dispositionsschwan- 
kungen bei normalen und schwach- 
sinnigen Kindern et 

. IIberg Dr. G., Irrenanstalten, 
Idioten- und Epileptikeranstalten 158 

. Juliusberger Dr. O., Gegen den 
Alkohol . i 79 
Liepe A., Über die Shw ohen 
gen Schüler und ihre Behandlung 158 
Major G., Neue Wege für den 
Religionsunterricht ; . 203 
Moses Dr. J.. Das Sonderklassen: 

system der Mann- 
heimer Volksschule 43 
Die Schulbank in 
der Hilfsklasse für 
"Schwachbefähigte . 175 
Gliederung der 
Schuljugend nach 
ihrer Veranlagung 
und das Mann- 
heiiner System . . 175 
Otto H. Äneis. In der Sprache der 
Zehnjährigen erzählt . . 174 
= Odyssee. . . . . 174 
Probst Dr. M. Gehirn und ‚Seele 
des Kindes 63 
Sickinger Dr.A., Der Unterrichts- 
betrieb in grossen 
Volksschulkörpern 
” Organisation 
grosser Volksschul- 
körper . . ...4 
Sieverts W., Die begriffliche 
Methode im Leseunterrichte 78 
Spieser J. Ein Klassenversuch 
mit der begrifflichen Methode im 
ersten Leseunterrichte . 2.18 
Stadelmann Dr. H., Schwach- 
beanlagte Kinder ; . 110 
Sully Dr.J., Unrsuchungen über 
die Kindheit 111 
Stritter P., Die fenerziehinge: 
anstalten 47 

. Wcehrhahn Dr, Bericht über den 
V. Verbandstag. der Hilfsschulen 
Deutschlands . ‚157 


D. Briefkasten. 
16. 64. 70. 112. 127. 160. 204. 





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39 \ 








AG Npezialarzt 
Dresden - Strehlen, 5 i à IS nn für Nervenkrankhelten 
Residenzstrasse 27. In Stuttzart. 


Erscheint jährlich In 12 Nammern von | ‚, Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 


mindestens einem Bozen. Anzelgen für | und Pontämter, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petltzeile 25 Pfg. Lite- | Januar 1905. | Schriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 
rarische Bellaxen 6 Mark. einzeine Nummer 50 Pfy. 


Die Original- Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 





Gedanken 
über das unterrichtliche Wirken der Hilfsschule. 


Von Hermann Horrix, Hauptlehrer der Hilfsschule in Düsseldorf. 


„Eins schiekt sich nicht für alle“, wird man in den meisten Fällen dem 
zurufen, der seine Ansichten über Erziehung und Uuterricht kategorisch als die 
einzig richtigen darstellen und damit den andern ‚ihre Daseinsberechtigung ab- 
sprechen würde. Im erziehlichen wie unterrichtlichen Wirken spielt eben das 
Schülermaterial, weit mehr aber noch die Persönlichkeit des Erziehers und Lehrers 
eine viel zu grosse Rolle, als dass sie zu gunsten eines Systems hintangesetzt 
werden dürften. Doch gibt es trotzdem gewisse Sätze von grundlegender Be- 
deutung für einen erspriesslichen Unterricht, über die sich niemand leichter 
Dinge hinwegsetzen kann, wenn er nicht den sichern Erfolg seiner Arbeit in 
Frage stellen will, Sätze, die das Studium und die Erforschung des kindlichen 
Geistes in Verbindung mit den goldenen Lehren der Erfahrung zu Stützpfeilern 
für die Bildung jugendlicher Geister gemacht hat. Wenn wir nun bedenken, 
dass solche Fundamentalwahrheiten der Pädagogik für die Schulung des normalen 
Geistes sich aus dem Beobachten, Nachdenken und aus der Praxis vieler Jahr- 
hunderte herausgebildet haben, so kann es dem Methodiker wohl bange werden. 
der angesichts der kurzen Spanne Zeit, in welcher auch der anormale Kindesgeist, 
oder besser gesagt, die anorınale Kindesseele Gegenstand der Beachtung und der 
unterrichtlichen Arbeit geworden ist, sich erkühnt, Forderungen aufzustellen, 
welche zu deren Pflege unumgänglich notwendig sind. Dessenungeachtet hat es 
wohl für jeden Hilfsschullehrer, der eine lange Reihe von Jahren diesem Unter- 


wae 
-a 


ı 90 


” i V | 


Nr. 1. | XXI. (IV) Jahrg. 
; 2 
für die 
Bel rein mi Epilepsi P 
Organ der Konferenz für das Idiotenwesen. 4 
Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen Vas 26,271. 
herausgegeben von 
Stadtrat Direktor W. SEUS bri Dr. med. H. A. Wildermuth, 


79 


2 


richte seine Kräfte, sein Können, ja, ich möchte fast sagen, sein ganzes Denken 
gewidmet hat, etwas ungemein Verlockendes, dem einen oder anderen Erzieher 
zur Nacheiferung und dadurch zu Nutz und Frommen schwachbegabter Menschen- 
kinder in dieser Beziehung sein Programm zu entwickeln, obgleich es sich durch- 
aus nicht verkennen lässt, dass die praktische Arbeit des einzelnen von viel 
grösserer Wichtigkeit ist als Erörterungen, die ihrem Wesen nach vielleicht noch 
zu sehr theoretischer Natur zu sein scheinen. Von dem Gedanken aber aus- 
gehend, dass ein gemeinsames Streben die praktische Arbeit aller Hilfsschul- 
pädagogen beseelt und sie auch trotz der verschiedensten Meinungen über diese 
oder jene methodische Frage erfüllt, ist es, wenn auch kein grosses Verdienst, 
so doch zum mindesten wohl der Mühe wert, vor einem Leserkreise von Erziehern, 
die mit einem in den gleichen Sielen stehen, seine Anschauungen und Erfahrungen 
über den Unterricht schwachbefähigter Schüler, vornehmlich über das unter- 
richtliche Wirken der Hiltsschule in groben Umrissen einmal darzulegen. 

Unsere Hilfsschulen sind — darüber dürfte wohl kaum ein Zweifel mehr 
bestehen — mehr als alle andern Unterrichtsanstalten an erster Stelle Erziehungs- 
anstalten insofern, als sie das ganze seelische Erfassen, Empfinden und Wollen 
der ihnen anvertrauten Zöglinge auf ein höheres Niveau bringen wollen und des- 
halb auch der mehr formalen Bildung schwachsinuniger und schwachbegabter 
Schüler den Vorzug vor der rein materiellen geben, welch’ letztere bekanntlich 
weniger Sache des Unterrichts an und für sich als der einzelnen Unterrichts- 
fächer ist. Wie aber Erziehung ohne Unterricht den Menschen nicht befähigt, 
den seit Darwin so oft genannten Kampf ums Dasein erfolgreich mit andern 
aufzunehmen, ebensowenig wird ein Unterricht ohne Erziehung aus unsern Schülern 
Menschen machen, die im Sturm des Lebens zu bestehen vermögen. Die Er- 
ziehung in der Hilfsschule kaun daher des Unterrichts nicht entraten, wenn auch 
nur in der Weise nicht, dass er ihren besondern Zwecken dient und sich gegen- 
über dem Unterrichte mancher andern Bildungsanstalt ganz in ihren Dienst 
stellt, indem er sich ihr unterordnet. Das erziehliche Wirken der Hilfsschule 
zielt fortwährend auf eine Gewöhnung hin, die dem Schüler in ihrer Gesamtheit 
zur Richtschnur für sein in beschränkten Bahnen sich bewegendes späteres Leben 
werden soll. Erstrebt der Unterricht im allgemeinen wie auch durch die einzelnen 
Disziplinen gleichfalls diese Gewöhnung und hält er sich davon frei, was ınan 
mit dem in der Pädagogik hässlich klingenden Namen „Dressur“ belegt, dann 
hat er für schwachveranlagte Kinder das Richtige getroffen. 

Von der Art des Unterrichtens, von der Kunst also, den schwachen Willen 
so zu fördern, dass dieser den schwachen Geist bestimmt, dem Unterrichte zu 
folgen, hängt zunäclıst alles ab. Interesse für die Sache fehlt diesen Schülern 
meist ganz und gar, eine willkürliche Aufmerksamkeit liegt ihrem ganzen Wesen 
und ibrer Anlage so fern, dass es oft Jabre dauert, bis sie sich einigermaßen zu 
einem solchen Willensakte, der doch unbedingt dazu erforderlich ist, empor- 
zuschwingen imstande sind. Was liegt da nun näher, als dass sich neben der 
eigentlichen Erziehung auch der Unterricht von der ersten Minute an bei jeder 
Gelegenheit nach Kräften bemüht, die unzulängliche Willenskraft zu stärken, 


3 


indem er alles heranzieht, was geeignet ist, die Aufmerksamkeit zu wecken, 
und seien es selbst mechanische Mittel und Übungen, welche einerseits die vielen 
Hilfsschülern eigene Muskelträgheit heben und dadurch zugleich auch grössere 
Beweglichkeit in das Zentralorvan bringen, anderseits die ungewöhnliche Muskel- 
unruhe und damit die unnatürliche Lebhaftigkeit des Geistes zügeln und ihn zu 
innerer Ruhe zwingen. Dass dabei ganz die Tätigkeiten des Sehens und Hörens, 
das Reagieren auf die Sinnesreize in feste Zucht genommen werden müssen, ist 
eine Forderung von so elementarer Wichtigkeit, dass ihre Nichtbeachtung über- 
haupt jede andere Einwirkung unterrichtlicher Art illusorisch machen würde. 
Wie viele schwachbegabte Kinder gibt es nicht, die nicht einmal auf einen 
Punkt, den man ihnen bezeichnet, hinsehen, geschweige denn ihn mit ihren Augen 
so lange fixieren können, wie es der Lehrer will. Und doch ist ohne dieses 
Können ein Anschauen jn des Wortes schönster Bedeutung, eine Sinnestätigkeit, 
aus welcher der schwache Geist auch nur ein wenig Nutzen zieht, einfach unmöglich. 
Ähnlich verbält es sich mit dem Hören; auch da findet nur selten ein sofortiges 
Aufmerksamwerden und dementsprechendes Gebahren bei einem beliebigen 
Geräusche, einem Laute oder Tone statt. Während aber das andauernde Sehen 
nach einer Richturg — nicht zu verwechseln mit einem blossen Hinstieren — 
leicht kontrolliert werden kann, weil das Auge der Spiegel der Seele ist, hat 
diese Beobachtung beim Hören, da das Organ dicser Sinnestätigkeit keine besondere 
Stellung dazu einzunehmen braucht, ihre Schwierigkeiten, zumal auch deshalb, 
weil (las Mienenspiel beim schwachbegabten Kinde zu schwerfällig ist, um die 
Wirkung wiederzuspiegeln, welche das Hören in ihm wachruft, wenn überhaupt 
von einer Wirkung die Rede sein kann. Daraus erbellt zur Genüge, dass solche 
Übungen, die mechanischen Sinnestätigkeiten, nicht nur der höhern Sinne, anzu- 
regen und zu regeln unentbehrlich sind, soll der Schüler, wenn auch für den 
Anfang anscheinend zwanglos, so doch allmählich immer mehr in bestimmter und 
bestimmender Form auf die erste Stufe deœ sofortigen wie auch auf die zweite 
des andauernden Aufmerkens gebracht werden. Dann erst wird sich die 
Förderung der innern Sinnestärigkeiten wirkungsvoll ins Werk setzen lassen, ohne 
welche eine geistige Hebung sich schlechterdings nicht denken lässt. Was beim 
normalen Kinde das lebendige Interesse allein zuwege bringt, dass es nämlich 
anschaut, hört, riecht, befüblt und schmeckt, das bedarf für unsere Schüler erst 
der mannigfachsten Einwirkung durch den Lehrer, ehe sie sich dazu verstehen, 
und darum ist derjenige mit seinem Unterrichte in der Hilfsschule auf dem 
rechten Wege, der einer systematischen Sinnesbildung vom ersten bis zum letzten 
Schultage ununterbrochen sein Augenmerk zuwendet und von diesem Gesichts- 
punkte aus seine unterrichtlichen Mittel anwendet. Wie indes der Lehrer diese 
auf die Zucht der Sinne hinzielenden Übungen anstellt, ist ganz gleichgiltig, 
wenn sie nur zielbewusst durchgearbeitet werden, denn ein schablonenhaftes Ver- 
fahren ist am allerwenigsten in der Hilfsschule am Platze, sie bedarf darum eben 
mehr als jede andere Schule scharf ausgeprägter Lehrerpersönlichkeiten. Je aus- 
gesprochener wir daher bestrebt sind, durch genaue Beachtung der Eigenheiten 
des schwachen Geistes, durch Erhöhung des geringen "Selbstvertrauens, durch 


4 


Belebung des Wetteifers und grosses Lob selbst bei der kleinsten Leistung ein 
teils freies, teils anch erzwungenes Interesse für unsere Person und damit von 
selbst für die Sache hervorzurufen, desto eher und sicherer bequemen sich die 
entweder zu schwerfälligen oder zu flüchtigen innern Sinne der Schüler, das vom 
Lehrer ihnen Vorgestellte in sich aufzunehmen und sie versagen nicht, wenn es 
gilt, das Aufgenommene für unterrichtliche Zwecke nutzbar zu machen, wie es 
die sogenannten Unterscheidungsübungen wollen. Der grosse Wert dieser Tätig- 
keiten ist durchaus nicht zu verkennen, aber das Unterscheiden von Gegen- 
ständen, Formen, Farben, Stoffen, Handlungen und Eigenschaften wird ein über- 
legender Lehrer in geschickter Weise üben, ohne dass er es zum Unterrichts- 
gegenstand macht. Gesondert betrieben sinken derartige Übungen zu einem 
einseitigen Unterrichte herab, dem das belebende Moment, das die Kinder, auch 
die schwachen, so sehr erfreut, die anregende Vielseitigkeit fehlt. Nichts schadet 
aber auch dem Erkennen der Eigentümlichkeiten eines schwachen Geistes so sehr 
wie gerade diese verwerfliche Einseitigkeit, nichts bietet ferner dem schlummernden 
Geiste so wenig Gelegenheit, nach irgend einer Seite hin ein Interesse zu be- 
kunden, nichts so wenig Angriffspunkte wie die Bevorzugung von derartig isoliert 
bleibenden Dingen, die in der Hilfsschule bald selbst dem Schüler als eine blosse 
Spielerei vorkommen. Der Unterricht hat eben nicht nur die Pflicht, die 
schwachen Geister anschauen und unterscheiden zu lehren, sondern dies in 
lebendige Wechselbeziehung mit Ursache und Wirkung zu setzen und sich aus 
dem Grunde stets der erforschenden und verstandesbildenden Fragen „wie, wozu, 
warum“ zu bedienen, nachdem die durch Schulung der Sinne gewonnenen Be- 
griffe zur grössten Klarheit gebracht worden sind. Wo dem schwachbegabten 
Kinde diese Begriffe, vornehmlich die neuen, mit den vorhandenen nicht durch 
die Sorgfalt des Lehrers so fest verknüpft werden, dass sie schier nicht mehr 
entweichen können, da stebt zu erwarten, dass die Sinneseindrücke wie auch die 
Belehrungen „wie gewonnen so zerrommen“ sind, denn das Erinnerungsvermögen 
fehlt manchen unserer Schüler durchaus. Wofern daher nicht auch der auf die 
Sinne ausgeübte Eindruck sich nicht gleichsam greifbar gestaltet, bleibt bei ihnen 
so gut wie gar nichts haften. Es ist also begreiflich, wenn wir inanbetracht 
dieser Tatsache verlangen, dass die Einwirkung auf die Sinne intensiv, ja sogar 
manchmal von übertrieben starkem Reize sein muss. Eine schreiende Farbe, 
eine scharf ausgeprägte, wenn auch unschöne Form, ein von erläuternden, charak- 
teristischen Zeichen begleitetes Wort legen erst den dadurch veranschaulichten 
Begriff so fest, dass die Kinder sich seiner zu gegebener Zeit erinnern. Zu diesen 
Dingen gehört vor allem auch das ganz langsame Sprechen, nicht bloss der 
Wörter im Satze, sondern auch des einzelnen Wortes von seiten des Lehrers, 
da schon allein deren Auffassen ihnen Mühe macht. Gesellen sich zu einer 
solchen Vorführung der Begriffe die zweckentsprechende Übung des Gedächtnisses, 
wiederum unter Anwendung der verschiedensten Gedächtnisstützen, mögen sie 
dem Laien noch so sonderbar erscheinen, ferner eine auf die besondern Schwächen 
grosse Rücksicht nehmende Anleitung zum Memorieren von den einfachsten 
Anfängen an und endlich eine von Zeit zu Zeit regelmässig wiederkehrende 


5 


Wiederholung der gewonnenen Begriffe, so bildet sich allgemach ein Grundstock 
im Geiste, auf welchen richtige Urteile und Schlüsse aufgebaut werden können. 
Wohl ist das eigentliche abstrakte Denken für viele Schwachbefähigte etwas so 
Ungeheuerliches, dass sie dabei oft sogar ganz versagen, wenn ihnen nicht tausend- 
fach der Weg geebnet und geholfen wird. Gerade an der Geduld und an der 
Findigkeit des Lehrers, Schlüsse aus den geistig schwachen Schülern heraus- 
zulocken, erkennt man den echten Lehrer für diese Kinder. Es mag verpönt 
sein, normal veranlagten Schülern bei dem Denkprozesse auf halbem Wege 
entgegenzukommen, bei Kindern der Hilfsschule erweist es sich als eine unbedingte 
Notwendigkeit, sollen sie überhaupt gefördert werden und nicht, da sie der 
Sache nicht nur kein Interesse entgegenbringen, sondern ibr vielmehr passiven 
Widerstand entgegensetzen, in ihre geistige Öde und Leere zurücksinken. Das 
Endziel unseres Unterrichtes liegt in der Erreichung selbständigen Denkens der 
Schüler in einem ganz bescheidenen Gedankenkreise. Sie sollen allein, 
ohne irgend einen Anstoss durch den Lehrer darin jederzeit selbsttätig sein 
können, wann es von ihnen gefordert wird und zwar sofort nach gegebener Auf- 
forderung. Wer jemals Schwachbegabte unterrichtet hat, der weiss auch nur zu 
gut, dass ihr Geist fast unbeweglich ist, und von selbst niemals vorwärts drängt, 
dass er immer und immer wieder aus dem Zustande — sagen wir — des Still- 
stehens aufgerüttelt werden muss. Sie lassen sich treiben, aber ihr Geist treibt 
selbst nicht. Die Erziehung zu einem ruhigen Vorwärtsstreben im Denk- 
prozess spielt darum bei ihrem Unterrichte eine grosse Rolle sowohl was das 
Beginnen als auch was das Fortfahren und Vollenden betrifft. Noch 
schwieriger gestaltet sich die Assimilierung des neuen Stoffes mit dem schon 
im Geiste haftenden. Urteile und Schlüsse müssen daher besonders durch die 
Anwendung in einem fortlaufenden Gedankengange mit dem übrigen Geistesinhalt 
verkittet werden. Was in dieser Beziehung lose nebeneinander steht in ihrem 
Geiste, das zieht sich niemals an; was normale Schüler mit der grössten Leichtig- 
keit selbst finden, das liegt schwachbegabten Kindern zumeist unendlich fern 
und eine selbständige Ideenassoziation sucht man bei ihnen vergebens. Da heisst 
es denn für den Lehrer, Fuss beim Mal und die Schüler bei der Stange halten, 
also an sich und ihnen strenge geistige Zucht üben, denn nur zu leicht weichen 
die letztern einer gestellten Frage oder einem gegebenen unterrichtlichen Befehle 
aus und gehen, unbekümmert um den Ausgang ihres Denkprozesses, ihren eigenen 
Gedaukengang weiter, ohne sich an die Aufforderung des Lehrers zu stören. 
Sei es nun, dass sie diese gänzlich überhören, sei es, dass sie sich von ihren Vor- 
stellungen nicht los machen können, dieses eigentümliche Vorangehen ist 
eine Hauptschwäche, aber durchaus kein Ausfluss bösen Willens. Sie tun es 
selbst manchmal noch anders, wenn ihnen auch das Richtige gesagt oder gezeigt 
worden ist. Darum achte der Lehrer darauf und zwar mit unentwegter Kon- 
sequenz, dass sie nicht gedankenlos ihre Denkarbeit beginnen, sondern ihm 
folgend, ihren Geist tatsächlich anstrengen. Erst wenn durch eine lange Führung 
die Geistestätigkeit sich in geordneten Bahnen bewegt, dann entwöhne er sie nach 
und nach des geistigen Gängelbandes, das er trotzdem noch immer, nur ein 


6 


bisschen lockerer, in der Hand hält, um im Augenblicke, wo es not tut, fest 
zugreifen zu können, damit sie nicht straucheln oder einen verkehrten Weg 
einschlagen. So gelangt auch ein schwacher Geist endlich dazu, die Wahrheit 
und damit auch innere Befriedigung über die getane Arbeit zu finden. Teils 
um dieser Ausdruck zu geben, teils aber auch um das selbsttätig Errungene 
nicht im Augenblicke wieder zu verlieren, können sie nicht an sich halten und 
sprechen vielfach das Ergebnis im Flüsterton oder auch laut für sich und 
machen auf diese Weise einen Strich durch die Arbeit der Langsamern; da diese 
auf so leichte Weise sich mit fremden Federn schmücken können, fällt es ihnen 
nicht mehr ein, noch weiter ihren Geist anzustrengen und selbsttätig zu sein. 
Beim Unterrichte dürfen sie deshalb keine Sekunde sicher vor dem Aufruf sein, 
denn sie tun unbedingt nur insoweit mit, als sie dessen gewärtig sind. Das 
Lesen, Rechnen und Aufsagen nach der Reihe sei streng aus der Hilfsschule 
verbannt. Abschreiber und Vorsager müssen strenge isoliert werden. 

Ist schon an und für sich eine besondere Aneiferung und Übung der 
Sinnestätigkeiten von nöten, um die Schüler zum Aufnehmen der für die Geistes- 
bildung in Betracht kommenden Dinge zu bringen, so stellt der schwache Geist 
auch an den eigentlichen Unterricht die stete Forderung, so anschaulich wie 
nur möglich zu sein und der geringen oft ganz fehlenden Vorstellungskraft 
wirksam zu Hilfe zu kommen, nicht bloss dadurch, dass man ihnen diesen oder 
jenen Gegenstand in natura oder im Bilde vorbält, als vielmehr dadurch, dass 
der Lehrer — wie schon erwähnt — im Unterrichte mit seiner drastischen 
Ausdrucksweise, mit seinen begleitenden Mienen und Gebärden, mit allerlei 
Kuiffen sich an den Geist heranarbeitet, damit dieser zur Vorstellung und zum 
Deuken gelangt. Diese Art der Veranschaulichung erlernt sich nicht aus gelehrten 
dickleibigen Büchern; sie stellen sich dem methodisch durchgebildeten denkenden 
Lehrer, der in der Not, an den Geist der Schüler herauzukommen, nach dem 
Strohhalm greift, nach und nach in der Praxis von selbst ein. Sie wirken 
ungleich sicherer als langatmige Erklärungen, bei denen man schon nach einigen 
Worten inne wird, dass man über die Köpfe hinwegredet, dass also die Be- 
lehrungen im Geiste des Kindes gar nicht anklingen und darum spurlos an ihm 
vorübergehen. 

Stets und ständig angewandte Zeichen werden auf die Dauer zu den 
besten Gedächtnis- und Erinnerungsstützen und ersparen dem Lehrer manches 
Wort. Sie sind indes viel zu sehr an die Persönlichkeit des Lehrers, die bei 
unsern Zöglingen erst recht die Garantie fürs Gelingen bietet, gebunden, als dass 
sie nun auch verallgemeinert angegeben werden könnten. Mit einer nach gesunden 
Lehrgrundsätzen aufgebauten Methode bilden sie ein unzertrennbares Ganze, das 
gleichsam einen faszinierenden Einfluss auf den Schüler ausübt und ihm das 
so unentbehrliche Interesse abzuringen weiss. Wer daher dem Lehrer Schbwach- 
begabter eine bestimmte Methode vorschreiben wollte, der würde der Persönlichkeit 
Fesseln anlegen, die den Geist der Schüler jedoch nicht zu fesseln vermögen. 
Doch gibt es auch für den Hilfsschullehrer Regeln, deren er beim Unterricht 
nicht entbehren kann, Grundsätze, welche die Erfahrung zu unumstösslichen 


7 





Gesetzen erhoben hat, und die, von allem Spintisieren frei, ihm den Dienst an 
geistig geschwächten Kindern erleichtern. 

Dazu gehört vor allem neben dem Prinzip der Anschaulichkeit die An- 
wendung der synthetischen Lehrform. Von den allereinfachsten Elementen 
ausgehend, muss sie so lange bei ihnen verweilen, bis diese sich unverlierbar 
dem Geiste eingeprägt haben, um so einen Anhaltspunkt für das Neue dem 
Schüler zu geben. Wie der schwache Geist kaum eine Neigung verspürt, äussere 
Eindrücke aus sich selbst in freier Tätigkeit zu analysieren, sie dem Inhalte 
seines Wissens anzugliedern, weil erstens zu wenig in ihm vorhanden ist, woran 
sie sich anschliessen könnten und weil zweitens die Geisteskraft nicht hinreicht, 
sie zu zergliedern, so ist auch der Ausgang von einem Ganzen zu seinen Be- 
standteilen und der erst daran sich anschliessende Aufbau in der Hilfsschule 
vom Übel. Bei geistig gesunden Kindern lässt sich analytisch- synthetisch zu 
Werke gehen, obgleich auch bei diesen in dem Punkte viel und schwer gesündigt 
wird; bei geistesschwachen Schülern geht es durchaus nicht. Alles Neue bereitet 
ihnen grosse, oft unübersteigbare Hindernisse. Findet es nun noch dazu im 
Geistesinhalt keine Anknüpfungspunkte, so ist alle Mühe vergeblich. Wie also 
der Anfang der Geistesbildung bei unsern Schülern auf dem langen Verweilen 
bei den Elementen beruht, so ist die weitere Förderung mit dem äusserst 
langsamen, streng synthetischen Aufbau unzertrennlich verbunden. Nur 
dieser allein schliesst in allen Fällen lückenlos an das Vorhandene an, da nur 
er es dem Lehrer ermöglicht, sichere Kenntnis zu erlangen von dem verarbeiteten, 
und darum vorbandenen Geistesinhalte, mit dem er bei der Durchnahme des 
durchzuarbeitenden Pensums zu rechnen hat, und auf den er dann auch sich 
bestimmt verlassen kann. So wird er gewiss nicht ins Blaue arbeiten oder bei 
einem neuen Stoffe vor oder während der Behandlung Sachen festzulegen ge- 
zwungen sein, die zum Verständnis notwendig, aber nicht da sind. Ein synthetisch 
verfahrender Lehrer kennt diese sich einstellenden Schwierigkeiten schon vorher 
ganz genau, er weiss ferner, da er auf keine Möglichkeiten, sondern auf Tatsachen 
das Geistesgebäude errichtet, in welcher Reihenfolge und wie sie zu überwinden 
sind. Man rede mir ja nicht davon, dass ein streng synthetischer Unterricht 
die Individualität nicht berücksichtige. Es ist gewiss schön und gut, dem 
Individuum Sorge zu tragen, desbalb aber jede Frage und jede Belehrung auf die 
Individualität zuzustutzen und in der Angst, nicht individuell genug verfahren 
zu können, die Gesamtheit ausser acht zu lassen, ist unseres Erachtens ein 
grosser Fehler. Der Unterricht in der Hilfsschüule soll sich dem Ganzen — das 
Ganze allerdings als ein schwachgeistiges betrachtet — anpassen und dem 
einzelnen nur insoweit Rücksicht angedeihen lassen, als er vom Schüler nicht 
verstanden wird. Die Individualität in Ebren, aber geistige Zucht kommt bei 
dem Individualisieren nach ersterer Art viel zu kurz. Dass der Unterricht sich 
nicht nach SchemaF abspielen, sondern ausgeprägte Fertigkeiten und Eigen- 
tümlichkeiten des Individuums zur Förderung anderer weniger begabten Seiten 
seines Geistes oder Charakters in jeder Weise ausnutzen soll, versteht sich ganz 
von selbst. Nicht minder aber müsste in jeder Hilfsschule der Satz Geltung 


8 


erlangen, dass um einer wirksamen geistigen Zucht, eines edlen Wetteifers willen, 
alle Individuen gezwungen werden, so gut es eben geht, ihr Denken dem ver- 
ständigen Uhnterrichte anzupassen. 

Vieles wirde auch bezüglich der Verknüpfung des Neuen mit dem im Geiste 
Vorhandenen besser werden, wenn die Stoffauswahl für unsere Hilfsschulen, 
auch die nach dem synthetischen Prinzip aufgestellte allerseits noch sorgfältiger 
als bisher wäre, wenn sie nicht bloss, wie es noch mehrfach vorkommt, den für 
geistig gesunde Kinder der vier untern Schuljahre aufnähme und damit abbräche 
in der Meinung, das sei nun für Hilfsschüler das Richtige. Wohl zeigt sich 
bei uns unfehlbarer denn anderswo in der Beschränkung der Meister, aber es 
muss unbedingt hinzugesetzt werden, in der vernünftigen, dem schwachen Geiste 
angepassten Beschränkung inbetreff der Qualität und Quantität, sowie der 
praktischen Verwendung und abschliessenden Bildung. Aller Lernstoff, der be- 
züglich seines Inhbaltes und seiner Form von dem schwachen Geiste nicht erfasst 
und behalten werden kann, darf ihm von voruherein nicht vorgesetzt werden. 
Darnach sind die Realien als solche ganz auszuschliessen und nur als heimat- 
kundlicher Anschauungsunterricht zu behandeln. Die Sprachlehre verbindet sich 
in einfachster Weise mit dem Anschauungs- und Leseunterrichte. Der Lesestoff 
tritt in Form einfacher und ganz leichter zusammengesetzter Sätze auf, in der 
letzten Art deshalb, damit die Schüler die Verhältnisse, in welchen die Haupt- 
und Nebensätze zueinander stehen, kennen lernen und dadurch zu einem tiefern 
Denken angeleitet werden. Das abschliessende Lesebuch soll etwas inhaltvollern, 
dem praktischen Leben entnommenen Stoff besitzen, allerdings in einfachen 
Ausdrücken und Satzwendungen, als die Lesebücher für die Mittelklassen normaler 
Volksschulen, da die Hilfsschüler es in einem spätern Alter benutzen als die 
Volksschüler der Mittelstufe und daher manche Stücke eines solchen Lesebuches 
zu kindlich und albern gehalten sind, als. dass sie für das Alter, in welchem 
unsere Schüler sie lesen müssen, — das Leben hat diese unbewusst auch ge- 
fördert — noch von Nutzen sein könnten. Im Aufsatzunterricht koınmen leichte 
Erzählungen, besonders auch in Briefform, und kleine Beschreibungen in ein- 
fachsten Sätzen zur Behandlung. Der Religionsunterricht scheidet in der 
biblischen Geschichte alle Lektionen rein belehrender Natur, wie die Prophe- 
zeiungen und die Gleichnisse, im Katechismus die langen Erklärungen aus; 
Kirchenlieder und Sprüche sind in geringer Zahl mit leichter Form und einem 
den Hilfsschülern verständlichen Inhalt auszuwählen. Der Rechenunterricht be- 
schränkt sich im grossen und ganzen bezüglich der Operationen auf den Zablen- 
kreis bis 1000, was jedoch nicht ausschliesst, dass die Rechnungen mit mehr- 
sortigen Zahlen, die dezimale Schreibweise, der Dreisatz in seinen Schlüssen von 
der Eins auf die Mehrheit oder eine grössere Einheit, von einer Mehrheit oder grössern 
Einheit auf die Eius oder durch die Eins auf eine andere Mehrheit, die bürgerlichen 
Rechnungsarten in diesem Zahlenraume mit Verhältnissen, wie sie das Leben gerade 
unserer Zöglinge erbeischt, durchgenommen werden. Die Raumlehre ist anschau- 
licher Formenunterricht, sie steht mit dem Zeichenunterrichte in engster Verbindung 
und entwickelt Berechnungen, die sich aus der unmittelbaren Anschauung ergeben. 


9 


So gesichtet, zielt die ganze Stoffauswahl dahin, dem Schüler an Bildung 
materiell das zu geben, was ihm in seiner demnächstigen, zumeist schlichten 
Lebensführung vonnöten ist, ihn aber auch durch diesen Stoff forınal so zu bilden, 
dass sein geistiger Standpunkt am Ende seiner Schulzeit einen Abschluss durch 
eine gewisse Abrundung gefunden hat. Keineswegs erreicht man dieses Ziel 
allein durch eine noch so sorgfältige Stoffauswahl nach den angegebenen Gesichts- 
punkten, der Unterricht selbst muss mit dafür sorgen, indem das eine sich auf 
das andere bezieht, ein bestimmter Fall aus diesern Fache zur Veranschaulichung 
und Erklärung einer Sache aus jener Disziplin benutzt wird. Die geringe Menge 
des Stoffes gestattet es dem Lehrer, tiefer in das Begriffliche hineinzu- 
dringen, an einer Sache vieles zu behandeln und gründlich festzulegen. Die 
Ubung ist für unsere Hilfsschüler um so fruchtbringender, je mehr sie sich 
gleichbleibt. Was andere Schüler auf die verschiedenste Weise sich geistig 
erringen können, das sollen unsere Schüler auf eine einzige Art, die sie sich 
später immer wieder aus sich selbst vergegenwärtigen können, finden. Der 
Lehrer wird in der Hilfsschule die schönsten und sichersten Erfolre aufzuweisen 
baben, der seinen Schülern zeigt, nicht wie sie leichter, sondern wie sie in allen 
Fällen sicher zum Ziele gelangen. Darum überall ein Normalverfahren, dieses 
aber gründlich und fix, keine Vorteile, und wenn sie noch so gross sein sollten, 
benutzen lassen, weil der schwache Geist dadurch aus einer bekannten Bahn 
gedrängt wird, sich verwirrt und auf Irrwege gerät. 

Niemand quäle unsere Schüler mit unverdautem Memorierstoff, vielleicht 
noch mehr als geistig gesunde, da er jenen nichts anders als hindernder Ballast 
ist. Bei normal veranlagten Kindern, die hin und wieder etwas Unverstandenes 
auswendig gelernt haben, mag dies so schlimm nicht sein, da ein reger Geist 
später selbständig darüber nachdenkt und nicht ruht, bis er es verstanden hat. 
Einen solchen Drang nach Wahrheit besitzen die Schwachbegabten nicht, eben- 
sowenig wie das vorhin erwähnte Vorwärts im Denkprozes. Warum sie also 
zwingen, sich unnötig furchtbar anzustrengen für nichts und wieder nichts, anstatt 
die kostbare Zeit auf viel wichtigere Dinge zu verwenden! Vor allem sei die Hilfs- 
schule, was den Geist betrifft, eine verstandesbildende, nicht bloss gedächtnisstärkende 
Anstalt. Was unsern Schülern als Fundament für ihr weiteres Denken und als 
geistiges Eigentum mitins Leben gegeben wird, das muss in sich und durch sich selbst 
bleibenden Wert baben und soll auch nicht im geringsten dazu dienen, Revisoren 
und andern Besuchern unserer Schulen Sand in die Augen zu streuen und sie, 
die sich doch, zumal in einer vielleicht zu kurz bemessenen Zeit, nicht ohne 
weiteres ein richtiges Urteil über den wirklichen Standpunkt der Schüler bilden 
können, über den wahren Erfolg hinwegzutäuschen. Zwar ist dies ein hartes 
Wort, aber wer heilen will, der muss auch mitunter das scharfe Messer an eine 
Wunde legen, und eine Wunde, eine Kinderkrankheit, ist dieser Punkt in dem 


Werdegang der Hilfsschule gewesen. (Schluss in nächster Nr.). 


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Zum Bericht über die Stettiner Konferenz. 
Eine Antwort an Herrn Dr. R. Hopf- Potsdam. 
Von Franz Frenzel-Stolp i. Pom. 

Mein Bericht über die Stettiner Konferenz ist durchweg kritisch gehalten; 
selbstverständlich musste ich auch auf den von Herrn Direktor Schwenk-Idstein 
bekämpiten Artikel des Herrn Dr. Hopf-Potsdam zurückkommen. Ich hatte 
den Aufsatz bereits am 9. Juli 1904 (bei seinem Erscheinen) mit einigem 
Bedenken gelesen, wollte ihn aber vorläufig keiner Kritik unterziehen, da mich 
im allgemeinen solch vornehmes wissenschaftliches Arbeiten nichts weiter 
angehen konnte. Bei der Stettiner Konferenz vernahm ich dann die Kritik 
des Herrn Direktor Schwenk-Idstein — die, nebenbei gesagt, vielleicht 
auch etwas anders gelautet haben ınag, wie ich sie wiedergegeben babe — da 
wollte ich diese Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, nun auch nach meinem „un- 
wissenschaftlichen Usus“ etwas über den strittigen Artikel, der natürlich noch- 
mals eingehend von mir gelesen wurde, zu bemerken. Namentlich waren es 
zwei Stellen des Aufsatzes, die mir als Heilpädagogen und früheren Idioten- 
anstaltslehrer besonders imponierten und besonders zu bedenken gaben, weil sie 
eine selten vornehme Weisheit und Wissenschaft predigen. Man lese und erwäge, 
was Herr Dr. Hopf, der 4 Jahre als Anstaltsarzt tätig ist und sich durch 
einen ganzen Wust von Jahresberichten hindurch gearbeitet hat, schreibt: 


l. „Die Therapie muss da einsetzen, von wo die erste Erregung zum Gehirn 
geht, in den Sinnesorganen. Schon Brandes sagt, dass Gymnastik der Sinnesorgane 
und Erregung der Muskulatur die erste Stufe des Idiotenunterrichts sein müssen. 
Auf dieser ersten Stufe nun muss aufgebaut werden und ihm parallel laufe eine 
verständige Dressur des Gehirns ohne Paukerei und 7—1Ostündigen Religions- 
unterricht*) denn wie Erlenmeyer unter anderm so richtig sagt: Was können 
aber diese unglücklichen Wesen mit all ihrer Weisheit leisten, was nützt es ihnen, 
dass sie wissen, wer das israelitische Volk durch die Wüste geführt hat etc. etc. 
sie fallen nach ihrer Entlassung ebenso gut wieder der Familie resp. der Gemeinde 
zur Last.“ 

„Es trete also der Arzt ein, um dies zu vermeiden,**) und suche dadurch, 
dass er bestrebt ist, dem Kinde geordnete Muskel- und Bewegungsempfindungen 
zu vermitteln und die Sinnesorgane zu stärken, dem kranken Gehirn eine richtige 
Vorstellung von der Aussenwelt zu bieten.* 

2. „Gerade bei dieser Art von schwachsinnigen Kindern (die an deutlichen 
Verstimmungs- und Aufregungszuständen leiden), bei denen Pädagog und Theolog 
versagt haben,***) tritt so richtig der Wert des Arbeitsunterrichts als thera- 
peutisches ärztliches Mittel an den Tag und zeigt, wer in der Brauchbarmachung 
eines kranken Gehirns vor allem mitzureden hat.“ 


Die anderen Stellen des Aufsatzes, insbesondere diejenigen, welche sich über den 
Wert, die Aufgabe, die systematische Anordnung etc. des Werkunterrichts ver- 
breiten, sind ganz allgemein gefasst und meist so gehalten, dass darin wieder- 





*) **) **®) Diese Sperrungen sind von mir veranlasst. Frenzel. 


11 


holt wird, was in unserer Fachliteratur schon genügend erörtert ist. Doch mag 
zur besseren Iilustration noch ein Beispiel, das ich ganz beliebig herausgreifen 
will, hier folgen. Herr Dr. Hopf schreibt auf Seite 135 seines Aufsatzes wörtlich: 

„Neben diesen wertvollen Einflüssen auf Geist und Gemüt ist schliesslich auch 
der Nutzen des Werkunterrichts für die allgemeine Bildung nicht zu unterschätzen, 
beim Bearbeiten des Tons wird besprochen, was derselbe ist, woher er kommt; 
das Messen der Papierstreifen führt zur Erörterung der Maße, das Holz unter dem 
Messer wird auf seine Abstammung untersucht und noch mehr. Dass Kenntnisse, 
die auf diese Weise erworben, besser sitzen als tote Begriffe, bedarf keines 
Beweises, verbindet sich doch mit dem Begriffe, z. B. des Maßes, dann eine 
Erinnerung an die Tätigkeit, oder besser gesagt, an gehabte Muskel- und Bewegungs- 
empfindungen. Für die Schwachsinnigen nun, die mit Erfolg den Werkunterricht 
besucht haben, wäre für die Zukunft zu fordern, dass sich als Schluss der Aus- 
bildung ein Fortbildungsunterricht anschliesse, der sich mit Zeichnen, aber auch 
mit abstrakteren Dingen beschäftigen könne, und der jetzt sicher mehr Erfolg 
haben wird, da man ja mit einer sicheren Grundlage rechnen kann“ etc. etc. 

Zu 1. Ich möchte Herrn Dr. Hopf nur fragen, in welcher Anstalt er 
7—10 stündigen Religionsunterricht jetzt noch gefunden hat? — Die Gewährs- 
männer, auf welche er sich hierbei zu berufen scheint, sollen Dr. Brandes (186?) 
und Erlenmeyer (1854) sein. Ja, wenn Herr Dr. Hopf solche Autoritäten 
heranziel:t, dann dürfte allerdings meine auf Erfahrung und Kenntnis der ein- 
schlägigen Verhältnisse beruhende Kritik vollständig unwissenschaftlich und 
unvorsichtig erscheinen. — Zudem möchte ich aber doch bemerken, dass ich meine 
Weisheit nicht nur aus Jahresberichten schöpte, sondern meine Kenntnisse aus 
der Erfahrung und Praxis heraus gewinne. Nahezu 15 Jahre stehe ich im Dienste 
der Heilpädagogik, beschä'tige mich eingehend mit der Literatur dieses Gebiets, 
bin Mitarbeiter an in- und ausländischen Fachzeitschriften und wurde sogar für 
meine Arbeiten auf der Weltausstellung zu St. Louis mit dem grossen Preise 
ausgezeichnet. 

Zu 2. Wie will Heır Dr. Hopf uns beweisen, dass unsere Maßnahmen 
bei dieser Art von schwachsinnigen Kindern versagt haben? Welche Anstalten 
bezw. Schulen für geistesschwache Kinder hat er nach dieser Seite hin kennen 
gelernt, um eine derartige Behauptung aufwerfen zu können ? 

Was Heır Dr. Hopf sonst noch Anerkennenswertes in seinem Aufsatze über 
die Leitung der Anstalten für Geistesschwache geleistet hat, geht mich nichts 
an, ebenso wenig kann mich seine Entgegnung beirren, wenn er darin hervorhebt, 
dass sein Artikel gegen gewisse Pädagogen und in noch höherem Maße 
gegen Theologen gerichtet war. Es lag mir auch in der Tat vollständig 
fern, mit meinen kritischen Bemerkungen irgendwelche Beleidigungen aussprechen 
zu wollen; ich glaubte im Interesse einer guten Sache so berichten zu müssen 
und will zwecks Vermeidung unnützer Weiterungen es ein für allemal auf 
sich beruhen lassen, ob ich in diesem Falle mit Recht oder Unrecht von einer 
gewissen prätentiösen Unwissenheit und Unvorsichtigkeit sprach. 


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Mitteilungen. 


Berlin. (Schwachbefähigte Schüler). Nachzügler gibt es überall, nicht 
nur in den Gemeinde- oder Volksschulen, sondern auch in den höheren Lehr- 
anstalten. Wie gross in letzteren die Zahl der zurückgebliebenen Schüler ist, 
zeigt eine im Berliner Statistischen Jahrbuch mitgeteilte Zusammenstellung über 
die städtischen Anstalten. Da findet man in beinahe allen Klassen von der unter- 
sten Vorschulklasse bis hinauf zur Oberprima nicht bloss dritte Semester, sondern 
vielfach auch vierte und vereinzelt sogar fünfte. Im Schuljahr 1903/04 wurden 
nach Eröffnung des Winterhalbjahres an den städtischen Gymnasien, Realgymnasien 
und Oberrealschulen nebst Vorschulen 1182 Schüler dritten Semesters, 270 vierten 
Semesters und 12 fünften Semesters gezählt, ungerechnet diejenigen Schüler dritten, 
vierten und fünften Semesters, die in ungeteilter Prima sassen. 


Bremen. (5. Verbandstag der Hilfsschulen Deutschlands). Kommende 
Ostern und zwar am 25. und 26. April wird hier der 5. Verbandstag der Hilfs- 
schulen Deutschlands abgehalten werden. Nach vorläufiger Festsetzung wird am 
25. April abends Hilfsschulleiter F. Frenzel-Stolp über die schriftlichen 
Arbeiten in der Hilfsschule sprechen. Für den folgenden Tag sind folgende 
Vorträge angemeldet worden: a) Über moralische Anästhenie und deren 
Diagnose im Kindesalter, Ref. Dir. Dr. Scholz-Bremen. b) Die Berück- 
sichtigung der Schwachsinnigen im Strafrecht des Deutschen Reiches, 
Ref. Oberamtsrichter Nolte- Braunschweig. c) Über den gegenwärtigen 
Standpunkt der Fürsorge für die aus den Hilfsschulen entlassenen 
Kinder in unterrichtlicher und praktischer Beziehung, Ref. Hauptlehrer 
Schenk-Breslau. 


Dalldorf. (Auszeichnung). Auf der Weltausstellung zu St. Louis 
erhielt die städtische Idiotenanstalt zu Dalldorf den „grossen Preis“. 
Ausgestellt waren insbesondere die von Direktor H. Piper herausgegebenen 
„Zahlenbilder“, „Formentafeln“, „Nähapparate*, „Sprachbilder*, „Abnormitäten von 
Kieferbildungen*, „Sprachmuster*. Ausserdem aber waren mit ausgestellt Modellier 
arbeiten der Knaben und Handarbeiten der Mädchen, wie auch Schreib- und Zeichen- 
hefte der Zöglinge der städtischen Idiotenanstalt. — 


Dalldorf. (Stiftungsfest). Die Anstalt feiert alljährlich 4 grosse Feste: 
das Weihnachtsfest, die Konfirmation von Zöglingen, das Erntedankfest und den 
Tag ihrer Entstebung. Den letztgenannten Tag beging die Anstalt unter grosser 
Teilnahme am 18. November. Herr Erziehungsinspektor Piper begrüsste zunächst 
die erschienenen Gäste, unter denen sich der Geh. Medizinalrat Dr. Sander, Schul- 
inspektor Dr. v. Gizykie, mehrere Stadtverordnete, Vertreter der Armendirektion, 
Lehrer und Lehrerinnen von Nebenklassen, Kursisten des Herrn Inspektor Piper, 
Handarbeitsinspizientin Frl. Brenske aus Berlin u. a. befanden. In seiner An- 
sprache gedachte er zuerst des kürzlich verstorbenen Stadtschulrates Bertram. 
Mit warmen Worten pries er ihn als denjenigen, der der Anstalt das Haus gebaut, 
ihre innere und äussere Organisation begründet und der vor allem die rechte Ein- 
sicht von der überaus schweren Arbeit derselben gehabt habe Von ihm gelte 


13 


das Wort des Propheten, das auch an seinem noch frischen Grabe gesprochen 
worden sei: er hat unser Volk lieb, denn er bat ihm eine Schule gebaut. Dann 
gedachte der Redner aller derer, welche die Anstalt pekuniär gefördert haben, um 
dann auf die Hauptsache zu kommen, die Leistungen der Zöglinge und auch die 
Statistik nicht zu vergessen. Seit Bestehen der Anstalt wurden 1751 Zöglinge 
aufgenommen und der gegenwärtige Bestand an Zöglingen beträgt 172 (122 Kn. 
und 50 M.). Unterrichtet wurden im letzten Jahre in der I. Klasse 32 Zöglinge 
in wöchentlich 32 Stunden, in den II. Klassen 30 Zöglinge in 28 Stunden, in den 
II. Klassen 17 Zöglinge in 24 Stunden, in den IV. Klassen 47 Zöglinge in 
22 Stunden, in den V. Klassen 43 Zöglinge in 20 Stunden, in den VI. Klassen 
26 Zöglinge in 12 Stunden. Den Konfirmandenunterricht besuchten in der 1. Ab- 
teilung 13 Knaben und 2 Mädchen und in der 2. Abteilung 8 Knaben und 2 Müd- 
chen. Die Zöglinge der 1. Abteilung wurden am 25. März in Anwesenheit ihrer 
Eltern, Verwandten, Lehrer und Lehrerinnen konfirmiert Wie früher, so hatten 
auch dieses Mal die Teilnehmer Gelegenheit, die Arbeiten der Zöglinge zu besich- 
tigen und letztere selbst bei den Arbeiten zu beobachten. Sie gewannen dabei 
wiederholt die Überzeugung, dass die Anstalt vorzüglich geleitet und in ihr in 
Treue gearbeitet wird. 


Leipzig. (Direktoriat). Ende vorigen Jahres trat der um die Hilfsschule 
hochverdiente Leiter derselben, Herr Direktor Karl Richter, in den Ruhestand. 
Da derselbe zugleich die Direktion über die lII. Bürgerschule inne hatte, so 
handelte es sich bei dieser Gelegenheit darum, ob der Hilfsschule, die zwar in den 
Räumen jener mit untergebracht ist, jedoch schon seither einen gesonderten, ziem- 
lich umfänglichen Organismus bildete, noch das letzte Siegel ihrer Selbständigkeit 
durch Verleihung eines eigenen Direktoriats aufgedrückt werden solle oder nicht. 
Die städtischen Behörden haben nun in bejahendem Sinne beschlossen. Es erhielt 
die hiesige Hilfsschule am 1. Januar 1905 einen besonderen Direktor. Als solcher 
wurde Herr Rudolf Böttger, der seit 1883 an dieser Schule als Lehrer wirkt, 
ernannt. H. Müller. 


Leipzig. (Fortbildungskursus). Die entlassenen Zöglinge der hiesigen 
Hilfsschule waren seither von dem Besuche der allgemeinen Fortbildungsschule 
innerhalb des Stadtgebietes auf Ratsbeschluss befreit. Man wollte sie nicht mit den 
geistig normalen Schülern zusammentun, weil sie da doch nur dem Spotte der Mit- 
schüler ausgesetzt seien und auch mit ihnen in ihren schwachen Leistungen nicht 
Schritt zu halten vermöchten. Die Erfahrungen im Laufe der Zeit haben jedoch 
zu dem Wunsche nach Einführung eines besonderen Fortbildungskurses für die 
Hilfsschüler geführt, und so beschloss denn die hiesige Schulbehörde auf eine 
Eingabe des Herrn Direktor Richter, von Ostern 1905 an einen solchen einzu- 
richten. Zu dem Besuche desselben werden alle die zu Ostern die Schule verlassenden 
Knaben der städtischen Hilfsschule und der Hilfsklassen in den Vororten heran- 
gezogen mit Ausnahme der wenigen, bei denen man sich infolge ihres gar zu tiefen 
Geistesstandpunktes einen Erfolg von dieser Einrichtung von vornherein nicht 
verspricht. Der Kursus ist ein zweijähriger, und es fügt sich sonach Ostern 1906 


14 


der ersteren noch eine zweite Klasse an. Der Unterricht wird Sonntags von 
ı/,11—1/,1 Uhr abgehalten werden. H. Müller. 

Leipzig. (Auszeichnung). „Auf der Weltausstellung zu St. Louis sind 
dem Leipziger Schulwesen zwei hohe Auszeichnungen zuerkannt worden. Die 
höchste verleihbare Auszeichnung, der sogenannte „Grosse Preis“, wurde der städti- 
schen Hilfsschule für Schwachbefähigte am Johannisplatze zu teil, deren Leiter, 
Herr Direktor K. Richter, Ende dieses Jahres in den Ruhestand tritt und in 
diesem auf seine Schule gefallenen Preise eine ihn ehrende und wohlverdiente 
Anerkennung erntet“ .... (Leipziger Tageblatt vom 17. Dez, Morgenausgabe). 
Im Jahre 1903 beteiligte sich die hiesige Hilfsschule auf der Deutschen Städte- 
ausstellung zu Dresden. Der beschränkten Raumverhältnisse halber war es nur 
möglich, sich mit bildlichen und graphischen Vorführungen und mit Drucksachen 
zu begnügen. Von letzteren waren ausgelegt die beiden Teile des Lesebuchs für 
Hilfsschulen, 7 Jahresberichte, je eine Abhandlung über den Handfertigkeitsunterricht 
und über die Charakteristik der Kinder, ein hier gebräuchlicher Personalbogen, ein 
Lehr- und ein geschriebener Stundenplan von dem Jahre 1902/3; die statistischen 
Tafeln veranschaulichten die Entwicklung der Hilfsschule seit 1881, die Zusammen- 
setzung der Klassen nach Alter und Geschlecht, die Versetzung und Aufnahme 
der Kinder, die Zahl der Konfirmanden, den Gesundheitszustand der Kinder von 
1902/3, die Teilnahme an den freiwilligen Beschäftigungen, die Mittagsspeisung, die 
Milchspende und die Christbescherung. An Photographien lagen aus: 3 grosse Bilder 
von Teilen der Osterausstellung 1903 (Zeichnungen, Holzarbeiten, Papp- und Papier- 
arbeiten); 2 grosse Bilder: Spiel der Mädchen im Freien und Knaben bei der Hand- 
arbeit; 4 kleinere: Kl. I. bei der Handarbeit, Kl. XIV. bei Beschäftigungen, Kl. VIII 
im Schulzimmer und Mädchen aus Kl. V u. VI beim Spiele im Freien; 3 Gruppen- 
bilder: Konfirmanden von 1901, 1902, 1903; ein Album mit 16 Kinderphoto- 
grapbien (jedes Kind von vorn und von der Seite aufgenommen). — Diese Aus- 
stellung der Hilfsschule wurde von der Behörde mit ausersehen, auf der Welt- 
ausstellung in St. Louis sich mit zeigen zu dürfen. Welche Beurteilung sie da 
erfahren hat, bezeugt uns die obige Mitteilung. Wir erblicken darin zugleich ein 
ehrendes Zeugnis für unsere städtischen Behörden, die unausgesetzt auf das Ge- 
deihen unserer Hilfsschule bedacht sind, und für all die wohlgesinnten Mitbürger, 
die sich für das Wohlergehen unserer Schüler so gern Opfer auferlegen. H. Müller. 

Hamburg-Alsterdorf. (Vorträge und Anstaltserweiterung). Von 
der Hamburgischen Oberschulbehörde wurde auch in diesem Winter, wie in 
früheren Jahren, die Abhaltung einer Reihe öffentlicher Vorlesungen veran- 
lasst. Speziell für Lebrer und Lehrerinnen sind in diesem Semester von 
dem Nervenarzt Dr. med. A. Saenger 6 Vorlesungen über die schwach- und nicht- 
befähigten Schulkinder vom medizinischen Standpunkte aus, mit Demonstrationen 
unter Benutzung eines Zeissschen Epidiaskops gehalten worden. Der Vortrags- 
zyklus umfasste: Einführung in die Hirnanatomie, die nichtbildungsfähigen Idioten 
(Blödsinnigen), die bildungsfähigen Idioten (Imbecille u. Debile), die Sprach- 
gebrechen bei schwachsinnigen Kindern, der sogenannte moralische Schwachsinn, 
die Ursachen der Idiotie und die geschichtliche Entwicklung der Fürsorge für 


15 

Schwachsinnige.e Die sehr gut besuchten Vorlesungen, welche in der Aula des 
Johanneums stattfanden, boten besonders den Lehrkräften der Hilfsschulen vorzüg- 
liche Anregung. Im Anschluss an diese Vorlesungen wurden am 30. Dezember in 
den Alsterdorfer Anstalten einige interessante Fälle von Idiotie mit körperlichen 
Aunomalien demonstriert. — Die Gesuche um Aufnahme in die Alsterdorfer An- 
stalten haben sich derart gemehrt, dass längst nicht mehr allen Bitten entsprochen 
werden konnte, da sämtliche Belegräunie besetzt waren. Mit Rücksicht auf die 
Dringlichkeit der Aufnahmegesuche entschloss sich der Vorstand der Anstalten dazu, 
im Frühjahr einen Neubau aufführen zu lassen, welcher im November bezogen 
werden konnte. Das stattliche, 2 stöckige Haus repräsentiert sich als ein, den 
neuesten hygienischen wie bautechnischen Forderungen genügender Rotziegelbau. 
Seinen 120 Insassen bietet das neue Heim „Zum guten Hirten“ 12 hohe luftige 
und helle Säle, 4 grosse Balkons und 4 geräumige Wasch- und Badezimmer und 
eine Reihe kleinerer Zimmer für weibliche Angestellte. Die Räume des Kellerge- 
schosses dienen teils als Heiz- nnd Lagerräume, teils sind darin verschiedene 
Industriezweige untergebracht. Das Erdgeschoss ist mit 4 Abteilungen siecher 
Kinder belegt, während das 1. Stockwerk 60 arbeitsfähige Mädchen bewohnen. 
Die Gesamtkosten des Baues belaufen sich auf ca. 150000 Mk. Am 30. Novem- 
ber zählten die Alsterdorfer Anstalten 755 Zöglinge (434 m., 321 w.), davon 
waren 126 m. und 97 w. epileptisch. Angestellte waren 91 m. und 78 w., dazu 
kommen noch 29 Angehörige, so dass die Alsterdorfer Anstalten jetzt einen Per- 
sonenbestand von 948 aufweisen. 


Literatur. 


Erbliche Entartung, bedingt durch soziale Einflüsse. Von Dr. Moritz 
Alsberg. Verlag von Th. G. Fischer & Co.-Kassel und Leipzig Preis 80 Pf. 
31 Seiten. 

Die Bekämpfung der erblichen Entartung und die darauf beruhende Erhaltung 
der Volksgesundheit und Volkstüchtigkeit ist, wie Verfasser sagt, eine Lebensfrage. 
Er bespricht die Frage ausführlich und sutht den Stoff um die drei Punkte zu 
gruppieren: Worauf beruht sie? Worin besteht sie? Und in welcher Weise gibt 
sie sich zu erkennen? Bezüglich der Entstehung wendet er sich unter anderem 
gegen die zu späte Verheiratung, gegen das Cölibat, gegen Alkoholismus und 
gegen die Geschlechtskrankheiten. Die Entartung zeigt sich hauptsächlich im An- 
wachsen und der Häufigkeit von Nerven- und Geisteskrankheiten, in der Verbrei- 
tung der Tuberkulose, der Kurzsichtigkeit, der Zahnkaries, der geburtshilflichen 
Entartungszeichen bei Frauen u.a. m. Zum Schlusse macht Verfasser Vorschläge, 
wie diesen Erscheinungen zum Wohle des Volkes und Vaterlandes entgegengetreten 
werden könnte und müsste, vielleicht sogar durch gesetzgeberische Massregeln. 
Angesichts den edlen Bestrebungen ist dem Buche eine allgemeine gute Aufnahme 
zu wünschen. Insbesondere dürfte es allen denjenigen von Interesse sein, die im 
Dienste der Heilpädagogik stehen. B. 


16 


Fortschritte der Kinderseelenkunde 1895 - 1903. Von Dr. Wilhelm 
Ament. Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig. Preis 1,50 Mk, 68 Seiten. 

Verfasser ist auf besagtem Gebiete ein bekannter Name. Auch in vorliegendem 
Werk sieht man ihn überall als Fachmann. Durch Unterstützung verschiedener 
im Vorwort genannte Herren war es ihm möglich, das ihm überlassene Material 
in vorliegender Schrift zu verarbeiten. Nach einem kurzen Abriss der Geschichte 
der Kinderseelenkunde, verbreitet er sich des Näheren über die kinderseelischen 
Erscheinungen (Willenshandlung, Sinneswahrnehmung, Gemütsbewegungen, Denken 
etc.) und über die Kinderseele selbst (Grundform der Seele, Entstehung, Arten etc.). 
Sodann spricht er noch über die Logik der Kinderseelenkunde und gibt zum 
Schluss ein ziemlich ausführliches Bild der entsprechenden Literatur aus besagter 
Zeit. Das Werk ist ein guter Beitrag zu der Literatur der Kinderpsychiologie. 
Jeder Lehrer und Erzieher wird es mit Interesse lesen. B. 





Anzeigen. 


Für die mit der hiesigen Idiotenanstalt verbundene Anstaltsschule für schwach- 
sinnige und epileptische Kinder wird zum 1. Januar eventuell 1. April 1905 ein 
auf christlichem Boden stehender Lehrer gesucht, welcher der Schule 
selbständig vorzustehen und den Anstaltschor zu leiten hätte. Meldungen erbeten 
mit Gebaltsansprüchen, Zeugnissen und Lebenslauf an den Vorstand der Idioten- 
anstalt in Schreiberhau i. R. 


rziehungs- un und Fachlehranstalt für nervös | Soeben erschien: 


veranlagte u. i. d. Schule nervös ge- Übungsbuch für 
wordene Jünglinge der höheren Stände ist E e 
Dr. Pa Institut für aN und Sprach- (Stotter-) Heilkurse 


: : 1 Übgesb. m. Beilage: meine Sprachheilmeth 
Gartenbau, Wetterscheidt (Kreis Naum- ge En 1,20 Mk. direkt von M. Weniger- 


burg a. S.) Schwelm Westf. 


Briefkasten. 


R. M. I. W. Auch die Berufsinstanz entschied zu Gunsten des Beklagten. — Die 
Begründung des Urteils entzieht sich unserer Kenntnis. Auf die Sache nochmals einzu- 
gehen, widerstrebt uns; lesen Sie unsere Briefkastennotiz in Nr. 1 von 1904. — 
W. 6G. i. B. Ein Verkauf oder eine Abtretung der Firma in irgend einer Form hat nicht 
stattgefunden, es kann dieselbe darum auch nicht mitgenommen werden. — M. R.i. F. 
Ihre Adresse teilten wir an den betr. Stellen mit und’ empfablen Sie auch. — R.M.I.K. 
Über den Bremer Verbandstag wird unsere Zeitschrift einen Bericht bringen. — 
M. H. i. &. Der Konferenzbericht ist leider noch nicht erschienen. 




















Inhalt. Gedanken über das unterrichtliche Wirken der Hilfsschule. (H. Horrix). — 
Zum Bericht über die Stettiner Konferenz. (Fr. Frenzel). — Mitteilungen: Berlin, 
Bremen, Dalldorf, Leipzig, Hamburg-Alsterdorf. — Literatur: Dr. Moritz Alsberg, 
Erbliche Entartung, bedingt durch soziale Einflüsse. — Dr. Wilhelm Ament, Fort- 
schritte der Kinderseelenkunde 1895 - 1903. — Anzeigen. — Briefkasten. — 


Für die Schriftleitung verantwortlich: W, Schröter in Dresden. 
: Kommissions-Verlag von H. Burdach, K. S. Hufbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. ` 








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g 96 


Nr. 2 u >. | XXI. (AMY) J 


Zeitschrift \ 


für die 


Behandlung Sehwachsinniger und Rpileptis ir 


Organ der Konferenz nz für das Idiotenwesen. 






Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 


herausgegeben von 





Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 
Dresden - Strehlen, | für Voker 
Residenzstrasse 27. In Stuttgart. 
Erscheint jährlich in 182 Nummern von | | Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 


mindestens einem Bogen. Anzeigen für | und er T, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- . Februar 1905. Sohriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 
| einzelne Nummer 50 Pfg. 


tarische Beilagen 6 Mark. 





Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 


Schule und Nervenkrankheiten.*) 
Vortrag, gehalten auf dem 1. internationalen Kongress für Schulbygiene zu Nürnberg 1904 
von Dr. med. Wildermuth-Stuttgart. 

Meine Mitteilungen beziehen sich auf Nervenkranke im Alter von 6—18 
Jahren, die ich in den letzten 14 Jahren behandelt habe. Eine ähnliche 
Zusammenstellung aus der Praxis heraus hat vor einigen Jahren Friedmann 
gemacht. Ein Vergleich der Untersuchungsergebnisse verschiedener Ärzte ist 
nur mit Vorsicht möglich. Auch innerhalb derselben Spezialität ist der Wirkungs- 
kreis des Arztes nach dessen Individualität und nach den örtlichen Verhältnissen 
zu verschieden. Der Wert der Untersuchungen eines Nervenspezialisten für die 
Beurteilung des Zusammenhangs zwischen Schule und Nervenleiden wird dadurch 
etwas beeinträchtigt, dass ihm in erster Linie schwere und hartnäckige Fälle 
zugeführt werden. Die leichteren, namentlich rasch vorübergehende Fälle 
bekommt er kaum zu sehen. Hier muss die Erfahrung des Hausarztes ein- 
treten. Eine vollständige Statistik wäre überhaupt nur möglich, wenn in den 
Schulen genaue Versäumnis- und Austritislisten geführt würden, in denen der 
Versäumnisgrund ärztlich festgestellt wäre. 

Meine Patienten stammen meist aus dem Mittelstand. Die Industrie- 
bevölkerung ist wenig vertreten, da ich nicht Kassenarzt bin, zahlreicher der 
Bauernstand. Idioten jeden Grades, Epilepsie, organische Erkrankungen des 
Nervensystems blieben ausgeschlossen. Nur neurasthenische Zustände, Hysterie, 
Chorea und Verwandtes, und Psychosen sind berücksichtigt worden; von den 
Kranken von 15—18 Jahren auch diejenigen, welche in praktischer Stellung 


*) Erschien in der „Wiener klinischen Rundschau“ 1904 Nr. 40. 


18 

sich befanden. Im ganzen sind es unter rund 9000 Nervenkranken: 360 Patienten 
(183 Knaben, 177 Mädchen), die ich an diesen Krankheitsformen behandelt 
habe. Aufdie Schulverhältnisse habe ich stets, soviel wie möglich, geachtet. 
Der Begriff der erblichen Belastung wurde nicht weit gefasst. Es wurden 
ausschliesslich Nervenkrankheiten und Psychosen in der direkten Ascendenz, in 
der Seitenverwandtschaft und bei Geschwistern nur dann gerechnet, wenn es 
sich um schwere oder gehäufte Fälle handelte. 


An neurasthenischen Zuständen litten 91 Kranke (37 m. 34 f). Das 
Vorkommen von Neurasthenie bei Kindern ist bestritten worden; meines Er- 
achtens mit Unrecht. Die wesentlichen Erscheinungen der reizbaren Nerven- 
schwäche: Abnahme der Leistungsfähigkeit, Ermüdungsgefühl, Angstzustände, 
Kopfschmerz oder Kopfdruck, Niedergeschlagenheit finden wir auch bei Kindern; 
starke Beeinträchtigung der allgemeinen Ernährung bei diesen mehr als bei 
Erwachsenen. Die Vorhersage ist bei der kindlichen Neurasthenie günstiger. 
In 28 Fällen war Kopfweh d.e wesentlichste Krankheitserscheinung. 


Erblich belastet waren 40°, (41°, der Kıanken unter —, 33°, der 
Kranken über 14 Jahre). In 5 Fällen war ererbte Luös anzunehmen. Mehr 
als 60°/, der Kinder waren von früher Jugend an schwächlich, zart und nervös. 
Bei einer grossen Zahl fanden sich Spuren von Rhachitis. Bei 12°), war die 
Neurasthenie im Anschluss an akute Krankheiten aufgetreten, 1 mal nach Schreck. 
Bei den mit heftigem Kopfschmerz behafteten Kranken waren in 20°, akute 
oder chronische Krankheiten als Ursache anzusehen, 4 der mit angeborener Lues 
behafteten Kranken befinden sich darunter. 


Onanie war bei einer grösseren Anzahl festgestellt oder wahrscheinlich. 
Die allgemeine Ansicht geht zur Zeit dahin, dass starke Masturbation nicht die 
Ursache, sondern die Folge neuropathischer Konstitution sei. So ganz allge- 
mein halte ich diesen Satz nicht fär richtig, ich kenne eine Anzahl von Fällen, 
in denen sexuelle Verirrungen als Hauptursache der Neurasthenie anzusehen sind. 


Alkoholgenuss ist bei der Entstehung und Förderung jugendlicher Neu- 
rasthenie auch nach meiner Erfahrung von Bedeutung, besonders schädlich 
wirkt er dadurch, dass der Appetit notleidet, die Kinder den Geschmack an 
Milch und anderer reizloser Kost verlieren. Die Mehrzahl meiner jugendlichen 
Patienten hat vor der Erkrankung geistige Getränke, häufig nicht in kleiner 
Menge, genossen, auf dem Lande namentlich Obstmost, der irrigerweise für 
ganz harmlos gilt. 

Von den neurasthenischen Kindern lernten gut und sehr gut 32%,, 26°. 
waren von Anfang an schwache Schüler. 


Von den ©9 Kindern unter 14 Jahren wurde bei 5 Anstrengung in der 
Schule als Krankheitsursache angegeben. 


Bei einem Knaben, der gut lernte, war dies zweifellos der Fall. Neurasthenie 
mit heftigem Kopfschmerz schloss sich unmittelbar an die Vorbereitungen zu 
einem Examen (dem sog. Landexamer) an. 3 waren von Haus aus schwach 
begabt und lernten von Anfang an schlecht. Bei einem der Mädchen, das ohne 


19 


Anstrengung lernte, war es nicht die Mühe des Lernens, sondern rauhe und 
taktlose Behandlung durch die Lehrerin, was ungünstig einwirkte. 

Von den 29 männlichen Kranken von 15—18 Jahren besuchten 15 höhere 
Schulen, 14 waren in praktischer Stellung. Bei 6 unter den 15 Schülern wurde 
die Krankheit auf geistige Überanstrengung geschoben. Bei 2 davon lag auch 
sicher die Anstrengung des Abituriums zu Grunde. Bei einem Kranken steigerte 
sich die Hemicranie, an der er von Kindheit gelitten, durch die geistige Arbeit 
erheblich. Ein vierter Kranker — konkurrenzlos primus — überarbeitete sich 
zweifellos, aber nicht unter dem Zwange der Schule, sondern aus übertriebenem, 
zu Hause genährtem Ehrgeiz. Bei zwei der angeblichen Opfer der Überbürdung 
war nicht diese, sondern eine Menge nicht immer harmloser Allotria als Krank- 
heitsursache anzusehen. 

Von den 14 Mädchen über 15 Jahren erkrankte eines sicher durch Über- 
arbeitung im Seminar. 6 der Mädchen hatten angestrengt Musik getrieben, 4 
davon, um sich berufsmässig darin auszubilden. Bei neurasthenischen Mädchen 
dieses Alters ist es meist schwierig abzuwiegen, ob und in welchem Grad 
chlorotische Zustände mitspielen. 

Von den 12 neurasthenischen Mädchen, die in praktischer Tätigkeit waren, 
schoben 2 ihre Krankheit auf körperliche Überanstrengung. 

Es bleibt so nur eine kleine Zahl neurasthenischer Kranker, bei denen 
das Leiden bestimmt auf geistige Überanstrengung zurückzuführen ist. Jeden- 
falls kommt ihr gegenüber der Tatsache, dass bei der Mehrzahl der Kinder die 
nervöse Schwächlichkeit bis in die früheste Jugend zurückgeht, und sich eben 
bei der ersten Kraftprobe im Leben, dem Schulbesuch, geäussert hat, gegenüber 
dem Einfluss des Alkohols, z. T. auch sexueller Verirrungen nur eine kleine 
Bedeutung zu. Auch bei der Neurasthenie Erwachsener wird der schädliche 
Einfluss der Arbeit weit überschätzt. 

Ein grosses Kontingent zu den jugendlichen Neurosen stellt die Hysterie. 
Ich fand unter meinen Kranken 97 Fälle (43 m., 54 f.). Im Alter von 6—14 
Jahren: 68 (35 m., 33 f), von 15—18 Jahren 29 (8 m., 21 f). Ich 
kann die Erfahrung bestätigen, dass die Hysterie des kindlichen und jugendlichen 
Alters in schweren, alarmierenden Erscheinungen sich zu äussern pflegt. All- 
gemeine und örtlich beschränkte Muskelkrämpfe, Kontrakturen, Lähmungen sind 
es, die hauptsächlich zur Beobachtung kommen. 

Vorübergehende psychische Störungen, Erregungszustände mit phantastischen 
oder ängstlichen Delirien sind nicht selten. Die Hysterie betrifft keineswegs 
mit Vorliebe die gebildeten Stände. Sie findet sich im weltentlegenen Dorf wie 
in der Grossstadt. 

Von den 35 Knaben unter 14 Jahren besuchten 15, von den 33 Mädchen 
dieses Alters 20 die Volksschule, meist auf dem Land. Die grosse Anzahl von 
Bauernkindern ist natürlich nicht allein der Ausdruck der absoluten Häufigkeit 
der Hysteria rustica, sie erklärt sich dadurch, dass die schweren, der Umgebung 
oft unheimlichen Äusserungen der Hysterie die Angehörigen eher bewegen zum 
Spezialisten zu gehen, als die unscheinbaren Symptome der Neurasthenie. 





20 


Zu den Patienten von 14—18 Jahren stellen die jungen Leute in praktischer 
Tätigkeit ungefähr dasselbe Kontingent wie die Schüler. Bei den Mädchen 
überwiegen diejenigen, die eine höhere Schule besuchten oder besucht hatten. 


Erblich belastet waren 40°,. Bei 22°), liess sich allgemeine oder nervöse 
Schwäche bis in die erste Kindheit zurückverfolgen, also weit seltener als bei 
der Neurasthenie.e In 2 Fällen war ererbte Lues anzunehmen. In ca. 8°), 
schloss sich der Ausbruch hysterischer Erscheinungen an akute Krankheiten an. 


330%, der Patienten werden als besonders gute Schüler bezeichnet. nur 
10°), als schwache. Geistige Überanstrengung in der Schule als Krankheits- 
ursache musste angenommen werden bei 1 Knaben, der gut lernte, aber durch- 
aus eine Klasse überspringen wollte. 


Bei 2 Knahen, denen das Lernen keine Schwierigkeit machte, stellte sich 
in der Schule hysterisches Zittern beim Schre:ben ein. Bei einem der Knaben 
tritt es nur auf, wenn man ihm beim Schreiben zusieht. Der Vater, - Lehrer — 
leidet zeitlebens an derselben Störung. Bei erwachsenen Neurasthenikern habe 
ich diese Schreibangst wiederliolt beobachtet. In 4 Fällen veranlasste rohe und 
taktlose Behandlung durch den Lehrer den Ausbruch der Krankheit. Dass in 
Schulen auf dem Weg der psychischen Infektion ganze Epidemien von Hysterie 
ausbrechen können, ist bekannt. Ein anderer nervöser Zustand ist hier noch 
zu erwähnen, die Schulangst. Man kann zweifelhaft sein, ob man ihn zur 
Hysterie oder Neurasthenie rechnen soll. Ich führe ihn bei der Hysterie auf, 
weil die betr. Patienten hysterische Stigmata hatten. Ich verstehe unter 
Schulangst natürlich nicht die psychologisch begründete Ängstlichkeit bei 
Kindern, die von Haus aus schüchtern oder solchen, die faul sind. Ich verstehe 
darunter einen schweren, akut auftretenden Angstzustand mit Herzklopfen und 
Atemnot, der sich einstellt, wenn die Kinder zur Schule sollen. Sobald das 
kind auf der Schulbank sitzt, verschwindet die Angst. Ich habe den Zustand 
einigemal und zwar bei guten Schülern beobachtet, die keinen Grund für ihre 
Furcht anzugeben wussten. Ähnliche Zustände finden sich bei erwachsenen 
Neurasthenikern, ehe sie an ihre Tagesarbeit sollen, keineswegs vor Erledigung 
besonders schwieriger Aufgaben, sondern bei alltäglichen und geläufigen Dingen, 
besonders häufig vor Besorgung einfacher Korrespondenz. Es ist das, was 
Meinert als „Angst vor der Funktion“ bezeichnet hat. 


Nach dem Vorstehenden brauche ich kaum besonders zu erwähnen, dass 
die Schädlichkeiten der Schule, insbesondere geistige Überanstrengung, nur in 
ganz geringem Umfang zur Entstehung der Hysterie beitragen. In ähnlicher 
Weise hat sich Jolly schon vor Jahren ausgesprochen. 


Von sonstigen funktionellen Neurosen habe ich unter meinen Kranken 48 
Fälle von Chorea, 9 Fälle von Tic convulsif und Maladie des Tics con- 
vulsifs, 2 Fälle von Beschäftigungskrampf (Geiger- und Klavierkrampf), 
je 1 Fall von Tetanie und Morb. Basedowi. Nur bei 10°, war erbliche 
Belastung nachzuweisen. Bei 28°, gingen akute Krankheiten, namentlich 
Rheumatism. acut, und Diphtherit. voraus. 


21 


Mit Beginn der Schule trat Hemichorea ein bei einem von Haus aus zarten 
Knaben, der vom Lehrer rauh und unverständig behandelt wurde. Ein Rezidiv 
der Chorea stellte sioh in 3 Fällen beim Schulbesuch ein. 

Die Mehrzahl der Kranken befand sich in den Elementarklassen. Von 
geistiger Überanstrengung als Ursache konnte in keinem Fall die Rede sein. 

Von der grössten Bedeutung ist die Frage, ob und inwieweit der Schul- 
besuch die Entstehung von Geisteskrankheiten im kindlichen und jugend- 
lichen Alter verursache oder begünstige? 

Es ist Ihnen bekannt, m. H., dass die Aussichten über diesen Punkt weit 
auseinandergehen. Im Jahre 1877 auf der V. Versammlung des deutschen 
Vereins für öffentliche Gesundheitspflege hat Finkelburg ausgesprochen, dass 
die geistigen Störungen im kindlichen und jugendlichen Alter z. T. wenigstens 
auf die Schädigungen durch den Unterricht zurückzuführen seien. 

In den Jahren 1881 und 1882 haben dann Hasse und Snell in scharfer 
Weise unser höheres Unterrichtswesen als Quelle der zunehmenden Geistes- 
krankheit bei jungen Leuten angegriffen. Emminghaus 1887 äussert sich 
etwas zurückhaltend. Er macht nur darauf aufmeıksam, „dass viele Kinder mit 
cerebraler Neurasthenie den Anforderungen der Schule nicht gewachsen seien“, 
Kräpelin bezeichnet die Überbürdung in der Schule nicht als unmittelbare 
Ursache jugendlicher Psychosen, sondern als allgemein schädigendes psychisches 
Moment. Entschiedener äussert sich 1900 Aust, der glaubt, „dass ein ursäch- 
licher Zusammenhang zwischen der Zunahme der Jugendpsyohosen und der 
Überanstrengung des jugendlichen Gehirns in der Schule kaum mehr ernstlich 
geleugnet werden könne“. Er zieht die Äusserung Fodors an: „Die Nerven- 
ärzte kennen die durch geistige Überbürdung bedingten Geisteskrankheiten, die 
stets zunehmen.“ 

Diese Ansichten sind von Anfang an nicht ohne Widerspruch geblieben. 
Schon bei Hasses ersten Mitteilungen haben Westphal und A. eingewandt, 
dass das vorgebrachte Material nicht beweisend sei. Die Frage wurde dann 
für die Versammlung der Irrenärzte zu Berlin i. J. 1883 zur Diskussion gestellt, 
ohne dass von irgend einer Seite neuer Beweisstoff beigebracht worden wäre. 
Die K. preussische wissenschaftliche Deputation 1884 kam auf Grund von Nach- 
forschungen in einer Reihe von Irrenanstalten zu dem Schluss, „dass es weder 
als erwiesen noch als wahrscheinlich anzusehen sei, das; die Überbürdung durch 
die Ansprüche der Schule als die alleinige Ursache für Ge:stesstörungen der 
Schüler zu betrachten, oder dass in der Häufigkeit solcher Fälle neuerdings eine 
Zunahme zu bemerken sei. Conrads glaubt, dass man die Schule als alleinige 
Ursache der Psychosen nur selten verantwortlich machen könne. Friedmann 
hat eine Psychose infolge von Schulüberbürdung nie gesehen. 

Ich verfüge über 111 Fälle von Geistesstörung bei Kranken vom 6. 
bis 18. Jahr (63 m., 48 f.). Vor dem 14. Jahr erfolgte der Ausbruch der 
Krankheit bei 51 Fällen, nach dem 14. Jahr bei 60. 48"/, der Fälle (i. g. 48; 
21 m, 27 f.) gehören in die grosse Gruppe, die man jetzt meist unter dem 
Namen der Dementia praecoxe zusammenfasst. Sie äusserte sich in meinen Fällen 


22 


meist in der hebephrenen und paranoia-artigen, seltener der katatonischen Form. 

Übergänge zwischen den einzelnen Formen sind häufig. Alle zeigten sie 
Neigung zur Verblödung, doch trat diese durchaus nicht in allen Fällen ein, 
ein Teil heilte mit leidlichem Defekt. 21%, (i. g 23; 17 m., 6 f.) stellte das 
Entartungsirresein Zum Teil entsprach das Krankheitsbild dem der moralischen 
Idiotie. Aber in keinem Fall fehlten neben dem sittlichen Schwachsinn andere 
Störungen: Erregungszustände, Sinnestäuschungen, abortive Wahnideen. 

Mit 11°% (ìi. g. 12; 7 m, 5 f) ist die Melancholie vertreten; mit 8%, 
(i g. 9; 5 m., 4 f) das zirkulare Irresein; mit 7, (i. g. 8; 5 m, 3 f.) das 
Irresein mit Zwangsvorstellungen; in 6", (i. g. 7; 7 m., O f) war hypochon- 
drische Geistesstörung vorhanden, bei 2 °/, (i. g. 2; 1 m., 1 f.) Manie, Sexuelle 
Perversion in 2°% (2 m, O f.) Die hereditäre Belastung betrug im Durch- 
schnitt 70 °/, am stärksten war sie beim Entartungsirresein mit 80°%. In 4 
Fällen war ererbte Luës als sicher oder sehr wahrscheinlich anzunehmen. 

Nur in 11 Fällen gingen dem Ausbruch der Psychose akute Krankheiten voran. 

In 35°/, bestanden vom Beginn der psychischen Entwicklung an die 
bekannten Zeichen nervöser Reizbarkeit und psychische Eigentümlichkeiten ; 
Ungeselligkeit, Unfähigkeit ordentlich zu spie'en — stets ein gutes Reagens bei 
Kindern. Bei den Kranken mit Entartungsirresein waren diese frühen Ver- 
änderungen ausnahmslos vorhanden. In einigen Fällen liessen sich die gemüt- 
lichen Veränderungen und die Wahnvorstellungen, die den wesentlichen Inhalt 
der späteren Psychose bildeten, bis in die frühe Kindheit zurückverfolgen. 
So erinnerte sich in einem Fall von zirkulärem Irresein die Patientin mit 
Bestimmtheit schon als kleines Mädchen ab und zu an tiefer Traurigkeit gelitten 
zu haben, die psychologisch nicht begründet war. 

2 Knaben, bei denen die Krankheit im 10. und 17. Jahre in Form eines 
schwachsinnigen Verfolgungswahnes zum Ausbruch kam, hatten schon als kleine 
Jungen Vergiftungsideen geäussert. Ein sehr intelligenter, sadistischer Kranker 
erzählte mir, dass er, soweit seine Erinnerung zurückreiche, in phantastischen 
Situationen geschwelgt babe, in denen Sklaven gemartert wurden. Auch bei 
den Kranken mit Zwangsvorstellungen ging der Anfang des Leidens meist in 
die ersten Kinderjahre zurück. 

Von den 29 psychisch gestörten Knaben unter 14 Jahren besuchten 6 die 
Volksschule, 10 die Realschule, 13 die unteren Klassen des humanistischen 
oder des Realuymnasiums. 

Von den 34 Kranken im Alter von 15—18 Jahren besuchten 15 höhere 
Schulen, 19 waren in praktischer Stellung. 

Das Verhalten in der Schule vor Ausbruch der Erkrankung zeigt nach 
den einzelnen Krankheitsformen nicht unerhebliche Verschiedenheiten. Von den 
Entarteten waren 40°/, ausgesprochen schlechte Schüler. Bei 26°, dieser 
Gruppe wurde besonders letont, da:s das Lernen ruckweise erfolge, dass auf 
kurze Perioden gehobener Leistung Zeiten völliger Unfähigkeit kommen. Bei den 
anderen Formen psychischer Störung fand sich diese sprungweise Lernfähigkeit 
nur ganz vereinzelt. 


23 


Bei den Fällen von Dementia praecox waren vor der Erkrankung gute, 
mittlere und schlechte Schulleistungen ziemlich gleichmässig verteilt. 

Bei 17°), ging dem eigentlichen Ausbruch des Irreseins ein Nachlass der 
intellektuellen Leistungen oft lange Zeit, 1—1'/, Jahre voraus. Es handelte 
sich um Verminderung der Merkfähigkeit, leichte Ablenkung der Aufmerksamkeit, 
Abnahme des Gedächtnisses. Dabei zeigten die Patienten keineswegs ein 
stumpfes Wesen, sie hatten ein lebhaftes Krankheitsgefühl, beschrieben meist gut 
und eingehend ihren Zustand. Ausser bei der Dementia praecox habe ich dieses 
prodromale Versagen nur noch bei der Melancholie gesehen. Bei Mädchen war 
es nicht seltener als bei Knaben. Vor dem oft akuten Einsetzen der intellek- 
tuellen Abnahme stehen die Kranken und ihre Angehörigen wie vor einem 
Rätsel, man sucht nach allen möglichen Gründen gemütlicher Art oder denkt 
an sexuelle Verirrungen. Das plötzliche Versagen kommt manchmal bei einem 
besonderen Anlass zu Tag, bei einer Prüfung, oder wie ich es bei einem sehr 
begabten 17jährigen Techniker beobachtete, bei dem ersten selbständigen Auf- 
trag. Es liegt in solchen Fällen nahe, der Anstrengung der Prüfung, oder einer 
anderen besonderen Leistung, der Enttäuschung über den Misserfolg die Schuld 
an dem Ausbruch der Psychose zuzuschieben, während man es mit deren ersten 
Symptom zu tun hatte. Mehrmals habe ich auch beobachtet, dass die jungen 
Leute in dem Gefühl ihrer intellektuellen Abnahme sich aussergewöhnlich an- 
strengten. Auf diese Weise kann der Eindruck entstehen, dass es die gesteigerte 
geistige Anstrengung sei, die die Psychose hervorgerufen habe. 

Auf Grund meiner eigenen Erfahrung muss ich mich den Autoren an- 
schliessen, welche einen Zusammenhang zwischen Schulüberbürdung und Geistes- 
krankheiten im kindlichen und jugendlichen Alter bestreiten. Auch nicht in 
einem Fall konnte ich einen solchen Zusammenhang finden. Der grosse Prozent- 
satz erblicher Belastung, die Tatsache, dass in einer grossen Anzahl von Fällen 
psychopathische und neuropathische Erscheinungen bis in die erste Kindheit 
zurückgehen, das relativ grosse Kontingent, das junge Leute stellen, bei denen 
es sich gar nicht um angestrengte geistige Arbeit handelt — alle diese Um- 
stände müssen in uns die Überzeugung wecken, dass es sich hier um tief in 
der Konstitution wurzelnde Krankheiten handle, an denen die Schule und wohl 
auch die häusliche Erziehung unschuldig ist. Auch bei Erwachsenen ist geistige 
Anstrengung sich«r nie die wesentliche Ursache geistiger Störung.‘ Die Geschichte 
der progressiven Paralyse, in deren Ätiologie früher Überarbeitung eine grosse 
Rolle spielte, sollte uns vorsichtig machen. Tatsächlich wissen wir von den Ur- 
sachen der Geisteskrankheiten, abgesehen von einzelnen Psychosen toxischen und 
infektiösen Ursprungs, nur das sicher, dass erblich Belastete mehr Aussicht 
haben, geistig zu erkranken als Nichtbelastete. 

M. H. Was ich bei den einzelnen Formen der Neurosen schon angeführt, 
möchte hier nochmal kurz zusammengefasst werden. Bei den 360 Fällen von 
Nervenkranken im Alter von 6 - 18 Jahren liess sich nur in einer ganz kleinen 
Anzahl von Fällen die Krankheit auf Schädigungen in der Schule überhaupt, 
in einer noch kleineren auf geistige Überantrengung zurückführen. Verhältnis- 


24 

mässig am häufigsten kommen dabei neurasthenische Zustände in Betracht. 
Auch bei diesen lagen meist noch besondere Verhältnisse vor, an denen die 
Schule unschuldig war. Schon die grosse Anzahl von Volksschülern aus länd- 
lichen Verhältnissen, die auch aus Landaus Arbeit ersichtlich ist, von jungen 
Leuten ia praktischer Tätigkeit spricht dagegen, dass geistige Überbürdung hier 
eine Rolle spiele. Das wesentliche bei sämtlichen infantilen und juvenilen Neu- 
rosen ist die erbliche Belastung und die kongenitale Anlage, in zweiter Linie 
stehen akute Krankheiten, vereinzelt — bei Hysterie und Neurasthenie — kommen 
plötzliche psychische Erschütterungen, besonders heftiger Schrecken in Betracht. 
Die Bedeutung der hereditären Luös ist wohl grösser, als es nach der Statistik 
den Anschein hat. Bei der Schwierigkeit, über diesen Punkt die Wahrheit zu 
erfahren, muss man zunächst auf sichere Feststellungen verzichten. 

In Übereinstimmung mit Benda muss ich noch besonders erwähnen, dass 
ich bei meinem Material nur in ganz vereinzelten Fällen Schädlichkeiten gefunden 
habe, die man neben der Schule vielfach als häufige Ursache jugendlicher 
Nervenkrankheiten ansieht: Gesellige Zerstreuungen, übertriebenem Theater- und 
Konzertbesuch und Ähnliches. Ich halte mich um so mehr verpflichtet, dies 
zu betonen, als ich mich früher an anderer Stelle in entgegengesetztem Sinne 
geäussert habe. 

Das soll nicht bestritten werden, dass eine grosse Anzahl nervenkränklicher 
Kinder in die Schule kommt, wie dies von Schuschny, Benda u. A. längst 
festgestellt ist. Für einen grossen Teil von diesen Kindern ist es wünschens- 
wert, dass sie nicht vor dem 7. oder 8. Jahre mit der Schule beginnen. In 
manchen Fällen ist den Eltern zu raten, unter den gegenwärtigen Verhältnissen 
auf eine Ausbildung der Kinder in höheren Schulen zu verzichten. Das wird 
vielen nicht leicht werden. Hier ist Abhilfe notwendig. Vereinzelt — z.B. in 
Würzburg — sind Privatschulen für nervenkranke Kinder errichtet worden. In 
grösserem Umfang liesse sich für solche eine geeignete Schulfürsorge treffen 
durch Ausbau und Erweiterung der Hilfsschulen. Zu weit wollen wir aber mit 
der Absonderung nervöser Kinder vom gewöhnlichen Schulbetrieb nicht gehen. 
Unter den vielen Mängeln, die man in neuerer Zeit der Schule, besonders dem 
höheren Unterrichtswesen vorgeworfen hat, steht in erster Linie der, dass viel 
zu wenig individualisiert werde. Man hat in dieser Richtung weitgehende An- 
forderungen gestellt. Diese werden schon an äusseren Schwierigkeiten scheitern. 
Ich möchte bezweifeln, «ass wir heute schon in der Lage sind. ohne grosse 
Missgriffe auf wissenschaftlichem Weg einzelne Gruppen geistig gleichwertiger 
Kinder zu bilden. Davon abgesehen halte ich es weder für Lehrer noch für 
Schüler für schädlich, wenn junge Leute, die nach Art und Grad verschieden 
begabt sind, zusammen unterrichtet werden. Für einen Teil unserer nervösen 
Kinder, solche die gut lernen, halte ich es nur für heilsam, wenn sie in einen 
Schulverband kommen, in dem nicht zu sehr individualisiert wird, in einen 
Schulbetrieb, in dem ein gewisser militärischer Zug, ein Moment psychischer 
Abhärtung liegt, wo nicht jeder subjektiven Schwankung des Befindens nach- 
gegeben wird. Wo dies der Fall ist, wo „die Mittel es erlauben“, Lehrer und 


25 


Schule, Lehrplan und Arbeitsform zu wechseln, sobald der. Schüler sich „ange- 
griffen“, nicht .genügend angeregt“ fühlt, sind die Erziehungsresultate nicht 
glänzend. Sehen wir es doch nicht selten bei erwachsenen Neuropathen, dass 
sie sich im Militärdienst frisch und gesund fühlen, nicht etwa nur wegen der 
kräftigen Körperbewegung, sondern wegen des heilsamen psychischen Momentes, 
das in der militärischen Disziplin liegt: der Notwendigkeit ohne weitere Reflexion 
darüber, was jetzt gerade den Nerven gut und heilsam sei, die vorgeschriebene 
Pflicht zu tun. 

In diesem Sinn hat die vielverlästerte Schule ihr Gutes auch für nerven- 
kränkliche Kinder. | 

Noch möchte ein Punkt hier kurz besprochen werden, der in der medi- 
zinischen Schulliteratur eine so grosse Rolle spielt. Man spricht immer von 
Zunahme oder, wie die stehende Wendung lautet, „von der erschreckenden Zu- 
nahme“ der Neurosen und Psychosen, namentlich im jugendlichen Alter, als ob 
es sich um eine feststehende Tatsache handelte. Zur Beurteilung der Frage, 
ob die Neurosen zugenommen haben, fehlt jeder statistische Anhalt. Wir 
wissen darüber einfach nichts. 

Auch eine Zunahme der Psychosen ist nicht sicher bewiesen, jedenfalls ist 
sie nicht erschreckend. Hinsichtlich der jugendlichen Geistesstörungen hatte 
die erwähnte Untersuchung der preuss. Regierung ein negatives Ergebnis. In 
Bayern scheint in neuester Zeit eine leichte Zunahme der jugendlichen Geistes- 
störungen stattgefunden zu haben. Wie vorsichtig man aber in diesem Punkt 
sein muss, wie dunkel hier die Verhältnisse liegen, dafür nur ein Beispiel: 
Nach der Statistik der K. württ Staatsirrenanstalten stellten die psychischen 
Erkrankungen vom 16.—20. Jahre in den Jahren 1899 und 1898 etwas über 
Th» im Jahre 1900 stieg der Anteil jener Altersgruppe plötzlich auf 12,7%, 
im Jahre 1901 sank er auf 4,3°,, ohne dass für dieses sprungweise Fallen und 
Steigen auch nur vermutungsweise ein Grund gefunden werden konnte. 

Ich glaube, gerade im Interesse einer nüchternen sachlichen Schulreform 
ist es Pflicht der Ärzte, sich vor Übertreibungen zu hüten. Aber nicht nur im 
Interesse der Schule! Vor langen Jahren hat der alte Hufeland darüber 
geklagt, dass „die Generation zu Schattengestalten entarte“. Diese entartete 
Generation hat auf politischem und sozialem Gebiet eine neue Welt geschaffen, 
die sich jeder früheren Kulturepoche ruhig an die Seite stellen kann. Wir 
wollen den verdrossenen, pessimistischen Zug, der durch unser Volk geht, nicht 
dadurch steigern, dass wir beständig und ohne genügenden Grund das Bild der 
Decadence an die Wand malen. 


Gedanken 


über das unterrichtliche Wirken der Hilfsschule. 
Von Hermann Horrix, Hauptlehrer der Hilfsschule in Düsseldorf. 
(Schluss.) 
Denkend sollen und müssen also die Schüler sich ihren Geistesinhalt 
erarbeiten und ihn in korrekter, artikulierter Sprache mit den einfachsten Formen 


26 


wiedergeben. können,. wozu sie wieder eingehender Anleitung benötigen. Ob diese 
‚einen gesonderten Artikulationsunterricht in ibren Bereich ziehen soll oder. nicht, 
.das hängt im allgemeinen vom Schülermaterial ab. Mitunter genügt, wenn der 
‘Lehrer mit den Gesetzen der Lautphysiologie und Phonetik vertraut ist — und 
.das müsste von allen gefordert werden, — ein nach den Gesetzen der Lautbildung 
‘erteilter Leseunterricht mit Berücksichtigung des lautreinen Sprechens in allem 
'Unterrichte. Sind jedoch ausgesprochene Stammler, welcher Art sie auch sein 
mögen, in der Klasse, so erscheint ein dem Sprachtehler jedesmal sorgfältig 
‚angepasster Lehrgang der natürlichste Weg. zu sein. Auf die Sprache, vorzüglich 
auf die artikulierte Sprache kann man in der Hilfsschule niemals zu viel Gewicht 
legen. Ist schon der Zweck unseres Turnunterrichtes hauptsächlich der, die 
:Schüler neben einem schnellen Erfassen des gegebenen Befehls zur sofortigen 
exakten Ausführung desselben anzuleiten und ihren vielfach unbeholfenen oder 
‚ungezügelten Bewegungen und, einer nachlässigen Körperhaltung durch dieses 
Unterrichtsfach wirksam entgegentretend, ihnen dadurch das Aussehen Geistes- 
schwacher zu nehmen, so verfolgt der ‚Sprechuuterricht in noch viel höherm 
Grade dieses Ziel, damit es später von ilhuen nicht heisse: „Du bist ein Schwach- 
sinniger, deine Sprache verrät dich.“ „Gebt daher den Kindern vor allem 
‘Dingen die Sprache auch deshalb, weil das Wort den Gedanken weckt.“ Jemand, 
(der auf eine an ihn gerichtete Frage in der Konversation fliessend und artikuliert 
zu antworten weiss, dem nicht die Antworten fast Wort für Wort aus dem 
Munde. gezogen werden müssen, der vielmehr seine Gedanken in einen voll- 
ständigen Satz zu kleiden versteht, wird erfahrungsgemäss vom Laien für geistig 
'höher stehend gehalten, als er es manchmal in Wirklichkeit ist, davon kann 
'wobl jeder. Hilfsschullehrer ein Liedcheu singen. Darum möge die Hilfsschule 
das artikulierte Antworten in ganzen Sätzen, das obendrein auch ein 
nicht zu unterschätzendes Zuchtmittel für den schwachen Willen ist, von Anfang 
bis Ende als einen äusserst wichtigen Punkt behandelu, wie sie-denn überhaupt 
kein Mittel verschmähen soll, das dazu angetan ist, den geistigen Standpuukt 
der Zöglinge in den Augen der Leute so hoch wie nur möglich erscheinen zu 
lassen. Es gibt viele Dinge, die dem normalen Kinde, wie schon angedeutet, 
im Laufe der Jahre ohne Hilfe eines andern klar werden, die aber dem schwach- 
‚begabten Schüler zu erklären und mit ihm zu üben sind, soll er nicht von seinen 
Mitmenschen als minderwertig angesehen und — wie es leider oft der Fall 
ist — darnach mit einer gewissen Missachtung, um nichts Schlimmeres zu sagen, 
behandelt werden. Dazu gehört unter anderm die Vermittelung der Fertigkeit. 
die Zeit von der Uhr, das Datum vom Kalender abzulesen und Rechenschatt 
davon abzulegen, was einer nach einer vernünftigen Zeiteinteilung im Laute des 
Tages, der Woche, des Monats und des Jahres gearbeitet hat. Ebenso schwer 
wie wichtig ist in dieser Hinsicht für unsere Schüler die Kenutnis der Verwandt- 
schaftsgrade, und deshalb auch das Verstäuduis für ihren Lebenslauf, in dem 
meist nur das persönliche Ich, häufig allerdings ohne klares Ichbewusstsein, die 
Hauptrolle spielt. Um nun den Blick des Schwachbegabten von sich auf seine 
Umgebung zu lenken, es mit dieser denken und fühlen zu lehren, muss er zu- 


27 


nächst wissen, wann und wo er geboren und getauft worden ist, wie Vater, 
Mutter, Brüder, Schwestern, Grossvater, Grossmutter, Onkel, Tante, Vettern, 
Basen u. a. heissen, was sie tun, wo sie wohnen, wo der Schüler schon gewohnt 
hat, wo er jetzt wohnt, wo er in der Schule gewesen ist, wie seine Lehrer 
heissen und dergleichen Angaben mehr. Der Verkehr mit andern Menschen ist 
wiederum zum Ausgangspunkt einer besondern Übung zu machen, dementsprechend 
werden die Schüler geschult im Bestellen, Fragen, Besorgen von Aufträgen und, 
was ganz besonders wichtig ist, im Hantieren mit Münzen. Abstraktes Rechnen 
und Gebrauch der Münzen ist grundverschieden; wir erinnern nur an die Tat- 
sache, dass der Krämer, wenn er für 85 Pfennig verkauft hat und mit einer 
Mark bezahlt wird, zu 85 Pfennig addiert, indem er sagt 85 und 5 und 10 Pfennig; 
darum sagt er auch, dass er auf 85 Pfennig herausgibt. Desgleichen rechnet 
kein Mensch im praktischen Leben, der 1,45 Mk. besitzt und für 60 Pf. gekauft 
hat, 1,45 Mk. — 0,60 Mk. = 85 Pf., sondern er lässt die 0,45 Mk. im Geld- 
beutel, bezahlt mit dem Markstück und legt die 0,40 Mk. zu den 0,45 Mk. in 
die Börse, macht zusammen 0,85 Mk. Das sind nur einzelne Fälle. Darum 
gestalte sich — mit einem Worte — aller Unterricht so, wie das Leben in 
kleinen Verhältnissen sich tatsächlich abspielt, er sei also praktisch im Stoff 
und in der Art und Weise der Darbietung des Stoffes. Um so befremdlicher 
wird es nach dieser Forderung manchem Leser vorkommen, wenn er hört, dass 
wir nicht so begeisterte Anhänger des Handfertigkeitsunterrichtes für Knaben in 
der Hilfsschule sind, wie man das wohl erwarten könnte. Aber wir stehen ihm 
bloss feindlich gegenüber da, wo er während der schulplanmäßigen Stunden auf- 
tritt. Unseres Erachtens erfordert dieser Unterricht, soll etwas Erkleckliches 
dabei herauskommen und die geschehene Arbeit nicht zu drei Vierteln auf das 
Konto des Handarbeitslehrers gesetzt werden müssen, viel zu viel Zeit, die sich 
weit besser auf nützlichere Dinge verwenden liesse. Ein Schreib- und Zeichen- 
unterricht, der zur Aufmerksamkeit erzieht, der Auge und Hand in gehörige 
Zucht nimmt und dadurch für den Lehrer zum schwersten Unterrichte wird, 
der dabei praktische Bedürfnisse stets berücksichtigt, kommt dem Hilfsschüler 
ungleich mehr zu gute, vorausgesetzt, dass er ihn auch auf Schritt und Tritt 
zur Selbständigkeit auf Grund reger Selbsttätigkeit erzieht. Als Beschäftigung 
ausserhalb der Schulzeit lassen wir den Handfertigkeitsunterricht gerne gelten, 
ja wir möchten sogar wünschen, dass recht vielen Hilfsschülern Gelegenheit ge- 
geben würde, durch ihn vor einem süssen Nichtstun bewahrt zu bleiben. „Aber 
fortwährende Geisteszucht in der Schule ermüdet doch einmal den Schüler und 
anı ehesten die Kinder, die bezüglich ihres Gehirns und ihrer Nerven nicht zu 
den stärksten zählen,“ so hören wir die Anhänger des Handfertigkeitsunterrichtes 
sagen, „da muss doch für ein Gegengewicht gesorgt werden.* Ganz recht, das 
wollen wir auch und vielleicht keiner mehr als wir, aber nicht durch Arbeit, 
bei welcher der schwache Geist sich wieder sehr. zusammennehmen muss, soll 
sie gut werden, sondern durch frisches, fröhliches Spiel, das dem Kinde am 
meisten zusagt und ihm am ehesten auch wieder neuen Sauerstoff, neues 
Leben und, was gewiss nicht am geringsten anzuschlagen ist, neue Arbeitslust 





28 


einhaucht. Und das letztzenannte Ziel halte aller Unterricht in der Hilfsschule 
als ein unverrückbares fest im Auge, den schwachen Geist schaffensfroh und auch 
beweglich zu machen, ihn auf alles aufmerken, um sich schauen und beobachten 
zu lehren, indem man immer der Sache auf den Grund geht und’ nieht in. der 
falschen Meinung, dem schlecht verdauenden Geiste gebühre nur die leichteste 
Kost, oberflächlich bleibt, wodurch dann sein Denken gar nicht angeregt wird. 
Die Hilfsschule ist durchaus keine Warteschule oder Bewahranstalt, sondern eine 
Schule irs Leben, und da die Schule des Lebens den Geist unserer Schwach- 
begabten auch nieht immer mit Sammelpfötchen anfasst, söndein des öftern 
recht grosse Auforderungen an ibn stellt, so hat die Vorbereitungsanstalı diesem 
Uıinstande Rechnung zu tragen, indem sie ihre Schüler auch Hindernisse, aber 
keine unüberwindlichen, nehmen lehrt und nach dem Gelingen mit ihrem Lobe 
nicht kargt, um zu weiterer ‚Schaffensfreude zu begeistern. Schwierigkeiten 
müssen selbstverständlich eine nach der andern gehoben werden, das: ist klar, 
aber stets peinlich darauf bedacht sein, dass der schwache Geist — man verzeihbe 
den Ausdruck — sich nicht an einen Stein stosse, das heisst ihn unselbständig 
und bange machen.- Auch in der Hilfsschule ist’s Lust und Leben, wenn’s von 
allen Zweigen schallt. Dazu bedarf es jedoch eines Lehrers, der in diesem 
'Konzerte mit weitschauendem Blicke seines Amtes als Kapellmeister waltet, die 
einzelnen Stimmen zu richtiger Zeit heranzieht, zu lebhafterm Tempo ermuntert 
und zu mächtige Stimmen an der richtigen Stelle auf das gesetzliche Maß ab- 
dämpft. Ja, ein solcher Unterricht erfordert einen ganzen Mann, einen Lehrer, 
gesund an Körper, Herz uud Geist, der, was methodische Durchbildung und 
unterrichtliches Geschick betrifft, zu den besten seines Stammes gehört, der seine 
Person hinter das Wohl seiner Schüler zurückzudrängen versteht. Wo besserer 
Lohn oder glänzende Erfolge die Triebfedern des unterrichtlichen Wirkens an der 
Hilfsschule sind, da genade Gott den armen Kindern. Wohltaten, still und 
rein gegeben sind Tote, die im Grabe leben, sind Blumen, die im Sturm be- 
stehn, sind Sterne, die nicht untergehn. So seis auch hier; andernfalls ist es 
viel edler, frei und frank zu erklären, wie es mir gegenüber ein früherer Hilfs- 
schullehrer, dem unsere Arbeit nicht mehr behagte, tat: „Ich bin froh, dass 
ich aus dem Dreck heraus bin.“ Wem aber der Geist des schwachbegabten 
Kindes ein Buch mit sieben Siegeln ist, die er zu lösen erstrebt durch ein- 
gehende Beobachtung, durch gute Fachwerke, durch lebendigen geistigen Verkehr 
mit Fachgenossen, nicht zuletzt aber auch durch eise sorgfältige Vorbereitung 
auf den Unterricht inbetreff der Zurechtlegung des Stoffes als auch der Art uud 
= Weise, wie dieser dem schwachen Geiste zugänglich gemacht wird, der ist der 
rechte Maun am rechten Platze, falls ihm ein menschlich fühlendes Herz im 
Busen wohnt. Auf Rosen gebettet ist er freilich nieht, wenn auch der eine oder 
andere Amtsgenosse von der Volksschule glauben mag, die Stelluug des Hilfs- 
schullehrers sei eine Sinekure. Alles schon da gewesen, doch wohl mehr aus 
Unkenntnis der Verhältnisse als aus böser Absicht! Wer darum Ohren hat, zu 
hören, der höre: „Mit unerbittlicher Konsequenz ein furchtbar schwer, vielleicht 
gar nicht zu erreichendes Ziel verfolgen unter Anstrengung aller Körper- und 


29 


Willenskraft, dabei sehr häufig gegen die unverzeihlichste Gleichgiltigkeit kurz- 
sichtiger Eltern und, was noch mehr wehe tut, gegen falsche Ansichten über die 
Arbeit und die Leistungen der Hilfsschule, von der sie nun goldene Berge für 
den Geisteszustand ihres Lieblings erwarten, ankämpfen müssen, das ist harte, 
entnervende Arbeit, die eber allseitiger Anerkennung als nichtsnutziger Ver- 
kleinerung wert ist.“ Sie wird daher auch um so freudiger geleistet werden, je 
mehr gutgesinnte Menschen, nicht zuletzt ihre Behörden dem uneigennützigen 
Wirken eine warmherzige Teilnahme und das verdiente Lob nicht vorenthalten. 
Auch der Hilfsschullebrer ist ein Mensch, nil humani ei alienum est: er, der so 
wenig grosse Erfolge im Vergleich zu andern Lehrern siebt, dem nicht die hellen 
Augensterne geistig regsamer Kinder — welch eine Entbehrung — entgegen- 
leuchten, bedarf zur Erhaltung seiner Berufsfreudigkeit neben so vielem anderm 
im gleichen Grade mehr der Aneıkennung wie seine Schüler des Lobes gegen 
normale Schüler. Getragen von dem Vertrauen seiner Vorgesetzten ist er zu 
diesem verantwortungsvollen Amte berufen worden, nnd dieses Vertrauen zu 
rechtfertigen, sei seine heiligste Pflicht. Dies kann er dann nicht, wenn ihm 
ein gerütteltes und geschütteltes Maß von Freiheit bezüglich seines Unterrichtes 
versagt bleibt, wenn er im Gegenteil eingezwängt wird durch Lehrpläne, die bis 
ins kleinste ihm den Stoff vorschreiben und ihn zu schnellerm Weitergehen 
drängen, durch Stundenpläne, von denen er nicht abweichen darf, ohne den Zorn 
des gestrengen Herrn Revisors auf sich herabzubeschwören. In der Bewegungs- 
freiheit liegt eben ein gutes Stück unseres Erfolges begründet, nicht minder aber 
darin, dass weniger nach den Resultaten als nach dem Muß und der Art der 
Arbeit geurteilt und beurteilt wird. Es ist nicht immer für den Hilfsschullehrer 
ein Lob, wenn ihm gesagt wird, dass er Vorzügliches erzielt habe; daran können 
mancherlei günstige Urteile schuld sein, und dazu kann er es auf Kosten der 
Ehrlichkeit und der Gesundheit seiner Schüler erreicht haben. Aber immer 
lässt bei treuem Arbeiten die Bemerkung, dass zu wenig geleistet worden sei, 
eine Wunde im Herzen zurück, die nicht leicht vernarbt und die Wurzel einer 
schnell wachsenden Erlahmung der Berufstreudigkeit wird. Wie mancher Schweiss- 
tropfen, manche Enttäuschung, wie viel Konsequenz hängt nicht bei uns schon 
an dem geringsten Erfolge. Ja, nur die Eingeweihten wissen es, welche Unsumme 
von Arbeit in der Hilfsschule hinter einer gelungenen Sache liegt. Darum 
entspreche der Lohn jeder Art dem Aufwand an Mühe, und da die Arbeitskraft 
des Hilfsschullebrers schneller verbraucht ist trotz geringerer Stundenzahl, trotz 
der kleinen Anzahl Schüler und trotz der winzigen Menge von Korrekturen, so 
ist sein Wunsch kein unberechtigter oder gar unbegründeter, wenn er bittet, dass 
ihm die gewährte persönliche Zulage zu seinem Gehalte beim Eintritt in den 
Ruhestand auch angerechnet werde. Dieser Ausblick wird ihn neben der Liebe 
zu seinen Geisteschwachen hinausheben über manche Widerwärtigkeiten in seinem 
Berufsleben und ihn anspornen immer tiefer einzudringen in die Geheimnisse 
des schwachen Geistes und in die Kunst, ihn nach den angegebenen Prinzipien 
wirkungsvoll unterrichtend zu belehren und zu erziehen. Reichen sich aber erst 
alle Faktoren, die dem Unterrichte Schwachbegabter gesetzt sind, brüderlich die 


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Hand, dann. wird er sicherlich das erzielen, was von ihm billigerweise gefordert 
werden kann: Ungeteilte Aufmerksamkeit, die den Schüler zum sichern Erfassen 
der Tätigkeiten seines Lebensberufes befähigt, das Bewusstsein, etwas zu können 
und ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden zu wollen, 
daher das ernste Streben, sich selbst zu ernähren, frisches, fleissiges Arbeiten mit 
einem Verstande und einem Willen, die an Zucht gewöhnt sind, altes in allem 
ein Dasein, dessen er sich nicht zu schämen braucht, das häufig genug andere, 
die mit ihren Talenten nicht gewuchert haben, beschämt, ein Dasein, das ihn 
unter den erwerbsfähigen Menschen leben lässt, ihn, der ohne den Unterricht 
in der Hilfsschule vielleicht seine Tage im Armen- oder Pflegehause hätte 
verbringen müssen. 


Beiträge zur Geschichte der Heilpädagogik. 


Mitgeteilt von Schulrat H. E. Stötzner. 
Ä IV. Ä 
Von der Idioten-Anstalt zur Hilfsschule für Schwachsinnige. 


Ostern 1855 verliess ich die Hubertusburger Anstalt, um in Leipzig als 
„überzähliger“ Lehrer in die Taubstummen-Anstalt einzutreten. Man begann 
hier die Schüler nach ihrer Begabung in sogenannten A- und B-Klassen zu 
unterrichten und ich hatte nun Jie Aufgabe B-Klassen, also solche, die mit 
schwachbefähigten ‚Schülern besetzt waren, zu führen. Während meiner mehr 
als dreissigjäbrigen Wirksamkeit an der Leipziger Taubstummen-Anstalt habe 
ich auch mit wenigen Ausnahmen fast nur schwachbegabte Taubstumme zu 
unterrichten gehabt. 

Bald nach meimem Eintritte in die Anstalt kam Dr. Guggenbühl nach 
Leipzig. In den Zeitungen erschienen Nachrichten über den Abendberg, die 
bedenkliche Dinge berichteten. So hatte auch die in Leipzig erscheinende, von 
Dr. Kühne redigierte vielgelesene Wochenschrift „Europa“ einen umfangreichen 
Artikel gebracht: „Die Enthüllung der Kretinenheilanstalt auf dem Abendberge‘“, 
in welchem gesagt wurde, dass diese Anstalt wenig anderes als eine grossartige 
Ausbeutung der Wohltätigkeit Europas zu Guggenbühls Nutzen se. Guggen- 
bühl wollte nun die Presse beruhigen. Er besuchte verschiedene Redaktionen, 
auch den Dr. Kühne, aber mit wenig Erfolg. Während seines Leipziger Auf- 
enthalts hatte er auch erfahren, dass neuerdings an der Taubstummen-Anstalt 
ein junger Lehrer angestellt worden sei, der früher an einer Idioten-Anstalt 
unterrichtet habe. So kam er nun auch zu mir und suchte mich zu bereden, mit 
ihm als Lehrer auf den Abendberg zu gehen. Guggenbühl war eine ge- 
winnende Persönlichkeit. Mit begeisterten Worten schilderte er mir die Schön- 
heiten des Abendberges und das Familienleben seiner Anstalt. Die Anstalt 
solle erweitert werden, auch eine Kirche werde gebaut. Ich erklärte ihm aber 
aufs bestimmteste, dass ich die erst vor kurzem angetretene Stellung nicht auf- 
geben wolle. So schieden wir voneinander. Wenige Jahre später, 1858, erfolgte 
der Zusammenbruch von Dr. Guggenbühls Anstalt. Die Anklagen gegen 


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‚dieselbe mehrten sich derartig, dass, besonders auf Anregung des englischöh 
Minäisterresidenten Gordon in Bern, die Regierung eine Untersuchung einleitete 
und zwei Ärzte damit beauftragte. Der vou diesen Herren, Dn A. Vogt und 
Dr. Verdat, am 23. April 1858 abgegebene Bericht bestätigte jene Anklagen. 
Die vorgefundenen 18 Zöglinge waren zwei Mägden zur Pflege überwiesen. 
Dr. Guggenbühl war, wie jedesmal im Winter, auf einer längeren Erholungs- 
reise begriffen, so dass alle und jede ärztliche Behandlung fehlte. Eine Lehrerin 
war erst seit vierzehn Tagen anwesend. Die Wohn- und Schlafräume waren 
ungenügend ventiliert, unreinlich gehalten und nicht ausreichend. Ein Kranken- 
journal fehlte, ebenso ein Verzeichnis der Zöglinge. Der Ökonom, welcher die 
Herren in der Anstalt herumführte, wusste nicht einmal, wieviel Pfleglinge da 
waren. Badezimmer, Krankenstube, Turnraum befanden sich in solchem Zustande, 
dass sie gar nicht benutzt werden konnten. Ein Anbau von etwa zwölf Zimmern 
und einer Kirche mit bemalten Glasfenstern war noch im Werden begriffen und 
konnte demnach noch nicht benutzt werden. Weder zur Heilanstalt noch zur 
Pflegeanstalt waren somit die notwendigsten Bedingungen vorhanden. Ein Arzt 
aus Schottland, welcher sich zurzeit in Interlaken aufbielt, machte der Kommission 
noch folgende Mitteilungen: Er hatte im Herbst seinen kranken Sobn mit einer 
Wärterin noch bei Anwesenheit des Dr. Guggenbühl gegen eine Pension von 
2500 Fr. der Anstalt übergeben. Guggenbühl reiste dann ab mit der Angabe, 
eine kurze Erholungsreise machen zu wollen. Vor seiner Abreise entliess derselbe. 
das ganze Wartepersonal der Anstalt bis auf eine zwanzigjährige Magd. Da er 
nach acht Wochen noch nicht zurückgekehrt war, fand es der Vater für gut, 
seinen Sohn wieder zurückzunehmen. Er klagte sehr über die Unreinlichkeit- 
und die mangelhafte Pflege, welche während dieser Zeit den Pfleglingen zu teil 
wurde. Ja, die berühmte Heilanstalt hatte zur Sommerszeit, wenn ein reiches, 
schaulustiges Publikum zu eıwarten war, ein ganz anderes Kleid, als zur Winters- 
zeit, in welcher Dr. Guggenbühl auf Reisen ging. Infolge dieser Berichte 
erklärte die im August desselben Jahres tagende Schweizerische Naturforscher- 
Gesellschaft, dass sie dem Dr. Guggenbübl alle fernere Unterstützung und 
Teilnahme entziehe. Damit war Guggenbühl als Charlatan gebrandmarkt 
worden. Wohl versuchte er sich noch zu verteidigen; aber sein Wort galt nicht 
mehr und die Anstalt auf dem Abendberge ging ein. 1863 ist Guggenbühl 
in Montreux im Alter von 47 Jahren gestorben. Er soll ein Vermögen von 
600 000 Fr. hinterlassen haben. | 

Jetzt ist der Abendberg Fremdenstation geworden. Als ich 1897 mit meinem 
Sohne Interlaken besuchte, unternabmen wir auch einen Ausflug auf den Abendberg. 
Der zweistündige Weg fülrt fast immer im Wald an der Heimwehfluh vorüber, 
jenem wunderherrlichen Aussichtspunkte, von dem aus man Interlaken mit seiner 
schönen Ungebung und den Thuner- und Brienzersee erblickt. Was ich über 
die Schönheit des Abendberges gehört und gelesen, fand ich reich bestätigt. 
Auf sanft ansteigenden mit üppigem Grün bekleideten Matten lagen zerstreut 
verschiedene Sennhütten. Das Glockengeläute der Herden klang herüber und vor 
uns, in der Richtung nach dem Lauterbrunner Tal erhoben sich in blendendem - 


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Weiss die Spitzen der Jungfrau und ihrer Umgebung, Es war überwältigend 
schön. Die ehemalige Kretinenbeilanstalt ist in eine Molkenkuranstalt und zur 
Fremdenstation umgewandelt worden. Die Gebäude sind unverändert geblieben. 
‚Es waren, wie mir der gegenwärtige Besitzer, der das Grundstück von Guggen- 
bühls Erben erworben hat, erzählte, nur im Innern kleine Baulichkeiten vor- 
genommen worden. So fand ich das Äussere noch 80, wie es mir einst Guggen- 
bühl geschildert hatte; aucb im Anbau die Kapelle mit den bunten Glasfenstern 
war da; es ist aber darin nach Mitteilung des jetzigen Besitzers niemals Gottes- 
dienst gehalten worden. Die Stunden, die ich vor mehr als vierzig Jahren in 
Leipzig mit Guggenbühl verlebt, traten klar vor meine Seele. Ich stand in 
dem Zimmer, dessen Wände einst mit Diplomen und Ebrenzeugnissen aus allen 
Ländern geschmückt waren. Hierher wnrden die Besucher zuerst geführt und 
von Guggenbühl empfangeu und für die Mehrzahl bildeten diese Augenblicke 
den Höhepunkt ihres Besuchs auf dem Abendberge.. Die Anstalt wurde zur 
Nebensache. Man hatte die schöne Aussicht bewundert und den berühmten 
Mann gesehen und von ibm gehört, was er alles für die armen Kretinen und Blöd- 
sinnigen in Zukunft tun wolle. Es galt nun noch eine mehr oder weniger reiche Opfer- 
spende für diese Zwecke niederzulegen und hochbefriedigt zog man dann weiter. — 
In Interlaken ist Guggenbühls Name verschollen. Ich suchte über ihn Aus- 
kunft zu : rhalten; aber niemand wusste etwas von ihm und seiner Tätigkeit. 
„Versunken und vergessen* das ist dort sein Los. War er ein Schwindler? 
Von Anfang an gewiss nicht. Er wollte chrlich helfen; aber die Erfolge blieben 
so gering, dass sie ihn nicht befriedigen konnten. Die grosse Menge dagegen 
war schon mit seinem guten Willen zufrieden. Sie feierte ihn, der eben erst die 
Hand an den Pflug gelegt hatte, als Wohltäter der Menschheit. Da stieg ihm 
der so unverdient kommende Weihrauch zu Kopfe und nun wurde er ein Schwindler- 
und sein Tun wurde zur persönlichen Geld- und Ehrenspekulatior, eine absicht- 
liche Täuschung der heiligsten Eitern- und Menschengefühle. Weiteres hierüber 
babe ich in meinem Schriftchen: „Altes und Neues aus dem Gebiete der Heil- 
pädagogik.*“ Leipzig 1868, mitgeteilt. Unbestritten bleibt es aber Guggen- 
bühls grosses Verdienst, dass er zuerst die Aufmerksamkeit des grossen ge- 
bildeten Publikums auf die Kretinen- und Idiotenbildung gelenkt hat, aber ebenso 
wahr ist es auch, dass gerade er in seinem späteren Wirken dieser Angelegen- 
heit empfindlich geschadet hat. War man erst. opferwillig, so wurde man nun 
nach solchem Schwindel um so kühler. | 

In der Schweiz war für längere Zeit alles Interesse für diese Sache ver- 
loren; in Deutschland dagegen hatten die gegebenen Anregungen doch festen 
Boden gewonnen. Zunächst nahm sich die Innere Mission in dankenswerter 
Weise der Idiotenpflege- und Bildung an, dann aber beschäftigten sich auch 
Ärzte und Pädagogen ernstlich mit dieser Angelegenheit, so Dr. Kern und 
Dr. Kind aus Möckern bei Leipzig, Dr. Heyer in Berlin, . Sanitätsrat 
Dr. Erlenmeyer in Bendorf und Medizinalrat Dr. Brandes in Hannover. 
Die drei Erstgenannten waren ursprünglich Leiter und Lehrer an Idioten-An- 
stalten. In Hiugabe an ihren Beruf hatten sie, bereits in reiferen Lebensjahren 


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stehend, noch Medizin studiert. Es galt besonders, die übermässigen Erwartungen, 
welche das Publikum durch Dr. Guggenbühl geblendet, in Betreff der Idioten- 
bildung hegte auf das richtige Mass herabzustimmen. Es brach sich immermehr 
der Gedanke Bahn: Nachhaltige Erfolge sind nur bei Idioten geringeren Grades, 
bei Schwachsinnigen, zu erzielen. Hieran schloss sich nun die Forderung neben 
den Idioten-Anstalten besondere Schulen für solche Kinder zu errichten. Im 
November 1863 sprach Dr. Kern in einem in der pädagogischen Gesellschaft 
zu Leipzig gehaltenen Vortrage über Erziehung und Pflege blödsinniger Kinder 
den dringenden Wunsch aus, dass in Leipzig eine Schule für Schwachsinnige 
ins Leben treten möge und die Gesellschaft beschloss einstimmig, die Gründung 
einer solchen Schule anzustreben. Auch ich hatte mich vielfach mit der Frage 
beschäftigt, wie eine Schule für Schwachbefähigte (Schwachsinnige) praktisch zu 
gestalten sei, so dass bald nach Dr. Kerns Vortrage mein Schriftchen: Schulen 
für schwachbefähigte Kinder. Erster Entwurf zur Begründung derselben. Leip- 
zig und Heidelberg, C. F. Wintersche Verlagshandlung 1864, „allen Schnl- 
behörden ans Herz gelegt“, zur Ausgabe gelangte. Ich schilderte darin die un- 
glückliche Lage schwachsinniger Kinder in der Volksschule und zeigte die Not- 
wendigkeit solcher Schulen. Dann gab ich in kurzen Umrissen einen vierstufigen 
Unterrichtsgang für die „Nachhilfeschule“. Das Schriftchen fand in den weitesten 
Kreisen Anerkennung. Es gipfelte in dem Satze: „In allen grösseren Städten 
gründe man Schulen für schwachbefähigte Kinder, damit diese, die später zum 
grossen Teile der Gemeinde zur Last fallen, durch geeignete Persönlichkeiten 
und entsprechenden Unterricht zu brauchbaren Menschen herangebildet werden.* 
Im ‚Jahre 1865 hatte sich bei Gelegenheit der allgemeinen deutschen Lebrer- 
versammlung zu Leipzig namentlich auf Anregung von Dr. Kern eine heil- 
pädagogische Sektion gebildet, die sich später als „Gesellschaft zur Förderung 
der Schwach- und Blödsinnigen-Bildung“ konstituierte.e Noch in demselben Jahre 
tagte diese Gesellschaft von: 18. bis 20. September in Hannover, um die Idioten- 
bildungsfrage näher zu erörtern. Ich wurde vom Leipziger Rate dorthin. ent- 
sendet. Fast alle Anstalten Deutschlands, auch die Schweiz, Belgien und Däne- 
mark waren durch Ärzte. Geistliche, Vorsteher und Lehrer vertreten, sodass 
über sechzig 'Ceilnehmer den Versammlungen beiwohnten. Da die Gesellschaft 
zum ersten Male zusammentrat, so zeigte diese Anzahl von dem tiefen Interesse, 
welches diese Fragen wieder gewonnen hatten. Näheres über diese Versammlung, 
der ersten ihrer Art, findet sich in meinem Schrifteben: Altes und Neues aus 
dem Gebiete der Heilpädagogik. Leipzig 1868. Ich bemerke hier nur noch, 
dass ich am dritten Verszammlungstage die Ehre hatte, der Gesellschaft meine 
Ideen über Schulen für schwachsinnige Kinder vorzutragen. Es knüpfte sich 
hieran eine lebhafte Debatte, in der man die hohe Bedeutung des Gegenstandes 
vollkommen erkannte. Man machte aber auch geltend, dass für die bestehenden An- 
stalten eine Gefahr darin liege, dass ihnen dann die bildungsfähigen Kinder entzogen 
und sie mehr zu Versorg- und Pfleg-Anstalten herabgedrückt würden. Schliess- 
lich einigte sich aber die Versammlung in der Annahme des Satzes: „In allen 
grösseren Städten gründe man für zurückgebliebene Kinder, soweit sie nicht 


34 


Idiotenanstalten zuzuweisen sind, besondere Schulen, damit. diese, die später zum 
grossen Teile der. Gemeinde zur Last fallen, durch geeignete Persönlichkeiten 
und entsprechenden Unterricht zu brauchbaren Menschen herangebildet werden.“ 
Die Annahme dieses Satzes blieb das einzige Resultat der Hannoverschen Ver- 
sammlung, die erst im Jahre 1874 in Berlin als Konferenz für das ldiotenbildungs- 
wesen wieder auflebte. Ich ward nach meiner Rückkehr von Hannover.vom Rate auf- 
gefordert, einen eingebenden Plan zur Errichtung einer Nachhilfeschule in Leipzig 
einzureichen. In diesem Schriftstücke behandelte ich die Schüler, das Lehrpersonal, 
die Räumlichkeiten, den Unterrichtsegang, die Unterrichtsmittel und die Beaufsichti- 
gung dieser Schule. „Da den Hauptbestandteil dieser Schule die Kinder der unteren 
Volksklassen bilden werden, in denen wegen Armut der Eltern von zweckmässiger 
Ernährung, gesunder Wohnung und sorgfältiger häuslicher Erziebung meist nicht die 
Rede ist, so soll die Schule sich zur Bewahranstalt erweitern, indem sie. den Kindern 
den Tag über die nötige Nahrung bietet; und falls es sich als dringende Not- 
wendigkeit herausstellt, ein Kind bei Tag und Nacht guten Händen: zu über- 
geben, soll dasselbe im städtischen Waisenhause untergebracht werden und von 
da aus die Nachhilfeschule besuchen.“ Das war nun für den Anfang zu viel 
verlangt. Wohl war der Rat der Sache günstig gestimmt, auch die Lehrerschaft 
und hervorragende Ärzte nahmen sich warm derselben an; aber die damaligen 
Stadtverordneten lehnten widerholt die Vorlagen des Rates als zu weitgehend ab. 
Nun kamen die Kriegsjabre 1866 und 1870—71, welche selbstverständlich diese 
Angelegenheit in den Hintergrund drängten. Erst am 19. November 1881 wurde 
eine Schwachsinnigenklasse eröffnet und mit deren Leitung der in pädagogischen 
Kreisen rühmlichst bekannte Direktor Karl Richter beauftragt. Besseren 
Händen konnte die junge Schule nicht übergeben werden. — Unter Richters 
bewährter. und umsichtiger Führung hat sich nunmehr die Leipziger Schwach- 
sinnigenschule zu einer allgemein anerkannten Musteranstalt entwickelt, in der 
jetzt 132 Knaben und 87 Mädchen in 14 gemischten Klassen von 15 Lehrern 
und 1 Lehrerin unterrichtet werden. Ausserdem befinden sich in den Vororten 
Plagwitz und Gohlis 6 gemischte Klassen mit mehr als hundert Schülern. 
Direktor Richter ist jetzt in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Sein 
langjähriger Mitarbeiter R. Böttger ist sein Nachfolger geworden. So wird 
die Schule in der bewährten Weise weiter geführt werden. Die frühere Be- 
zeichnung Schwachsinnigenschule ist jetzt in die milder klingende „Hilfsschule 
für Schwachbefähigte‘“‘ umgeändert worden. Auf der Weltausstellung zu St. Louis 
hat diese Schule den grussen Preis erhalten. Eine eingehende Darstellung der 
Entstehung dieser Schule ist in Richters Sohriftchen: Die Leipziger Schwach- 
sinnigenschule nach ihrer Geschichte und Entwickelung, Leipzig 1893, Max 
Hesses Verlag, zu finden. 

Dresden hat den Ruhm, in Deutschland den ersten Schritt zur Errichtung e einer 
Nachhilfeschule getan zu haben. Ein Dresdner Lehrer, Steuer, hatte 1865 der Ver-- 
sammlung in Hannover beigewohnt, meinen Vortrag angehört und dann zu 
Hause darüber Bericht erstattet. Die Schulbehörde nahnı hiervon Keuntnis und 
erklärte sich zur Errichtung von je einer Klasse mit zwei Abteilungen in Alt- 


35 


und Neustadt - bereit.” Am 16. September 1865 wurde in Dresden-Altstadt die 
erste selbständige Klasse für schwachsinnige Kinder in Deutschland eröffnet. 
Der erste Lehrer Pruggmayer wirkt heute noch segensreich áls Oberlehrer. an 
dieser Schule. Im Januar 1868 wurde in Dresden-Neustadt eine Klasse für 
Schwachsinnige eröffnete und mit deren Führung der damalige Hilfslehrer 
Wilhelm Schröter betraut, der sich später um die Weiterentwicklung dieser 
Angelegenheit als Direktor einer Privatanstalt und als Dresdner Stadtrat, namentlich 
aber durch Herausgabe der bereits im 24. Jahrgange stehenden Zeitschrift für die 
Behandlung Schwachsinniger und Epileptischer, Organ der Konferenz für das 
Idiotenwesen, wesentliche Verdienste erworben hat. Im Jahre 1891 wechselte 
auch diese Schule ihren Namen. Da viele Eltern-mit der Bezeichnung „Schule 
für Schwachsinnige“ unzufrieden waren, da dieselbe für sie und ihre Kinder 
einen Schimpf enthalte, so wurde die Schule offiziell „Nachhilfeschule* genannt. 
Neuerdings sind auch für die katholischen Schulen Dresdens besondere Veran- 
staltungen für die Erziehung schwachsinniger Kinder getroffen worden, sodass 
katholische Schüler die Nachhilfeschule nicht mehr besuchen. Über das Werden 
und Wachsen dieser Dresdner Schule berichtet eingehend die Schrift: „Die Nach- 
bilfeschule zu. Dresden-Altstadt nach ihrer Entstehung und ihrem Ausbau und 
dem jetzt geltenden Lehrplane.“ Herausgegeben von Direktor P. Tätzuer und 
Oberlehrer E. Jul. Pruggmayer, Dreslen, Johannes Pässler. 

Der Gedanke, durch besondere Schuleinriehtungen schwachsinnigen Kindern 
Hilfe zu bringen, brach sich nun auch in anderen Städien Bahn. 1876 wurden 
in Gera, 1877 in Apolda, 1879 in Elberfeld Nachhilfeschulen eingerichtet. In: 
letztgenannter Stadt nahm sich besonders der Stadtschulrat Dr. Boodstein 
energisch dieser Angelegenheit an. In gleichem Jahre, wie in Leipzig, also 
1881, wurde in Braunschweig eine Hilfsschule eröffnet. Hier übernahmen die 
Führung der Sanitätsrat Dr. Berkhan und der Lehrer Kielhorn. In Wort 
und Schrift haben diese beiden Männer sich grosse Verdienste um die Ausge- 
staltung dieser Schulen erworben. Neben der Konferenz für das Idiotenbildungs- 
wesens bildete sich nun eine neue Vereinigung, der Verband der deutschen Hilfs- 
schulen, und der erste Verbandstag fand unter dem Vorsitze des Stadtschulrates 
Dr. Wehrhahn im April 1898 in Hannover statt. Mein 1865 in Hannover 
ausgesprochener Wunsch, dass man in allen grösseren Städten solche Schulen 
errichten möchte, ging in Erfüllung. 1898 berichtete Wintermann, der Leiter 
der Hilisschule in Bremen, in seiner Statistik des Hilfsschulwesens Deutschlands, 
dass bereits in 50 deutschen Städten 60 Hiltsschulen mit zusammen 198 Klassen 
bestehen in denen 4263 Kinder von 222 Lehrkräften unterrichtet werden. Seit 1898 
hat sich die Zahl dieser Schulen verdreifacht, so dass sich jetzt in etwa 160 Städten 
gegen 200 Hilfsschulen befinden*) Auch im Auslande, in der Schweiz, in 
Österreich-Ungarn, in Belgier, in Dänemark, Schweden und Norwegen entstehen 
solche Nachhilfeschulen oder Hilfsschulen, wie sie jetzt gewöhnlich genannt werden, 





*, Vergl.: Zur Geschichte und Literatur des Idiotenwesens in Deutschland. Von 
J. P. Gerhardt, Oberlehrer an den Alsterdorfer Anstalten bei Hamburg. 


36 


und aller Orten arbeitet man an ihrer Ausgestaltung und weiteren Entwickelung. 
In dieser Beziehung verdienen besonders die Einrichtungen des Schulrates 
Dr. Siekinger in Mannheim für Schulwesen volle Beachtung. In dankens- 
werter Weise bilden sich auch in verschiedenen Städten Fürsorgevereine 
für die aus der Schule entlassenen Schwachsinnigen, die sich die schöne 
Aufgabe stellen, ihnen auch später mit Rat und Tat zur Seite zu stehen in dem 
für sie so schweren Kampfe ums Dasein. Auch der Gedanke des Direktor 
Trüper auf Sophienhöhe bei Jena, alle die, welche für unglückliche Kinder 
Interesse haben, also auch die, welche an Taubstummen- und Blindenanstalten 
arbeiten, zu einem grossen Bunde zu vereinigen, wird sich verwirklichen. Gott 
segne alle diese Bestrebungen. 


Antwort 
auf die Entgegnung des Herrn Dr. Hopf-Potsdam betr. den systematischen 
Handfertigkeitsunterricht in Idioten-Anstalten. 


Nachdem der offizielle Bericht über die Stettiner Konferenz erschienen ist, 
darf ich nicht mehr länger zögern, Herrn Dr. Hopf mitzuteilen, dass er mit 
seinen Ausführungen in Nr. 12 der Zeitschrift vom vorigen Jahrgang an die 
falsche Adresse geraten ist, insofern ich bei der in Frage stehenden Debatte 
mit keinem Wort zu der von anderer Seite mehrfach zitierten Arbeit des 
Herrn Dr. Hopf Stellung nahm, wie dies auch aus dem Bericht der Stettiner 
Konferenz Seite 79—84 zu ersehen ist. Nun stützte sich Herr Dr. Hopf bei 
seinem Angriff auf einen in der Zeitschrift erschienenen Bericht des Herrn Kollegen 
Frenzel, in welchem allerdings mir diese fraglichen Bemerkungen — und 
zwar fälschlicherweise — in den Mund gelegt sind. Dafür kann Herr Dr. Hopf 
nun freilich nicht verantwortlich gemacht werden; allein der Vorwurf kann 
ibm nicht erspart bleiben, dass er in diesem Falle ganz aus der Rolle seines 
sonstigen „wissenschaftlichen Arbeitens“ gefallen ist, sofern er sich zu seinem 
Angriff voreilig durch einen „Privatbericht“ verleiten liess und nicht, wie 
es sonst Gepflogenheit bei liteıarischen „wissenschaftlichen“‘ Differenzen ist, den 
offiziellen Bericht abwartete. | 

Herr Dr. Hopf legt ein Hauptgewicht auf das Systematische des Hand- 
fertigkeitsunterrichts und will ihn genau nach Leipziger Vorbild erteilt wissen. 
Nun ist eg eine längst erwiesene Tatsache, dass Lehrer und Leiter von Hilfs- 
schulen und Erziehungsanstalten für Geistesschwache in jedem Pensum nicht 
nur den Stoff quantitativ begrenzen, sondern denselben auch. inhaltlich ihrem 
Schülermaterial. anzupassen suchen. Ja ich möchte nocb weiter gehen und be-- 
trefis der Gestaltung des Handfertigkeitsunterrichts in unserem Rahmen nicht 
nur von einer berechtigten Eigentümlichkeit, sondern von einer pädagogischen 
Notwendigkeit sprechen. Es ist also absulut nötir, auch den Handfertig- 
keitsunterricht unseren Schülern und unseren Verhältnissen anzupassen. Dies 
ist in einer Reihe von Hilfsschulen und Anstalten, welche mir bekannt sind, 
mit gutem Erfolg geschehen, ohne dass dieser Unterricht das Systematische mit 


37 


zeinem logischen Aufbau verloren hätte; im Gegenteil, er hat sich nach dieser 
Änderung für die Ausbildung unserer Schüler noch wirksamer erwiesen. Auch 
in Potsdam wurden dem Handfertigkeitsunterricht nach den Erklärungen des 
Herrv Direktors Dr. Kluge die psychologischen Prinzipien zugrunde gelegt, 
auf welche der Gutzmannsche Vortrag angelegeutlich Iinwies. 

Da aber die weiteren Ausführungen des Herrn Dr. Hopf in ihrem tenden- 
Jiös gefärbten Ton wenig geeignet sind, das friedliche Zusamnıenarbeiten von 
Medizin und Pädagogik zu fördern, so sei zu dieser Angelegenbeit noch 
folgendes bemerkt: 

Schon die Überschrift seines Artikels lautet befremdlich und herausfordernd: 
„Der systematische Handfertigkeitsunterricht, ein Glied ärztlicher Therapie 
in Idiotenanstalten.“ Wenn der systematische Handfertigkeitsunterricht von 
einem Lehrer in die Potsdamer Anstalten getragen ist nach den Grundsätzen 
des Lehrerseminars für Knabenbandarbeit in Leipzig unter sorgfältiger Be- 
rücksichtigung der krankhaften Eigenart der Knaben „durch einen Handwerks- 
meister“ (der noch in das genannte Seminar geschickt werden soll) „unterstützt 
von Pflegern,“ „an die Fıöbelarbeiten der Schnle anschliessend“ erteilt wird 
— so dürfte es kaum angehen, ihn als „ein Glied ärztlicher Therapie“ zu be- 
zeichnen, wenn es auch „der Arzt ist, der bestimmt, wer an dem Werkunterricht 
teilnehmen soll, und der in beständiger Fühlung mit dem Handwerksmeister 
steht“. Er ist vielmehr eben ein unter ärztlicher Beratung und Überwachung 
stattfindender Unterricht, ein Glied einer „mit psyobiatrischen Verständnis ge- 
leiteten Erziehung“, die nach Wildermuths Worten in Idioten-Anstalten die 
Hauptsache ist. Die von Herrn Dr. Hopf gewählte Bezeichnung entspricht 
aber der auch sonst wohl hier und da hervortretenden Tendenz, das Pädagogisclıe 
in der Idiotenbehandlung zu etwas Sekundärem zu steinpeln, damit die These ver- 
fochten werden kann: „Nur der Arzt gehört an die Spitze von Idioten- Anstalten“, 
während der Pädagoge sozusagen als „psychischer Masseur“*) in die Reihen 
des untergeordneten Pfiegepersonals einrückt — von dem Geistlichen, der die 
Anstalt am besten nur von aussen zu sehen bekommt, ganz zu schweigen. 

Zwar- ist es richtig, dass Herr Dr. Hopf nicht etwa übersieht, dass Hand- 
fertigkeitsunterricht schon längst und überall betrieben wird, wo man sich mit 
Schwachsinnigenbildung beschäftigt. Aber indem er das mehrfach als etwas 
ganz Selbstverständliches und ihm selbstverständlich Bekanntes hinstellt, geht 
er zugleich in einer Weise darüber hinweg, die zu dem Schlusse nötigt, dass 
nach seiner Ansicht erst jetzt dieser Unterricht etwas Rechtes zu be- 
deuten anfangen kann, wo er „zum ersten Male von psychiatrischer Seite 
empfohlen“ und dem Arzte die Aufgabe zugewiesen wird, die er bisher „l’äda- 
gogen oder gar Theologen überliess“, nämlich aus den Idioter „durch schon in 
der Kindheit einsetzende Arbeitstherapie erst nützliche Glieder der Menschheit 
zu schaffen“. Kein Wunder, denn gelegentliche Bemerkungen lassen deutlich 
erkennen, dass er Pädagogen und Theologen im allgemeinen nach einer überaus 


*) Der Vergleich stammt von dem ärztlichen Direktor der Idioten- Anstalt in 
Schwerin. 


38 


einfachen Schablone wertet: die ersteren als mechanische Eivpauker und Prügel- 
meister, die letzeren als Einpauker und Teufelsbanner. Nun ist ja wohl zu be- 
achten, was Herr Dr. Hopf nachdrücklich betont, dass er sich nur an seine 
Fachgenossen wenden wollte. Ob freilich die auf einer feststehenden Theorie 
beruhenden Ausfälle gegen dritte dadurch in die Kategorie „vornehmen wissen- 
schaftlichen Arbeitens“ einrücken, erscheint darum doch noch zweifelhaft. Jeden- 
falls aber war es nur natürlich, dass auf einer Konferenz, wo ausser der Medizin 
auch die Pädagogik — „und leider auch Theologie“ (wie Herr Dr. Hopf wohl 
mit Faust sagen würde) vertreten war, diese Art von „Anerkennung“ des von 
Nichtärzten in der Idiotenbildung Geleisteten in ihrer kränkenden Ungerechtig- 
keit gekennzeichnet und entschieden zurückgewiesen wurde. 

Herr Dr. Hopf zitiert beifällig den hannoverschen Ober-Medizinal-Rat 
Brandes, der schon 1862 schrieb, dass „Gymnastik der Sinnesorgane und Er- 
regung der Muskulatur die erste Stufe des Idiotenunterrichts sein müssen“. 
Nun in diesen Bahnen bewegt sich tatsächlich der übliche erste Unterricht, wie 
man sich in jeder gut geleiteten Idioten-Anstalt überzeugen kann; und auch das 
weitere, was nach Herrn Dr. Hopf erst jetzt durch das „Eintreten“ des Arztes 
zur Geltung kommen soll, entspricht genau den geltenden pädagogischen Prin- 
zipien und der herrschenden Praxis, nämlich das Bestreben, „dem Kind geord- 
nete Muskel- und Bewegungsempfindungen zu vermitteln und die Sinnesorgane 
zu stärken, dem kranken Gehirn eine richtige Vorstellung von der Aussenwelt 
zu bieten“, wozu als „ein Hauptmittel der systematische ANOISEIIEREIENUSEETICHL 
in Blüte steht! 

Ist denn die Idiotenerziehung bisher etwa ohne psychiatrische Beratung 
gewesen? Die ganze Geschichte des Werkes zeigt, wie hier trotz vorgenommener 
Einseitigkeiten Ärzte und Erzieher von jeher einander in die Hände gearbeitet 
haben. Oder ist es mehr als ein Spiel mit Worten, wenn man zwar anerkenut, 
dass längst überall Handfertigkeitsunterricht betrieben wird, aber gleichzeitig 
behauptet, es fehle ihm in der Regel das „Systematische,“ auf dass „es ganz 
allein ankomme ?* Als ob „das Systematische‘ nicht schon ganz unlöslich zum 
Begriffe jedes Unterrichts gebörte! Herr Dr. Hopf kann sicher sein, dass der 
Handarbeitsunterricht als hochwichtiges Erziehungs- und Bildungsmittel von den 
Erziehern überall erkannt und „systematisch“ gehandhabt wird — systematisch 
auch in dem speziellen Sinne, dass dabei die krankhafte Eigenart der einzelnen 
Schwachsinnigen die sorgfältigste Berücksichtigung findet — auch wenn in 
den ‚Jahresberichten, die Herr Dr. Hopf so gründlich genossen hat, davon nicht 
immer weitläufig die Rede ist! Oder wenn in dem „systematisch nach Leip- 
ziger Vorbild“ das alleinige Heil der Zukunft liegen soll, so wird man doch 
bei aller Hochachtung vor der gewiss vortrefflichen Methode der „hellen“ 
Sachsen in aller Bescheidenheit darauf hinweisen dürfen, dass auch anderswo 
erfahrungsgemäss gute Leistungen vorliegen. 

Herr Dr. Hopf möge uns gestatten, an andere Äusserungen des von ihm 
zitierten trefflichen Brandesschen Buches (in den Abschnitten: Ziel und 
Geist, innere Einrichtung und Leitung) zu erinnern, die von der vorbildlichen 


39 


Unparteilichkeit und sachlichen Gründlichkeit. ihres Verfassers Zeugnis ablegen. 
Brandes verurteilt dort gleicherweise Verkehrtheiten von ärztlicher, pädagogischer 
und geistlicher Seite und verwirft den „unfruchtbaren“ Streit darüber, welcher 
Stand am: besten zur Leitung von Idioten-Anstalten qualifiziere, da es erfahrungs- 
gernäss unter den Vorständen Ärzte, Lehrer und Geistliche gebe, die sich ibrer 
Aufgabe in hohem Grade gewachsen zeigten; er gibt trotzdem im allgemeinen 
aus sachlichen Gründen dem Pädagogen den Vorzug und nimmt ausserdem 
die „geistlichen“ Anstalten noch besonders in Schutz mit den Worten: „Es fällt 
diese Richtung in der Praxis anders aus, als man es nach dem Berichten 
glauben sollte. Wenigstens kann ich versichern, dass ich bei meinem Besuche 
dieser Anstalten mich überzeugt habe, dass dort auch etwas anderes getrieben 
wird, als man nach Kerns Schilderung von Winterbach (Allgemeine Zeit- 
schrift für Psychiatrie 12 B. S. 553) glauben sollte... .“ Auch heute dürfte 
das widerwillige Durcharbeiten eines „schier unsäglichen Wustes von Jahresbe- 
richten“ nicht ausreichend sein, um über die Tätigkeit der seit Jahrzehnten er- 
folgreich wirkenden, wenn auch nicht ärztlicher Leitung unterstehenden Anstalten 
ein gerechtes Urteil fällen zu können. Es gibt denn auch wahrlich beute 
noch solider begründete und — günstigere Urteile von Ärzten. Die Voreinge- 
nommenheit des Herrn Dr. Hopf tritt dagegen stark genug hervor, u. a. auch 
da, wo er von schwachsinnigen Fürsorgezöglingen spricht und durch seine 
Ausdrucksweise anscheinend seinen Fachkollegen plausibel machen will, dass 
diejenigen Zöglinge, die alsbald, nachdem sie in die ärztlich geleitete Anstalt 
gekommen waren, durch den Arbeitsunterricht „direkt zu netten Jungen“ wurden, 
vorher in der Anstaltsbehandlung nur etwa schablonenmässige Moralpredigten 
und „maßlose Prügel“ kennen gelernt hätten. 

Nach seiner Aussage ist Herr Dr. Hopf „an vornehmes wissenschaftliches 
Arbeiten gewöhnt“. Diese Behauptung würde an Überzeugungskraft nur ge- 
winnen, wenn er über die Arbeit derer, die sich der Pflege und Bildung der 
Schwachen zum Teil ein langes Leben hindurch mit anerkannten Erfolgen ge- 
widmet haben, mit weniger „vornehmer“ Geringschätzung aburteilen wollte — 
wenn er auch selbst schon auf eine Erfahrung von über vier Jahren auf diesem 
Gebiete zurückzublicken in der Lage ist Jeder Idiotenfreund wird sich über 
den Eifer für das humane Werk, den auch der Artikel des Herrn Dr. Hopf 
bekundete, aufrichtig freuen; möchte er nur nicht diese Freude durch derartige 
unfreundliche Seitenblicke unnötigerweise trüben! 

Die Frage aber, ob im sachlichen Interesse ein Bedürfnis vorlag, dass Herr 
Dr. Hopf so, wie er es getan hat, ‚an seine Fachkollegen die Forderung rich- 
tete, darauf hinzuarbeiten, dass der Werkunterricht überall eingeführt würde“, 
wird: wohl nur von denen bejaht werden können, denen noch ein weiteres Ziel 
vor Augen schwebt, indem sie mit Herrn Dr. Hopf das Dogma vertreten, das3 
nur der Arzt zur zweckentsprechenden Leitung einer Idioten-Anstalt imstande 
und berufen sei — ein Dogma, das freilich weder durch die Erfahrung noch 
durch ie BIETEN EIER Darlegungen der bedeutenden Psychiater erhärtet 
wird. Ä En BR u Schwenk, Idstein. 


40 


Antiqua für den ersten Leseunterricht. 
G. Nitzsche. 


„Mindestens müsste man einmal den Versuch machen, mit den Antiqua- Buch- 
staben das Lesen und Schreiben zu beginnen. Wie leicht und einfach würde dadurch 
das erste Lesen und Schreiben. Druck- und Schreibschrift wären dasselbe“, so 
schreibt Dr. von Sallwürk in den Deutschen Blättern für erziehenden Unterricht. 
Diesen Versuch haben wir gemacht und sind durch ihn zu befriedigenden Er- 
gebnissen gekommen. Die Veranlassung dazu gab uns die geistige Beschaffen- 
heit des Schülermaterials, das seit der zahlreichen Errichtung von Hilfsschulen 
und Hilfsklassen, wo die Schwachsinnigen leichteren Grades zurōckbehalten 
werden, jetzt geistig minderwertiger als früher in die Anstalt kommt. An 
Schwachsinnige mittleren Grades, die in der Hauptsache den Schülerbestand der 
Anstalt bilden, können aber nicht dieselben Ansprüche wie an geistig rüstigere 
Kinder gestelit werden; für sie. ist selbst das Leichtfassbare noch schwer genug. 
Die Schreiblesemethode unter Darbietung der Frakturschrift führt bei ihnen zu 
spärlichen Erfolgen; denn bei manchen wird der Fortschritt im Lesen durch 
das kaum zu überwindende technische Ungeschick geheinmt. bez. vollständig ge- 
hindert, oder er scheitert bei den technisch beiähigteren vielfach an der mecha- 
nischen Auffassung der Wortbilder; diese Kinder lernen meist schreiben, auch 
abschreiben des Gedruckten, aber nicht lesen; für sie bedeutet der Lese- und 
Schreibunterricht nichts anderes als Formenunterricht. Diese Erfahrungen 
nötigten, den Anfang im Lesen mit der Druckschrift in Fraktur zu machen und 
das Schreibenlernen an zweite Stelle zu setzen. In dieser Weise haben wir 
unter modifizierter Anwendung der Krugschen Methode jahrelang gearbeitet und 
haben die Mühseligkeit des Erlernens von vier verschiedenen Fraktur-Alphabeten 
reichlich erfahren können. Die Wahrnehmung aber, dass die Schüler nach Be- 
wältigung der Fibel ohne besondere Anstrengung und in kurzer Zeit den Latein- 
druck lesen lernten, führten u. a. zu der Erwägung, ob es nicht angezeigt 
sei, mit den Elementarschülern das Lesen in der Antiqua zu beginnen. 

Wir benutzten zu unserm Versuche die einfachste Druckschriftart, 
die Zierschrift: Grotesk und liessen ausser den für die Arbeit an der Lese- 
maschine nötigen Buchstaben eine grössere Anzahl plastischer Buchstaben (für jedes 
Kind je fünf von den ersten 12 Buclıstaben, in Laubsäyeholz ausgesägt und in der ge- 
nauen Grösse der Lesemaschinen-Buchstaben) zum Betasten und Sortieren, sowie soge- 
nannte Leseblätter zur weiteren Übung desErleruten herstellen. Mit den kleinen Buch- 
staben wurde begonnen, denn sie werden am häufigsten gebraucht und müssen 
fest gelernt werden; die grossen lassen sich in der Mehrzahl aus ihnen 
ableiten. 

Die Auffassung und Unterscheidung dieser einfach gestalteten 
Antiqua-Buchstaben durch Gesicht und Tastsinn geschieht rasch 
und sicher und wird durch das aufs Anschauen und Betasten bez. 
Sortieren folgende Darstellen im Ausnähblatt, im Mosaikkasten,*) in Ton 


'*) Fritsches Mosaikkasten — in jeder grösseren Spielwarenhandlung erhältlich. 


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oder Plastilina, auf Tafel und Papier wesentlich unterstützt. Und gerade 
dieser Umstand, dass der manuellen Betätigung des Kindes beim Lesenlernen 
ein ganz besonderer Spielraum gegeben, macht erst die Lesestunde dem Kinde 
zur Lieblingsstunde und wirkt somit fördernd auf seine ganze Erziehung. Das 
Kind verhält sich dabei eben nicht bloss memorierend, sondern ist tech- 
nisch selbsttätig und prägt sich dadurch die Formen fest ein. Der Fort- 
schritt im Lesenlernen ist ein deutlicher Beweis dafür. Für die Elementaristen 
steht das Lesenlernen im Vordergrunde, es ist leichter als das Schreiben- 
lernen und entspricht auch mehr dem kindlichen Verlangen. Das erste, cas 
Lesen begleitende Schreiben ist ein Nachmalen der Druckbuchstaben; unge- 
schickte Schreiber bilden die Buchstaben im Zeichennetze nacb. Das Schreiben 
wird erst kalligraphisch betrieben, wenn das Kind Sätze zu lesen vermag; die 
durch den Druck gebotenen einfachen Formen bleiben auch möglichst. für die 
Schreibschrift erhalten. 

Spricht so schon die Methode für den Gebrauch der ua beim ersten 
Leseunterrichte, so nicht minder folgende Gründe: 

1) Die Fraktur bietet sehr komplizierte Formen, die ihre Auffassung un! 
Unterscheidung ungemein erschweren und ihre Darstellung seiten des Kindes 
ganz unmöglich machen. Die Antiqua aber ist einfach gebaut, wird deutlich 
aufgefasst, vorgestellt und leicht reproduziert; sie wird vom Kinde sehr bald 
aus dem Kopfe nachgebildet. 

‚2) Die Fraktur strengt infolge ihrer schweren Lesbarkeit das Auge zu sehr 
an, die Hygiene fordert desbalb die Einführung der Antiqua. 

3) Die Ähnlichkeit verschiedener Buchstaben tritt bei der Fraktur häufiger 
als bei der Antiqua auf. 

4) Beim Frakturdruck hat das Kind 53 meist schwer zu fixierende Formen 
zu merken, beim Lateindruck aber nur 36 einfache Gestalten; das bedeutet für 
das Kind Zeit- und Kraftersparnis. 

5) Die lateinischen Schriftformen lassen sich sämtlich aus dem Drucke ab- 
leiten und sind leicht darstellbar; Schrift und Druck in Fraktur weichen aber 
in ihren Formen stark von einander ab, die deutsche Schreibschrift stellt auch 
höhere Anforderungen an Auge und Hand als die lateinische. 

6) Das Verkehrsleben benutzt die Antiqua weit mehr als die Fraktur; man 
denke nur an Bekanntmachungen, Warnungen, Firmen, Strassenschilder, Auf- 
schriften an öffentlichen Gebäuden, an den Fahrplan, an die amtlichen Bezeich- 
nungen der Münzen, Maße und Gewichte usw. Unser Schwachsinniger soll sich 
im Verkehre zurecht finden lernen und deshalb muss er auch mit der Antiqua 
möglichst früh und sicher vertraut werden. 

Die Antiqua zwingt durch ihre Einfachbeit und durch das ihr innewohnende 
Moment, die Selbsttätigkeit des Kindes äusserst günstig anzuregen und aus- 
zunützen, den Pädagogen zu ihrer Anwendung im ersten Leseunterrichte, sofern 
er nur die alte didaktische Regel: Gehe vom Leichteren zum Schwereren vor- 
wärts — hier befolgen will. Die angeführten Gründe sind schwerwiegend genug, 
dem geistig schwachen Kinde, das oft noch an einem Mangel oder an Schwan- 


42 


kungen in der Sehschärfe leidet, beim ersten Leseunterrichte eine Druckschrift zu 
bieten, die für des Kindes gesamie geistige Entwickelung nur von Vorteil ist. 

Das Lesen der Fraktur wird nach Erreichung genügender Lese- und Schreib- 
fertigkeit in der Antiqua erlernt, und das Schreiben der Fraktur bleibt den 
oberen Schulklassen vorbehalten. 

Noch sei erwähnt, dass die genannten Leseblätter durch eine im Verlage 
von Bleyl & Kaemmerer in Dresden jetzt erschienene Fibel, die der Verfasser 
dieses Aufsatzcs herausgegeben, einen besseren Ersatz gefunden baben. In dieser 
Fibel wird man die Bilder vermissen; ihre Aufnahme musste wegen der an sich 
schon hohen Druckkosten (Beschaffung von besonderen Typen) unterbleiben. Als 
notwendiger Bestandteil können sie auch nicht angesehen werden. Sie sind 
Orientierungsmittel. Als Apperzeptions- und Reproduktionshilfen sind sie ent- 
behrlich, sobald der Unterricht bei der Lauteinübung nicht die blossen Namen 
der Gegenstände, sondern wo nur angängig die Dinge in ihrer Wirklichkeit und 
bei der weiteren Behandlung einfache Umrisszeichnungen von ihnen zum Nach- 
malen bietet; die Hauptsache aber ist, dass er die Bedeutung der motorischen 
(manuellen) Empfindungen und Vorstellungen für die geistige Entwickelung des 
Kindes genügend würdigt. „Die Handarbeit weckt die Initiative und setzt die 
wesentlichen Tätigkeiten des Geistes, Aufmerksamkeit und Wollen, in Bewegung 
und befördert die regelrechte Äusserung des Willens. Sie ist also ein wichtiges 
Werkzeug für die Bildung der Intelligenz und die dauernde Befestigung der 
Kenntnisse im Gebirn“.*) 


Mitteilungen. 


Berlin. (Kongress für Kinderpsychologie und Heilerziehung.) Am 
28. Januar abends 8 Uhr versammelten sich in dem Hörsaale der psychiatrischen 
Klinik in der Charit& zahlreiche Vertreter der heilpädagogischen Bestrebungen, um 
eine Vorbesprechung zu halten über die Gründung eines Kongresses für Kinder- 
psychologie und Heilpädagogik. Unter anderen waren anwesend Dr. Spitzner- 
Leipzig, Direktor Trüper-Jena, Arno Fuchs-Berlin, Dr. Wehrhahn-Hannover, 
Kielhorn-Braunschweig, Dr. H. Gutzmann-Berlin, Dr. Ament-Würzburg, 
Direktor Piper-Dalldorf. Herr Professor Dr. Ziehen eröffnete die Versammlung 
und machte den Vorschlag, zunächst darüber zu beraten, wann und wo der Kongress 
tagen solle und wer zu demselben heranzuziehen sei. Bezüglich des ersten Punktes 
meinte man, dass in diesem Jahre an einen Kongress nicht mehr zu denken sei, 
da die Vorarbeiten nicht so rasch erledigt werden könnten. In Rücksicht hierauf 
einigte man sich dahin, als geeignetsten Zeitpunkt Ostern 1906 zu wählen. Rasch 
erledigte sich auch die Frage bezüglich des Ortes der Tagung, indem man dazu 
einstimmig Frankfurt a. M. wählte. Bei der Beratung des zweiten Punktes er- 
klärte sich die Versammlung dahin, dass alle deutschsprechenden Länder mit 
ins Bereich gezogen werden sollen. Hierauf schritt man zur Wahl des Ausschusses, 
der aber, wie verschiedentlich ausdrücklich betont wurde, bis zur Tagung des 





*) Demoor, Die anormalen Kinder. 


43 


Kongresses nur provisorisch sein sollte. Es wurden dazu gewählt: Professor Dr. 
Neumann-Zürich, Professor Dr. Rein-Jena, Geheimrat Münch-Berlin, Stadt- 
schulrat Dr. Sickinger- Mannheim, Direktor Trüper-Jena, Professor Dr. Ziehen- 
Berlin, ©. Heubner-Berlin, Professor Dr. A. Baginsky-Berlin, Direktor Piper- 
Dalldorf, Amtsgerichtsrat Köhne-Berlin, Pastor Hennig, Direktor am Rauhen 
Hause in Hamburg, Dr. Ament- Würzburg, Dr. J. Petersen - Hamburg, J. Vatter, 
Direktor der Taubstummenanstalt Frankfurt a. M., Dr. J. Klumker- Frankfurt, 
Professor Dr. Sommer-Giessen, Wiedow, Direktor der Blindenanstalt Frankfurt 
a. Main. Zum Schlusse gab es noch eine freie Aussprache, aus der man in grossen 
Zügen erkennen konnte, in welcher Weise der neuzubildende Kongress zu arbeiten 
bezweckt. Wie Professor Ziehen öfters bemerkte, seien die Vorträge derartig 
zahlreich und verschiedenartig, die Ausstellung derartig reichhaltig, dass man schon 
jetzt sagen könne, die neue Vereinigung würde sicherlich guten Boden fassen und 
sich im Interesse der edlen Sache glänzend entwickeln. 

Kattowitz 0./S. (Neue Hilfsschule) Am 1. November v. Js. ist hier- 
selbst eine Hilfsschule mit vorläufig einer Klasse (26 Kindern) oröffnet worden. — 
Die hiesige Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt soll zum 1. April d. Js. aufgelöst 
werden. Bl. 

Rixdorf. (Spenden für die Hilfsschule) Zur Einführung der Kinder in 
die Blumenpflege schenkte der Gärtnereibesitzer Schwanke der Hilfsschule eine 
Anzahl von Pflanzen in Töpfen, welche von den Kindern in Pflege genommen 
wurden. Ebenso übergab der Berliner Tierschutzverein der Hilfsschule eine grössere 
Auswahl von Büchern und legte damit den Grund zu einer Schulbücherei. Der 
Berliner Verein für Kindervolksküchen stellte eine grössere Anzahl von Karten zur 
Verfügung, bei deren Vorzeigung den Kindern während des ganzen Winters täglich 
ein kräftiges Mittagessen verabreicht wird. Schliesslich wurde den Kindern der 
Hifsschule eine schöne Weihnachtsfreude dadurch bereitet, dass sie teilweise von 
wohltätigen Damen eingekleidet wurden und von Rixdorfer Geschäftsleuten allerhand 
praktische Gegenstände erhielten. 


Literatur. 

I. Organisation grosser Volksschulkörper nach der natürlichen 
Leistungsfähigkeit der Kinder. Vortrag, gehalten auf dem I. internationalen 
Kongress für Schulbygiene in Nürnberg am 7. April 1904. Von Dr. A. Sickinger, 
Stadtschulrat in Mannheim. Mannheim 1904. Verlag von J. Bensheimer. 
35 Seiten. Preis 80 Pf. 

II. Das Sonderklassensystem der Mannheimer Volksschule. Ein Bei- 
trag zur Hygiene des Unterrichts. Nach einem auf dem I. internationalen 
Kongress für Schulhygiene in Nürnberg erstatteten Referate von Dr. med. Julius 
Moses. Mannheim 1904. Verlag von J. Bensheimer. 70 Seiten. Preis 80 Pf. 

III. Der Unterrichtsbotrieb in grossen Volksschulkörpern sei nicht 
schematisch -einheitlich, sondern differenziert- einheitlich. Zusammen- 
fassende Darstellung der Mannheimer Volksschulreform von Dr A. Sickinger. 
Mannheim 1904. Verlag von J. Bensheimer. 172 Seiten. Preis 3,20 Mk. 


44 


Alle drei Schriften stehen in inniger Beziehung zu einander, sie behandeln die 
Gliederung grosser Volksschulkörper nach der natürlichen Leistungsfähigkeit der 
Schüler. Sickinger als Pädagoge erörtert die Angelegenheit von pädagogischen 
Gesichtspunkten aus, während Moses als Arzt die Sonderung der Schüler nach 
ihrer Begabung vom hygienischen Standpunkte aus beleuchtet. — Auf dem 
I. internationalen Kongress für Schulhygiene zu Nürnberg hielt Sickinger in der 
zweiten Plenarsitzung seinen Vortrag über die Organisation grosser Volksschulkörper 
nach der natürlichen Leistungsfähigkeit der Kinder;. diesem Vortrage folgte in 
einer Abteilung (Sonderschulen) noch ein Referat über das Mannheimer Sonder- 
klassensystem, welches Sickinger in Verbindung mit dem Arzte Dr. Moses er- 
stattete. Unstreitig bildete die von Sickinger angeregte Frage den wichtigsten 
und bedeutsamsten Diskussionsgegenstand der Nürnberger Verhandlungen. Es er- 
scheint deshalb geboten, wenigstens einzelne Hauptpunkte aus den Darlegungen 
der Referenten hier wiederzugeben. 

Unsere Jugenderziebung bedeutet für jedes Kind eine gewisse Betätigung 
seiner Kräfte. Deshalb ist eine richtige Bemessung nicht nur der körperlichen, 
sondern auch der geistigen Arbeitsleistung in der Schule nach individuellen Gesichts- 
punkten, also nach dem System der Auslese, durchzuführen. Während beim Einzel- 
unterricLt sich diese Frage von selbst erledigt, liegt die Sache beim Massenunterricht 
sehr viel schwieriger, besonders soweit die Volksschule in Betracht kommt; denn 
hier handelt es sich um ein Kollektivwesen, dessen Glieder die auseinandergehendsten 
Befähigungsgrade aufweisen. Sehr viel günstiger liegt die ganze Angelegenheit 
für die höheren Schulen; denn diese können sich der Elemente mit ungenügender 
Leistungsfähigkeit ohne weiteres entledigen. Aber doch sollen sie bei einer auf 
Differenzierung nach Leistungsfüähigkeiten gerichteten Reform vorläufig mit heran- 
gezogen werden. Das höhere Schulwesen stellt in seiner heutigen dreiteiligen 
Gliederung eine Differenzierung im doppelten Sinne dar: Eine solche nach der 
Qualität der Hauptfächer und eine solche nach der Beschaffenheit des Schüler- 
materials in der absteigenden Stufenfolge — Gymnasium, Realgymnasium, Realschule. 

Unabweisbar ist aber nun eine auf Differenzierung gerichtete Reform auch für 
die grossen Volksschulkörper, deren Arbeitserfolge bisher als durchaus unzuläng- 
liche zu bezeichnen sind. Als Gradmesser dieser Unzulänglichkeit darf, wie 
seinerzeit bei den höheren Schulen, die Abgangsstatistik genommen werden, die 
darüber Aufschluss gibt, wie viele Schüler den ganzen Schulkursus normal durch- 
laufen haben. Eine jüngst im „Statistischen Jahrbuch deutscher Städte" ver- 
öffentlichte Abgangsübersicht der Volksschüler der 44 grössten Städte Deutschlands 
zeigt, dass mindestens die Hälfte aller Schüler ein-, zwei-, drei- und mehrmal 
Schifibruch erleiden und mit einer trümmerhaften Bildung, ohne Gewöhnung an 
gewissenhaftes Arbeiten, ins Leben treten. Als besonders bezeichnendes Beispiel 
können die Gemeindeschulen Berlins angeführt werden, an denen im Jahre 1903 
kaum 10 v. H. der nach Erfüllung der Schulpflicht entlassenen Schüler das nor- 
male Schulziel erreichten. 

Eine rationelle Behandlung der Schülermassen wird bedingt von der Qualität 
der Lehrenden, von der Qualität und Quantität des Lehrstoffs und von der 


45 


Beschaffenheit und der Art der Zusammenfassung der Schüler in Unterrichts- 
gemeinschaften. Aus naheliegenden Gründen verfügen die grossen Städte über 
das leistungsfähigste Lehrermaterial. Viel weniger günstig für erspriessliche 
Unterrichtserfolge sind die Lehrpläne. Diese bedürfen einer gründlichen Umge- 
staltung. Die Stoffbemessung hat sich ausschliesslich nach den Bedürfnissen der 
Volksschulbevölkerung zu richten. Indessen kann auch die Ermässigung der Lehr- 
planforderungen und die Herabsetzung der Schülerzahl, mag sie auch auf die 
Zahlen der Abgangsstatistik. günstig einwirken, den gekennzeichneten Übelstand 
nicht beseitigen. Gründliche Besserung kann vielmehr nur erfolgen, wenn auch 
die Qualität der Lernenden bei der Klassengliederung und der Gestaltung der 
Unterrichtstätigkeit vollgewichtig in die Wagschale geworfen wird. 

Bisher hat man bei der Klassengliederung die Unterschiede in der Bildungs- 
fähigkeit gleichalteriger Kinder nicht gehörig berücksichtigt. Diese Verschiedenheiten 
sind aber aus mehrfachen Gründen ganz bedeutende; sie könnten von grossen 
Volksschulsystemen ohne weiteres berücksichtigt werden, wenn die zahlreich vor- 
bandenen Parallelklassenreihen dazu benutzt würden, ähnlich leistungsfähige Kinder 
gleichen Alters zu homogenen Unterrichtsgemeinschaften zusammenzufassen. Unter 
dieser Voraussetzung könnten innerhalb eines grossen Volksschulkörpers drei ver- 
schiedene Bildungswege eingerichtet werden: 

1. Für die mittel- und besserbefähigten Schüler, 

2. für die mässig schwachen Schüler, 

3. für die krankhaft schwachen Schüler. 
Den letztgenannten Bildungsweg haben bereits 200 deutsche Städte vorgesehen 
in den sogenannten Hilfsschulen für geistig zurückgebliebene Kinder. In die zweite 
Bildungsklasse sind die eigentlichen Sorgenkinder der Schule, die alljährlich zurück- 
versetzten Schüler, einzuweisen. Diese neue Gruppierung der Schwachen hat 
gegenüber dem bisherigen Modus der Rückversetzung den grossen Vorteil, dass 
auch diese Elemente einen ihrer individuellen Leistungsfähigkeit entsprechenden 
Bildungsweg durchlaufen und den geisttötenden, unsittlichen Folgen des Repetenten- 
tums entzogen werden. Die Unterrichtsbedingungen sind in den Sonderklassen der 
Schwachen besonders günstig zu gestalten — geringere Schülerzahl, erfahrene 
Lehrer, bevorzugte Teilnahme an den human-sanitären Einrichtungen der Schule etc. 

Durch ökonomische Ausnutzung der im Gesamtschulkörper vorhandenen 
Parallelklassen kann die bezeichnete Durchgliederung ohne Mehraufwand durch- 
geführt werden, wie das Beispiel von Mannheim zeigt. Dort ist die Volksschule 
bereits in der angegebenen Weise organisiert und zwar zur völligen Zufriedenheit 
aller beteiligten Faktoren. 

Zwei Momente sind der Forderung nach Differenzierung und Arbeitsteilung 
innerhalb der grossstädtischen Volksschulen besonders günstig, die Anstellung von 
Schulärzten, die aus Gründen der Hygiene für die erhobenen Forderungen eintreten, 
und die wachsende Einsicht der Lehrerschaft, dass der heutige, ausgleichende und 
schablonisierende Unterrichtsbetrieb den Gesetzen der Psychologie nicht mehr stand 
zu halten vermag, vielmehr nur auf dem Wege der Differenzierung die Massen- 
erziehung zur wirksamen Individualisierung gesteigert werden kann. Nur unter 


46 
dem Gesichtspunkt: Suum cuique! können die grossen Volksschulkörper aus ihrer 
Erstarrung befreit werden. 

Diese hier kurz skizzierten Ausführungen bildeten den Inhalt des Nürnberger 
Vortrags, welchem in der Gruppensitzung noch nähere Mitteilungen über die 
Organisation der Mannheimer Volksschule folgten. In der Debatte wurden die 
folgenden von Sickinger und Moses gemeinsam aufgestellten Leitsätze angenommen: 

1. Die Befähigung der Kinder für die Unterrichtsarbeit ist infolge physiologischer, 
psychologischer, pathologischer und sozialer Bedingtheiten derart verschieden, dass 
es, wie die Promotionsstatistik lehrt, unmöglich ist, die die obligatorische Volksschule 
besuchenden Kinder innerhalb der gesetzlichen Schulpflicht nach einem Plane durch 
den gleichen Unterrichtsgang nach dem gleichen Lehrziel hinzuführen. 

2. Damit vielmehr auch die grosse Zahl der Kinder mit dauernd oder vorüber- 
gehend geringer Arbeitsfähigkeit während des gesetzlichen Schulbesuchs ohne 
unhygienische Belastung die ihrer natürlichen Leistungsfähigkeit entsprechende 
Ausbildung erlangt, bedarf es für sie besonderer pädagogischer und hygienischer 
Massnahmen, die eine sorgfältige Berücksichtigung des Einzelindividiums verbürgen, 

8. Die Schüler eines grösseren Volksschulganzen sind in mindestens drei 
Kategorien zu gruppieren: 

a) in besser befähigte, 

b) in minder befähigte (unter Mittelleistungsfähige), 

c) in sehr schwachbefähigte (schwachsinnige). 
Die Bildung besonderer Klassengemeinschaften für diese drei Kategorien von 
Schülern darf aus pädagogischen, ethischen und sozialen Gründen nicht nach aussen 
hervortreten, sondern kommt nur in der inneren Gliederung des Schulorganismus 
zur Durchführung. 

Es ist nun zu begreifen, dass seit dem Nürnberger Kongress die Mannheimer 
Volksschulreform einen Gegenstand lebhafter Erörterungen in pädagogischen Kreisen 
bildet. Leider fehlte es bisher an einer orientierenden Schrift; diesem Mangel 
will das vorliegende Werk (III) Sickingers abhelfen. Das Buch umfasst drei 
Teile. Der erste Teil gibt einen Überblick über den Entwickelungsgang der 
Mannheimer Volksschulreform in den Jahren 1899—1904 und enthält alle früheren 
im Buchhandel bisher nicht erschienenen Arbeiten des Herausgebers. Im zweiten 
Teil wird das Wesen und die Bedeutung des Sonderklassensystems der Mannheimer 
Volksschule in seiner jetzigen Ausgestaltung eingehend geschildert; eine stattliche 
Anzahl tabellenartigen Beilagen gibt einen klaren Einblick in die Eigenart der den 
Sonderklassen gestellten Unterrichts- und Erziehungsaufgabe. Der dritte Teil 
enthält ein erschöpfendes Verzeichnis der zur Frage der Schul- und Klassen- 
organisation nach der natürlichen Leistungsfähigkeit der Kinder erschienenen Literatur. 

Das Buch ist in mancher Beziehung sehr interessant und lehrreich und regt 
zum stetigen Nachdenken an; es bedeutet deshalb eine hervorragende Erscheinung 
auf dem Gebiete der pädagogischen Literatur. Dass es für eine zeitgemässe Weiter- 
entwickelung des Volksschulwesens gute Dienste leisten wird, unterliegt keinem 
Zweifel. Es wird aber noch einer längeren Prüfungszeit bedürfen, um überall 
klar zu sehen. In diesem Sinne empfehlen wir das äusserst gehaltvolle und 


47 


nochbedeutsame Werk Sickingers unsern Lesern zur prüfenden Erwägung aufs 
angelegentlichste. 

Die Hysterie im Kindesalter. Von Prof. Dr. Bruns in Hannover. Ver- 
handlungen der 20. Versammlung der Gesellschaft für Kinderheilkunde in der 
Abteilung für Kinderheilkunde. 

75. Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte in 
Kassel 1903. Wiesbaden. J. F. Bergmann, 1904. 

Wir möchten nicht verfehlen, unsere Leser auf diese ganz vorzügliche 
Arbeit des bekannten Nervenarztes aufmerksam zu machen. Es ist ein Vortrag, 
der in der Abteilung für Kinderheilkunde bei der Naturforscherversammlung in 
Kassel gehalten wurde. Wie bei allen Arbeiten des Verfassers, so berührt auch 
hier die ungemein frische, lebendige Art der Darstellung aufs angenehmste. Es ist eine 
Arbeit, bei der man überall die reiche, lebendige Erfahrung des Autors durch- 
fühlt. Von praktischem Interesse für unsere Leser ist namentlich auch, was B. 
über die Behandlung der jugendlichen Hysterie sagt. Wir wünschen dringend, 
dass B. die Arbeit als Monographie erscheinen lasse. Unsern Lesern sei sie aufs 
wärmste empfohlen. W. 

Die Heilerziehungs- und Pflegeanstalten für schwachbefähigte 
Kinder, Idioten und Epileptiker in Deutschland und den übrigen europä- 
ischen Staaten. Von P. Stritter. Hamburg. Agentur des Rauhen Hauses, 

Zu dem bereits in Nr. 2/3 von 1903 besprochenen Buche ist ein „Nachtrag“ 
erschienen, der einerseits Berichtigungen und Ergänzungen jenes 1902 erschienenen 
Buches, andererseits aber Mitteilungen über inzwischen neu errichtete Anstalten in 
Deutschland, in der Schweiz und in Österreich-Ungarn enthält. Wie wir das Buch 
bei seinem Erscheinen als einen dem Bedürfnisse entgegenkommenden vortrefflichen 
Ratgeber begrüssten, so heissen wir auch den Nachtrag zu demselben willkommen. 

Über den angeborenen und früh erworbenen Schwachsinn, Geistes- 
schwäche des Bürgerlichen Gesetzbuches. Für Psychiater, Kreis- und Schul- 
ärzte dargestellt von Dr. O. Berkhan, Sanitätsrat in Braunschweig. Zweite, 
durch Nachträge ergänzte Auflage. Mit Abbildungen. Braunschweig, Fr. Vieweg 
und Sohn. 1904. Preis 2,40 Mark.. | 

Die erste Auflage des vorliegenden Werkes wurde ausführlich in Nr. 9 von 
1899 besprochen und aufs wärmste empfohlen. Dass diese unsere Empfehlung 
begründet war, beweist der Umstand, dass sich bereits im vorigen Jahre eine neue 
Auflage des Buches nötig machte. Dieselbe liegt in erweiterter Form vor uns. 
Neu in dem Buche sind die Artikel 12 bis 14. Artikel 12 behandelt einige 
besondere Gruppen unter den Schwachsinnigen, und zwar die mit Wasserkopf be- 
hafteten, die mikrocephalen und die kretinoiden Schwachsinnigen, sowie den 
Mongolen-Typus der Schwachsinnigen (Zeitschrift f. d. Behandlung Schwachsinniger 
1902 Nr. 5) In Artikel 13 spricht Verfasser über „Eigentümliche mit Einschlafen 
verbundene Anfälle“ (Zeitschrift 1893 Nr. 1) und im Artikel 14 verbreitet er sich 
über den krankhaften Wandertrieb, wie er nicht allein bei schwachsinnigen, sondern 
auch bei anscheinend normalen Menschen vorkommt. — Wir wünschen dem Buche 
eine immer grössere Verbreitung. — 


48 


Anzeigen. 
TE SEENSSEEEZENEEENSE NSS EEE 


m Was das Kind der Mutter er 
Ein erstes Lesebuch, bearbeitet nach dem Grundsatz der Isolierung der Sohwierigkeiten. 


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Berthold Otto, Vorlesebuch === 
a Preis Mk. 1.20. wu 


Ostern 1905 erscheint zum ersten Male 


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Mit zahlreichen wertvollen Beiträgen. Preis ca. Mk. 1.20. 
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Der Bericht über die XI Konferenz für das Idioten- 
und Hilfisschulwesen ist fertiggestellt und von dem Schriftführer, 
Direktor Schwenk in Idstein im Taunus, zum Preise von 2 Mk. zu beziehen. 

Den Mitgliedern geht der Bericht in den nächsten Tagen kostenfrei zu, 
während die Teilnehmer denselben gegen Einsendung von 1 Mk. erhalten können. 

Der Vorstand der Konferenz. 


Dr. O. Berkhan, über den angeborenen und früh erworbenen Schwach- 
sinn, Geistesschwäche des Bürgerl. Gesetzbuches. Für Psychiater, Lehrer, Kreis- 
und Schulärzte dargestellt. 2. durch Nachträge ergünzte Auflage. Mit Abbildungen. 
Verlag von Vieweg u. Sohn. Braunschweig 1904. Preis Mk. 2.40. 


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Bezugsquelle: Rudolf Rehs, Meiningen. | Pension nachgewiesen durch d. Redakt. d. Bi. 








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wordene Jünglinge der höheren Stände Ist 
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das unterrichtliche Wirken der Hilfsschule. (H. Horrix.) — Beiträgo zur Geschichte 
der Heilpädagogik. (H. Stötzner.) — Antwort. (Schwenk.) — Antiqua für den ersten 
Leseunterricht. (G. Nitzsche.) — Mitteilungen: Berlin, Kattowitz O.S., Rixdorf. — 
Literatur: Dr. A. Sickinger, I. Organisation grosser Volksschulkörper nach der natür- 
}ichen Leistungsfähigkeit der Kinder; Dr. med. Julius Moses, II. Das Sonderklassen- 
system der Mannheimer Volksschule; Dr. A. Sickinger, III. Der Unterrichtsbetrieb in 
grossen Volksschulkörpern. — Prof. Dr. Bruns, Die Hysterie im Kindesalter. — 
P. Stritter, die Heilerziehungs- und Pflegeanstalten. — Dr. O. Berkhan, Über den 
angeborenen und früh erworbenen Schwachsinn, Geistesschwäche des Bürgerlichen Ge- 
setzbuches. — Anzeigen. 








Für die Schriftleitung verantwortlich: w. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von H. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 


a 
Leitsehrift 


für die 


Behandlung Sehwachsinnioer und Enilentiseh 


Organ der Konferenz nz für das Idiotenwesen. 


Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 


herausgegeben von 


Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 
Spezialarzt 
Dresden - Strohlen, für Narvankrankheiten 
Residenzstrasse 27. In Stuttgart. 
Erscheint jährlich in 182 Nummern von | ` Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 


mindestens einem Bogen. Anzeigen für | A ril 1905 und Postämter, wie auch direkt von der 
die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- p . eitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 
rarische Beilagen 6 Mark. | einzelne Nummer 50 Pfg. 


Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 


Die Opium-Brom-Behandlung der Epilepsie. 
Vortrag gehalten auf der 11. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen in Bremen am 
8. September 1904 von Oberarzt Dr. med. Kellner, Alsterdorf-Hamburg. 


Wenn ich in der diesjährigen Versammlung, die nur zum geringsten Teil 
aus Ärzten besteht, in der dagegen die Mehrzahl derjenigen Herren vereinigt 
ist, in deren Händen die Leitung der Anstalten für Idioten und Epileptiker liegt, 
um die Erlaubnis gebeten habe, einen Vortrag über die Behandlung der Epilepsie 
halten zu dürfen, so liegt es mir selbstverständlich fern, Ihnen rein nur medi- 
zinische Sachen zu bringen, und ich halte mich für verpflichtet, Ihnen bei Be- 
ginn meiner Auseinandersetzungen das Motiv zu demselben auszusprechen — 
es ist der Wunsch, etwas dazu beizutragen, dass die BehandInng der Epilepsie 
aus dem Stillstande, in den sie geraten ist, aus der schablonenhaften Darreichuug 
von Brom aufgerüttelt und wieder energisch in die Hand genommen wird. 

Ehe ich auf mein eigentliches Thema eingehe möchte ich einige Worte 
sagen über die bisherige Behandlung der Epilepsie und die eigentümliche Stellung, 
welche diese Krankheit bis vor wenigen Jahrzehnten unter den übrigen Leiden 
der Menschheit einnahm. Denn es gibt keine zweite Krankheit, der gegenüber 
die Heilkunde lange Jahrhunderte hindurch eine so stiefmütterliche Stellung ein- 
genommen, wie das bei der Epilepsie der Fall gewesen, und keine zweite Krank- 
heit gibt es, der von vornherein so der Stempel der Unheilbarkeit und sogar Un- 
verbesserlichkeit aufgeprägt ist wie der Epilepsie. Man muss, um diese Aus- 
nahmestellung einigermaßen zu begreifen, etwas auf die Entwicklung der Heil- 
kunde, speziell in Deutschland, eingehen. 

Die Krankheit, anscheinend unabhängig vom Kulturzustand der Völker, ist 
seit den ältesten Zeiten beobachtet und beschrieben, die hervorragenden Ärzte 






50 
des heidnischen Altertums, Hippokrates, Galen u. a. erwälnen die Epilepsie be- 
sonders. Von ihrer Behandlung der Epilepsie wissen wir so gut wie nichts, 
zweifellos aber ist, dass in Zeiten, in denen die Mehrzahl aller Krankheiten dem 
Einfluss und Eindringen von unheilvollen Grwalten und Dämonen in den mensch- 
lichen Körper zur Last gelegt wurde, dies bei der Epilepsie ausnalımslos der 
Fall war und daher die Behandlung stets mehr in den Händen von Priestern 
und Zauberern als in denen der Ärzte lag. Was speziell die Entwicklung der 
Heilkunde in unserem Vaterlande betrifft, so wissen wir aus der Edda, dass 
Wotan oder Odin heilkundig war, dass diese Fertigkeit ilım aber nur als dem 
Allvater, dem Besitzer aller Weisheit überhanpt zuerkannt wurde Im übrigen 
war die Ausübung der Heilkunst bei den Geimanen Eigentum der Frauen. die die 
Waien oder weissen Frauen ge annt wurden, die aber ausser der Fähigkeit Leiden zu 
heilen, auch die besassen, «turch Zaubermittel andere Menschen in Siegtum und 
Kıaukheit zu versetzen, und ein alter deutscher Fluch, die Anwünschung der 
schweren Not, ist wohl auf den Glauben an solche Fähigkeit zurückzuführen. 

Nach Einführung des Christentums: wurden die Künste der Walen für 
Zauberei erklärt, und die Heilkunst ging in die Hände der Männer über, doch 
finden sich zunächst im früheren Mittelalter wirkliche Archiater oder Ärzte nur 
an den Höfen der Fürsten (der erste befand sich am Hofe des Frankenkönigs 
Chilperich), das gewöhnliche Volk erhielt seine ärztliche Hilfe von Juden, 
Schmieden, Laudfahrern und Scharfrichtern Im eigentlichen Mittelalter lag die 
Pfil- ve aller Kultur, auch der Arzueiwisseuschaft. in den Händen der Kirche, be- 
sonders in den Klöstern, und es bildete sich das Vertrauen zu besonderen Schutz- 
heiligen heraus. So z. B. betete man bei Pestseuchen zum heiligen Sebastian 
und Rochus. Akademisch gebildete Ärzte gab es auch in dieser Zeit nur ganz 
vereinzelte, aber d«ch erfolgte damals die Trennung der Krankheiten in solche, 
die mit Arzueien und solche die mit Exorcismen behandeit wurden. In der 
letzteren Gruppe finden wir natürlich die Epilepsie, und von hier an lässt sich 
die verhängnisvolle Abtrennung und Ausscheidung von Geisteskrankheiten und 
Epilepsie aus dem Gebiet der übrigen Heilkunde deutlich verfolgen. 

Auf der Würzburger Synode von 1298 wurde der Geistlichkeit die Aus- 
übung der Heilkunde untersagt, und diese givg dadurch in die Hände weltlicher, 
nunmehr akademisch gebildeter Männer über, die allerdings bis zum Jatre 1348, 
dem Gründungsjahr der Universität Prag, noch auf ausländische Hochschulen, 
Salerno, Padua, Bologna, Montpellier, angewiesen waren. 

Von da an ging der Fortschritt der Heilkunde unaufhaltsam vorwärts mit 
Ausnahme der Geisteskrankheiten und ganz besonders der Epilepsie, welch letzteres 
Leiden vollständig wieder der Behandlung von Teufelsbannern und Quacksalbern 
ausgeliefert wurde, während man die Geisteskranken in sogenannte Tollkisten 
sperrte oder sie gar nach Verabreichung eines Denkzettels in Form einer Tracht 
Prügel über die Grenze jagte. 

Ver:olgen wir vom 14. Jahrhundeit an die Entwickeluug der Heilkunde 
im Deutschen Reiche in grossen Zügen, eiwa von einer Jahrhundertwende zur 
andern, so tritt uns bei jedem solcher Wendepuukte der Weltgeschichte ein ge- 


61 


waltiger Fortschritt entgegen, mit alleiniger Ausnahme des Jahrhunderts des 
grossen 30jährigen Krieges, das wie auf jedem anderen geistigen Gebiete so 
auch auf dem der Medizin gegen das Jahr 1600 mit einem grossen Defizit ab- 
schloss. Grosse Fortschritte brachte das 18. Jahrhundert für das gesamte Ge- 
biet der Heilkunde, aber immer noch standen einzelne Gruppen der Krankheiten 
und vor allem die Epilepsie, wenn auch nicht unbeachtet, so doch ausgeschlossen 
von den Segnungen, welche die Forschungen grosser Ärzte der übrigen leidenden 
Menschheit brachten, da. Wohl war der Glaube an Krankheitsdämonen und da- 
mit der Glaube an die Wirksamkeit des Exorcismus geschwunden, man ahnte, 
dass auch der Epilepsie auatomische krankhafte Veränderungen einzelner Körper- 
teile, besonders des Gehirns, zu grunde lägen, aber anstatt auf diesem Gebiete 
dem soliden, logischen, auf genaue Beobachtung gegründeten Aufbau der Heil- 
kunde zu folgen, gab man sich einem plan- und sinnlosen Experimentieren hin, 
und die barbarischsten Mittel, wie maßloses Blutentziehen, Aufhängen bei den 
Beinen, Ätzungen mit glühenden Eisen etc. wurden bei den unglücklichen 
Kranken angewandt. 

Die selbstverständliche Folge war, dass im Volke das Zutrauen zu dem 
Können der Arzte in bezug auf die Epilepsie völlig schwand und die Epileptiker 
mit wenigen Ausnahmen dem Quacksalbertum, dem Theriakhausierer und dergl. 
in die Hände fielen. 

Das 19. Jahrhundert, besonders in seiner zweiten Hälfte, brachte endlich in 
dies dunkle Gebiet Licht. Hervorragende Nervenärzte wandten ihre ganze Kraft 
der vernachlässigten Krankheit zu, und die Erfolge blieben nicht aus, so dass 
allmählich — sehr langsam —- die ungeheuere Gruppe der Epileptisch-Kranken 
der Behandlung der Kurpfuscher entzogen und der Wohltat einer rationellen 
Behandlung teilhaftig wird. Aber noch heute kann man ohne Übertreibung be- 
haupten, dass ?/, aller lipileptiker seine Zuflucht zum Quacksalbertum und zu 
Patentmedizinen nimmt. 

' Bei der heutigen Behandlung der Epilepsie spielt das Brom die erste Rolle 
und mit vollem Recht, denn es gibt wenig Fälle, in denen man nicht durch 
richtige Anwendung dieses Mittels eine wesentliche Besserung, ein auffälliges 
Seltenerwerden der Krampfanfälle erzielen kann. Aber das ist auch in den 
meisten Fällen alles, und so sicher die Wirkung des Broms auch ist, so be- 
schränkt ist sie auch. Wohl setzt, man durch Brom die Erregbarkeit der moto- 
rischen Centren, die von Zeit zu Zeit den Krampf auslösen, herab, aber die 
cumulative Anhäufung des Reizes geht nach wie vor vor sich, und ist das zur 
Auslösung des Krampfes erforderliche Maß der Reize erreicht, so erfolgt der An- 
fall und übt seine den Verstand zerrüttende Wirkung aus. Und doch begnügen 
sich Tausende von Ärzten und Kranken mit diesem Resultat und finden sich 
niit der scheinbar unabwendbaren Tatsache der Unmöglichkeit der Heilung ab. 
Das Gute ist des Bessern schlimmster Feind, auf keinem Gebiet zeigt sich die 
Wahrheit dieses Wortes deutlicher wie auf den vorliegenden, denn durch zahl- 
reiche Versuche und Erfolge ist es bewiesen, dass es Besseres giht zur Behand- 
lung der Epilepsie als die alleinige Anwendung des Brons. 


b2 


Ehe ich auf die Methode der Behandlung, wie sie zuerst von Professor 
Flechsig angegeben, von mir in den Alsterdorfer Anstalten in Hamburg seit 
etwa 8 Jahren angewandt wird, eingehe, möchte ich einige Worte über die 
verschiedenen Formen der Epilepsie und die für die Kurmethode nötige Auswahl 
von geeigneten Fällen sagen. Die weitaus meisten Fälle von Epilepsie gehören 
in das Gebiet der sogenannten genuinen Epilepsie, d. h. einer funktionellen Neu- 
rose, der also keine mit unseren jetzigen Hilfsmitteln nachweisbare regelmässige 
anatomische Veränderung des Nervensystems zu grunde liegt. Unbekannt sind 
uns in der Mehrzahl der Fälle die Ursachen der Erkrankung, wir wissen nur, 
dass Erblichkeit und Trunksucht der Eltern prädisponierende Momente sind, dass 
der erste Anfall sich oft an eine grosse Erregung, an einen Exzess anschliesst, 
doch müssen wir uns klar machen, dass solche Momente, Schreck etc, nur einen 
Krampf bei bereits bestehender Veranlagung zur Epilepsie hervorrufen können. 
Dass geschlechtliche Exzesse Epilepsie hervorrufen können, ist eine in Laien- 
kreisen weitverbreitete, aber niemals bewiesene Ansicht. 

Eine zweite seltene Form der Epilepsie benennen wir die traumatische, da 
sie nach Traumen, also Verletzungen des Kopfes und in noch selteneren Fällen 
auch anderer Körperteile auftritt. Diese Form der Epilepsie gehört streng ge- 
nommen nicht in das Gebiet unserer Besprechung, da ihre Behandlung auf 
chirurgischem Gebiete liegt. Durch Trepanation des Schädels, Beseitigung von 
ins Gebirn eingedrungenen Knochensplittern und Fremdkörpern, sowie Aus- 
schneidung von Narben sind oft solche Fälle von Epilepsie geheilt worden. In 
dasselbe Gebiet gehören Jie Fälle von Reflex-Epilepsie, d. h. diejenigen, in denen 
ein Reiz auf irgend einen Körperteil z. B. im Ohr. Krampfaufälle hervorruft. 

Während diese beiden letzteren Gruppen von Epilepsie für die von mir an- 
gewandte Beliandlung nur für den Fall in Betracht kommen, dass die vorange- 
gangene chirurgische Behandlung ohne Erfolg bleibt, bietet ein sehr günstiges 
Feld für meine Behandlung das Gebiet der sogenannten epileptischen Äquivalente, 
also der Fälle, in denen die Epilepsie sich nicht in periodisch auftretenden 
Krampfanfällen, sondern in Veränderungen der Psyche äussert. Es gehören hier- 
zu die Fälle von epileptischer Schlafsucht, die Dämmerzustände, in denen die 
Kıauken oit die unglaublichsten Dinge anstellen, grosse Reise machen etc., so- 
wie die periodisch auftretende Trunksucht. 

Schliesslich treten die Äquivalente noch als Erregrungszustände, die sich zu 
den gefährlichsten Tobanfällen steigern können, auf, und ist es bekanntlich von 
grösster Wichtigkeit, die epileptische Natur solcher psychischer Veränderungen _ 
rechtzeitig zu erkennen, um eventuell die Kranken vor strafrechtlicher Verfolgung 
schützen zu können. 

Was die Auswahl der zur Vornahme der Opium-Brom-Kur geeigneten Fälle 
von Epilepsie betrifft, so ist dieselbe sehr einfach. Abgesehen von der Rück- 
sicht, die man bei dieser, wie bei jeder andern Kur. hei der grössere Mengen stark 
wirkender Arzue:mittel gegeben werden, auf die körperliche Konstitution des Kranken 
zu nehmen hat und die sehr schwache Personen davon ausschliesst. entscheidet einzig 
der Geisteszustand des zu behandelnden Epileptikers. Schluss in nächster Nr. 


53 


Moralisch schwachsinnige Kinder. 
Von Georg Büttner-Worms. 

Unter dem Ausdruck „psychopathische Minderwertigkeiten“ ver- 
steht man alle, „seien es angeborene oder erworbene, den Menschen in seinem 
Personleben beeiuflussenden, psychischen Regelwidrigkeiten, welche auch in 
schlimmen Fällen doch keine geistigen Krankheiten darstellen, welche aber die 
damit beschwerten Personen auch im günstigsten Falle nicht als im Vollbesitz 
geistiger Normalität und Leistungsfähigkeit erscheinen lassen* (Koch). Je nach 
der Physiognomie dieser „psychopathischen Minderwertigkeiten“ d. h. je nach 
dem Grade der vorhandenen Schädigung unterscheidet Koch drei Arten; er 
spricht von psychopathischer Disposition, von psychopathischer Belastung 
und von psychopathischer Degeneration. Die leichteste von allen ist 
die psychopathische Disposition. „Sie stellt sich im wesentlichen als eine 
für sich erkennbare. psychische Zartheit dar, die auf einer angeborenen Minder- 
wertigkeit des Nervensystems beruht. Hierher gehörige Kinder lassen eine 
gleichmässige, oder nach einzelnen Seiten hin vorhandene, gesteigerte Empfäng- 
lichkeit für Eindrücke erkennen. Sie sind schüchtern, weichherzig, empfindlich 
und leicht verletzbar, aber auch mitleidig“. Schon ernster ist die psycho- 
pathisehe Belastung. Koch schreibt darüber: „In der Welt der heran- 
wachsenden Jugend sind es die psychopathisch faulen und schlingelhaften, oder 
gegenteils zart gewissenhaften und eifrigen, vielleicht auch vielversprechenden 
Kinder und Schüler, welche die typische Gestalt der angeborenen, psychopathischen 
Belastuug repräsentieren“. Der hervorstechendste Zug belasteter Kinder ist die 
gesteigerte, psychische Erregbarkeit in bestimmter Richtung. Dieselbe äussert 
sich als Schreckhaftigkeit, Furchtsamkeit und Empfindlichkeit. Kinder dieser 
Art kann ein leiser Tadel oder verletzter Ehrgeiz masslos verstimmen“. Am 
bedenklichsten natürlich ist die psychopathische Degeneration. Sie kenn- 
zeichnet sich dadurch, dass „eine eingewurzelte geistige Schwäche hervortritt‘. 
Koch unterscheidet auch dabei wieder drei Arten, nämlich die intellek- 
tuelle, die moralische und, wenn diese beiden vereint auftreten, die allge- 
meine. Vielfach fasst man auch die moralische und die allgemeine Degeneration 
zusammen und spricht von moralischem Schwachsinn im weitesten Sinne 
des Wortes. Trüper sagt: „Nicht bloss die Intelligenz kann im Seelenleben 
abnorm sein, sondern in demselben Maße kann auch — und das wird seltener 
bedacht — das Gemüts- und Willensleben sowohl krankhaft geschwächt, 
als auch krankbaft gesteigert und krankhaft entartet sein. Es gibt also nicht 
bloss einen intellektuellen, sondern auch einen moralischen Schwachsinn“. 

Ab und zu werden wir diesem moralischen Schwachsinn auch in 
Schulen und Anstalten für schwachsinnige und schwachbefähigte Kinder begeg- 
nen, und es dürfte deshalb nicht uninteressant und nicht unzweckmässig er- 
scheinen, hier das eine oder das andere Beispiel anzuführen und das Gebrechen 
nach verschiedenen Seiten hin näher zu beleuchten. 

N. N. ist 12 Jahre alt. Der Vater ist Alkoholist, die Mutter leidet an 
Epilepsie. Mit drei Jahren lernte der Junge erst laufen, hatte häufig Krämpfe 


und überstand Wassersucht und Nierenkrankheit. Heute noch leidet er an 
periodischen epileptischen Kıämpfen. Kleine Anlage zum Wasserkopf ist vor- 
handen. Anfangs war der Knabe in einer Normalklasse. Doch schon hier 
machte er den Lebreru das Leben sauer. Oft trieb er sich tagelang in der 
Stadt umher, ohne heimzugehen und die Schule zu besuchen. Er entwendete, 
wo immer er nur konnte, Geld, vernaschte es, kaufte Zigaretten, Spielsachen und 
dergl. mehr. Erwachsene, ja selbst seine Mutter, überbänfte er mit den scheuss- 
lichsten Redensarten. Später wurde er, da auch Schwachsinn ımässigen Grades 
festgestellt wurde, einer Hilfsklasse überwiesen. Wenn er hier auch im Lernen 
leidliche Fortschritte machte, so gings doch in sittlicher Hinsicht den alten Weg 
weiter. Nicht selten berauschte er sich auch mit dem entwendeten Gelde. Oft 
bekam er dermassen Wutanfälle, dass er alles zerriss und ins Holz biss. Die 
anderen Kinder necken, seine Geschwister chikanieren, die Tiere in der grau- 
saınsten Weise quälen, das war sein Hauptvergnügen. Einmal wollte er auch 
im Zorne die „ganze Bude“ anstecken, legte sich unter das Bett und steckte 
Streichhölzer an. Ein andermal wollte er sich aufhängen. Alles Ermahnen, 
Strafen, alle Erziehungsinassregeln, alles war zwecklos. 

N. N. ein Mädchen, 12 Jahre alt, ist unebelich geboren. Die Mutter leidet 
an Schwachsinn mässigen Grades. Väterlicherseits liegt auch erbliche Belastung 
vor. Verwandte endigten im Gefängnis, Zuchthaus und Arbeitshaus. Der Väter 
selbst ist ein solider, elırenwerter Mann. Körperlich ist das Mädchen ziemlich 
gut entwickelt, aber in geistiger Beziehung ist es stark zurückgeblieben. Ge- 
schwister und andere Kinder schlägt und stösst es gern. Tiere kann es mit 
einem wahren Wohlbehagen in der scheusslichsten Weise quälen. Schamlose 
Redensarten entfahren dem Munde, olıne dabei das geringste zu empfinden. Es 
zeigt Neigung zu geschlechtlichen Verirrungen. Zu Hause ist nichts sicher vor 
ihm. Wo es etwas erwischen kann, da greift es zu, auch wenn die Mutter in 
der Nähe ist. Wiederholt hat es schon andern Kindern Geld abgenommen und 
vernascht. Bei einem Streiche, an dem das Mädchen beteiligt ist, weiss es so- 
fort in geschickter Weise den Verdacht auf Unschuldige zu lenken. Überhaupt 
lügen kann es, dass einem darüber die Haare zu Berge stehen. Kurzum, das 
Kiud ist der Ausbuud aller Bösartigkeit und gibt täglich, ja man kann sagen, 
jeden Augenblick Veranlassung zu Tadel. Jede erzieherische Massnahme ist 
erfolglos. — 

Solche moralisch schwachsinnige Kinder sind ausserordentlich schwer zu 
behandeln. Sie können dem Lehrer das Leben recht sauer machen. Bei ihnen 
versagen fast alle erzieherischen Massnahmen und rat- und tallos steht man 
ihnen manchmal gegenüber. Welch schwere Sorgen bereiten sie oft der Familie. 
Sie verursachen, dass manche stille Träne das Auge der Mutter füllt, dass 
mäncher schwere Kummer und Gram das väterliche Herz bedrückt. Sie sind 
es, die den Ehrenschild einer geachteten Familie oft mit Unehre und Schande 
beflecken. „Wie viele wären vor dem Arbeitshaus und der Besserungsanstalt 
bewahrt geblieben, wie viele hätten mit dem Gefängnis keine Bekanntschaft ge- 
macht und wären auf abschüssige Bahnen geraten, wenn man ihre abnorme Verau- 


55 
lagung als solche erkannt hätte.* Da hilft alles Dazwischenfahren nichts. Ein 
solches Kind ist eben abnorm veranlagt und muss als solches entsprechend be- 
handelt werden. 

Eine Hauptursache des moralischen Schwachsinns ist die erbliche Be- 
lastung, und wenn man genau nachforscht, so findet man in der Regel, dass 
in der Familie Fälle von Irrsinn, Epilepsie, Idiotie, Trunksucht etc. vorliegen 
bezw. vorgekommen sind. Hin und wieder gibt es auch Fälle, bei denen K o pf- 
verletzungen, welche in der Geburt oder in den ersten Lebensjahren statt- 
gefunden haben, die Schuld tragen. Begünstigend können auch wirken schlechte 
Umgebung, schlechte Erziehung, schlimme Beispiele Erwachsener. 

Schon recht frühzeitig kann man Erscheinungen und Tatsachen 
wahrnehmen, welche auf moralischen Schwachsinn schliessen 
lassen. Ein solches Kind zeigt schon in frühester Jugend wenig oder gar keine 
Anhänglichkeit, absolut keine Liebe für die nächste Umgebung. Selbst 
Eltern und Geschwistern gegenüber bleibt es indifferent. Ja, es zeigt sich sogar 
auffallend abstossend, boshaft und rachsüchtig. Ohne jegliche Veran- 
lassung fängt es mit seinen Geschwistern Streit an und hat fortwährend mit 
ihnen zu hadern. In der rohesten Weise schlägt es sie auf den Rücken, stösst 
sie in die Seite, zerrt sie unmenschlich an den Haaren, kratzt und beisst sie 
und das alles, ohne dabei das geringste zu empfinden. Es fällt ihm dabei so 
viel ein als einem andern Kinde, wenn es sein Butterbrot verzehrt. Weinen 
und Wehkiagen erweichen es nicht. Es bleibt kühl bis aus Herz hinan. 
Ästethisches Empfinden, Mitleid, Erbarmen sind ihm. fremde Be- 
griffe. [m Gegenteil, je mehr es die andern wimmern und wehklagen sieht, 
desto wohler scheints ihm zu sein. Das macht ibm Spass und Vergnügen. „Die 
vorhandene sittliche Schwäche gibt sich dadurch zu erkennen, dass es beim 
Kinde, auch bei der besten Erziehungsmethode, an ethischen Vorstellungen und 
sittlicher Einsicht fehlt. Es tritt bei ihm eine egoistisch-sinnliche Richtung 
der Gedanken und Triebe widerlich hervor“. 

Ebenso zeigt sich die Gefühllosigkeit der moralisch Schwachsinnigen und 
ihr völlig abgestumpftes sittliches Empfinden darin, dass. sie Tiere in der 
grausamsten Weise quälenekönnen, und dass es kaum glaublich ist, wie er- 
finderisch sie manchmal im Ersiunen neuer Marter sind. Man möchte beinahe 
sagen, es ist in dieser Beziehung eine wahre Sucht in ilınen. Und alles Da- 
zwischenfahren ist zwecklos. Gute Worte, Ermahnungen, Belehrungen, Drohungen, 
Strafen, selbst die stärksten Züchtigungen — alles ist erfolglos. 

Weiter fällt bei ihnen auf, dass sie schon frühzeitig eine wahre Vorliebe 
für gemeine und obscöne Redensarten haben. Irgendwo auf der Strasse 
oder sonst aufgefangen, nehmen sie fortwährend Veranlassung, diese hässlichen 
Wörter zu gebrauchen, und das mit einer Kaltblütigkeit, dass einem darüber die 
Haare zu Berge stehen. Und darob zur Rede gestellt, — es ist nutzlos. Man 
meint, sie würden dabei ein ordentliches Wohlbehagen empfinden. 

Sonst zeigen sie noch eine wahre Sucht zulügen, zu stehlen, Feuer 
anzulegen, Blut zu sehen, die Sachen anderer zu zerstören, sich herum- 


56 


—— nu e nn 


zutreiben, alles mögliche anzustellen, was sie nur können. Und darüber zur 
Rede gestellt, — im selben Moment — sie tun es wieder. Nicht selten be- 
obachtet man bei ihnen auch Neigung zu geschlechtlichen Verirrungen. 
Dadurch werden sie in hohem Maße eine Gefahr für die übrigen Kinder, und 
es ist deshalb für alsbaldige Unterbringung in entsprechende Anstalten Sorge 
zu tragen. Recht bezeichnend ist ihr ganzes Wesen ausgedrückt, wenn es heisst: 
„Faul, lügnerisch, naschhaft, diebisch, voll böser, heimtückischer Gedanken, voll 
versteckter Schadenfreude, voll von Grausamkeit gegen Menschen und Tiere, voll 
Anmassung, voll geheimer und offener Auflehnung gegen jede Autorität, stets 
geneigt, einen boshaften Streich auszuführen und mit Lüge und Heuchelei den 
Verdacht auf Unschuldige zu lenken, voll hämischer Freude, wenn es ihnen ge- 
liugt, andere zum Bösen zu verfübren und Hässlichen zu verleiten, — so sind 
sie eine schwere Last und eine Qual für Schule, Haus und Erziehungsanstalt, 
eine Gefahr für ihre Mitschüler und Genossen“. „Sie begegnen jedem, der ihnen 
entgegentritt, mit Hass und Rachsucht, dabei können sie in masslosen Zorn aus- 
brechen und nach einem Messer und dergleichen greifen, zuweilen auch einen 
verhaltenen Grimm noch nach langer Zeit in unglaublichen Handlungen einer 
heimtückischen Bosheit entladen“. 

Wer das Krankhafte nicht als solches erkennt, könnte bei solchen Kindern 
oft die Geduld verlieren. Sie sind überaus leicht reizbar, geraten momen- 
tan in Wutanfälle und tobsuchtartige Zustände. Dann darf man ihnen 
sagen, was man will, man darf ihnen befehlen, was man mag, sie tun es nicht. 
Alles Einreden, alles Vorstellen ist zwecklos. Sind sie verrannt, dann stürzen 
sie sich blindlings in die Gefahr uud setzen ihren Kopf durch. 

Wie eingangs schon gesagt, muss mit dem moralischen Defekte nicht ab- 
solut intellektuelle Schwäche Hand in Hand gehen. Ja, man hat ab und zu 
schon Fälle beobachtet, bei denen die Intelligenz weiter keine auffallende Defekte 
aufzuweisen hatte, und bei denen möglicherweise das Gedächtnis sogar gut aus- 
gebildet war. Doch liegt weitaus bei den meisten Fällen die Sache so, dass 
intellektuelle und moralische Defekte neben einander hergelen. Und sollte selbst 
die Geistesschwäche in früheren Jahren nicht so sehr in die Augen springen 
und so eklatant zu Tage treten, so wird man docile auffallenderweise in späteren 
Jahren eine sichtliche Geistesschwäche konstatieren können, insbesondere des 
Urteilsvermögens.. Wenn sie die Fähigkeit zu selbständiger Lebensführung 
nachweisen sollen, scheitern sie, sinkeu oft zu Vagabonden herab und endigen 
zuletzt in Gefängnissen und Irrenanstalten. 


Schlusswort 
auf die Artikel der Herren Frenzel und Schwenk betr. den systematischen 
Handfertigkeitsunterricht in Idioten-Anstalten. 
Es erübrigt sich für mich, auf den Artikel des Herrn Frenzel in Nr. 1 
dieses Jahrgangs näher einzugehen, nachdem Herr Schwenk erklärt hat, dass 
er die ihm in den Mund gelegten Ausserungen nicht gebraucht hat. Mein guter 


57 
Glaube an die Zuverlässigkeit des Berichterstatters des „Organs der Konferenz 
für das Idiotenwesen“ wird mich sicherlich bei jedem entschuldigen, da mau 
doch nicht erwarten kann, dass derselbe Angriffe gegen andere Personen unter 
falscher Flagge segeln lässt. Das von mir dargebrachte Vertrauen erklärt auch, 
dass ich nicht monatelang auf den offiziellen Bericht wartete, um Beleidigungen, 
die gegen mich gebraucht wurden, zurückzuwsisen. 

Wenn nun im Artikel des Herrn Schwenk beanstandet wird, dass ich den 
Handfertigkeitsonterricht als ein Glied ärztlicher Therapie bezeichne, trotzdem 
ja en Lehrer den Unterricht gäbe, so darf ich darauf hinweisen, dass 
unbestrittenermassen an allen Anstalten für Gehirnkranke der Welt von den 
modernen Psychiatern die Arbeit, sei es nun im Ackerbau, der Schneiderei, 
Schuhmacherei etv. als therapeutischer Faktor erster Ordnung angewendet wird, 
wie ein Studium der psychiatrischen Literatur, die ja offenbar von den Idioten- 
pädagogen mit Interesse verfolgt wird, jeden kund tun wird. Der Psychiater, 
der nun schon jene grobe Arbeit als Arznei für das kranke Gehirn betrachtet, 
sollte eben durch meinen ersten Artikel darauf aufmerksam gemacht werden, 
dass ihm noch ein weit edleres Heilmittel zur Verfügung steht. Ich meinte 
jenen feinsten und hochstehendsten aller Arbeitsbetriebe, den Handfertigkeits- 
unterricht, der aufgebaut auf bewährten pädagogischen Prinzipien, berufen ist, 
einen fördernden und heilenden Einfluss auf das empfindlichste aller Körper- 
organe, das Gehirn, ausüben, das Gehirn, das sich krankhaft entwickelt, der 
Fürsorge des Arztes bedarf. 

Wie der Arzt nun die Arznei nicht selbst reicht, so wird der Hand- 
fertigkeitsunterricht auch nicht von ihm selbst erteilt. Der Arzt sucht die 
für den Unterricht tauglichen Kranken aus und behält sie weiter im Auge; 
selbstverständlich lässt er dem Werklehrer, der hier ein in Leipzig ausgebildeter 
Meister ist, völlig freie Hand im Unterricht. Beständige Fühlung mit dem- 
selben macht es ihm möglich, die tauglichen Kranken weiter ausbilden zu 
lassen, die untauglichen aus dem Unterricht zu entfernen. Arzt und Meister 
sind sich gegenseitig Helfer, die bei gegenseitigem guten Willen tadellos mit- 
einander arbeiten können. 

Wenn weiter Herr Schwenk zwischen den Zeilen liest, dass ich Pädagogen 
resp Theologen im allgemeinen für Einpauker, Prügelmeister resp. Teufelsbanner 
halte, so habe ich nur zu vertreten, was ich geschrieben habe. Ich kann so 
etwas nicht schreiben, denn ich weiss ganz genau, dass die erdrückende Über- 
zahl der Pädagogen und Theologen nichts gemein haben will mit jenen paar 
mittelalterlichen Personen, die, wie aktenmässig feststeht, bis auf den heutigen 
Tag masslos prügeln und durch blödsinnige Teufelsaustreibereien geistig schwan- 
kende Personen völlig geisteskrank machen. Eine gähnende Kluft der Ver- 
achtung klafft zwischen ihnen und den fortschrittlichen Pädagogen und Theologen. 

Ich selbst kann Herrn Schwenk mit seinen eigenen Ausserungen beweisen. 
was man alles zwischen den Zeilen lesen kann. Im lIdsteiner Bericht vom 
Jahr: 1902 steht auf Seite 5 über einen dortigen Hausarzt folgendes : „Seine 
ärztliche Kunst stellte er niemals in den Dienst zweifelhafter Versuche, er war 


58 


stets nur darauf bedacht, den Erkrankten zu helfen“ Also Herr Schwenk hält 
„im allgemeinen“ die Ärzte für Individuen, die an ihren Kranken zweifelhafte 
Versuche machen und nicht darauf bedacht sind, den Kranken zu helfen. Das 
will doch wobl Herr Schwenk nicht behaupten. 

Weiter hat gewiss Herr Schwenk gewiss recht, wenn er sagt, dass stets 
Ärzte-am Idiotenwerk mitgearbeitet haben; aber nur wenige wurden wirklich 
ernstlich zugelassen und oft musste sich der Hausarzt, von mis-trauischen 
Blicken betrachtet, nur auf Zahnziehen und Regeln des Stuhlgangs beschränken. 
Nun hat aber das Gesetz dafür gesorgt, dass eine gründlichere ärztliche Be- 
handlung stattfindet; widerwillig kommt man dem tesetze nıch und lässt dem 
Arzte nur in wenigen Fällen ordentlich zur Geltung kommen. 

Man sehe sich nur die Jahresberichte an; nach einer ellenlangen Predigt- 
betrachtung des Vorstehers kommt meistens, eingekeilt zwischen den Berichten 
über den Viehstand und der Aufzählung der gespendeten wollenen Socken und 
anderer Liebesgaben, der kurze Bericht des Arztes über die Kranken, die doch 
eigentlich das A und O des Berichtes bilden sollten. 

Nun zum Schluss, gewiss ist es meine Überzeugung, dass nur der Arzt 
an die Spitze von Idiotenanstalten gehöre, ich verfechte meine Ansicht wie 
die Gegner die ihrige. Der ldiotenlehıer hat schon lange den Kriegsruf er- 
hoben, dass dem Pädagogen die Leitung gehöre; der Arzt, der glaubt, dass nur 
verständiges Zusammenwirken unter medizinischer Leitung den Kranken zum 
Heil dienen könne, hat wieder einmal die Aufforderung zum Kampfe ange- 
nommen. Wer will ihm das verargen’? Dr. Hopf-Potsdam. 


Mosaikkasten. 


Als ein recht wertvolles Lehr- und Lernmittel für Hilfsschulen und Anstalten 
für Schwachsinnige gilt schon seit langer Zeit das Mosaikspiel oder der Mosaik- 
kasten. Einmal dient dieser Kasten dazu, die Kinder in die Kenntnis der Farben 
einzuführen, und sodann ist er ein treffliches Mittel, die Kinder in der Selbsttätig- 
keit zu üben. 

Das von Herrn Schuldirektor Nitzsche hier eingeführte Mosaikspiel besteht 
aus einem Holzkasten mit 25 Würfeln von 2 cm Höhe. Die einzelnen Würfel 
zeigen je eine blaue, gelbe, rote und weisse Fläche, die übrigen zwei Flächen da- 
gegen sind durch die Diagonale in rot und weiss, bez. gelb und blau geteilt. 

Seine Verwendung findet dieser Mosaikkasten in der Vorschule in folgender 
Weise. Vor den Zöglingen liegt je ein solcher Kasten. Auf Kommando wird 
dieser seines Inhaltes entleert und neben die Würfel gestellt. Anfangs werden 
nun diese mit ihren gleichfarbigen Flächen auf Zuruf in den Kasten gelegt, sodass 
nach Beendigung dieser Übung z. B. sämtliche Steine mit je ihren blauen oder 
weissen, gelben und roten Flächen nach oben in dem Kästchen liegen. Sind die 
Schüler soweit gefördert, dass sie die Farben kennen, so schliessen sich an die 
vorhergehenden Lektionen solche Übungen an, die als Zweck Festigung dieser 
Farbenkenntnis enthalten. Es folgt das Legen von Reihen: 1. Reihe weiss, 2. Reihe 


2 


rot, 3. Reihe gelb, 4. Reihe blau usw. Die Schlussübungen setzen sich dann aus 
Bilden von bunten Sternen, Kreuzen oder anderen Schönheitsformen zusammen. 


Man hat auch versucht, diesen Mosaikkasten im Anschauungsunterrichte in 
Verwendung zu bringen, es konnte dieses jedoch nur in geringem Maße geschehen, 
da die Würfel in der Hauptsache sich nur zur Darstellung von Schönheitsformen 
eignen, Lebensformen dagegen sich mit ihm nur wenig (Tisch, Stuhl, Bank, Ofen, 
Haus, Kirche) herstellen lassen. Wollte man weitere Gegenstände legen, so würden 
diese der Wirklichkeit wenig entsprechen und der Anschauung wäre mehr ge- 
schadet als genützt, indem sie beim Kinde falsche Vorstellungen erzeugte. 


Es ist daher von dem Unterzeichneten ein Würfelkasten gefertigt und in 
den Handel gebracht worden, der diesem Übelstande abzuhelfen sucht. Die 
Würfel dieses Mosaikkubus sind nur zweifarbig gemalt und zwar gelb und 
blau. (Es können jedoch auch Kästen mit weiss-roten Würfeln bezogen werden.) 
Die Ordnung der farbigen Flächen ist folgende: Eine Würfelseite ist blau, die 
entgegengesetzte gelb, zwei Flächen sind in der Weise geteilt, dass dieselben zwei 
kongruente Dreiecke oder Rechtecke bilden, die übrigen beiden Flächen zeigen 
einen Viertelkreis, der die Würfelkante als Halbmesser besitzt, während die Füllung 
von der entgegengesetzten Farbe gebildet wird: 


blau gelb 
“Je 


Mit derartig geformten Würfelkästen lassen sich nicht nur gradlinige, sondern 
auch krummlinige Figuren legen. Der Kasten gewinnt vor allem an Wert, indem 
sich mit ihm auch sämtliche grossen und kleinen Buchstaben der Antiqua, sowie 
Zahlen und Satzzeichen konstruieren lassen. 


Als Normalkasten gilt der Kasten mit 36 Würfeln. Jedoch können auf den 
untersten Stufen von Hilfsschulen, Anstalten für Schwachsinnige, Kindergärten etc. 
Kästen mit weniger Würfeln (16, 25) benutzt werden, während vorgeschrittenere 
Zöglinge den 8:8 Würfelkubus in Gebrauch nehmen. In der Landesanstalt Gross- 
hennersdorf ist für die einzelnen Abteilungen eine dazu eigens festgesetzte Stunde 
„Mosaik“ in den Stundenplan eingereiht worden, in der die Kinder systematisch 
mit dem Gebrauche des Kastens bekannt gemacht und darin geübt werden. 


Der Lehrgang des Kastens mit 36 Würfeln ist folgender: 
A. Übungen mit den beiden ganzfarbigen Flächen (gelb und blau). 


a) Legen der blauen Fläche. 
b) Legen der gelben Fläche. 
c) Kombinationen beider. 


Lebensformen: Tisch, Stuhl, einfache Treppe, Doppeltreppe, Damenbrett. 
Ziffern: Die „4“ und sämtliche Zahlenbilder (nach Lay) von 1—6. 
Buchstaben: i, 1. 


60 


B. Übungen mit den gradlinig geteilten Flächen. 
a) Legen der blauen bez. gelben Ecke. 
b) Legen des blauen bez. gelben Streifens. 
c) Kombinationen der Übungen unter A und B. 

Lebensformen: Fenster, Leiter, Fahne, Schilderhaus, Windmühle, Kirche, Haus, 
Fabrik, Rechen, Kreuz, Pumpe, Brunnen, Zylinder- und Strohhut. 

Buchstaben: k, t, x, z. E, F, H, I, K, L, M, N, Z 

Ziffern: Die „1“. 

Satzzeichen: Punkt, Komma, Doppelpunkt, Semikolon, Ausrufezeichen 

C Übungen mit den krummlinig-geteilten Flächen. 
a) Legen des blauen Bogens. 
b) Legen des gelben Bogens. 
c) Kombinationen von Übung A—C. 

Lebensformen: Amboss mit Hammer, Zange, Sense, Glocke, Schlüssel, Leuchter, 
Beile, Becher, Bierglas, Vögelchen, Star auf der Mäste, Ente auf dem Wasser, 
Schuljunge, Kaffeetasse, Kaffeekanne, Zuckerdose, Milchkännchen, Filzhut, Mütze, 
Eisenbahnwagen, Karren, Omnibus, Möbelwagen, Lokomotive, Lowri, Luftballon, 
Tabakspfeife, Tischlampe, Pilz, Blatt. 

Sämtliche noch nicht genannten Buchstaben des grossen und kleinen Alphabetes, 
Satzzeichen und Ziffern. 

Mit genannten Formen ist jedoch die Fülle der zu legenden Objekte bei 
weitem nicht erschöpft, sondern jedes Kind kann die eigene Phantasie walten 
lassen und selbst noch andere Figuren zur Darstellung bringen Der Kasten ist 
daher nicht nur ein Lern-, sondern auch ein Beschäftigungsmittel und zeichnet 
sich vor anderen Mosaikkästen durch seine Einfachheit, grössere Verwendbarkeit und 
Billigkeit. aus*). Fritzsche- Grosshennersdorf. 


Mitteilungen. 


Berlin. (Lehrstuhl für Sprachheilkunde.) Die hiesige Universität 
dürfte die erste sein, an der nun auch über „Sprachstörungen“ Vorlesungen gehalten 
werden. Als Privatdozent habilitierte sich der in der einschlägigen Literatur be- 
kannte Spracharzt Dr. Hermann Gutzmann- Berlin. Am Montag den 30. Januar 
hielt er vor einem zahlreich erschienenen Auditorium in der Aula der königl. 
Universität seine Antrittsrede über „die Sprachstörungen als Gegenstand 
des klinischen Unterrichts. Die Vorlesungen selbst beginnen im kommenden 
Semester. — 

Bremen. (5. Verbandstag der Hilfsschulen Deutschlands.) Wie 
wir bereits in Nr 1 mitgeteilt haben, wird hier der Kongress in den Tagen des 


*) Die Kästen, denen zahlreiche Vorlagen beigegeben sind, liefert jede bessere 
Spielwaren- und Lehrmittelhandlung. Ebenso sind dieselben durch den Buch- 
handel und von dem Herausgeber, Anstalislehrer Fritzsche in Grosshennersdorf, zu be- 
ziehen. Die Preise stellen sich bei hartem Holze pro Dutzend auf Mk. 4,60 bis Mk. 14.— 
und bei weichem Holze auf Mk. 3.— bis Mk. 12 —. 


61 


25., 26. und 27. April abgehalten. Die Tagesordnung ist nunmehr wie folgt 
festgesetzt: I. Vorversammlung am 25. April, abends 6 Uhr: a) Die Aus- 
bildung der Hilfsschullehrer. Referent Lehrer Busch-Magdeburg. b) Die Be- 
handlung von Sprachgebrechen in der Hilfsschule. Referent Dr. med. Winkler- 
Bremen. c) Geschäftliches. — II. Hauptversammlung am 26. April, morgens 
9 Uhr: a) Über moralische Anästhesie. Referent Direktor Dr. med. Scholz- 
Bremen. b) Die Berücksichtigung der Schwachsinnigen im Strafrecht des Deutschen 
Reiches. Referent Ober-Amtsrichter N olte- Braunschweig. c) Über den gegen- 
wärtigen Stand der Fürsorge für die aus den Hilfsschulen entlassenen Kinder in 
unterrichtlicher und praktischer Beziehung. Referent Hauptlehrer A. Schenk- 
Breslau. d) Geschäftliches. — Der Senat der Stadt Bremen hat den Besuchern 
des Verbandstages freundliche Aufnahme zugesichert, und die Einladung des Orts- 
ausschusses zeigt, wie eifrig derselbe beschäftigt ist, seinen Gästen die Tage in 
Bremen nutzbringend und angenehm zu gestalten. An die Verhandlungen der 
Hauptversammlung schliesst sich ein gemeinsames Festessen an, nach welchem eine 
Besichtigung der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt in Aussicht genommen ist. 
Um 8 Uhr beginnt der Festkommers im grossen Saale der Union. Für Donners- 
tag, den 27. April, ist ein Ausflug nach Bremerhaven und eine Fahrt in See ge- 
plant, für die der Norddeutsche Lloyd in zuvorkommenster Weise einen Dampfer 
zur Verfügung gestellt hat. Abends findet der Verbandstag mit einem geselligen 
Beisammensein im altehrwürdigen Bremer Ratskeller seinen Abschluss. — Anmel- 
dungen zur Teilnahme am Kongresse nimmt der 1. Schriftführer des Ortsaus- 
schusses, Herr Schulvorsteher F. von Bremen (Bremen, Ansgaritorstr. 14) ent- 
gegen, der auch alle auf den Verbandstag bezüglichen Anfragen bereitwilligst be- 
‚antworten wird. — 

Wien. (Verein „Fürsorge für Schwachsinnige“) Der über ganz 
Österreich seine Wirksamkeit erstreckende Verein „Fürsorge für Schwach- 
sinnige“ [Sitz XIX 1, Pantzergasse 3] hat in seiner letzten Generalversammlung 
beschlossen, das Schutzgebiet durch die Fürsorge für Epileptiker zu vergrössern. 
Aus dem von Vizepräsident Oberlehrer Hans Schiner erstatteten Rechenschafts- 
bericht sei besonders erwähnt die Abhaltung der „Ersten österreichischen 
Konferenz zur Schwachsinnigenfürsorge“ am 27. März 1904 unter 
Anwesenheit der Vertreter des hohen k. k. Ministeriums für Kultas und Unter- 
richt, des k. k. n.-ö. Landesschulrutes und des k. k. Wiener Bezirksschulrates. 
Beratungsgegenstände waren: Die geschichtliche Entwicklung der Fürsorge für 
Schwachsinnige in Österreich. (Oberlehrer Hans Schiner.) — Die Fürsorge für 
die schulpflichtigen Schwachsinnigen. (Lehrer Hans Bösbauer.) — Unterrichts- 
zwang Schwachsinniger Kinder. (Lehrer Leopold Miklas.) — Fürsorge für die 
aus den Anstalten und Hilfsschulen entlassenen Schwachsinnigen und Minder- 
befähigten. (Landesseelsorger Leopold Müllner.) — Vereinsorganisation. (Ernst 
Lorenz.) Der Bezirksschulrat der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien 
sprach dem Vereine „für seine echt menschenfreundlichen Bestrebungen“ den 
Dank und die Anerkennung aus, nahm den Konferenzbericht zur befriedigen- 
den Kenntnis, bezeichnete die Errichtung spezieller Bildungsanstalten für schwach- 


62 
sinnige und schwachbefähigte Kinder im Wiener Bezirksschulrate im Interesse der 
Sicherung eines tatsächlichen Unterrichtes für die unglücklichen Kinder, sowie der 
allgemeinen Volksschule und der Gemeinde Wien als dringend notwendig. Ebenso 
sprach der Stadtschulrat der landesfürstlichen Stadt Graz für die Übermittlung der 
Konferenzbeschlüsse seinen Dank aus und erklärte die Bestrebungen des Vereines 
stets mit Interesse zu verfolgen. Das gedruckte Protokoll der „Ersten öster- 
reichischen Konferenz Fürsorge für Schwachsinnige“ ist im Selbstverlage des Ver- 
eines erschienen und gegen Einsendung von 20 Hellern in Marken erhältlich. — 
Der Verein veranlasste ferner die Herausgabe des „Handbuch der Schwach- 
sinnigenfürsorge“, herausgegeben von Hans Bösbauer, Leopold Miklas, 
Hans Schiner. (Verlag Karl Gräser, Wien und B. G. Teubner, Leipzig. 
Preis Mk. 3,20). Von diesem Handbuch, das von der in- und ausländischen 
Presse überuus gut besprochen wurde, kaufte der Wiener Stadtrat für die Lokal- 
lehrerbibliotheken sämtlicher Volks- und Bürgerschulen Wiens 450 Exemplare. — 
Erwähnt sei ferner die „Fibel für abnorme Kinder“ II. Teil, herausgegeben 
von H. Schiner und H. Bösbauer unter Mitarbeit: von M Miklas. (Verlag 
Karl Gräser Wien und B. G. Teubner, Leipzig.) — Vortragsabende wurden zwei 
abgehalten, in denen Direktor Dr. Heinrich Schlöss und Universitätsprofessor 
Dr. Alex. Pilcz sprachen. Der eine Vortrag „Die Ursachen der Idiotie“ ist 
in Druck erschienen im Komissionsverlag Buchhandlung H. u. J. Schellbach Wien I., 
um 60 Pfg. erhältlich. — Die vom Vereine errichtete unentgeltliche Auskunfts- 
stelle (18. Bezirk, Anastasius-Grüngasse 10) findet lebhaftesten Zuspruch. Der 
Verein unternahm auch gemeinsame Besuche, Besichtigungen von Anstalten. Für 
die Weihnachtsfeier der schwachsinnigen Kinder der Wiener Hilfsschule wurden 
1400 Kronen aufgebracht. Der Verein erfreute sich des besonderen Interesses der 
k. k. Hoheiten der Frauen Erzherzoginnen Maria Josefa und Maria Annunziata. 
Der Präsident des Vereines ist Reichsfreiherr Max von Vittinghoff-Schell. 
L. M. 
Literatur. 

Die Hysterie. Von Professor Dr. Otto Binswanger in Jena. XII. Band 
der speziellen Pathologie und Sherapie von Prof. Dr. H. Nothnagel. Wien. 
Alfred Hölder, 1904. 

Binswanger, der uns vor einigen Jahren eine umfassende Monographie über 
die -Epilepsie geschenkt hat, hat jetzt die ärztliche Literatur mit einer erschöpfenden 
Arbeit über die Hysterie bereichert. So sehr die Literatur über die einzelnen 
Erscheinungen der Hysterie in letzter Zeit angeschwollen ist, so fehlte es bisher 
an einem Werke deutscher Zunge, das unser Wissen über dieses schwierige Gebiet 
des kranken Lebens zusammenfasste. Binswangers Buch bringt nicht nur auf Grund 
einer umfassenden Literaturkenntnis eine Registrierung unseres gesamten gegen- 
wärtigen Wissens um die Hysterie, er bringt auch aus reicher eigener Erfahrung 
wertvolle Beiträge zur Kenntnis und zum Verständnis der hysterischen Zustände. 
Von einem Werk von über 900 Druckseiten auch nur in summarischer Weise einen 
Auszug hier zu bringen, ist, nicht möglich. Nur einige Punkte mögen erwähnt sein. 





63 

Trotz der eingehenden Forschungen der Neuzeit hält es B. nicht für möglich, 
„eine Begriffsbestimmung der Hysterie zu konstruieren, welche sie als klinische 
Einheit, als fest umgrenzte Nervenkrankheit erkennen lässt“. „Der einzig bleibende 
Gewinn, welchen die Forschungen der letzten Decennien auf diesem Arbeitsgebiete 
gebracht haben, besteht in der Erkenntnis, dass alle hysterischen Krankheitser- 
scheinungen in unlösbaren Beziehungen stehen zu Störungen der Hirnrindenfunk- 
tionen.“ DB. sieht: das Wesen der eigentümlichen Veränderung im zentralen Nerven- 
system, die wir als Grundlage der Hysterie annehmen müssen, „der hysterischen 
Veränderung“ darin, „dass die gesetzmässigen Wechselbeziehungen zwischen der 
psychischen und materiellen Reihe gestört sind und zwar in doppelter Richtung: 
auf der einen Seite fallen für bestimmte Reihen materieller Rindenerregungen die 
psychischen Parallelprozesse aus oder werden unvollständig durch jene geweckt; 
auf der andern Seite entspricht einer materiellen Rindenerregung ein Übermass 
psychischer Leistung, das die verschiedenartigsten Rückwirkungen auf die gesamten 
Innervationsvorgänge, die in der Rinde entstehen oder von ihr beherrscht werden, 
hervorruft“. 

Ref. kann den Einwand nicht unterdrücken, dass diese Begriffsbestimmung, 
auch auf andere psychopatholog. Vorgänge anwendbar sei. Es ist eben, wie B. 
selbst sagt, zurzeit noch nicht möglich „das bunte Bild hysterischer Krankheits- 
erscheinungen auf eine einzige psychologische Grundformel zurückzuführen“ B. 
wendet sich deshalb auch gegen die Definition von Möbius, dass hysterische Er- 
scheinungen durch Verstellungen oder durch die mit ihnen verbundenen Gemüts- 
bewegungen entstehen, Gewiss erklärt auch diese Begriffsbestimmung nicht restlos 
alle Erscheinungen, aber sehr viele und sehr wichtige erhebliche. Jedenfalls hat die 
Formulierung von Möbius überaus viel zum Verständnis der Hysterie beigetragen. 
Sie dient namentlich auch in diagnostischer Hinsicht als recht sicherer Leitfaden. 

Von den einzelnen Kapiteln möchten wir besonders das der Ätiologie er- 
wähnen, in dem die Erscheinungen der psychischen Degeneration im Kindesalter 
eingehend besprochen werden. Ferner sei auch auf die für den Kreis unserer 
Leser ganz besonders wichtigen Ausführungen über die Beziehungen zwischen 
Hysterie und Epilepsie, die Kombination beider, und ihre Differentialdiagnose aufmerk: 
sam gemacht. B. nimmt nicht nur an, dass beide Krankheiten bei einem und demselben 
Patienten vorkommen können, sondern dass es tatsächlich hysteroepileptische 
Mischformen gebe. Binswangers Buch wird für lange Zeit das massgebende 
deutsche Werk über Hysterie sein, ein Ratgeber für jeden, der sich auf diesem 
Gebiete in irgend einer Richtung orientieren will Es wird auch vielen Lesern 
unseres Blattes, die in ihrem Wirkungskreis bei jedem Schritt auf hystrische 
Zustände bei ihren Pflegebefohlenen stossen, willkommen sein. W. 

Gehirn und Seele des Kindes. Von Dr. M. Probst. Verlag von Reuther 
und Reichard. Berlin. Preis 4 Mk. 148 Seiten 

Die Frage über „Gehirn- und Seelenleben des Kindes“ vom medizinisch-päda- 
gogischen Standpunkte aus behandelt zu wissen, dürfte für jeden Lehrer, insbesondere 
für Lehrer, die es mit der Behandlung abnormer Kinder zu tun haben, von grosser 
Bedeutung sein. Leider ist unsere Literatur gerade in dieser Beziehung nicht 


64 


reich zu nennen. Darum könnte man dieses neu erschienene Buch mit Freuden 
begrüssen. Doch das Studium desselben setzt eine genaue Kenntnis der Hirnana- 
tomie voraus und enthält fast ausschliesslich lauter lateinische Benennungen. Da- 
durch dürfte es vielleicht mehr für die Hand des Mediziners, als für die des 
Lehrers berechnet sein. B. 





Anzeigen. 
Gepr. wissensch. u. Turnlehrerin 


mit Vorbildung im Idiotenunterricht, die mit Stotternden und Stammelnden umzu- 
gehen versteht, sucht Stellung an Anstalt f. Schwachsinnige. — Ref.: Herr Erziehungs- 
inspektor Piper, Dalldorf-Berlin. Gefi. Offerten M. L. 25 an d. Schriftl. d. Bl. 


Der Bericht über die XI. Konferenz für das Idioten- 
und Hiltisschulwesen ist fertiggestellt und von dem Schriftführer, 
Direktor Schwenk in Idstein im Taunus, zum Preise von 2 Mk. zu beziehen. 

Den Mitgliedern geht der Bericht in den nächsten Tagen kostenfrei zu, 
während die Teilnehmer denselben gegen Einsendung von 1 Mk. erhalten können. 
Der Vorstand der Konferenz. 


Dr. O. Berkhan, über den angeborenen und früh erworbenen Schwach- 
sinn, Geistesschwäche des Bürgerl. Gesetzbuches. Für Psychiater, Lehrer, Kreis- 
und Schulärzte dargestellt. 2. durch Nachträge ergänzte Auflage. Mit Abbildungen. 
Verlag von Vieweg u. Sohn. Braunschweig 1904 Preis Mk. 2.40. 























Adams Rechenbrett D. R. G. M. | Fürälteren, schwachbef. K naben wird gute 
Bezugsquelle: Rudolf Rehs, Meiningen. Pension nachgewiesen durch d. Redakt. d. BI. 


— —-—— M c m m 


Friehores- und Fachlehranstalt für nervös | Soeben erschien : ; 
veranlagte u. i. d. Schule nervös ge- Ubungsbuch für 


wordene Jünglinge der höheren Stände ist Sprach- (Stotter-) Heilkurse 


Dr. Jacobis Institut für Landwirtschaft und | 
1 Übgsb. m Beilage: Sprachheilmeth 
Gartenbau, Wetterscheidt (Kreis Naum- | ge en 1.20 Mk. direkt von M. Weniger- 


burg a. S.) , Schwelm Westf. 





Briefkasten. 

Dir. Sch. i. J. Die Quittung wäre Ihnen mit dieser Nr. zugeschickt worden. — 
0.M.i.M. Besten Dank, die Sendung wurde gern ausgeführt. — H. P.i.B. Für freund- 
liche Zusendung der „Nachrichten“ danken wir. Nachdem unsere Zeitschrift aber über 
die Tätigkeit des Vereins im Laufe des Jahres wiederholt berichtet hatte, konnien wir 
uns füglich ein nochmaliges Eingehen auf den Jahresbericht ersparen. Wir bitten Sie 
aber, uns wie bisher auf dem Laufenden erhalten zu wollen. — NH: 6. i. L. Erhalten, 
aber für diese Nr. zu spät. — L. A.i. E. Eine Schrift, die sich speziell über „das Wesen, 
den Wert und den Betrieb des eurythmischen Turnens in der Hilfsschule“* verbreitet, 
kennen wir nicht, vielleicht aber vermag ein Leser unserer Zeitschrift uns ein solches 
Buch zu nennen. 








Inhalt. Die Opium-Brom-Behandlung der Epilepsie. (Dr. med. Kellner.) 
Moralisch schwachsinnige Kinder. (G. Büttner.) — Schlusswort. (Dr. med. Hopf.) — 
Mosaikkasten. (Fritzsche) — Mitteilungen: Berlin, Bremen, Wien. — Literatur: 
Binswanger, Dr. Otto, Die Hysterie. — Probst, Dr. M., Gehirn und Seele des 
Kindes. — Anzeigen. — Briefkasten. — 





Für die Schriftleitang verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von H. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 


- 95 OG 


Nr. 5. XXI. (IV. Jahrg. 


Leitsehrift 


für die 










„ei 
Y 


Organ der Konferenz nz für das Idiotenwesen. 
Unter Mgirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 


Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Spezialarzt 
Dresden - Strehlem, für Nervenkrankheiten 
Residenzstrasse 27. in Stuttgart. 





Erscheint jährlich in 18 Nummern von 

mindestens einem Bogen. Anzelgen für 

die gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- 
rarlsche Beilagen 6 Mark. 


Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 

M e 1905 und Postämter, wie auch direkt von der 

al ° Schriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 
einzeine Nummer 50 Pfg. 





Die Original- Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 





Die schriftlichen Arbeiten in der Hilfsschule. 
Von Eduard Schulze, Lehrer an der Hilfsschule in Halle a. 8. 

Das Ziel, welches wir bei der Erziehung unserer Schwachbefähigten uns 
gesetzt haben, nämlich sie so auszurüsten, dass sie dereinst an ihrem Teile mit- 
arbeiten können am Werke der Kultur, dieses Ziel besteht im einzelnen auch 
in der Befähigung unserer Kinder zur Herstellung schriftlicher Arbeiten. Gerade 
sie haben für den im Leben Stehenden oft die allergrösste Bedeutung. Gibt es 
doch heutzutage noch viele Menschen, die in einer guten Handschrift den besten 
Empfehlungsbrief sehen, die nach der Zahl der orthographischen Fehler die 
Bildung überhaupt abschätzen, die von der Art des Stils einen Schluss ziehen 
auf die geistige Leistungsfähigkeit, die nach einem Schriftstück Geschmack und 
Charakter des Schreibers beurteilen. Wenn nun auch diese an das Äussere der 
schriftlichen Arbeiten geknüpften Schlussfolgerungen nicht immer unbedingte 
Richtigkeit und Gültigkeit beanspruchen, so müssen wir doch zugeben, dass die 
schriftlichen Arbeiten zu den Mitteln der geistigen Bildung zu rechnen 
sind, dass sie auch als Erziehungsmittel nicht zu unterschätzen sind, dass 
sie endlich als wichtiges Mittel des geistigen Verkehrs für das praktische 
Leben von grosser Bedeutung sind. 

Nach dem Ziele, dem wir durch Unterweisung in den schriftlichen Arbeiten 
zustreben, unterscheiden wir 1. Übungen, welche die richtige und formvollendete 
Bildung der Schriftzeichen zum Zwecke haben — das sog. Schönschreiben, 
2. Übungen, welche die Aufzeichnung des Gedachten mit den richtigen Schrift- 
zeichen beabsichtigen — das Rechtschreiben, und 3. Übungen, welche auf die 
Darstellung der Gedanken in klarer Ordnung hinzielen — die stilistischen 
Arbeiten, den Aufsatz. 





6 

I. Die Schönschreibeübungen. Der Unterricht inı Schönschreiben hat 
auch in der Hilfsschule wie in jeder andern Schule die Aufgabe, die An- 
eignung einer sauberen, deutlichen, gewandten Handschrift in allen, auch in 
schnell gefertigten Schriftstücken zu vermitteln. An diesem Ziele müssen wir 
festhalten; denn was nützt die Schrift, wenn man sie nicht lesen kann, welchen 
Gewinn bringt sie, wenn.ihre Anwendung dem Schreiber grosse Schwierigkeiten 
breitet! Ebenso können wir auch in bezug auf den zu bewältigenden Stoff 
im Prinzip nichts ablassen von dem, was auch in andern Schulen gefordert 
wird: Einübung des kleinen und grossen deutschen und lateinischen Alphabets, 
der arabischen und römischen Ziffern und der gebräuchlichsten Satzzeichen. 

Die Richtigkeit und Schönheit der Buchstabenformen hängen ab von der 
Bildung des Auges, von der Übung der Hand, die man in unsern Schulen ge- 
meinhin zu erreichen sucht durch längere oder kürzere Zeit andauernde sog. 
„Vorübungen*, d. h. Übungen der einzelnen Buchstabenelemente als solche. 
Ich kann mich mit derartigen Vorübungen nicht einverstanden erklären, da ich 
die Einübung eines einzelnen Buclıstabenbestandteiles für schwerer halte als das 
Schreiben des Ganzen, da ferner diese Einzelelemente noch inhaltsloser sind als 
die Hieroglyphen, die wir Buchstaben nennen. Die rechte Anpassung an die 
Entwicklungsstufe unserer Kinder, sowie die angemessenste Bildung des Auges 
und die wahre Übung der Hand erreichen wir nicht dadurch, dass wir, wie 
jetzt noch allgemein üblich, schon auf der Vorstufe mit dem Schreiben be- 
ginnen, sondern nur dadurch, dass wir es auf eine spätere Zeit hinausschieben, 
dass wir warten, bis die körperlichen und geistigen Kräfte zur Ausübung dieser 
Kunst gewachsen sind. Dem Schreiben sollten Stäbchenlegen und Zeichnen 
vorangehen; das wäre die beste Vorbereitung, da diese Tätigkeiten ihre Stoffe 
wirklichen Naturforınen entnehmen, Formen, auf denen auch die Elemente der 
Buchstaben beruhen. Als Übergang vom Zeichren zum Schreiben der deutschen 
Buchstaben empfehle ich auf Grund eigener praktischer Versuche*) das Malen 
grosser lateinischer Druckbuchstaben. Wo das nicht durchführbar ist, sollte 
ınan wenigstens dem Zeichnen eine grössere Pflege als bisher einräumen. 

Bei dem heutigen Gange der Schreibübungen überschätzen wir die Leistungs- 
kraft des Kindes, überschätzen wir Hilfsschullehrer erst recht die geringe Leistungs- 
fähigkeit unserer Schwachen. Denn wir verlangen von dem Kinde auf der 
untersten Stufe dieselbe Leistung, die wir auch von dem Schüler der Oberstufe 
fordern: eine vollendete Buchstabenform. In andern Unterrichtsfächera begehen 
wir nicht diesen groben didaktischen Fehler, sondern wir berücksichtigen den 
Entwicklungsstandpunkt des Kindes dadurch, dass wir durch allerlei Hilfsmittel 
seine schwachen Kräfte stützen. So sollte man erst recht den unbeholfenen, 
mit körperlichen Gebrechen behafteten Zöglingen der Hilfsschule beim Schreiben- 
lernen diejenigen Hilfsmittel bieten, die ihrer geistigen und körperlichen Ent- 
wickelung am meisten entsprechen. Um diese zu finden, wollen wir uns den 
Vorgang des Schreibens, also die Erzeugung der Formvorstellungen der Schrift, 


*) Vergl. meinen Artikel in der Zeitschrift für a IX. Jahrg. S. 1: 
Der erste Lese- und Schreibunterricht in der Hilfsschule. 


67 

klar machen: Das Auge verfolgt durch eine Reihe von Bewegungen den Umriss 
des vorgeschriebenen Schriftzeichens.. Diese „Blickbewegungen“ rufen in dem 
zentralen Gebiete der Sehsphäre Empfindungen hervor, die wir Bewegungs- 
empfindungen nennen, die ehen in ihrer ganz bestimmten zeitlichen Aufeinander- 
tolge die Formvorstellung des Buchstabens abgeben; übertragen wir nun diese 
auf das motorische Gebiet, so „schreiben® wir. Danach wäre für das Erlernen 
des Schreibens nötig: 1. dass der Schüler den fertigen Buchstaben als Ganzes 
erblickt — das wäre die Formvorstellung, 2. dass er sieht, wie der Buchstabe 
entsteht — das wären die Blicksbewegungsvorstellungen, 3. dass er durch eigenes 
Schreiben die Bewegungsvorstellungen in die Hand überträgt — das wären die 
Muskelempfindungen, deren Reihenfolge durch längere Übung zur festen Norm 
wird. Zur Befestigung der Schreibbewegungen lassen sich nun folgende Übungen 
ausführen: 

1. Entstehung der Buchstabenform in musterhafter Ausführung an der 
Wandtafel vor den Augen der Schüler. 

2. Zerlegung des Buchstabens in seine Grundbestandteile. 

3. Überfahren der Vorschrift durch die Schüler mit der Kreide, dem Finger 
oder dem Zeigestock. 

4. Schreiben der Form mit dem Finger auf der Bank, a) nach Vorschrift, 
b) aus dem Gedächtnis. 

5. Schreiben der Buchstabenforın in der Luft, a) nach der Vorschrift, 
b) aus dem Gedächtnis. 

6. Das eigentliche Schreiben auf Unterlage mit Hinterlassung von Schrift- 
zeichen, a) in möglichst grosser Ausführung ohne Liniensystem nach Vorschrift 
und aus dem Gedächtnis, b) in ein Liniensystem nach Vorschrift und aus 
dem Gedächtnis. | 

Warum zeitigt nun aber ein nach den eben dargelegten Grundsätzen hetriebener 
Schreibunterricht in unsern Schulen Erfolge, die meist in umgekehrtem Verhältnis 
zur aufgewandten Zeit und Mühe stehen? Die mannigfaltigen und verschieden- 
artigen Bedingungen, die bei der Erzielung einer guten Handschrift zusammen- 
wirken, werden uns die mangelhaften Resultate erklärlich machen. Es sind 
beim Schreiben von Einfluss 1. die körperliche Veranlagung unserer Kinder, 
2. der Entwicklungsgrad ihres Formensinnes, 3. die Art und Intensität der An- 
schauung. Wenn wir uns hieraufhin die Schrift unserer mit Lähmungen, 
Muskelschwäche, Intentionstremor, Ataxie, Chorea, nervöser Unruhe, Rückgrats- 
verkrümmmungen, Fehlern des feinern Muskelsinnes und der gesunden Bewegungs- 
empfindungen, mit Kurzsichtigkeit, Schielen, Gesichtsfeldeinengung und Akkomo- 
dationsfehlern des Auges behafteten Kinder ansehen, wenn wir ihre ungenaue 
und unvollständige Perzeption und Apperzeption der Formen berücksichtigen, 
wenn wir weiter die Schwäche ihrer Sinne, ihre Unaufmerksamkeit, ihre erhöhte 
Sensibilität, ihr schwaches Gedächtnis, den Mangel an Selbstzucht und den über- 
starken Einfluss der jeweiligen Disposition in Anrechnung bringen, werden wir 
keiner weiteren Erklärung bedürfen, werden wir mit den Leistungen unserer 
Kinder im Schreiben zufrieden sein. 


68 


Viele Lehrer versprechen sich von dem sog. Taktschreiben besondere Vor- 
teile für die Aneignung einer schönen Handschrift, da eg den Unterricht zum 
Klassenunterricht mache, die Schuldisziplin fördere, zur scharfen Ausführung 
auch des kleinsten Teiles der Buchstabenformen zwinge, das Absetzen der Feder 
verhüte und vor langsamem Malen und gedankenlosem Eilen bewahre. Aber 
schon der Streit um das Wie des Zählens, ob „auf, ab“ oder „eins, zwei“ oder 
bis 10 oder bis zum Schlusse des Wortes zu zählen sei, ob man nur Grund- 
striche oder auch Haarstriche -oder alle Elemente zählen solle, ob der Schüler 
oder der Lehrer oder das Metronom den Takt angeben sollen, schon diese klein- 
lichen Streitereien hätten die Anhänger dieser „Methode“ zu der Frage führen 
müssen, ob diese Art des Schreibens denn wirklich naturgemäss, d. h. der Natur 
unserer Schrift und der Art der Schreibtätigkeit angemessen sei. Wir behaupten, 
dass gerade durch diesen Zwang die regelmässige und freie Bewegung der Hand, 
die übereinstimmenden und gesetzmässig aufeinanderfolgenden Bewegungen der 
beim Schreiben tätigen Muskeln zur Unmöglichkeit werden. (Man denke sich 
das kleine deutsche h in derselben Zeit ausgeführt wie den i-Punkt.) 

Das Interesse an der Gesundheit unserer ohnehin meist kränklichen und zu 
allerhand Krankheiten neigenden Kinder, sowie die Erkenntnis, dass der Schreib- 
unterricht auch die veranlassenden Momento zur Entwicklung verschiedener 
sog. Schulkrankheiten in sich birgt, soll uns mahnen, auch die hygienischen 
Forderungen zu berücksichtigen, welche die Ärzte an diesen Unterricht stellen. 
Danach wären zu beachten: 1. Die Schriftform, 2. die Heftlage, 3. die Liniatur 
der Schreibhefte. | 

Zu 1.: Besonders wir Hilfsschullehrer sollten den Bestrebungen zur Ver- 
einfachung der Schrift unsere volle Sympathie schenken und sie nach allen 
Kräften zu fördern suchen. Wir bätten dabei zu berücksichtigen die Einfachheit 
der einzelnen Buchstabenformen, die Gleichheit ihrer Lage, das Grössenverhältnis 
der Grundbuchstaben zu den Längen, die Gleichheit der Läugen, die natur- 
gemässe Lage der Druckverteilung, die Verbindungsfähigkeit der Schriftformen, 
die Gruppierung der Buchstaben innerhalb des Wortes, den Abstand der Wörter 
innerhalb einer Zeile und die Entfernung der Zeilen voneinander. Auf die hier 
angeführten Punkte näher einzugehen, verbietet mir der zur Verfügung stehende 
Raum; erwäbnen möchte ich aber noch, dass Lehrer Franz Dietrich in 
Frankfurt a. M. in seiner „Deutschen Symbol- und Normalschrift* mit all den 
genannten Reformen einen dankenswerten Anfang gemacht, auf dem weiter zu 
bauen sich wohl der Mühe lohnen würde. Bei weiterer Vervollkommnung dieser 
Schrift würde man dann auch von wirklich „schönen Formen“ reden können. 
‚Dass wir aber unsere jetzige Schrift mit ihrer schrägen Lage, ihrer wider- 
sinnigen Längeneinteilung, ihrer Weitschichtigkeit und Verzerrtheit u. s. w. 
„schön“ nennen können, dass wir „Schönschreibunterricht“ erteilen, ja, dass 
wir an diesen Formen den Schönheitssinn und den ästhetischen Geschmack 
unserer Kinder wecken, beleben und bilden können, wird ein Einsichtiger nicht 
behaupten wollen. 

Zu 2.: Bezüglich der Heftlage ist zu sagen, dass die Rechtslagen beim 


69 


Schreiben als Ursachen der Myopie, der Anisometropie und der Rückgrat- 
verkrümmungen unbedingt zu verwerfen sind, dass dagegen die Mittellage des 
Schreibheftes von den Augen, dem Arme und der Hand die geringste Anstrengung 
und Arbeit fordert. 

Zu 3.: Je mehr Linien vorhanden sind und je enger dieselben sind, umso 
beschwerlicher wird beim Schreiben das Visieren; Richtungslinien sind ganz zu 
verwerfen, weil nicht sie bestimmend wirken auf die Schriftrichtung, sondern 
bierfür die Lage des Heftes massgebend ist; Doppellinien solllten nicht unter 
3 mm voneinander entfernt sein; punktierte Linien dulde man nirgends; schwarze 
Linien sind farbigen vorzuziehen, gegen tiefblaue oder gesättigt rote sind hygie- 
nische Bedenken nicht vorhanden; farbige Zwischenlinien würden für unsere 
Kinder das Auffinden der Grundlinien im Doppelliniensystem wesentlich er- 
leichtern. Nebenbei sei noch aufmerksam gemacht auf die gegitterte Liniatur 
der Rechenseite der Schiefertafel und der Hefte für das schriftliche Rechnen; 
aus bygienischen Grūnden ist eine solche Liuiatur ganz zu verwerfen, da das 
Sehen auf kleine, schlecht kontrastierende und allzu gleichförmige Objekte er- 
müdet; man nehme auf Tafel und in Heft schwache einfache Linien für das 
Rechnen. 

Schliesslich sei ein Wort über‘ den Gebrauch der Schiefertafel überhaupt 
an dieser Stelle angebracht. Mancher Lehrer möchte sie nicht missen, weil sie 
die schriftliche Beschäftigung vereinfacht, weil sie billig und bequem ist. Doch 
diesen wenigen Vorteilen stehen schwerwiegende Nachteile gegenüber, die uns 
veranlassen, ganz vom Gebrauch der Schiefertafel abzusehen oder, falls das nicht 
angängig, doch sobald als möglich zur Benutzung des Schreibheftes überzugehen; 
denn die Schiefertafel ist im praktischen Leben nicht erforderlich; das un- 
vermeidliche Geräusch beim Vornehmen der Tafeln, sowie das Gekritzel mit 
harten Griffeln wirken störend; die Schrift ist in geringerer Entfernung zu lesen 
und verleitet dadurch den Schüler zu vornübergeneigter Kopf- und Rumpf- 
haltung; da die Schrift leicht auszulöschen ist, gewöhnt sich der Schüler an 
ein flüchtiges Schreiben, und viele unserer Kinder werden ausserdem dadurch 
verleitet, mit Bleistift oder Tinte Falschgeschriebenes auch im Buche auslöschen 
zu wollen; die abgenutzte Griffelspitze erzeugt nur undeutliche Formen; die 
durch Zerkratzen unebene Tafelfläche und die durch eingeritzte Rinnen erneuerte 
Liviatur hindern am gleichmässigen Schreiben, der Holzrahmen hemmt die 
Bewegungsfreiheit der Hand; die Finger gewöhnen sich an übermässigen Druck; 
dieses Drücken macht die Hand schwerfällig und bewirkt eine krampfhafte 
Haltung des Schreibzeugs. 

Endlich unsere Meinung zu der Frage: Wie lange soll er Schreibunterricht 
in der Hilfsschule erteilt werden? Wenn die Schule mit normalen Schülern 
glaubt, auf der Oberstufe eines besonderen Schreibunterrichts entbehren zu 
können, so kann diese Ansicht für uns Hilfsschullehrer nicht bestimmend sein. 
Wir halten einen besonderen Schreibunterricht mit einer festgesetzten Zahl von 
Wochenstunden auf allen Stufen für unbedingt erforderlich. Selbstredend werden 
wir auf der Mittel- und Oberstufe von einem Schreibunterrichte nach genetischer 


70 
Reihenfolge der Buchstaben absehen, da dieser auf der Fibelstufe erledigt ist; 
wir werden ihn vielmehr anschliessen an den Sachunterricht, wir werden das 
Schönschreiben auch benutzen als Förderungsmittel für das Rechtschreiben. 
Bei allem Schreiben aber gilt für den Schüler die Wahrheit der Gasse: Übung 
macht den Meister! für den Lehrer das Wort Aug. Herm. Francke's: Kinder 
schreiben zu lehren, dazu gehört ein grosser Fleiss und ein ganzer Mensch! 


II. Die Rechtschreibeübungen. In keinem andern Unterrichtszweige 
stehen die erlangten Ergebnisse in so grellem Missverhältnisse zu der darauf 
verwandten mühevollen Arbeit als bei dem Rechtschreibunterrichte. Ist dieser 
darum schon in der Schule mit normalen Kindern ein „Kreuz“ für Lehrer und 
Schüler, so ist er in der Hilfsschule erst recht das wahre „Marterholz“, an dem 
Geduld und Arbeitsfreudigkeit des Lehrers und Fleiss und Lernfreudigkeit des 
Schülers schier zu Ende gehen. Suchen wir deshalb die Ursachen dieser Miss- 
erfolge festzustellen, um auf Grund dieser den rechten Weg zu müheloseren 
und nachbaltigeren Resultaten zu finden. 


1. Welche geistige Arbeit müssen die Schüler vollbringen, um orthographisch 
richtig zu schreiben? Sie müssen 


a) die Laute der Sprache genau hören, 

b) diese gehörten Laute selber durch ihre Sprachorgane richtig bilden, 

c) die Zeichen für die Laute, die Buchstaben, kennen, 

d) diese Buchstaben auch schreiben können, 

e) beim „Schreiben“ die einzelnen Buchstaben zu dem richtigen Wortbilde 
vereinigen, | 

f) das Wortbild durch das Auge aufgefasst haben, sobald es nicht Wörter 
mit Gleichschreibung, sondern solche mit Andersschreibung sind, 

g) Wortklangbild, Wortschriftbild, Wortsprechbild, Wortschreibebild 
associieren, 

h) mit der Wort- auch die richt ge Sachvorstellung verbinden. 


Wie es nun mit diesen geistigen Leistungen bei unsern schwachsinnigen 
Kindern steht, werden wir weiter unten bei Besprechung der uns zur Erlernung 
- des Rechtschreibens zu Gebote stehenden Mittel untersuchen. 


2. Alle Wörter unserer Sprache können wir in zwei Gruppen scheiden: 
1. In Wörter mit lautgetreuer Schreibung; 2. in solche mit Andersschreibung. 
Bei den Wörtern der ersten Gruppe handelt es sich um die Auffassung ihres 
Lautbestandes und beim Schreiben dieser Wörter um die Association der Laute 
mit ihren Zeichen. Das Ziel für den Schüler wäre hiernach die Befähigung, 
den Lautgehalt der Wörter aufzufassen, anzugeben und darzustellen. Die 
wichtigste Stütze zur Richtigschreibung wäre hier die Gehörsvorstellung. Die Wörter 
der zweiten Gruppe enthalten für einzelne Laute verschiedene Zeichen oder für 
verschiedene Laute nur ein Zeichen oder für einen Laut nicht immer das ihm 
zukommende Zeichen, auch wird die Quantität der Vokale oft durch verschiedene 
Mittel bezeichnet, und endlich haben wir in Fremdwörtern auch fremde Laut- 
bezeichnungen. Bei all diesen Wörtern spielen die Gesichtsvorstellungen die 


71 


Hauptrolle bei der Einübung oder aber, sofern sie auf eine orthographische 
Regel bezogen werden können, diese letztere. 

Nach dem bisher Gesagten kommen als Mittel zur Erlernung der Recht- 
schreibung Gehör, Gesicht und Regel in Betracht; als wichtige Reproduktions- 
hilfen stehen uns ausserdem die Sprechbewegungs-, Schreibbewegungs- und Sach- 
Vorstellungen zur Verfügurg; zur sichern Einübung pflegt man ferner das 
Buchstabieren und das Diktieren. Im folgenden wollen wir die genannten 
Hilfen der Reihe nach betrachten, indem wir dabei das dem Wesen unserer 
schwachen Zugehörige sowie das der Hilfsschule Eigentümliche dieses Unter- 
richtes feststellen. (Schluss in nächster Nr.) 


Die Opium-Brom-Behandlung der Epilepsie. 
Vortrag gehalten auf der 11. Konferenz für das Idioten- und Hilfsschulwesen in Bremen am 
8. September 1904 von Oberarzt Dr. med. Kellner, Alsterdorf-Hamburg. 
(Schluss.) 


Es liegt ja auf der Hand, dass die Vornahme der ziemlich langwierigen 
und auch nicht ganz billigen Kur bei einem Epileptiker, dessen Geisteskräfte 
durch die Krämpfe gänzlich oder in hobem Grade zerstört sind, keinen Sinn 
hat, denn selbstverständlich sind verloren gegangene Geisteskräfte durch keine 
Kur zurück zu gewinnen. Man wird sich also auf die Fälle beschränken 
müssen, bei denen noch ein Rest von Geisteskräften, den zu erhalten es sich 
der Mühe lohn, vorhanden ist, und dann vor allem auf die geistig normalen 
oder doch nahezu normalen Epileptiker, deren Zahl, wie Ihnen ja allen 
bekannt ist, eine grosse ist. Diese Unglücklichen vor Zerrüttung ihres Ver- 
standes zu schützen, eventuell die schon begonnene Verblödung aufzuhalten, ist 
unsere Aufgabe, und das Feld, das sich uns darbietet, ist wahrlich gross genug. 
Selbst in den Anstalten, die ja von vielen Epileptikern erst nach eingetretener 
Verblödung aufgesucht werden, fehlt es nie an Fällen, bei denen jeder Versuch, 
den Krämpfen und damit dem Fortschritt des geistigen Verfalls. einen Damm 
entgegenzusetzen, geboten erscheint. | 

Die Kur besteht in Folgendem: Der Kranke bekommt während 50 Tagen 
täglich eine dreimalige Dosis Opium, die, beginnend mit dreimal täglich 5/,oo 
Gramm an jedem zweiten Tage um !/,,. Gramm steigt, so dass am 50. Tage 
die höchste Dosis von 2°/,,, Gramm, dreimal täglich, erreicht ist. Die darauf 
folgende Dosis von ®/,, Gramm wird am 51. Tage morgens gegeben, und damit 
ist die Opium-Behandlung zu Ende und es erfolgt unmittelbar darauf der Über- 
gang zur Bromdarreichung, und zwar wird am Mittag und Abend des 51. Tages 
je eine Dosis von 2 Gramm einer aus Bromkalium, Bromnatrium und Bromam- 
monium hergestellten Mischung gegeben. Ich lasse das Brom stets mit einer 
grösseren Menge Selterswasser geben. Am 52. und 53. Tage werden von dieser 
Brommischung 6, am 54. und 55. Tage je 7 und am 56. und 57. Tage je 8 
Gramm gegeben. Vom 58. Tage an gebe ich täglich 3 mal 3 Gramm Brom- 
mischung und setze diese Dosis lange Zeit hindurch fort. 


12 

Während der Opium-Kur bekommt der Kranke täglich eine Lösung von 
Salzsãure 1,0 : 100 ein und nach Bedarf Karlsbader Salz, doch ist es bemerkens- 
wert, dass dies letztere selten nötig ist, da die Verdauung in der Regel normal 
bleibt. Natürlich ist für eine leichte, gewürzfreie Diät zu sorgen, sowie für 
reichliche Bewegung und leichte Arbeit. 

Das Körpergewicht wird zweimal wöchentlich festgestellt. 

Ein dritter Faktor bei der Kur sind die Bäder, die während der 50tägigen 
Opium-Kur täglich gegeben werden nach folgendem Schema. Am 1. Tage ein 
Bad von 24° C. und 10 Minuten Dauer, am 2. ein solches von 23° und 9 Minu- 
ten, dann von 22° und 8 Minuten. So kommt man am 8. Tage zu einem Bade 
von 17° und 3 Minuten und bleibt bei einem solchen Bade bis zum 15. Tage 
stehen, dann wird vom 16. bis 23. Tage täglich ein Bad von 17° und 4 Minu- 
ten, vom 24. bis 31. Tage von 17° und 5 Minuten und vom 32. bis 50 Tage 
von 17° und 6 Minuten gegeben. Ich habe in den Alsterdorfer Anstalten die 
Kranken stets während der ganzen Dauer der Kur in das Krankenhaus aufge- 
nommen, doch habe ich auch in vielen Fällen die Kur in einem Privathause 
vornehmen lassen, was natürlich sehr wohl angeht. 

Die Kur, an sich ziemlich kompliziert, bietet, wie Sie sehen, weder grosse 
Schwierigkeiten noch macht sie nennenswerte Kosten, sie ist in jedem Kranken- 
hause mit Leichtigkeit, in jedem Privathause ohne grosse Schwierigkeiten aus- 
führbar. Das Zustandekommen der Erfolge der Kur, die ich zum Schlusse 
bringen werde, kaun man sich auf folgende Weise vorstellen, nachdem man vor- 
her die Bedingungen des Entstehens eines epileptischen Krampfanfalles, so weit 
das möglich ist, festgestellt hat. Der typische Krampfanfall verläuft bekannt- 
lich in folgender Weise. Als Vorbote, der aber in vielen Fällen fehlt, geht die 
Aura voran, die meistens als eine sensibele, also als eine eigentümliche Empfindung 
an irgend einem Körperteile, die nach dem Kopte zu aufsteigt, verläuft. Auf 
die Aura folgt die plötzliche Bewusstlosigkeit und das Zusammenstürzen des 
Kranken, und gleichzeitig beginnen die Krämpfe, die zuerst als starrkrampfartige 
Zusammenziehung der Muskeln, dann als zuckende Bewegung derselben auftreten. 
Während des starrkrampfartigen Stadiums, an dem sich in der Regel auch die 
Rumpf- und Atmungsmuskulatur beteiligt, stockt die Atmung, und der Kranke 
bekommt infolgedessen das bekannte schlagflüssige Aussehen. Mit Auflören 
der Muskelkrämpfe wird die Atmung wieder frei, das Aussehen wird normal, 
das körperliche Befinden kommt sehr schnell wieder in das gewohnte Gleis, nur 
auf psychischem Gebiet bleiben kürzere oder längere Störungen, das sogenannte 
postepileptische Stadium, nach. 

Die stete Vereinigung der Muskelkrämpfe und Bewusstseins-Störung, sowie 
der Umstand, dass die epileptischen Äquivalente fasst alle in das psychische 
Gebiet fallen, sprechen dafür, dass der Ausgangspunkt des Krampfes in der 
Regel in der Grosshirn-Rinde zu suchen ist, dem Sitz des Bewusstseins sowie 
der Centren für die Muskelbewegungen. Einen weiteren Beweis für diese An- 
nahme, dass der Anreiz zum Krampfe in der Grosshirnrinde sich abspielt, liefern 
die Fälle von Epilepsie, bei denen man das Fortschreiten der Muskelzuckungen 


73 

von einem Körperteil auf den anderen beobachten kann. Dieses Fortschreiten 
erfolgt stets gemäss der anatomisch genau festgestellten Lage der betr. Centren 
in der Grosshirnrinde, und zwar in der Reihenfolge, Gesicht, Arm, Bein oder 
umgekehrt. Man wird niemals sehen, dass ein Krampf erst im Gesicht, dann im 
Bein und dann erst im Arm auftritt. In der Grosshirn-Rinde haben wir uns 
also die Anhäufung des Reizes, der von Zeit zu Zeit bei dem Epileptiker den 
Krampf auslöst, zu denken, und dass dieser Reiz nicht in normaler Weise, als 
willkürliche bewusste Muskelbewegung verausgabt wird, sondern von Zeit zu 
Zeit sich in krankhaften Entladungen äussert, ist ein Beweis dafür, dass in der 
Grosshirn-Rinde krankhafte Veränderungen stattgefunden haben, die allerdings 
anatomisch noch nicht nachgewiesen sind. Immerhin ist über den Sitz der Erkran- 
kung kein Zweifel mehr, wenn auch die Art derselben noch im dunkeln ist. 
Was die Form der Epilepsie betrifft, die sich als Äquivalente, Dämmerzustand, 
Tobanfälle etc. abspielt, so haben wir uns deren Zustandekommen als ein Über- 
springen des Reizes von. den Grosshirn-Rinden-Centren direkt auf das psyohische 
Gebiet mit Überspringung der motorischen Centren zu denken, ein Vorgang, der, 
um einen drastischen Vergleich zu machen, etwa dem Kurzschluss einer elek- 
trischen Leitung ähnlich ist. 

Auf demselben Felde, der Grosshirn-Rinde, in dem zweifellos die Ursachen 
der Krankheit liegen, muss siclı selbstverständlich auch der Kampf der Medika- 
mente ‚gegen die Krankheitserreger abspielen. Bei der oben geschilderten Kur 
wirken zwei Faktoren, erstens die Diät in Verbindung mit den Bädern, zweitens 
als Hauptsache die beiden aufeinanderfolgenden Mittel Opium und Brom. 
Während der erstere Faktor, die alkohol-gewürzfreie meist vegetabilische Diät 
mit den Bädern den Stoffwechsel und die Blutbeschaffenheit des Epileptikers 
regelt und bessert, wissen wir vom Opium wie vom Brom, dass dieselben eine 
die Erregbarkeit der motorischen Centren direkt herabsetzende Wirkung haben, 
und die Kombination dieser beiden Mittel ist es, die, entgegengesetzt den Er- 
folgen des Broms allein, bei vielen Fällen von Epilepsie eine bisher nicht er- 
reichte Besserung, eveniuell eine Heilung, herbeiführt. 

Ich selbst wende die Kur in den Alsterdorfer Anstalten in Hamburg, in 
denen zurzeit etwa 300 Epileptiker untergebracht sind, seit 8 Jabren an, nachdem 
ich vorber mich etwa 10 Jahre lang auch auf eine einfache Brom-Therapie be- 
schränkt hatte. Ein Aufhören der Krampfanfälle, will ich vorausschicken, habe 
ich nach einfacher Brom-Tlierapie nie gesehen. Im ganzen habe ich bei etwa 
60 Kranken die Kur angewandt und sind die Resultate derselben, in Prozenten 
ausgedrückt, folgende. 

Bei 25 Prozent musste die Kur wegen Unverträglichkeit des Opiums abge- 
brochen werden. 

Bei 34 Prozent erzielte ich einen bedeutenden Rückgang der Häufigkeit und 
Heftigkeit der Anfälle, doch waren diese Resultate nicht besser, als wie man 
sie auch nach einfacher Brombehanclung sieht. 

Bei 12 Prozent irat eine der Heilung sehr nahestehende Besserung ein, 
entweder mit sehr seltenen Krampfanfällen, oder was häufiger ist, mit Umwand- 


74 

lung der epileptischen. Krampfanfälle in Schwindelanfälle ohne Bewusstseins- 
störung und Zusammenstürzen. Bei den letzten 29 Prozent blieben die epilep- 
tischen Krämpfe fort, und da es sich bei diesen zum Teil um Kranke handelt, 
die jetzt 3, 4 und 5 Jahre frei geblieben sind (ich nenne hier nur diejenigen, 
die ich noch in Beobachtung habe, und sehe von denen ab, die vor Jahren die 
Anstalten verlassen haben und von denen ich nichts wieder gehört habe), so 
kann man wohl, ohne sich der Übertreibung schuldig zu machen, solche 2 bis 
5 Jahre von Krämpfen freigebliebene Epileptiker als geheilt bezeichnen. Ge- 
statten Sie, dass ich in aller Kürze Ihnen einige der interessantesten Kranken- 
geschichten solcher Epileptiker mitteile. 

Der erste Fall betrifft einen Knaben, der mit 14 Jahren zu uns kam. Er 
stamnıte aus stark belasteter Familie, Mutter und 2 Geschwister waren epilep- 
tisch. Er selbst war seit Jahren epileptisch, und bekam alle 2 his 3 Wochen 
einen heftigen Krampfanfall. Aura und postepileptische Störungen fehlten. Der 
Knabe war intelligent und hatte gute Schulkenntnisse, war aber im Jahre 1899 
aus der Schule fortgewiesen und kam dann zu uns. Im Februar und März 1900 
machte er die Kur durch und ist vom Ende derselben an, jetzt also 4*/, Jahr, 
frei geblieben. 

Ein zweiter Fall betrifft ein Mädchen, das im 19. Jahr zu uns kam und 
auch aus belasteter Familie stammte. Seit 5 Jahren bestand bei dem Mädchen 
Epilepsie, die sich alle 4—6 Wochen in auftretenden Krämpfen äusserte. Aura 
und postepileptische Störungen fehlten. Das geistig normale Mädchen versuchte 
sich sein Brot als Dienstmädchen zu erwerben, doch wurde sie aus jeder Stellung, 
sobald ibr Leiden bekannt wurde, fortgeschickt, und so kam sie im Anfang 1901 
zu uns. Die Kur nahm ich im Frühling desselben Jahres vor, während der- 
selben traten noch einige Anfälle auf, deren letzter im August 1901. Seitdem 
ist die Kranke, die also vorher 5 Jahre lang an schwerer Epilepsie gelitten 
hatte, frei geblieben, im ganzen jetzt über 3 Jahre. 

Als dritten Fall haben wir einen Knaben, der mit 16 Jahren zu uns kam, 
nachdem er 10 Jahre lang an schwerer Epilepsie gelitten hatte, die sich zumeist 
in nächtlichen, fast jede Woche auftretenden Krämpfen geäussert hatte. Diesem 
Umstande hatte der Kranke es zu danken, dass ihm der Besuch der Schule 
möglich gewesen war. Nachder Konfirmation aber traf den Knaben, der mit guten 
Kenntnissen und redlichem Willen in das Leben eintrat, das böse Geschick der 
Epileptiker, sozial unmöglich zu werden und, von mehreren Lehrherren seiner 
Krämpfe wegen fortgeschickt, kam er im Oktober 1901 in unsere Anstalt. 
Die Kur wurde nach Feststellung der Diagnose sofort begonnen, und vom 
25. November 1901 bis heute, also jetzt während 2 Jahr 10 Monaten ist er 
frei geblieben. 

In einem vierten Falle machte ein im 11. Jahre epileptisch gewordener 
Knabe, hei dem die Krankheit in äusserst heftiger Form auftrat, so dass er z.B. 
im Dezember 1901 21 heftige Krampianfälle hatte, die Kur im Januar und 
Februar 1902 durch und ist seit März 1902, jetzt also zweieinhalb Jahre lang 
freigeblieben. 


75 


Ich will Sie, meine Herren, nicht mit Aufzählung weiterer derartiger Fälle, 
die ja untereinander ziemlich ähnlich sind, ermüden und bitte nun noch Ihnen 
eine Krankengeschichte aus der zweiten Serie vortragen zu dürfen, der gut ge- 
besserten, bei denen nach der Kur statt der mit Bewusstlo-igkeit einhergehenden 
Krampfanfälle Schwindelanfälle auftreten, die, obgleich ja unzweifelhaft epilep- 
tischer Natur, doch für den Kranken nicht annähernd die schlimme Bedeutung 
und Gefahr wie ein Krampf haben. 

Ein 25jähriger Arbeiter war im 16. Jabre epileptisch geworden, zuerst mit 
seltenen, dann immer häufigeren Anfällen, die sich im 19. Jahre bis zu 30 
Anfällen in der Woche gesteigert hatten. Von diesen kamen auf einen schweren 
Krampfanfall etwa 8 epileptische Schwindelanfälle In diesem Zustande kam er 
zu uns im Februar 1902 und beobachteten wir an ihm in den Monaten Februar, 
März und April zusammen 216 teils Krampf- teils Schwindelanfälle. Ich liess 
ihn im Jahre 1902 die Kur zweimal durchmachen und beschloss die letzte Kur 
im April 1903. Seitdem hat er Krampfanfälle nicht wieder gehabt, Schwindel- 
anfälle im Mai 6, im Juni, Juli, August und September keine, im Oktober 3 
und im November einen, also in 7 Monaten 10 gegen 216 in 3 Monaten vor der 
Kur. Im Dezember hat er uns verlassen und ist zu seinem Beruf zurückgekehrt. 

Ob diese Fälle, selbst die, bei denen 4 Jahre und darüber seit dem letzten 
Anfall vergangen sind, als Fälle von geheilter Epilepsie zu bezeichnen sind, will 
ich dahingestellt sein lassen. Die Möglichkeit, dass ein solcher Mensch noch 
einmal iu seinem Leben einen Krampfanfall bekommt, ist ja auch nach 10 und 
20 jähriger Pause noch nicht abzustreiten. 

Davon aber bin ich fest überzeugt, dass, im Gegensatz zu der alleinigen 
Anwendung des Broms, dessen Wirksamkeit ja sehr sicher, aber auch sehr scharf 
begrenzt ist, durch die Opium-Brom-Kur mancher geistig gesunde Epileptiker, 
dessen soziales Leben durch sein Leiden zerstört ist, seiner Familie und der 
menschlichen Gesellschaft erhalten, resp. zurückgewonnen werden kann. 

(In der auf den Vortrag folgenden Debatte bemerkte Oberarzt Dr. Schnitzer- 
Kückenmühle folgendes: Auch in unserer Anstalt habe ich vor einigen Jahren die 
Opium-Brom Behandlung versucht, und die Erfolge, die damit erzielt wurden, sind 
im allgemeinen als befriedigende zu bezeichnen, wenn sie auch nicht so gross sind, 
wie die des Herrn Dr. Kellner. Die Kur wurde bei 74 Kranken eingeleitet, doch 
konnte sie bei mehr als der Hälfte nicht zu Ende geführt werden, da sich hier 
psychische Störungen, Schwächezustände, Ernährungsstörungen und gehäufte An- 
fälle einstellten Bei einigen Kranken modifizierte ich das Verfahren insofern, als 
ich mit dem Brom die Darreichung des sogenannten Bechterewschen Mittels Adonis 
vernalis kombinierte. Die hydropathische Behandlung bestand in der Anwendung 
von täglichen Abklatschungen. — Bei einer Reihe von Kranken sind die Anfälle 
an Zahl erheblich zurückgegangen. Eine Kranke ist seit nunmehr 2!/, Jahren 
völlig anfallsfrei, nachdem sie bis dahin zahlreiche und schwere Anfälle gehabt hatte, 
auch in ihrem psychischen Verhalten bat sich eine erhebliche Besserung bemerkbar 
gemacht. Die Erregungszustände, die bis dahin häufig und intensiv auftraten, sind 
nicht wieder beobachtet worden.) 


76 


Mitteilungen. 


Dresden. (Dir. Fr. Kölle }.) Am 9. März d. J. verstarb in Zürich der 
auch den Lesern unserer Zeitschrift bekannte langjährige und verdienstvolle Vor- 
steher und Leiter der Schweizerischen Anstalt für Epileptische Direktor F. Kölle. 


Frankfurt a. M. (Hölderlin- und Wiesenhütten-Schule) Am 29. April 
1889 wurde hier die erste Hilfsschule errichtet. Dieselbe bestand aus 2 Ab- 
teilungen und war untergebracht in Räumen des alten Gymnasiums in der Prediger- 
strasse. Aus diesen zwei Klassen mit 44 Kindern im Jahre 1889 sind bis jetzt 
14 mit zusammen 313 Schülern und Schülerinnen geworden. Bis zum Jahre 1894 
wurde die Anstalt allmählich in eine 6stufige Schule mit 6 Klassen erweitert. 
Bis zum Jahre 1899 wurde zu Ostern immer nur eine Klasse mit 20 bis 25 
Kindern aufgenommen. Von Ostern 1900 ab mussten wegen der sich steigernden 
Anmeldungen je 2 und von 1902 ab je 3 parallele Aufnahmeklassen gebildet 
werden. — Nachdem die Schulbehörden zu der Überzeugung gekommen, dass die 
Räume des alten Gymnasiums angesichts der stärker werdenden Anmeldungen für 
die Hilfsschule nicht mehr ausreichten, wurde beschlossen, im Osten der Stadt 
eine neue Hilfsschule zu bauen, die nach der neuen Strasse, an der sie errichtet 
wurde, den Namen Hölderlinschüle erhielt. Am 15. Oktober 1901 wurde diese 
prachtvoll ausgeführte und zweckmässig eingerichtete neue Schule feierlich er- 
öffnet und gleichzeitig unter einen eigenen Rektor gestellt. — In der schönen, 
im Jugendstil erbauten, mit Zentralheizung (Mitteldruckwasserheizung) und Brause- 
bädern versehenen Schule befanden sich aber nur 6 Klassenzimmer. Von den bei 
der Eröffnung vorhandenen 8 Klassen mussten &lso 2 in der alten Hilfsschule 
verbleiben. Die städtischen Behörden beschlossen darum vor zwei Jahren, einer- 
seits die Hölderlinschule durch einen Erweiterungsbau zu einer Doppelschule 
zu erweitern und anderseits im Westen der Stadt, am Wiesenhüttenplatz, eine 
zweite Doppelhilfsschule zu errichten. Die letztgenannte Schule, die den Namen 
Wiesenhütten-Schule erhielt, wurde am 2. August des vergangenen Jahres, 
dem ersten Tage nach den Sommerferien eingeweiht und in Benutzung genommen. — 
Im Herbste desselben Jahres, am 11. Oktober, hatten wir sodann die Freude, 
den Erweiterungsbau der Hölderlinschule, der am 20. August 1903 in Angriff 
genommen worden war, mit den 5 Klassen beziehen zu können, die bisher noch 
in der alten Hilfsschule in der Predigerstrasse untergebracht waren. Mit Gesang 
und Gebet wurden die Räume dieses alten Hauses verlassen und nach einer 
schlichten Feier die hellen Klassenzimmer des Erweiterungsbaues bezogen. — Das 
Jahr 1904 ist also für die Entwicklung und Weiterführung der Hilfsschulsache 
in Frankfurt a. M. ein höchst bedeutungsvolles. Wir haben nunmehr in unserer 
Stadt 2 Doppelhilfsschulen mit je 12 Klassen, die Hölderlinschule im Osten und 
die Wiesenhüttenschule im Westen der Stadt. Frankfurt a. M. dürfte damit in 
der Sorge für die minderbegabten Schüler an der Spitze aller deutschen Städte stehen. 

Zürich. (I. Schweizerischer Kurs zur Heranbildung von Lehr- 
kräften an Spezialklassen und Erziehungsanstalten für Schwach- 
sinnige.) Etwas verspätet berichten wir noch über den Verlauf obigen in der 





17 


Zeit vom 25. April bis zum 18. Juni vorigen Jahres stattgefandenen Kurses, dessen 
Programm in der Januarnummer letzten Jahres mitgeteilt wurde. — Die Züricher 
Erziehungsdirektion nahm 18 Teilnehmer, die 8 verschiedenen Kantonen angehörten, 
in den Kurs auf; ferner machten 12 Lehrkräfte an den Spezialklassen der Stadt 
Zürich den theoretischen Teil des Kurses mit. Die meisten Kandidaten waren 
schon kürzere oder längere Zeit im Unterrichte geistesschwacher Kinder in Schule 
oder Anstalt tätig gewesen; nur wenige kamen direkt von Normalklassen her. 


Für den praktischen Teil, der je den Vormittag umfasste, wurden die Teil- 
nehmer in 4 Gruppen (zu je 4 event. 5) eingeteilt. Jede Gruppe wohnte während 
je einer Woche dem Unterrichte an der Blinden- und Taubstummenanstalt und an 
der Anstalt für schwachsinnige Mädchen in Zürich bei; die übrigen Wochen ver- 
brachten die Kursteilnehmer in einzelnen Spezialklassen der Stadt Zürich; eine 
halbe Woche wurden sie auch in der Erziehungsanstalt für schwachsinnige Kinder 
in Regensberg betätigt. Kürzere Besuche führten sie aus in den Irrenanstalten 
Zürich und Brugg und in der Anstalt für Epileptische, Zürich V. Bei ihrem 
Aufenthalte in den Spezialklassen wurden die Kursteilnehmer auch zum Unterrichten 
angehalten. So gewannen dieselben eine möglichst allseitige Einsicht in den 
Unterrichtsbetrieb sowohl bei Schwachsinnigen höheren Grades, die an der Grenze 
der Bildungsfähigkeit stehen, als auch bei den höher stehenden Schwachbegabten, 
sowie bei Taubstummen und Blinden. — Wenn schon jeweilen am Schluss des 
Unterrichtes die Gelegenheit geboten und benützt wurde, die gehaltenen Lehr- 
übungen zu besprechen, so wurden die Teilnehmer durch besondere Vorträge und 
Diskussionsstunden noch gründlicher und allseitiger in die Methodik der einzelnen 
Unterrichtsfächer bei schwachbefähigten Kindern eingeführt. 


Im Vordergrunde der wissenschaftlichen Darbietungen standen die Vor- 
träge und Demonstrationen von Dr. Ulrich, dem leitenden Arzte der Schweizer 
Anstalt für Epileptische in Zürich; dieselben fanden je 3mal per Woche an 
2 Nachmittagsstunden in genannter Anstalt selbst statt. Die Belehrungen aus 
der Anatomie und Physiologie des Gehirns wurden in möglichst einfacher Art an 
Hand von Präparaten und Abbildungen geboten; daneben fanden die Sinnesorgane, 
speziell Auge und Ohr, sowie Bewegungs- und Sprachstörungen besondere Be- 
rücksichtigung. — Durch die gleichzeitige Vorführung von verschiedenartigen, 
meist schwachsinnigen Kindern und Erwachsenen mit zahlreichen körperlichen und 
geistigen Mängeln war den Kursteilnehmern eine unvergleichliche Gelegenheit ge- 
boten, unter fachmännischer Anleitung rückständige oder krankhafte Individuen, 
vor allem Jugendliche, zu beobachten, sich mit den Symptomen und Ursachen des 
Schwachsinns und verwandter Erscheinungen bekannt zu machen und sich so 
gewisse Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, die dem Erzieher der Schwachen 
unerlässlich sind. — Dr. Messmer, Seminarlehrer in Rorschach, behandelte in 
6 Stunden einige Kapitel aus der Individualpsychologie, wobei hauptsächlich die 
Begriffe Vorstellung, Assoziation, Empfindungen und Gefühle, geistige Leistungs- 
fähigkeit und Ermüdung erörtert wurden. — Die Vorträge und Vorführungen von 
Direktor G. Kull aus dem Fache des Taubstummenunterrichtes, besonders über 





18 
Artikulation und Lautphysiologie boten dem Lehrer der Schwachen eine klare 
Wegleitung zur Behandlung von sprachschwachen, sprachlosen und schwerhörigen 
Kindern. Als eine notwendige und wichtige Ergänzung hiezu eigneten sich die 
Vorträge der Spezialklassenlehrer Beglinger und Graf über Sprachstörungen, 
besonders Stottern und Stammeln; soweit möglich wurde die Behandlung genannter 
Sprachübel an einer Auswahl von Schülern praktisch vorgeführt. 


Mehr allgemeiner Natur waren die Vorträge über folgende Themata: Ge- 


schichtliches über die Spezialklassen — Organisation derselben — Abfassung von 
Schülercharakteristiken — Fürsorge für die der Schule entlassenen Geistes- 
schwachen — Lohnt es sich, Lehrer der Schwachen zu sein? Diese Vorträge 


wurden von Lehrern an Spezialklassen der Stadt Zürich gehalten. — Bei dem 
Besuche in Regensberg führte Direktor K. Kölle theoretisch und praktisch den 
Wert der gymnastischen Übungen nicht sowohl für die körperliche als auch für 
die geistige Ausbildung der Schwachsinnigen vor; auch hörte man dort Vorträge 
über „Helene Keller“ und „Eine Einteilung der Idioten“. — Die Reihe der 
theoretischen Darbietungen des Bildungskurses schlossen die Darbietungen von 
Prof. Dr. Bleuler, Direktor der Irrenanstalt Zürich V, über Intelligenzprüfungen 
bei geistesschwachen Irren. 


Zur Ausbildung der Befähigung für das Fach des Handarbeitsunterrichtes 
wurden eine Reihe von Abendstunden verwendet. Durch einen orientierenden 
‘Vortrag mit der Bedeutung und Wichtigkeit der Handarbeit bekannt gemacht, 
wurden die Kursteilnehmer in die verschiedenen Zweige derselben, Papierarbeiten, 
Kartonnage, Modellieren und Holzarbeiten eingeführt; eine Ausstellung von Lehr- 
gängen in den Handarbeiten und zahlreicher Fachliteratur überhaupt trat als Er- 
gänzung hinzu. — Gegen den Schluss des Kurses führte Zeichenlehrer Segenreich 
die Kursisten so weit möglich ins skizzierende Zeichnen ein, das für den Lehrer 
der Schwachen zur Erzielung grösserer Anschaulichkeit im Unterrichte von hervor- 
ragendem Werte ist. 


So war das Arbeitsmaß, das den Kursteilnehmern beschieden war, gewiss kein 
‚geringes; doch nahmen diese mit wachsender Liebe zur Sache und mit Begeisterung 
für eine edle Aufgabe am Unterrichte, den Vorträgen und Übungen teil, so dass 
trotz einer gewissen Ermüdung am Ende des Kurses bei manchen der Wunsch 
laut wurde, es möchte die Gelegenheit, in die mannigfachen Geheimnisse der 
Bildung Geistesschwacher eingeführt zu werden, noch länger dauern. — Eine sehr 
gelungene Fahrt auf die Ufenau unter Beteiligung der Schulbehörden des Kantons 
und der Stadt Zürich sowie der Schweizer Gemeinnützigen Gesellschaft bildete 
den Schluss des IL Bildungskurses in Zürich. 


Literatur. 


Die begriffliche Methode im Leseunterricht von Wilhelm Sieverts in 
Hamburg. Leipzig 1903. Verlag von K.G. Th. Scheffer. 58 Seiten. Preis Mk. - -.50. 








79 


Wir haben uns schon des Öfteren mit den Schriften des Pädagogen Berthold 
Otto beschäftigt und auch bereits über seine begriffliche Methode im ersten 
Leseunterricht im vorigen Jahrgange unserer Zeitschrift referiert. Die vorliegende 
Broschüre behandelt diese Methode in eingehender Beschreibung mit Beziehung 
auf ihre praktische Durchführbarkeit. Der Verfasser bietet dabei eine ganze Reibe 
zweckmässiger Vorschläge für den Betrieb des ersten Leseunterrichts, welche 
durchweg rationell erscheinen und namentlich dem Prinzip der Anschauung weit- 
gehende Rechnung tragen. Es werden uns dabei Ideen entwickelt und Maßnahmen 
vorgeführt, deren Beachtung und Anwendung eine augenscheinliche Isolierung der 
Schwierigkeiten im Leseunterricht ohne weiteres bedeuten. Wenn auch manches 
etwas umständlich erscheinen wird, so darf man sich daran nicht stossen, denn im 
Grunde genommen dienen die eingehenden Erörterungen nur dem Zwecke besserer 
Erschliessung des Verständnisses. Auf Einzelheiten können wir hier nicht weiter 
eingehen, aber hervorheben wollen wir noch, dass die Erklärung des Buchstaben- 
bildes uns ausserordentlich zusagt, ebenso die Einführung in das malende Schreiben 
und die Vorführung des Lesestoffs. Die daraufbezüglichen Darstellungen verdienen 
auch unsere Beachtung; wir empfehlen darum das Schriftchen unseren Lesern zur 
Prüfung und Erwägung. Es liesse sich vielleicht aus den Darlegungen des Ver- 
fassers eine Lesemethode für unsere geistesschwachen Kinder herleiten. 


Gegen den Alkohol. Gemeinverständliche Aufsätze von Dr. Otto Julius- 
berger. Mit einem Vorworte von Prof. Dr. A. Forel. . Berlin SW. 47. Verlag 
von Franz Wunder. 83 Seiten. Preis Mk. 1.—. 


Die 'Alkoholfrage ist zurzeit eine brennende Tagesfrage, welche die sozialen, 
ethischen, gesundheitlichen und strafrechtlichen Interessen weitester Volkskreise in 
Anspruch nimmt. Wie schädigend sich die Wirkung des Alkohols auf das Geistes- 
leben äussert, das ist uns vor allen anderen am besten bekannt. Das namenlose 
Unglück, welches er über Individuen, Familien, ja über ganze Völker gebracht 
hat, fordert zur ernstlichen Bekämpfung dieses schlimmen Volksfeindes auf. Der 
Kampf gegen den Alkohol dürfte aber nur dann mit Erfolg zu unternehmen sein, 
wenn das Vorurteil, das unter der falschen Flagge einer Scheinwissenschaft sich 
gegen die Bekämpfung des Alkohols noch geltend macht, geschwunden sein wird. 
Um dieses Vorurteil und noch etwaige sonstige Bedenken in bezug auf die Alkohol- 
bekämpfung wirksam zu beheben, bedarf es wissenschaftlicher, gemeinverständlicher 
Arbeiten zur Aufklärung. Solche Aufklärungen und Belehrungen will das vor- 
liegende Buch bieten, welches nicht nur mit Wärme und Idealismus, sondern auch 
mit Nüchternheit und Wissenschaftlichkeit die Angelegenheit behandelt. Die 
inhaltsreichen Aufsätze der Arbeit sind sehr interessant, belehrend und über- 
zeugend; sie bringen in wissenschaftlich begründeter Darstellung viele Wahrheiten 
‘aus allen menschlichen Wissensgebieten und werden darum jeden Leser anregen 
und befriedigen. Das Buch hat unsere Zustimmung und Empfehlung. 


Anzeigen. 


An der Hilfsschule zu Bonn am Rhein ist sofort eine Lehrer- 
oder Lehrerinstelle zu besetzen. Das Diensteinkommen für den Lehrer beträgt 
1400 Mk. Grundgehalt, 500 Mk. Wohnungsentschädigung, 9mal 200 Mk. Alters- 
zulage und 200 Mk. persönliche nicht pensionsberechtigte Zulage; für die Lehrerin 
1050 Mk. Gehalt, 300 Mk. Wohnungsentschädigung, 9mal 120 Mk. Alterszulage 
und 200 Mk. persönliche nicht pensionsberechtigte Zulage. 

Lehrer und Lehrerinnen katholischer oder evangelischer Konfession, die an 
Hilfsschulen bereits gearbeitet oder für solche sich besonders vorgebildet haben, 
wollen ihre Meldung nebst Lebenslauf, Prüfungszeugnissen und Gesundbeitsattest 
binnen 14 Tagen an den Stadtschulinspektor, Herrn Schulrat Dr. Springer, Bonn, 
Lisztstrasse Nr. 12, einreichen. 

Lehrer die zugleich im Knabenhandfertigkeitsunterrichte, oder Lehrerinnen, die 
zugleich als Kindergärtnerinnen nach Fröbelscher Methode ausgebildet sind, haben 
den Vorzug. 


Bonn, den 7 April 1905. Der Oberbürgermeister. 


Gepr. wissensch. u. Turnlehrerin 
mit Vorbildung im Idiotenunterricht, die mit Stotternden und Stammelnden umzu- 
gehen versteht, sucht Stellung an Anstalt f. Schwachsinnige. — Ref.: Herr Erziehungs- 
inspektor Piper, Dalldorf-Berlin. Gefi. Offerten M. L. 25 an d. Schriftl. d. Bl. 


Dr. O. Berkhan, über den angeborenen und früh erworbenen Schwach- 
sinn, Geistesschwäche des Bürgerl. Gesetzbuches.. Für Psychiater, Lehrer, Kreis- 
und Schulärzte dargestellt. 2. durch Nachträge ergänzte Auflage. Mit Abbildungen. 
Verlag von Vieweg u. Sohn. Braunschweig 1904. Preis Mk. 2.40. 


Adams Rechenbrett D. R. G. M. | Für älteren, schwachbef. Knaben wird gute 
Bezugsquelle: Rudolf Rehs, Meiningen. Pension nachgewiesen durch d. Redakt. d. BI. 


rziehungs- und Fachlehranstalt für nervös Eine kleine Privatanstalt für epilep- 

veranlagte u. ij. d. Schule nervös ge- | tische Kinder sucht einen verheirateten 
wordene Jünglinge der höheren Stände ist Lehrer, dessen Frau die Wirtschafts- 
Dr. Jacobis Institut für Landwirtschaft und führung der Anstalt zu übernehmen hätte. 
Gartenbau, Wetterscheidt (Kreis Naum- | Offerten an die Schriftleitung d. Bl. unter 
burg a. S.) „Epileptische“ erbeten. 








— — nn 





Briefkasten. 
Dir. &. N. i. 6. Für diese Nr unmöglich, hoffentlich aber in Nr. 6. — R. B. i. H. 
Wie schon einmal bemerkt, bleibt der Name Eigentum des Besitzers; treten Sie doch 
dem Gedanken näher und sprechen Sie sich über Ihre Absichten des weiteren aus. In 
der Zeitschrift würden Sie eine kräftige Hilfe haben. — M.W.1.K. Die Anzeigen hatten 
bisher guten Erfolg. — F. i. & Für diese Nr. zu spät. — H. P. i. D. Besten Dank 
und Gruss. 





Inhalt. Die schriftlichen Arbeiten in der Hilfsschule. (E. Schulze.) — Die 
Opium-Brom-Behandlung der Epilepsie. (Dr. med. Kellner.) (Schluss.) — Mitteilungen: 
Dresden, Frankfurt a. M., Zürich. — Literatur: Sieverts, Wilhelm, Die begriffliche 
Methode im Leseunterricht. — Juliusberger, Dr. Otto, Gegen den Alkohol. — An- 
zeigen. — Briefkasten. — 





Für die Schriftleitung verantwortlich: W. Schröter in Dresden. 
Kommissions-Verlag von Ii. Burdach, K. S. Hofbuchhandlung in Dresden. 
Druck von Johannes Pässler in Dresden. 


UL NDW YURK 


PUBLIC LIBRARY 

5. | 
Lo. Be 
Nr. 6 T t. XXI. (IV) Jahrg. u 





Zeitsehrift 


für die 


Behandlung sehwachsinniger und Epileptischer 


Organ der Konferenz für das Idiotenwesen. 





Unter Mitwirkung von Ärzten und Pädagogen 
herausgegeben von 
Stadtrat Direktor W. Schröter, Sanitätsrat Dr. med. H. A. Wildermuth, 


Spezialarzt 


Dresden - Strehlen, für Nervenkrankhelten 


Residenzstrasse 27. in Stuttgart. 
Erscheint jährlich in 12 Nummern von | ' Zu beziehen durch alle Buchhandlungen 
mindestens einem Bogen. Anzeigen für | } e 1905 und Postämter, wie auch direkt von der 
Jie gespaltene Petitzeile 25 Pfg. Lite- | uni ; Schriftleitung. Preis pro Jahr 6 Mark, 


rarische Beilagen 6 Mark. | einzeine Nummer 50 Pfg. 


Die Original - Aufsätze dieser Zeitschrift verbleiben Eigentum der Herausgeber. 





Bericht über den V. Verbandstag 
der Hilfsschulen Deutschlands zu Bremen 


am 25. 26. und 27. April 1905. 
Von M. Weniger-Schwelm, Westf. 

Am Dienstag, den 25. April, wurde der Verbandstag, welcher im grossen 
Saale des neuen Gesellschaftshauses „Union“ tagte, durch eine sehr gut besuchte 
Vorversammlung eröffuet. Der erste Vorsitzende des Verbandes, Stadtschulrat 
Dr. Wehrhahn- Hannover, begrüsste die Versammlung im Namen des Vor- 
standes und de3 Ortsausschusses und hiess alle Erschienenen herzlich willkommen- 
Als man vor sieben Jahren den Verband gründete, sei man sich wohl bewusst 
gewesen, welch schwieriges Werk man unternahm. Die Befürchtungen haben 
sich aber nicht erfüllt. Schon der erste Verbandstag erfreute sich einer zahl- 
reichen Teilnehmerschaft. Die Zahl der Teilnehmer ist immer gestiegen. Auch 
die abgelegene geographische Lage Bremens hat das Interesse nicht beeinflusst, 
schon heute abend seien über 200 Teilnehmer anwesend. Der Erfolg der 
Verbandstage hängt aber nicht allein von dem Besuche derselben ab, sondern 
die Hauptsache liegt in der Arbeit, in den Vorträgen. Vorsitzender schliesst 
mit dem Wunsche, dass Gottes Segen auf den Verhandlungen ruhen möge zum 
Besten der den Hilfsschulen anvertrauten schwachbefähigten Kinder. Aus dem 
Jahresbericht teilt der Vorsitzende mit, dass der Vorstand auf dem Verbands- 
tage in Mainz beauftragt worden ist, mit zwei Anträgen an das preussische 
Kultusministerium heranzutreten. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter, Haupt- 
lehrer Kielhorn-Braunschweig, waren persönlich bei dem Dezernenten, Geheimen 
Regierungsrat Dr. Montag in Berlin, um zu interpellieren 1. über die Ein- 


k 


82 


richtung von Fortbildungskursen für Hilfsschullehrer, 2. über 
die zwangsweise Überführung schwachbefähigter Kinder in die 
Hilfsschule. Das preussische Kultusministeriunı hat geantwortet, dass die 
Einrichtung von Fortbildungskursen unter sachverständiger Leitung von der 
Behörde geplant sei, doch sei nicht abzusehen, wann die Eröffnung stattfinden 
könne. Der Vorsitzende bemeıkt hierbei, dass bereits in Bonn dreiwöchentliche 
Kurse abgehalten werden. Betreffs zwangsweiser Überführung der Kinder in 
die Hilfsschule wird auf die Erlasse vom 4./7. 1896 und 17./1. 1900 veı wiesen. 
Der am 2./1. 1905 herausgegebene Erlass des Ministers verbreitet sich eingehend 
über den neuesten Stand des Hilfsschulwesens. Ein Erlass der Königlichen 
Regierung zu Erfurt betont, dass, wenn auf Gutachten des Lehrers, auf ärztliches 
Gutachten und nach zweijährigem erfolglosen Schulbesuche die Überweisung 
sich nötig macht, die Eltern sich aber der Anweisung entgegensetzen, in der 
Weigerung der Inhaber der elterlichen Gewalt ein Missbrauch des Rechts für 
Sorge und Person des Kindes liegt. Es wird daher, um den Widerspruch des 
Vaters zu beseitigen, beim Vormundschaftsgericht der Antrag zu stellen sein, 
die erforderlichen Maßregeln zu treffen, sofern die Eltern nicht anderweit für 
Unterricht Sorge tragen. — Weiterhin verwies der Vorsitzende auf eine Ent- 
scheidung des Oberverwaltungsgerichtes vom 20. September 1904: .... „Die 
Hilfsschule soll Kindern, die nicht bildunzsunfähig und darum schulpflichtig 
sind, es ermöglichen, sich die Bildung der Volksschule, soweit das durchführbar 
ist, anzueignen und zwar nach Anleitung besonderer, zu diesem Zwecke aufzu- 
stellender Lehrpläne Wo daher von der Unterrichtsverwaltung Hilfsschulen, 
die in nichts anderem als Unterrichtsabteilungen für schwachbegabte Volksschul- 
kinder bestehen, einmal eingerichtet worden sind, erfüllen die dorthin gewiesenen 
Kinder durch deren Besuch ihre gesetzliche Schulpflicht, und folglich müssen 
sie von dem Träger der Schullast genau so wie normale Volksschulklassen 
unterhalten werden. Daran ändert auch der von der Klägerin betonte Umstand 
nichts, dass in C. die Überführung von Kindern zur Hilfsschule erst nach einer 
längeren Probezeit in der Volksschule und nicht ohne Einwilligung der Eltern 
angeordnet zu werden pflegt. Im Gegenteil tritt darin gerade der enge Zusammen- 
hang zwischen beiden Schuleinrichtungen, die im wesentlichen demselben Zwecke 
dienen, deutlich zutage. Übrigens würde nach der zutreffenden Entgegnung des 
Beklagten die Ortsschulbehörde an die elterliche Einwilligung nicht einmal ge- 
bunden, vielmehr im Falle ihrer Versagung wohl befugt sein, den regelmässigen 
Besuch der Hilfsschule durch die ihr zugewiesenen schulpflichtigen Kinder 
zwangsweise durchzusetzen.“ 

Die vom Vorstand aufgestellte Tagesordnung wird von der Versammlung 
genehmigt und dem Referenten, Lehrer Busch - Magdeburg, das Wort zu seinem 
Vortrage: „Die Ausbildung der Hilfsschullehrer“ erteilt. Der Vortrageude 
führte folgendes aus: Die Meinungen über die Ausbildung der Hilfsschullehrer 
gehen weit auseinander. Auf der einen Seite verlangt man, dass sie besonders 
vorgebildet sein müssen, auf der andern Seite wird gesagt, dass die Seminar- 
bildung vollauf genüge. Unsere Arbeit wird bewertet nach dem Unterrichtsstoff 


83 
und nach der Unterrichtsform. Die Form ist in unserer Schule elementar und 
der Stoff aufs äusserste beschränkt, und wir finden auf der untersten Sprosse 
des Schulwesens unseren Platz. Diese Schätzung ist aber falsch. Sie muss sich 
richten nach der Höhe der erziehlichen Aufgabe. Der Hilfsschullehrer kommt 
aus dem Stande ‘der Volksschullehrer. Schon im Seminar muss darum die 
pädagogische Pathologie Berücksichtigung erfahren. Die Ausbildung des Hilfs- 
schullehrers muss aber in wissenschaftlicher und praktischer Hinsicht gründlicher 
sein und auf sein Spezialgebiet Rücksicht nehmen. Namentlich die Psychologie 
und die Pathologie müssen studiert werden, damit die psychischen Abnormitäten 
richtig erkannt und beurteilt werden können. Oft sind bei den schwachsinnigen 
Kindern Sprachstörungen vorhanden. Darum muss der Hilfsschullehrer genügende 
Kenntnisse auf dem Gebiete der Sprachheilkunde besitzen. Die bei den Hilfs- 
schülern oft vorkommenden körperlichen Krankheiten verlangen eine Kenntnis 
der elementarsten medizinischen Begriffe. Zur wissenschaftlichen Ausbildung 
gehört die Einführung in die Literatur des Hilfsschulwesens und verwandter 
Gebiete. Der Ausbildung in praktischer Tätigkeit muss besondere Sorgfalt zu- 
gewandt werden. In mehreren Staaten, z. B. Ungarn, muss der Hilfsschullehrer 
einen einjährigen Kursus in einer Anstalt absolvieren. Am Schlusse des Jahres 
findet eine Prüfung statt, welche zur Anstellung als Idiotenlehrer berechtigt; in 
der Schweiz sind bereits zwei Ausbildungskurse für Lehrer an Spezialklassen 
abgehalten worden und zwar mit bestem Erfolge. In Preussen hat man für die 
Taubstuminenlehrer, für Fortbildungsschullehrer, für Turn-, Zeichenlehrer Fort- 
bildungskurse, die ihren Abschluss in Prüfungen finden, eingerichtet. Darum 
hält Referent auch für den Hilfschullehrer eine obligatorische Fachprüfung, 
ähulich derjenigen der Taubstummenlehrer, für notwendig. Überflüssig wäre 
aber eine Prüfung für Vorsteher an Hilfsschulen. Bei dieser Prüfung wären 
zu verlangen erstens vorhergehend zweijährige Lehrtätigkeit an einer Hilfsschule 
und Beibringung eines Zeugnisses der vorgesetzten Behörde, dass Prüfling 
schwachsinnige Kinder mit Erfolg unterrichten kann, zweitens Kenntnis der 
Lehrmittel und der Literatur des Unterrichts und der Erziehung Schwachsinniger, 
drittens Befähigungsnachweis zur Erteilung des Hanufertigkeitsunterrichts und 
viertens Kenntnis der Sprachheilkunde. Die Ablegung der Prüfung berechtigt 
auch zu einer materiellen Aufbesserung. Redner bespricht sodann die Frage: 
In welcher Weise wird der Hilfsschullebrer am besten wissenschaftlich und 
praktisch eingeführt und vorbereitet? Der Schulleiter hat die Pflicht, dem Neu- 
ling Gelegenheit zu geben, in den einzelnen Klassen zu hospitieren und erst in 
der Ober-, dann in der Mittel- und Unterklasse unterrichten zu lassen. Jedem 
Hilfsschullehrer muss Gelegenheit geboten werden, Hilfsschulen an anderen Orten 
kennen zu lernen; erhalten doch auch die Taubstummenlehrer Unterstützungen 
zugewiesen zur Ausführung von Informationsreisen. Zwecks wissenschaftlicher 
Ausbildung müssen die Hilfsschulen reichhaltige Fachbibliotheken haben und 
seitens des Staates Ausbildungskurse eingerichtet werden. Berlin wäre zur Ab- 
haltung solcher Kurse der geeignetste Ort, da hier sowohl Hilfsschulklassen wie 
Tdioten- und Taubstummen-Anstalten, Kurse für Sprachheilkunde und für Hand- 


84 


fertigkeit sowie eine Universität vorhanden sind. Die beste Ausrüstung eines Hilfs- 
schullehrers wäre aber Liebe, frohe Laune, fester eiserner Wille, überhaupt die 
Person des Erziebers ist von der grössten Wichtigkeit. 

Nach Schluss des mit Beifall aufgenommenen Vortrages wurden folgende 
Leitsätze zur Debatte gestellt: 

1. Die besondere Aufgabe, welche die Erziehung Schwachsinniger an den 
Lehrer stellt, erfordert auch eine spezielle Vorbildung für dieses Gebiet 
der pädagogischen Tätigkeit. 

2. Der Nachweis einer solchen Vorbildung ist durch Ablegung einer staat- 
lich einzurichtenden Prüfung zu erbringen. 

3. Zu dieser Prüfung sind nur solche Bewerber zuzulassen, welche mindestens 
zwei Jabre an einer Hilfsschule oder einer ähnlichen Erziehuungsanstalt 
als Lehrer tätig gewesen sind. 

4. Durch Ablegung dieser Prüfung wird die Befähigung zur Anstellung 
als Lehrer oder Leiter einer Hilisschule oder einer äbnlichen Erziehungs- 
anstalt erworben. 

5. Zum Zwecke der Vor- und Fortbildung der Hilfsschullehrer empfiehlt 
es sich, dass von seiten des Staates Kurse eingerichtet werden, in denen 
die Lehrer theoretisch und praktisch mit dem fraglichen Gebiete bekannt 
gemacht werden. Diese Kurse sind zweckmāssig in solche Orte zu ver- 
leyen, die eine Universität und eine wohlorganisierte Hilfsschule be- 
sitzen. Die Zulassung zu der in Leitsatz 2 geforderten Prüfung ist 
nicht von dem Besuche dieser Kurse abhängig zu machen. 

Die Debatte richtete sich durchgehends gegen Einrichtung einer Prüfung 
für Hiltsschullebrer. Filialleiter Fuchs- Berlin findet das Thema zeitgemäss; 
doch hat das preussische Kultusministerium noch keine bestimmten Direktiven 
in bezug auf Prüfungen gegeben und von den Hilfsschullehrern ist. diese Vor- 
sicht als wobltätig empfunden worden. Er will nur Tuese 1 und 5 angenommen 
haben. Kreisschulinspektor Dr. von Gizycki-Berlin schliesst sich dem Vor- 
redner an. Er bält die Einführung der Prüfung für verfrüht. Die Hauptsache 
ist immer ein freiwilliges Fortbilden. Vor allem müssen die Kommunen ein- 
treten durch Gewährung von Mitteln zur Beschaffung guter Fachbibliotleken 
und zur Ausführung von Informationsreisen. Lehrer Martini- Berlin hält die 
Charaktereigeuschaften, wie sie Busch vom Hilfsschullehrer verlangt, für das 
Wichtigste, die Feststellung derselben kann aber nie durch eine Trüfung er- 
folgen. Hanke-Görlitz bält solche Prüfungen für den Untergang und für eine 
Hemmung der schönen Eutwicklung des Hilfsschulwesens. Gebt dem Hilfs- 
schullehrer Gelegenheit, dass er sich auf Grund seiner praktischen Erfahrung 
wissenschaftlich vertiefen kann. Schulinspektor Paulsen-Hamburg ist dem 
Referenten dankbar für seine Anregungen, da sie erstens die grosse Schwierig- 
keit der Arbeit in der Hilfsschule, zweitens die ernste Pflicht eines jeden Lehrers 
feststellen, weiter zu streben und weiter zu arbeiten, damit er diesen hohen An- 
forderungen entsprechen kann. Er fordert dreierlei: ausgesprochenes Lehrgescliick, 
ernsten Fleiss zum Weiterstreben und das Wichtigste: Liebe. Ganz besonders 


85 

hält er auch die Lehrerin für ausgezeichnet befähigt, in der Hilfsschule zu 
arbeiten. Kielhorn- Braunschweig stellt fest, dass sämtliche Redner dem Kern 
des Vortrages: Ausbildung des Hilfsschullehrers, zugestimmt haben, doch niemand 
sich für die Zwangsjacke „Prüfung“ ausgesprochen hat. Die Abstimmung ergibt 
Annahme des Leitsatzes 1 und die des 5. Leitsatzes in der Fassung: „Zum 
Zwecke der Vor- und Ausbildung der Hilfsschullehrer empfiehlt es sich, dass 
von seiten des Staates Kurse eingerichtet werden, in denen die Lehrer theoretisch 
und praktisch mit dem Hilfsschulwesen bekannt gemacht werden.“ Leitsatz 2, 
3 und 4 werden gestrichen. 

Vorsitzender Dr. Wehrhahn macht auf die im nebenanliegenden Klub- 
zimmer befindliche Ausstellung von Lehrmitteln und Literaturerzeugnissen für 
Hilfsschule und Sprachheilkunde aufmerksam und empfiehlt deren Besichtigung. 

Das Wort erhält Dr. med. Winckler-Bremen zu seinem Vortrage: Die 
Behandlung der Sprachgebrechen in der Hilfsschule Die Sprach- 
gebrechen treten in der Hilfsschule in grösserem Prozentsatz auf als in der 
normalen Schule. Diese Tatsache ist selbstverständlich für die ganze Tätigkeit 
des Hilfsschullehrers von grosser Wichtigkeit. Er ınuss die Sprachphysiologie 
beherrschen und mit der Behandlung der einzelnen Sprachfehler genau vertraut 
sein. Dasselbe nıuss auch von dem Arzt verlangt werden, der für die Hilfs- 
schule Schularzt ist. Erste Bedingung einer guten Sprachbildung ist Hörfähig- - 
keit. Liegt eine Sprachstörung vor, so gilt es daher vor allem, das Gehör einer 
eingehenden Untersuchung zu unterwerfen, die Prüfung auf das Ticken der Uhr 
und die Flüstersprache genügt jedoch nicht. Die gehörten Worte assoziieren 
sich mit Begriffen. Die Begriffe werden ınit schon bekannten, im Gedächtnis 
aufgespeicherten in Beziehung gebracht; es folgt die Produktion der Äusserung, 
die Wortbildung, der zentrale Anstoss vom motorischen Zentrum aus auf die 
Sprachorgane, welche natürlich eine normale Beschaffenheit haben müssen. Wenn 
letzteres nicht der Fall ist, wie z. B. bei Gaumendefekten, Abnormitäten des 
Zungeubändchens, schlechten Zähnen usw., müssen operative Eingriffe seitens des 
Arztes Besserung herbeizuführen suchen. 

Weniger teilt in seiner Broschüre „Nicht geistig, sondern nur sprachlich 
zurückgebliebene Kinder“ die Sprachleiden ein in: Stottern, Stammeln, die Sprache 
nasenleidender Tlinder, die Schwerhörigkeit als Sprachhemmung, die Sprachlosig- 
keit (Hörstummhbeit), die Sprachanomalien, welche ihre Ursachen im Schwach- 
sion haben, das verlaugsamte Sprechen, die Geschwätzigkeit, Störungen in der 
Satzbildung, die Echosprache. Die ganz schweren Entwicklungshemmungen ge- 
hören nicht in die Hilfsschule, Kinder dieser Art müssen in Internaten unter- 
srebracht werden. Auch Kinder, mit schwerem Stottern und schwerem Stammeln 
behaftet, verlangen gesonderte Behandlung, ihre Heilung liegt also nicht der 
Hilfsschule ob. Im wesentlichen hat sich die Hilfsschule zu befassen mit Be- 
seitigung des langsamen Sprechens bei apathischen Naturen und des Polterns 
bei erethischen Kindern, sowie fehlerhafter Bildung einzelner Laute. Ganz be- 
sonders sind Artikulationsübungen von besserndem Einfluss auf die mangelhafte 
Sprache der Hilfsschüler. Diese Artikulationsübungeu müssen dabei von Übungen 


86 


in der Ausbildung der Sprechmuskeln, als Lippen, Zähne, Gaumensegel, Kehl- 
kopf, der Atemmuskulatur begleitet sein. Liegt hier hauptsächlich die Arbeit 
des Lehrers, so muss der Arzt sein Augenmerk auf Behandlung der Nasen- 
verstopfungen, der vergrösserten Mandeln, des Passavant’schen Wulstes, der 
Hasenscharte, des Wolfsrachens richten. — In der dem Vortrage folgenden 
Debatte wurde namentlich die Frage diskutiert: Welche Sprachgehrechen sind 
in der Hilfsschule zu behandeln? Hanke-Görlitz ist ebenso wie Referent da- 
für, dass schwere Stotterer und Stammler in besonderen Kursen unterwiesen 
werden müssen. Er wünscht über hörstumme Kinder Erfahrungen kennen zu 
lernen. Die von einzelnen Rednern erwähnten Fälle ergeben, dass die Zahl der 
wirklich hörstummen Kinder in Hilfsschulen gering ist, wenn man die sprach- 
scheuen Idioten nicht darunter zählen will. Die Hälfte der Kinder, die wir. in 
die Hilfsschule bekommen, sind Stammler und haben die durch verminderte 
geistige Entwicklung bedingte Rückständigkeit in der Sprachentwicklung. Horrix- 
Düsseldorf macht darauf aufmerksam, dass zu unterscheiden ist zwischen hör- 
stummen Kindern mit und ohne Gehirndefekten. Die ersteren gehören unbedingt 
in Anstaltsbehandlung. Die sprachkranken Kinder müssen besonders behandelt 
werden und der Unterricht so gelegt werden, dass das Kollegium im Unteriichts- 
zimmer anwesend ist, um dann in seinem Unterricht zu unterstützen und nach- 
. zuhelfen. — Die Debatte wird geschlossen und man schreitet zur Erledigung 
einiger geschäftlicher Mitteilungen. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder 
Schulrat Dr. Wehrhahn-Hannover, Rektor Henze-Hannover und Lehrer Bock- 
Braunschweig werden durch Zuruf einstimmig wiedergewählt. 


Hauptversammlung 
im Kaisersaale der Union am 26. April. 


Kurz nach 9 Uhr wurde die Hauptversammlung durch den ersten Verbands- 
vorsitzenden Schulrat Dr. Wehrhahn-Hannover eröffnet. Er heisst alle Teil- 
nehmer herzlich willkommen. Nach Feststellung der Träsenzliste liegen von 
auswärts 240, iusgesamt 350 Anmeldungen vor. Das zahlreiche Erscheinen ist 
der beste Beweis, dass das Interesse am Hilfsschulwesen immer intensiver wird 
und dass die Bahnen, in denen der Verband wandelt, die richtigen sind. Weiter 
richtet der Vorsitzende herzliche und dankende Begrüssungsworte an die Ver- 
treter der verschiedenen Staatsregierungen und Stadtverwaltungen, Noch kein 
Kongress hat eine so starke behördliche Vertretung gefunden wie der heutige. — 
In einem Rückblick auf die Tätigkeit des Vorstandes nach dem letzten Verbands- 
tage wird mitgeteilt, dass der Vorstand den Bericht über Jie Verliandlungen 
desselben in 1300 Exemplaren verschickt hat. Es ist zweifellos, dass gerade 
unsere Berichte den Behörden ein wertvolles Material geben und dass sie ge- 
eignet sind, unsere Bestrebungen nach Vermehrung der Hilfsschulen in wirk- 
samer Weise zu unterstützen. Die Zahl der Mitglieder des Verbandes ist von 
283 auf 412 gestiegen. Die Zahl der Hilfsschulen ist seit 1892 von 26 mit 
64 Lehrern und 700 Schülern gewachsen auf 143 Schulen mit 498 Lehrern, 


87 


31 Handarbeitslehrerinnen und 8207 Kindern. Die Zahl der preussischen Städte, 
welche Hilfsschulen einrichteten, stieg von 18 auf 76. Inu ganz Deutschland 
haben seit dem letzten Verbandstage 115 Städte Hilfsschulen neu eingerichtet. 
Der Vorsitzende fühlt sich verpflichtet, dem preussischen Unterrichtsministeriunı, 
welches im Geheimen Regierungsrat Dr. Montag seinen Vertreter geschickt hat, 
für das lebhafte Interesse zu danken, welches es dem Hilfsschulwesen entgegen- 
bringt. Er erbittet sich die Ermächtigung, an den Kultusminister ein Be- 
grüssungstelegramm zu richten und dem Geh. Oberregierungsrat Dr. Brandi- 
Berlin für seine grosse Teilnahme an den Hilfsschulbestrebungen, die er durch 
eine Zuschrift an deu V. Verbandstag erneut bewiesen, ein Danktelegramm zu 
senden. In den übrigen deutschen Staaten steht man unseren Bestrebungen mit 
gleichem Wohlwollen gegenüber mit Ausnahme von Bayern, wo im Abgeordneten- 
haus bekannt gegeben wurde, dass der Unterrichtsminister eine zuwartende 
Stellung einnehmen wolle. Im Ausland nahm besonders England einen raschen 
Aufschwung. Es besitzt gegenwärtig in 31 Städten 152 Hilfsschulen. 1903 ist 
in Manchester ein Verband gegründet worden, der 1905 zum zweiten Male in 
London tagte und von unserem Verbandsvorsitzenden besucht wurde. In mehreren 
Städten Deutschlaud3 haben sich Spezialvereine gebildet, die sich mit der sozialen 
Fürsorge für Zöglinsre der Hilfsschule beschäftigen. Redner schloss seinen 
Rückblick mit einem herzlichen Dank gegen die Stadt Bremen, ihren Senat und 
die Bürgerschaft für die überaus freundliche Aufnahme, welche dem Verbands- 
tag zuteil geworden. Es folgten nun nacheinander die Begrüssungen der einzelnen 
Vertreter. Es sprachen Senator Dr. Oelrichs im Namen des Senats der 
Stadt Bremen, Geheimer Rat Dr. Montag für das Kgl. preussische 
Kultusministerium, Schulrat Dr. Lange-Dresden im Namen des Kgl. 
sächsischen Kultusministeriums, Oberkonsistorialrat Schütz- Stuttgart 
für die evangelische Oberschulbehörde Württembergs, Dr. Eichholz 
im Namen des Englischen Unterrichtsministeriums, Stadtschulrat 
Dr. Gerstenberg für Berlin, Erziehungsinspektor Piper als Vertreter der 
Konferenz für das Idiotenwesen, Lehrer Maas, Vertreter der Bremischen 
Lehrerschaft, und Schulinspektor Köppe, welcher der Versammlung im 
Namen des Ortsausschusses den Willkommengruss der alten Hansastadt 
Bremen überbrachte. 

Der Vorsitzende dankte den Vorrednern und gab seiner Freude darüber 
Ausdruck, dass zu dieser Versammlung auch Jdas Ausland mehr Vertreter als 
sonst entsandt habe, dass auch Frankreich durch eine Dame und einen Herrn 
vertreten sei. Er teilt ferner mit, dass Direktor Dr. med. Scholz- Bremen 
leider durch Krankheit verhindert sei, seinen Vortrag zu halten, er habe aber 
gütigst sein Manuskript zur Verfügung gestellt und sein Assistent, Dr. Neu- 
mark, werde den Vortrag über „Moralische Anästhesie“ zur Verlesung 
bringen. Der Vortrag hatte folgende Hauptigedanken: Unter moralischer Anästhesie 
ist eine angeborene oder in frühester Kindheit erworbene, habituell in Streben 
und Handeln sich kundgebende abnorme Veränderung und Herabminderung 
moralischer Gefühle zu verstehen. Der moralisch Anästlietische kennt die Moral- 


88 





gesetze, aber er fühlt sie richt, und deshalb lässt er sich nicht von ihnen lenken. 
Moralisch anästbetisch sind in gewissem Sinne auch der Idiot und der Ver- 
brecher, kommen aber heute hier nieht in Betracht. Die in Rede stehende Ab- 
normität zeigt verschiedene Typen. 1. Der Typus des unbewussten Motivs 
äussert sich darin, dass dem Täter selbst die von ihm begangene Handlung un- 
erklärlich bleibt und er hinterher nach den Motiven dafür sucht. Solche Hand- 
lungen aus unbewussten Motiven pflegen impulsiv aufzutreten, und zwar tritt 
dann an Stelle des Motivs häufig ein einfacher Sinneseindruck, der den Impuls 
auslöst. 2. Der Typus des Zwangsmässigen besteht darin, dass der Handelnde 
einem organischen Zwange gehorcht, wie das z. B. bei den Reflexhandlungen im 
engeren Sinne, ferner bei den triebartigen, den impulsiven und den perversen 
Handlungen der Fall ist. 3. Der perverse Typus. Perversitäten leiten ihren 
Ursprung stets aus normalen Strebungen her, deren groteske, lächerliche, wider- 
liche, grausame Übertreibungen oder Deplazierungen sie darstellen. Ihre Domäne 
ist das sexuelle Gebiet. Die beiden wichtigsten Typen sind die des gesteigerten 
und des verringerten Strebens. Für beide ist mangelnde Selbsterkenntnis charak- 
teristisch. Der erstere geht stets mit erhöhtern Selbstgefühl, gehobener Stimmung 
und starker Willensbetätigung einher. Das Bezeichnende liegt darin, dass ihre 
Träger egoistischen Motiven folgen und unbekümmert antisoziale Bahnen ein- 
schlagen. Die Persönlichkeiten sind launenhaft und rechthaberisch und halten 
sich für erhaben über ihre Umgebung. Vom Typus des gesteigerten Strebens 
unterscheidet sich der des verringerten Strebens dadurch, dass er weniger durch 
Handeln, als durch Unterlassen fehlt. Seine Signatur ist Schwäche des Ent- 
schlusses und Schwäche des Handelns. Moralische Anästhesie ist eine angeborene 
Abnormität und die Anlage muss daher schon in der Kindheit erkennbar sein. 
Am seltensten wird der Lehrer bei der Diagnose irren, wenn er in Betracht 
zieht, dass das Kind mit seinem kärglichen geistigen Vorstellungsschatz bewusst 
moralisch überhaupt nicht sein kann. Zwei Kindertypen kommen besonders in 
Frage, das boshafte und das indolente Kind. Boshafte Kinder lassen, auch wenn 
sie nieht gerade grausame Handlungen begehen, schon in ihrem sonstigen Ver- 
halten den Typus erkennen. Anhävglichkeit, freundliche Gefühle für Geschwister 
und Gespielen fehlen ihnen. Das indolente Kind zeigt Gefühlsstumpfheit, ist 
teilnahmlos und wird vom eigenen Leide wenig mehr berührt als vom fremden. 
Es ist unempfindlich für Tadel und für Lob, misslaunig, zerstreut, unentschlossen 
und träge. Der moralisch Anästhetische ist mitleidlos. Dieser Punkt allein ist 
hinreichend zur Stellung der Diagnose. Ungeordnete, selbst verbrecherische 
Lebensweise hingegen genügt nicht dazu. Schadenfrohe Kinder sind stets ver- 
dächtig, verdächtiger selbst noch als solche, die grausame Handlungen verüben. 
Andere Kennzeichen, die zur Vorsicht mahnen, sind fehlende Spiellust, Un- 
ordentlichkeit, Zerstörungswut, Lügenhaftigkeit und Jähzorn. Gar nicht selten 
findet man beim Kinde die Lüge auch als Heuchelei, un zwar weniger in 
Worten als im Tun. : Alle diese letzteren Formen haben das Gemeinsame, dass 
sie mit einer ursprünglich guten Natur noch verträglich sind. Es sind äusser- 
liche Schäden, die durch ernste Zucht wieder entfernt werden können. Ferner 


89 


kommen auch bei Kindern schon merkwürdige Perversitäten vor, die, wenn sie 
auch nicht unmoralisch sind, doch für die Zukunft fürchten lassen, Gefühls- 
und Geschmacksverirrungen aller Art. Von Idiotismus unterscheidet sich die 
moralische Anästhesie dadurch, dass die Intelligenzschwäche nicht so deutlich 
in die Augen springt, ferner dadurch, dass die körperlichen Stigmata fehlen, 
hauptsächlich aber dadurch, dass nicht jeder Idiot zugleich moralisch anästhetisch 
ist. Imbezillität ist nicht ohne weiteres als mit Idiotismus identisch anzusehen. 
Beides bedeutet allerdings Schwachsinn. Beim Idioten ist der Schwachsinn 
virtuelles Unvermögen von an sich vorhandenen rudimentären Seelenkräften, 
beim Imbezillen aber liegt ein wirklicher partieller Defekt vor. Auf allen 
anderen Gebieten hat er seine fünf Sinne beisammen. Der moralisch Anästhetische 
ist eigentlich der geborene Verbrecher, die stets zum Bösen aufgelegte Verbrecher- 
natur. Nur in einem Punkte gehen sie auseinander. Der geborene Verbrecher 
ist meist bewusst und beabsichtigt antisozial und betrachtet die Gesellschaft als 
Feindin. Der bloss moralisch Anästhetische aber lebt in und mit der Gesell- 
schaft, vergreift sich wohl an ihr zu egoistischen Zwecken, aber er verspricht 
sich noch etwas von ihr und will mit ihr leben. Auch betritt nicht jeder die 
Bahn des Verbrechens, sondern viele, namentlich der indolente Typus, passen 
sich der Umgebung an. Bei rechtzeitiger Erkennung lässt sich die moralische 
Anästhesie beseitigen, ibre Heilung ist eine der grössten und schönsten Auf- 
gaben der Erziehung. — Der Vortrag warde mit lebhaftem Interesse verfolgt, 
von einer Besprechung aber aus Rücksicht auf die Abwesenheit des Verfassers 
abgesehen. — Nach einer Pause von 20 Minuten nahm Oberamtsrichter Nolte- 
Braunschweig das Wort zu seinem Vortrage: „Die Berücksichtigung der 
Schwachsinnigen im Strafrecht des Deutschen Reiches.“ Der Vortrag 
ist die Fortsetzung des auf dem Verbandstage zu Mainz gehaltenen Referates. 
Redner behandelte besonders aus dem vierten Abschnitt des Strafgesetzbuches 
die Gründe, welche die Strafe mildern oder ausschliessen, wie sie in den 8S 51, 
52, 55, 56, 57 und 58 angegeben sind. Es sind die Strafmündigkeit und die 
mangelnde Einsichtsfihigkeit. Beide fallen unter das Kapitel von der Zu- 
rechnungsfähigkeit, d. h. die Tat wird nur dann zur Schuld, wenn sie ein Aus- 
fluss des freien Willens des Täters ist. Es gibt aber zahlreiche Fälle, in denen 
die Fähigkeit, den Willen zu bestimmen, nicht gänzlich aufgehoben, sondern 
nur gehemmt ist. Solches ist der Fall bei Trübung des Bewusstseins, bei starken 
Affekten, gewissen Störungen der Geistestätigkeit, leichtem Schwaclisinn. Personen, 
bei denen derartiges vorhanden ist, könnte man als vermindert zurechnungsfähige 
bezeichnen, besser freilich würde der Ausdruck zurechnungsfäbige mit verminderter 
Schuld sein. Der Zustand kann sowohl angeboren als auch später z. B. durch 
Krankheit erworben sein. Im Strafgesetz werden diese vermindert zurechnungs- 
fähigen bis jetzt nicht besonders berücksichtigt; geschützt sind sie nur soweit, 
als sie jugendlich oder taubstumm sind. Auch die Berechtigung des Richters, 
mildernde Umstände zu bewilligen, gibt den Schwachsinnigen nicht den erforder- 
lichen Schutz, da diese Berechtigung nur für eine kleine Zahl von Verbrechen 
anwendbar ist. Die Unhaltbarkeit des jetzigen, schon seit dreissig Jahren be- 


90 


stehenden Zustandes ist von verschiedenen Seiten, auch von namhaften Straf- 
rechtslehrern, anerkannt worden, aber es ist unendlich schwer, für die erstrebte 
Verbesserung eine einwandfreie und brauchbare Fassung zu finden. In letzter 
Zeit erstrecken sich die Wünsche mehr dahin, dass man nicht nur eine mildere 
Bestrafung, sondern auch eine besondere Behandlung will. Andrerseits verlangt 
man natürlich auch besseren Schutz des Publikums gegen solche gemeingefähr- 
liche Personen. Die Abkürzung der Strafzeit bedeute aber unter Umständen 
eine erhöhte Gefahr für die Gesellschaft. Redner schloss mit dem Wunsche, 
dass die bezüglich der verminderten Zurechnungsfähigen erforderliche Teilreform 
des Strafrechts schon eintreten möge, bevor die Reform des gesamten Strafrechts 
zur Ausführung kommt. 

Anknüpfend an den Vortrag des Oberamtsrichters Nolte sei hier noch 
darauf hingewiesen, dass sich auf Anregung des Vorstandes des deutschen Hilfs- 
schulverbandes ein „Ausschuss zum Rechtsschutze für die geistig Minderwertigen“ 
gebildet hat. Derselbe hat seinen Sitz in Braunschweig und zählt folgende 
Herren zu seinen Mitgliedern: Kielhorn, Hilfsschulleiter, Vorsitzender, Bock, 
Hilfsschullehrer, Schriftführer, Dr. med. Berkhan, Sanitätsrat, Holland, Staats- 
anwalt, Nolte, Oberamtsrichter und Dr. med. Roth, Stadtphysikus. Der Aus- 
schuss glaubt seine Hauptaufgabe zunächst darin suchen zu müssen, an 
zuständiger Stelle geeignete Vorschläge auf Änderung des $ 51 des Reichsstraf- 
gesetzbuches dahingehend zu machen, dass ausser der völligen Unzurechnungs- 
fähigkeit auch die verminderte Zurechnungsfähigkeit mehr als jetzt Berück- 
sichtigung findet. Da hierbei in erster Linie die Zöglinge der Hilfsschule in 
Betracht kommen, so ist es für eine erspriessliche Wirksamkeit des Ausschusses 
von Wichtigkeit, dass die Lehrpersonen der Hilfsschulen das Vorgehen „des 
Ausschusses zum Rechtsschutze für die geistig Minderwertigen* durch ein ge- 
eignetes, möglichst umfangreiches Material unterstützen und insonderheit ein- 
leuchtend dartun, dass die gegenwärtigen Gesetze nicht ausreichen, den geistig 
Minderwertigen in der Strafrechtspflege gerecht zu werden. Es sei hierbei 
jedoch ausdrücklich hervorgehoben, dass nicht überhaupt alle Fälle, bei welchen 
die Zöglinge der Hilfsschule mit den Gesetzen in Konflikt geraten, heranzuziehen 
sind, sondern nur diejenigen in Betracht kommen, bei welchen die Art der 
Strafe und das Strafmaß in Rücksicht auf die verminderte Zurechnungsfähigkeit 
als falsch erscheinen. Daher werden u. a. noch die Fälle auszuschliessen sein, 
in denen in der höheren Instanz ein — nach unserer Meinung — gerechtes 
Strafmaß festgesetzt wurde. 

Trüper-Jena weist in der dem Vortrage folgenden Debatte darauf hin, 
dass jährlich 50 000 Jugendliche vor dem Strafrichter stehen; wir müssen auf 
Mittel und Wege sinnen, wie wir diese Ziffer herabsetzen können, wie wir dem 
jugendlichen Verbrechertum und der Gesetzesverletzung Unmündiger steuern 
können. Jeder Pädagoge aber weiss, dass Strafe nur etwas Negatives ist, durch 
Strafe bessert man nicht. Es müssen Vorkehrungen getroffen werden, die Freude 
am Guten, das Lustgefühl am Guten zu wecken. Noch wichtiger ist die Vor- 
beugung. Wir mūssen unsere ganze Aufmerksamkeit mehr lenken auf Ver- 


besserung des Ethos als auf Verbesserung des Iutellekts. Dr. Klumker-Frank- 
fart a. M. wünscht für die Hilfsschüler nur die erziehliche Fürsorgebehandlung 
und nicht das Strafrecht. 

Das letzte zur Besprechung stehende Thema: „Über den gegenwärtigen 
Stand der Fürsorge für die aus den Hilfsschulen entlassenen Kinder 
in unterrichtlicher und praktischer Beziehung“ behandelte Hauptlehrer 
Schenk-Breslau. Einleitend beschäftigte sich Redner mit der grossen Zalıl der 
Schwachbefähigten, welche dem Verbrechertum anheim fallen. Bisher handelte 
man zur Beseitigung dieser Elemente nach dem Grundsatze: „Stiehl, du Lump, 
damit wir dich loswerden“. Wir Lehrer sind in erster Linie diejenigen, die 
unsere Schüler in rechte Bahnen weisen können. Unsere Ptiegebefohlenen sind 
willig zur Arbeit, wenn sie nur an den rechten Platz gestellt und gut behandelt 
werden. Um wirksam das Gemütsleben unserer Schüler beeinflussen zu können, 
ist vor allem eine Verlängerung der Schulpflicht auzustreben. Die Volksschule 
verlangt für Ausbildung ihrer Schüler eine achtjährige Schulzeit; an diese 
schliesst sich für die Knaben der Besuch einer obligatorischen Fortbildungs- 
schule mit dreijährigem Kurse an. Das gibt zusammen eine Schuldauer von 
elf Jahren. Welche Zeit steht nun der Hilfsschule zur Verfügung? Wenn die 
Kinder nach zweijährigem, erfolglosem Besuche der Volksschule uns zugewiesen 
werden, so sind es sechs Jahre; vielfach wird auch diese Zahl von Jahren noch 
nicht erreicht. Für normal veranlagte Kinder verlangt man elf Jahre, zur 
Ausbildung von schwachsinnigen Kindern, die bekanntlich alles viel langsamer 
erfassen, gewährt man etwa die Hälfte der Zeit, das kann unmöglich das 
Richtige sein. Ganz natürlich wäre es doch, mindestens die gleiche Zeit zu 
verlangen, die für die Volksschüler vorgeschrieben ist. Was ist für unsere 
Hilfsschüler das beste: Verlängerung der allgemeinen Schulpflicht bis zum 15. 
oder 16. Lebensjahre oder die obligatorische Fortbildungsschule Eine Ver- 
längerung der Schulpflicht bis zum 16. Lebensjahre kann nur durch ein Schul- 
gesetz geregelt werden, das ist aber zurzeit noch aussichtslos. Wir müssen uns 
unter den gegenwärtigen Verhältnissen mit einem neuen Schuljahre begnügen, 
das wir am Anfang gewinnen können. Es ist bei der weiter fortschreitenden 
Klärung der ganzen Sachlage nicht mehr notwendig, die Kinder erst zwei Jahre 
zu beobachten, ob sie für die Hilfsschule geeignet sind oder nicht, es genügt 
ein einjähriger Besuch der Volksschule Dadurch wird die Schulpflicht der 
Hilfsschule auf sieben Jahre erhöht. — Vor allem müssen wir aber sehen, dass 
wir für die Hilfsschüler einen dreijährigen Besuch einer für sie besonders be- 
stimmten Fortbildungsschule durchsetzen können. Dazu ist ein allgemeines 
Schulgesetz nicht nötig, die Pflicht zum Besuch derselben kann durch Ortsstatut 
festgelegt werden. Als Lehrer der Fortbildungsklasse kämen nur die Lehrer 
an der Hilfsschule in Betracht. — Sebr wichtig ist aber auch für uns die 
Fürsorge für die aus der Schule entlassenen Hilfsschulzöglinge. Zu diesem 
Zwecke entstanden in Frankfurt a. M., Berlin, Breslau, Brüssel, Köln, Königs- 
berg und Leipzig Fürsorgevereinee Redner möchte den Fürsorgevereinen eine 
dreifache Aufgabe zuweisen: 1. als allgemeine Aufgabe eine Belehrung des 


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grösseren Publikums z. B. über Infektionskrankheiten, über Gefahren des Alkoholis- 
mus usw., 2 Fürsorge für die in der Hilfsschule noch befindlichen Kinder durch 
Verabreichung von Mahlzeiten, Einrichtung von Milchkuren, Ferienkolonien, Ferien- 
wanderungen, Kinderheilstätten, freie ärztliche Behandlung, Ersatz von Schuh- 
werk, usw., 3. Fürsorge für die entlassenen Kinder durch Beratung der Frage: 
Welches ist der beste Lebensweg für unsere Hilfsschulkinder? Ein Handwerk? Aufs 
Land ? Fabrikarbeit? Unterbrinugung bei geeigneten Lehrmeistern und Dienstherr- 
schaften ? In verschiedenen Städten hat man den entlassenen Schülern Patrone an 
die Seite gestellt. Eine Angelegenheit, die die Fürsorgevereine zum teil mit in 
ihr Programm aufgenommen haben, die aber längst vor Gründung dieser Vereine 
in Angriff genommen worden ist, betrifft die Zahlung von Prämien an solche 
Handwerksmeister, die schwachbefähig!e Kinder in ihrem Handwerk mit gutem 
Erfolge ausgebildet haben. Prämien werden gezahlt von der Königlich Säch- 
sischen Staatsregierung; für solche Prämien ist von der schweizerischen gemein- 
nützigen Gesellschaft der Albert-Fisler-Fond gegründet worden. Redner 
empfiehlt ihre allgemeine Einführung, die Entscheidung und Begutachtung 
muss in den Händen des Vorstands der Fürsorgevereine liegen, die Prämiierungen 
müssen im Lokalblatt bekannt gegeben werden, zum Lobe des betreffenden 
Meisters und zur Nacheiferung für andere. Die Prämienzahlungen muss der 
Staat selbst übernehmen, da er das grösste Interesse daran hat, dass seine 
Mitglieder für ihr späteres Leben gut ausgerüstet werden. — Die neueste Ein- 
richtung für entlassene Hilfsschüler ist die Gründung von besonderen Aus- 
bildungsstätten, in denen die Kinder praktisch für einen Lebensberuf vorbereitet 
werden, in denen sie aber auch fortlaufend einen zweckentsprechenden Schul- 
unterricht erhalten sollen. Ein Mitglied der Vereinigung zur Fürsorge für ehe- 
malige Hilfsschulzöglinge zu Breslau, Fräulein Stefanie Hofmann, hat auf 
ihre Kosten eine Arbeitslehrkolonie für schwachsinnige Kinder ins Leben ge- 
rufen, in der die Zöglinge in Gartenarbeit, Korbmacherei und in der Anfertigung 
von Bambussachen unterrichtet werden. — Im letzten Teil seines Vortrags kam 
Redner noch kurz auf eine weitere Ausgestaltung unseres Arbeitsgebietes zu 
sprechen, als welche zu nennen sind: Offene Arbeitsstätten für Schwachbefähigte, 
Asyle in Zeiten vorübergehender Arbeitslosigkeit, Altersheime usw. — Auch 
dieser Vortrag wurde mit reichem Beifall belohnt. In der Debatte trat zuerst 
Schulrat Schreff-Dortmund dagegen auf, die bis jetzt zweijährige Probezeit 
vor Aufnahme in die Hilfsschule abzukürzen. Grosses Gewicht legt er auf 
Handfertigkeitsunterricht, hier lernt man erkennen, zu welchem Berufe die 
Schüler einigermassen Geschick haben. Der erste Patron für den entlassenen 
Hilfsschulzögling sei der Hilfsschullehrer selbst, er kennt ihn am besten. Auch 
seien die Frauenvereine heranzuziehen. Büttner-Mainz verbreitet sich aus- 
führlich über die in Mainz eingerichteten Fortbildungsschulklassen für Hilfs- 
schüler, welche der allgemeinen Fortbildungsschule angegliedert sind, im Lehr- 
plan sind Rechnen, Deutsch, Heimatskundee Nachdem noch Fräulein Otto- 
Berlin eingehend über den in Berlin bestehenden Fürsorgeverein und seine 
Arbeit berichtete, wird die Debatte geschlossen. — Der Vorsitzende gibt die 


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vollständige Präsensliste, die eine Teilnehmerzahl von 395 (gegen 315 in Mainz) 
aufweisst, bekannt. Als Ort des nächsten Verbandstages wird Charlottenburg 
in Aussicht genominen. Zum Schluss spricht Vorsitzender Dr. Wehrhahn 
allen Teilnehmern den herzlichsten Dank für das Interesse an dem Hilfsschul- 
wesen aus, dankt den Referenten für die geleisteten Arbeiten und schliesst um 
2, Uhr nachmittags die Versammlung. 

Nach der Versammlung vereinigten sich die Teilnehmer am Verbandstage 
zu einer gemeinschaftlichen Festtafel, welche durch die üblichen Toaste be- 
lebt wurde. Nachmittag 4'/, Uhr führten uns ınehrere einheimische Herren 
zu den Sehenswürdigkeiten Bremens, so u. a. in den Dom, Rathaussaal, Bürger- 
park, Freihafen und in das von Professor Schauinsland geleitete städtische 
Museum. Interessenten besichtigten während dieser Zeit die bremische Idioten- 
anstalt Horn unter Führung ihres Vorstehers Meyer. — Der Ortsausschuss 
hatte im Empfangbureau jedem Teilnehmer eine Nadel, die Bremer Schlüssel 
darstellend, überreicht, welcher zur freien Benutzung der Strassenbahnen be- 
rechtigte.e Abends 8 Uhr fand zu Ehren der Gäste in der „Union“ ein von 
Schulvorsteher Hormann geleiteter Kommers statt, bei welchem der Bremer 
Lehrer-Gesangverein die Hauptarbeit leistete. 

Am Donnerstag, den 27. April waren die Kongressmitglieder Gäste 
des Norddeutschen Lloyd. Der Extrazug des Norddeutschen Lloyd brachte 
uns zu bedeutend ermässigtem Preise nach Bremerhaven zur Lloydhalle, dort 
wurde der zur freien Fahrt bereitwilligst gestellte Dampfer „Glückauf“ bestiegen 
und heller Sonnenschein und eine ruhige See liess die Fahrt bis zum Rotesand- 
Leuchtturm zu einer unvergesslichen machen. „Leider“ oder „erfreulicherweise“ 
(man weiss wirklich nicht, wie man im Sinne der „Landratten“ berichten soll) 
verlangte Gott Neptun keine Opfer. Nach der Rückkunft in Bremerhaven 
wurde unter Führung von Offizieren des Lloyd eine eingehende Besichtigung 
des Schnelldampfers „Kaiser Wilhelm II.“ vorgenommen. — 

Abends 8 Uhr versammelten sich die Festteilnehmer im Echosaale des 
altberühmten Ratskellers zu einem Abschiedstrunk. Auf Wiedersehen in 
Charlottenburg 1907! 


Die schriftlichen Arbeiten in der Hilfsschule. 


Von Eduard Schulze, Lehrer an der Hilfsschule in Halle a. S. 
(Fortsetzung). 


1. Die Gehörsvorstellungen. Genaue und deutliche Gehörsvorstellungen 
können nur zu stande kommen durch korrektes Sprechen; darum sollte der 
Lehrer seine eigene Sprache so vollkommen als möglich sprechen, darum sollte 
er überall auf eine gute Aussprache der Schüler grosses Gewicht legen, darum 
sollte er sorgen für die nötige Aufmerksamkeit während des Unterrichts, damit 
Lehrerworte und Worte der Mitschüler von den Zöglingen nicht überhört, sondern 
die Worte des Einzelnen von der ganzen Klasse gewissenhaft reproduziert werden. 
Dies Verlangen ist vom Standpunkte der Rechtschreibung an allen Unterricht 


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zu stellen, da die meisten der vorkommenden Wörter der Gleichschreibung an- 
gehören. Eine gute Aussprache des Deutschen suchen wir in unsern Schulen 
zu erreichen 1. durch phonetische Belehrungen, die wir anknüpfen können an 
eine nach phonetischen Grundsätzen bearbeitete Fibel, an sog. Sprachbilder und 
Lauttafeln, an graphische Veranschaulichungen der Lautbildung (Piper, Rausch, 
Weniger, Lehmensick), 2. durch energische Bekämpfung der Sprachgebrechen 
und Sprechfebler, 3. durch sofortiges lautreines Aussprechenlassen der im Unter- 
richte neu auftretenden Wörter nach Vermittelung der Sachvorstellung und 
4. durch besonderes Üben der schwerauszusprechenden mehrsilbigen Wörter. 
Einem befriedigenden Erfolge stehen neben den schon genannten Sprachgebrechen 
die dialektischen Eigentümlichkeiten entgegen, die in der Sprache einer ganz 
bestimmten Gegend ihren Grund haben. So sind bei unsern Schülern folgende 
im Hallischen Dialekt liegende Fehler fortwährend zu bekämpfen: 1. Die Ab- 
wandlung der Vokale z. B. in klein == kleen, Feuer = Feier, Häuser = Heiser, 
auch — ooch, Arme = Ärme, kommt — kömmt, darf — dürf, auf = uf u. s. w., 
2. die Veränderung einzelner Konsonanten z. B. in wir = mir, runter 
= runger u. s. w, 3. die Verstūümmelungen mancher Wörter z. B. haben 
= ham, alte = olle, liegt — lābht, Werkstatt — Werkscht u. s. w., 4. die 
Veränderung der Wörter durch Hinzufügen von Lauten z. B. Kinn = Kinne, 
Kanal = Karnal u. s. w., 5. die fehlerhafte Aussprache der stimmhaften Ver- 
schlusslaute d, b, g, die stets als stimmlose gesprochen werden. 

2. Die Gesichtsvorstellungen sir.d vor allem für die Wörter mit Anders- 
schreibung von grösster Wichtigkeit, aber auch die mit lauttreuer Schreibung 
befestigen sich dem Gedächtnis sicherer, wenn neben die Gehörsvorstellung auch 
die des Gesichtssinnes tritt. Dabei muss der Lehrer besonders vermeiden, dass 
dem Schüler falsche Wortbilder zu Gesicht kommen (vergl. das über Diktieren 
Gesagte); nur richtig